Überleben

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Endzeit-Poesie 4.0: Warum überhaupt noch denken? (Ein Survival-Kit für die Apokalypse)


Foto: cc by Parkwaechter/nachrichtenspiegel.de

Während sich der Mensch im alten Griechenland noch bei jedem Gedanken, bei jedem Eindruck, den die Welt ihm bot, am lebendigen Weben der „Sophia“ (der Weisheit) bzw. an der Philo-Sophie (der Liebe zur Weisheit) berauschen konnte, so muss der junge Student von heute in trockenes Stroh und auf Granit beißen. Der Jenaer Soziologie-Professor Hartmut  Rosa bezeichnet heutige Universitäten als „Entfremdungszonen“, in denen schon unter Jungstudenten Burn-Out und Angsterkrankungen grassieren, wobei in unserer wissenschaftlich aufgeklärten Gesellschaft jede Nacht mehr Menschen schweißgebadet aufwachen als in totalitären Regimen (Quelle: Zeit). Laut einem jüngsten Krankenkassen-Report gilt bereits jeder sechste Student als psychisch krank (Quelle: handelsblatt). Diese Woche bezeichnete der Präsident der Europäischen Akademie der Wissenschaften die Schulen des deutschen Bildungssystems schlichtweg als „Vertrottelungsanstalten“ und beklagt, dass heute immer weniger Menschen in der Lage sind, eine Verbindung zwischen Wissen und Leben herzustellen (Quelle: Welt).

Wer hat uns aber diese Verbindung zum Leben geraubt – und wie können wir sie wieder erringen? Um dies zu ergründen, kommen wir nicht umhin, einer sehr schmählichen Tatsache ins Auge blicken, die dem fortschrittsgläubigen Spiegelbildbürger womöglich den Teppich unter den Füßen wegziehen wird. Wer auf diesem Teppich weiter Richtung Orion ins schwarze Wurmloch fliegen möchte, der lese hier bitte nicht mehr weiter. Denn ich werde sogleich ein absolutes Tabu brechen, für das mir im akademischen Leben umgehend der Kopf abgehackt würde und das im öffentlichen Diskurs auch durch eine lückenlosere Hochsicherheitsmaschinerie abgesichert ist als der Goldschatz in Fort Knox.

Also, hier die stacheldrahtbewehrte Demarkationslinie und der last exit in die gewohnte Realität:

–> Spiegel Online        –> Tagesschau         –>Scienceblogs / Astrodictium Simplex

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(Alle, die ab hier auf eigene Gefahr unbedingt weiterlesen wollen, zuvor bitte tief Luft holen und außerdem Nerventropfen und das Handy für den Notarzt bereithalten:)

Puh, wie hat das der wackere SPD-Juso Kevin Kühnert am jüngsten Parteitag ins Mikrofon gestammelt, bevor er von Andrea Nahles niedergebrüllt wurde: „Frisch ans Werk, frohen Mutes – wir werden das schon miteinander hinbekommen“ (siehe Video des Monats). In diesem Sinne hol‘ auch ich mal kurz Luft und mach mich jetzt zum hassenswerten Häretiker. Falls es von mir im Nachrichtenspiegel demnächst kein Lebenszeichen mehr geben sollte, dann hat mich eben die Inquisition abgeholt.

Ich führe unsere ehrenwerte Dame, vor der wir alle knien, und ihren dunklen Herren Francis B. (zu seiner Eminenz unten gleich mehr) auch nur ungern zum Schafott, aber ich muss diesen Tyrannenmord aus Gewissensgründen trotzdem wagen, solange noch die Möglichkeit zur freien Meinungsäußerung besteht und wir die Chance haben, kurz vorm neoliberalen Verglühungstod doch noch die Kurve zu kriegen.

