Zweiter Weltkrieg

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Echte Geschichten aus echten Kriegen … für die kriegsfernen Entscheider der Gegenwart

Echte Geschichten aus echten Kriegen ... für die kriegsfernen Entscheider der Gegenwart

Sonntag, 30.12.2012. Eifel. Es ist Sonntag. Es ist Krieg. Zum Beispiel in Afghanistan. Auch Deutsche Soldaten sind daran beteiligt. Auch sie sterben da. Zu meiner Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten (die der Gauck glaube ich nicht vorgelesen hat, oder? Ich schaue nicht fern … ) habe ich den Kommentar eines Lesers stehen lassen, der sich wünschte, das die Verdienste der Soldaten in Afghanistan gewürdigt werden. Das hat mich etwas irritiert und ich wollte harsch antworten, bis ich das Geburtsjahr des Menschen sah: geboren 1949. Da war eigentlich alles klar: einer jener Menschen mit der „Gnade der späten Geburt“, der überhaupt keine Ahnung davon hat, was „Krieg“ bedeutet – wie die meisten Menschen hier. Krieg, das sind für diese Menschen Bilder: Bilder von Kampfflugzeugen, die über wilde Hügel donnern, Bilder von rasenden Panzerkollonnen, die durch die Steppe fegen, Bilder von fein gekleideten Soldaten, die mit sicherem Körperschutz wachend und kontrollierend so für die Kamera posieren, als wolle man später ein ritterliches Modell germanischer Götter aus ihnen machen. Krieg: das ist für sie der einsame Tigerpanzer im Kampf gegen die Sherman-Horden der Alliierten, Krieg, das ist der einsame Jagdflieger in seiner Focke-Wulf-190, der sich todesmutig den alles vernichtenden Bomberstürme entgegenwirft, Krieg, das ist der Landser mit der Panzerfaust, der die Horden russischer T 34/85 fast ganz allein aufhält. Der Landser erzählt solche Geschichten seit einem halben Jahrhundert.

Menschen, die noch weiter von der Wirklichkeit entfernt sind, haben nur noch Landkarten mit Fähnchen drauf im Sinn, die man lustig hin- und herschieben kann. Ich will an dieser Stelle nicht über den Afghanistan-Einsatz diskutieren. Was würden wir davon halten, wenn afghanische Truppen bei uns einmarschieren, ein paar Straßen, Schulen und Krankenhäuser instand setzen (oh – ich kenne da allein in der Eifel viele Objekte, um die man sich mal dringend kümmern muss) und nebenbei ein paar unserer Landsleute erschießen, die ihnen unethisch vorkommen? Man braucht nicht groß drüber nachzudenken – ganz schnell gäbe es hier Widerstand gegen die Besatzer, der dann wiederum der Beleg dafür ist, das wir Deutschen besetzt werden müssen.

Ich möchte lieber ein wenig über jene Menschen sprechen, die im Krieg immer Opfer sind – IMMER – und dafür NIE für ihren Heldenmut gewürdigt werden: die Kinder.

Mein Vater ist 1930 geboren. Den Krieg hat er in Norddeutschland erlebt – ganz weit hoch im Norden. Da war wenig los. Einmal griff ein Tiefflieger einen Zug an, der Minen geladen hatte, mein Vater stand daneben. Der Flieger traf nicht – aber beschäftigt hat diese Szene meinen Vater bis zu seinem Lebensende: er hat den Krieg verabscheut.

Meine Mutter – geboren 1934 – war da schlechter dran. Meine Großeltern hatten ein Gut an der polnischen Grenze – größer als ein Bauernhof, aber kleiner als ein ritterliches Landgut. Sie kam eines Morgens zu den Nachbarn zu Besuch: alle vier Kinder waren von den polnischen Partisanen mit ihren Zungen an den Tischen festgenagelt worden, die Eltern ebenfalls – sie waren zu freundlich zu Deutschen gewesen. Nur vor dem Hintergrund dieses Erlebnisses kann man verstehen, wie groß ihre Ängste waren, als sie einen ganzen Tag lang mitten im schlangenverseuchten Partisanenwald auf einer Decke verbrachte, um auf zwei Kleinkinder aufzupassen, während die Erwachsenen die Wälder nach Beeren absuchten.

