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Over The Top: Wackere Recken für das Gute, Gerne & Erbärmliche

224 Serdar Somuncu facebook 14082020


(Screenshot: Serdar Somuncu / Facebook, 14.08.2020)

Ich weiß, ist wohl alles müßig und für die Katz‘. Kann es trotzdem nicht lassen, unter die Fritten der auf Hochtouren siedenden Schmalzfritteuse des „rülpsenden Konsensmolchs“ (© W. Reiser) ab und zu einen kleinen Knallfrosch zu werfen. Schon längst sind es ja nicht nur unsere Politdarsteller, ÖR-Talkmaster und gut gescheitelten Leitmedienjournalisten wie Kleber & Co., die sich diesem Konsensmoloch andienen. Praktisch jeder evidenzbasiert-aufgeklärte Fortschrittsbürger, der etwas auf sich hält, möchte jetzt kurz vor Ladenschluss auch noch mit dabei sein. Manche Influenzer und Superspreader wie Klaas Heufer-Umlauf sahnen dabei richtig dick ab und dürfen im Vorbeigehen einen Porsche als Trinkgeld einstecken (siehe Porsche Newsroom). Ein mittlerweile unüberschaubares Heer an Bloggern und Freizeithumanisten hilft aber auch ganz unentgeltlich und ehrenamtlich dabei mit, dass gutes, gernes und alternativloses Leben in der marktkonformen Demokratie weitergehen kann.

>> Ebenso wie Florian Schroeder über sein „Stecken im Enddarm der Kanzlerin / des Systems“ und seine Tätigkeit als Hofnarr und Systemprostituierter schwadroniert, dabei wie Reineke Fuchs neunmalschlau über die Bühne stelzt und über die Doofies, die nicht so abgedreht sind wie er und nicht raffen was abgeht, nur verächtlich lachen kann – so glauben ja viele, dass sie bereits über dasjenige erhaben sind, was sie da pseudosatirisch auf die Schaufel nehmen. Ebenso wie die Faktenfaker („Faktenchecker“) von Correctiv & Co. meinen, dass sie unliebsame Fakten entkräften, einfach indem sie sie offensiv ins Netz stellen. Man kann sich bei solch wackerer „Öffentlichkeitsarbeit“ auch zweifellos sehr schlau und smart vorkommen, die eigene Followerschar ejakuliert für solche Bonmots ja laufend prustende Smileys auf die Bühne. Ändert nur leider nicht viel daran, dass in der Kritik an ihrer Person, auch wenn sie oft vulgär und ungehobelt ist, nicht doch auch ein gewaltiges Stück Wahrheit stecken kann. Vielleicht würde es den smarten Influenzern und Superspreadern nicht schaden, einfach mal ein bisschen in sich zu gehen und nachzusinnen anstatt solche Kritik gleich in den Ventilator zu schreddern und eine Lachnummer draus zu machen (kann da drüber wirklich wer lachen?)

So, over&out. Jeder darf das natürlich halten, wie er will und ich will hier niemandem das Schenkelklopfen und Prusten vergraulen, das er regelmäßig zur Erleichterung braucht, um mit „gutem und gernen“ Leben in marktkonformer Demokratie weitermachen zu können. <<

Eingesperrt in einem verkackten Gartenhaus: Frischluft und Sonne? – Nein, danke!

Trägt Robber Williams bei seiner neuen Konzerttournee Unterhosen von Bruno Banani oder doch welche von Giorgio Armani? Über solche tiefschürfenden Fragen liefern unsere Medien täglich erschöpfende Antworten. Da soll noch jemand behaupten, der investigative Journalismus wäre tot.

Als ich vor Kurzem von einer Auslandsreise nach Hause kam, bin ich erschrocken. Das Glashaus, in das ich meine Enten vorübergehend eingesperrt hatte, war komplett versaut:  der Boden mit einer dicken Schicht Enten-Dung bedeckt, die Atemluft zum Schneiden dick, im Wasserbecken nur noch eine braune Brühe, aus der die Enten trotzdem unverdrossen tranken und sich darin suhlten. Hätte der Tierschutz Wind davon bekommen – ich bekäme wohl Probleme.

Da Enten von Natur aus sehr reinliche Tiere sind und den Großteil des Tages mit Gefiederpflege verbringen, dachte ich, sie würden nun sofort wie die Raketen aus der Hütte starten, wenn ich ihnen die Tür in die Freiheit aufmache. Doch was passierte? – Die Tiere ducksten herum, erschraken richtig vor dem geöffneten Tor Richtung Freiheit. Als ich sie von hinten aus der Hütte treiben wollte, flatterten sie mir entgegen und an mir vorbei (in Richtung der Sackgasse). Nachdem ich die Gruppe schließlich zu ihrem Glück gezwungen und in die Freiheit getrieben habe, gelang es einer Ente, sich in der Hütte zu verkriechen. Ich ließ sie gewähren, um zu beobachten, wie lange es wohl dauern würde, bis Lallobeh freiwillig nach draußen kam. Die sah aber keinen Grund dazu, machte zwar manchmal einen langen Hals, den sie aus der offenen Tür hinausstreckte, aber über die Schwelle wagte sie sich nicht, sondern blieb wie magisch angewurzelt im Mist stehen. Stattdessen schrie sie kläglich nach den anderen Mitgliedern der Entenschar, dass sie zu ihr zurückkommen sollten – die anderen Enten hatten jedoch in der neuen Freiheit bereits Witterung aufgenommen und erfreuten sich an einem Bad in frischem Quellwasser, während Lallobeh noch im Morast umherwatete. Irgendwann hat sich die Nachzüglerin dann doch ein Herz genommen und die Schwelle zur Freiheit überschritten. Als sie endlich draußen war, blickte sie allerdings zaghaft und verschüchtert um sich, so als ob ihr die Sonne, der Wind und das weite Firmament, das sich nun über ihr eröffnete, Angst machten.