Also denn: Wir sprachen über die „Sophia“, die den Menschen früher noch als Élan vital beseelte. Warum ist dieser Elan versiegt?
Auch wenn wir noch so sehr stolz auf sie sind, aber unsere Intellektualisierung hat einen gewaltigen Tribut gefordert: Sophia (die Weisheit) wurde zur Scientia (der akademischen Wissenschaft) ausgesiebt. Mit anderen Worten: Durch das Sieb des Intellektualismus wurden nur noch toter Staub und gedroschene Hülsen durchgelassen. Alles keimfähige Getreide konnte den engen Raster des scientistischen Siebes nicht passieren. Das Saatgut wurde sogar unbedachterweise weggeschüttet, da uns die Rauchwolken, die man mit dem toten Staub erzeugen konnte, so sehr fasziniert haben. Man konnte diesen Staub ganz nach eigener Willkür zu phantastischen Formen modellieren, ohne auf die Rhythmen und Wachstumskräfte der Natur angewiesen zu sein, die sich z.B. über Winter schon mal ganz zurückziehen – in einer industriellen Kultur, die ihren Erfolg am Quartalsgewinn bemisst, eine lästige Arbeitspause.

Der tote Staub eignete sich nicht nur zum raffinierten Modellieren eigenwilliger Formen, er war auch ein hervorragendes Niespulver und sorgte daher im Volk für köstliche Unterhaltung, obwohl er eigentlich keinen Nährwert besitzt. Mit dem Verlust von Sophia und dem Absinken auf Scientia ist uns allerdings auch der wirkliche Kontakt zu den Dingen und zu den Quellen des Lebens weitgehend verloren gegangen. Da wir immer noch auf den scientistischen Staub setzen, sind wir sogar gerade drauf und dran, diese Quellen des Lebens womöglich für immer zu verspielen.

Denken macht traurig

Dass sich unser Denken heute von Sophia weit entfernt hat, hat auch direkt spürbare Folgen für  unser Gemüt: Denken wird von Vielen als Last, als Schmerz empfunden. In der Tat würde der alte Grieche das, was wir heute als akademisches Denken praktizieren, wohl als etwas durchaus Unangenehmes erleben, er empfände sein Gehirn wie von kleinen Stromstößen gepeinigt oder wie mit einem Reibeisen malträtiert. Nach einem Tag an einer heutigen Universität hätte sich ein Mensch der Antike wohl wie nach einer Streckfolter gefühlt. – Eigentlich also kein Wunder, dass der Psychologe Götz Eisenberg feststellt, dass viele Jugendliche dem Denken heute sehr abhold sind. Laut Eisenberg herrsche unter ihnen die Meinung: „Denken macht traurig, also versuchen wir es erst gar nicht damit.“ Man suche statt dem Denken daher lieber die Emotion bzw. den schnellen „Kick“ (Quelle: „Zwischen Amok und Alzheimer – Zur Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus“, Verlag Brandes+Apsel, 2016).

Nachdem diese Emotion ihre „zerstreuende“ Wirkung getan hat, fühlt man sich allerdings meist noch mehr reduziert und im Abseits als zuvor. Mittlerweile machen viele die Erfahrung, dass auch das allseits von Flatscreens und Werbeplakaten so sehr angepriesene Steigern der Dosis letztlich nur zu Burnout führt (siehe auch Steve Cutts: „Happiness“).

Was also tun, um aus diesem Teufelskreis auszusteigen? Das Denken lieber bleiben lassen?

Wer sich diesem Ratschlag anschließt, hat sich leider ins Bockshorn jagen lassen. Denn was man uns in Schule und Uni nicht lehrt: Denken ist nicht gleich Denken.

Die Big Bang Theorie

Ich weiß, wer so etwas behauptet, provoziert natürlich sofort den Aufschrei der Sheldon Cooper-Fraktion aus der Brights-/Skeptikerecke, die ja nicht einmal einen Unterschied zwischen dem Denken eines Menschen und den Rechenprozessen eines Roboters gelten lassen wollen. Blickt man nur auf das intellektuelle Denken, dann mag diese Sichtweise sogar berechtigt sein. Intellektuelles Denken kann in der Tat nur rubrizieren, differenzieren und spintisieren, aus bereits Vorhandenem und Gesagtem neue Kombinationen zusammenbasteln oder Antagonismen konstruieren – aber es wird niemals eine wirklich originäre Neuschöpfung zustande bringen, die dem Menschen und dem Leben dient. Auch wenn Wissenschaft und Technik dies unermüdlich behaupten, die am Zustand unserer Lebensumwelt ersichtlichen Resultate bezeugen leider das Gegenteil. Man studiere nur einmal eine x-beliebige Doktorarbeit: In Wirklichkeit hat man es nur mit einem zusammengestoppelten Konglomerat aus bereits existierenden Versatzstücken und Zitierungen zu tun, die man zu einer „These“ formiert. Auch wenn jemand dabei gar nicht absichtlich plagiiert wie Guttenberg oder Steinmeier, er kann mit seinem wenn auch noch so scharfsinnigen Intellekt in Wirklichkeit gar nichts anderes erzeugen als ein Plagiat.

