Zombies

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Die „Neger“ von heute – und ihre Götter

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Donnerstag, 17.12.2015. Eifel. Ja – ich habe „Neger“ gesagt. Genau: das haben Sie richtig bemerkt. Eins der bösen, verbotenen, ausgerotteten Wörter. Früher gab´s die mal als revolutionäre Küsse: Negerküsse. Heute sind die verboten. Stellen Sie sich das mal vor, wie emanzipatorisch das damals war: viele Weiße wurden von Negern geküsst – undenkbar in den Südstaaten der USA. Heute ist das verboten. Bevor Sie sich jetzt aufregen: das Wort „Neger“ habe ich nur zitiert: bitte erschlagen Sie also nicht den Autor dieser Zeilen dafür, sondern den, der das Wort ohne Sondergenehmigung gebracht hat (siehe Süddeutsche):

„Der Neger von heute ist nicht mehr nur ein Mensch mit afrikanischen Wurzeln, dessen äußere Erscheinung durch die glühende Sonne, die Farbe seiner Haut geprägt ist. Der Neger von heute ist eine subalterne Kategorie der Menschheit, ein überflüssiger, fast im Übermaß vorhandener Teil, der für das Kapital kaum einen Nutzen darstellt und einem Randgruppendasein und dem Ausschluss aus der Gesellschaft geweiht ist.“

Der Mann, der diese Zeilen schrieb, ist selber Schwarzafrikaner – aber kein Neger. Ich bin ein Neger, stelle für das Kapital keinerlei Nutzen mehr da, führe ein Randgruppendasein und bin dem Ausschluß aus der Gesellschaft geweiht – er nicht. Er hat einen Preis bekommen für die „Kritik der schwarzen Vernunft“, ein kapitalismuskritisches Werk.

Früher – da habe ich häufiger Neger gesagt, das geht heute nicht mehr, man hat mir dieses Wort gestohlen. Ich fand es nicht schlimm: in Mexiko nennt man mich einen „Blanco“ und den Herrn aus Kamerun einen „Negro“: es ist erstmal nur der optische Eindruck der Lichtreflektion unserer Haut – kein Bekenntnis zum Ku Klux Klan … die noch ganz andere, abfällige, diskreditierende Wörter im Arsenal haben, die ich nie gebrauchen würde.

Hören wie dem Preisträger noch ein wenig zu:

„Derzeit entsteht eine neue conditio humana, eine neue Form der Menschseins. Die Menschheit beginnt, die große Unterteilung in Mensch, Tier und Maschine, die die Moderne und den Humanismus noch so stark geprägt hat, hinter sich zu lassen. Gestern noch machte Rassismus soziale Unterschiede salonfähig und sorgte dafür, dass unerwünschte Personengruppen in einen Rahmen gezwängt wurden, aus dem sie von Rechts wegen oder gar durch Anwendung von Gewalt nicht zu entkommen vermochten. Heute aber entstehen neue Formen von Rassismus, die ohne den Rückgriff auf biologische Gegebenheiten Legitimierung finden.“

Feine Gedanken. Gleich im Anschluss aber macht er eine Kehrtwende, der wir uns erstmal nicht anschließen müssen: Asylkritik ist dann hier das Höchstmaß an neuem Rassismus. Dem kann man kaum folgen: man kann nicht einerseits sagen, dass der neue Rassismus „ohne Rückgriff auf biologische Gegebenheiten“ stattfindet, dann aber diesen Rückgriff indirekt machen. Es kommen keine Blancos nach Europa. Das wäre schöner – man könnte dann den deutschen Negern nicht mehr vorwerfen, sie wären bösartige Rassisten, die täglich Auschwitz neu errichten wollen.

Sowieso so ein Wahn, dem man nur mit mangelhafter historischer Bildung folgen kann: in Konzentrationslagern vernichteten Deutsche Deutsche. Arbeitlose, Roma und Sinti, Kommunisten, Sozialdemokraten, unerwünschte Personen, dessen Häuser, Frauen und Grundstücke das begehrliche Auge des Gauleiters auf sich gezogen hatten. Es ist eine schreckliche Verkürzung, die Vernichtungsorgie der NS-Zeit (die nebenbei auch Millionen von Slawen erfasste und heute in der Diskreditierung des „Russen“ in Film und Fernsehen neu auflebt) nur auf Juden zu beziehen: das war ein Sonderwahn der nationalsozialistischen Religion, die wir bis heute trotz reichlich vorhandener religiöser Symbolik kaum als solche verstanden haben … und deshalb auch nicht effektiv bekämpfen können. Verkürzen wir die Vernichtung auf „Juden“, verniedlichen wir den Nationalsozialismus zur kleinen, sektiererischen Spinnerei, die sich niemals wiederholen kann. „Unwertes Leben“ war der zentrale Vernichtungsgrund – wer als „unwert“ definiert wurde (das betraf auch alle Juden – aber nicht nur), wurde mit einem höchstmöglichen Grad an betriebswirtschaftlicher Effizienz ausgerottet und vernichtet: das gleiche Denken vernichtete die letzten Jahre Millionen von Arbeitsplätzen und schuf Hand in Hand mit dem Jugendwahn neue „Unberührbare“ – altindisches Kastendenken erlebt derzeit eine Wiedergeburt. Sie wissen, welchen Schluß ich daraus ziehen werde – betriebswirtschaftliches Denken fordert letztlich immer die Ausrottung der Kosten auf zwei Beinen: das ist der Holocaust der kommen wird, wenn sich das Denken nicht ändert.

Die Gedanken des „unwerten Lebens“ gibt es schon länger, seit Jahrtausenden. Betriebswirtschaftlich macht er viel Sinn: wo „unwertes Leben“ definiert werden kann, gibt es Sklaven zu ernten. Geschlagen mit einem Gott, der Nächstenliebe fordert, brauchte der westliche Mensch eine Ausrede, seine Selbstbereicherung durch die Arbeit der anderen fortführen zu dürfen: schön also, wenn sie niederer waren, schlechter, weniger menschlich – gar aus „bildungsfernen Schichten“ stammend … so konnte man sie gut mit zwei Scheiben Brot und einem alten Hafersack als Nachtlager ganztägig auf die Felder stellen. Als es noch keine Maschinen gab, musste man Menschen zu Maschinen degradieren.

Seitdem die Büttel der Reichen die Maschinen erfunden haben, ändert sich da was: wieder bauen sich Kapital und ihre mammondienenden Büttel in der Politik ihre Neger, ihre eigene, selbst geschaffene Kaste der Unberührbaren: die „Hartzer“: für den deutschen Mittelstandsbürger eine ebenso abartige Existenzform wie der „Jude“ oder der „Geisteskranke“ für den Nationalsozialismus; Menschen die – historische Bildung vorausgesetzt – in Angst und Schrecken leben müssen: ändert sich auch nur ein wenig der politische Wind, sind neue Lager für unnützes Menschenmaterial möglich (politisch gefordert wurden sie schon) – Stimmung dafür gibt es schon genug. In Wirklichkeit hat unsere Wirtschaft kein Konzept für sie – außer „Druck“, Verachtung, Hohn und Spott … die Vorläufer der Vernichtung. Es würde mich nicht wundern, wenn gerade diese Kreise sehr empfindlich auf die Flüchtlingskrise reagieren: aus ihrer Sicht kommen da sehr reiche Menschen ins Land – junge, gesunde Menschen mit einem hohen Ausbeutungspotential, Menschen, die von der „Wirtschaft“ und der ihr dienenden Politik hochgelobt  und hochwillkommen geheißen werden. Dort, wo man täglich den Stiefel von Staat und Gesellschaft im Genick hat, weiß man, dass diese Entwicklung den Druck des Stiefels noch erhöhen wird.

Sicher – hochwillkommen sind Töne der deutschen Bundeskanzlerin wie die in der Bundespressekonferenz (siehe unzensiert.at):

„Wir wenden uns gegen die, die zu Demonstrationen mit ihren Hassgesängen aufrufen – es gibt keine Toleranz gegenüber denen, die die Würde anderer Menschen in Frage stellen“, so äußert sich Merkel ganz am Anfang der Konferenz und fordert die Deutschen ganz explizit dazu auf, „solche Demonstrationen“ nicht zu besuchen, denn bei den Veranstaltern gebe es „zu oft Vorurteile, zu oft Kälte, ja sogar Hass.“ 

Wie schön wäre dass, wenn diese Worte auch für die Kaste der Unberührbaren – die Neger – gelten würde. Kälte – erfahren sie jederzeit von der geballten Allianz aus Millionärspresse, Millionärspolitikern und der Milliardärswirtschaft, Hass erfahren sie im Alltag an vielen Fronten – Schule, Geschäft, Kindergarten, Verein, Nachbarschaft – und Vorurteile sind ihre ständigen Begleiter (man denken nur an die Visualisierung des Arbeitslosen in den Medien: mit Bier und Zigarette im fleckigen Unterhemd vor der Glotze – die Illustrierung unwerten Lebens in Reinkultur). Man stelle sich nur vor, die Wohlsituierten würden in einem Aufstand der Anständigen die Schlangen vor Tafeln und Jobcentern mit Teddybären und lustigen Aufführungen beglücken – ich denke: schnell wird man merken, wie undenkbar solche Forderungen wären und welch´ ein Gefühl des Ekels die Funktionselite der Superreichen dabei empfinden würde.

