Top of the Morning

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(Weihnachts-)Endzeit-Poesie 4.0: Auf Null gestellt …

Wieder einmal jährt sich also die Geburt desjenigen Kindes, dessen Name nicht erst dann, als ihn sich die CDU auf die Fahnen geschrieben hat, vollkommen durch den Dreck gezogen wurde. In einer Zeit, da die EU-Kommissionspräsidentin dazu aufruft, dass Europa wieder „die Sprache der Macht lernen muss“, kann man für ein Kind, das Frieden und Nächstenliebe bringen wollte und dafür dann „Opfer“ wurde (auf deutschen Schulhöfen heute angeblich das schlimmste Schimpfwort neben „Du Goethe!“) wohl nur noch Verachtung aufbringen. Da man sich für ein dermaßen nicht-machiavellistisches Kind einfach nur schämen muss, gucken viele auch betreten beiseite, wenn sein Geburtsfest wieder naht, möchten es gar nicht mehr beim Namen genannt wissen, der sie womöglich daran erinnert, dass man auch andere Argumente als Cashflow, Drohnen und Uranmunition ins Feld führen könnte.

Die Demontage von „Weihnachten“ ist daher in vollem Gange. Im Businessbereich braucht es heute schon einigen Mut, wenn man seinen Geschäftspartnern Druckkarten schickt, auf welchen anstatt des politisch korrekten „Season Greetings“ noch „Frohe Weihnachten“ steht. Als bloßes „Winterfest“ will man es auch im zivilen Leben abtun, wo Mann/Frau/Diverser an einer santaclausfarbenen Pissbude einen Glühwein kippt und dann Fünfe grad und 66 Geschlechter 60 sein lässt. „X-Mas“ lautet schon seit Jahren der klimaneutrale Begriff für dasjenige Fest, das man auch kurz vor Zusammenbruch der DDR nur noch als „Jahresendzeitfest“ bezeichnen durfte, die an diesem Fest an den Christbäumen baumelnden Engel nicht anders als „Endflügelpuppen“.

Was soll man also sagen an einem Tag, an dem die innere Sonne aufgehen sollte, aber ein Black Friday-Kommerzhöllenball am Firmament steht, der die Landstriche unserer marktkonformen Demokratie weitgehend verschattet und mit ohrenbetäubend-penetranter Musik den Weg in den Branntweinkeller zur X-Mas-Tequila-Party weist?

Welche Worte soll man finden, in einer Zeit, in der laut Frank Schirrmacher alle hehren Worte von Humanität, Freiheit etc. „mit Null multipliziert“ und „der Menschheit geraubt“ wurden? Schirrmacher meinte, die Menschheit müsse daher wieder „bei Null anfangen“ und alle diese Begriffe, die uns geraubt bzw. ihres Sinns entleert wurden, wieder ganz neu erarbeiten und mit Sinn erfüllen.

Auch mit der Geburt desjenigen Kindes, das wir heute feiern, wurden die Uhren unserer Zeitrechnung auf Null gestellt. In eine barbarische Zeit, in der in den römischen Arenen das Blut floss, sich Patrizier, und auf den hinteren Rängen der Plebs, am Zerreißen von Menschen durch wilde Tiere delektierten und anschließend in ihren Atrien Orgien bis zum Erbrechen feierten, indes gut gedrillte Legionäre rohstoffreiche Provinzen für den Imperator ausquetschten und auf Galeeren ums Leben gerudert wurde … in Zeiten also, die heute unter anderen, „smarten“ Vorzeichen wiedergekehrt sind, wurde dieses Kind geboren.

Eine epochale Wende, Frieden und Nächstenliebe erwartete man sich mit seinem Kommen. In den Überlieferungen der vorangehenden Hochkulturen von Persien, Babylonien, Ägypten und Griechenland war sein Kommen als große Hoffnung vorhergesagt, damals als Apoll, Osiris oder Aura Mahsd als noch auf der Sonne weilend, aber sich bereits für seinen Erdengang vorbereitend angebetet. Als es dann im Jahre Null so weit war, kamen Weise sogar von weit her aus dem Morgenland angereist, um dem Kind die Ehre zu erweisen – in einer Zeit, als man noch nicht schnell mal mit den Emirates nach Dubai fliegen konnte, sondern als die Wälder noch voller Räuber und wilder Tiere waren und man auf Reisen schnell einen Kopf kürzer war. Doch  nicht nur die Weisen der damaligen Zeit, auch die Hirten vom Felde neigten vor dem neugeborenen Kind ihre alten Häupter. Man erzählt, dass der Stall, in dem es zur Welt kam, von Frieden und heiliger Ruhe umgeben war.

