Verstand

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Abschiedsbrief des romantischen Mannes

Freitag, 25.8.2017. Eifel. Es wird Zeit, Abschied zu nehmen. Das merken gerade viele. Vögel, Insekten – besonders Bienen und Schmetterlinge, viele Fischarten, Säugetiere – ich erspare es mir, sie alle aufzuzählen: wir sind hier nicht in der Biologiestunde. Warum Abschied? Es reicht einfach. Dafür haben wir ja Vernunft, die uns von den Tieren unterscheidet: um weit in die Zukunft schauen zu können … weit über das nächste Quartal oder die nächsten vier Jahre hinaus – jenen Maximalleistungen der deutschen Lumpenelite. Es ist Zeit zu erkennen, dass es Zeit ist, zu gehen, weil die Lebensräume, in denen man sich wohlfühlen kann, endgültig verschwunden sind – ebenso wie die Lebensräume, in denen man überhaupt existieren kann. Es wird Zeit, die Vernunft zu gebrauchen und der eigenen Existenz ein Ende zu setzen: ist ja auch „in“ in dieser Zeit, viele – viel zu viele – scheiden in Deutschland freiwillig aus dem Leben, die Selbstmordrate in Deutschland ist erschreckend hoch (siehe Psychomeda) … und da wagen es Parteien wirklich noch zu jubeln, dass dies ein Land ist, in dem „wir gut und gerne leben“. 100 000 versuchen sich jährlich das Leben zu nehmen, nur viel zu oft ist das Leben in ihnen stärker. Darunter sind übrigens auch erstaunlich viele Kinder: ein Phänomen, das in alten Kulturen völlig unbekannt war. Hat sich noch nie jemand darüber Gedanken gemacht, wie man eine Kultur nennen kann, in der Kinder lieber in den Abgrund stürzen als ihr Leben zu leben? Doch gehen wir fort vom Suizid, dass soll überhaupt nicht das Thema sein.

Es geht ja um den Abschiedsbrief des romantischen Mannes, der schon viel zu lange mit dem Ungemach lebt, dass diese Zeit in Massen produziert.

Wissen Sie eigentlich noch, was das ist, Romantik? Ich wette, Sie haben sofort irgendetwas mit Kerzen, Rosen und Geigen im Kopf. Also: ein softer, komplizierter, umständlicher Weg zum Sex. Geben Sie es ruhig zu: mehr fällt Ihnen nicht dazu ein, Sie können auch gerne alle Nachbarn fragen – das Ergebnis wird das gleiche sein. Wertung der Romantik? Negativ. Uneffizient. Unnütz. Oder wie erklären Sie sich sonst Existenz und Gebrauch des Begriffs „Sozialromantik“, gerne verwendet von Menschen, die sich weit vom Humanismus abgewandt und in den Dienst der Mächte und Gewalten dieser Erde gestellt haben – dabei jede Art von Menschlichkeit verloren und in der Massenvernichtung von Menschen nur noch … Kollateralschäden sehen.

Nur gut, dass es Menschen gibt, die sich auch im Zeitalter des dekadenten Internet noch um Begriffe kümmern, Menschen, die sich an Geschichte erinnern können und sich bemühen, die Erinnerung zu bewahren – die Erinnerung an den Begriff von Romantik (siehe wortwuchs):

„Der Begriff meinte ursprünglich, dass Etwas wunderbar, abenteuerlich, erfunden sowie fantastisch war und geht auf die altfranzösischen Wörter romanz, roman und romant zurück, die allesamt Werke und Schriften bezeichnen, die in der Sprache des Volkes verfasst wurden. Ist ein Text romantisch, dann ist er sinnlich, abenteuerlich, schaurig, fantastisch und wunderbar, gibt sich der Natur hin, überwindet die Grenzen des Verstandes und stellt das Unterbewusste sowie Traumhafte in den absoluten Vordergrund.“

Lesen Sie das Zitat ruhig nochmal durch. Coole Begriffe, oder? Sicher stört Sie der Begriff „schaurig“ – aber denken und staunen Sie: der kommt vom Begriff „Regenschauer“… und erinnert an das wohlige Gefühl, wenn draußen richtiges Mistwetter ist und man selber im Ohrensessel neben dem Kamin am Fenster sitzt und hinausschaut: ein Wort, das funktioniert, wenn man selbst in wohliger Sicherheit ist. Wer kennt das heute schon noch: diese wohlige Sicherheit?

Und sinnlich? Genau ihre Welt, oder? Sie mögen doch Pornofilme – ist doch das erste, was Ihnen da in den Sinn kam, oder? Sinnlich jedoch – heißt, den Sinnen gemäß. Sexualität ist etwas für die Haut, weniger etwas fürs Auge. Ja – auch, aber eben weniger. Haben Sie sich noch nie Gedanken drüber gemacht, dass da falsche Sinne zum Einsatz kommen? Ist aber eine Milliardenindustrie.

Abenteuerlich? Können Sie sich vorstellen, in ein kleines Holzboot zu steigen und in höllischen Stürmen den Atlantik zu überqueren – nur aus Neugier? War so der Anfang der Pauschalreisen – die wiederum selbst das Ende jedes Abenteuers bedeuteten.

Und fantastisch? Ehrlich: das Wort haben Sie doch nur noch mal im Rahmen von billigen Varietévorstellungen im Gebrauch – oder wenn der DAX mal überraschend steigt. Gibt es noch etwas wirklich fantastisches in Ihrer Welt? Es ist doch ebenso fort wie das Wunderbare. Daher auch das Gefühl – und die Panik – das der Planet zu voll sei … weil alles so überschaubar und eng wirkt.