Wie soll man die Botschaft der Deutschen an ihre Neger verstehen, jene Neger, die man bewusst in die Armut treibt (siehe Süddeutsche), die beständig am Rande der Obdachlosigkeit leben (siehe Neues Deutschland) und auch von politischer Seite keine Hilfe mehr zu erwarten haben (siehe scharflinks)? „Verreckt möglichst preiswert“ – so könnte man das zusammenfassen. KZ-Opfer kennen diesen Wunsch – er wurde auch an sie herangetragen. Der Feldzug gegen die Neger erreicht Jahr für Jahr neue Dimensionen – ohne dass eine Kanzlerin dagegen auf die Barrikaden geht (siehe t-online):

„Die Ausgaben der gesetzlichen Krankenkassen für das Krankengeld sind in den vergangenen zehn Jahren kontinuierlich gestiegen. Der Sachverständigenrat für das Gesundheitswesen will daher die Regelungen zum Krankengeld reformieren. Damit soll möglich werden, dass Arbeitnehmer nur zu 25 oder 50 Prozent krank geschrieben werden.“

Ich hoffe, Sie verstehen, was da auf Sie zukommt? Es ist der gleiche Krieg gegen die Menschen, der seit über hundert Jahren immer heftiger geführt wird, begonnen von einigen Ärzten, die dunkle Träume vom perfekten Menschen mit dunklen Gelüsten um die Ausrottung der Minderleister verbanden. „Die Wirtschaft“ kann keine Menschen gebrauchen, die alt und krank werden, wer alt oder krank wird, braucht für Vorurteile, Hass oder Kälte nicht mehr zu sorgen: eigentlich eine Horrorsituation für eine alternde Gesellschaft – und kein Wunder, dass der preiswerte Massenimport junger, gesunder Arbeitnehmer aus dem Ausland für Ängste sorgt.

Nun – Angela Merkel will natürlich nicht mit gnadenloser Härte gegen jene vorgehen, die die Menschenwürde der Arbeitslosen in den Dreck treten: ihren Schutz genießen nur jene, die hier für wenig Geld arbeiten wollen und ihre Anreise selbst organisieren – diese Sonderform von Rassismus fällt aber kaum jemanden auf. Wir zeigen derzeit lieber andere Qualitäten (siehe Deutschlandradio):

„Wer heute Zweifel äußert, Gesellschaft und Wirtschaft könnten die Flüchtlingsherausforderung mir nichts dir nichts bewältigen, ist im öffentlichen Juste-Milieu sofort rechts. Wer Probleme hat, mit plötzlich hereinbrechender Fremdheit locker umzugehen, ist postwendend Rassist. Wer überzeugt ist, Europa nur mit Grenzschutz und Transitzonen kontrollieren zu können, wird als Unmensch in die Nähe von KZ-Wächtern gerückt.

Deutschland 2015 ist eine Selbstbezichtigungs-Republik, deren mediale und politische Eliten in geradezu neurotischer Eilfertigkeit – übrigens zur Verblüffung vieler Beobachter im Ausland – die heftigsten Geschütze gegen sich richten, die man überhaupt auffahren kann.“

Und so ein Klima einer Diktatur schafft. Was aber nicht wundert: hätten wir noch das Wort Neger, so könnten wir leicht sagen: wo es noch Neger gibt, gibt es auch Diktatur. Überall, wo es ein klar geordnetes „Oben“ und „Unten“ gibt, gibt es auch Diktatur – von „oben“ nach „unten“. Gut – über unten haben wir genug gesprochen, reden wir über oben.

Während unten der Neger wiederkehrt – nicht als Wort, sondern als rassistisch definierte Kaste der Unberührbaren – kehren oben die Götter wieder – und planen schon jetzt ihre eigenen Welt, ihr „Asgard“, ihren „Olymp“, ihr „Himmelreich“ (siehe trendsderzukunft):

„Wissenschaftler und Designer möchten zusammen mit dem Seasteading Institute eine schwimmende Insel errichten, die sich komplett selbst mit Energie versorgt und auch politisch unabhängig vom Festland ist. Bis 2020 sollen bereits hunderte Menschen auf der modernen  Insel-Stadt leben.“

Schauen Sie sich die Inseln ruhig an: schwimmende kleine Paradiese. Die Halbgötterkaste der Superreichen und ihre willfährige (aber geist- und seelenlose) Funktionselite arbeiten mit Hochdruck an der Flucht vor den Menschen und ihrem Alltag. Anstatt dass man mit Hochdruck an der Entwicklung einer planetaren Zivilgesellschaft arbeitet, die als einzige in der Lage wäre, hochkomplexe Erscheinungen wie die Flüchtlingskrise international friedlich zu lösen, arbeitet man gezielt an der Errichtung einer Superkaste, die weit außerhalb der politischen Welt und der menschlichen Gesellschaft residiert und vor allem eins garantiert: Steuerfreiheit. Die Träume dieser Kaste erreichen höchste Höhen nationalsozialistischen Herrenmenschendenkens – jenes Denkens, das den Neger dringend braucht, um die eigene Überlegenheit definieren und demonstrieren zu können: „Transhumanismus“ ist  hier das Stichwort – die Erschaffung einer Menschenkaste, die alles Menschliche weit hinter sich läßt – sogar den Tod (siehe FAZ):

„Das Potential zur Befreiung von gegenwärtigen Beschränkungen der Menschen sehen Transhumanisten in der Verbindung verschiedener Forschungsfelder – Medizin, Genetik, Biochemie, Nanotechnologie und Informatik, die in ihren Augen durch die Entwicklung von Computern ohnehin zusammenwachsen. Kurzweil legt den Fokus auf die Digitalisierung des Körpers, die ermöglichen würde, den Menschen oder einzelne seiner Teile künstlich nachzubilden.“

Auch der Tod wird besiegt: nach dem Moment der „Singularität“ können menschliche und künstliche Intelligenz verschmelzen, die neuen Götter laden ihr Bewusstsein komplett in einem Computer hoch und werden so unsterblich.

„Es werden keine Roboter entstehen, die den Menschen überlegen sind, sondern die Menschen selbst werden sich durch die Maschinen zu einer höheren, intelligenteren, unsterblichen Spezies entwickeln.“

Erste politische, „transhumanistische“ Parteien bilden sich gerade weltweit, um den Rückzug der höheren, intelligenteren, unsterblichen Superkaste auf ihre Paradiese zu decken. Und jenseits jeder humanen Propaganda wird auch Klartext gesprochen:

„Ein Transhumanist muss die Sorge um seine eigene Existenz über alles andere stellen. Die neue Cyborg-Vision hat jeden Wunsch nach Kollektivität und Herrschaftskritik verloren. Dafür passt sie gut in eine Gesellschaft, in der jene Technologien gefördert werden, die erstens zahlungskräftige Interessenten finden – Kurzweil vertreibt neben seiner Tätigkeit bei Google etwa schon parallel diverse teure Anti-Aging-Mittel über seinen Online-Shop – und zweitens der allgemeinen Direktive der Effizienz- und Leistungsoptimierung entsprechen.“

Das ist das Kernwort: „zahlungskräftig“. Der neue Supermensch wird nicht billig, seine Erschaffung wird zentral gesteuert. Schauen Sie doch selbst mal vorbei bei der Singularity University, wo die Führungskräfte der westlichen Welt gegen viel Geld für eine neue Welt ausgebildet werden: nichts davon ist geheim (siehe Singularity). Hauptakteure sind Google und Microsoft. Der „Spiegel“ berichtet voller Stolz darüber, dass er mal Eintritt hatte in die Welt der Superforschung (siehe Spiegel), wo „Google die Menschheit umprogrammiert„.

Zu diesen Experimenten gibt es auch klare Meinungen:

„“Die Singularity bezeichnet keine großartige Vision für die Gesellschaft vergleichbar den Ideen Lenins oder Milton Friedmans“, sagte der britische Journalist Andrew Orlowski, der sich intensiv mit Techno-Utopien beschäftigt hat. „Da wird ein Rettungsboot für reiche Leute gebaut, damit sie das sinkende Schiff verlassen können.““ (Aus: Krysmanski; 0.1%, Das Imperium der Milliardäre, Westend, 2. Auflage 2013, Seite 244).

Da sind wie wieder beim Neger – und auf der Baumwollplantage im Süden der USA. Mit Hochdruck (und Geldern aus der EU, siehe nochmal FAZ) wird an dem (schwimmenden) Herrenhaus für die Meister und ihre Sklaventreiber gearbeitet: die Ratten planen, das sinkende Schiff zu verlassen. Alles, was dieser Bewegung nützt, wird gefördert, alles was sie stört, bekämpft.

Die Zerrütung der demokratischen Zivilgesellschaft ist das oberste Ziel, die Errichtung einer gottgleichen, allmächtigen, übermenschlichen Herrscherkaste ebenso – und schaut man durch diese Brille, versteht man viele augenscheinlich paradoxe Entwicklungen der Gesellschaft besser: auf einmal werden sie plausibel.

Für jene, die nicht auf die schwimmenden Inseln warten wollen, gibt es jetzt schon geheime Festungen in der Tschechei (siehe Forbes), wo man sicher ist vor dem „Pack“, bis nach zehn Jahren alles vorbei ist:

„The below-ground Bunker of The Oppidum will be the area in which inhabitants can be isolated and protected from the threat of war, disease, natural disasters, or personal threats ranging from terrorists to zombies.“

Zombies … ist hier ein Codewort  Der Spiegel erläutert es Ihnen (siehe Spiegel):

Interessant ist die überraschend konservative, der linksliberal-gegenkulturell geprägten Zombie-Genese der Siebziger entgegenlaufende Soziologie in „Fear“: Woher die Seuche kommt, weiß niemand, aber hier beginnt sie im Milieu der Prekarisierten, der Afroamerikaner und Latinos, der Drogensüchtigen und Obdachlosen, nicht inmitten eines der Dekadenz und des Konsumismus verschriebenen Bürgertums. Die im Titel beschworene „Fear“ ist hier vor allem die Angst des Mittelstands vor dem Grauen aus dem Getto.

So … wird man auf die Zukunft vorbereitet. Auf das Ende der jetzigen Welt.

Der Grund für die hochneurotische Hysterie von Medien und Politik ist da auch zu suchen: die Angst vor dem Negeraufstand … der Zombieapokalypse, die ausbricht, bevor man selbst den Bunker erreicht hat.

Noch sind die Inseln für alle nicht fertig. Ein paar Jahre muss man die prekarisierte Herde noch im Zaum halten.

Die Zombieapokalypse – heute schon aktuell!

Die Zombieapokalypse - heute schon aktuell!