Meine Mutter erzählt nicht gerne über den Krieg, ihr Gesicht versteinert, wenn sie darüber spricht. Am Meisten haben ihr die Jagdbomberangriffe zugesetzt. Nach der Flucht aus dem Osten hatten sie im Ruhrgebiet Zuflucht gefunden und den Bombenterror erlebt, erlebt, wie sich nach und nach die Schulklassen leerten, weil die Kinder in Einzelteilen zerfetzt über die Ruinen verteilt waren. Schlimmer als den Bombenterror fand sie aber die Tiefflieger, die auf alles schossen, was sich bewegte – auch auf Kinder. Auch auf sie. Mehrfach ist sie nur durch Glück entkommen. Sie weiß aber auch, wie glücklich sie war, als die Amerikaner kamen. Die gaben Kindern Schokolade … das waren noch jene Soldaten, die noch nicht gezielt zu völlig durchgeknallten Leichenschändern, Folterern und Körperteilsammlern umerzogen worden waren, die heute das Bild der US-Armee prägen. Der Einmarsch der US-Armee bedeutete: Schluss mit dem Bund Deutscher Mädels und jeglichem NS-Terror im Alltag.

Ich respektiere die Meinung meiner Mutter, das sie die Kriegsgräuel vergessen und verdrängen möchte. Es hilft wenig, wenn man beständig darin herumwühlt. Deshalb bin ich froh, eine weitere, ausführliche Darstellung von Kriegserlebnissen präsentieren zu können. Sie war für mich persönlich gedacht, eine Leserin hat sie mir geschickt – und ich wusste sofort: das muss irgendwie an die Öffentlichkeit. Offiziere und Historiker waren da ebenso meiner Meinung. Und da die Person heute Geburtstag hat, dachte ich mir: eine ideale Gelegenheit. Hier ist sie also, eine weitere Geschichte von dem, was Krieg wirklich ist:

Ich wurde am 30. Dezember 1938 in Hamburg geboren, also 8 Monate vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Der Krieg und die Situation in Hamburg brachten mir die ersten bewussten Erlebnisse meiner Kindheit.

Meiner nachtblinden Mutter musste ich ab dem 3. Lebensjahr den Weg zum nächsten Luftschutzkeller oder Bunker zeigen, in dem wir mit unseren Nachbarn gemeinsam den Sirenenton „Entwarnung“ abwarteten. Gemeinsam mit unseren Nachbarn erlebten wir den weiteren Schrecken, wenn wir feststellten, wer ausgebombt war, gemeinsam wurden Notquartiere bei denen, die verschont geblieben waren, eingerichtet. Das Wort „Gemeinsamkeit“ wurde für uns alle wichtig.

Dann wurden die Leichen, die teilweise stark verkohlt waren durch die Phosphorbomben der Engländer, identifiziert. Unsere Bäckersfrau wurde beispielsweise an den angeschmolzenen Ohrringen erkannt. Der englische Rundfunk wurde von den meisten unter Bergen von Kissen gehört, weil er genau voraussagte, wann die nächste Bomberflotte angreifen würde. Da es verboten war „Feindfunk“ anzuhören, standen zu jener Zeit die „Volksempfänger“ unter Decken und Kissen, denn die nationalsozialistischen Blockwarte verrieten jeden, der nicht die Verbote beachtete.

Das waren Menschen, die ihren Patriotismus auf eigenartige Weise auslebten. Allerdings waren die meisten von denen auch Organisationstalente, die die Wege zu den Bunkern und Kellern wiesen, sich um die Bergung der Verletzten und Toten kümmerten und Ausbrüche von Panik verhinderten und die Feuerlöscharbeiten koordinierten. Da sie wussten, wie viele Leute die Keller aufgesucht hatten, konnten sie danach auch sehr genau sagen, wie viele Verschüttete geborgen werden mussten.