Noch was zu „Romantik“? Einen haben wir noch:

„Wesentlich ist hierbei, dass die Romantiker sich vor allem mit der Geschichte und Sprache ihres eigenen Volkes befassten und von der Antike abwandten, weshalb Märchen, Sagen sowie Mythen populäre Textsorten waren, aber natürlich auch der Roman als volkssprachliche literarische Gattung durchaus positiv bewertet wurde.“

Märchen, Mythen und Sagen: ach, was waren die lange belächelt. In den siebziger Jahren wussten wir, dass Kinder Märchen brauchen, später kam der Theologe und Psychoanalytiker Eugen Drewermann und zeigte auf, welch´ tiefe analytische Wahrheiten in einfachsten Märchen verborgen sind  (siehe Südwestpresse):

„Die Märchen sind auch eine Fundgrunde für psychotherapeutische Sitzungen. Denn sie bieten Grundgestalten von Konflikten an, die immer wieder auftreten. Im „Schneewittchen“ etwa haben wir die Gestalt der verfolgenden Stiefmutter, den Konkurrenzwettkampf, wer schöner ist und mehr Liebe auf sich zieht, die Vergiftung der Liebe unter dem Anschein der Fürsorge – man hat eine Einführung ins Frausein, die im Untergrund völlige Zerstörung bedeutet. Für Psychologen eine klassische Double-bind-Situation – und wie viele Frauen wüssten nicht von Ähnlichem zu erzählen: Die Mutter hat es gut gemeint, stand aber selbst unter so vielen Zwängen, dass sie es nicht wohl meinen konnte. Oder nehmen wir den „Froschkönig“: die Geschichte eines Mannes, der offenbar im Schatten seine Mutter steht und auf der Suche nach Liebe einer Königstochter hinterherläuft, die sich wiederum nur aus Gehorsam zu ihrem Vater zur Liebe bekennt – wie kommen die beiden zueinander und lösen sich von den Eltern ab? Es sind spannende Fragen, die in Märchen zugespitzt erzählt werden.“

„Nur Liebe führt zum Glück“, heißt dieser Artikel, der uns aufzeigt, dass einfache Bauerntölpel über Jahrhunderte hinweg von Oma, Opa, Mama und Papa schon psychoanalytische Aufgabenstellungen vorgesetzt bekamen, die sie aufs Leben vorbereiteten – ganz ohne den Satz des Pythagoras oder Kenntnis von Präpositionen.

Liebe – ein Wort, das oft mit Romantik verbunden ist. Heute … oft gleich gesetzt mit Sex. weshalb wohl auch kaum noch jemand von Liebe für Kinder spricht (es drängt sich gleich ein Missbrauchsverdacht auf) – vielleicht gibt es die ja auch kaum noch und deshalb bringen die sich um.

Bleiben wir aber erstmal bei der Romantik bei der „Hingabe an die Natur“ – oder bei der Sinnlichkeit.

Wissen Sie eigentlich, wie viel Sinne sie haben? Sehen, hören, schmecken, riechen, fühlen. Gibt noch mehr – moderne – Sinne (Gleichgewicht, Schmerz, Temperatur sowie die Eigenwahrnehmung des Körpers), die wir erstmal vernachlässigen können (und die man auch den taktilen Sinnen unterordnen könnte – das können wir gerne mal später diskutieren).

Wissen Sie, wofür diese Sinne geprägt sind? Zum Wohlfühlen, zum Glücklichsein – zwecks perfekter Anpassung an die natürliche Umgebung. Denken Sie an einen Waldspaziergang im Sommer: weiche Erde, sanftes Gras unter ihren Füßen, Wind umschmeichelt ihre Haut, ein Meer von lieblichen Düften ist in der Luft, das Ohr erfreut sich am Chor der rauschenden Blätter, das Auge im Lichterspiel der Sonnenstrahlen in den Bäumen – Glück breitet sich aus, gefolgt von Liebe…Liebe zu Natur, einem sehr tiefen, sehr stabilen und beglückendem Gefühl, gleich tief und erfüllen wie die Liebe zu einem Menschen … Liebe, gefolgt von dem Willen, diesen Zustand zu erhalten.

Und wissen Sie, was diese unsere moderne Welt den Sinnen präsentiert? Ihren Sinnen?

Gehen wir das mal ganz langsam durch.

Ihre Füße – berühren keine Erde mehr. Sie sind eingepackt in kleine, tragbare Kartons, oft aus Leder (ja, wie nennen diese Kartons „Schuhe“). Ihre Haut? Ebenfalls eingepackt – in Packwolle. Kein Windchen erreicht sie mehr – und wenn doch, kommt zuerst die Angst, dass es die Frisur vor dem nächsten Termin durcheinanderbringt. Und was die Düfte angeht: halten Sie mal ruhig ihre Nase in die Luft – Benzingestank dominiert alles – oder die sterile Büroluft, vollklimatisiert. Die Ohren? Erfüllt mit einer Kakophonie des Grauens, erzeugt vom modernen Verkehr – hier reichen auf dem Lande allein schon Motorräder, um Meile über Meile mit Lärmverschmutzung zu überziehen – von der akustischen Hölle in den Städten, Büros und erst recht den Geschäften mal ganz abgesehen. Und die Optik? Unser Auge fühlt sich wohl, wenn es die wogenden Wellen des Meeres sieht, oder die filigrane Vielfalt eines Baumes. Dafür wurde es geschaffen. Und was wiederfährt ihm hier? Rasender Blechterror und absurde und abstoßende Farben auf den Straßen, häßlich kahle Wände im Innen und Außen. Wir vergewaltigen all´ unsere Sinne, Tag für Tag – und wundern uns, dass wir unglücklich sind?

Sicher, Sie haben manchmal noch Ausgang aus Ihrem Sinnesfolterknast. Urlaub, Wochenende. Man ist sich bewusst, dass Sie eins der am schlimmsten geschundenen Geschöpfe der Menschheitsgeschichte sind, weil Sie unter absolut unnatürlichen, experimentellen Laborbedingungen existieren – deshalb gibt es Schonphasen. Noch. Der Sehsinn wird permanent überfordert – Straßenverkehr, irre Bilderfolge in den Medien, pausenloses Lesen – und die anderen Sinne … riechen, hören, fühlen, schmecken – stumpfen ab … jedenfalls gab es dazu mal Studien, von denen ich aber im Netz aktuell keine wiederfinde – dafür aber Diskussionen über die komplette Abschaffung des ganzen Körper als lebensunnotwendigen Ballast (siehe die Diskussion über „Virtuell Reality“ bei Tu-Darmstadt, wobei außer Acht gelassen wird, das diese künstlichen Realitäten auch einen Schonraum für manche täglich gefolterten Sinne darstellen können).