Dienstag, 3.6.2014. Eifel. Als Philosoph genießt man derzeit noch ungeahnte Freiheiten – außerhalb des universitären Betriebs, innerhalb deren Philosophie heutzutage stellenweise als Unterpunkt der Betriebswirtschaft fungiert. Man kann sich zum Beispiel im Rahmen der Religionsphilosophie oder der Erkenntnistheorie „Märchen“ zuwenden, die einerseits heidnische Vorstellungen von Wirklichkeit transportieren, andererseits aber tiefenpsychologisch erstaunliche Erkenntnisse verbreiten (siehe hierzu z.B. Eugen Drewermanns tiefenpsychologische Interpretationen der Märchen oder Evangelien). Schnell merkt man, dass hinter „Märchen“ viel mehr steckt, als ihr Gebrauch als „Kindergeschichten“ hergibt.

Zu „Märchen“ bin ich durch „Star Wars“ und den „Herrn der Ringe“ gekommen: als junger Mensch konnte ich nicht verstehen, was denn meine Zeitgenossen an solchen modernen Märchen fanden: immerhin schrieben wir die siebziger Jahre, wir waren hip, frei und aufgeklärt: wie kann es da sein, dass Millionen Menschen von einem billigen Weltraummärchen verzaubert werden? Mehr und mehr merkte ich, dass Märchen nicht tot zu kriegen waren, sich neue Wege suchten, um Wahrheiten auszudrücken, das die Menschheit – gerade „befreit“ von alten Märchen – sich neue erzählt.

Unter den modernen Märchen gab es nun Gestalten, die klar zu identifizieren waren – das Monster von Frankenstein zum Beispiel: die Warnung vor den Folgen wahnsinnig gewordener Wissenschaft, die keinerlei moralische Grenzen mehr akzeptiert. Oder der Vampir, geschaffen von Bram Stoker im 19. Jahrhundert: blutsaugende Adelige waren gerade der Guillotine übergeben worden, aber die Erinnerung an das Bild des wahnsinnigen Grafen, der in seinem Schloß über dem Land thront und es mit seinen Steuern aussaugt war noch sehr lebendig … kein Wunder, das „Vampirmythen“ in Film und Literatur gerade eine beachtenswerte Wiedergeburt erleben. Womöglich saugt da gerade wieder jemand.

Gegen Ende der sechziger Jahre tauchte ein neuer Mythos auf, einer, der so noch nie zuvor in der westlichen Mythen- und Sagenwelt aufgetaucht war: der Zombie. George A. Romero erschuf ihn 1968 mit „Night of the living dead“, einem Werk, das auch im Museum of Modern Art aufgenommen wurde. Wir kannten schon Riesen, Zwerge, Drachen, Elfen, Hexen, Werwölfe, Spukgeister, Teufel und allerlei andere mythische Gestalten, aber so etwas war uns noch nicht untergekommen – umso überraschender war der weltweite Siegeszug dieses Urbildes: 2014 kennt ihn jedes Kind, die Zahl der Filme (und Videospiele) mit diesen Unholden übertrifft alle anderen mythischen Gestalten – der ZOMBIE ist die charakterisierende Märchengestalt unserer Zeit.

Er wird nun auch gerne soziologisch gedeutet – als Aufstand der Unterschicht gegen die Oberschicht. Aber erklärt das wirklich die Faszination dieses Themas? Weltweit gibt es inzwischen „Zombie-Walk“, wo die verfaulten, gefräßigen Untoten real durch unsere Städte wanken, es gibt Zombie-Live-Events, wo der Kampf gegen die Untoten praktisch geübt werden kann – hier ist vielleicht eine psychologische Deutung viel tiefgreifender – siehe Welt:

Die Wissenschaftlerin Sarah Lauro vertritt die Ansicht, dass die Faszination für Zombies ihre Ursache hat in der Unzufriedenheit des Einzelnen mit seiner Rolle in der Gesellschaft. „Das Interesse an den Untoten wächst in den Zeiten, in denen wir uns machtlos fühlen“, hat Lauro festgestellt. „Teilnehmern einer Zombie-Veranstaltung ist oft nicht bewusst, warum sie mitmachen. Für mich persönlich liegt es auf der Hand: Wir haben das Gefühl, tot zu sein.“

Es scheint mehr dran zu sein – auch die amerikanische Seuchenkontrollbehörde und das US-Militär sind von dem Thema sehr angerührt, siehe Spiegel:

Unzählige Untote als menschenfressende Feinde – darauf müssen junge US-Militärs sich einstellen. Das Pentagon hat für die Ausbildung ein Training entwickelt, in dem der Nachwuchs imaginäre Bedrohungen bewältigen soll.

Eine kleine Sensation, denn: für den Kampf gegen Frankenstein, Dracula oder Godzilla hat die US-Armee keine Planspiele entwickelt – selbst die wenigstens entfernt denkbare UFO-Invasion berührt die Militärs nicht – aber Planspiele zur Rettung einzelner „Lebendiger“ vor einem Heer von stumpf daherwankender Untoter, die noch nicht mal eine Türklinke bewältigen können und an Stacheldraht völlig verzweifeln müssten, die sind hoch aktuell.

Ein Schelm, wer nun daran denkt, das hier in Wirklichkeit die Rettung der Plutokratie der Superreichen im Falle des totalen Zusammenbruchs der Versorungsstrukturen der USA geprobt wird – so weit wollen wir hier gar nicht denken. Anderereseits – welche reale Bedrohung ähnelt diesem Szenario sonst:

Dafür gingen sie nach eigenen Angaben vom schlimmsten Fall aus: Dass eine riesige Menge von Untoten über die Erde wandelt und dabei zahlreiche Menschen infiziert und auffrisst, ohne dass es ein Gegenmittel gibt.

Mag es sein, dass es sich hier um eine riesige Menge von Menschen handelt, die … innerlich tot sind? Sich innerlich tot fühlen? Ihr eigenes elendiges Dasein nicht mehr aushalten?

Eine Antwort auf diese Frage erhalten wir vielleicht von Wolfgang Linser, Doktor für Chemie und Biochemie. Er promovierte über die Genregulation der Zellteilung – und war Schüler der mystischen Bruderschaft Sumarah in Solo auf Java (Der gläserne Zaun, Hrsg. v. Gehlen und Wolf, Syndikat 1983, Seite 306).

Er beschrieb unsere Kultur dereinst vor dem Hintergrund seiner Erfahrungen. Im Internet sind sie leider aktuell nicht enthalten – darum zitiere ich sie hier mal:

Was rasa, ist, haben schon eine gute Zahl von Ethnologen aus dem Westen, aus der cogito-ergo-sum-Kultur zu erklären versucht, für die Leute daheim, für die „Kopf-Denk-Menschen“, für den Stamm der Denk-Barbaren, die durch grausame, entsetzliche Riten jedes Kind des Stammes, die männlichen ganz besonders, von ihrer natürlichen Offenheit für rasa, feeling, Gefühl, Empfindung abschneiden. Die jedes Kind des Stammes durch lange, brutale Abhärtung, durch entsetzlichen Drill, durch Einschüchterung, Konkurrenzangst, Kontrolle zu einem „Denk-Krieger“ machen, der sein ganzes Leben im vorderen Teil des Gehirns, in einer Art Computer-Walstatt zwischen den Augenbrauen lebt, kämpft, siegt und untergeht.

Ein Denk-Krieger, der zu seinem eigenen, tieferen Wesen, zu seinen Gefühlen, die in der Brust, im Bauch, im ganzen Körper, in einem Feld um den Körper herum, in einem gemeinsamen Feld von rasa zusammenschwingen mit anderen Menschen, keinen Kontakt mehr hat. Und schon gar nicht zu dem, was drunter, tiefer liegt. Der nichts mehr von sich selbst weiß, sein Geburtsrecht so tief verdrängt, verloren, vergessen hat, daß er nicht einmal mehr danach fragen kann.

Merkt man, wie vor diesen Worten eines Naturwissenschaftlers das Bild des Zombies vor dem geistigen Auge auftaucht? Eines Wesens, dessen Gefühlswelt sich in dem Gefühl „Hunger“ erschöpft – und dessen äußere Erscheinung seiner seelischen Armut, seiner inneren „Zerfressenheit“ gleich kommt? Noch ein Wort zum Normzustand des „normalen Menschen“ – des „lebendigen Menschen“, zu dessen Rettung die USA-Armee Planungen durchführt:

Es gibt eine „Innere Welt“, dunia batin, und eine „Äußere Welt“, dunia lahir, und der vollkommene Mensch lebt in Harmonie in beiden zugleich, im lahir-batin.

(aus: Der gläserne Zaun, Seite 143).

Wie Wolfgang Linser vermutet: eine Formel, die rund um den ganzen Globus jeder religiöse Mensch – nachempfinden kann.

Der Zombie jedoch, der „unvollkommene“, untote Mensch lebt nur noch in der äußeren Welt und kennt hier nur noch ein einziges Ziel: all jene fressen, die noch lebendig sind, die noch vollkommen sind, alle Konkurrenten fressen, die ihm aufzeigen, wir ärmlich seine Existenz geworden ist.

Wir nähern uns dem Lebensgefühl der postindustriellen Dienstleistungsgesellschaft im 21. Jahrhundert – und können langsam erahnen, warum „das Netz“ voller „hater“ ist (siehe hierzu Sybille Berg im Spiegel): im virtuellen Leben sind die Untoten schon hochgradig aktiv.

Aus der Sicht der javanischen Kultur erklärt sich unser Hang zu Zombies recht einfach: das sind wir selbst – darum erscheint uns diese irreale Phantasie auch so bedrohlich wirklich. Da wir nur gezwungenermaßen „Denk-Krieger“ sind, mit brutaler Gewalt erzeugte Denk-Maschinen, vestümmelt, aber noch nicht ganz tot, erkennen wir die Realität dieses Bildes mit unserem Gemüt … das, würde es Gestalt annehmen, einem untoten Unhold sehr ähnlich wäre. Darum läßt uns dieses Bild nicht los: es ist unsere Alltagswirklichkeit – und der Zustand unserer Umwelt, unsere Wirtschaftsordnung, unserer Verwaltung, unsere Finanzen und unserer Glückseligkeit entspricht diesem Bild vollkommen, das Thema „seelenloses Leben“ betrifft uns ganz persönlich auf vielen Ebenen des Alltages.

Nicht umsonst hat George A. Romero die Fortsetzung seines Horrorstücks in einem riesigen Kaufhaus gedreht: wer immer hirnlose, seelenlose Untote sehen will, schau mal seinen Mitmenschen beim „Shopping“ zu.

