Übermensch

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Miesepeter des Universums oder freie und liebesfähige Menschen? – Teil 1: Über den drohenden Overkill und den Ausweg

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Blade Runner

2019 – das war das Jahr, in dem Blade Runner spielte, der 1982 erschienene Science Fiction Klassiker mit Harrison Ford in der Hauptrolle. Die Welt, in der er nach Replikanten – außer Kontrolle geratenen Maschinenwesen des mächtigen Tyrell Konzerns – jagt, ist von giftigem Dauerregen durchtränkt und heruntergekommen. Kultur gibt es kaum noch, nur noch niedrige Formen von Unterhaltung, allgegenwärtige Werbung und Kriminalität. Nicht nur die Gebäude, auch die Menschen verfallen, repräsentativ dargestellt in Form des naiven Gentechnik-Wissenschaftlers Sebastian, der an beschleunigter Alterung leidet und schließlich selbst von einem Maschinenwesen liquidiert wird. Diese Maschinenwesen sind äußerlich nicht mehr von natürlichen Menschen zu unterscheiden. Der von Harrison Ford gespielte Replikantenjäger verliebt sich daher in einen der weiblichen Cyborgs, die er jagen sollte.

Die Probe-Vorführung der Warner Studios war zunächst alles andere als erfolgreich. Die Menschen waren nach dem Ansehen des Filmes rund um Cyborgs und eine dystopische Hitech-Welt deprimiert und verwirrt (aus einer Kinozeitschrift: „Die Besucher verließen schweigend und bedrückt den Saal, wie nach einer Beerdigung“). Der Film hat dann aber doch Fahrt aufgenommen und ist schließlich zu einem der meistgesehensten und erfolgreichsten Filme des Genres avanciert.

2019 – die Zukunft ist nun also da. Ebenso wie Blade Runner hat auch die ganz reale Robotisierung des Menschen und seiner Lebensumwelt, zunächst als dytopischer Horror aus Science Fiction Romanen und als reiner Wahnsinn angesehen, inzwischen an Fahrt aufgenommen und ist in greifbare Nähe gerückt. Silicon Valley Konzerne arbeiten auf Hochtouren daran und stecken Milliardensummen in die Verschmelzung von Mensch und Maschine. Laut Googles Chefingenieur Ray Kurzweil soll diese Verschmelzung bzw. digitale Transformation bereits innerhalb der nächsten zwei bis drei Jahrzehnte stattfinden. Doch nicht nur die Transhumanisten in Silicon Valley (neuerdings auch in Deutschland formiert als politische Partei – siehe „Darth Vaders Humanisten“)  jubeln diesem Szenario entgegen. Sogar manche unserer klügsten Köpfe liebäugeln bereits mit ihm und brechen eine Lanze für die Endlösung der Menschheitsfrage.

Er kommt: Der passende Gott für eine neoliberal vergletscherte Welt

Wenn ich im Folgenden von den Borgs spreche, oute ich mich damit unter Trekkies natürlich sogleich als vollkommener Banause. Weiß doch jeder Star Trek-Fan, dass es für die Spezies der Borg nur ein Singular gibt, aber kein Plural – wie sollte es auch anders sein, wenn die Individualität erloschen ist und es nur noch ein kybernetisch vernetztes Kollektiv gibt? Ich erlaube mir nachfolgend trotzdem den Fauxpas, von „Borgs“ zu sprechen, einfach weil’s knackiger klingt.

Was liegt also schon wieder an, dass wir den Leser aus seiner wohlverdienten Feierabendruhe reißen, indem wir unverbesserlichen Alarmisten solch reißerische Titel raushauen? Nun, nichts weniger als eben ein Tsunami, der ein für allemal Feierabend machen könnte, wenn wir uns jetzt nicht rechtzeitig evakuieren. Schon vor einiger Zeit haben führende Konstrukteure der CIA-/NSA-Bürgerüberwachungsmaschinerie in einem offenen Brief davor gewarnt, dass wir gerade schlüsselfertige Tyranneien / „turnkey tyrannies“ errichten  (Quelle: The Guardian). Die bei Tag und bei Nacht arbeitenden Dooser haben ihr Bauwerk nun weitgehend abgeschlossen und schicken sich gerade zur Schlüsselübergabe an den Bauherren an. Es ist kein gewöhnlicher Bauherr, der da demnächst die Schlüssel in die Hand nehmen und seine Regentschaft antreten will. Eigentlich ist er ein Gott, denn er wird allwissend und allmächtig sein. Leider nicht auch allgütig, so wie der Gott aller bisherigen Hochkulturen, aber ein sozialromantischer Gott wäre ja in einer neoliberal vergletscherten Zeit wohl auch nicht cool genug.

