Viktor Frankl

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Endzeit-Poesie 4.0: „Wer vom Ziel nicht weiß …“ – Über Sinn und Unsinn des Lebens

Labyrinth von Chartres (cc by Parkwaechter)

Viele Menschen fragen sich, warum sie immer unglücklicher werden, obwohl sie in ihrem Leben doch genau dem folgen, was ihnen von klein auf durch Werbung, Medien und Schule beigebracht wurde.

Man wagt einen solch ketzerischen Gedanken fast gar nicht zu denken, aber: Könnte es etwa sein, dass die wissenschaftlichen Experten, denen wir heute bedingungslos Folge leisten (von Noam Chomsky bezeichnet als „säkulare Priesterschaft der Machtelite“) trotz ihrer umwerfenden Intelligenzbestialität keine Ahnung vom Sinn des Lebens haben und uns deswegen einen Weg weisen, der immer mehr ins Unmenschliche führt? Nicht, dass sie uns absichtlich in den Grand Canyon führen wollten – wer so etwas behauptete, begibt sich in den Bereich von Verschwörungstheorien. Da uns diese streng verboten wurden, müssen wir also nach anderen Theorien suchen, um das Absurde, das uns heute von allen Seiten her angrinst und in den Würgegriff nimmt, erklärlich zu machen. Vielleicht ist es ja schlicht und ergreifend nur ein Defizit, an dem unsere akademische Jurisprudenz krankt … ein zwar fundamentales, aber eben nur ein Defizit.

Ein Defizit, das jedenfalls zu Zeiten von Aristoteles noch nicht toleriert wurde. Definierte doch Aristoteles einen unmoralischen Menschen als jemanden, der nicht nach Weisheit („sophia“) strebt, sondern bloß in „techne“ (pragmatischem Können) und „episteme“ (wissenschaftlicher Erkenntnis) steckenbleibt – und sich somit von „nous“ (der geistigen Existenz) abschneidet.

Dass das Streben nach Weisheit bzw. der Sinn des Lebens heute in Schule und Uni nicht gelehrt wird – obwohl wir als Land der Dichter und Denker diesbezüglich aus dem Vollen schöpfen könnten – mag aber auch den Grund haben, dass es für jeden Menschen einen individuellen Sinn und eine ganz spezielle Lebensberechtigung gibt, die nicht normierbar sind und daher für eine rein auf Verwertungslogik und Massenproduktion ausgerichtete Ökonomie nur störend wären. Konsequenterweise wird diese von Viktor Frankl als „spezifisch human“ bezeichnete noetische Dimension unseres Menschseins durch ein perfekt eingespieltes Räderwerk an Aus-Bildung und Unter-Haltung möglichst schon im frühkindlichen Stadium zugeschottert und zugeteert. Der Mensch folgt dann in seinem Leben einem weitgehend fremdbestimmten Lebensstil mit unzähligen Surrogaten und kommerziell erzeugten Illusionen (siehe auch: „Über Mercedes neue ‚Grow up‘-Kampagne und Chomskys Dressur zu Habsucht, Passivität und Unterwerfung“), die ihn jedoch sukzessive aushöhlen und schließlich leer zurücklassen. Nicht nur, dass der medial suggerierte Lifestyle mit dem  innersten Lebensanliegen des Menschen nichts zu tun hat – er ist diesem sogar diametral entgegengesetzt. Das heißt, der Abstand zum eigentlichen Anliegen nach „nous“ (von griech. nous=Sinn), das man als Mensch verwirklichen möchte, wird immer größer, je mehr man den Direktiven  der „Grow up“-Werbung folgt. Dementsprechend steigt auch der Grad an innerer Verzweiflung, von Frankl bezeichnet als „existenzielle Frustration“, sodass Depression laut WHO-Prognose schon demnächst  zur Volkskrankheit Nr. 1 avancieren wird (siehe Ärztezeitung).

Die zähe Teerschicht aufzustemmen und den Schotter abzuschaufeln, unter denen unsere ursprünglichen Lebensambitionen vergraben sind, ist keine Kleinigkeit und dauert mitunter viele Jahre. Kein Wunder also, dass sich viele Menschen diese Mühe erst gar nicht antun wollen und stattdessen lieber im Beat der ‚Grow up‘-Werbung in einem unterirdischen Lebensstil dahinvegetieren. Wer sich die Mühe zur Ergründung des Lebenssinns nicht machen will (Anm.: der zwar ein individueller ist, jedoch immer auch aufs Gesamte bzw. aufs Gemeinwohl hin orientiert ist, insofern praktisch gar nichts mit dem zu tun hat, was üblicherweise als „Selbstverwirklichung“ propagiert wird) , der gleicht allerdings Helmut Qualtingers „Wildem auf seiner Maschin‘ “, der auf die Frage, wohin er denn auf seinem Motorrad rase, antwortet: „I waaß zwar net, wohin i foahr … aber dafür bin i g‘schwinder durt! “

Der Dichter Christian Morgenstern schlägt daher eine ganz andere Orientierung vor. Seiner Ansicht nach ist im Leben alles für die Katz‘ und verläuft man sich nur in einem ausweglosen Labyrinth, wenn man „das Ziel“ (den Sinn des Lebens und der Menschwerdung) nicht kennt. Den „Weg“ des Menschen, von dem Dag Hammarskjöld meinte, dass man ihn keinesfalls verspielen dürfe (siehe „Weine, wenn du kannst …“), könne man demnach nur finden, wenn man von diesem Ziel weiß.

Wer vom Ziel nicht weiß (Christian Morgenstern)

Wer vom Ziel nicht weiß,
kann den Weg nicht haben,
wird im selben Kreis
all sein Leben traben;
kommt am Ende hin,
wo er hergerückt,
hat der Menge Sinn
nur noch mehr zerstückt.

Wer vom Ziel nichts kennt,
kann’s doch heut erfahren;
wenn es ihn nur brennt
nach dem Göttlich-Wahren;
wenn in Eitelkeit
er nicht ganz versunken
und vom Wein der Zeit
nicht bis oben trunken.

Denn zu fragen ist
nach den stillen Dingen,
und zu wagen ist,
will man Licht erringen;
wer nicht suchen kann,
wie nur je ein Freier,
bleibt im Trugesbann
siebenfacher Schleier.


(Biographie + weitere Gedichte Christian Morgensterns siehe oppisworld.de)


Allgemeines zur Kolumne „Endzeitpoesie 4.0 – Brennholz gegen Robotisierung und drohenden Erfrierungstod“:

Da in unserer aus den Fugen geratenden Welt vieles nicht mehr rational verstehbar und auch kaum noch ertragbar ist, brauchen wir dringend ein Gegengewicht aus dem Reich der Poesie … mit diesem geistigen Gegengift in den Adern wird vieles Unverständliche plötzlich wieder verständlich und Unerträgliches wieder ertragbar – oder noch besser: gestaltbar!

Denn die größte Lüge, die uns heute beigebracht wird, ist: dass der Einzelne ohnehin nichts tun kann. – Das genaue Gegenteil davon ist wahr: Es kommt auf jeden einzelnen an und das mehr als jemals zuvor. Und wie uns schon Dostojewskij erklärt hat, ist im Leben auch niemals etwas umsonst, selbst wenn eine Bemühung keinen sichtbaren Erfolg zeigt: „Alles ist wie ein Ozean, alles fließt und berührt sich; rührst du an ein Ende der Welt, so zuckt es am anderen.“

Gerade unsere geistlose Zeit braucht philosophische Gedanken wie eine Wüste das Wasser. Dieses Wasser – die Gedanken der großen Geister der Menschheit – gibt es schon lange. Aber die scheinbar alten – in Wirklichkeit ewig jungen – Gedanken bleiben nicht dieselben: Jeder, der sie aufgreift und verinnerlicht, färbt sie mit seiner individuellen Persönlichkeitsnote ein und bringt dadurch wieder ganz neue Farben in die Welt, die bisher noch nicht existiert haben. Und solche Farben braucht unsere grau gewordene Welt (siehe 1000 Gestalten.de) heute dringend – sie saugt sie auf wie ein trockener Schwamm das Wasser … damit wieder Neues, Kreatives, Menschliches entstehen kann.

