Zigeuner

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Von Zigeunern lernen – oder untergehen?

Von Zigeunern lernen - oder untergehen?

Sonntag, 20.10.2013. Eifel. Seit einiger Zeit habe ich das Angebot eines Lesers, uns Liveberichte über Roma aus Rumänien zu schicken. Nun – ich höre gerne etwas aus Rumänien, zumal dieser Leser ein sehr interessanter und weltgewandter Mensch ist, nur sagt mir das Thema „Roma“ nichts. Also war ich heute einmal in einer Galerie (Eifel Kunst), wo ein stellvertretender Bürgermeister ein paar und ein Seelsorger ganz viele Worte über Roma sprachen – umgeben von zahlreichen Fotos echter Zigeuner. Es waren interessante Einblicke in eine fremde Welt, gekrönt von der Frage, warum eigentlich die Zigeuner in der ganzen Welt so abgelehnt werden. Ich möchte hier übrigens den deutschen Begriff Zigeuner verwenden, ich denke, als „Gadscho“ darf ich das auch, weil ich sowieso von nichts eine Ahnung habe.

Es ist natürlich auch die Frage, warum Hexen auf der ganzen Welt so eine Ablehnung erfahren. Das Reden über Hexen ist ebenso schwierig wie das Reden über Zigeuner, erst recht, wenn man erfährt, dass echte Hexen in der Ethnologie vor allem eins sind: unsichtbar und körperlos. So wie man weiß, dass Zigeuner stehlen und auf die Straße kacken, weiß man, dass die Kirche Hexen verbrannt hat – völlig abgesehen von der Tatsache, dass echte Hexen körperlos sind und gar nicht verbrannt werden können … es sei denn, man unterstellt einfach mal der Nachbarin, dass sie eine sei. So schnell werden Begriffe Mordinstrumente.

Das mit den Kirchen ist eine Lüge – aber das stört heutzutage niemanden mehr, die „aufgeklärte Gesellschaft“ kann mit Lügen gut leben, wenn sie nur ihren Zweck erfüllen. Heute weiß man, dass es nicht die Kirchen waren, die Hexen verbrannten, sondern Staat und Gesellschaft, also „die Guten“. Die gleichen „Guten“ haben auch Juden, Kommunisten, Schwule und alle anderen verbrannt, die ihnen gerade nicht in den Kram passten, ist also gar keine Besonderheit, wenn man merkt, dass die auch Hexen und Zigeuner jagen, der eine oder andere Arbeitslose erhält gerade auch eine Prise Menschenhatz – im angeblich so aufgeklärten Deutschland des 21. Jahrhunderts.

Nur wenigen fällt auf, dass die unbegründete, industrielle Vernichtung von Menschenmassen eine Erscheinung der „Moderne“ ist, unser Alltag ist voll von lustigen Sprachbrocken, die solche Erscheinungen begleiten: „Sozialromantik“, „sozialverträgliches Frühableben“, „Kosten auf zwei Beinen“, selbst Minister reden schon gerne von „Schmarotzern“, „Parasiten“, die „nicht essen sollen, wenn sie nicht arbeiten“: das ist die Ethik von Freunden der Leibeigenschaft, die den Menschen nur nach seinem materiellen Nutzen beschreiben. Sie haben auch gezeigt, wie man mit Menschen verfährt, die unnütze Esser geworden sind. Wird gerne verdrängt in Deutschland, ist aber trotzdem wahr.

Ebenso verdrängen wir, dass wir Zigeuner genauso der Massenvernichtung zugeführt haben wie Juden, da gab es echt keinen Unterschied – nur haben Zigeuner keine Lobby, die sie international verteidigen würden.

Auf der Ausstellung tat dies ein Seelsorger der Kirche – und ich habe mir erlaubt, schweigend und interessiert zuzuhören.

Einige interessante Momente sind hängen geblieben: die große Liebe zu Kindern, der starke soziale Zusammenhalt, die Wertschätzung der Alten.

Seltsam, dass so etwas in den großen Medien gar nicht hängen bleibt.