Oder man setze sich heute einmal in einen Universitätssaal und lausche einer durchschnittlichen Vorlesung eines durchschnittlichen Dozenten. Seien wir uns ehrlich: Was gibt es tödlich Langweiligeres und Ermüdenderes? Auch hier höre ich sogleich wieder den Aufschrei aus der Gwup/Skeptikerecke laut werden, die ja krampfhaft versucht, das modrige Gespenst der Scientia aus der Gruft zu exhumieren, in einen hippen Strellson-Anzug zu stecken und zum bluetoothbestöpselten 4.0-Anführer eines neuen Fortschritts-Euphemismus zu machen, mit einer Wissenschaft, die auch „Spaß“ machen soll. Der fortschrittsgläubige Spiegelbildbürger mag nun einwenden, dass Sheldon Cooper in seiner Physiker-WG doch auch wirklich Spaß hat – jeder, der abends die „Big Bang Theory“ guckt, die heute zur global ausgestrahlten Basiserziehung des Kindes gehört, kann dies doch nicht abstreiten: Lachen aus der Büchse ohne Ende. Dem Heranwachsenden wird gezeigt, wie man selbst als soziopathischer Nerd auf der Uni in einem Labor für zerstörende Werkstoffprüfung Karriere machen kann, sodass die Kellnerin von nebenan über das Asperger-Syndrom hinwegsieht und sich auf ein Date einlässt. Nun ja, zumindest der Darsteller von Sheldon Cooper hat auch wirklich Karriere gemacht – für eine einzige Abendausgabe von „The Big Bang Theory“ erhält er eine Gage von einer Million Dollar (siehe Stern).

Aber zur „Big Bang Theory“ ein andernmal mehr. Wollte nicht zu sehr abschweifen, sondern eigentlich ein kleines Plädoyer für eine Renaissance des Denkens halten bzw. auf diejenige Seite des Denkens hinweisen, die uns in Schule und Uni unterschlagen wird: Sie hat mit dem vorgenannten intellektualistischen Denken in etwa so viel zu tun wie ein in vollem Saft stehender blühender und duftender Baum mit einer vergilbten Fotografie eines Baumes aus Großvaters Mottenkiste – obwohl der äußere Anschein geradewegs umgekehrt ist.

Wer sich die Mühe macht, diese Art des Denkens zu kultivieren, wird bemerken, dass Denken nicht ermüdend/ertötend ist, sondern ganz im Gegenteil: Der Gedanke wird zu einer unerschöpflichen Quelle an Leben, Inspiration und Begeisterung. Um diese Quelle zu erschließen, darf man sich einem Gedanken allerdings nicht vom Standpunkt des Bereits-Wissens und des Nutzen-Haben-Wollens aus nähern, sondern mit einer sokratischen Haltung: nicht zugreifend, sondern fragend und staunend – was eigentlich in allen Schulen der Philosophie auch immer die Grundhaltung und eine conditio-sine-qua-non für jegliche tiefere Erkenntnis war. Wer mit dieser staunenden, respektvollen Grundhaltung mehrere Minuten einen Gedanken beobachtet, der wird merken, dass der Gedanke, den er bei schnellfertiger Betrachtung nur an seiner alleräußersten Oberfläche kennengelernt hat, eine unendliche Tiefe aufweist und Bände sprechen kann. Man kann Wochen oder Jahre später wieder auf ihn zurückkommen und wird an ihm wieder neue Tiefen erschließen. Der Clou bei der sokratischen Herangehensweise („Scio, necsio“): Man darf nicht wie gewohnt zugreifen und etwas auswringen wollen, sondern man nähert sich den Dingen in der größtmöglichen Bescheidenheit – dann offenbaren sie einem bereitwillig ihre Geheimnisse.