In diesem Sinne wollen wir der pseudopragmatischen Alternativlosigkeit (siehe „Der Führer 4.0 – Er ist schon längst da“) die Gefolgschaft in den Grand Canyon verweigern und es lieber mit Ilija Trojanow halten: „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“. – Dann kann die scheinbare Endzeit zu einem neuen Anfang werden.

 

Akuter Terroralarm in Deutschland, November 2016

Digital StillCamera

Dienstag, 1.11.2016. Eifel. Wir fragen uns oft: was ist los in Deutschland? Warum wehren sich die Menschen nicht mehr gegen das massive Unheil? Gegen den Terror? Die Ungerechtigkeit? Den Zerfall des demokratischen Gemeinwesens? Die Antwort – kann manchmal einfach sein. Aufgrund eines spontan auftretenden Zuwachses an Zeit in Folge einer geplatzten Verabredung traf ich die Antwort in Form einer ehemaligen Nachbarin – zufällig am allerletzten Tag, wo ich sie noch treffen konnte. Mitten in den Umzug platzte ich dann herein – in Chaos hoch drei, weil schief ging, was nur schief gehen konnte. Eine Wanderung durchs alte, immer noch heimatliche Tal sorgte dann für Seelenruhe – und für mich sehr überraschende Erkenntnisse. Ich hatte einen jener Menschen getroffen, die nicht mehr ´rausgingen – eine junge, lebenslustige, tatkräftige Frau, die ihre Tochter allein großziehen musste, jahrlang im Ausland gelebt hat, nie arbeitslos war, in vielen Jobs bewandert ist und zu jenen bewundernswerten Menschen gehört, die nie aufgeben, sich nie hängen lassen, nie aufgeben – und nie einen Fernseher hatten.

Was war geschehen? Nun – die junge Dame mit Dreadlocks und Hauptschulabschluss erklärte es kurz und bündig: die Menschen haben sich verändert. Sie sind seltsam geworden. Ich möchte hier nicht ins Detail gehen – und da gab es gruselige Details, passend zu Halloween … Blicke hinter die Kulissen „perfekter Ehen“, die erschauern lassen. Ihre Konsequenz: ´raus aus Deutschland. Aber erstmal eine kleine Wohnung in Stadtnähe. Und abends dann … fernsehen. Höhlenleben halt, weil der Säbelzahntiger wieder vor der Tür lauert.

Wie haben sich die Menschen verändert? Nun – sie sind erschreckend respektlos geworden. Ein Land voller Oberlehrer, jeder der perfekte Ersatz für den größten Führer aller Zeiten….wenn die Welt nur ihre Herrlichkeit endlich erkennen würde. Kaum ein Besuch von Freunden findet statt ohne belehrende Vorträge, kaum ein Moment vergeht ohne billige Dominanz- und Machtspiele, kaum ein Kontakt ohne ausgesprochene Respektlosigkeiten … es sei denn, man beschränkt sich auf das Mindeste: zusammen Sex haben, zusammen Essen, dann noch drei Worte und: Tschüss, bevor es ranzig wird und die Degenerationen zu Tage treten.

Da saß ich nun auf der Bank zusammen im strahlenden Sonnenschein mit der Antwort auf meine Fragen – und verstand es. Zieht sich nun ein viel beschäftigter, grüblerischer Mensch wie ich von Menschen zurück, weil sie … seltsam werden … dann mag es noch mit Arbeit zu tun haben, persönlichen Empfindlichkeiten, einem Einzelschicksal oder der Tatsache, dass die meisten Menschen mit Behinderten nicht klar kommen. Aber wenn die kreativen, alternativen Menschen ebenso agieren, dann … fehlt dieser Gesellschaft ihr gesündestes Element. Wenn die, die mitten im Leben stehen, sich angeekelt von ihm abwenden, weil sie, die in der Blüte ihres Lebens sind und das Leben in jedem Moment in vollen Zügen genießen wollen, draußen kein Leben mehr finden, sondern nur noch Terror – dann ist es vorbei mit „Deutschland geht es gut“.

Man darf natürlich skeptisch sein angesichts dieser Beobachtungen und Schlussfolgerungen. Immerhin antworten alle Menschen auf die Frage, wie es ihnen geht, mit „gut“. So sind wir schon dressiert worden, ohne dass es uns sonderlich bewusst wird. Nun – ich antworte oft  mit „schlecht“: die Kenntnis von Kriegsgefahr, Massensterben von Tierarten, Plastikinseln in der Größe Europas oder des kommenden wirtschaftlichenen Supergau erlaubt mir einfach nicht, meinen Zustand als „gut“ zu definieren. Die Generation Doof hat es da viel leichter, trägt aber auch keine Verantwortung. Haben Sie sich schon mal gefragt, warum Sie – der Sie genauso viel wissen wie ich – trotzdem mit „gut“ antworten? Nun – es ist die Furcht vor Terror, vor der Argumentationsdusche, die jederzeit von jedermann abgeschossen werden kann – und abgeschossen wird, wenn man  nicht aufpasst. Wir haben mutmaßlich mindestens 40 Millionen Oberlehrer im Land – die meisten davon ohne Studium und Abitur, ausgestattet mit einem Minimum an Lebenserfahrung als kleines Rädchen in einer großen Maschine, die die Welt täglich weiter unwiederbringlich vernichtet und einem Maximum an Sendungsbewusstsein, ausgestattet mit mangelhaftem Halbwissen, das sie sich unsystematisch und gedankenlos aus gängigen TV-Formaten zusammengebastelt haben und gerne irgendwie loswerden wollen.

Purer Terror – der das Wichtigste vernichtet, was Menschen verbindet: Respekt, Toleranz, Verständnis. Alle drei Punkte hängen miteinander zusammen, sind Kern jeder Freundschaft, jeden menschlichen Zusammenlebens – und das Verständnis die Grundlage jeden Friedens. Nur deshalb haben wir „Geisteswissenschaften“ – um verstehen zu können, dass alle Menschen ok sind … aber den Umständen entsprechend auch zu Häßlichkeiten neigen. Die „Laberfächer“, wie sie von den Technokultisten genannt werden, die glauben, man könne mit Schraubenschlüsseln und Mikrowellen den Krieg auf ewig verbannen, haben in der Tat nur ein Ziel: Frieden zu bringen. Aber den Frieden der Lebendigkeit, nicht den Friedhofsfrieden, den die Waffen der Technokultisten mit jedem Krieg immer perfekter füllen. Wo kein Verständnis ist – ist keine Freundschaft möglich … und kein Frieden, wenn man nicht voreinander weglaufen kann. Allerdings fordert das Verständnis des Menschen durch Menschen absolute geistige Höchstleistungen, gegen die die naturwissenschaftlichen Arbeiten einfach und naiv sind. Das ergibt sich aus der Natur der Materie: Naturwissenschaften haben ein Subjekt, das  beobachtet (der Wissenschaftler), und ein Objekt, das beobachtet wird (die Natur) – bei Geisteswissenschaften sind beide Elemente gleich, was den Erkenntnisprozess enorm verlängert – bzw. fast unmöglich macht. Doch möglich machen müssen wir ihn, wenn wir Frieden finden wollen: zwischen Menschen, zwischen Mensch und Natur … oder allein schon zwischen Mann und Frau.

Doch was ist die geisteswissenschaftliche Höchstleistung des modernen TV-Eremiten? Der Satz „Ich versteh´ das nicht“ – nie als Herausforderung verstanden, sich selbst mehr anzustrengen, sondern immer als abschließendes Urteil, das auch immer eine Entwürdigung des Beobachtungsgegenstandes enthält. „Ich bin doof“ – wäre eine adäquate Übersetzung dieser Floskel … doch das kommt einem kaum noch in den Sinn.

Diese Form von Terror – mangelnder Respekt, mangelndes Verständnis, mangelnde Toleranz – ist die zentrale Wurzel des Übels jenes Terror, der uns in der Gegenwart droht. Glauben Sie nicht? Ich wähle mal ein paar Beispiele aus, die Ihnen das Leben kosten können … mitten in einem der reichsten Länder der Erde, ganz automatisch, ganz ohne Verbrecher oder Unfälle.

Nehmen wir das aktuelle Beispiel der Krankenhäuser: 1300 Krankenhäuser in Deutschland sollen geschlossen werden zugunsten einer komplett neuen Struktur, die nur noch aus großen Zentren besteht (siehe Spiegel). Wissen Sie, was das heißt? Massensterben im ländlichen Gebiet. Herzinfarkte müssen schnell versorgt werden, der Weg zur Großklinik ist immer weit. Begründung? Die Idee kommt vom stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der SPD, die für Säuberungen a´ la Stalin schon immer eine gewisse, heimliche Sympathie hatte.