Es gab vor etlichen Jahren einen Bericht von Wolf Biermann, dessen Beschreibung der schlimmsten Bombennacht Hamburgs 1943 haargenau auf meine Kindheitserinnerungen passte. Die durch die Hitze entfachten Feuerstürme tobten noch, als wir die Bunker verließen. Der Geruch von Phosphor quält mich noch heute – fast 70 Jahre später – in vielen meiner Träume.

 

http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,258522-2,00.html

 

Unser Haus stand noch, als wir Ende August 1943 Hamburg verließen. Wir planten unseren Umzug zu meinen Großeltern nach Schneidemühl in Westpreußen. Dorthin kamen keine Flugzeuge der Engländer.

Meine Großmutter war eine kleine energische Person, die allerlei Kräuter und viel Gemüse im eigenen Garten anbaute, Marmeladen kochte, Bonbons herstellte, Seifen kochte. Die Weckgläser im Keller waren immer gut gefüllt.

Schneidemühl war ein riesiger Bahnverkehrsknotenpunkt. Mein Großvater war Lokomotivschlosser bei der Reichsbahn. Nach etlichen Jahren als Lokführer wurde er in den Innendienst versetzt, um dort seinen erlernten Beruf wieder auszuführen. Er arbeitete zusammen mit vielen russischen, halb verhungerten Zwangsarbeitern, um die notwendigen Reparaturen an den Lokomotiven auszuführen.

Ich erlebte mit, wie bei meinen Großeltern ein Mann einquartiert wurde, der eigentlich ganz nett war. Er brachte mir Kunststoffkistchen mit, in denen ich meine kleinen Schätze aufbewahren konnte. Eines Tages riet er meiner Großmutter, doch nicht immer so viel Butterbrote und Obst mitzugeben, weil mein Großvater das überwiegend an die Fremdarbeiter verteilte. Oma war ein Dickkopf, die meinen Großvater gegen den Willen ihrer Familie geheiratet hatte. Der Clan bestand aus vielen kaiserlichen Räten, ihre Heirat wurde als Mesalliance betrachtet. Und so antwortete sie dem Agenten, dass Opa so viele Brote mitbekam, wie er wünschte. Er sei schließlich der Mann, der das Geld heimbrachte. Außerdem hätten sie viele Kaninchen gezüchtet, so dass niemand Hunger litte. Und sie habe genug Vorräte gesammelt.

Eines Tages sehe ich meine Mutter und meine Großmutter am Fenster stehen (wir wohnten auf der dritten Etage) und höre sie rufen: Otto, komm rauf, Otto sag‘ nichts! Im Hauseingang hörte ich meinen Großvater brüllen: „Wenn ich wüsste, dass einer meiner Söhne an solchen Taten beteiligt wären, wollte ich, sie wären tot!“ Er meinte damit meinen Vater und meine beiden Onkel, die alle als Soldaten an der Front standen. Was hatte der fremde Informant meinem Großvater gesagt? Er hatte ihm die Situation des Judenaufstandes im Warschauer Ghetto und dessen blutige Niederschlagung erzählt. Siehe den Bericht

http://www.kerber-net.de/literatur/deutsch/reflexio/klemperer_lti/Ghetto_Aufstand_ard_txt.pdf

Ein Nachbar im Parterre hatte diesen Ausbruch verfolgt, mein Großvater wurde von der Gestapo zum Verhör abgeholt. Zusammen mit der Verpflegung für die Russen war das wohl zu viel Kritik am System. Ich habe meinen Großvater sehr vermisst und nicht mehr wiedergesehen. Er starb in 1948 in Schneidemühl. Nach der Befreiung durch die Russen und Polen wollte er mit Deutschland nichts mehr zu tun haben.

[Als mein Vater nach der Flucht im März 1954 in Berlin auf Flüchtlingsanerkennung wartete, traf er seine alte Sandkastenfreundin, die Tochter des Nachbarn zufällig auf der Straße in Berlin. Nach der ersten Wiedersehensfreude bat sie meinen Vater, ihrem Vater nichts zuleide zu tun. Der sei sehr schwer krank und wisse, dass er Unrecht getan habe. Dies war uns Bestätigung genug, dass es Herr Kleist gewesen war, der meinen Opa verraten hatte. Natürlich hat mein Vater nichts unternommen, aber von ihm weiß ich um die Ergänzung dessen, was ich damals in Schneidemühl im Spätherbst 1943 erlebt hatte.]