Der Pate

Man geht also mit den Erscheinungen der Welt nicht so um wie das der als Ahnvater der modernen naturwissenschaftlichen Methode geltende Francis Bacon (Baron Baco von Verulam) vorgeschlagen hat, dessen Überzeugung es war, dass man der Natur ihre Gesetze mit unbarmherziger Gewalt, mit Hebeln und Beißzangen wie unter Folter in einem Inquisitionsverfahren abpressen müsse. Bacon vergleicht die Natur hierbei mit einem Angeklagten, der die ihm innewohnende Wahrheit nur unter Qual, unter Zwang und Gewaltanwendung herauszurücken bereit ist.  Hat man der Natur diese Geheimnisse abgepresst, könne man damit dann Macht gewinnen, die Bausteine der Natur zu Neuem zusammensetzen und „alle möglichen Dinge“ bewirken. In seinem 1624 verfassten Werk „Nova Atlantis“ beschrieb er bereits, wozu diese wissenschaftliche Methode führen würde: Von riesigen Maschinenaufbauten ist die Rede, in denen nicht nur „alle möglichen Substanzen“ künstlich erzeugt, sondern mit denen auch Winde abgefangen und Sonnenenergie genutzt werden können, von Mikroskopen und Telekopen, mit denen man in tiefste Tiefen und größte Höhen vordringen könne, ebenso wie mit Flugmaschinen und Booten, die unter Wasser fahren, Apparaten, die Laserstrahlen und künstliches Wetter erzeugen, Töne und sogar die menschliche Sprache künstlich reproduzieren können. Auch von wirkungsvolleren Waffen und Giften als sie die Menschheit jemals gesehen hat, von „Geschützen und Kriegsgerät, neuen Schießpulverrezepturen und allen möglichen Raketen“ schwärmt der Vater der Naturwissenschaften. Auch die Idee von Gentechnik und künstlicher Befruchtung fehlt in seinem Werk nicht. Bemerkenswert, dass Bacon sogar die zukünftige Unterhaltungsindustrie postuliert: Von einem „Haus der Sinnestäuschungen“ spricht er, in dem sich „alle möglichen Illusionen“ finden und „den menschlichen Sinnen sehr viel vorgespiegelt“ werden könne.

Klangen die Gedanken des englischen Lords im Jahre 1624 noch wie absurde Utopie, so sind sie heute Realität und herrschende Lehre geworden. Der Philosoph Hans Jonas spricht von der „Unheilsdrohung des Bacon’schen Ideals“, welches zur heutigen „apokalyptischen Situation“ geführt habe. Würden wir dem Bacon’schen Prinzip weiterhin freien Lauf lassen, dann führte dies nach Ansicht von Jonas zu einer „universalen Katastrophe zufolge einer Überdimensionierung der naturwissenschaftlich-technisch-industriellen Zivilisation“ (Quelle: H. Jonas, Das Prinzip Verantwortung, Suhrkamp 2003).

Bild: Francis Bacon / PD

Die Antithese: Denken macht glücklich

Zurück aber vom schwarzgekleideten Wegbereiter der Scientia zur weißen Braut Sophia, die wir ja wiederentdecken wollen, so wir denn weiterleben wollen: Im Sinne der sokratischen Haltung nähert man sich  hierbei den Dingen der Natur – und seinen Mitmenschen – geradewegs nicht mehr wie ein Inquisitor, sondern wie ein Freund – und man wird sich wundern, welch ungezwungene, wunderbare Begegnungen auf diese Weise entstehen können! Ebenso in der Begegnung mit den Gedanken der großen Geister der Menschheit: Man ahnt gar nicht, welch großartige Kapazitäten und Lebenselexiere uns mit diesen zur Verfügung stehen. Wir könnten mit ihnen sogar die scheinbar verheerende Bacon’sche Unheilsmaschinerie der Scientia in einen konstruktiven, dem Menschen dienlichen Kontext stellen. Dazu braucht es aber entsprechend substanzielle Gedanken, die leider auf unseren Unis kaum zu finden sind.