Ich musste schmunzeln über das, was man sprichwörtlich „Gewohnheitstiere“ nennt. Wobei mir die erlebte Szenerie durchaus wie eine Analogie zur heutigen Situation unserer humanoiden Spezies anmutete. Denn im Gegensatz zu den Tieren besitzen wir Menschen zwar kein horizontales, sondern ein vertikal aufgerichtetes Rückgrat,  aber auch wir haben ein Gewohnheitstier in uns, das sich mit erstaunlicher Beharrlichkeit an herrschende Umstände gewöhnen kann, selbst wenn diese zum Himmel stinken und kaum noch erträglich sind.

Inmitten unserer alternativlosen politischen Tristesse wird dabei vielfach vergessen, dass es nicht nur – wie von Karl Marx behauptet – das Umfeld  ist, das den Menschen bestimmt, sondern dass vielmehr der Mensch selbst in der Lage ist, das Umfeld bzw. die soziale Realität zu gestalten. Vereinfacht gesagt: Der Mensch selbst ist der primäre Ausgangspunkt aller Entwicklungen und nicht, wie uns im tagespolitischen Diskurs von Merkels Flachmannschaft ständig glauben gemacht wird, die inzwischen unüberschaubaren Sachzwänge und katastrophalen ökologischen, ökonomischen, militärischen und technologischen Entwicklungen, denen wir anscheinend nur noch hoffnungslos hinterherhinken können und eventuell da und dort ein bisschen herumdoktoren und notdürftig einige Löcher flicken dürfen, damit der zur Normalität erklärte Wahnsinn dann wie gewohnt weitergehen kann. Stattdessen wäre der Mensch fähig, ganz unabhängig von den in Wirklichkeit morschen und unhaltbaren Strukturen des vorigen Jahrhunderts neue, menschengerechtere Verhältnisse zu erschaffen. Um sie in die Realität umzusetzen, muss er solche Möglichkeiten nicht nur denken, sondern sie auch, beseelt durch ein inneres Ideal, bis zu einer fast schon greifbaren Empfindung bringen. Empfindung ist hierbei nicht zu verwechseln mit Emotion, die das glatte Gegenteil einer aufbauenden, verbindenden Empfindung ist: Während menschliche Empfindungen, die von humanen Idealen ausgehen, eine große verbindende Kraft haben, so wirken schnell hochgekochte Emotionen in der Regel spaltend (was im Übrigen auch der Grund ist, warum Beziehungen, die hauptsächlich auf Emotionen beruhen, so schnell wieder auseinanderbrechen).

Ebenso fundamental unterschiedlich wie in ihrer Auswirkung ist auch der Ursprung von Emotion und Empfindung: Während die Emotion quasi tief in unseren Körper- und Persönlichkeitsstrukturen abgespeichert, also etwas Altes ist, so ist die Empfindung etwas Neu zum jeweiligen Erb- und Erfahrungsgut Hinzugebildetes. Schafft man es, solcherart Neues / gesunde Empfindungen zu seinem bisherigen Gefühlsrepertoire hinzuzubilden, dann kann Altes / Verkrustetes / längst nicht mehr Brauchbares abfallen. Auch gegen Depressionen wird man solcherart weitgehend immun. – Mit neu errungenen Empfindungen fühlt man sich dann in etwa so wie die Enten, die endlich aus dem Morast ihres total verdreckten Stalles wieder hinaus in die sonnendurchflutete, frische Luft gehen können.

Emotion und Empfindung sind also in Wirklichkeit regelrechte Antagonisten, wobei die Emotion ein sehr lauter und polternder Weggenosse ist, während sich die Empfindung vergleichsweise leise und bescheiden gebärdet. Andererseits ist die Empfindung fähig, tief zu dringen und im Inneren Wurzeln zu schlagen, während die Emotion an der Oberfläche bleiben muss und schnell wieder verpufft, also etwas sehr Kurzlebiges ist.

Die besondere Krux: Emotion ist bereits fertig im Körper bzw. in unserem Unterbewussten  abgespeichert und kann durch simple Knopfdrücke in Form einschlägiger Reize oder vorurteilsbeladener Schlagwörter jederzeit aufgerufen und hochgekocht werden (Werbe- und Marketingexperten beherrschen diese Klaviatur inzwischen perfekt). Die neue Empfindung ist hingegen noch ungeboren und muss durch bewusste Bemühung herangebildet und kultiviert werden wie ein zartes junges Pflänzchen. Um eine gute Empfindung heranzubilden, braucht es einen substanziellen Gedanken bzw. ein Ideal. Ein Ideal bzw. ein Gedanke ist dann substanziell, wenn er objektiv gültig, d.h. aus dem Fundus universeller humaner Werte geschöpft ist und nicht nur aus dem Requisitenkasten subjektiver Wertvorstellungen oder Gruppenzugehörigkeiten. Nicht umsonst haben auch die Verfasser der Allgemeinen Menschenrechtscharta wie Stephane Hessel die in der Charta verankerten Rechte als „universell“ bezeichnet. Das Grundaxiom bildete dabei die Würde des Menschen bzw. das Bestreben, diese zu wahren, und zwar unabhängig von der Zugehörigkeit des Menschen zu Parteien, Ländern und Weltanschauungen.