Fortan lebten wir ohne meinen Großvater, aber meine Großmutter pflanzte weiterhin Kräuter, nahm mich nachts mit in die großen Wälder Schneidemühls, um Heilkräuter und -wurzeln zu sammeln. Wir sangen Volkslieder und bewunderten den Mond. Dies waren schöne Kindheitserinnerungen.

Am 6. Januar 1945 wurden wir in einem Flüchtlingstreck gen Westen zusammengestellt. Ich hatte gerade meinen 6. Geburtstag gefeiert. Oma entschied sich, zwei Weidenkörbe mit etwa 20 Paar Schuhen zu packen, die Kleider, Jacken und Mäntel trug sie übereinander. Als Nachbarn sie fragten, ob sie nicht noch rasch die Weckgläser und Marmeladenvorräte, das Sauerkraut in Steinkrügen usw. zerschlagen wolle, bevor sie in Feindeshände fielen, meinte sie: Das werde ich nicht tun. Auch Feinde haben Hunger. Und vielleicht finden meine Söhne irgendwo auch noch etwas, was sie vor dem Hunger bewahrt. Ja, so war meine Oma. Ich liebte sie sehr und bin heute mehr als je zuvor stolz auf sie.

Der Winter 1944/1945 war einer der eisigsten des letzten Jahrhunderts. Die alten Männer im Treck schlugen abends Tannenzweige, um Hütten zu bauen, damit Frauen und Kinder vor Eis und Schnee Schutz fanden, schlugen vereiste Bäche auf, um Trinkwasser zu gewinnen. Im Januar und Februar 1945 wurde der Treck noch halbwegs von den älteren deutschen Männern versorgt. Streckenweise konnten wir in Viehwagen transportiert werden, jedoch kamen jetzt Fliegerangriffe aus dem Osten, die die Bahnlinien bombardierten. Die Front kam näher und der Kanonendonner wollte nicht enden. Die Stalinorgel, ein Raketenwerfer, bestehend aus vielen Einzelraketen, zermürbte die Gemüter.

Meine Großmutter, das Kräuterweiblein, konnte mit ihrem Wissen vielen Menschen auf der Flucht helfen. Erfrorene oder wundgelaufene Füße, Magenprobleme, Durchfälle, Fieberausbrüche, Flohstiche und Wanzenbisse, Arthrosen: Sie schien gegen alles ein Kräutlein zu kennen. Wir ernährten uns von Melde, Brennnesseln, Wurzeln.

Hier ein Bericht aus jenen Tagen, als die Fronten ständig wechselten:

http://alfreddezayas.com/Chapbooks/Flucht_de.shtml

Unsere Flucht endete zunächst in Steinwehr, einem Dorf bei Königsberg/Neumark. Die Bauerfamilie Bussian mit dem alten Großvater und zwei Söhnen der jungen Generation nahmen uns auf und teilten ihre Vorräte mit etwa 15 Leuten aus dem Flüchtlingstreck. Der Duft von geräuchertem Speck, Bratkartoffeln mit Rührei war himmlisch.

Die Front war jetzt eindeutig klar, die Russen waren angekommen. Als die Bäuerin an einem Frühlingsmorgen die Klappläden öffnete, schloss sie sie sofort wieder, holte ein weißes Betttuch und hängte es aus dem Fenster, als die Laden erneut geöffnet waren. Eine russische Kanone war direkt auf das Fenster gerichtet.

Etwa eine Stunde später kamen zwei russische Offiziere ins Haus, die hervorragend deutsch sprachen. Sie erklärten uns, die wir rund um den Kachelofen auf der Ofenbank saßen, dass der Krieg vorbei sei. Es werde noch einige Schwierigkeiten geben, aber dann sollten wir rasch auf die Kommandantur kommen und Hilfe holen. Die Anwesenden waren erleichtert: „Das sind ja Menschen“, meinten sie, denn das war nach all der Propaganda nicht erwartet worden. Später las ich bei Lew Kopelew (auch er war einer dieser Politoffiziere die die Menschen beruhigen sollten), wie er sich für das schämte, was danach allgemein geschah: Die Horden wurden von Stalin losgelassen.