Bitte – das stimmt nicht? Gut – leiten wir nach dem Terror gegen das ländliche, natürliche Leben gleich zum nächsten Terror über: dem Terror gegenüber den Verlierern der Globalisierung, den Arbeitslosen der westlichen Industriegesellschaften, die als menschlicher Ballast so billig wie möglich am Rande der Gesellschaft untergebracht werden. Da gibt es eine aktuelle Meldung der Tagesschau, deren Quelle angeblich die Bildzeitung ist (siehe Tagesschau), wonach Arbeitslose mit einer Verschärfung des Bußgeldes rechnen müssen, wenn Sie in den Augen ihrer juristisch äußerst schlecht ausgebildeten Aushilfsrichter (sprich: Sachbearbeiter) ein Vergehen begangen haben: bis zu 5000 Euro drohen da – mehr als der Jahressatz eines Arbeitslosen. Dieser Terror – als Botschaft geheim nur zwischen der Achse BA Nürnberg-Bildzeitung ausgetauscht – trifft nicht nur jeden Arbeitslosen, sondern jeden erwerbstätigen, der theoretisch arbeitslos werden kann. Dies gilt auch für die Menschenjagden, die die Achse BA Nürnberg-Bildzeitung willkürlich veranstaltet – man erinnere sich nur an „Florida Rolf“, der Opfer dieser Kampagne wurde, die Hartz IV vorbereiten sollte: den Terror gegen die „Minderleister“ deutschlandweit zu inszenieren. Florida Rolf – der kein Gesetz gebrochen hatte, mal Millionär war und mehr Steuern gezahlt hat als jeder Durchschnittsdeutsche lebt heute wie ein Eremit – dabei war er mal ein „Lebemann“ (siehe Berliner Zeitung). Umzug und Lebenshaltungskosten jener Menschen, die „Sozialhilfe unter Palmen“ (SPD) bezogen, kosteten den deutschen Steuerzahler übrigens mehr als der Aufenthalt im preiswerten Ausland – aber wer macht die Bildzeitung schon dafür haftbar?

Respekt, Toleranz, Verständnis? Wer interessiert sich schon noch für die Gefühle der Ausselektierten, deren Arbeitslosigkeit den Arbeitenden Angst macht (siehe Spiegel): dabei ist es nicht die Arbeitslosigkeit, die Angst machen sollte, sondern die Prinzipien der Politik, die Arbeitslose mit Terror überziehen: einem Terror, für den man in der Oberlehrergesellschaft genug asoziale Verstärker findet.

Wissen Sie, was ein schönes Sinnbild für diese Verrohung der Gesellschaft ist? Der Horrorclown. Ist der Clown selbst schon aufgrund seiner aufgesetzten Fröhlichkeit schwer zu ertragen, so ist der Horrorclown Terror pur, der sich weltweit ausbreitet. Ja – es ist ein weltweites Phänomen: Menschen bewaffnen sich (auch mit Kettensägen), kostümieren sich zu Horrorgestalten um und greifen ihre Mitmenschen an: in den USA hat diese Pest begonnen, sich dann nach Großbritannien ausgeweitet (siehe Spiegel) und letztlich Deutschland erreicht (siehe rbb). Während die Luxuscommunity noch Späße über das verspätete Sommerloch-Event macht, reagieren Kaufhäuser und Regierung anders – und zwar sehr ernst (siehe Spiegel). Ja – es ist kein harmloser Scherz -auch wenn viele Medien das spontan verbreiten – sondern ein gefährliches Überschreiten einer politischen Grenze und der Beginn einer Entwicklung von Selbstjustiz, die jenen ohne Respekt, Toleranz und Verständnis ein willkommenes Ventil bietet, anonym ihre Frustgefühle auszulassen: wie gefährlich das ist, weiß man halt in Wirtschaft und Politik.

Reicht ihnen das als Terror?

Wie niedlich. Wir sind noch lange nicht fertig. Ich sagte doch: der Clown ist ein schönes Sinnbild – als Horrorclown offenbart er nur das, was hinter der Maske schlummert: hinter dem dämlichen Dauergrinsen der falschen Maske lauert ein zutiefst gestörter Mensch, dem jede Spur von Respekt, Toleranz und Verständnis fehlen, der sich deshalb zunehmend von jeder Menschlichkeit entfernt. Wir sind hier mitten in der Genese einer neuen faschistischen Gesellschaft, die aus Massenmord Breitensport machte. Harte Worte, ich weiß – aber es vergeht kein Tag, wo nicht seltsame Subjekte neue Zieldefinitionen für vernichtungswürdige Existenz in die Gesellschaft streuen, aktuell sind „blond, nett, unauffällig“ Atribute, die gefährlich sind – so jedenfalls informiert ein Apothekenblatt (siehe Epochtimes). Noch gibt es keine all zu großes Echo auf diese vielen Versuche, dem zu vernichtenden Bösen wieder ein Gesicht zu geben – aber es wird nur eine Frage der Zeit sein, bis man hier eine Formel gefunden hat, die breite Akzeptanz findet: mit „Sozialschmarotzer“ hatte man ja schon viel Hass und Vernichtungswillen ins Volk gesät, „Verschwörungstheoretiker“, „rechtsoffen“, „Sozialist (ja, der Begriff ist gerade wieder im Kommen) … der Hass versucht gerade, sein Ziel zu finden. Und die Horrorclowns sind seine Vorboten.

Sie meinen, das sind nur Beobachtungen von zwei Aussenseitern auf einer sonnigen Parkbank? Nun – stumm und unsichtbar standen 450 Wissenschaftler bei uns, die ähnliches beobachtet haben (siehe Kurier):

„Was tun gegen das zunehmend um sich greifende, vor allem auch Generationen übergreifende Gefühl der Verunsicherung, der Resignation und des Werteverlusts? Darüber diskutieren am Wochenende beim 3. Viktor Frankl Weltkongress in Wien 450 Forscher aus 35 Ländern. Univ.-Prof. Dr. Alexander Batthyany, Vorstand des Viktor Frankl Instituts und Organisator der Tagung, berichtet im Gespräch mit dem KURIER, dass Psychiater und Psychologen weltweit ein Ausmaß an Entmutigung, Verzweiflung und unbestimmter Wut in der Bevölkerung beobachten wie es zuletzt im Zuge der großen Krisen und Einbrüche des 20. Jahrhunderts beschrieben wurde.“

Ich sagte doch: Politik und Medien wissen schon längst Bescheid. Lesen Sie das ruhig nochmal: weltweit eine Flut an dunklen Gefühlen wie im Zuge der großen Krisen des 20. Jahrhunderts. Die Menschheit ist bereit, sich in eine weitere Runde Krieg und Chaos stürzen zu lassen, wie schon 1914 und 1933. Ja – da schützt auch die Staatsform „Demokratie“ nicht vor.

Entmutigung, Verzweiflung, unbestimmte Wut: da bleibt man gerne in seinen eigenen vier Wänden, bevor man das erste Kettensägenopfer eines völlig enthemmten Horrorclowns wird.

Die Ursache?

Mangelnder Respekt, mangelnde Toleranz, mangelndes Verständnis: offen demonstriert auch von angeblich „linken“ Kräften, die ursprünglich mal für die Dominanz jener Werte in der demokratischen Zivilgesellschaft standen, jetzt aber auch nur noch zu den geistlosen Horden gehören, die ihr geheimes Mantra („ich bin ja wirklich um so vieles besser als DU“) vereint singen, um ihre finsteren Gelüste irgendwann – vielleicht als Horrorclown, als SA-Sturmmann oder als SS-Henker oder wie immer man die Säuberungskommandos in Zukunft nennen werden wird – ausleben zu können: und zwar dann mit völliger Billigung der Staatsgewalt.

Jenen Menschen, die konstruktive Netzwerke des Glücks um sich weben wollen, stehen immer mehr Gestalten gegenüber, die die absolute Macht über jede Form von Netzwerken übernehmen wollen, um sich dann darin völlig ausleben zu können – nehmen wir als Beispiel einfach mal die Familie, Keimzelle unserer Gesellschaft, als besonders schützenswert geschildert und vom Aussterben bedroht.