Leider sind uns Ideale heute etwas unheimlich geworden, wir verwechseln sie zu schnell mit Ideologie, mit der wir ja bekanntlich in der Geschichte sehr schmerzvolle Erfahrungen gemacht haben. Dabei wird etwas nur dann zur Ideologie, wenn es rein intellektuell ist und wenn wirkliche humane Ideale und Empfindungen abwesend sind. In Wirklichkeit haben wir es daher heute ohnehin bereits überall mit Ideologien zu tun: Der Neoliberalismus, unser wachstums- und profitorientiertes Wirtschaftsmodell, unsere naive Technikgläubigkeit, die Industrie 4.0 / Schule 4.0-Propaganda, der Ost- West Konflikt mit seinem mittlerweile wieder brandgefährlich gewordenen  Säbelrasseln  (siehe „Wenn der russische Bär eine Anakonda am Hals und der Hund die Hausaufgaben gefressen hat“) – alles dies basiert auf einseitigen, verhärteten Sichtweisen und unnötigen Polarisierungen, die mit etwas gutem Willen längst überwunden sein könnten.

Damit ein wirkliches Ideal die Kraft hat, Polaritäten, soziale und weltpolitische Gräben zu überwinden, muss es einen über jeweilige Partikularinteressen der Konfliktparteien hinausgehenden Inhalt haben. Und nun der springende Punkt: Der große Irrtum ist es, zu glauben, dass man solche Inhalte aus der technokratisch-materiellen Ebene, also aus der Welt der Polaritäten schöpfen könnte. Nein, besagte polare Erscheinungen der Welt brauchen ihrerseits stets einen Zustrom von neuen, gesunden Gedanken aus der Welt des menschlichen Geistes, sonst geht alles den Bach runter und in die Degeneration über. Selbst der verschlafenste Fernsehbürger kann dies heute beobachten: Egal, welche noch so intellektuellen Politköpfe scheinbar noch so vernünftige und effiziente Strukturmaßnahmen in die Wege leiten (siehe „Bodenständige Politiker im Maulwurfspelz und AFX-Parteien“) – es kommt mit jeder Maßnahme, die nur auf technokratischen und ökonomischen Erwägungen basiert, zu noch mehr ausuferndem Chaos und Niedergang, so wie in einem Treibsand, der einen mit jeder zusätzlichen Körperbewegung nur noch schneller erbarmungslos nach unten zieht.

Schaffte man es hingegen, einen universell gültigen Gedanken in das Polit- und Wirtschaftsgeschehen zu führen, der nicht bloß auf die materielle Ebene fokussiert ist – obwohl er sich auch auf diese günstig auswirken wird -, sondern auf die seelische (=die persönlich menschliche) und auf die geistige (=die individuelle, eigentlich überpersönliche und unwägbare, von Viktor Frankl als „spezifisch-humane“ bezeichnete) Ebene des menschlichen Daseins bezieht, dann würde man sich wundern, wie schnell sich die derzeit abgründig erscheinenden Dinge um uns herum plötzlich wieder zum Besseren wenden und eine Aufwärtsentwicklung sichtbar wird.

Die Gretchenfrage dabei ist natürlich: Wo schöpft man substanzielle, universell gültige Gedanken?

Aus dem akademischen Betrieb unserer Universitäten scheinbar nur schwer. Nach Aussage des Jenaer Soziologie-Professor Hartmut  Rosa sind die Universitäten heute zu „Entfremdungszonen“ geworden, in denen schon unter Jungstudenten Burn-Out und Angsterkrankungen grassieren und in unserer hochtechnisierten Welt jede der Nacht mehr Menschen schweißgebadet aufwachen als in totalitären Regimen (Quelle: Zeit).

Doch lassen wir uns von diesen Zeiterscheinungen nicht allzu sehr ablenken. Bei all den schwarzen Rauchschwaden, die heute unsere Sicht vernebeln, übersehen wir nämlich leicht die großen Möglichkeiten, die jeder einzelne von uns hat bzw. individuell entwickeln kann. Denn wir werden vergeblich warten, dass eine neue Partei, ein neuer Kennedy oder ein neuer Schulz unseren Karren aus dem Dreck zieht. Der substanzielle Inhalt kommt heute nicht mehr von äußeren Autoritäten und Institutionen – diese sind in unserem Zeitalter zu leeren Hüllen, bloßen Vehikeln des schnöden Erwerbs und Kahlfraßes geworden. Heute ist jeder einzelne Mensch selbst für die inhaltliche Bereicherung des Lebens verantwortlich – auf ganz individuelle Weise entsprechend seinem Arbeits-, Freundes-, Familien- und Interessensumfeld.