Was Romantik noch im  Auge hat: Überwindung der Grenzen des Verstandes. Geht das überhaupt? Dann noch die Hinwendung zum Unbewussten, das Primat des Traumhaften: sind wir da nicht absolut im Irrenhaus gelandet? Nun – es geht sogar sehr schnell, die Grenzen des Verstandes zu überschreiten … denn er macht nur zehn Prozent des menschlichen Seins aus, neunzig Prozent liegen im Unbewussten … das sich gerne im Traumhaften ausdrückt. Oder in Märchen. Wer nur Verstand hat, ist ein außerordentlich reduzierter Mensch, oft arm an Sinneseindrücken, fern der Liebe, ja, da er nur ein Zehntel des Menschseins präsentiert … steht er uns ferner als der Affe. Darum findet der Verstandesmann – unser Alphatier – auch nichts schlimmes an Tierversuchen, Mastanlagen, Vergiftung unsere Lebensgrundlagen, demonstrativen Massenvernichtungen durch Atombombenabwürfe oder – harmlos klingenden aber tödlich seienden – „Sanktionen“, kann locker das Problem der Atommüllendlagerung ignorieren, die Verpestung unsere Lebensräume, den suizidalen Wahnsinn das irrationalen Masseneinsatzes von Antibiotika (die als Folge die ganze Menschheit neuen Keimen völlig hilflos ausliefert – mit dem Risiko milliardenfachen Todes zugunsten kurzfristiger Rendite aus Schweinemast), der Vermüllung gigantischer Meeresräume … um nur ein paar der Folgen zu nennen.

Warum aber … verabschiedet sich gerade jetzt der romantische Mann? Könnten wir ihn nicht dringend brauchen? Jenen Mann, der Heger der Landschaft ist, Pfleger der wunden Tiere, Hüter der ergiebigen Felder, Sänger der heiligen Lieder, Verkünder besserer Welten, Freund der Bäume und Flüße, des Lichtes und der beglückenden Klänge sowie Heiler der Seele? Helfer in Not für Baum, Mensch und Tier, Gründer von Zufluchten und Zaubergärten, Prediger einer heil gewordenen Zukunft – und erbitterter Feind jeglichen Unheils, dass die Gemeinschaft der Menschen bedroht?

Im Prinzip: ja. Und viele träumen ja gerade von ihm: dem weisen, gerechten König, der auf edlem Ross herbeigeritten kommt, den Gralskelch in der einen Hand und Exkalibur in der anderen – und der die Menschheit endlich befreit von ihren Peinigern. Die Märchen sind voll von diesen Gestalten … auch die modernen Märchen Hollywoods. Märchen – finden halt ihren Weg, die Ritter der Tafelrunde sind schon längst als Jediritter wieder auferstanden, streiten für eine untergehende Republik, die von Bankern, Ingenieuren, Händlern und vor allem finsteren, verschwörerisch im Hintergrund agierenden Mächten zerstört wird. Wir denken auch an den Fischerkönig der Artussage, jener mythischen, verletzten Gestalt, deren Heilung das Heil für das ganz Land bedeuten kann … und dessen Aspekte in der Gestalt des Darth Vader auf wundersame Weise wieder auferstehen.

Doch er selbst: geht. Verschwindet in die Wälder – oder geht furchtlos hinein ins Nichts, dass uns alle am Ende erwartet, denn er weiß: stirbt er erst den Tod des Geistes, wird der weitere Weg schwieriger. Das Experiment „Universum 25“ beschreibt die Folgen des geistigen Todes bei Mäusen (siehe anjamüller), die – obwohl materiell in paradiesischen Zuständen lebend – als Gesellschaft aussterben … dort stellt die Tatsache, dass es keinen Platz mehr in der sozialen Hierarchie gibt, den geisten Tod da.

Keinen Platz mehr in der sozialen Hierarchie? Für Männer? Viele werden jetzt aufstöhnen, weil „Mann“ an und für sich nicht mehr differenziert gedacht wird – wie so vieles nicht mehr differenziert gedacht wird, sondern durch Parolen geformt. Ich – sprach jedoch nur von dem romantischen Mann, der Mitgefühl kennt, weil er voller Liebe für die Schönheit der sterbenden Natur ist. Und er geht nicht aus freiem Willen, er geht, weil er vertrieben wird.

Vertrieben?

Schauen Sie sich mal ganz genau an, wem man die Verantwortung für die Vernichtung der Ökosphäre gibt?

Denen, die den Plastikmüll produzieren? Oder den Sondermüll auf vier Rädern? Denen, die bei aller Begeisterung und Propaganda für „Technik“ verschwiegen haben, dass die vielfältigen Nebenwirkungen dieser Technik den Planten in eine öde Wüste verwandeln werden? Die nach ihrem beständigen Streben nach noch mehr Macht über alles die tödlichsten Bomben, die dauerhaftesten Gifte, die unsinnigsten verschwenderischen Produkte produziert und vertrieben haben? Jenen, die aus lebendigen Tieren siechende, ja giftige Biomasse machen, damit die Bratwurst billig bleibt? Es sind die Unmenschen des Verstandes (die minus-neunzig-Prozent-Menschen – die es auch als Frauen gibt), die in maßloser Selbstüberschätzung einen Hass auf alles lebendige praktizieren … und vielleicht gerade auch deshalb von der körperlosen (also: sinn- und glücksbefreiten) Existenz im Cyberspace träumen, wo sie als Götter mit absoluter Macht herrschen können.

Nein – jene werden nicht angeprangert.

Doch jene, die auch nicht ein einziges Mal „ja“ zu allem gesagt haben, nicht zu Autobahnen, nicht zu Atomkraftwerken, Plastiktsunamis oder Massenurlaubswahn, die einfachen, sinnlichen, träumenden romantischen Männern, werden schuldig gesprochen – und ein ganzer Chor von Mitmenschen stimmt darin ein: sie sind es, die Schuld tragen an allem Übel, die Konsumenten, die, die nur überleben wollen – und müssen – sie gelangen in den Fokus des Hasses und der Verachtung … und hier vor allem: Männer. Frau will sich ja den Alphamann nicht durch unnötige Kritik vergraulen – und die Chance auf ein arbeitsfreies Leben am Pool der Macht verspielen.

Der romantische Mann … spricht und schreibt in der Sprache des Volkes, pflege der Seele ist ihm wichtiger als die Gier nach Macht – doch er geht nun mit den Tieren, den Pflanzen, den altertümlichen Werten und der Sozialromantik fort, geht, mit den Dingen die er heiß und innig liebt … an einen anderen Ort. Er geht mit einem fröhlichen „macht euren Scheiß doch alleine“, weil er etwas inneträgt, das nur aus der Romantik geboren werden kann: Weisheit. Und eine allumfassende Liebe.