Was solchen Familien geschehen kann – Familien, die einst Schutz vor einem gewalttätigen Vater gesucht haben – kann man aktuell nachlesen (siehe rp-online):

„Zwei Polizisten packten mich, schoben mich weg und warfen mich auf den Boden“, so Katja Warnke. Als sie „Ich will zu meinen Kindern“ gerufen habe, seien ihr Handschellen angelegt worden, und man habe sie am Boden fixiert. Ihre beiden Söhne im Alter von vier Jahren und sieben Monaten seien von zwei Vertreterinnen des Jugendamtes mitgenommen worden.“

Vier Jahre – und sieben Monate. Man weiß, dass diese traumatischen Erlebnisse die Kinder völlig zerfetzen werden – aber egal.

„Nachbar Helmut Röhr, den die Warnkes sowohl am Mittwoch als auch am Donnerstag alarmierten, will am Mittwoch ein Gespräch unter Polizisten gehört haben, wonach sie keine Handhabe hätten, da der Beschluss des Gerichts ohne Unterschrift und Siegel sei.“

Ging es nicht anders? Hätte man nicht die Großeltern hinzuziehen können? Opa ist immerhin Professor. Doch der Staat …. entschied anders:

„Auch der Verbleib der Jungen bei den Großeltern schien den Behörden nicht mehr vertretbar, weil sie sich den Ansichten ihrer Tochter anschlossen.“

Welche Ansichten bitte? Nun – wir werden es nicht erfahren.Vielleicht haben sie mit der politischen Aktivität der Mutter zu tun: der Gründung einer Mütterlobby gegen Gewalt und Trennungskriminalität (siehe RP-Online).

77845 Kinder wurden so im letzten Jahr von ihren Eltern getrennt, davor waren es noch 48 000. Rechnen Sie selbst aus, wenn Staat Familie endgültig ausgerottet hat und schon jetzt an abstrusen Alternativen bastelt – wie etwa dem Vier-Eltern-Modell der Grünen (siehe Süddeutsche).

Verständnis für die Liebe von Kindern zu ihren Eltern, Respekt und Toleranz? Fremdworte von „Sozialromantikern“. Ich warte gespannt auf die neuen Zahlen für 2016: jeder kleine, fiese Wichtigtuer kann sich zum Zerstörer von Familien aufschwingen, in dem der die Jugendamtsmaschine anlaufen läßt: und von diesen Typen gibt es viele – ganz abgesehen davon, dass manche von ihnen beim Jugendamt direkt arbeiten.

Reichen Ihnen diese Verhältnisse aus, einen aktuen Terroralarm für die Gegenwart auszurufen? Nein? Oh – ich habe noch mehr. Systematische Verwahrlosung (meine Formulierung) von Kindern in Kitas (siehe Spiegel), Veruntreuung von Arbeislosengeldern durch Mitarbeiter von Jobcenter und Sozialamt (siehe Eifel-on), hier bleibt der bundesweite Sturm der Entrüstung aus, man muss in kleinen lokalen Zeitungen suchen, um überhaupt etwas davon zu erfahren, trotz des Schadens von 250 000 Euro (13 Jahre Rente für Florida-Rolf, die ihm rechtmäßig zustand, aber missgönnt wurde). Die fortlaufenden Parteispendenskandale der Regierungspartei (siehe Spiegel) erregen kaum noch die Gemüter, dass Bahnhöfe zum Ganovenghetto werden (siehe FAZ), ist Alltag geworden, dass Füchtlingsbürgen nun 16000 Euro pro Flüchtling vom Staat selbst als Kosten aufgebrummt werden (siehe Welt): wen überrascht das noch.

Aber man versteht die Botschaft: bleib´ zu Hause und rühr´ Dich nicht, denn vor der Tür … herrscht Terror.

Ich könnte die Liste noch endlos fortsetzen – und wäre noch lange nicht bei den Themen, die offiziell als „Terror“ bezeichnet werden. Wissen Sie, wie Wikipedia Terror definiert (siehe Wikipedia):

Der Terror (lat. terror „Schrecken“) ist die systematische und oftmals willkürlich erscheinende Verbreitung von Angst und Schrecken durch ausgeübte oder angedrohte Gewalt, um Menschen gefügig zu machen.

So einfach ist das. Und fängt damit an, dass die frisch geoutete Veganerin entsetzt ihr nun ungenießbares Gemüse von sich stößt, weil ich Tischnachbar ein Schnitzel isst: Terror um andere gefügig zu machen fängt ganz leise an … und schaukelt sich auf in einem Land, dass einen akuten Mangel an Geisteswissenschaften hat.

Schauen Sie sich mal um. Wer besucht Sie noch, ohne ihren Job, ihre Einrichtung, ihre Ernährungsgewohnheiten, ihre Kinder, ihre Freizeitaktivitäten, ihren Lebensstil und was weiß ich nicht noch zu kritisieren – gerne auch verdeckt um fünf Ecken? Mit wem kann man noch zusammen arbeiten, ohne so angegangen zu werden – oder überhaupt zusammen leben?

Atomisierung der Gesellschaft nennt man das dann (siehe zeitverein): und wir könnten sie leicht stoppen – wenn wir als Netzwerker des Respekts, der Toleranz und der Kunst des Verstehens auftreten würden. Aber mal ehrlich: wer würde sich das trauen?

Man hätte ja wirklich nichts mehr, auf das man herunterschauen kann, um darauf herabzusehen und sich dann besser zu fühlen, weil man auf einmal oben ist.

Und wer im Zeitalter der maximal aufgeblasenen Superegos mit minimalem Inhalt kann da noch drauf verzichten?

Sie glauben mir immer noch nicht? Sie stören sich am „Gewaltbegriff“?

Schauen Sie sich einfach mal Ihre Beziehung an (in der ja immer weniger Menschen leben – aus guten Gründen) … und überlegen Sie mal ganz genau, wie man mit Liebes- und Aufmerksamtkeitsentzug Gewalt über Sie ausgeübt hat .. und Sie so gefügig machte. Machen Sie gleiches im Arbeitsleben – dort ist die Gewalt leichter zu erkennen. Wieviel Lob und Respekt bringt Ihnen Ihr Nachbar entgegen? Wo haben Sie noch Sphären, wo nicht die Spiele der Erwachsenen gespielt werden – vor allem das: „meins ist besser als deins“.

Oder: mein Kind ist geiler als Dein Kind. Da gibt es ein lustiges Lied zu … das Sie bitte selber suchen.

 

 

 

 

 

Deutschland im Amok- und Terrorfieber – Über die Turbo-Radikalisierung von fernsehenden Reihenhausbürgern in Zeiten des Turbo-Kapitalismus

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„So eine Woche habe ich noch nicht erlebt“, stammelt Bayerns Innenminister Herrmann auf einer Pressekonferenz in Hinblick auf die Anschlagserie der letzten Woche. Dass zusätzlich noch der Stolz Herrmanns gekränkt wurde, indem das Landgericht Karlsruhe einem deutsch-ghanaischen Anwalt zugebilligt hat, dass er den Bayerischen Innenminister ungestraft als „ganz wunderbares Inzuchtsprodukt“ bezeichnen darf (siehe taz), ist da inmitten der aktuellen Blutbadserie nur eine Randmeldung wert.

Wir wollen das Wort „Inzucht“ trotzdem als Ariadnefaden behalten, um uns durch das blutige Labyrinth des Minotaurus zu manövrieren. Denn wenn wir nicht an der Oberfläche bleiben wollen, müssen wir einige grundlegende Fragen stellen:

Welchen Elementen bietet das derzeitige marktradikale („neoliberale“) Treibhausklima optimale Wachstumsbedingungen? Welche Charaktere züchten wir in unserer Arbeits- und Ausbildungswelt heran? Warum werden die Gewächse bzw. die Absolventen unserer scheinbar so hochqualifizierten und hocheffizienten Schulen und Universitäten plötzlich von Schwarzschimmel befallen und überziehen ihre Umgebung mit einem tödlichen Pelz?