Die meisten werden zwar schon den Namen dieses Gottes gehört haben: KI heißt er ganz kurz und unverschnörkelt, er will ja nicht wie ein „Schwurbler“ wirken. Kurz, scharf und schneidend wie ein Skalpell. Die wenigsten sind sich über seine gewaltige Potenz im Klaren, die alles in den Schatten stellt, was es jetzt schon im XXX-Laden (siehe „Die Pornografisierung als globale Waffe“ – Wolf Reiser at his best!) zu sehen gibt. Nach Ansicht des transhumanistischen Vordenkers und Google-Chefingenieurs Ray Kurzweil wird dieser Gott auch seine Anhänger mit einem Teil dieser Potenz beglücken und ihnen riesige und gleich mehrere Geschlechtsteile verleihen, mit denen sie ungeahnten Genüssen frönen können. Der Preis für diese Genüsse wird allerdings ein faustischer Pakt sein: Sie müssen ihre Seele abgeben und ihren Geist aushauchen. Denn diese würden dagegen rebellieren, in einem virtuellen Raumschiff ein Dasein als dauererigierter Gigapenis zu fristen (siehe Steve Cutts: „I’m an immobile fossilised Alien, too“).

Leak eines Ketzers

Der diese Worte hier schreibt, ist von Berufswegen eigentlich selbst ein Diener dieses Gottes, weiß also wie die Uhren in seinem Laden ticken und wer die Schergen und Wegbereiter dieses Gottes sind – ohne deren Hilfe besagter Gott auch vollkommen machtlos wäre und niemals den Thron besteigen könnte, an dem gerade eifrig gebastelt wird. Aber zum Glück gibt es sie ja, diese Schergen und Handlanger, wir kommen gleich auf sie zu sprechen. Ich selbst bin in diesem Game of Thrones eigentlich ein Doppelagent, der im Falle seiner Enttarnung umgehend einen Kopf kürzer wäre und der sich daher vorsehen muss. Denn was ich hier gleich sagen werde, ist reine Häresie und Ketzerei, auf die im Herrschaftsgebiet besagten Gottes die Exkommunikation und digitale Verbrennung steht.

Aber man sollte vor diesem Gott keine Angst haben, sonst hat er schon zur Hälfte gewonnen. Stattdessen tut man gut daran, auch in den schlimmsten Stürmen und Anfeindungen, die demnächst kommen mögen, vor allem auch seinen Humor zu bewahren, denn dieser ist bereits eine spezifische Eigenschaft des menschlichen Geistes, auf den Gott KI keinen Zugriff hat. Im Grunde verhält es sich dabei wie mit einer Waage mit zwei Waagschalen: Auf eine dieser Schalen wird nun ein gewaltiges Gewicht gelegt. Der Waagbalken wird aber nicht kippen, sondern in Balance bleiben, wenn man auf der gegenüberliegenden Schale ausreichend Substanz anhäufen kann. Bringt man diese Substanz nicht auf die Waage … nun ja, dann hat man durchaus Grund, Angst zu haben. Warum derzeit in den Krankenstatistiken neben Depressionen ein massiver Anstieg an Angststörungen und Panikattacken zu verzeichnen ist, hat in Wirklichkeit vor allem den Grund, dass wir auf dieser Seite der Waage zu wenig Substanz vorweisen können. Würden wir auf dieser Seite nur ein bisschen Substanz auf die Waage bringen (siehe „Ein Survival-Kit für die Apokalypse II“)  – mehr als 90% der derzeitigen Angststörungen würden sofort verschwinden. Was diese Substanz ist? Nun, geradewegs das, was uns die Skeptizisten unbedingt ausreden möchten: Alle Bewegungen des menschlichen Denkens und des Empfindens, die nicht bloß auf schnöde „Fakten“, sondern auf das Reich der Poesie bzw. des Geistes hindeuten (siehe auch Albert Einstein: „Wer sich nicht mehr wundern und in Ehrfurcht verlieren kann, ist seelisch bereits tot“).