Und woanders? Lauschen wir nochmal Wolfgang Linser, der uns mit wenigen Worten die Grundlagen jeder Religion, jeder Magie, jeder Zauberei erklärt:

Die Javaner leben in rasa. Die verschiedenen feinen Abtönungen von rasa zu spüren, zu „fühl-sehen“, dauernd in einer Athmosphäre sich ändernder Gefühle, in einem eindeutig definierten Raum von rasa zu sein, der sich aus dem Einzel-rasa der beteiligten Menschen zum Gruppen-rasa, zur Gruppen“atmosphäre“ aufbaut, ist für sie so natürlich wie Luft zu atmen.

So natürlich, wie wir in unserer Kultur total im „Kopf“ leben, im „Denken“ zentriert und durch massive Barrieren von unseren Gefühlen, von „unserem“ rasa getrennt sind. In diesem Vorderkopf-Denken, der oberflächlichsten, gröbsten Abstufung des Denkens, leben wir, handeln wir, „befinden“ wir uns existentiell.

(aus: Der gläserne Zaun, Seite 142/143)

Die Produkte dieser untoten Denk-Barbaren? Auschwitz. Hiroshima. Weltwirtschaftskrise. Weltkriege. Hartz IV. Meere aus Plastikabfall. Sexuell missbrauchte Kinder – und Kinder, die Selbstmord verüben, um der Kultur der Untoten zu entkommen.

Und: Maschinenvergötzung. Hören wir dazu den Ethnologen Werner Müller, der sich nach seiner Habilitation „in die geschützte Ecke des Bibliothekswesens“ (der gläserne Zaun, Seite 305) zurückgezogen hatte und dort die Wirren des letzten Jahrhunderts überstand – er schrieb etwas über die Folgen der „Entzauberung“ der Welt:

Nun, die Wirkungen und Folgen dieser „Entzauberung“ bedrücken heute jedermann, auch die Entzauberer selbst. Die seit Galilei und Newton heraufdämmernde Maschinenvergötzung hat alle Hemmnisse vor sich niedergeworfen und mit ihrer Mechanistik fast sämtliche Bereiche des Lebens durchdrungen. Sie ist drauf und dran, sich zu einer Pseudoreligion ohne jede Konkurrenz herauszumausern mit Aufpassern, Inquisitoren, Denunzianten, festen Formeln und Sprachregelungen.

(aus: Der gläserne Zaun, Seite 138).

Die Vergötzung der Maschinenwelt führt direkt in das Horrorbild des Zombies: er ist das, was vom Menschen übrig bleibt, wenn man Maschinen zu Göttern erhebt – während die Vergötzung von Maschinen alles an religiösem Empfinden repräsentiert, wozu der untote Denkbarbar überhaupt noch fähig ist.

Werner Müller starb 1990, zum Verbleib von Wolfgang Linser enthält das Netz keine Informationen. Beide waren fester Bestandteil der damaligen grünen Bewegung, die sich 30 Jahre später in der Verpflichtung zum Gebrauch von hochgiftigen Energiesparlampen einen denkwürdigen Höhepunkt erarbeitet hat – einen Höhepunkt, der die Begrenztheit unseres „Vorderkopf-Denkens“ bei der Lösung der Probleme ebenso aufzeigt wie die Erfahrung unserer absoluten Machtlosigkeit.

Ich denke, die Zombieapokalypse kann selbst in einiger Zukunft Bestandteil einer neuen Märchenkultur sein, einer Kultur, die die Geschichte unseres Untergangs erzählt. Wahrscheinlich erzählt man sich diese Geschichte in den einfachen Hütten auf Java: wie die nicht-mehr-ganz-richtig-lebendigen Menschen die Welt überfluteten und sie mit Hilfe ihrer untoten Götzen in den Abgrund stürzten.

Wieso unsere Zombiegeschichten nichts von den Zombiegöttern erzählen, den Maschinengötzen?

Nun – dafür ist das Reflexionsvermögen der Untoten zu gering: so weit können wir Zombies überhaupt nicht mehr über unseren Horizont hinausdenken.

Was wir aber problemlos können: uns in eine Welt voller untoter Menschen hinein versetzen, die nur von der Lebendigkeit andere zehren können und diese vertilgen wollen: das ist nämlich unsere Alltag in der neoliberalen Wirtschaft. Das Nachzuempfinden gelingt allerdings nur noch den Lebendigen … und die sollten sich sehr vorsehen: ihre „untote“ Umwelt reagiert nicht gut auf Menschen, die noch fühlen können – Mitleid ist für den Untoten „Sozialromantik“.

Merken Sie nun, wie absolut real die Zombie-Apokalypse schon heute ist?

Waren Sie erstmal ab, wenn die Zombiebanken komplett zusammenbrechen – mag sein, dass der Kampf gegen Untote harmlos wirkt gegen das, was dann kommt.

Eigentlich kein Wunder, dass uns dieses Märchenbild absolut nicht losläßt, oder?

Die dunkle Seite der „Arbeit“: über das Ende der sozialen Gesellschaft

Die dunkle Seite der "Arbeit": über das Ende der sozialen Gesellschaft

Samstag, 21.12.2013. Eifel. Sonnenwende. Der finsterste Tag des Jahres. Zeit also für richtig finstere Geschichten – über Arbeit zum Beispiel. Arbeit ist – das wissen wir, weil wir es in der Schule so gelernt haben – ein Glücksfall für die Menschen. Was würden wir nur tun, wenn wir sie nicht hätten? Sie füllt unseren Tag aus, gibt unserem Leben Struktur, ohne die wir uns wohl ganz schnell von der Brücke stürzen würden. Sie schenkt uns unglaubliche Erfolgserlebnisse, die wir ohne sie gar nicht hätten, sie füllt uns aus und bestimmt, wer wir sind im Leben. Darum ist Arbeitslosigkeit ja auch so schlimm: die sind nichts mehr. Gar nichts.

Vor tausend Jahren noch wäre ein Mensch verhungert, wenn er nicht beständig gegen die Natur gearbeitet hätte. Das hat uns so eindeutig geprägt, dass wir immer noch die alten Werte der Ackerbau- und Viehzuchtgesellschaft transportieren – einer Gesellschaft, die noch für jeden etwas zu tun fand, sei er auch noch so behindert … und auch für jeden etwas zu Essen hatte. Aus dem Grund hat man es ja in Massen produziert, dieses Essen, die Produktionsmethoden immer weiter verfeinert, bis ganz wenige Großlandwirte die zusammengelegten Flächen so effektiv bewirtschaften konnten, dass nie mehr Hungersnot zu befürchten war.

Darum schmeißen wir heute unglaublich viele Lebensmittel fort – und den Armen zum Fraß vor. Die müssen ihren Ausgliederungsbescheid vorlegen („Hartz-IV-Bescheid“) und bekommen dann den Müll der Wohlstandsgesellschaft sehr günstig verkauft – Müll, den man sonst kostspielig entsorgen müßte. Geniale Idee von McKinsey. Das läßt eine Gesellschaft mit sich machen, die mit Werten aus der Zeit Karl des Großen modernes Leben spielt und die Armut, der wir durch die Arbeit vieler Generationen entkommen sind, künstlich wieder einführt. Die Armen sitzen aber nicht mehr gemeinsam mit dem übrigen Dorf an der Tafel, sie müssen sich das Essen vom modernen Misthaufen holen. Menschlich hat sich bei uns einiges an Werten verändert.

Nun – wir wollen uns nicht lange aufhalten mit „Wertediskussionen“. Unsere Zeit schätzt die Wertlosigkeit, hat extra ein Wort dafür gefunden, um den Zustand zu verteidigen: alles, was „Werte“ hochhält, wird als „Sozialromantik“ angeprangert. Wir brauchen auch keine Werte mehr – die werden vorgegeben. „Arbeit“ ist der einzige Wert, der zählt. Arbeiten für die Maximierung der Kapitalrendite von superreichen Arbeitslosen, die dann den anderen Arbeitslosen in vielen medialen Formaten als Lebensvorbilder gepriesen werden: wer es schafft, durch einen bewußten und gezielten antisozialen Akt nur noch von der Arbeit anderer Leute zu leben, der „hat es geschafft“. Wer gezwungen ist, von Almosen anderer Leute zu leben, weil sein Arbeitsplatz abgeschafft wurde, wird abgeschafft.

So etwas gehört natürlich nicht hinterfragt: der gemeinsame Dienst an der Eigenkapitalrendite steht für jeden Deutschen weit außerhalb jeder Kritik. Wir arbeiten gerne umsonst für den Reichtum anderer – so selbstlos sind nur wir.

Doch hier … müssen wir leider warnend einschreiten: „Arbeit“ hat auch eine dunkle Seite.

Nein, nicht nur die, dass sie krank macht. Sicher, es ist auch nicht angenehm, blind zu werden, weil man zu lange vor den Bildschirmen gesessen hat (siehe Focus). Aber das meine ich nicht – was stört uns schon unsere Gesundheit, wenn wir sie zum Wohle des deutschen superreichen Nichtstuers opfern dürfen.

Ich meine, so menschlich-seelische Degenerationen, die uns während der Arbeit ereilen – selbst dann, wenn wir selbst noch ziemlich viel Geld für unsere „Arbeit“ bekommen. Schauen wir uns das doch mal genauer an – Anna Kistner hat das für uns im Spiegel ausgeführt: Zehn Belege für die rasante Verspießerung von Festangestellten. Anna Kistner ist seit kurzem (Mai 2013) Korrespondentin des Spiegel in Bayern. Sie hatte uns schon einmal darüber aufgeklärt, was man heute alles vorlegen muss, um eine Mietwohnung zu bekommen, siehe Spiegel:

Man muss freundlich sein zu diesem Makler. Und eine Bewerbungsmappe für ihn zusammenstellen. Darin enthalten: Visitenkarte, Schufa-Auskunft, Kopie der letzten drei Gehaltszettel, Kopie des Personalausweises, gern auch der Arbeitsvertrag und ein ausformulierter Lebenslauf. Ein Foto auf dem Deckblatt der Bewerbungsmappe ist Pflicht.