Es versteht sich glaube ich, dass man für seine Betrachtungsübung auch nicht unbedingt einen Gedanken von Dieter Bohlen oder aus der Big Bang Theory heranziehen sollte (obwohl man dabei auch zu durchaus interessanten, wenngleich befremdlichen Erkenntnissen kommen könnte), sondern dieser Gedanke schon aus einer profunden philosophischen Quelle stammen sollte, der man vertraut. Da die Wahl der Philosophen, denen man Vertrauen schenkt, in Wirklichkeit etwas noch viel Intimeres und auch Schicksalsbestimmenderes ist als die Wahl eines Partners oder einer Partnerin, ist es diesbezüglich auch nicht erlaubt, irgendwelche Tips zu geben – hier hat jeder Mensch ganz unterschiedliche Neigungen und Affinitäten und darf selbst wählen.

Wer sich einem inhaltsvollen Gedanken – oder auch einem Ding in der Natur, einer Pflanze oder einem Tier – mit einer solchen sokratischen, philo-sophischen Haltung, als im wortwörtlichen Sinne mit Liebe zur innewohnenden Weisheit annähert, mit der stillen, staunenden Frage „Was bedeutest du wirklich?“, sich unter Tags auch dann und wann an diese Fragestellung zurückerinnert, der wird durch die Staubkruste der Scientia langsam durchdringen und wieder zu Sophia, zum eigentlichen, wogenden Leben mit seinem Sinn und Bedeutungszusammenhang gelangen. Wer in dieser Art hinsichtlich der Bedeutung eines Gedankens oder einer Naturerscheinung tiefer dringen will, wird dabei zunächst scheinbar keinen Erfolg spüren. Das darf einen aber nicht bekümmern, denn aus der neuronalen Forschung weiß man heute, dass der eigentliche Lern-/Erkenntnisprozess gar nicht tagsüber stattfindet, sondern in der Nacht! Das heißt: tagsüber sammeln wir nur Sinneseindrücke, deren Bedeutung wir meist nicht annähernd erfassen – in der Nacht jedoch wird das, womit wir uns tagsüber beschäftigt haben, zu einer tieferen Erkenntnis synthetisiert und vernetzt.

Wenn man länger an einem Gedanken dranbleibt, entwickelt  sich in unserem Inneren mit der Zeit auch eine entsprechende Empfindung – diese gehört dann schon viel mehr zu unserer Individualität als der Gedanke, der bekanntlich flüchtig ist wie ein Vogel und jederzeit wieder davonflattern kann. In Wirklichkeit sind diese Empfindungsqualitäten unser innerer Schatz. Wer sich nur einige wenige solcher Empfindungsqualitäten anhand guter Gedanken erarbeitet, der ist auch praktisch geschützt vor Depressionen, Ängsten und sonstigen psychischen Beschwernissen unserer Zeit, wie eingangs in der Krankenkassa-Studie erwähnt. Ein solcher bewusster Gedanken- und Empfindungsaufbau ist geradewegs das Gegenteil zu unserer schnellen Informationskultur und Unterhaltungswelt, die uns mit einer rasenden Flut an Bildern und raffinierten Schnittfolgen versorgt, dabei allerdings jeden Tiefgang verhindert.

Sein oder Nicht-Sein im Einkaufszentrum

In Wirklichkeit ist es sogar eine Frage von Sein oder Nicht-Sein, ob man sich ganz bewusst qualitativ hochwertige, philo-sophische Gedanken erarbeitet oder ob man sich nur passiv von den durch die Medien an uns herangetragenen Gedanken durchfluten lässt. Letztere sind nicht lebendige Kinder der Sophia, sondern allesamt Retortenkinder und Derivate der Scientia, die ja ihrem Wesen nach, wie schon eingangs ganz ketzerisch erläutert, nur toter Staub ist, nur ein blasses Gespenst von dem, was eigentlich die Sophia ist.