Ich kenne persönlich keine Roma, weiß also überhaupt nicht, was von den Warnungen über den 1.Januar 2014 zu halten ist, wenn die Roma Deutschland überschwemmen. Vielleicht nicht viel, viele Zigeuner sind seit Jahrhunderten in Deutschland ansässig und – wie ich lernen durfte – teilweise steinreiche Immobilienbesitzer. So etwas ergibt sich schon mal, wenn Familien über Generationen eng zusammenarbeiten.

Ich kenne nur die aufgebauschten Medienberichte über Zigeunerhäuser aus dem Ruhrgebiet, die mich nicht verwundern: überall auf der Welt entwickeln Nomaden schwer erträgliche Eigenheiten, wenn man ihnen ein sesshaftes Leben aufzwingt. Überall auf der Welt entwickeln Volksgruppen seltsames Verhalten, wenn sie sich von einer Mehrheit verfolgt fühlen – was dann für die Mehrheit der untrügliche Beweis ist, dass man sie zurecht verfolgt.

Während des Vortrags kam mir Vine Deloria in den Sinn, ein Rechts- und Politikwissenschaftler aus den USA, der in den siebziger Jahren mit seinem Buch „Nur Stämme werden überleben“ erfolgreich war. Ich zitiere mal aus seinem Buch, hier bei Amazon veröffentlicht:

»Wir haben Leute gehört, die uns predigten, wir müßten alles Indianische aufgeben, denn es sei Indianern unmöglich, ihre Lebensweise innerhalb der zivilisierten Welt beizubehalten. Wir haben zugesehen, wie Land gestohlen wurde, damit riesige Dämme und Fabriken gebaut werden konnten. Jedesmal, wenn wir uns der ausbeuterischen Landnutzung widersetzten, wurde uns erklärt, Fortschritt sei notwendig für den „American Way of Life“. Jetzt ist das Lachen an uns. Nach 400 Jahren fröhlichen Raubbaus findet sich der weiße Mann nur eine Generation von der Auslöschung des Lebens auf unserem Planeten entfernt. Natürlich werden auch die Indianer ausgelöscht – aber nicht, weil wir nicht begriffen hätten, was vor sich geht. Nicht, weil wir uns nicht gewehrt hätten, und auch nicht, weil wir uns geweigert hätten, Stellung zu beziehen. «

Der weiße Mann – der „Gadscho“ – nur eine Generation von der Auslöschung entfernt: noch eine Wahrheit, die wir gerne verdrängen. Ob nun genveränderndes Plastik, dass das Potential hat, die Menschheit unfruchtbar zu machen, Atomwaffen und künstlich modifizierte Superseuchen, ein kapitalistisches Wirtschaftssystem, dass sich gerade selbst auffrisst, Konzerne, die Saatgut mit Todesgenen versehen und Gifte flächendeckend verteilen oder einfach unser Alltag voller Lebensmittelskandalen und krebserregenden Stoffen in sämtlichen alltäglichen Gegenständen: nur noch radikale Verdrängung der Probleme erlaubt es uns, ausgelassen den Kölner Karneval zu genießen – anstatt die Energie in die Lösung der Probleme zu stecken.

Ich möchte auch gerne jeden Kritiker der Zigeuner mal auf den Prüfstand stellen. Wo wäre man im Alter lieber: im vertrauten Kreis der Familie – oder abgestellt auf der obersten Etage eines Altenheimes, wo nur einmal am Tag ein Pfleger nach dem Rechten schaut – selbst dann, wenn man seine eigenen Angelegenheiten nicht selbst erledigen kann. Wer hinschaut, wie wir mit unseren Alten umgehen – schon jetzt – dem wird schnell klar, welche Zustände Personalmangel und Kostendruck in Zukunft in diesen Verwahranstalten Alltag werden lassen. Auch das: verdrängen wir, ebenso wie die Tatsache, dass die Jugend schon jetzt durchblicken läßt, wie sie mit den Alten umgehen will: der Ausdruck „Gammelfleisch“ spricht eine deutliche Sprache – die Sprache der Verrohung, die Übles ahnen läßt.