Und die Revolution, den Widerstand, die Heilung … überläßt er jenen, die ihn jagen und verfolgen. Weshalb … in dieser Hinsicht auch nichts mehr geschieht.

Ohne Liebe, ohne Mitgefühl, ohne das Gefühl für Anstand und Gerechtigkeit … kein Widerstand.

Und all´ diese Werte erwachsen aus … der Romantik.

 

 

 

 

 

 

Die kontrollierte Obsoleszenz des menschlichen Verstandes

Der Mensch wird immer dümmer.
behauptet der Entwicklungsbiologe Gerald Crabtree von der kalifornischen Stanford University. Als wir Menschen noch in Höhlen hausten, war die Intelligenz überlebenswichtig bei der Nahrungssuche, dem Kennen der Tierwelt und dem Einschätzen von Gefahren. Zudem war der gesunde Menschenverstand (GMV) massgeblich an der Entwicklung von Werkzeugen, sozialer Strukturen und dem Entstehen der menschlichen Zivilisation beteiligt. Heute hingegen wird der menschliche Intellekt nur noch selten als „Überlebenswerkzeug“ eingesetzt. Wir benutzen unsere Intelligenz hauptsächlich für das Zurechtfinden in der technisierten Welt, das Filtern von permanent empfangenen „kauf mich“-Botschaften oder das Agieren/Reagieren im sozialen Umfeld. Diese Verlagerung/Verdummung des GMV passierte nicht von selber, sondern hat Methode.
Der Begriff Obsoleszenz stammt aus dem lateinischen (obsolescere) und bedeutet sich abnutzen, alt werden, aus der Mode kommen, an Ansehen, an Wert verlieren. Als der praktische Erfinder der geplanten Obsoleszenz gilt Alfred P. Sloan, welcher in den 1920er Jahren in seiner Funktion als GM-Präsident (General Motors) annuelle Konfigurationsänderungen und Veränderungen an Automobilen einführte und damit Kunden zum vorzeitigen Neukauf animierte. Ein weiteres Beispiel ist das Phoebuskartell. Dieses legte fest, dass Glühlampen eine Lebensdauer von maximal 1000 Betriebsstunden erreichen dürfen. Die ursprünglichen Glühbirnen hielten enorm lange, die Älteste der Welt beleuchtet seit 1901 nahezu ununterbrochen eine Feuerwache in Livermore (US-Bundesstaat Kalifornien). Eine solche Lebensdauer wäre bei vielen anderen Produkten auch möglich und technisch realisierbar.
Grundsätzlich ist gegen verschiedene Produktqualitäten nichts einzuwenden. Der Hobbybastler kauft sich eher selten eine Bohrmaschine für 500 Euro, sondern eine für die Hälfte des Preises oder noch weniger. Diese Maschine reicht völlig für seine Ansprüche aus und hält auch lange, da er sie nur sporadisch benutzt. Der Profi hingegen muss sich auf sein Werkzeug verlassen können, wenn es täglich im Einsatz ist. Er entscheidet sich daher eher für die teure Variante. In diesem Fall machen verschiedene produzierte Qualitätsstufen Sinn, wenn man beim Einkauf die Art, Dauer und Menge der Maschinenverwendung berücksichtigt und aufgrund dessen die Qualität des Produktes auswählt.

Ressourcenverschleudern für’s Prestige
Was bedeutet dies für die Umwelt. Nehmen wir als Beispiel die Handy’s respektive Smartphones. Jedes Jahr kommen neue Modelle auf den Markt ob man will oder nicht. Die Änderungen zu den Vorgängermodellen sind in der Regel minimal und verdienen das Prädikat „neu“ eigentlich gar nicht. Es sind keine innovativen, neuen Technologien vorhanden, sondern einzig diverse Abmessungen variieren im Millimeterbereich, neue Software ist installiert oder das Design hat sich minimal verändert. An den Grundfunktionen hat sich aber nichts getan. Man kann immer noch „nur“ telefonieren, surfen, terminieren, notieren, fotografieren und Daten austauschen. Das konnte man schon vor fünf Jahren. Aber zwischenzeitlich hat man das Gerät jährlich gewechselt, das Fünffache an Ressourcen verschleudert und genauso viel Müll produziert. Dafür glaubt man eine neue technologische Errungenschaft in den Händen zu halten, dabei kann man immer noch nicht mehr mit dem Teil machen wie vor fünf Jahren. Einzig die Anzahl respektive Verfügbarkeit der sogenannten „Apps“ hat sich vervielfacht und bieten Dienste an, die aus normal denkenden,
erwachsenen Menschen schnell verdaddelte, vorpupertäre Teenager machen, die gerne ihr Selbstwertgefühl und Sozialkompetenz anhand der Anzahl Apps auf ihrem Smartphone definieren.