Von Frieden und heiliger Ruhe kann heute in Zeiten des transatlantisch-spätkapitalistischen Drohnen-Overkills kaum noch die Rede sein. Man kann heute nicht einmal von unheiliger Unruhe sprechen (die halb so schlimm wäre, da das Erleben einer solchen unheiligen Unruhe uns ja gleichzeitig zum Umdenken auffordern würde). Nein, es ist viel schlimmer, was heute herrscht: Eine unheilige Ruhe. Eine kaum erklärbare, nur leider alles andere als beruhigende Ruhe. Eine trügerische, von siecher Musik durchsetzte Stille, in der wir uns mit dem eigentlich Unerträglichen fast schon wie abgefunden haben. Unter dem süßlichen Gewimmere von „Last Christmas“ reicht uns der nackte Wahnsinn mit seiner Linken eine in Glitzerpapier verpackte XXL-SUV-Box und mit seiner Rechten einen Becher Blausäure, aus dem wir fröhlich trinken und uns zuprosten. So wie es uns der erste Imperativ aus der Nationalhymne des Guten und Gernen Lebens gebietet: „Solange noch ausgeschenkt wird, saufen wir weiter.“ Diese Ruhe, sie ist weder heilig und auch nicht süß, obwohl sie mit stechend süßem Brausepulver und Glutamaten kandiert ist. Es ist trotz aller grenzenloser Ausgelassenheit, Feuerwerke und Queer-Konfetti eher eine Art Friedhofsruhe und Leichengeruch, die man wahrnehmen kann, wenn man einmal für ein paar Atemzüge die Musik ausmacht.

Dennoch darf uns diese makabre Atmosphäre nicht zur Resignation führen. Ganz im Gegenteil, sie kann uns anspornen, gerade innerhalb dieser tödlich zu werden drohenden  Bedingungen umso authentischer, heller und wärmer eine innere Lampe zu entzünden, mit der man dann schon den Weg selbst durch den größten Wahnsinn finden wird. In diesem Sinne: Nützen wir die etwas ruhigere Zeit des Jahres und auch das kommende Jahr dafür, um an den Geschehnissen nicht bitter, sondern reif zu werden. Dann wäre viel gewonnen. Und in Wirklichkeit ist auch genau das der Sinn der kulminierenden Übelstände und der kommenden Not: Wir sollen nicht an ihr verzweifeln, sondern sie überwinden und gerade durch die (zunächst innere) Aktivität, die hierzu notwendig ist, zu unserer echten Menschlichkeit finden. Ebenso, wie wir es uns heute abschminken müssen, in der Außenwelt Ruhe und Frieden zu erwarten. Auch wenn das jetzt alles andere als eine frohe Weihnachtsbotschaft ist, aber bei gebotenem Realismus braucht man kein Prophet zu sein, um vorhersagen zu können: Es werden Chaos und Unfrieden herrschen, gegen welche die heutigen Verhältnisse noch reinste Sozialromantik sind. Aber es gibt eine Qualität des Friedens und der Ruhe, die man in sich ausbilden kann und die auch inmitten allen Chaos und aller zukünftigen Kämpfe zu bestehen vermag. Gerade an diesen Schrecknissen wird sie sich bewähren. Dazu aber vielleicht ein andernmal mehr (vorab: diese Ruhe hat mit dem zu tun, was in unserer emotionsüberfluteten Welt noch Mangelware ist: echte, wahre und empathische Gedanken – nicht zu verwechseln mit intellektualistischen Gedanken, die trotz vordergründiger Brillanz ebenfalls zum Alteisen gehören).


So, eigentlich wollte ich es bei Frank Schirrmachers „Multiplikation mit Null“ bewenden lassen und damit nur zu einem Stück von Mike Oldfield einleiten, aber jetzt wollten sich doch noch einige Worte durch meine Gurgel ringen. Was Oldfield in Klänge fasst, kann zum heutigen Tag wesentlich mehr ausdrücken als viele Worte, die ja mittlerweile müßig sind. Und solange wir die mit Null multiplizierten Worte noch nicht wieder neu mit Sinn gefüllt haben, müssen wir eben andere Ausdrucksmöglichkeiten finden, um die Kruste zu sprengen, die sich in unserer neoliberal vergletscherten Zeit um viele von uns gebildet hat. Kunst ist eine solche Möglichkeit. Es gibt viele Künste, Musik ist nur eine davon, und jeder, der eine Kunst beherrscht, darf sich glücklich schätzen. Er hat damit eine Art Lebenselixier zur Hand, das ihn wie immun macht gegen alles heranflutende Gift und mit dem er auch Andere reanimieren kann, die bereits kurz vorm neoliberalen Erfrierungstod stehen.

In einer Zeit, in der das auf Lügen basierende Betriebssystem, das uns von Kindesbeinen an aufgespielt wurde und mit dem wir nun surfen, so gepolt ist, dass wir auf Wahrheit allergisch reagieren und der Illusion bereitwillig die Türen öffnen, obwohl sie uns alles nehmen wird, was uns wert ist, in solch einer Zeit kann man über das Mittel der Kunst viel mehr eröffnen als über gut gemeinte Worte, die meist nur einen Shitstorm zur Folge haben.