Die Pflege von philo-sophischen Gedanken ist daher keineswegs nur ein schöngeistiges Hobby, sondern wird darüber entscheiden, ob wir in einem zutiefst kranken Lebensumfeld psychisch gesund bleiben können oder nicht. Insofern ist Philo-Sophie im gegenständlichen Sinne auch nichts Theoretisches, sondern etwas höchst Reales und Lebensbestimmendes. Das kann auch jeder an sich selbst erleben, indem er ein einfaches Experiment macht: Man gehe einmal in ein Einkaufszentrum, ohne dass man sich die Mühe macht, dabei einen eigenständigen Gedanken zu halten. Man wird bemerken, wie die eigenen Sinne von diesem und jenem, von allen möglichen Reklamereizen und bunten Attraktionen hingerissen werden  – und wie erschöpft man dann nach einer solchen Einkaufstour nach Hause kommt. Wer jedoch mit einem konkreten Gedanken auf Tour geht (der Gedanke kann auch eine mitfühlende Frage sein wie z.B. „Wie geht es wohl den armen Verkäuferinnen, die es in diesem Kommerzgewühl unter Neonlicht und Musikberieselung den ganzen Tag aushalten müssen?“), der wird verblüfft sein, wie gut er so eine Einkaufstour übersteht – er wird danach eventuell sogar aufgebaut anstatt abgebaut haben. Daran wird er merken, dass ein Gedanke nicht nichts ist, sondern dass mit dem bewussten Bilden eines Gedankens immer etwas geschaffen wird, das sich unmittelbar auswirkt. – Und zwar nicht nur auf einen selbst. Als Mensch mit substanziellen Gedanken auf der Stirn wird man auch für seine Mitmenschen kein Griesgram mehr sein, sondern ein erfreulicher Anblick, eine Art Sonnenstrahl in einer zunehmend bewölkten Welt.

Um einen Gedanken ausstrahlen zu können, muss man ihn sich allerdings zuerst erarbeiten (wie z.B. Gandhi, der den Gedanken der friedfertigen Freiheit gewählt hat, den er auch in jeder Situation und jeder erdenklichen Facette so überzeugend ausdrücken konnte, dass er ein ganzes Land mitreißen und gegen die britische Besatzungsmacht mobilisieren konnte.) Ein echter Gedanke ist nämlich kein Pocket-Coffe und kein Nespresso, den man einfach schwupps konsumieren könnte – was auch der Grund ist, warum heute so wenige Menschen Philo-Sophie betreiben, obwohl sie so überlebensnotwendig wäre wie noch niemals zuvor. Man muss sich einen gewählten Gedanken durchaus mühevoll und in geduldiger Kleinarbeit erarbeiten, indem man ihn über längere Zeit von verschiedenen Seiten dreht und betrachtet, ohne aber dass man dabei grübelt und das bereits Gewusste auf den Gegenstand der Betrachtung hinprojiziert. Dann wird er mit der Zeit zum inneren Schatz, den einem niemand mehr wegnehmen kann – selbst wenn das Finanzsystem zusammenbricht, man delogiert oder geharzt wird.

Stephane Hessel, der Verfasser des Bestsellers „Empört Euch!“, trug in seinem Inneren etwa einen Schatz aus über 100 Gedichten der Weltliteratur, insbesondere von Rilke und Hölderlin, die er jederzeit auswendig konnte und die ihm buchstäblich zum »Lebensmittel« geworden sind. Diese nach eigenen Worten »mit dem Herzen gelernte« Poesie war ihm in seinem Leben eine ganz konkrete Realität, dank derer er sogar der Folter im Keller der Pariser Gestapo widerstehen konnte und das KZ Buchenwald überlebt hat. Gleichermaßen spendeten ihm diese inneren Realitäten bis ins hohe Alter seinen unermüdlichen Elan, beflügelten ihn später als UN-Diplomat zur Formulierung der Allgemeinen Menschenrechtscharta und machten ihn zum unermüdlich flammenden Kosmopoliten und Streiter für Humanität, Zivilcourage und Verantwortung, stets unterwegs zwischen Paris, New York und Burkina Faso im Ringen um Versöhnung und Toleranz.

In diesem Sinne beantwortet auch der aus Korea stammende Berliner Philosoph Byung Chul Han die Frage des ZDF:

„Warum soll man sich überhaupt noch die Mühe machen, zu denken?“

Antwort Byung Chul Han:

„Um dem Tod zu entkommen … – oder andersrum: um dem Leben zu dienen.“

(Quelle: zdf aspekte)

 

 


Allgemeines zur Kolumne „Endzeitpoesie 4.0 – Brennholz gegen Robotisierung und drohenden Erfrierungstod“:

Da in unserer aus den Fugen geratenden Welt vieles nicht mehr rational verstehbar und auch kaum noch ertragbar ist, brauchen wir dringend ein Gegengewicht aus dem Reich der Poesie … mit diesem geistigen Gegengift in den Adern wird vieles Unverständliche plötzlich wieder verständlich und Unerträgliches wieder ertragbar – oder noch besser: gestaltbar!