Faulheit als Marketingstrategie
Hier zeigt sich das wahre Ausmass der menschlichen Verblödungstaktik. Der Verbraucher glaubt heute immer noch, wenn auf der Packung „neu“ steht, dass dieses Produkt wirklich neu oder sonst was ist. Wenn dem nicht so wäre, gäbe es keine Werbung mehr. Würde jeder Konsument seinen Einkauf nach ökologischen Kriterien durchführen und den normalen gesunden Menschenverstand bei der Produkteauswahl gebrauchen, wären Marktstrategen und Werbeindustrie machtlos. Aber sie können sich auf eine menschliche Eigenschaft berufen, die ihnen seit je her immer wieder neue Konsumenten zuschanzt – die menschliche Faulheit. Sie ist die ältere Schwester der Bequemlichkeit und begleitet uns seit Menschengedenken durch unser (Konsum)verhalten. Faulheit ist grundsätzlich nützlich. Unsere Urahnen mit Keulen und Lendenschurz wussten schon mit Hilfe von Faulheit ihre überlebenswichtigen, körperlichen Ressourcen zu schützen. Sie wollten sich nicht unnötigerweise vorzeitig, aufgrund sinnloser Aktivitäten zuvor, auf neue Nahrungssuche begeben und somit neuer Gefahren aussetzen. Also blieben sie so gut es ging inaktiv und schonten ihre Kräfte, wenn der Magen voll war. Diese ressourcenschonende Eigenschaft der Faulheit wird in der heutigen industriellen Welt fast vollständig ignoriert. Ergänzend bleibt zu erwähnen, dass physische Untätigkeit nicht gleichbedeutend mit psychischer Inaktivität ist. Ein bekannter Spruch lautet: Faulheit ist die Quelle grossartiger Ideen. Leider wird dies allzu oft übersehen.
Die jüngere Schwester der Faulheit, Namens Bequemlichkeit, verleitet uns manchmal zu sonderbaren Kaufentscheiden. Sehr viele (sinnlose) Produkte zielen darauf ab, uns das Leben einfacher zu machen. Oberflächlich betrachtet mag das stimmen. Schaut man aber den ganzen energietechnischen Aufwand/Prozess eines Produktes an, angefangen bei der Rohstoffförderung, der Herstellung, der Vermarktung und Verteilung, dem Aufwand des Konsumenten das Produkt zu erwerben, das heisst, er musste Arbeitsleistung erbringen um Geld zu verdienen, damit er es sich leisten kann, bis hin zum eventuell benötigten Unterhalt des Artikels, dann schneiden etliche Produkte in der Energiebilanz über Aufwand und Ertrag sehr schlecht ab. Am Ende der Artikellebensdauer wird das (defekte) Produkt weggeschmissen. Dadurch wächst das Müllvolumen und der rohstoffliche Energiewert geht verloren, sofern er nicht einem sinnvollen Recyclingsystem zugeführt wird. Hier kann sich jeder Fragen, ist der energietechnische Aufwand für, zum Beispiel, einen elektrischen Büchsenöffner gerechtfertigt, bei einer Person mit zwei gesunden Händen?
Sollte dieses Gerät als Erleichterung im Leben eines gesunden Menschen angesehen werden, dann ist Leichtgläubigkeit ein ideales Fundament für das Haus der Dekadenz. Als Dach bekommt die Hütte noch ein überbordendes Konstrukt aus Labilität wobei jeder einzelne Dachziegel für mindestens eine erfolgreiche Manipulation der Erzeugnishersteller steht. Es ist erwiesen, dass der Endkonsument über 90% seiner Produkte aufgrund einer Werbe-Botschaft kauft. Sei es Mund-zu-Mund-Propaganda oder die herkömmliche Werbeberieselung. Das gilt auch für Produkte, die schon jahrelang erworben und somit bald als „eigene Entscheidung“ betrachtet werden. Aber das stimmt so nicht. Irgendwann, vor Jahren, vernahm der Konsument eine Botschaft, die ihn zum Kauf animierte oder später animieren wird. Jeder, der zum ersten Mal eine eigene Wohnung bezogen hat und vor dem ersten „Haushaltseinkauf“ stand, orientierte sich an  Produkten, die er bei den Eltern kennen lernte und die nächste Generation orientiert sich an deren Eltern undsoweiter undsoweiter. Willkommen in der Markenbindung für’s Leben.
Bedient wird der „Faulzeit-Konsument“ mit den Grossverteilern und Handelsketten. Dort wird man durch alle Erwerbsmöglichkeiten suggeriert und hat am Ende weniger Geld als gerechnet und mehr Artikel als geplant. Das passiert im “Laden um die Ecke“ nicht oder eher selten. Die Preise sind dort oft höher und die Auswahl kleiner. Dafür stammen die Produkte meist aus der Region, haben dadurch kleine Transportwege, der persönliche Kontakt im Laden ist intensiver und man bekommt viel eher die Möglichkeit für den einen oder anderen „Sonderwunsch“. Zudem wird man nicht permanent dem penetranten Dauerwerbebombardement der Supermärkte ausgesetzt, das ziemlich nerven kann. Die kleinen Läden haben höchstens mal farbige Preisetiketten. Hier kauft man viel bewusster ein und hat schlussendlich, energetisch gesehen, die Umwelt sowie das Portemonnaie mit weniger Rohstoffbedarf belastet. Bewusster Konsum ist Arbeit und erfordert Zeit, aber der Gewinn von Lebensqualität gleicht den Einsatz mehr als aus.

Staatsreligion: Materialismus
Ein weiterer Aspekt der Verstandes-Obseleszenz ist die gesellschaftliche Hörigkeit an Prestige und Materialismus. Wie hoch wird der gesunde Menschenverstand bei einer Person bewertet, wenn diese tage- und nächtelang vor einem Shop ausharrt, um einer der Ersten zu sein, die ein neues Produkt erwerben können. Wie hoch ist die Hörigkeit an Materialismus in dieser Person? Jeder hat seine eigenen Dinge, auf die er „wert“ legt. Diese mal öfters zu hinterfragen, ob sie wirklich für das eigene Wohlbefinden nötig und ökologisch wie ökonomisch überhaupt sinnvoll sind, ist eine erfolgreiche Möglichkeit, die Geldbörse, die Umwelt und zuletzt schliesslich sich selbst zu schonen/schützen.
Die Strategen des freien Handels verfolgen mittlerweile ein neues Ziel. Es dauert den Herstellern zu lange und verhindert Umsatz, wenn ein Konsument Geld spart um sich etwas leisten zu können. Geld sparen bedeutet Zahlungsmittel zu horten, respektive eine gewisse Zeit aus dem Markt zu nehmen. Ein potentieller Kunde der kein Geld ausgibt ist ein schlechter Kunde. Also verbrüderten sich die Hersteller noch enger mit den Geldinstituten mit dem Ziel, den Konsumenten früher als sonst zum Kaufen zu animieren. Dies haben sie erfolgreich durchgesetzt. Jetzt kann man die meisten Artikel sofort haben und bezahlt diese erst später. Zwei Fliegen mit einer Klatsche. Einerseits können die Hersteller momentan mehr Produkte verkaufen, weil sie nicht mehr warten müssen bis der Kunde das Geld zusammen gespart hat und andrerseits begibt sich der Endkonsument in die Abhängigkeit der Banken, indem er sich bei ihnen verschuldet. Als „Verdienst-Sahnehäubchen“ können noch zum Kaufpreis die Zinsen, Ratenzahlungsgebühr, Verwaltungskosten und ähnliche Geldbeschaffungs-massnahmen verrechnet werden. So verteuert sich das Wunschobjekt bis zu 30% des ursprünglichen Preises. Dem Kunden wird aber suggeriert, er kauft z.B. einen Fernseher für 99.99 Euro pro Monat. Dass der Konsument dies bis zu 48 Mal machen muss ist ihm meist nicht richtig bewusst. Zeit kann sich der Mensch nicht vorstellen, höchstens spüren anhand der inneren Uhr. Er kann sie sonst nur messen und berechnen. Daher sind sich die meisten gar nicht bewusst was es heisst, sich für viele Jahre einer oder mehreren Banken auszuliefern. Man sieht nur die 99.99 Euro. Solange alles gut geht und man regelmässig bezahlt hat man seine Ruhe und die Bank kann reale Werte abschöpfen. Zahlt man nicht mehr, werden Konsequenzen möglich, wie sie zur Zeit in Spanien an der Tagesordnung sind – ca. 500 Zwangsräumungen…täglich. Also auch hier stellt sich die Frage, ist es nötig, sich mit
dem neuen Fernseher oder sonst was auf Jahre zu verschulden und somit ein Stück Freiheit abzugeben? Für ein Gerät, das vermutlich nicht mal die 48 Monate durchhält?
Leider hat auch hier die kontrollierte Obsoleszenz des Verstandes schon erschreckende Ausmasse erreicht und es werden mehr Krediteinkäufe getätigt, als sich der Mensch leisten kann. Würde hier der gesunde Menschenverstand gute Arbeit leisten können, wären die Banken sehr schnell, sehr viele „Kunden“ los. Aber die Dauerberieselung trägt Früchte und der Konsument braucht immer weniger seinen Verstand zum Einkaufen. Hier kommt wieder die Faulheit oder Bequemlichkeit ins Spiel. Er lässt sich viele Entscheidungen abnehmen, weil es auf Dauer einfach zu mühsam, schlicht unmöglich ist, sich ständig gegen das Angebotsbombardement zu wehren. Zahlen Sie bar oder mit Kreditkarte?