Wir erlebten es dann so:

Lastwagen voller schlitzäugiger russischer Soldaten wurden herangekarrt. Sie liefen in die Häuser, holten sich die jungen Mädchen und Frauen heraus und vergewaltigten sie. Um unsere Mütter zu schützen, verbargen wir sie in den Kartoffelmieten unter den Fallböden der Scheune und schaufelten dann Stroh darauf. Dann warteten wir Kinder ab, dass der wilde Haufen weiterzöge. Einmal hatten wir die Mütter zu spät warnen können. Wir häuften Stroh auf und waren nicht sicher, ob die Frauen noch den Weg in die Fallgrube geschafft hatten. Als die Russen mit aufgepflanztem Bajonett in die Strohhaufen stachen, drehten wir uns um und liefen davon. Kein Schrei war hörbar, unsere Mütter hatten es noch einmal geschafft.

Der Begriff Tataren verband sich bei mir immer mit dem Anblick von Schlitzaugen, die bewusst von Stalin für solche Taten eingesetzt wurden, weil ihr in Deutschland ungewohnter Anblick Terror verbreitete.

Der alte Bauer Bussian war zusammen mit anderen alten Männern auf den Dorfanger verbracht worden. Wir hörten die Gewehrsalven und danach wurden die Söhne der Familien aufgefordert, die Leichname zu begraben.

Das Bauernhaus wurde beschlagnahmt für Offiziere. Wir mussten sofort hinaus, die Anwesenden wurden ihrer letzten Habseligkeiten beraubt, ein paar Kettchen, Pässe, Sparbücher, Kleidung wurden fortgenommen. Omas Schuhe waren schon vorher weggenommen worden. Eine alte Frau, die noch einmal in das Haus zurück ging, wurde erschossen. Die Leiche wurde von dem Erker aus auf die Straße geworfen. Das Aufklatschen des Leichnams werde ich nie vergessen.

So ist also der Krieg, wenn er vorüber ist, dachte ich bei mir. Aber es kam noch schlimmer. Unserem Treck schlossen sich jetzt auch die Einwohner des Bauerndorfes an. Wir wurden nach Wildenbruch, der Nachbargemeinde abgeschoben, wo wir im Herrenhaus zusammengepfercht wurden. Die Nahrungsmittel waren jetzt nicht mehr vorhanden. Wovon wir lebten? Keine Ahnung. Immerhin gab es vorerst Milch von den noch verbliebenen Kühen, die von den bäuerlichen Familien betreut wurden. Aber das Milchvieh war auch nicht mehr lange da.

Meine Mutter und ein jüngerer Sohn der Bussians, der nach einer Kinderlähmung verkrüppelt war, wurden zum Viehtreiben eingesetzt. Den siegreichen Russen wurde die Frischfleischbeute in Form von Kühen, Schweinen, Schafen nachgeschickt. Und meine Mama war eine der Viehtreiberinnen. Am 8. Mai 1945 war der Krieg offiziell vorbei. Meine Mutter war in Berlin, sah dort die Siegesfeiern der Alliierten und kehrte im Juni zu uns nach Wildenbruch zurück. Sie war eine seelisch zerbrochene Frau.

Unsere Flucht setzten wir von dort, also ziemlich verspätet, erneut fort. Wieder zumeist in Viehwagen. Bei einem Stopp auf freiem Feld, sprang ich aus dem Wagen und klaute unter den Augen der bewachenden Russen ein paar Kartoffeln. Meine Großmutter und Mutter waren gelähmt vor Angst, aber die Russen taten mir nichts. Oma verwendete die Kartoffeln, um für ein paar Leute Umschläge herzustellen. In unserem Waggon hatte man sich provisorische Kochstellen eingerichtet, die mit Zweigen und Laub beheizt wurden. Das war also wieder nichts mit ein paar Pellkartoffeln zum Abendessen!