Die Kinder – so habe ich gelernt – werden dort wie kleine Prinzen behandelt. Und unsere Kinder? Die Kinder der „überlegenen Kultur“, die seit Jahrzehnten am Abgrund tanzt und täglich (!) mehr an Gleichgewicht verliert? Im kinderfeindlichsten Land Europas (wenn nicht gar der Welt) mag ich diese Frage gar nicht mehr stellen, unterbezahlte Erzieherinnen und überarbeitete Eltern können hier kaum mehr bieten als systematische Verwahrlosung, die weit von den hehren Erziehungsidealen der „Aufklärer“ entfernt sind.

Schaue ich mir an, welchen „Diebstahl“ unsere Generation an der deutschen Jugend vollzieht, wie wir ihnen Schuldenberge auflasten, die sie nie zurückzahlen können (erst recht nicht mit der billigen Ausbildung deutscher Schulen in einer Wirtschaft, die lieber von der Steuer absetzbare Maschinen anschafft als Menschen beschäftigt) – da wird das geklaute Huhn von nebenan ein ganz kleines Problem.

Wenig gelernt habe ich über die Frage, ob die Zigeuner glücklich mit ihrer Kultur sind, ihren Stämmen, Riten, verschworenen Gebräuchen. Was ich aber annehme, ist, das wir mit unserer Kultur unglücklich sind … aber kaum noch einer traut sich das zu sagen: wie leben in der besten aller möglichen Welten, wer das nicht einsieht, kann ja „nach drüben gehen“ – was mangels konkret gelebter gesellschaftlicher Alternative nur noch das Jenseits sein kann.

In Tschechien möchte man Roma schon wieder „ins Gas schicken“ (siehe SWR). Dort scheint man die deutsche Vergangenheit nicht verdrängt zu haben: im Gegenteil, man findet sie gut.

Der echte Nazi findet seinen „Juden“ überall – und wenn die Juden alle sind, dann sucht er sich eben andere: Schwule, Arbeitslose, Christen, Zigeuner – egal, Hauptsache, es passt ein Stiefel ins Gesicht. Warum überrascht es eigentlich nicht, dass einige NS-Auffassungen vom Zigeuner in Deutschland bis in die neunziger Jahre hinweg fortgelebt haben. Demnach sind Zigeuner eine

„erbliche Unterschicht“ minderer „Bevölkerungsqualität“, die durch eine im Vergleich zur Mehrheitsbevölkerung überdurchschnittliche Kriminalitätsrate bei unterdurchschnittlicher Intelligenz charakterisiert sei und sich zur Begrenzung des damit verbundenen gesellschaftlichen Konfliktpotenzials weniger für strukturell angelegte Förder- und Bildungsprogramme als für die bevölkerungssanitäre Maßnahme der Geburtenkontrolle empfehle

Siehe Wikipedia. Rassenhygiene im vereinten Deutschland – ganz aktuell. „Bevölkerungsanitäre Maßnahmen“ – wir hätten bei der Wiedervereinigung viel kritischer Fragen sollen, was da eigentlich über die Grenze kommt, will mir scheinen.

Machen das Zigeuner eigentlich auch? Planen die auch die Auslöschung ganzer Volksgruppen? Haben die sich schon mal durchgeführt?

Die moderne Kultur des weißen Mannes stünde nicht sehr gut da, wenn man sie mit jenem Blick misst, den man Zigeunern angedeihen läßt. Unsere Industrieanlagen jedenfalls haben größeren Schaden angerichtet als die Diebstähle der Zigeuner, machen die heute noch. In vielen Städten haben Industrien Menschen getötet – in großem Umfang sogar. Eine Kupferhütte in der Nachbarschaft sorgt ganz schnell für einen Anstieg des „plötzlichen Kindstodes“ – doch das Progrom gegen die Kupferhütte blieb bislang aus. Das Auto tötet jährlich Millionen (weltweit 1,2 Millionen im Jahr, siehe FAZ, Tendenz stark steigend, siehe Focus), doch führt das nicht dazu, dass es jemand aus dem Land verbannen will.

Fünf Jahre Straßenverkehr werden mehr Menschen töten als der Holocaust – für die Massenvernichtung von Menschen haben wir in der Tat ein Händchen.