Soziale Obsoleszenz
Der Mensch ist von Natur aus ein mitfühlendes, sensibles Wesen. Aber in der suggestiven Medienwelt wird oft das Gegenteil gezeigt. Jeden Abend werden Menschen in gewaltverherrlichenden Szenen dargestellt. Dies wird gesellschaftlich als „Unterhaltung“ angesehen. Auch wenn im Fernsehen alles (meistens) gestellt ist, so ist die Symbolik des Tötens gleichbedeutend mit dem echten Töten. Das Gehirn kann nach 12 Minuten nicht mehr unterscheiden, ob eine Szene echt oder gestellt war. Nur der Verstand kann dies noch. Also ist die synaptische Verbindung einer „Tötungserinnerung“ vorhanden und wird, zum Glück in den meisten Fällen, vom Verstand verwaltet. Wenn viele solcher Verbindungen, aufgrund regelmässigen Gewaltkonsums, entstanden sind, färbt das automatisch auf die Persönlichkeit ab und man sieht die Gewalt immer mehr als „normal“ an. Wenn der GMV sozial verträglich arbeitet, wird der Gewaltkonsum nicht lebensbestimmend oder bedrohlich für das Umfeld. Doch leider hört man immer wieder von tragischen Ereignissen, bei denen der GMV scheinbar nicht mehr „normal“ funktioniert. Bei einem Mörder muss im Vorfeld seiner Tat die persönliche Hemmschwelle für Gewalt entsprechend heruntergesetzt worden sein. Wann, wo und wie lässt sich meist nur mit intensiver Persönlichkeitsarbeit ermitteln.
Das Phänomen der gesellschaftlichen Verrohung entstand nicht einfach so. Viele Staaten hatten seit Generationen keinen Krieg im eigenen Land. Die ältere, kriegserfahrene Generation stirbt langsam aus, was einen hohen Verlust an sozialer Kompetenz und Erfahrung darstellt. Ein Kriegsveteran wird eher kein Computerspiel benutzen, bei dem er in fast fotorealistischer Umgebung, an identischen Schauplätzen seiner Einsätze die Grausamkeiten eines Krieges nachspielen kann. Auch andere Menschen, die Gewalt persönlich in irgendeiner Form erlebt haben werden kaum etwas Mediales konsumieren, welches sie an das Erlebte erinnert. Die jungen Generationen haben keinen Krieg erlebt und kennen diesen höchstens virtuell aus Nachrichten und Computerspielen. Es ist also kein echter Realitätsbezug/Erfahrung vorhanden, der den Gewaltkonsumenten schützen könnte. So „amüsiert“ er sich in virtuellen Kriegsschauplätzen oder sonstige Metzeleien und hat immer weniger moralische Bedenken in seinem Tun.
Die Gewaltpropagierung durch die Medien hat die Konsumenten schon entsprechend dorthin manipuliert, wo sie sie haben wollen. Das Ausweiden eines Menschen wird mit einer Packung Popcorn genossen und beim Anblick nackter Brüste schickt man die Kinder auf’s Zimmer.
Wenn ein Geschlechtsteil auf der Mattscheibe zu erkennen ist, schlagen die Wogen hoch und alle Welt ist entrüstet. Haben diese Menschen vergessen, dass gewisse Körperteile dazu da sind, freudige Gefühle zu empfinden und Leben zu schaffen. Man spricht nicht umsonst von fast einem göttlichen Akt. Das ist die eigentliche Natur des Menschen. Nicht das Töten.
Das Verwenden von Gewalt zum Erreichen seiner Ziele ist wieder gesellschaftsfähig geworden. Dies wird politisch schon lange praktiziert und im Sport symbolisch wie auch tätlich eingesetzt. Man schaue sich Boxen, Fussball, Eishockey usw. an. Würden die Massenmedien nur auf das Positive der Menschen reagieren, wäre die gesellschaftliche Hemmschwelle für den „legitimen“ Einsatz von Gewalt deutlich höher. Kein Staatsmann könnte noch einen Krieg anzetteln – keiner ginge hin. Aber auch hier trägt die Dauerberieselung von Gewalt Früchte und der Einzelne verliert immer mehr die Anteilnahme und Mitgefühl zu seinen Mitmenschen. Die Kriegs- und Gewaltbereitschaft steigt, was den Verteidigungsministern viele neue Rekruten verspricht. Zudem schürt das permanente Ausstrahlen von Gewalt die Angst. Unsichere Menschen sind leichter manipulierbar. Profiteure der „Bevölkerungsangst“ sind die Versicherungen, Banken, Rüstungs- und Sicherheitsindustrie, Politiker mit ihren Wahlversprechungen und schlussendlich die staatlichen Gewaltorgane wie Militär, Polizei und Geheimdienste. Man sieht, dass die Gewaltverherrlichung in den Medien durchaus Ziele verfolgt, wie Macht- und Konsumsteuerung, und deshalb nicht dem Zufall überlassen wird.
Wie weit die soziale Obsoleszenz bei einem fortgeschritten ist, kann jeder ganz einfach selbst überprüfen: Wann haben Sie zum letzten Mal aus reiner Selbstlosigkeit etwas Gutes getan?