Eine Bewerbungsmappe für eine Mietwohnung. Man muss heute schon tief buckeln, um sein Grundrecht auf wohnen verwirklichen zu können. Rechte muss man sich halt leisten können.

Nun – eine Wohnung hat Anna Kistner bekommen, da haben wir eine Sorge weniger. Das ist auch gut so, denn mit den Belegen zu ihrer eigenen Verspießerung hat sie ein wichtiges Dokument verfasst, dass uns die dunklen Seiten von „Arbeit“ deutlich vor Augen führt. Gehen wir die einzelnen Punkte ihres Artikels einfach mal durch.

1. Arbeit macht unsozial

Wo vorher der Studienkollege noch mit seinem Schlafsack übernachten konnte, ist auf einmal eine „No-go“-Zone entstanden. Aus Freunden werden Kosten auf zwei Beinen, lästige Fliegen, die die Abendruhe stören.

2. Arbeit fördert Gier

Wo vorher noch der bescheidene 1,5 Liter-Wein aus der Aldi-Tüte für Mordsstimmung in der WG sorgte, breitet sich heute die Gier nach „Vollmundigkeit“ aus.

3. Arbeit fördert echten „Herrengeist“.

Wer arbeitet, braucht eine Putzfrau. Arbeit adelt (Hitlers Motto für den Reichsarbeitsdienst), und Adel braucht Personal

4. Arbeit fördert Umweltzerstörung

Wo früher der Urlaub umweltverträglich und erlebnisreich im Zelt verbracht wurde, muss heute die Bettenburg herhalten, die ganze Landstriche für ewig verschandelt.

5. Arbeit fördert sprachliche Verarmung

Außer Gesprächen über das Wetter ist keine lebendige Kommunikation mehr möglich.

6. Arbeit tötet die eigene Lebendigkeit ab

Wo früher der gesellige Abend in einer Studentenkneipe jede Party an Stimmung übertraf, wird heute Ersatzleben vor dem Fernsehbildschirm konsumiert, wo man beobachten kann, wie spannend das Leben sein könnte, wäre man kein Hamster im Rade.

7. Arbeit fördert Vernichtung der Individualität

Der Kampf um die heilige persönliche Kaffeetasse, die nach Dienstschluss diebstahlsicher weggeschlossen wird, ist das letzte Aufbäumen des Individuums, bevor es gleichgeschaltet unbemerkt in der Masse versinkt.

8. Arbeit fördert Entfremdung vom Leben selbst

So wird die vergessene Topfblume auf der Fensterbank zum Symbol für den Zustand der eigenen Seele, die unbemerkt vertrocknet.

9. Arbeit fördert Ängstlichkeit

Wo früher das mutige helmlose Radeln durch die Innenstadt ein letztes Gefühl von Freiheit und Abenteuer vermittelte, ist auch einmal Helmpflicht angesagt: so beginnt das Ende des Leben mit der ersten Angst vor dem Tod

10. Arbeit vernichtet Kreativität

Kleidung – für viele wichtigster Ausdruck der Kreativität im persönlichen Bereich – wir normgerecht, es zählt, was „man“ trägt, wie „man“ lebt … und was „man“ denkt.

So können wir hier – am Beispiel Anna Kistners – erkennen, wie gezielt, systematisch und umfassend Arbeit „Leben“ vernichtet. Man fühlt sich versucht, von „Vernichtung durch Arbeit“ zu sprechen, doch dieser Begriff wurde schon vorher von anderen besetzt. Es fällt auch nicht jedem auf, was die Arbeitswelt mit einem anstellt, noch fällt den meisten Menschen auf, wie rar eigentlich diese lebenslangen Festanstellungen geworden sind: natürlich braucht man da Personal … man kann es sich ja auch leisten, gehört zu den besonders gesegneten Menschen dieses Landes.

Gut, das es Frau Kistner aufgefallen ist – vielleicht helfen da Erfahrung wie das Gespräch mit dem Menschen, der eine „WG“ für den „Idealzustand im Leben“ hält (siehe Süddeutsche). Ist es ja auch – man schaue sich mal an, wie die Menschheit hunderttausend Jahre lang gelebt hat (Imperien ausgenommen – die haben auch die Mietskasernen eingeführt, für Mietsklaven, deren Ernährung man nicht dauerhaft am Hals haben will).

Wir merken schnell: „Arbeit“ ist nicht gleich „Arbeit“. Echte Arbeit wird heute nur noch von einem Bruchteil der Bevölkerung geleistet, die meisten bekommen Arbeitsersatzstoff zugewiesen, damit sie denken, wir würden immer noch zu Zeiten Karl des Großen leben, wo Arbeit echten Wert darstellte … und aufgrund der körperlichen und seelischen Deformationen immer als Fluch verstanden wurde.

Wahrscheinlich gibt es deshalb so heftige Angriffe auf Religion und Kirche in unserer Zeit: der Kult der Arbeit befreit sich von der Konkurrenz, die mit ihrer Sicht von „Arbeit“ direkt im Gegensatz zu unserem heutigen Verständnis steht.

Arbeit – so steht es in der Bibel – wurde als Fluch und Strafe verstanden, der auf uns kam, als wir aus dem Paradies verschwinden mussten. Da ich nun jeden Tag den Bauarbeitern zusehen darf, die bei Wind und Wetter ein Superluxusferienhaus für einen jungen, dynamischen Investmentbanker aus Amsterdam errichten, weiß ich, wovon ich rede.

Die Jungs leisten noch richtig echte Arbeit – auch am Wochenende, wo unser 30-jähriger frisch aufgestiegene Banker für den privaten Investmentkunden sich mit seinem Privatflugzeug vergnügt und sich dank seiner Nähe zum privaten Geldverteilungsapparat mit Tauschmitteln überfressen darf, während andere sich von seinem Müll ernähren müssen.

Das große Geld braucht nämlich keine Arbeit mehr – es vermehrt sich inzwischen von selbst. Deshalb müssen die schwer arbeitenden Maurer auch dankbar sein, wenn man ihnen ein paar Tropfen des Geldflusses zukommen läßt, der in Banken überreichlich sprudelt. In Wirklichkeit – braucht das Geld sie nicht mehr.

Wenn wir merken, dass es in Wirklichkeit überhaupt keine Werte schafft, sondern nur Leben vernichtet, wird es zu spät sein.

Man wird wohl noch eine Weile brauchen, bis man verstanden hat, das die entwickelten Demokratien gerade wegen ihres Arbeitsbegriffes am Abgrund stehen, das es gerade die charakterlichen Deformationen durch moderne Pseudoarbeit (und modernes Pseudoleben) sind, die dafür sorgen, dass die Fundamente zusammenbrechen, das es wieder möglich ist, dass Erzieherinnen Kinder an Stühle fesseln, in den dunklen Keller sperren und sie zwingen, ihr eigenes Erbrochenes zu essen (siehe N24) – so wie es meiner Mutter beim „Bund deutscher Mädel“ auch ergangen ist.

Das hemmungslose Aufblühen schwarzer Pädagogik ist nur ein Zeichen für das Wachstum eines neuen Zeitgeistes, der sich in den entwickelten Demokratien entfaltet, die nun am Abgrund stehen (siehe Heise):

Die Völker der demokratischen Staaten sehen sich von Oligarchien beherrscht, die ihre eigenen, höchst eigennützigen Interessen verfolgen und sich nicht mehr um die wirtschaftlichen, sozialen, politischen und kulturellen Interessen der Menschen scheren, die sie eigentlich vertreten sollen. Die Wirtschafts- und Sozialpolitik aller entwickelten Demokratien geht in immer stärkerem Maße an den Bedürfnissen der Bevölkerungsmehrheit vorbei und richtet sich zunehmend gegen die eigene Bevölkerung.

Es mehren sich die Zweifel, ob die herrschenden Demokratien überhaupt noch handlungsfähig sind; denn die eigentliche Krise ist die Krise der repräsentativen Demokratie. Die strukturellen Schwächen dieses Ordnungssystems treten heute so krass hervor wie nie zuvor. Eine erfolgreiche Krisenbewältigung würde einen radikalen Politikwandel erfordern. 

Und das alles ist nur möglich, weil wir es zulassen, von einem Arbeitsbegriff terrorisiert zu werden, der uns charakterlich und seelisch tief deformiert.

Ach ja – ich vergaß: Seele … hat man als moderner Mensch nicht mehr.

Jetzt verstehe ich auch den „Zombie-Hype“: er spiegelt die seelische Verfassung jener Menschen wieder, die sich noch erfolgreich gegen die Deformation wehren und sich so in einer extrem feindlichen, dämonischen Umwelt wieder finden.

Wahrscheinlich bald auch mit Waffengewalt: immerhin stehen wir am Agrund und preisen hemmunglos den „Fortschritt“. Wohin man kommt, wenn man am Agrund weiter fortschreitet, mag sich jeder selbst ausmalen.

PS: Ana Kistner an dieser Stelle vielen Dank für ihre Beschreibung der Vertreibung aus dem Paradies, die man selbst als große Erfolgsstory erlebt und verkauft.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Zombies in Deutschland

Zombies in Deutschland

Mittwoch, 6.8.2013. Eifel. Haben Sie sich schon einmal über Zombies Gedanken gemacht? Nein? Nun – dann wird es aber Zeit. Sie sind überall: im Kino, in der Literatur, im Musikvideo, im Zeichentrickfilm für Kinder, als Banken sogar in den Medien und an Halloween sogar auf deutschen Straßen. Aber: was soll das? Zombies sind noch nicht mal Märchenfiguren, sie sind ein Kunstprodukt von George A. Romero und haben mit den Gestalten, die das Wort ursprünglich im haitianischen Kulturraum beschrieb, so gar nichts zu tun. Wir können stolz auf diese Zombies sein: mit ihnen haben wir eine eigene, mythologische Figur geschaffen: anders als unsere Superhelden, die Kopien der alten Götterwesen darstellen, haben wir etwas Neues in die Welt gebracht, etwas, das unserer Kultur angemessen ist. Wir kennen solche Schöpfungen aus der Geschichte: Graf Dracula ist so eine. Auch ein lebender Toter, aber von anderer Qualität.