Der Zigeunerköttel auf der Straße führt zum Volksaufruhr (kürzlich in Norwegen, leider – und zurecht –  nicht mehr zitierbar), doch der Hundekot (pro Tag 2500 Tonnen, siehe shortnews) findet kaum Erwähnung.

Ich kann mir nicht helfen: je mehr ich mich mit diesem Thema beschäftige, umso mehr frage ich mich: vielleicht sollten wir eher von Zigeunern lernen als sie zu jagen. Ihre Kultur hat deutlich länger überlebt als unsere – und wie lange unsere es noch macht, ist sehr fraglich. Schon jetzt brauchen wir die Rohstoffe mehrerer Planeten, um unseren Lebensstil fortführen zu können – wir haben aber nur einen. Auch ein Problem, dass wir gerne verdrängen, um noch mal ungestört eine Folge „Wetten Dass“ sehen zu können.

Ja, ich weiß: Zigeuner machen Müll. Schmeißen den einfach auf die Straße, wo alle ihn sehen können.

Und was machen wir? Produzieren Müll, pro Kopf 448 Kilo im Jahr im Jahre 2008, 455 im Jahre 2009, Tendenz: steigend (siehe Rp-online), Hundekot nicht eingerechnet.  Der löst sich nicht in Luft auf, wenn wir den in den Eimer schmeißen – wir verschiffen den bis nach Afrika, damit wir ihn nicht mehr sehen.

Verdrängung pur.

Ist es vielleicht so, dass der Müll der Zigeuner uns nur ärgert, weil er uns an unseren eigenen Müll erinnert, weil sie sichtbar machen, was wir so gern verbergen würden?

Ich werde nur immer unsicherer, ob ich noch mehr Negatives über Roma lesen möchte. Ich fürchte, wenn wir einen fairen Vergleich anstellen (und nicht wieder sichtbare Menschen im Kampf gegen unsichtbare Hexen verbrennen, um das dann der Kirche in die Schuhe zu schieben), würde unsere Kultur nicht besser aussehen.

Und bevor die nach guter deutscher Tradition  „ab ins Gas gehen“, sollten wir die lieber aufnehmen – als kleines Zeichen, dass wenigstens wir aus der Geschichte gelernt haben. Vielleicht kann man von denen auch viel für die Zukunft lernen: wie man als Familienverband in feindlicher Umwelt überleben kann.

Ich denke, für deutsche Familien ist das ein sehr interessantes Thema, denn die – stehen kurz vor der Ausrottung, ein Thema, das Konservative und Ultrarechte sonst gerne beklagen.

Und die Diebstähle, der seltsam zwanglose Umgang mit dem Eigentum der Gadschos? Ich kenne das Ausmaß nicht, aber ich weiß, was Banker schon jetzt weltweit abgegriffen haben: über eine Billion Dollar. Stört sich einer um Banker in der Nachbarschaft? Fürchtet man die? Nein.

Sollte man aber: die haben jetzt den ganz großen Coup vor, siehe Deutsche Wirtschaftsnachrichten:

Die große weltweite Enteignung wird konkret: Der Internationale Währungsfonds verlangt eine allgemeine „Schulden-Steuer“ in Höhe von 10 Prozent für jeden Haushalt in der Euro-Zone, der auch nur über geringe Ersparnisse verfügt. Das Geld soll für den Schulden-Dienst verwendet werden. Damit sollen die Forderungen der Banken befriedigt und das Schulden-System gerettet werden. Dieses Konzept habe sich bereits nach dem Ersten Weltkrieg in Europa bewährt. Der Vorstoß sollte jeden Sparer in höchste Alarm-Bereitschaft versetzen.

Cool, oder?

Während der aufrechte Deutsche den Zigeuner jagt, der sich ein Hemd von der Wäscheleine nahm, klaut ihm der Banker zehn Prozent seiner Ersparnisse.

Wetten, dass hinter dem Banker niemand herrennt, noch dass sich jemand Gedanken darüber macht, ob man Banker überhaupt ins Land lassen sollte?

Sollte man nicht – doch das ist eine andere Geschichte.

 

 

 

 

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