Wer sich mit Umweltmedizin beschäftigt, der weiß, dass Schwarzschimmel nur unter ganz bestimmten Luftfeuchtigkeits-, Temperatur- und Nährstoffbedingungen wächst. Sind diese Bedingungen gegeben, dann benötigt Schimmel weniger als eine Woche, bis er anfängt zu wachsen und das Haus unbewohnbar zu machen – Blitzradikalisierung par excellance also. Obwohl, und das wissen die wenigsten, Schimmel in den meisten Fällen für das Auge unsichtbar bleibt und oft erst nach Jahren oder gar nicht aufgedeckt wird. Viele Menschen werden daher in einer scheinbar blitzsauberen, aber unsichtbar verschimmelten Wohnung krank, ohne zu wissen warum. Nur wenn die Schimmelkultur bis in ihre Blüte bzw. Sporenbildung kommt, wird der Befall für das Auge sichtbar. Experten wissen daher, dass sichtbarer Schwarzschimmel nicht mehr ist als die Spitze des Eisbergs und ein viel tiefgehender Schaden an der Bausubstanz vorliegt, in den meisten Fällen ein unerkannter Wasserrohrbruch oder eine Wärme-/Kältebrücke.

Bevor wir uns den tieferen Ursachen des aktuellen Fiaskos widmen, zunächst noch einmal kurz zurück an die Oberfläche des Schwarzschimmelpelzes: Aktuell schlägt den Migranten eine Welle der pauschalen Empörung entgegen: Wie war es möglich, dass Flüchtlinge, die allen Grund zum Dank hätten, dass Deutschland ihnen Aufnahme, Ausbildung und Unterkunft gewährt hat, sich auf solch desaströse Art revanchieren?

Auch die Schäubles, Merkels und sonstigen Herrmänner sind ratlos. Sogar Konstantin Wecker, der stets eine Lanze für die Willkommenskultur gebrochen hat, schreibt, dass er bei den Nachrichten über Amok laufende Flüchtlinge für Momente das Gefühl gehabt habe, die Flüchtlinge fielen ihm nun in den Rücken bei seinen Versuchen, öffentlich für ihre Rechte einzutreten.

Wieso dieser Hass und Vernichtungswille? In einem Wohlstandsland, in dem allen Bürgern – zumindest solange sie gerade nicht malochen – das Frei- bzw. Billigbier fließt und es Unterhaltung nonstop bis zum Abwinken gibt?

Mangels anderer Erklärungsansätze verengt sich die aktuelle Diskussion derzeit meist auf zwei Erklärungsansätze bzw. Etiketten, die man den Amoktätern umhängt: geistesgestörter Einzeltäter oder islamistischer Terrorist. Wie der Gefängnispsychologe Götz Eisenberg ausführt, kann sich in beiden Fällen die Gesellschaft von Verantwortung freisprechen und sagen: Der Mann ist wahnsinnig oder er handelt im Auftrag des IS. Wenn alle Erklärungen versagen, da der Täter bisher ein biederes Musterleben in einer Musterfamilie in einem Musterreihenhaus geführt hat, dann ist das eben ein typischer Fall von Selbstradikalisierung, vorzugsweise Selbstradikalisierung im Blitztempo, so wie beim Attentäter von Nizza, der sich innerhalb von 14 Tagen selbstradikalisiert und zum Dschihadisten gewandelt haben soll.

In seinem jüngsten Essay (siehe Nachdenkseiten) nähert sich Götz Eisenberg in gleichermaßen ruhiger wie treffsicherer Weise an den Kern der derzeitigen Misere an. Man erspart sich durch das Lesen dieses bereits sehr tiefschürfenden Artikels das Lesen unzähliger anderer sogenannter Expertenmeinungen. Eisenberg führt darin aus, wie Attentäter oft nicht morden, weil sie sich dem Dschihad zugewandt haben, sondern dass sie sich dem Dschihad zugewandt haben, weil sie morden wollten. Wie eine neoliberal-nihilistisch-technokratisch konditionierte Gesellschaft immer mehr „radikale Verlierer“ produziert, die sich abgehängt und in permanenter Frustration fühlen. „Menschen, die vom heiligen Markt als überzählig ausgespuckt werden und wie Fische auf dem Trockenen liegen.“ Und schließlich, wie Amoktäter, die teilweise in imitiertem, gebrochenem Arabisch „Allahu akhbar“ rufen, sich der IS-Chiffre nur bedienen, um gewissermaßen als Teil einer „weltumspannenden Hass-Föderation“ erweiterten Suizid zu verüben. Es lohnt sich, diesen etwas längeren Artikel zu studieren, man sieht danach klarer.

Auch der französische Politologe Olivier Roy kommt zum Schluss, dass nicht die Radikalisierung des Islam heute das größte Problem sei, sondern dass sich Radikalität an sich immer öfter islamistisch kostümiere. Die Ideologie des IS, laut Roy zurzeit das „radikalste Produkt auf dem Markt“, komme diesen Menschen gerade recht, um ihre Wahnsinnstat zu etikettieren und in einer vermeintlich weltumspannenden Guerillagemeinschaft wider die westliche Welt in einen größeren Kontext zu stellen. In Wirklichkeit seien die Attentäter Produkte einer zutiefst gespaltenen und ausbeuterischen Gesellschaft, die an ihren Rand gedrängt, der Kriminalität und Destruktivität verfallen.

Indes kündigen unsere Politiker bereits Jugendschutz- und Entradikalisierungsmaßnahmen an. Was die Folge davon sein wird, ist jetzt schon klar: Ethnische und religiöse Minderheiten wie die Roma, Zeugen Jehovas etc. werden noch mehr an den Rand gedrängt und mit Projektionen und Repressionen behäuft als bisher. Die Wut und der Hass der Bevölkerung über die eigentlich ungreifbare Bedrohung wird sich an einigen Minderheiten entladen – während die eigentliche gesamtgesellschaftliche Radikalisierung bzw. der vorgenannte Schwarzschimmelbewuchs weiterhin ungehemmt voranschreiten kann. Die Strategie, Sündenböcke bereitzustellen, auf die der gemeine Bürger unter Duldung der Justiz weitgehend ungestraft einschlagen kann, hat sich schon seit jeher bewährt, wenn es darum ging, kollektive Wut – die schließlich zu einer Änderung der etablierten Machtverhältnisse hätte führen können – zu kanalisieren. Auch im Dritten Reich konnte auf diese Weise von dem eigentlich unhaltbaren wirtschaftlichen, sozialen und weltanschaulichen Bankrott eines Systems abgelenkt werden, indem man die Schuld für die gesamtgesellschaftliche Krise den Juden, den Roma und ein paar weiteren Randgruppen gab.

Aber wenn wir schon über Entradikaliserungsprogramme reden: Wer kümmert sich eigentlich um die Entradikalisierung unserer Politiker? Ist die weltanschauliche Gesinnung mancher Politiker heute nicht bereits ebensoweit ins Radikale abgeglitten, dass Verelendung und sogar Vernichtung von Menschenmengen größeren Ausmaßes zu befürchten ist?

Ist es nicht ebenso eine radikale Weltsicht, wenn z.B. Wolfgang Schäuble, also eine an der Spitze der Machtpyramide unserer Gesellschaft stehende Person, in einem ARD-Interview sich selbst beschreibt als jemanden, der „abgehärtet ist in einem langen bösen Leben“? (Quelle: ARD-Mediathek – dort nur noch bis 24.8.2016 verfügbar). Muss man angesichts der Verbitterung und womöglich sogar leisen Todessehnsucht, die man aus solchen Worte ahnen könnte, nicht Gänsehaut am Rücken bekommen?

Würde ein Flugzeugpilot solche Worte sprechen, man würde ihn wegen Verdachts auf akute Lebensmüdigkeit und implizite suizidale Tendenzen wohl umgehend aus dem Verkehr ziehen. Dass man von Schäuble trotzdem kein psychologisches Attest eingefordert hat, wird sich womöglich aus zukünftiger Perspektive bitter rächen. Nicht, dass so jemand bewusst eine Katastrophe herbeiführen würde wie z.B. der Germanwings-Pilot Andreas L., aber wie Sigmund Freud schon festgestellt hat, „ist das Unterbewusste immer schlauer“ – womit er meinte, dass sich immer die untergründige Motivlage eines Menschen als Resultat durchsetzt und nicht das, was er in seinem intellektuellen Oberstübchen bekundet. Wenn z.B. jemand bei einer Heirat vor dem Altar oder zu einem Vertrag „Ja“ sagt, aber untergründig ein „Nein“ in sich trägt, dann wird sich dieses Nein irgendwann durchsetzen und Früchte tragen.