Es ist natürlich grotesk: Einerseits sind die Zeiten heute so verrückt wie noch nie (unser geschätzter Leser Firefox sprach unlängst von einem „Kopfstand der Realität“), andererseits stehen uns trotz aller äußeren Bedrückung individuelle Möglichkeiten offen, die es noch niemals zuvor gegeben hat. Zum Beispiel philosophisches Wissen zu erwerben bzw. in eine Philosophenschule wie die von Platon oder Pythagoras einzutreten – diese Möglichkeit wurde früher nur einer Handvoll Menschen gewährt, und das auch nur unter extrem schwierigen Auflagen, Todeseiden und tödlichen Prüfungen. Heute steht es theoretisch jedem von uns offen, sich tiefstes philosophisches Wissen, Verständnis über Mensch, Welt und den Sinn des Daseins und damit substanzielle universelle Werte anzueignen. Die Literatur des Abendlandes ist voll davon. Nur liegt es eben in jedermanns freier Wahl, womit er seine Zeit verbringt – viele entscheiden sich, lieber einen toxischen Illustriertenpudding über Robbie Williams und Paris Hilton zu löffeln (siehe Steve Cutts: „Are You Lost In The World Like Me?“) oder ihre Eingeweide mit einer fetttriefenden Dschungelcamp-Pizza zu füllen. Dabei gäbe es klares Gebirgswasser, wunderbare Früchte und für den, der sich die Mühe macht, sich als Eisbergsteiger durch die neoliberal-szientistisch vergletscherten Regionen bis über die Nebel-/Blendgranatenwolken durchzuarbeiten sogar: … strahlenden Sonnenschein!

In diesem Sinne: Nur Mut und vor allem keine falsche Bescheidenheit. Wenn sich sogar Lallobeh, die lahmste Ente in meinem Stall, schließlich durchgerungen hat, die Schwelle des verdreckten alten Stalls zu überschreiten und hinaus an die Sonne und in frisches Wasser zu wackeln, dann bin ich zuversichtlich, dass auch wir das noch schaffen werden …

Video zu Neujahr – Steve Cutts uncut: „Anytime is ice cream time“ – Alle Tüten im Winkepuh-Modus

Während alle anderen Animationen von Steve Cutts explizit politisch gemeint sind, so hat er in einem Interview erklärt, dass das u.a. Video „nur eine unterhaltsame Story“ rund um Eistüten sei. Trotz dieser Bescheidenheit sehe ich aber in diesem Werk auf grandiose Weise ein derzeit beobachtbares Zeitphänomen dargestellt: Egal was passiert, egal welche schrecklichen Ereignisse wir als scheinbare Normalität zur Kenntnis nehmen müssen – kaum ertönen irgendwo ein paar Unterhaltungstakte oder rollt der Fußball, sind wir bereit, im Takt mitzuwinken und uns der Unter-Haltung hinzugeben.

So wie die Eistüten im Video: Egal, ob der Eistütenpartner gerade von einem Auto zu Matsch gefahren oder die Tüte in eine Gummizelle eingesperrt wurde: Sobald das fröhliche „Tüü-tüü-tütütü“ im „Uns geht’s gut“-Teletubbie-Sound erklingt, wird naiv mitgewinkt – so fährt die Eistüte im Winkepuh-Modus mit hoher Geschwindigkeit auf der Autobahn und winkt einer Partykolonne zu, ohne zu sehen, dass auf der Gegenfahrbahn ein LKW entgegenkommt, der sie selbst zu Matsch fahren wird.

Auch wenn er das selbst vermessen finden würde: Aber Steve Cutts angeblich vollkommen unpolitisches Eistütenvideo ist in Wirklichkeit die perfekte Persiflage auf Merkels „Deutschland geht es gut“-Losung.

Man könnte Steve Cutts Video jedoch sogar noch auf einer tieferen philosophischen Ebene interpretieren: Als leidenschaftliches Plädoyer für die Seele der kleinen Dinge, über die wir im Alltag viel zu achtlos hinweggehen. Indem er Eistüten für einige Minuten Seele einhaucht, kann uns bewusst werden, dass auch in scheinbar profanen Dingen wie Lebensmitteln – wie schon der Name sagt – eben  Leben steckt und diese Dinge daher etwas mehr Wertschätzung und achtsamen Umgang verdienen. Ebenso wie die Pflanzen, die Tiere und allgemein die Dinge des Alltags, die wir oft genug zu bloßen Gebrauchsgegenständen degradieren und konsumieren.

Mit poetischen Worten ausgedrückt:

„Es sind die kleinen Dinge
die uns brauchen
Denn wir hauchen
alle Lebensringe in sie ein.
Drum ergreift sie, meine Hände
voller Liebe
so als bliebe
ohne euch am Ende
jedes Ding für sich allein.“

      (Karlfried Graf Dürckheim)

Wäre das nicht ein schönes Motto fürs kommende Neue Jahr? – So quasi als Antithese zum allerorts nach oben dampfenden bzw. zum Himmel stinkenden Rauchqualm des US Frackingprinzips („Put in poison, get out money“), nach dem derzeit unsere marktradikale („neoliberale“) Wirtschaftsordnung und unsere marktkonforme Demokratie tickt?