Und nun die Wettervorhersage…
Das moralische Hochdruckgebiet der menschlichen Gesellschaft verlagert sich langsam und macht einem grossen obsoleten Tief Platz, dass vermutlich in der nächsten Zeit wetterbestimmend sein wird. Dies kann zu lokalen Entladungen führen in Form von sintflutartigen Wutausbrüchen des Volkes, welche die betroffenen Behörden in den Regionen schnell an ihre Leistungskapazität bringen werden. Die Bevölkerung ist aufgerufen Ruhe zu bewahren und mit Hilfe des GMV wieder Ordnung und Normalität in den betroffenen Gebieten herzustellen. Alle Nichtbetroffenen werden gebeten sich solidarisch zu zeigen, indem sie ihren Mitmenschen Güte und Mitgefühl schenken. Mit diesen Massnahmen sollte die obsolete Schlechtwetterfront nur geringe gesellschaftliche Schäden anrichten können. Zusätzlich ist jeder Einzelne für eine zukünftige Sturmfront besser gewappnet.

Mit Dank an Zigorio.

Papst siegt über Naturwissenschaft, Politik und Gesellschaft

Ein völlig uninteressanter Streit tobt gerade in den Kommentaren der großen Zeitungen. Da ist ein Spiegelredakteur Katholik geworden - oder war es vielleicht schon immer. Warum sollte das auch nicht möglich sein, dies ist ein freies Land - und gerade in religiösen Dingen sollte es keine Vorschriften geben. Wir brauchen doch wohl nicht wieder eine heilige Inquisition, die uns vorschreibt, was wir glauben dürfen und was nicht?

Erschreckend finde ich, das es diese Inquisition dann doch gibt, auch wenn sie noch keine erkennbaren Scheiterhaufen aufgehäuft hat. Noch erschreckender ist die Dummheit, die Intoleranz und Ignoranz, mit der argumentiert wird, wobei ich unter Dummheit hier verstehe, das man einerseits auf Wissen zum Thema dankend verzichtet, andererseits aber auch nicht gewillt oder fähig scheint, seinen Kopf zu gebrauchen.

Ein völlig uninteressanter Streit tobt gerade in den Kommentaren der großen Zeitungen. Da ist ein Spiegelredakteur Katholik geworden – oder war es vielleicht schon immer. Warum sollte das auch nicht möglich sein, dies ist ein freies Land – und gerade in religiösen Dingen sollte es keine Vorschriften geben. Wir brauchen doch wohl nicht wieder eine heilige Inquisition, die uns vorschreibt, was wir glauben dürfen und was nicht?

Erschreckend finde ich, das es diese Inquisition dann doch gibt, auch wenn sie noch keine erkennbaren Scheiterhaufen aufgehäuft hat. Noch erschreckender ist die Dummheit, die Intoleranz und Ignoranz, mit der argumentiert wird, wobei ich unter Dummheit hier verstehe, das man einerseits auf Wissen zum Thema dankend verzichtet, andererseits aber auch nicht gewillt oder fähig scheint, seinen Kopf zu gebrauchen.

Sicher ist Religion ein schwieriges Thema. Deshalb darf man sich aus der Diskussion ja auch heraushalten – das ist erlaubt. Man muss sich nicht zu Religion bekennen noch über sie urteilen. Wie will man das auch? Unsere naturwissenschaftliche Methodik befasst sich mit Dingen aus dem Bereich der Natur, Religion (und zunehmend auch die Physik) mit Dingen dahinter. Alle zitieren mit einer Träne im Augen nahezu täglich den „Kleinen Prinzen“: „Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar“ – aber keiner will die Konsequenz daraus ziehen. Religiöse  Wahrheiten sind offensichtlich keine Wahrheiten des Verstandes – wollten sie auch nie sein – sondern Wahrheiten des Herzens. Das sie also nicht in die Raster der Vernunft zu pressen sind, spricht in erster Linie gegen die Vernunft – oder zeigt halt ihre Grenzen auf, die schon erreicht sind, wenn wir über die Grundlagen der menschlichen Erkenntnis reden – aber nicht gegen das weite Feld von Religion.

Im Streit um Religion werden erwachsene Männer schnell wieder zu kleinen Kindern und jammern groß darüber, wie Gott nur den Untergang der Titanic oder der Estonia zulassen konnte. Mal unabhängig von der Tatsache, das Gott weder die Titanic gebaut noch sie vor den Eisberg gesteuert hat: wie groß wäre denn das Gejammer, wenn er dirigistisch in unser Leben eingreifen würde? Vielleicht tut er das sogar gelegentlich noch mal, eigentlich glaube ich aber nicht daran. Es würde nicht zum Geschäft gehören. Einerseits soll der Mensch frei sein, tun und lassen können was er will, andererseits ist im Verständnis der Religionen die Welt wie wir sie sehen nicht so wichtig – oder sogar teuflisch. Letzteres ist eine Erfahrung, die gerade Teldafaxkunden machen: der von der Regierung mit großer Lust deregulierte Strommarkt wird zu einer bösen Falle wie vorher schon der deregulierte Arbeitsmarkt oder der regulierte Finanzmarkt zu bösen Fallen für Menschen wurden.

Im Verständnis der Religionen ist der Mensch – huch – selbst verantwortlich für seine Kriege, seine Vernichtungslager, seine Atombomben, seine Arbeitsmarktreformen und seine Anlagestrategien. Was ist denn das für eine Einstellung, die völlige Freiheit für menschliches Handeln fordert, doch wenn es schief geht,  übernatürliche Zauberkräfte als rettende Kavallerie einfordert? So denken Babys, wenn sie die Windel vollmachen – oder aber Banken, wenn ihre eigenen Zauberkunststücke – wie zu erwarten – schief gehen.