Ich erinnere mich an den ausgebombten Bahnhof in Stettin. Irgendwo in der Nähe ging es über die Oder. Der Fluss war reißend und führte Hochwasser. Auf provisorischen Flößen wurden wir auf die westliche Oderseite übergesetzt. Und dort hörte ich eine Nachricht, die ich für eine große Lüge hielt: Es wären vor einigen Tagen zwei schlimme Bomben in Japan gefallen, die Millionen von Menschen getötet hätten. Da ich aus meinen Hamburger Erlebnissen wusste, dass es größerer Mengen an Bomben bedurfte, um Tausende von Menschen zu töten, empfand ich das, was ich da hörte, als Lüge. Damit dürfte diese Floßfahrt über die Oder zeitlich Mitte August 1945 stattgefunden haben.

Kurz vor Berlin trennten sich die Wege meiner Mutter und Großmutter. Sie wollte direkt weiter nach Westen, um von dort nach Cuxhaven zu kommen. Meine Mutter hatte zuvor gehört, dass die Amerikaner in Schwerin stünden. Dass die sich bereits längst nach Westen zurückgezogen hatten, wusste sie nicht.

In Schwerin angekommen, wurden wir in ein Sammelquartier im ehemaligen Hagel-Versicherungsgebäude (Wismarsche/Ecke Arsenalstraße) mit etwa hundert anderen Flüchtlingen zusammengepfercht. Es gab einen Wasserhahn, eine Toilette und ein Krankenzimmer im ersten Stock, in das man meine Mutter mit Typhus-Verdacht verlegte. Eine Krankenschwester namens Johanna Prepenz betreute die Kranken auf der Isolierstation, Frau Dunst und meine Mutter. Sie kümmerte sich um die Entlausung der Flüchtlinge, denn Haar- und Kleiderläuse waren unvermeidbar. Und sie kümmerte sich um mich. Mittags holte ich die Krankenkost für meine Mutter in der Krankenküche Schwerins ab. Den größten Anteil gab Schwester Johanna mir, weil meine Mama nicht mehr essen wollte. Nahrung, die einmal auf der Isolierstation war, wurde als kontaminiert entsorgt.

Wenn ich trotz aller Verbote meine Mutter besuchte, erhielt ich danach schon mal eine Tracht Prügel von den anderen Flüchtlingen, die Angst vor Ansteckung hatten. Und dann traf ich ein Mädchen, als ich vor dem Versicherungsgebäude auf den Stufen umher hüpfte. Sie fragte mich, wo meine Mutter sei und erzählte mir von ihren Puppen. Ich könne doch mit ihr gehen, sie wohne gerade um die Ecke in der Lübecker Straße. Natürlich wollte ich endlich mal wieder mit einer Puppe spielen, also ging ich mit. Es war nicht weit. Sie erzählte mir, dass ihre Großeltern im Keller wohnten, wo auch ihre Puppen seien. Ich müsse keine Angst haben, es sei halt dunkel dort.

Das Haus war ein Bau aus der Jahrhundertwende. Von der Straße aus ging man zur Rückfront des Flures und links davon öffnete das Mädchen eine Tür. Im Keller war es nachtschwarz. Ich stieß das Kind zurück und flüchtete. Als ich an der Treppe am Eingang vorbei lief, kam eine Frau von ca. 30 Jahren die Stufen herunter mit einer Axt in der Hand.

(Einige Jahre später hörte ich, dass man etliche Frauen und Männer in der Lübecker Straße verhaftet habe, die 1945 Kinder ermordet hatten. Das Fleisch dieser Kinder habe man eingekocht und als Kalbfleisch verkauft. Die Hungersnot war zu der Zeit riesengroß. Dies erzählte uns eine alte Schwerinerin.]