Video by Steve Cutts (siehe Galerie)

in memoriam Steve Geshwister

Hurrikan Hillary und Tornado Donald im Anrollen auf die letzten Grünflächen unseres Planeten – über apokalyptisches Wahlgetrommel, Oktoberfestbieranstiche und nicht enden wollenden Antiamerikanismus

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Bild: Flickr / Rich Girard / CC BY SA 3.0 / Quellenlink

Die Vorbereitungen zum nächsten Oktoberfest laufen auf Hochtouren. Münchens Oberbürgermeister drückt im Rich Kings Club-Fitnesstudio bereits emsig die Hanteln, um den traditionellen Bockbieranstich am 17.9. standesgemäß über die Bühne zu bringen. Indes lässt er sich von seinen akademischen Stimmbildungscoaches die Stimme ölen, damit er dann mit einem zünftigen “O’zapft is”-Ruf dem nach Unterhaltung lechzenden Volk den erlösenden Startschuss zum kollektiven Besäufnis geben kann.

Ob er es dieses Jahr wieder schaffen wird, das Bierfass mit nur zwei Schlägen anzuzapfen (siehe das unten ersichtliche, in die Annalen der Bayerischen Landesgeschichte eingegangene Video), steht noch nicht fest. Niemand kann ihm jedenfalls vorwerfen, dass er den kompromisslosen Leistungsgedanken, den er seinen Bürgern täglich predigt, nicht auch selbst vorlebt. Während der Begründer der Tradition, SPD Oberbürgermeister Thomas Wimmer im September 1950 zum erstmaligen Anstich noch 17 Schläge benötigte, hält der amtierende  Oberbürgermeister Dieter Reiter bei bloßen zwei Schlägen, um das Opus magnum zu bewältigen. Falls er dieses Jahr seinen eigenen Rekord brechen und das flüssige Hopfengold mit einem einzigen Schlag zum Sprudeln bringen sollte, dann ist ihm wohl eine Wiederwahl ins höchste Stadtamt so gut wie gewiss.

Dass das Oktoberfest inzwischen sogar in China kopiert und zum größten asiatischen Volksfest avanciert ist (siehe Sueddeutsche), beweist jedenfalls, dass Deutschland auch 180 Jahre nach Goethes Tod immer noch kulturell impulsierend wirkt.

Während wir hierzulande emsig mit dem Vorbereiten des weltgrößten Volksfestes beschäftigt sind, brauen sich im Westen pechschwarze Hagelwolken zusammen, die die bierselige Idylle trüben. Ein Hagelschaden droht, den keine Versicherung der Welt abdecken kann. Sogar als seriös geltende Medien bedienen sich mitunter einer drastischen Wortwahl und bezeichnen die Anfang November im Land des Grand Canyon stattfindende US Präsidentschaftswahl als „Wahl zwischen Pest und Cholera“ (siehe n-tv).

Nachdem der links-soziale Hoffnungsträger Bernie Sanders nach allen Regeln der Kunst ausgebootet wurde (eine Studie der Stanford University zeigt auf, wie die Wahlen mit elektronischen Wahlmaschinen zugunsten Clintons manipuliert wurden, siehe hier auch eine prägnante Zusammenfassung sonstiger Machenschaften im US Wahlkampf) herrscht nun Katerstimmung.  Auch die Nominierung des konservativen Südstaatendemokraten Tim Kaine zum Vizepräsidenten an der Seite von Clinton erscheint gemäß den Worten des Nachrichtenportals Commondreams als ein offenes „Fuck you“ des Establishments gegenüber der auf Veränderung drängenden Parteibasis. Bleibt als Alternative zu Clinton also nur noch Donald Trump.

Der Kolumnist John MacArthur bringt das Dilemma bildhaft zum Ausdruck: “Of course I won’t vote for Donald Trump. He’s a wolf in wolf’s clothing. But I will never vote for Hillary Clinton.“ (Quelle:  The Spectator).

Auch die Einschätzung von  Paul Craig Roberts, dem ehemaligen US Finanzmister und Herausgeber des Wall Street Journal, ist alles andere als beruhigend. Die Wahl Hillary Clintons setzt er mit nichts weniger gleich als mit der nuklearen Vernichtung unseres Planeten: „We don’t know much about Trump but … if Hillary gets into the Oval Office, I predict nuclear war before her first term is over. A vote for Hillary is a vote for nuclear war.“ (Quelle: Gobalresearch)

Mit seltener Deutlichkeit führt er den US-amerikanischen Wählern die aktuelle Situation und ihre Verantwortung vor Augen: „If the result of Americans’ dereliction of duty is nuclear war, the American people will be responsible for the death of planet Earth. One would hope that with responsibility this great on their shoulders, the American people will reject the unequivocal war candidate…“

Obwohl Trump auch in den Augen anderer hartgesottener Patrioten wie Clint Eastwood (siehe Telepolis) das kleinere Übel wäre, werden auch jenem durchaus psychopathische Ambitionen bezüglich eines Atomwaffeneinsatzes nachgesagt. So soll Trump nach Angaben des amerikanischen Fernsehsenders MSNBC angeblich seine außenpolitischen Berater während einer Besprechung innerhalb einer Stunde dreimal wörtlich gefragt haben: „Wenn wir Atomwaffen haben, warum setzen wir sie nicht ein?“ Moderator Joe Scarborough, der angeblich Zeuge dieser Besprechung war, hat  diesbezüglich den früheren Chef von CIA und NSA, Michael Hayden angesprochen und ihn gefragt, wie genau das Auslösen von Atomwaffen durch einen amerikanischen Präsidenten ablaufen würde. Haydens Antwort: „Das Verfahren kann variieren, aber es ist definitiv auf Schnelligkeit und Entschlossenheit ausgelegt. Zeit für Diskussionen gibt es dann nicht mehr.“