Das ist mehr als albern – funktioniert aber, wenn man Bank oder Baby ist, nur sind es Menschen, die dort zu Hilfe kommen. Babys sind für die Hilfe dankbar, Banken erhöhen aus Dank erstmal die Zinsen und ruinieren dann fröhlich weiter die Volkswirtschaften zum Zwecke der eigenen Bereicherung.

Man fragt sich, warum es eigentlich diesen Streit gibt. Man hätte ihn ignorieren können wie den Prozess um diesen Kachelmann. Doch ebenso wie der Kachelmannprozess lässt diese Auseinandersetzung tiefer blicken als es einem lieb ist.

Es geht hier um nichts anders als das Versagen sämtlicher gesellschaftlicher Ordnungssysteme, die den ehemaligen Kulturchef des Spiegels in die Religion getrieben haben – und das „moderne“ Menschen wie er Zuflucht in der katholischen Kirche suchen zeigt sehr deutlich die Zerrüttung unserer gesellschaftlichen Grundüberzeugungen.

Es wird gerade in diesen Zeiten fast täglich ersichtlich, wie sehr wir den Karren vor die Wand gefahren haben. Kaum ein Tag vergeht, an dem die Presse nicht süffisant über das Erlahmen des bürgerlichen Widerstandes (und seine Sinnlosigkeit) schmunzelt oder sich über bürgerlichen Zorn echauffiert, der die Parlamente stürmt. Nach dem Ende des Kommunismus zerstört der Kapitalismus noch eben die bürgerliche Gesellschaft, bevor er zeigt, das er ebenfalls unfinanzierbar ist.

Es kommt zur Wunschträumen über neue kommunistische Umwälzungen und sozialfreundliche Umsturzversuche, die allesamt leugnen, das neben dem Kapitalismus auch der Kommunismus versagt hat und eine Neuauflage alter Ideologien nicht automatisch eine Antwort auf moderne Probleme gibt.

Übrig bleibt: die Religion.

So unangenehm diese Wahrheit auch ist: wenn wir so weiter marschieren, dann wird der Papst gewinnen. Nicht der Zen-Buddhist, der Schamane oder der protestantische Theologe, sondern der Papst, gewählt, um das zweitausend Jahre alte Schiff der katholischen Kirche in dunklen Zeiten durch die Unwetter zu steuern, die moderne Naturwissenschaften, die industrielle Kultur und der Konsumwahn entfacht haben.

Wer die Evangelien (die „frohen Botschaften“) mal selber liest, der wird sehen, das sie von der Weltsicht der von der Kirche massakrierten Katharer gar nicht mehr so weit entfernt sind: die Welt wird regiert vom Teufel, er steckt selbst im Detail. Und wer sich an das Schicksal der „reingläubigen“ Katharer erinnert, dem graut vor dem Sieg des Papstes: die friedliche christliche Botschaft ernst zu nehmen wird auch in kirchlichen Kreisen nicht gern gesehen.

Die Überzeugung, das die Religion als Solche Feind der Mächte dieser Welt geworden ist, scheinen viele Mächtige zu teilen – so wird der Krieg des Westens gegen den Islam auf einmal recht plausibel, umgekehrt versteht man, warum Moslems gerade die USA für den „großen Satan“ halten. Die US-Kultur prägt die Moderne wie keine andere Kultur, hat im Siegeszug nationale Kulturen jeder Art völlig verdrängt und wird – wie es momentan aussieht – die Weltwirtschaft in den größten Knall der Menschheitsgeschichte hineinführen, einen Knall, auf den sie sich seit Jahrzehnten gezielt militärisch vorbereitet.

Und was hat uns als Menschheit zerrüttet?

Unsere Verführbarkeit – wie schon in der Paradiesgeschichte. Dort waren es verbotene Äpfel, hier sind es Glitzerperlen der Konsumkultur. Wir sind da nicht besser dran als die „Indianer“ Nordamerikas, die ihr Land, ihr Glück und ihre Gesellschaftsordnung für ein paar Glasperlen und ein Metallmesser verkauft haben. Wenigstens erinnern wir uns noch daran, das es ihre freiheitliche Verfassung war, die unsere Aufklärung überrascht … und geprägt hat.

So ist es schon eine gewisse Ironie des Schicksals, das die westliche Kultur der Aufklärung nun ebenfalls das Schicksal der Irokesen teilt. Der politisch freie Mensch des Westens streitet sich über die Fahrtrichtung eines Autos, dessen Tankinhalt von jenen Konzernen bestimmt wird, die auch für Reparaturen und Straßenbau sorgen. Die Freiheit, die wir nach dreihundert Jahren Aufklärung erleben dürfen, ist die Freiheit eines Lastesels. Dem Versuch, dem Fluch der Arbeit zu entkommen, haben NSDAP und SPD die Verherrlichung des Fluches entgegengesetzt – was bleibt da noch anderes übrig, als sein Heil in der Kirche zu suchen, die als letzte menschliche Organisation noch zugibt, das Arbeit mühsam und eigentlich eine Strafe ist, was arbeitende Menschen jeden Tag erleben dürfen – falls wir überhaupt noch Arbeit haben.

Die katholische Kirche – als Unternehmen – fasziniert Menschen quer durch alle Bildungs- und Glaubensschichten. Während durchschnittliche Firmen nach 40 Jahren vom Markt verschwinden, hält sich diese Firma seit Jahrtausenden über Wasser, präsentiert sich als älteste Organisationsform der Menschheit und als eine Ideologie, die recht behalten hat mit ihren Warnungen den Kräften, die sich letztlich wirklich hinter der wohlgemeinten Aufklärung austobten.

Und so steht am Ende der Weltgeschichte der Triumph des Papstes über die Naturwissenschaften, die nur Kräfte entfesselt haben, die sie nicht beherrschen konnten, über die Politik, die selbst nur noch wortreich und kunstvoll ihre alternativlose Ohnmacht formuliert und über die menschliche Gesellschaft, die nach allen Versuchen, ohne Gott und Kirche auf eigenen Beinen zu stehen, kläglich gescheitert ist und  nur deshalb Gott verflucht, weil er nicht als Kindermädchen auftritt und alles wieder heil macht, was der Mensch zerstörte.

Wir sehen also: der Streit ist an sich gar nicht so uninteressant.

Nur sind die Wahrheiten, die ihn tragen, ziemlich hässlich.

 

 

 

 

 

 

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