Ich war sehr verstört, auch weil ich dem Befehl meiner Mutter nicht gehorcht hatte, niemals mit Fremden mitzugehen. Als ich zur Hagelversicherung zurückkam, stand der Seuchenwagen vor der Tür. Bei dessen Anblick brach ich schreiend zusammen und warf mich in die Gosse. Eine Gestalt im Dunkel des Wagens richtete sich auf: „Kind, ich bin´s. Deine Mama ist noch oben, sie bleibt hier“. Frau Dunst starb einige Tage später im Seuchenkrankenhaus am Lewenberg. Ich rannte hoch zu meiner Mutter, und natürlich erwischte man mich, als ich ihr Krankenzimmer verließ. Meine Prügel von den anderen bezog ich erwartungsgemäß.

Mama war zum Skelett abgemagert. Dennoch ging sie mit ein paar ungebrannten Kaffeebohnen auf Hamsterfahrt nach Muess zu den Bauern, um etwas Nahrung zu besorgen. Die Krankenkost gab es ja nicht mehr. Die Straßenbahn fuhr bis Zippendorf. Den Rucksack hatte sie sich vor die Brust geschnallt, weil sie im Rücken zu schwach geworden war. Sie hatte etwas Brot, einige Getreidekörner, etwas Butter und Speck zurückgebracht von dieser Hamsterfahrt.

Es ist schade, das die Kunst der Kräuterfrauen in unserem Technik-Mittelalter ebenso ausgerottet wurde wie zu Zeiten der Hexenverbrennungen – wir könnten sie gut gebrauchen.

Persönliche Daten habe ich auf Wunsch gelöscht, die Namen von Helden des Alltages habe ich beibehalten, um ihr Andenken zu würdigen – was sonst wahrscheinlich noch nicht geschehen ist.

Gemeinschaft, Gemeinsamkeit, gegenseitige Hilfsbereitschaft – auch meine Mutter erzählt mir davon … und ist heute noch begeistert darüber, wie die Menschen damals waren, als die nationalsozialistische Kultur zusammenbrach. Heute muss ich ihr sagen, das diese Kultur wieder wächst – man schaue doch nur mal die Kommentare hier an, wenn ich die Lebensgeschichten von Arbeitslosen erzähle: da kommen die neuen Blockwarte sofort – und merken wahrscheinlich gar nicht, was sie da gerade tun.

Was mich an dieser Geschichte aber besonders ansprach, das sie den Krieg aus der Perspektive eines Kindes betrachtete – eines Kindes mit einer wunderbaren Großmutter. So erleben alle Kinder den Krieg – auch die Kinder aus Afghanistan, aus Syrien, aus dem Irak, aus Lybien und den anderen „Feindländern“ der Nato.

Als Zivilgesellschaft waren wir schon mal so weit, das wir das erkannt hatten. Die UNO sollte uns helfen, den Krieg selbst zu bekämpfen – jetzt ist sie ein Instrument geworden, das den Krieg gesellschaftsfähig macht – wieder einmal.

Und wieder einmal leiden Kinder darunter. Millionen Kinder – an die niemand dabei denkt, wenn er seine Fähnchen auf den Karten hin- und herschiebt. Sie sind „Kollateralschäden“ geworden, werden als solche verbrannt, verstümmelt, zerfetzt, zermalmt und in ihre Einzelteile zerlegt.

Eine Kultur, die so etwas pflegt, muss zwangsläufig den Atheismus predigen, den Antitheismus leben, sie muss den ganzen Tag inbrünstig beten, das es KEINEN Gott gibt und alles wirklich mit dem Tode zu Ende ist.

Es mag aber sein, das diese Gebete nicht wirken … dann Gnade Gott jenen, die Kinder bei lebendigem Leibe verbrannt haben – ich denke nur, er wird es nicht tun.

Nicht bei denen.

Die finden – wie andere Kindermörder auch – noch nicht mal Gnade im Knast für Schwerverbrecher … wo man heutzutage noch mehr Ethik findet als in den Generalstäben der Nato.

Ich denke, man sollte Geschichten wie diese jedem „Entscheider“ in Politik, Regierung und Generalstab zu lesen geben und sie offen fragen: sind Sie bereit, Kindern das anzutun?

Aber wahrscheinlich ist es dafür schon zu spät, die Weltfremdheit zu groß – und man bekommt als Antwort nur:

Unerträglichstes Sozialgewinsel.

Und diese Antwort hatte ich schon mal hier erhalten.

 

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