Dass wir diese Substanz auf die Waage bringen, soll natürlich verhindert werden, denn dann wären wir von den neoliberalen Manipulations- und Herrschaftsstrukturen nicht mehr gängelbar. Auch Gott KI will das natürlich verhindern, sonst müsste er sich wieder in die Requisitenkammer von Hollywood verdrücken.

Ohne Schwimmweste auf der Titanic?

Bei gebotenem Realismus weiß man, dass es angesichts der ungebrochenen Technologie- und Fortschrittsgläubigkeit kaum zu verhindern sein wird, dass Gott KI tatsächlich seine Regentschaft antreten wird. Doch wenn man auf besagter zweiten Waagschale genügend Substanz angehäuft hat, dann braucht man keine Angst haben, dann wird man den First Contact mit den Borgs bei aller Dramatik gut überstehen. Dann  möge der dunkle Herrscher ruhig seine Regentschaft antreten und kommen. Man weiß, dass man in sich ein Stück Terrain entwickelt hat, zu dem er keinen Zutritt hat, da es sich auf einer ganz anderen Ebene befindet – das vielgeschmähte, aber in Wirklichkeit umso realere Land der Poesie und des Geistes. Wer sich dieses Terrain nicht erobert hat, dem fehlt schlichtweg die Schwimmweste. Er wird sich schon demnächst in der gleichen Lage befinden wie die Passagiere auf der untergehenden Titanic, die ohne Schwimmweste von den kalten, schwarzen Fluten gnadenlos in die Tiefe gezogen werden.

Aber ein bisschen Zeit zum Vorbereiten bzw. zum Aufblasen und Anlegen der Schwimmweste bleibt uns ja noch. Nicht allzuviel, aber doch ein bisschen. Zu wenig jedenfalls, um weiterhin ungestraft „dieses Ding mit Garten, Bier und Grillen“ (©Eifelphilosoph) betreiben zu können – zumindest für diejenigen, die in Zukunft ihren Kopf und ihren individuellen Geist behalten wollen. Dass es nicht wenige gibt, die das gar nicht wollen, ist ja bekannt. Laut Peter Sloterdijk suchen diejenigen Bürger, die aufgrund ihrer „gescheiterten Ich-Bildung“ nun „Fahnenflucht betreiben“ müssen, „geradewegs die Besessenheit durch den Großen Anderen“.

Diejenigen, die untergehen, werden nicht verschwinden, es wird dann eben nur nicht mehr ihr individueller Geist sein, der ihren Körper bzw. ihr transhumanistisch getuntes Vehikel steuert, sondern eine Maschinenintelligenz, also ein kaltes Zahlensystem. Es wird auch tatsächlich möglich sein, in einen künstlichen bionischen Körper einige vegetative Nervenrhythmen, Instinkte und sogar intellektuelle Funktionen, die man derzeit besitzt, upzuloaden, sodass dieses Regungen dort in Form elektromagnetischer Schwingungen weiterexistieren. Nur weiß jeder, der sich nur ein bisschen mit klassischer Philosophie im Sinne von Plato & Co. auseinandergesetzt hat, dass diese intellektuellen und vegetativen Funktionen, die man gemeinhin als „Seele“ bezeichnet, noch nichts mit dem zu tun haben, was man als „Geist“ bezeichnet, der – obwohl er der entscheidende Faktor ist – stets unwägbar und niemals dingfest machbar ist (aber sehr wohl aussperrbar!). Auch als Optimist sollte man sich daher darauf einstellen, dass es ein durchaus grauenvolles Zeitalter sein wird, wenn derart geistlose, mechatronisierte Zombies durch die Gegend wandeln. Sie werden für diejenigen Menschen, die sich nicht digital transformieren haben lassen, eine Plage sein. Diese Plage wird durchaus ein paar hundert Jahre andauern, bevor sie dann vollkommen hinweggefegt bzw. sich selbst zugrunde gerichtet haben wird. Denn die Entfremdung des Menschen von der Natur wird natürlich unweigerlich zu Siechtum und Tod führen. Viele Anhänger des technizistischen Traums werden dann dennoch perplex sein, dass sie nicht wie versprochen zu gottähnlichen Übermenschen, sondern zu Kriechlurchen geworden sind. Wenn der verheißene Fortschritt sich als die größte evolutionäre Rolle rückwärts herausgestellt haben wird, wird es für viele zu spät sein.