Wie werden wohl die Früchte der Politik eines Menschen sein, der das Leben als „lang und böse“ ansieht? Die Griechen haben dies jedenfalls bereits am eigenen Leib zu spüren bekommen: Nach eiserner Durchsetzung der Troika-Weisungen ist dort die Säuglingssterblichkeit um 43% gestiegen, die Suizidrate um 27%, Krankenhäuser kollabieren, vier von zehn Kindern leben in Armut. Dessen unbekümmert wurde lt. ORF-Bericht unter Schäubles Ägide dafür gesorgt, dass von 100 Euro Griechenlandhilfe nur 1,80 Euro im echten Leben, also in Krankenhäusern, Infrastruktur und Schulen ankommen, während die übrigen 98,2 Euro mit Zinsen direkt zurück an die Großbanken gingen. – Eigentlich war das In-die-Mangel-Nehmen von Griechenland ein sinnloser und gemeinschädigender Akt, was laut dem ehem. Finanzminister Varoufakis für seine Verhandlungspartner auch vollkommen einsichtig war. „Und dann schauen dir sehr mächtige Personen in die Augen und sagen: »Sie haben recht mit dem, was Sie sagen, aber wir werden Sie trotzdem zerquetschen.“ (seltsamerweise wurde dieses geschichtsträchtige Zitat in keinem einzigen unserer Leitmedien abgedruckt, sondern findet sich nur in alternativen Medien oder kleinen sozialistischen Blättern).

Seitdem findet in Griechenland täglich ein stilles Gemetzel statt, zwar weniger blutig und spektakulär als die Attentate in München oder Nizza, aber mit noch ungleich mehr Todesopfern und Elend im Gefolge. Noch viel desaströser wirkt sich die transatlantisch verbrückte Politik der angeblichen Verteidiger der europäischen Demokratie – denen Varoufakis das „völlige Fehlen demokratischer Skrupel zugunsten kalter Machtpolitik“ bescheinigt – im Nahen Osten und Nordafrika aus, von wo aus letztes Jahr eine Millionenschaft an Flüchtlingen zu uns geströmt ist, um ein neues Leben anzufangen.

In euphorischer Erwartung „einer Grundlage für das nächste deutsche Wirtschaftswunder“ (Daimler-Chef Dieter Zetsche) ließ die deutsche Bundeskanzlerin, akkordiert mit einer Kampagne der BILD-Zeitung und sämtlichen anderen relevanten Leitmedien, eine Willkommenskultur und das Ende der Schengen-Grenzen ausrufen. Unter den neu einströmenden Humanressourcen sollte sich eine große Anzahl gut ausgebildeter Ärzte und Ingenieure befinden. Wie die Länder, die gerade um ihre qualifiziertesten Fachkräfte ausgeblutet werden, ohne Ärzte und Ingenieure ihre zerstörten Krankenhäuser, Wasserleitungen und Straßen wieder aufbauen sollen, fragte angesichts des in Aussicht sehenden neuen Wirtschaftswunders im Oktoberfestland kaum jemand. Unter einem Kraftakt von Bevölkerung und Administration wurden dann quasi über Nacht über 1,5 Millionen Flüchtlinge bei freier Kost, kassenärztlicher Versorgung und Schulbildung einquartiert. Die Chefs von Siemens, Porsche und Post überboten sich des Lobes für die neu ankommenden Humanressourcen und drängten die Politik, ihnen nach einer kurzen Einführung in „westliche Werte“ möglichst rasch Jobs geben zu dürfen. Und jetzt quasi als Dank ein von blutigem Terror erschüttertes Europa? – Am Stammtisch versteht man die Welt nicht mehr.

Viele der Amokläufer sind durchwegs jung, manche fast noch Kinder. So wie der 17jährige Axt-Attentäter von Würzburg Riaz A., der bis zu seiner Tat als Musterflüchtling galt, bei einer deutschen Pflegefamilie scheinbar beste Start- und Ausbildungsbedingungen genoss und dennoch in seinem Bekennervideo diese verstörenden Sätze voller Hass sprach (Auszug aus Video/SPIEGEL TV: „Ihr könnt sehen, dass ich in eurem Land gelebt habe und in eurem Haus … und in eurem eigenen Haus werde ich euch abschlachten.“) Im vorgenannten Spiegel-Video zeigt sich auch der Bürgermeister, der den Täter kurz vor der Tat noch auf dem Pfarrfest begrüßt hatte, vollkommen verdutzt, wie mit Riaz K. eine solche Wandlung geschehen konnte.

Auch der 18jährige David S., der vor dem Münchner Olympia-Einkaufszentrum neun Menschen erschossen hat, ging eine rätselhafte Metamorphose durch. In einem weiteren SPIEGEL TV-Bericht kann man seine Wandlung von Superhelden zum Amokläufer bildhaft mitverfolgen. In der Online-Community figurierte er zunächst unter dem Namen „Neo“, gepaart mit einem Bild von Kenau Reeves. Er hatte also ursprünglich jenen Menscheitshelden vor Augen, der im Film „Die Matrix“, eine von Maschinen geknechtete Menschheit wieder aus dem Abgrund befreit. Zuletzt hatte er jedoch die Identität des Neo verworfen und figurierte im Netz nur noch unter dem Pseudonym „Hass“. Auch das Profilbild hatte er verändert: Statt dem Heroengesicht des „Neo“ gab er der Community nun eine schwarze, in sich zusammengekauerte Gestalt ohne Gesichtszüge zu sehen.

Eine Vielzahl von ähnlichen Fällen an Radikalisierung, in denen unscheinbare, äußerlich bestangepasste Schüler plötzlich ein Massaker an Lehrern und Mitschülern anrichten, finden sich in Götz Eisenbergs Buch mit dem bezeichnenden Namen „Gewalt, die aus der Kälte kommt“ – dort auch vollkommen ohne Migrationshintergrund. Denn bei unserer Betrachtung sollten wir nicht den Fehler begehen, unsere Wut nun in die falsche Richtung bzw. auf die Migranten zu lenken. Das würde uns von der berechtigten Wut auf die wirklichen Krankheitswurzeln unseres politisch-ökonomischen Systems ablenken und uns menschlich spalten. Denn in Wirklichkeit sind die Migranten genauso Spielbälle ökonomisch-politischer Interessen wie wir Inländer. Insofern hätten wir also allen Grund, um zusammenzuhalten. Während jedoch durch das Anzünden von Asylheimen und das Bilden von Bürgerwehren geradewegs verhindert wird, dass die Menschen dieser Welt in einer entscheidenden historischen Zeit gemeinsam an einem Strang ziehen und gegen den Marktradikalismus („Neoliberalismus“) protestieren.

Man stelle sich vor, jemand flüchtet aus einer elenden, zerbombten und vergifteten Heimat auf einen neuen Kontinent, der ihm bisher in Büchern bzw. Flachbildschirmen als reines Paradies erschienen ist. Er hat dann alles auf eine Karte gesetzt, sein Haus verkauft und die erhaltenen Jetons in eine Schlepperbande investiert, sein Leben auf einer gefährlichen Fahrt über das Mittelmeer oder die Balkanroute riskiert (hier ein lesenswerter Erlebnisbericht eines auf hoher See gekenterten Überlebenden), und während dieser Überfahrt womöglich auch einige Familienmitglieder oder Freunde verloren. Der letzte Strohhalm seiner Hoffnung war das gelobte Deutschland, von dem Merkel suggerierte, dass man es dort bloß über die Grenze schaffen müsse, dann wäre alles gut.

Nun hat er es über ebendiese Grenze geschafft, aber siehe da: Gar nichts ist gut, der Glanz der über das Smartphone vermittelten Werbewelt des westlichen Mekkas ist dahin – das einzige, was in diesem Kommerzmekka glänzt, sind die SUVs und die omnipräsente Unterhaltungselektronik. Eine Zeitlang legt er sich voll ins Zeug und versucht, auch unsere Sprache zu lernen, auf LED-Flachbildschirmen herumzuwischen und Anschluss zu finden, aber irgendwie wird es nichts so richtig, er bleibt ein Underdog, muss eine missachtete Randexistenz führen, wird sogar gemobbt, so wie es der Amokläufer David S. kurz vor seinem Gestelltwerden durch die Polizei mit seinen letzten Worten lauthals beklagt hat (siehe SPIEGEL TV).