Obwohl sie wie ein grotesker Klamauk wirkt, hat die anstehende US Wahl also etwas eminent Schicksalhaftes, nicht nur für die US Bürger, sondern ebenso für alle anderen Bewohner dieses Globus. Ob der Oberbefehl über die amerikanischen Streitkräfte und das weltweit größte Atomwaffenarsenal demnächst dem als Choleriker bekannten Baulöwen Trump in die Hand gedrückt wird oder der in Washingtoner Kreisen aufgrund ihrer bellizistischen Ader als „Killary“ bezeichneten Clinton, wird bei uns wohl gleichermaßen für unruhigen Schlaf sorgen.

Die US Wirtschafts- und Rüstungsmächte – von Präsident Eisenhower aufgrund ihrer intensiven Verflechtung schlicht als “militärisch-idustrieller Komplex” bezeichnet – bevorzugen Clinton als Präsidentin. Und dies aus gutem Grund: Sie bietet “Vorhersehbarkeit” (im Artikel “Why the Military-Industrial Complex Loves Hillary” in The American Spectator  wird ein Rüstungslobbyist zitiert: “Clinton offers what weapons makers crave most: predictability.” Hingegen wird Trump in der Branche als “totally unknown quantity” verschmäht.)

Und im harten Business geht es in der Tat um viel. Da ich selbst Berufspraxis im Bombenbau hinter mir habe (siehe Nachrichtenspiegel), weiß ich nur zu gut, wie Rüstungsexporte und der Wohlschand einer Nation voneinander abhängen.

The Intercept  hat unlängst veröffentlicht, wieviele Länder der Erde die Amerikaner gerade durch verdeckt operierende Killer-Kommandos (Special Operations Command / SOCOM) „befrieden“: Demnach sind es 147 Länder, in denen amerikanische Sondereinsatzkräfte wie Green Berets, Delta Force und Navy SEALs gewaltsam fuhrwerken. Die vorgenannte Zahl wurde durch SOCOM-Sprecher Ken McGraw offiziell bestätigt.

Wie das Handwerk der US SOCOMs abläuft, hat Filmemacher Jeremy Scahill anschaulich ins Bild gebracht. Nachdem man seine  preisgekrönte Doku gesehen hat, versteht man auch, wie es möglich war, dass wie aus dem Nichts plötzlich eine apokalyptische Reiterschar islamischer Fundamentalisten auf der Weltbühne auftauchen konnte, die so schrecklich ist, dass selbst friedliebende Bürger dafür dankbar sind, dass die Rüstungsindustrie nun Tag und Nacht im Akkord Drohnen, Bomben und Raketen produziert, um die barbarische Horde wieder einzudämmen. Gänsehautschauer laufen einem insbesondere am Ende der Doku über den Rücken, wenn ein inkognito gefilmter SOCOM-Veteran über das Abarbeiten immer endloser werdender Todeslisten erzählt – und er sein persönliches Fazit über die SOCOMs zieht: „We have created a big hammer – always searching for a nail.“

147 Länder – insgesamt haben wir 195. Mit anderen Worten: In 75 Prozent aller Nationen auf unserem Globus maßen sich die USA also an, gewaltsam zu bestimmen, wo es lang geht, demokratische Wahlen der ansässigen Bevölkerung zu ignorieren und sich zu Herren über Leben und Tod aufzuschwingen.

Da ist es ja wirklich vollkommen unverständlich, warum sich allerortens „Antiamerikanismus“ regt… dabei sollten die Menschen in den Ländern, die mittlerweile in totales Chaos und Schutt und Asche gelegt wurden, doch ihren Wohltätern zu Dank verpflichtet sein, dass sich über ihren Heimatboden nun die Segnungen von Fortschritt, Effizienz und Entertainment ergießen.

Aber lassen wir das heikle Wort (Anti-)Amerikanismus vorerst einmal beiseite, sonst laufen wir Gefahr, dass dieser auf Facebook verlinkte Artikel von einem Bertelsmann-Sonderkommando umgehend gelöscht wird. Das transatlantisch vernetzte Bertelsmann-SOCOM hat nämlich den Auftrag, das Web von „hatespeech“, insbesondere von Unmutsbekundungen über die ‚invisible hand of the market‘ bzw. die globalen Ambitionen der US Militär- und Wirtschaftsmacht zu säubern (über das gleichermaßen rätselhafte wie rechtsfreie Verschwinden von US-kritischen Beiträgen auf Facebook hier übrigens ein lesenswertes Essay von Jens Berger) .

Bleiben wir also stattdessen beim bloßen Geschäft. Geschäftstüchtige Gedanken anzustellen ist ja nicht verboten, sondern ist heute sogar oberste Bürgerpflicht. Auch Donald Trump stellte als ausgeschlafener, geschäftstüchtiger Kopf natürlich einige ganz nüchterne Berechnungen an. Hierbei kam er zum Schluss, dass sich der abgründig verschuldete US Haushalt milliardenschwere Militärinterventionen in fremden Ländern so wie bisher einfach nicht mehr leisten könne. Konsequenterweise hat Trump angekündigt, als Präsident die Expansionsstrategie der NATO zurückzufahren und auch mit Putin Frieden zu schließen.