Der Mythos der Vampire hatte seine Geburt im 19. Jahrhundert. Ein blutsaugende Gestalt lebte auf einem gewaltigen Anwesen, labte sich am ganzen Land. Die Geschichte machte Furore, weil … jeder so einen kannte. Die Welt im 19. Jahrhundert war voller blutsaugender Gestalten, zu ihrer Abwehr hatte sich der Kommunismus entwickelt: Adelige, Industriebarone, Regierungsräte – jeder kannte solche Ungeheuer aus eigener Anschauung, jeder wusste, wie sehr Industriebarone die letzte Lebenskraft aus ihren Arbeitern herausschunden – so wie die Adeligen dies bei ihren Bauern taten. So wirkte das Bild des Grafen Dracula sehr überzeugend, weil es eine politische Wirklichkeit bildhaft darstellte. Auch heute ist die Filmwelt wieder voller Vampire … und es scheint so, dass man uns lehren will, freundlich mit ihnen umzugehen und ihre Gunst zu erlangen.

Doch wollen wir den Mythos des Vampires mal nicht weiter vertiefen, wiewohl er viel über die Befindlichkeit der modernen Zeit aussagt.

Bleiben wir lieber beim Zombie. Er wurde einmal als Symbol für die Unterschicht beschrieben, vor deren Erhebung sich die Mittelschicht fürchtet. Das scheint mir viel zu kurz gegriffen zu sein. Millionen und Abermillionen von Menschen sind fasziniert von diesen Gestalten, die es so nie gegeben hat. Nun – vielleicht wird es sie mal geben, die Russen haben angeblich eine Waffe, die Menschen in Zombies verwandeln kann (siehe TrendsderZukunft) – dass so etwas technisch möglich ist, weiß man seit der Erfindung der Neutronenbombe, die praktischerweise Menschen zum schmelzen bringt, ohne Gebäude und Fahrzeuge zu beschädigen: die Wissenschaft überrascht doch immer wieder mit neuen Einfällen zur Massenvernichtung menschlichen Lebens. Eigentlich seltsam, dass man noch nicht gemerkt hat, dass von Wissenschaft auch eine große Terrorgefahr ausgeht – als Ausstatter der Terroristen.

Unser Zombie jedoch schmilzt nicht dahin wie die Neutronenopfer (die nach drei qualvollen Tagen, in denen sie innerlich und äußerlich zerfließen, wirklich sterben – ein Hoch nochmal auf die Wissenschaft!), er ist schon tot – nur äußerlich gleicht der den Ergebnissen demokratischer Kriegskunst. Er ist dumm wie eine Bildzeitung, ziemlich unbeweglich und hat eine merkwürdige Angewohnheit: einen unstillbaren Hunger nach Menschenfleisch. Hund, Katze, Schwein, Rind, Pferd – all das lässt er liegen für einen ordentlichen Happen lebendiger Mensch.

Wen er gebissen hat, steht selbst nach kurzer Zeit wieder auf und stürzt sich auf andere Menschen, um sie zu infizieren oder völlig zu vertilgen. Am Ende bleibt ein Planet übrig, der von äußerst dummen und extrem gierigen Leichen bevölkert wird.

Finden wir so etwas vielleicht auch in unserem Alltag?

Ich schrieb kürzlich einen Artikel, der den Titel Deutschland stirbt für den Endsieg des Kapitalismus erhalten hat. Er beschreibt vielfältige Prozesse des Niedergangs in diesem Land – politisch, wirtschaftlich, menschlich und kulturell. Prozesse, die eigentlich sofort Millionen von Menschen auf die Straße treiben sollten – aber was geschieht?

Nichts.

In Griechenland erlebt man das Gleiche und führt es darauf zurück, dass die Menschen irgendwie „besprüht“ werden – die Geschichte hat es sogar bis in die FAZ gebracht.

Nehmen wir die aktuelle Wirtschaftskrise, die jede Woche neu vorbei ist, aber doch immer wieder Meldungen produziert wie die, dass Porsche nun ebenfalls von dem Abwärtstrend in Europa erfasst worden ist (siehe Handelsblatt). Sicher, auf dem Heimatmarkt läuft es besser, aber hier hilft der Steuerzahler: 70 % aller neu zugelassenen Porsche sind vom Steuerzahler subventionierte Hartz-IV-Hobel – so müsste man die Sozialhilfe für Luxusautos eigentlich nennen.

Kriegen sie ein erstes Zombiegefühl? Ein Gefühl von grenzenloser Hirnlosigkeit? Von einer toten Wirtschaft, die aber noch Spuren von Leben enthält? Keine Sorge, geht noch besser.

Aktuell scheffelt die gerade erst mit 700 Milliarden Dollar gerettet Wallstreet wieder ordentlich Geld – Gewinne bis zu 40 % sind wieder drin. Der Grund – laut Spiegel: das Investmentbanking, das uns die letzte Krise eingebracht hat, brummt wieder. Kommt ihnen da nicht das Bild eines hirnlosen Menschenfressers vor das geistige Auge, die gierig wieder und wieder vor die Haustür rennt, um Einlass zu finden? Wenn was kaputt geht: macht ja nichts, der Staat zahlt.

Schauen wir uns die neueste Investorenerfindung an – der Spiegel berichtet aktuell darüber:

Große Private-Equity-Gesellschaften in den USA nutzen die aktuellen Niedrigzinsen offenbar als Gewinnbeschleuniger: Die von ihnen übernommenen Firmen nehmen im laufenden Jahr im Rekordtempo neue Schulden auf, um sie dann als Dividende an die Finanzinvestoren auszuschütten – ein riskantes Manöver.

Sehen Sie den Zombie, wie er sich über sein hilfloses Opfer beugt und alle lebenswichtigen Organe ohne Narkose entfernt, um sie sinn- und nutzlos zu verspeisen? Übrig bleibt eine Firma, die eigentlich schon tot ist – und sich in ihrer Umwelt auch bei anderen bedienen muss, um zu überleben. Im Prinzip das Funktionsmodell unserer ganzen Gesellschaft: wir alle sind ständig auf der Suche nach Menschen, denen wir ihre Lebensessenz, ihr Geld, entreißen können.

Noch dramatischer wird es, wenn man den Bereich der Wirtschaft verlässt.

Schauen wir uns mal den aktuellen Spionageskandal an: unsere Alliierten haben uns ausgehorcht wie einen Feindstaat. Aus und vorbei mit dem Traumbild der westlichen Wertegemeinschaft. Was meint einer unsere Sozialdemokraten dazu? Hören wir dazu Otto Schily, hier im Spiegel:

 Die Furcht vor dem Staat trage „wahnhafte Züge“.

Hier werden wir alle mit einem Schlag zu Geisteskranken erklärt – jedenfalls alle die, die in dem Staat nicht Gottvater persönlich erkennen. Pharaonen hatten auch so eine Anspruch. Sehen Sie es schon vor sich: ein Volk voller hirnloser Arbeitsdrohnen, das entmündigt gehört, sobald es Regierungshandeln in Frage stellt? Vielleicht beißen die auch ihre Nachbarn – in ihrem Wahn?

Hören wir dazu einen Psychiater. Vielleicht jenen, der im NSU-Prozess die Angeklagte begutachtet, hier in der Zeit:

In der Psychiatrie beobachten wir immer wieder, dass mancher Verfolgungswahn einen wahren Kern hat. Etwas stimmt an der Geschichte, doch die darauf aufbauenden Gedanken können trotzdem krankhaft, realitätsfern und überzogen sein.

Heist auf Deutsch: der Kranke war gar nicht krank, seine Gedanken hatten eine wahren Anlass …. aber wir haben ihn trotzdem erstmal eingesperrt, weil uns seine Schlußfolgerungen nicht gefielen. Der gleiche Psychiater hat – folgerichtig – auch noch einen weiteren Satz präsentiert:

Böse oder aggressiv sein zu können, das ist leider eine sehr verbreitete und letzten Endes auch gesunde menschliche Fähigkeit. 

Böse sein ist gesund?

Sitzen die  Guten dann alle in der Psychiatrie? Selten wurde der Zeitgeist so gut beschrieben – und ich denke, das ist es, was uns schaudern lässt. Dort trifft der Zombiemythos die Realität, wir erfahren uns als einzig gesunde Menschen in einer völlig krank und abartig gewordenen Welt, in der die Tatsache, dass ein Kameramann von Russia Today auf Wunsch der US-Botschaft von deutschen Polizisten mit gezogener Waffe an der Arbeit gehindert wird, nur noch eine Randnotiz wert ist (siehe junge Welt). Der agressive Böse, der durchs Land wankt, ist völlig normal – der kritische Staatsbürger geisteskrank. Selbst wenn er echte Defizite des Staates erkannt hat, so kann man sicher sein, dass man ihm in Folge schon irgendeine Verschwörungstheorie anhängen kann.

Dabei ist es die FAZ, die heute die Frage stellt, ob der ganze Staat nicht in Wirklichkeit eine Lüge ist, eine Leiche, die willenlos durch die politische Welt wankt:

Zu diesen älteren Fragestellungen, die virulent werden könnten, zählt Deutschlands ungeklärte Souveränität: Ist das Grundgesetz – trotz des 1991 in Kraft getretenen Zwei-plus-vier-Vertrags – nur eine schöne Fassade, hinter der sich noch immer ein hässliches Kontrollrecht verbirgt?

Wolfgang Lieb, in den neunziger Jahren Regierungssprecher im Kabinett von Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Johannes Rau, hat vor wenigen Tagen „die Gretchenfrage“ gestellt: Ist das Grundgesetz nur Dispositionsmasse eines wie auch immer gearteten Besatzungsrechts? Gilt der Ausnahmezustand, ohne dass wir es wissen? Und kann es angehen, dass der BND einem ausländischen Geheimdienst dabei hilft, unsere Grundrechte zu brechen? Solche Fragen werden von bedingt abwehrbereiten Politikern gern als Hysterie, paranoider Wahn oder Alarmismus abgetan. 

Was von weitem so aussah wie ein Mensch, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als lebender Leichnam. Kommt man ihm zu Nahe, sieht seine häßliche Fratze, droht Psychiatrie – der RAF-Anwalt Schily wird wissen, warum er so was erwähnt.