Der Neuankömmling im gelobten Land muss erleben, dass in einer Gesellschaft, unter deren Jugend laut soziologischer Studien „Du Opfer!“ neben „Du Wichser!“ das gängigste Schimpfwort geworden ist, es für Opfer wie ihn leidlich wenig Pardon gibt. Dass die von Medien wie BILD & Co. im Chor mit den Konzernen – in Erwartung eines nächsten, dank billiger Arbeitskräfte katalysierten Wirtschaftswunders – ausgerufene „Willkommenskultur“ nur gefakt war. Dass hier im Vergleich zu seiner Heimat im Großteil des Jahres nicht nur das Wetter arschkalt ist, sondern auch die soziale Atmosphäre unter den Gefrierpunkt gesunken ist und er sich durch eine eisige Gletscherlandschaft bewegen muss. Dass im einstigen Land der Dichter und Denker heute fast jeder Aspekt des Lebens dem Kommerz zum Fraß vorgeworfen wurde und wahre Humanität aus politisch-ökonomischer Sicht nur lästiger Sand im Getriebe einer gnadenlos auf höchste Effizienz getrimmten Technokratie darstellt. Eine Gesellschaft, in der man für Gutmenschen im besten Falle ein mitleidiges Lächeln, meist jedoch schiere Aggression übrig hat (dass neben „Du Opfer!“ und „Du Wichser!“ heute laut laut Bericht im Focus auch „Du Goethe!“ zu einem der übelsten Schimpfwörter unter Jugendlichen avanciert ist, habe ich zuvor vergessen zu erwähnen. Man weiß dann, auf welchem Niveau das Kulturgut, das Deutschland einstmals von den USA und vom Kongo unterschieden hat, heute rangiert).

Der Migrant merkt mehr oder weniger schnell, dass seine Zukunftsaussichten in solch vergletscherter marktradikaler („neoliberaler“) Landschaft in Wirklichkeit die gleichen sind wie daheim: Dass er sich als unterbezahlter Tagelöhner verdingen wird müssen, der trotz rückhaltlosen Verschleißes seiner Gesundheit zuwenig zum Leben und zuviel zum Sterben besitzt, während sich einzelne Warlords (hierzulande nicht mit Patronengürteln und Granaten gewappnet, sondern fein herausgemausert in Nadelstreif und bestückt mit bloßer Hugo Boss-Titankugelschreibermine und Smartphone) dick und dämlich verdienen.

Dass hier im vermeintlich gelobten Land Bullshitjobs warten, an denen sogar die gut situierten und von ihrer Kindheit an an das marktradikale („neoliberale“) Klima getrimmten Eingeborenen mittlerweile zermürben und ins Burnout abzudriften drohen – wobei Burnout nichts Flammendes oder Heldenhaftes ist (von einem Betriebsarzt weiß ich, dass es in vielen Firmen immer noch als „Verwundetenabzeichen der Leistungsgesellschaft“ angesehen wird und man zumindest ein „kleines Burnout“ vorweisen sollte, um zu beweisen, dass man im Job alles gegeben hat), sondern man es, wie mir eine Psychotherapeutin erklärt hat, lieber ganz unpathetisch als „Erschöpfungsdepression“ bezeichnen sollte.

An gleichermaßen naiven wie brandgefährlichen Maßnahmenforderungen aus dem pragmatischen Eck der Herrmänner mangelt es natürlich nicht. Reflexartig wird z.B. der Einsatz der Bundeswehr im Inneren gefordert (als ob man mit der Feuerkraft von Panzern und Kampfjets einen Rucksackbomber daran hindern könnte, auf einen Knopf zu drücken) oder der weitere Abbau der Grundrechte und Ausbau der Totalüberwachung (wir kommen gleich noch darauf zurück). Aber lassen wir das, wir werden schon wieder oberflächlich und haben Tiefgang versprochen.

Halten wir uns also nicht mit Oberflächlichkeiten auf, diese bekommen wir über die Leitmedien gerade im Überfluss serviert. Eisenberg schreibt dazu in seinem Buch „Gewalt, die aus der Kälte kommt“:

„Die unter die „Diktatur der Einschaltquote“ geratenen Medien leben von Sensationen wie dem Massaker von Erfurt. Es scheinen die giftigen Sekrete der Medien zu sein, die den „Amok-Virus“ auf Empfänger übertragen, deren Immunsystem geschwächt ist und die infolgedessen für Ansteckung anfällig sind.“

Lassen wir die Boulevardmedien, die Herrmänner und eitle „Inzucht“-Kontroversen also einmal hinter uns und gehen wir in medias res.

Sigmund Freud, der Vater der Psychoanalyse, hat neben der Erforschung seines Hauptthemas, dem als „Libido“ bezeichneten Lebenstrieb, in seinem Alter zunehmend auch das Gegenteil dieses Lebenstriebs thematisiert: „Thanatos“, den Todestrieb. Laut Freud schlummert „Thanatos“ als destruktives Gegenprinzip in jedem Menschen, kommt jedoch erst dann zum Ausbruch, wenn der natürliche Lebenstrieb frustriert wird.

So ähnlich also wie ein Herpes-Virus, der im Nervensystem fast aller Menschen schlummert, jedoch vom gesunden Immunsystem normalerweise in Schach gehalten wird. Erst wenn das Immunsystem durch Stress geschwächt ist, nützt der in den Nervenkanälen verschanzte Herpes-Virus seine Chance und kommt in Form unappetitlicher Eitergeschwüre an die Oberfläche.

Dass auch ein aktuell geforderter Ausbau der Bürgerüberwachung keineswegs zur Lösung des Terror- bzw. Amokproblems führen wird, sondern ganz im Gegenteil, das gesunde Immunsystem des Menschen bzw. seine psychische Kondition noch mehr schwächen und damit die Affinität für den Ausbruch entzündlicher Symptome erhöhen würde, wird im aktuellen politischen Diskurs leider wenig bedacht. Denn Überwachung ist eigentlich etwas dem gesunden Menschsein diametral Entgegengesetztes: Jeder Mensch, der in Beruf oder im Privatleben überwacht wird, weiß, dass er sich unter diesem Misstrauensvorschuss nicht wirklich entfalten kann. Er hasst dies bzw. seinen Vorgesetzten dafür und wünscht sich sogar unbewusst den Untergang derjenigen Institution, die ihn überwacht. Ist der Staat diejenige Institution, die den Menschen in Stasi-Manier überwacht, dann steht es um den Zusammenhalt und die Zukunft dieses Staates nicht gut.

Da der Mensch auf Freiheit und Verantwortung hin ausgelegt ist, bewirkt der Aufbau einer diese spezifisch-humanen Eigenschaften immer mehr bedrückenden Überwachungsmaschinerie selbst eine höchst ungesunde Atmosphäre, in welcher Ängste und Depressionen induziert werden und in welcher sich schwache Charaktere leichter zu irrationalen Handlungen hinreißen lassen.

Doch zurück zu Freuds Todestrieb „Thanatos“. Halten wir nochmals die These fest: Wenn der natürliche Lebenstrieb des Menschen frustriert wird, dann ergreift „Thanatos“, der Todestrieb, die Regie mit dem unheimlichen Drang, sich und möglichst die gesamte – als unwert, da sinnlos erlebte – Existenz um sich herum in den Abgrund zu reißen.

Und genau diese Dramatik ist aktuell bei vielen jungen Menschen zu beobachten. Sie bringen von ihrer inneren Anlage eigentlich eine geballte Ladung an Kraft und neuem Potential mit, mit dem sie die Welt in individueller Weise ein Stück weit verändern und in positiver Hinsicht bereichern wollen – Viktor Frankl nennt diesen zentralen menschlichen Impuls den „Willen zum Sinn“. Nun wird aber unter den gegenwärtigen, ganz auf Technokratie und Kommerz ausgerichteten gesellschaftlichen Bedingungen dieser Wille zum Sinn laut Frankl permanent frustriert.