Denn die größte Lüge, die uns heute beigebracht wird, ist: dass der Einzelne ohnehin nichts tun kann. – Das genaue Gegenteil davon ist wahr: Es kommt auf jeden einzelnen an und das mehr als jemals zuvor. Und wie uns schon Dostojewskij erklärt hat, ist im Leben auch niemals etwas umsonst, selbst wenn eine Bemühung keinen sichtbaren Erfolg zeigt: „Alles ist wie ein Ozean, alles fließt und berührt sich; rührst du an ein Ende der Welt, so zuckt es am anderen.“

Gerade unsere geistlose Zeit braucht philosophische Gedanken wie eine Wüste das Wasser. Dieses Wasser – die Gedanken der großen Geister der Menschheit – gibt es schon lange. Aber die scheinbar alten – in Wirklichkeit ewig jungen – Gedanken bleiben nicht dieselben: Jeder, der sie aufgreift und verinnerlicht, färbt sie mit seiner individuellen Persönlichkeitsnote ein und bringt dadurch wieder ganz neue Farben in die Welt, die bisher noch nicht existiert haben. Und solche Farben braucht unsere grau gewordene Welt (siehe 1000 Gestalten.de) heute dringend – sie saugt sie auf wie ein trockener Schwamm das Wasser … damit wieder Neues, Kreatives, Menschliches entstehen kann.

In diesem Sinne wollen wir der pseudopragmatischen Alternativlosigkeit (siehe „Der Führer 4.0 – Er ist schon längst da“) die Gefolgschaft in den Grand Canyon verweigern und es lieber mit Ilija Trojanow halten: „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“. – Dann kann die scheinbare Endzeit zu einem neuen Anfang werden.

Wir brauch’n kaane Meier mehr – Abgesang auf ein Auslaufmodell (Lied des Wochenendes)

Die Veröffentlichung dieses Songs war vor 20 Jahren noch ein handfester Skandal. Die Zunft der ‚Meiers‘ erwirkte per gerichtlicher Verfügung sogar ein vorläufiges Verbot, das Lied im öffentlichen Rundfunk zu spielen. In der Tat geht der Bluessänger Heli Deinboek in seinem Opus Magnum mit der Spezies der Meiers schonungslos ins Gericht. Im Rhythmus von Randy Newmans „Don’t wanna short people“ plärrt bzw. plädiert er: „Mia brauch’n kaane Meier mehr“. Und setzt gleich noch eine deftige handgreifliche Empfehlung dazu: „Wer Maier heisst, gheat g‘haut am 1. Mai“.

Warum diese ungestüme Empörung über die Meier? Nun, Deinboek muss wissen, wovon er redet. Dank seinem Beruf als Sozialarbeiter hat er ein geschärftes Auge für die Ursache, warum unsere Gesellschaft heute immer mehr in Schieflage gerät und wir womöglich schon demnächst zu kentern drohen. „Wenn wir weiterleben wollen“, so nannte der Architekt Richard Neutra seinerzeit seinen in Buchform erschienenen flammenden Appell an die menschliche Vernunft. Ähnliche, durchaus lesens-/hörenswerte Appelle erklingen auch heute noch (siehe z.B. ein aktuelles Interview mit Noam Chomsky oder mit Stephen Hawking, in welchen uns beide Grandseigneurs bereits mit einem Fuß im Abgrund sehen) und eigentlich wollte ich als Wochenendlektüre auch diese beiden vorgenannten Interviews verlinken, nur irgendwie ist mein Vertrauen in die Resonanzfähigkeit des menschlichen Intellekts momentan im Sinken begriffen. Da ich aber heute trotz Regenwetters und chronisch trüber Tagesnachrichten gut aufgelegt bin, lassen wir die akademischen Analysen von Hawking&Co. ausnahmsweise einmal kurz beiseite und hören wir uns stattdessen an, wo ein bodenständiger Streetworker wie Heli Deinboek die Wurzel unserer gesellschaftlichen Misere verortet.