Den Rucksack packen

Man tut also gut  daran, ein paar Jausenbrote, eine Thermoskanne und auch eine gute Regenjacke in seinen Rucksack zu packen, um das kommende Stück Weges, das vermutlich eines der härtesten der gesamten Menschheitsgeschichte werden wird, gut zu überstehen. Man sollte auch eine gesunde Portion Humor mit in den Rucksack packen, dieser ist sogar überlebensnotwendig. Jedenfalls ist Angst in einer Zeit, in der wir einen tollwütigen Stier an den Hörnern packen werden müssen, fehl am Platz. Wie mir schon mein Großvater, der als Gebirgsjäger im Zweiten Weltkrieg schweren Granatenhagel und Temperaturen von minus 50°C überlebt hat, erklärt hat: „Die, die Angst hatten, hat es als erste erwischt.“

Angst ist also kein guter Kamerad für die Hochgebirgswanderung, die uns nun bevorsteht. Man darf sich sogar durchaus auf die Zeit freuen, wenn der Wahnsinn, der jetzt quasi unvermeidlich auf uns zurollt, durchgestanden ist. Es kommt nur darauf an, ob wir ihm schlafend begegnen oder wach. Wer dem Wahnsinn wach begegnet, kann sogar außerordentlich davon profitieren, indem er ihn überwindet und umso mehr moralisch-menschliche Qualitäten entwickelt. Dieser Wahnsinn musste fast zwangsläufig kommen, so wie im Zuge einer Schul- oder Universitätsausbildung eben auch Prüfungen kommen, die man bestehen muss. Und laut Goethe ist ja auch das menschliche Leben nichts anderes als eine Schule, eine „Pflanzschule des Geistes“. Manche Prüfungen in dieser Schule sind so schwer, dass ein großer Teil der Kandidaten durchfällt und sitzenbleibt. Aber es ist eben alles nur eine Sache der Vorbereitung. Ist man gut vorbereitet, dann kann man die Prüfung ruhigen Auges an sich herankommen lassen. Hat man seine Zeit hingegen mit dem Gucken von Dschungelcamp und Tagesschau vertrödelt und beherrscht man daher nicht einmal die vier Grundrechenarten, dann wird man natürlich ein Problem haben, wenn man Integral- und Infinitesimalrechnungen zum Lösen vorgesetzt bekommt. Dann wird man wohl oder übel zu denjenigen gehören, die sitzenbleiben. Die Sitzengebliebenen werden dann in einer eigenen, vermutlich in ausrangierten U-Bahnschächten angesiedelten Klasse ihr Dasein fristen müssen, wo es nicht einmal halb so lustig zugehen wird, wie sich das viele Freunde Sheldon Coopers in ihren Techie-Magazinen derzeit noch vorstellen.

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Da jetzt mancher Fortschrittsfreund kurz schlucken wird – bevor seine Technikgläubigkeit wieder wie gewohnt das Ruder übernimmt und euphorisch der Knochenmühle entgegensteuert, aus der ja gerade dermaßen betörende Musik erklingt und affengeile Werbespots auf den personal flatscreen gezaubert werden -, machen wir an dieser Stelle einen kleinen Break. Eigentlich sollten diese Zeilen ja nur die Einleitung zum eigentlichen Thema werden. Aber da unsere durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne laut Microsoft-Studie ja mittlerweile auf 8 Sekunden gesunken ist (Quelle: Focus), schadet es nicht, den Artikel zu splitten. Wer also wissen will, wer wirklich hinter der Maske von Gott KI steckt, der mag seine ohnehin bereits überdehnte Aufmerksamkeitsspanne noch ein weiteres kleines Stück ausdehnen und sich Teil 2 zumuten … obwohl er sich jetzt auch auf RTL bei der „Bachelorette“ entspannen könnte.

(Warnung: nichts für schwache Nerven! – hier also der obligatorische last exit zu RTL und der neusten Staffel der Bachelorette: „Gerda & Keno plaudern über ihr 1. Mal“ & sonstiges Geblubber im Teletubbie-Kaulquappenteich). Für die Hartgesottenen: hier gehts weiter zu Teil 2 der Zombie-Apokalypse:

Miesepeter des Universums oder freie und liebesfähige Menschen? – Teil 2:
Auf die Knie vor Gott KI!

 

Bild: pixabay / CC0

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