Was wir in diesem Artikel aber noch erfahren: es gab eine Zeit ohne Zombies:

Zehn Jahre lang, von 1958 bis 1968, wurde debattiert und protestiert. Es ging um die gleichen Themen wie heute! Mit einem kleinen, aber wichtigen Unterschied: Damals engagierten sich nahezu alle, die im Kulturbetrieb Rang und Namen hatten: Hochschulprofessoren wie Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Jürgen Habermas, Alexander Mitscherlich, Iring Fetscher und Oskar Negt; Schriftsteller wie Heinrich Böll, Martin Walser, Hans Magnus Enzensberger, Rolf Hochhuth, Walter Jens und Erich Fried; auch „Spiegel“-Herausgeber Rudolf Augstein und der Parlamentarische Geschäftsführer der FDP-Fraktion, Hans-Dietrich Genscher.

Unvorstellbar, oder? Damals gab es eine breite gesellschaftliche Front gegen den staatlichen Terror – und heute?

Nur noch Zombies auf den Straßen. Tja – 1968 brachte Romero ja auch seinen ersten Zombiefilm ins Kino – einen Film der nun auch in Kanada auf der Theaterbühne zu sehen ist.

Die Kultfigur kam passend zum neuen politischen Klima und trat ihren Siegeszug in der Kulturwelt an, weil sie so schön in unserem Alltag erlebbar ist.

Und merken Sie, warum das Lebensgefühl eines denkenden Menschen in der Alltagswirklichkeit eher dem eines Protagonisten in einem Horrorfilm gleicht, in dem auch Politiker, Intellektuelle, Gewerkschafter und Professoren nur noch seelenlose Gestalten sind, die geldhungrig durch die Gegend wanken? Anders als 1958 bis 1968.

Merken Sie, wie tot dieses ganze Land geworden ist?

Wenn nicht … dann gehen Sie einfach mal zum nächsten Fußballspiel zwischen Dortmund und München und versuchen sie den dort auflaufenden 80 000 Gestalten zu erklären, warum sie umgehend das Spiel absagen sollen, um ihren Unmut gegen den Wahn in Wirtschaft und Politik kund zu tun.

Aber seien Sie vorsichtig: Waffen sind in diesem Land noch nicht erlaubt.

 

Terror in Norwegen, das Böse und die naturwissenschaftliche Kultur

Heute gehe ich mit den Kindern ins Kino: Harry Potter muss es sein. Die Sage vom Kampf des Guten gegen das Böse. Als jugendlicher Atheist stand ich einst seht verwundert vor dem Phänomen: Star Wars, der Herr der Ringe - so etwas sagte mir nichts.  Billige Märchen für kleine Kinder ...  und doch musste ich wahrnehmen, das die Menschen - die modernen, aufgeklärten Bürger eines säkularen und durchrationalisierten Rechtsstaates -  diese Märchen lieben. Der Grund scheint einfach: solange das Böse erlebbar ist, fällt es schwer, nicht daran zu glauben. Wenn die Kultur selbst aber im Kampf gegen das Böse völlig versagt, dann muss sich das Gemüt auf andere Weise Luft verschaffen: zum Beispiel durch Märchen, die die Hoffnung fördern, das es neben den finsteren Superwesen auch Engel gibt, Zauberer, die für die Menschheit streiten.

Heute gehe ich mit den Kindern ins Kino: Harry Potter muss es sein. Die Sage vom Kampf des Guten gegen das Böse. Als jugendlicher Atheist stand ich einst sehr verwundert vor dem Phänomen: Star Wars, der Herr der Ringe – so etwas sagte mir nichts.  Billige Märchen für kleine Kinder …  und doch musste ich wahrnehmen, das die Menschen – die modernen, aufgeklärten Bürger eines säkularen und durchrationalisierten Rechtsstaates –  diese Märchen lieben. Der Grund scheint einfach: solange das Böse erlebbar ist, fällt es schwer, nicht daran zu glauben. Wenn die Kultur selbst im Kampf gegen das Böse völlig versagt, dann muss sich das Gemüt auf andere Weise Luft verschaffen: zum Beispiel durch Märchen, die die Hoffnung fördern, das es neben den finsteren Superwesen auch Engel gibt, Zauberer, die für die Menschheit streiten.

Die Muster für diese Geschichten sind uralt, zieren die ältesten Mythen der Menschheit: der Zauberer im Kampf gegen die finsteren Mächte, die sich als Krankheit oder Wahnsinn in der menschlichen Gemeinschaft manifestieren können. Wir sehen das heute noch genauso. Der Mönch Anselm Grün vergleicht in einem älteren Werk den Kampf der „Wüstenväter“ mit den Dämonen mit psychoanalytischen Kategorien – und stellt keinen Unterschied fest. Die einen nennen das so, die anderen so – das Phänomen jedoch ist das gleiche.

In der Philosophie ist man solche Perspektiven gewöhnt. Auf der einen Seite stellt der Vatikan eine Zunahme der dämonischen Aktivitäten fest und forciert die Ausbildung von Exorzisten, um die schlimmsten Auswüchse zu verhindern. Auf der anderen Seite beschreiben wir eine Zunahme psychischer Beeinträchtigungen – Einweisungen wegen Depressionen haben sich in zehn Jahren in Deutschland  verdoppelt, weltweit sind es gerade die reichen Länder, die die Statistik anführen. Glück kann man eben doch nicht kaufen … vielleicht sogar gerade nicht.

Es ist in erster Linie die naturwissenschaftliche Kultur, der wir die Hilflosigkeit im Umgang mit dem Bösen zu verdanken haben – und auch seine Förderung. Wir kümmern uns sehr detalliert um die Hardware, um das Gehäuse und die Leistungsdaten des PC. Die Software hat gefälligst von selbst zu laufen. Der Fall der Massenmorde in Norwegen zeigt, das selbst die ausgeklügelte Hardware die Bösen nicht aufhält, finster formuliert könnte man sagen: die Naturwissenschaften sorgen nur für ihre bessere Bewaffnung, für bessere Werkzeuge der systematischen Überwachung und Unterdrückung, doch das Böse selbst können sie nicht aufhalten.

Sie können es noch nicht mal theoretisch erfassen, darum sind sie so oft fassungslos, wenn sie ihm begegnen. Da ist der Schamane oder indianische Zauberpriester gefestigter, er weiß sofort, was los ist: Depressionen, Massenmord oder Wirtschaftskrise – da ist der Teufel am Werk. Sie haben es gut, diese magischen Menschen: ein Zauberspruch hier, ein Kräuterchen dort, etwas räuchern – schon ist sie fort, die Depression, der Geist im Massenmörder gebannt, der Fluss der Wirtschaftsgüter harmonisiert.

Wir hingegen züchten „Bloodlands“ … eins nach dem anderen. Wie es dort unter anderem aussieht, beschreibt die Welt in einem Artikel über „die Ökonomie der Apokalypse“:

Die Verhungernden aßen zunächst ihre Haustiere, dann Gras, schließlich machte sich der Kannibalismus breit. Eltern aßen ihre Kinder, Kinder ihre Eltern. In einem Waisenhaus entdeckte die Erzieherin, dass die Kinder über das schwächste Kind hergefallen waren und an ihm knabberten, während es selbst aus dem eigenen Körper Fleischstücke riss und in den Mund stopfte.

Wundert man sich über die Genese des neuen Mythos: der Zombie, der sich von seinen Mitmenschen ernährt? Er berührt reale Ängste. Hitler und Stalin betrieben die Ökonomie der Apokalypse (Deutschland hat dabei den ersten Platz gemacht – aber dankenswerterweise den Krieg verloren) – ebenso wie die Bundesrepublik Deutschland durch Hartz IV: die Streichung der Regelsätze ist im Prinzip (noch nicht in der Dimension – aber das ist der kleinere Schritt) ein Teil der Ökonomie der Apokalypse, der zu solchen Erscheinungen führen kann, wie wir sie im russischen Waisenhaus vorfanden: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“.

Das ist einfach nur Böse – und das ist die Kategorie, in die der Massenmord von Oslo gehört. Da geht es nicht um den albernen Streit von „rechts“ und „links“, in dem es lediglich darum geht, wer dieses Jahr etwas mehr Geld bekommt: der angestellte Manager oder die angestellte Fachkraft weiter unten, hier geht es um allergrundsätzlichste Erscheinungsformen des Bösen – über das man als Phänomen auch nicht weiter diskutieren muss oder diskutieren kann, eine Grenze die auch die Psychologie nicht überschreiten kann:

Da er offenbar nicht manifest schizophren oder wahnhaft ist, muss man aus psychiatrischer Sicht von einer schweren Form einer schizoiden Persönlichkeitsstörung ausgehen, die vordergründig „normal“ daher kommt.

Persönlichkeitsstörungen (Hitler, Goebbels, Pol Pot, Kim Jong-il etc., die Liste ist sehr lang) können in ihrer Gefährlichkeit wesentlich aggressiver sein als wahnhaft-schizophrene Erkrankungen.

Normale Menschen kennen „das Böse“ als emotionale Wahrheit – es ist ein Problem der Software. „Schwere Form einer schizoiden Persönlichkeitsstörung“ ist eine schöne Worthüle, die im Prinzip nichts aussagt, als genau das: das war ziemlich böse.

Wie böse nun die Erfinder von Hartz IV waren, entscheidet sich an ihren Intentionen, da sie aber im Prinzip die Waffe „Hunger“ als legitimes Mittel im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit im eigenen Volk eingesetzt haben, können sie schon mal in jene Schublade gesteckt werden, in denen die Stifter von „Bloodlands“ liegen.

Der Massenmord von Norwegen, die deutschen Hungersanktionen oder die Zunahmen an Geisteskrankheiten der weitgehend untödlichen Art sind jedoch nicht die einzigen Erscheinungsformen des Bösen – der US-Haushaltsstreit kann schon in wenigen Wochen zu einem Kollaps der Weltwirtschaft führen und zu einer Wirtschaftskrise, die mehr Hunger in die Welt setzt als alle anderen Krisen zuvor. Eine Gesinnung, eine Haltung, die solche Möglichkeiten billigend in Kauf nimmt, ist schlichtweg – böse, so böse wie der Gebrauch von Massakern als Marketinginstrument – gleichwohl ist es auch sehr vernünftig – einfach mal die Täter selbst fragen.