So wie etwa dieses Stück von Mike Oldfield, einem zeitgenössischen Klangvirtuosen, den manche Musikfreunde ganz ohne Ironie und nicht ganz ohne Grund in eine Reihe mit Mozart, Bach und Bartok stellen. Betrachtet man den Lebenslauf von Oldfield, auch dazu ein andernmal mehr, dann kann man feststellen, dass er mit seiner Kunst das vorhin Angedeutete durchaus verwirklicht hat: Selbst in den schlimmsten Stürmen des Lebens – und Oldfield musste viele dramatische Schicksalsschläge hinnehmen und drohte von vielen Strudeln weggerissen zu werden (nicht nur von Ibiza-Synthiepop) – ist bei ihm nie ganz der Faden zur Inspiration gerissen, aus der er fortwährend schöpft. Immer wieder taucht er aus der Versenkung auf, aus dem „Nullpunkt“ mit überraschenden, ganz neu metamorphosierten Stücken. Wer hätte z.B. gedacht, dass er auf seine Tubular Bells mit „Top of the Morning“ (Tubular Bells III) noch eins draufsetzen und sein ehemaliges Meisterwerk in den Schatten stellen kann?

Zunächst aber zu „Angelique“ … zur Feier des Tages und für diejenigen, die einen Hauch von dem verspüren möchten, das nicht von dieser Welt ist.

In diesem Sinne: Allen Lesern und Mitarbeiten des Nachrichtenspiegel frohe Weihnachten, besinnliche Tage und für das kommende Jahr: eine innere Achse der Ruhe und Besonnenheit inmitten aller heranbrandenden Wogen. Es wird kein leichter Wellengang sein, der uns erwartet, aber wie ein bretonisches Sprichwort sagt: „Eine ruhige See hat noch keinen guten Steuermann hervorgebracht.“ Nützen wir also die uns entgegenschlagenden Wellen und Turbulenzen, um im Umgang mit ihnen sogar besondere Fähigkeiten zu entwickeln. Wer etwas von Segeln versteht, der weiß, dass man nur die Segel richtig zu setzen braucht, dann kann man auch schräg gegen den Wind segeln und der Gegenwind bringt einen zügig voran.

Und wer noch nichts vom Segeln versteht, der kann es in diesen Songs von Mike Oldfield lernen …

 

 

Allgemeines zur Kolumne „Endzeitpoesie 4.0 – Brennholz gegen Robotisierung und drohenden Erfrierungstod“:

Da in unserer aus den Fugen geratenden Welt vieles nicht mehr rational verstehbar und auch kaum noch ertragbar ist, brauchen wir dringend ein Gegengewicht aus dem Reich der Poesie … mit diesem geistigen Gegengift in den Adern wird vieles Unverständliche plötzlich wieder verständlich und Unerträgliches wieder ertragbar – oder noch besser: gestaltbar!

Denn die größte Lüge, die uns heute beigebracht wird, ist: dass der Einzelne ohnehin nichts tun kann. – Das genaue Gegenteil davon ist wahr: Es kommt auf jeden einzelnen an und das mehr als jemals zuvor. Und wie uns schon Dostojewskij erklärt hat, ist im Leben auch niemals etwas umsonst, selbst wenn eine Bemühung keinen sichtbaren Erfolg zeigt: „Alles ist wie ein Ozean, alles fließt und berührt sich; rührst du an ein Ende der Welt, so zuckt es am anderen.“

Gerade unsere geistlose Zeit braucht philosophische Gedanken wie eine Wüste das Wasser. Dieses Wasser – die Gedanken der großen Geister der Menschheit – gibt es schon lange. Aber die scheinbar alten – in Wirklichkeit ewig jungen – Gedanken bleiben nicht dieselben: Jeder, der sie aufgreift und verinnerlicht, färbt sie mit seiner individuellen Persönlichkeitsnote ein und bringt dadurch wieder ganz neue Farben in die Welt, die bisher noch nicht existiert haben. Und solche Farben braucht unsere grau gewordene Welt (siehe 1000 Gestalten.de) heute dringend – sie saugt sie auf wie ein trockener Schwamm das Wasser … damit wieder Neues, Kreatives, Menschliches entstehen kann.

In diesem Sinne wollen wir der pseudopragmatischen Alternativlosigkeit (siehe „Der Führer 4.0 – Er ist schon längst da“) die Gefolgschaft in den Grand Canyon verweigern und es lieber mit Ilija Trojanow halten: „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“. – Dann kann die scheinbare Endzeit zu einem neuen Anfang werden.

Foto: pixabay/CC0

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