Macht Trump mit dem was er sagt, Ernst, dann wäre das ein radikaler Kurswechsel, der im diametralen Gegensatz zu den über Generationen gepflegten Ambitionen der US Eliten steht. Die Welt hätte eine Chance auf eine neue kulturelle, wirtschaftliche und soziale Konsolidierung. Nach all den Enttäuschungen der letzten Jahrzehnte klingt es geradezu grotesk, dass ausgerechnet aus dem Mund eines egomanen Exzentrikers wie Trump nun eine solch hoffnungsvolle Verheißung in den Raum gestellt wird. Ob Trump seine angekündigte Linie durchhält, nachdem er im Amt ist, bleibt jedenfalls abzuwarten. Auch nach der Wahl eines Hoffnungs- und Friedensnobelpreisträgers wie Barack Obama zum US Präsidenten hatte man ja kurz gedacht, dass das globale Gemetzel nun doch einmal ein Ende haben und der ehemalige Bürgerrechtsanwalt den militärisch-industriellen Komplex, vor dem uns Eisenhower und Kennedy so eindringlich gewarnt haben (siehe unten), schon wieder zur Räson bringen werde.

Da menschliche Enttäuschung eine der wesentlichen Signaturen unserer Zeit ist, mit der wir heute fertigwerden müssen, hat sich auch diese Hoffnung leider nicht erfüllt. Wie auch immer, der Friedensforscher Daniele Ganser plädiert dafür, dass wir Obama sein Versagen nicht übelnehmen sollen: „Wenn Obama in den USA wirklich einen ‚Change‘ [A.d.V.: der Machtverhältnisse] gemacht hätte, dann wäre er genau dort gelandet, wo auch Kennedy seinerzeit gelandet ist: mit einer Kugel im Kopf unter der Erde.“ Dass Obama also statt Ehre im Jenseits lieber Ehre im Irdischen inklusive dem Friedensnobelpreis und den Genuss von Viersternemenüs in den erlesensten Golfyachtclubs vorgezogen hat – wer kann ihm diese pragmatische Wahl verübeln, noch dazu in einer Zeit, in der es ja laut herrschender Lehrmeinung gar kein Jenseits geben soll, sondern nur ein Diesseits?

Wenn also selbst ein ehemals wackerer Bürgerrechtsanwalt lieber den Spatz in der Hand anstelle der Taube auf dem Dach gewählt hat, dann möge man also auch gegenüber Trump nachsichtig sein, wenn auch er sich in ganz pragmatischer Weise für den Spatz entscheidet. Hat er doch aus seiner Eigennützigkeit noch niemals einen Hehl gemacht: „Ich bin Geschäftsmann. Ich gebe allen Geld. Wenn mich jemand anruft, gebe ich ihm Geld. Und wissen Sie was? Wenn ich zwei, drei Jahre später etwas brauche, ist er für mich da. Das System ist kaputt.“ (Quelle: FAZ)

Wenn der militärisch-industrielle Komplex demnächst statt 147 Länder nur noch 70 Länder bewirtschaften/bedrohnen darf, dann wäre das eine schmerzliche Geschäftseinbuße von mehr als 50 %. In einer Branche, die am liebsten zweistellige annuale Wachstumsraten hat, hört man solche Rückzugsbekundungen aus dem Bombengeschäft also gar nicht gerne.

Falls Donald Trump ab November wirklich auf dem politischen Parkett des Oval Office in Washington tanzen sollte, dann wird es wohl kein Problem sein, ihn auf Linie zu bringen. Wenn man selbst einen ehemals engagierten Bürgerrechtsanwalt und Friedensnobelpreisträger wie Obama auf Linie bringen konnte, dann wird man das mit einem rein profitorientierten Baulöwen ebenso zu tun wissen und diesem Löwen nötigenfalls ein paar fachlich versierte Dompteure ins Büro schicken. Keine plumpen Dompteure mit Peitsche wie in der Zirkusmenagerie freilich, sondern durchwegs diskrete, im Understatement routinierte Herrschaften in Nadelstreif, die dem blonden Baulöwen bei einem abendlichen Business-Dinner in der Lobby-Lounge milde lächelnd und mit der vollen Autorität des hinter ihnen stehenden Machtapparates klarmachen, in welche Richtung der Zug, den er als Präsident heizen darf, fährt. Als ausgebuffter Geschäftsmann, dem sein Leben lieb ist, wird Trump schnell verstehen, was Sache ist.