„Aber der ‚Mensch auf der Suche nach Sinn‘ wird unter den gesellschaftlichen Bedingungen von heute eigentlich nur frustriert! Und das rührt daher, dass die Wohlstandsgesellschaft bzw. der Wohlfahrtsstaat praktisch alle Bedürfnisse des Menschen zu befriedigen imstande ist, ja, einzelne Bedürfnisse werden von der Konsumgesellschaft überhaupt erst erzeugt. Nur ein Bedürfnis geht leer aus, und das ist das Sinnbedürfnis des Menschen – das ist sein „Wille zum Sinn“, wie ich ihn nenne, das heißt, das dem Menschen zutiefst innewohnende Bedürfnis, in seinem Leben oder vielleicht besser gesagt in jeder einzelnen Lebenssituation einen Sinn zu finden – und hinzugehen und ihn zu erfüllen.

(…)

„Jede Zeit hat ihre Neurose und jede Zeit braucht ihre Therapie. Tatsächlich sind wir heute nicht mehr wie zur Zeit von Freud mit einer sexuellen, sondern mit einer existenziellen Frustration konfrontiert. Und der typische Patient von heute leidet nicht mehr so sehr wie zur Zeit von Adler an einem Minderwertigkeitsgefühl, sondern an einem abgründigen Sinnlosigkeitsgefühl, das mit einem Leeregefühl vergesellschaftet ist – weshalb ich von einem existenziellen Vakuum spreche.“ (V.E. Frankl)

Wird allerdings der Sinn des Lebens und des Menschseins frustriert oder von vornherein geleugnet, so wie dies derzeit in unseren Schulen und Universitäten de facto gelehrt wird (lt. unbestrittener herrschender Lehrmeinung sind Mensch und Welt nur geistlose, somit der reinen Effizienz und ökonomischen Verwertbarkeit unterworfene Kohlenstoffagglomerate – eine heute achselzuckend hingenommene Weltanschauung, die ihrem Wesen und auch ihren ganz realen Folgewirkungen nach in Wirklichkeit nicht minder radikal und zerstörerisch ist als diejenige der islamistischen Fundamentalisten ), dann gerät der Mensch in innere Verzweiflung. Mittlerweile konstatiert Regisseur David Schalko „Perversion als letzten Ausdruck der inneren Verzweiflung“ – eine optimale Kondition also, in der der Schimmelpilz des „Thanatos“ gedeihen und zur Blüte gelangen kann.

Dass eine Kondition geschaffen wurde, in der „Thanatos“ mit seinen Amok-/Terrorgeschwüren wie in einem Treibhaus gedeihen kann (so wie plakativ anhand der vorgenannten Mutation des Profilbildes des Attentäters David S. vom Helden „Neo“ zur Schattenfigur „Hass“ ersichtlich), sollte bei uns eigentlich alle Alarmglocken läuten lassen. Es ist insbesondere deshalb eine Schande, da wir in unserem europäischen Kulturgut alle notwendigen Requisiten hätten, um ein wirksames Gegengift gegen den technokratisch-nihilistischen Wahnsinn, der alle Grundlagen unserer Zukunft zu verschlingen droht, zu brauen.

Wir tun es jedoch nicht, sondern huldigen weiterhin bedingungslos dem neoliberalen Mammon, obwohl wir mittlerweile schon erkannt haben, dass er uns wie einen Lemmingzug in den Grand Canyon führt. Im Gegenteil, den herrschenden Polit- und Wirtschaftsmächten kommt die Terrorangst in Wirklichkeit sehr gelegen, denn so lässt sich jede Diskussion über eine Neuordnung der gesellschaftlichen und ökonomischen Verhältnisse verdrängen. Denn nach der 2008er-Krise waren wir kurz davor, einige grundsätzliche Fragen zu diskutieren. Das geht nun im allgemeinen Chaos und Rauch unter. Man hat jetzt wieder ein Feindbild, das ein in Wirklichkeit zerrissenes und jeder Nachhaltigkeit spottendes System vordergründig wieder eint: Den Terror bzw. den IS.

Derzeit werden wir alle mobilisiert und eingeschworen auf den „Krieg gegen den Terror“. Der Eifelphilosoph hat bereits darauf hingewiesen, was die Ausrufung dieses Krieges für unsere nähere Zukunft bedeutet (siehe Nachrichtenspiegel). Auch Götz Eisenberg resümiert in seinem vorgenannten Artikel, dass der Kollateralschaden dieses Krieges darin bestehen wird, dass ihm Rechtsstaat und Demokratie zum Opfer fallen. Roland Rottenfußer, Redakteur des Webmagazins „Hinter den Schlagzeilen“, warnt ebenfalls: „Bestimmte Kräfte warten doch nur darauf, den Umbau zuvor freier Gesellschaften in Polizei-, Überwachungs- und Angstgesellschaften bei jedem gegebenen Anlass voranzutreiben. Wir dürfen ihnen das nicht durchgehen lassen.“

Nachsatz:

Innerhalb der vorgenannten Sinnkrise und der Flut an täglichen Schreckensnachrichten, von Marcuse als „Normalisierung des Grauens“ bezeichnet, stellt sich natürlich die Frage, was der einzelne Mensch im derzeitigen Teufelskreis tun kann.

Zunächst ist eine bewusste Dosierung im Nachrichtenkonsum anzuraten. Wie auch Götz Eisenberg anmahnt, „verschlingen wir unentwegt eine derart hohe Dosis an Dramatik, dass wir jede Fähigkeit zur Verarbeitung und Wahrnehmung einzubüßen drohen. (…) Die Fülle der Nachrichten wird zum Widersacher der Wahrheit, unsere Aufnahmefähigkeit und Verarbeitungskapazität kollabiert unter dem Ansturm schrecklicher Bilder.“

Auf der anderen Seite gilt es heute umso mehr, dasjenige aufzubauen, was Viktor Frankl als das „Spezifisch-Humane“ bezeichnet hat. Das ist derjenige menschliche Faktor, der zwar unwägbar ist, aber uns schlichtweg ausmacht. Jeder kann in seinem privaten oder beruflichen Umfeld zigtausenden Menschen etwas von dieser Qualität vermitteln, auch wenn er äußerlich keinen augenscheinlichen Handlungsradius oder Entscheidungskompetenz hat. Bereits durch die Art und Weise, wie er im Supermarkt in der Schlange steht (ungeduldig oder humorvoll, ruhig) und wie er andere Menschen auf der Straße anblickt, übt er eine soziale Wirkung auf den Gesamtorganismus der Gesellschaft aus. Joseph Beuys hat dies als „soziale Plastik“ (von ‚plastisch‘ = formbar) bezeichnet. Es gibt zahlreiche Berichte, dass Menschen, die einen Suizid vorhatten, diesen destruktiven Gedanken wieder verworfen haben, nachdem ihnen am Gehsteig nur für Sekundenbruchteile ein Mensch in die Augen geblickt hat, der etwas Ehrliches, Mitfühlendes oder Hoffnungsvolles ausgestrahlt hat.

Vielleicht ist es also auch nicht vermessen, sich vorzustellen, dass ein frustrierter junger Mensch, der innerlich mit einer Gewalttat liebäugelt, diesen Gedanken des Thanatos wieder verwirft, nachdem er einem Menschen begegnet, der von seiner Wesensart her etwas Spezifisch-Humanes ausstrahlt oder ein freundliches Wort zu ihm spricht.

Auch wenn uns das nicht beigebracht wurde, aber die Möglichkeiten jedes Einzelnen sind hierbei groß und man darf auch auf diese dem Menschen eigenen Fähigkeiten vertrauen. Sie sind in Wirklichkeit das einzige, was uns in den auf uns zukommenden Zeiten einen Anker geben kann.

Ebenso, wie die Entfaltung der spezifisch-humanen Qualität in seinem individuellen Leben – diese Qualität ist bei jedem Menschen anders gefärbt und daher niemals ersetzbar und auch niemals langweilig– in Wirklichkeit die größte Revolution und der tiefste Dolchstoß ist, den man dem morschen Baum des retardierenden Wahnsinns, den man uns heute zur Normalität erklären möchte, verpassen kann.

Am Bösen also nicht bitter werden, sondern reif. Obwohl die Zukunftsaussichten wenig rosig sind, kann uns die eskalierende Krise die Augen öffnen, um dem Wahnsinn die Stirn zu bieten und ihm wieder eine Wendung zu geben. Dazu braucht es natürlich auch Galgenhumor. Ganz im Sinne von Yamaoka Tesshu, einem japanischen Samurai:

„Wenn sich zwei Schwerter treffen, gibt es kein Entrinnen.

Schreite gelassen voran,

wie eine Blüte im tosenden Flammenmeer erblüht

und durchstoße energisch die Himmel!“

 

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