Alle Meiers/Mayrs/Meyers mögen ihm seine Wortwahl verzeihen. Natürlich ging es Deinboek nicht um die Verunglimpfung des vermutlich gängigsten deutschen Familiennamens. Auch ich zähle zu meinem Bekanntenkreis viele Meiers, die ich als außerordentlich wertvolle und herzliche Menschen schätze und an die Deinboek seinen Song wohl keineswegs adressiert hat. Er hat „Meier“ vielmehr nur als plakatives Synonym gewählt – für jene immer größer werdende Anzahl an Menschen, die der Gefahr der Vermassung zu unterliegen drohen und sich damit nicht nur zu Handlangern des marktradikalen („neoliberalen“) Wahn-Sinns machen, sondern diesen auch zur alternativlosen Normalität erklären und wählen. Menschen, die sich Rückschritt als Fortschritt, Unsinn als Sinn, Krankes als Gesundes, Hässliches als Schönes, Bullshitjobs als Berufe, Grausamkeit als Spaß und Müll als Essen verkaufen lassen. Axolotl-Bürger und GWUP-Nerds, die fast schon ersticken am technisch-kommerziellen Vielzuviel und trotzdem noch mehr wollen.

„Sie verstopfen die U-Bahn meierweis – dann foans haam zu eanara Meierspeis …“

Wenn also bei Heli Deinboeks Refrain das Wort „Meier“ erklingt, dann möge der Leser mit Namen Meier stattdessen Huber oder den Namen seines Lieblingspolitikers einsetzen (siehe auch „Was wir heute brauchen wie ein Loch im Knie: „Bodenständige“ Politiker im Maulwurfspelz und AFX-Parteien“)

Deinboeks Song aus 1995 ist heute aktueller denn je. Man sollte ihn wieder ins Bewusstsein heben, bevor nichts mehr geht und unsere U-Bahnen wirklich komplett mit der Spezies verstopft sind  (hier von Steve Cutts ins Bild gebracht), auf die Heli Deinboek schon seinerzeit einen deftigen Abgesang geleistet hat.

Vielleicht mag auch jemand ein Crowdfunding ins Rollen bringen, um Deinboeks „Meier“ im Werbeblock kurz vor der Tagesschau zu bringen oder in den Adventeinkaufsmeilen anstelle von „Jingle Bells“ oder Whams unsäglichem „Last Christmas“. Man stelle sich nur vor: Die einkaufenden Bürger flanieren in gewohnter Jahresendzeitfest-Stimmung mit Glühwein und Geschenksackbündeln durch die Fußgängerzonen, und auf einmal ertönt es durch die Lautsprecher:

„Wir brauchn kane Meier
Wir brauchn kane Meier
Wir brauchn kane Meier mehr

(…)

Olle Meier san so gierig
Olle Meier san so schmierig
Olle Meier san doch kaum zum ertrogn

(…)

Sie verstopfen die U-Bahn meierweis
dann foans haam zu eanara Meierspeis

(…)

Sie trogn Meier-Jeans und Meier-Koppn
sie haub‘m ziemlich schiache Meier-Gschroppn
kennst an, kennst olle,
s’is wie beim Bauer

ois Meier mocht da kana die Mauer

Den Bergers nehmens jede Hetz
Den Hubers dafür de Arbeitsplätz
A Prohaskas losst da Meier olle hängen
mia wa am liabsten, wenns olle meier gengan

(…)

Wer Maier heisst gheat ghaut am 1. Mai …“

Wie arm ist arm?

Und wann ist man arm? Und: ist man dann weniger wert, weil man arm ist? Woran bemisst man, ich, du, der Leser, die Gesellschaft den Wert eines Menschen? An seinem Einkommen? Und was ist, wenn man mit dem Einkommen nicht mehr auskommen kann – ist man dann wertlos? Muss man sich dann schämen?

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Krisen, Katastrophen – und dann?

Ob Arbeitsmarkt, Gesundheitssystem oder Banken, Information aus den Medien, Politik, Wirtschaft, Natur oder Landwirtschaft – egal wo man den Finger hintut, es schaut düster aus. Schaut man auf die gesellschaftlichen Probleme dahinter, erscheint die Zukunft „alternativlos“. Es scheint, als ob jeder wie ein Kaninchen wie gebannt auf die Schlange – sprich die drohende Katastrophe starrt, für den Einzelnen scheint es keinerlei Handlungs- oder gar Gestaltungsspielraum zu geben.

Ist das so? Wenn ja, können wir uns eigentlich erschießen … oder?

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