Es ist nicht nur ein Attentäter, der uns auf besonders drastische Art und Weise klar macht, das das Böse durch Technik nicht aufzuhalten ist. Aus der Sicht anderer Kulturen ist es eine breite Offensive des Bösen, die die Welt des weißen Mannes überrollt, aber der weiße Mann selbst kann das nicht mehr sehen. Er liegt tot im Gras, obwohl er das teuerste und modernste Handy der Welt besaß. Das Handy … hätte ihn aber auch nicht vor dem Hunger beschützt.

Den „Experten“ in den „Talkshows“ mag dies alles entgehen, aber ich glaube, das die ganz normalen Menschen dieses Gefühl für das Böse mit anderen normalen Menschen aus anderen Kulturkreisen teilen – wo man Babys als Pfand behält, ist etwas sehr Böses am Werk. Die Menschen fühlen sich allein gelassen mit ihrem Erleben (und trotz der Exorzisten merke ich diese Tendenz auch bei Katholiken), das in den gigantischen naturwissenschaftlichen Theoriengebäuden keinen Platz findet, Theoriengebäuden, die in erkenntnistheoretischer Hinsicht noch luftiger sind als die Channelingphantasien der Esoterik – die Erforschung „extrasolarer Planeten“ wird zwar staatlich finanziert (um nur ein Beispiel zu nennen) – aber hat auch nur einer mal einen gesehen? Es sind Theorien, die sich auf Hypothesen, Annahmen und Vermutungen stützen, aber aus Kreisen und Politik und Wirtschaft gerne als „Wahrheit“ durchgesetzt werden, wobei man jene, die sie anzweifeln, gerne mal als „psychisch krank“ darstellt.

Soll es etwa gesund sein, Geld für die Erforschung extrasolarer Planeten auszugeben, wofür man Kindern von Arbeitslosen den Hartz IV-Satz streicht?

Es sind auch Erfahrungen dieser Art, die den Menschen das Gefühl vermittelt, das etwas Böses umgeht – und ich vermute, das sie deshalb in die Passivität versunken sind. Das Böse hat eine Nebenwirkung, die jeder kennt: es macht Angst, Angst wie die vier Reiter der Apokalypse, gerne als Krieg, Pest, Hunger und Tod dargestellt – wobei der vorzeitige Tod gemeint ist, nicht der Alterstod. Der dritte Reiter steht im Übrigen auch für … Inflation.

Nun kann man die Frage stellen: sollen wir jetzt eigentlich alle den Exorzisten zu Hilfe rufen?

Ich hoffe, das man so weit nicht gehen muss.

Aber wir könnten den Blick für das Böse schärfen und es benennen, wo wir es antreffen – und all jenen Versuchen widerstehen, des es verharmlosen wollen, es als absurden Sonderfall der Geschichte verniedlichen und möglichst so schnell wie möglich verdrängen wollen. Dazu gehört, das wir ein kritisches Auge auf jene Menschen haben, die das Böse bewußt und gezielt fördern: einfach, weil sie es „geil“ finden:

Schaut man sich Breiviks Steuererklärungen aus den vergangenen Jahren an, fällt auf, dass er schon seit 2006 kein offizielles Einkommen mehr hatte. Trotzdem explodierte sein Vermögen im Jahr 2007 von 7471 auf 631.663 Kronen – rund 81.000 Euro. Eine Erklärung dafür gibt es bislang nicht. 

Solche Menschen gibt es nicht?

Oh doch. Die Krone unserer Gesellschaft (bzw. der US-Leitkultur) pflegt einen solchen Kult, in der symbolische Kinderopfer vor einer Eulenstatue dargebracht werden. Erinnert man sich, das die Eule u.a. die kinderfressende Dämonen Lillith darstellen kann. Ob und wie diese Kultisten nur in ihrer College-Vergangenheit schwelgen oder aus Überdruss und Langeweile zum puren Vergnügen einfach mal das fördern, was Alltags verboten ist (… wer meint, das wäre ein befremdlicher Zug, der sollte  sich mal den Kölner Karneval genauer anschauen …) kann letztlich nicht beurteilt werden, solange Geheimhaltung oberstes Gebot dieser Zirkel ist.

Solche Menschen aber … werden Wirtschaftskrisen nicht verhindern.

Sie finden sie „geil“ – gibt Superbilder im Fernsehen, Splatterhorror vom Feinsten … alles live und real. Für solche Bilder geben auch heute schon Menschen viel Geld aus.

Die naturwissenschaftliche Kultur wird die Massenvernichtung von Menschen nicht aufhalten können – aus naturwissenschaftlicher Sicht spricht nichts dagegen … eher etwas dafür: die genetische Vielfalt könnte sich erhöhen, wenn man den Menschenanteil am genetischen Material reduziert. Manch einer wollte schon als tödlicher Virus wiedergeboren werden, um die Welt vor den Menschen zu schützen – wer weiß, was solche Leute jetzt gerade wieder anrichten. Die naturwissenschaftliche Kultur ist ratlos, fassunglos und machtlos, wo sich das Böse entfaltet, weil … das Böse eben ein geisteswissenschaftliches Problem ist, das aber nicht durch die Tatsache verschwindet, das die eigene Wissenschaft keine Kategorie hat, die es erlaubt, es wahrnehmen zu können.

Für Naturwissenschaftler sind aus dieser Sicht extrasolare Planeten realer als Massenmörder – letztere sind einfach viel zu unvernünftig, als das man sie ernst nehmen könnte. Andererseits ist das Massaker als Marketinginstrument

Und schon wissen wir, das es einen ganz einfachen Grund für die Zunahme des Bösen in der Welt geben könnte: wir ignorieren es bewusst – bis es uns tötet.

Deshalb scheint es mir verständlich, das die Menschen sich Mythen zuwenden, in denen das Böse direkt bekämpft wird, anstatt das man nur dauernd über seine schlimmen Folgen klagt.

 

 

 

 

 

 

 

 

Vampire und Zombies

Manchmal beschreitet man seltsame Wege, angestoßen durch Dinge, die man sich nicht erklären kann.

Eines, was mich angestoßen hatte, war die Angst eines Schulfreundes vor Vampiren. Nicht, das er an sie „geglaubt“ hätte, wir man heute neudeutsch so schön formuliert, ohne etwas damit auszusagen.

Nein … er hat sich nur vor ihnen gefürchtet. Sehr sogar. Was wäre wenn … so sein Standpunkt.

Und ich … überhaupt nicht. Auch nicht: wenn … Und so fragte ich mich: warum ist das so.

Wollte mich aber nicht mit seichten Sprüchen zufrieden geben, sondern wie gehabt der Sache soweit auf den Grund gehen, das mich die Erkärung auch wirklich zufrieden stellt.

Hätte ich vielleicht lassen sollen, denn es wurde ein sehr weiter Weg.

Zum erstenmal fündig wurde ich bei einer psychologischen Analyse des Schauerromans „Dracula“ Stoker.
Dort wurde die Wirkung jenes rein künstlich konstruierten Vampirbildes gesellschaftskritisch analysiert.

Einsamer Graf, klaut Frauen, tötet Kinder zum Spaß, Blutsauger, unheimlich, kultiviert … das war keine neue Erfahrung für die Menschen. Hunderte ihre Vorfahren hatten tagtäglich Erfahrungen mit „Adel“ gemacht … und Graf Dracula konzentrierte diese Erfahrungen als … „Angstbild“. Darum wurde er so erfolgreich, weil er auf einer „emotionalen Ebene“ „echt“ war.

Auf der gleichen Ebene, auf der auch Märchen wirken und therapeutisch mit großem Erfolg eingesetzt werden können … u.a. um Kinder von chronischen Alpträumen zu befreien.

Hach … fand ich das spannend. Mythen als Spiegelbilder seelischer Prozesse und gesellschaftlicher Mächte, die Angst erzeugen…..aber durch die Realisierung als Bild auch bewältigbar wurden.

Forschte weiter, betrat ein wunderbares … und auf der psychischen Ebene völlig reales Universum.

Moderne Mythen wurden mein liebstes Hobby. Und die alten dann auch.

Bis der Tag kam, da wurden die ältesten Flüche der babylonischen Göttin Ereschkigal war: die Toten stiegen aus den Gräbern und fraßen die Lebenden … und zudem sah ich mich wieder mit den chronischen Alpträumen meiner Kindheit konfrontiert.

Auf einmal gab es … Zombies. Nicht die blöd glotzenden dienstbeflissenen untotsklaven haitianischer Plantagenbesitzer … sondern eine ganz neue Qualtität an Mythenbildern eroberte die Welt.

Und anders als andere Versuche (die, wie der „Blob“, kläglich gescheitert sind) wurden sie … adaptiert.

Akzepitiert.

Heerscharen zerfallender, toter, häßlicher Menschen in normaler Alltagskleidung zogen eine blutige Spur durch Literatur und über Leindwände. Die Menschen schienen gar nicht genug von ihnen bekommen zu können.

George R. Romero, der „Erfinder“ jenes Horrors, gestand einmal, wann er denn das erstemal die Idee dazu hatte:

In einem Einkaufszentrum, als er gemütlich Kaffee trinkend dem Volk beim „shoppen“ zusah. Da liefen vor seinem geistigen Auge das erste Mal diese Bilder ab, die er dann auf die Leinwand brachte. Er brauchte sie nur noch äußerlich in einen Zustand zu versetzen, in dem sie sich innerlich schon längst befanden.

Der französische Zeichner Gaza hat sich daran angeschlossen … seine Zombies strömten aus den Wohnungen, als versehentlich einmal der Fernseher ausfiel. Sein Held wurde im letzten Moment gerettet, als
die Kisten wieder ansprangen und die Horden zurück zu ihrem Gott schlurften, der dann doch wieder ihr leeres Hirn mit Bildern füllen konnte.

Gaza und Romero fielen mir spontan ein, als ich dachte … was wird wohl diese Krise, die Köhler beschrieb, mit den Menschen anstellen, deren größtes Interesse bislang darin bestand, wer der nächste Superstar ist und was wohl bei Gottschalk passiert.

Zombies?

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