Aber vielleicht ist es auch gar nicht notwendig, dass sich einer der 12.281 in Washington registrierten Lobbyisten (Quelle: Wikipedia) die Hände schmutzig machen und mit Trump Klartext sprechen muss.  Wie Noam Chomsky oder Fabian Scheidler in ihren soziopolitischen Studien mit Brillanz darlegen, hat sich ja in den Mainstreammedien bereits ein quasi selbstregulierender Automatismus etabliert, der abweichende Meinungsmacher zuverlässig auf Linie bringt. Machtpolitische Verschwörungen werden also schon bald, erstmals in der Menschheitsgeschichte, wirklich vom Boden verschwunden sein – so wie das die Mainstreammedien heute bereits in visionärer Weise vehement konstatieren: Verschwörungen gibt es ganz einfach nicht. Verschwörungen gab es zu Cäsars und Christi Zeiten, aber doch nicht in unserem Zeitalter der totalen Vernunft. Verschwörungstheoretiker können dann endgültig einpacken (Tip des Parkwächters an alle Verschwörungstheoretiker: eine rechtzeitige Umschulung zum akademischen Briefmarkensammler oder zum diplomierten Schildkrötenzüchter kann helfen, die dann freiwerdende Zeit totzuschlagen; habe an einer Bushaltestelle unlängst auch ein großes Werbeplakat gesehen, das sich an den ganz normalen Kleinbürger wendet: „Ausbildung zum Lobbyisten“).

„Der Clou dabei ist: Wenn die Presse einfach der Logik des Marktes ausgeliefert wird, dann braucht es kaum noch offizielle Zensur, um das Spektrum der öffentlichen Diskussion auf systemkompatible Positionen einzuengen. Die Eigentümerstruktur, die Abhängigkeit von Anzeigen, die Auswahl der Quellen und der vorauseilende Gehorsam gegenüber mächtigen Interessengruppen filtern unbequeme, nicht systemkonforme Positionen effektiv heraus.“ (aus: Fabian Scheidler, Das Ende der Mega-Maschine; siehe auch: Noam Chomsky – Manufacturing Consent)

Erste Vorschullektionen in Sachen US Außen- und Militärpolitik  bzw. Wirtschaftsimperialismus erhält Donald Trump also bereits während der Interviews mit der Wahrheitspresse. So wurde er z.B. während eines Interviews  von David Sanger, dem Chefkorrespondenten der New York Times  (übrigens auch Mitglied im CFR/Council on Foreign Relations) darauf hingewiesen, wo der Hammer hängt. Auf Trumps Ankündigung, die NATO Expansion und die US Machtpolitik in Europa zurückzufahren, erwidert der New York Times – Korrespondent:

„Ich denke, viele in Ihrer Partei würden sagen, dass der Grund, warum wir Truppen in Europa haben (…) der ist, dass es in unserem Interesse liegt, offene Handelsverbindungen zu bewahren, (…) dass unsere Führerschaft nach dem zweiten Weltkrieg auf unserer Fähigkeit beruhte, überall auf der Welt unsere Macht zum Ausdruck zu bringen (‚to project power around the world‘)“  [Quelle: New York Times]

Wie Harald Schumann in einem Artikel im Tagesspiegel beschreibt, fürchten die Konzerne aktuell eine „Revolte der Verlierer“: „Die Alarmstimmung ist berechtigt. Mit dem Aufstieg der neuen Nationalisten in Amerika und Europa steht das ganze bisherige Modell der Globalisierung in Frage. Liberalisierung, Deregulierung und Privatisierung, das waren die Instrumente, mit denen die Regierungen des Westens über vier Jahrzehnte die Verschmelzung von Unternehmen und Kapitalflüssen über alle Grenzen hinweg vorangetrieben haben.“

Was die Globalisierung, die uns derzeit ökonomisch, ökologisch und allgemeinmenschlich an den Rand des Abgrunds treibt, ihrem Wesen nach eigentlich ist, hat der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger bereits ganz freimütig bekannt:

„Globalisierung ist nur ein anderes Wort für US-Herrschaft“ (Quelle: Wikipedia).

Gleichermaßen unverblümt hat sich seinerzeit auch Joseph Beuys ausgedrückt, für den glasklar war, dass „Amerika die ganze Welt versaut“ habe. Das auf Facebook zu posten, damit hätte er wohl heute einige Probleme. Beuys weiter über die Richtung Europa expandierende US Kultur:

„Auschwitz existiert weiter auf eine andere Art. Nicht mehr diese primitive Methode, dass man Menschen ins Feuer wirft und sie so vernichtet, aber heute vernichtet man sie durch diese Art von Wirtschaft, die die Menschen innerlich aushöhlt und zu Konsumsklaven macht.“

Natürlich wurde Beuys seinerzeit bei den Grünen genauso schnell ausgebootet wie Bernie Sanders bei den US Demokraten. Statt ihm haben dann eben die Joschka Fischer-Typen und die Ditfurthianer das Rennen gemacht – die heute unter Wohlgefallen der Amadeu Antonio Stiftung die letzten profunden Gründenkerzellen aus dem smart gewordenen Bioladen via Facebook entfrienden (siehe Meedia) und zur neuen Hexenjagd gegen Querdenker blasen (siehe z.B. Denunziationsaufruf auf Fefes Blog).

Zurück aber zur aktuellen US Wahl. Slavoj Žižek bezeichnet sie als Placebo und hält das US Zweiparteiensystem für die „Erscheinung einer Wahlmöglichkeit, die es im Grunde gar nicht gibt“. Die Studie „Testing Theories of American Politics: Elites, Interest Groups, and Average Citizens“ der US-Universität Princeton 2014 kam zum öffentlich publizierten Ergebnis, dass die USA de facto von einer elitären Wirtschaftslobby und einer kleinen Zahl einflussreicher Amerikaner regiert wird.

Aber vielleicht sollte ich an dieser Stelle aufhören … ich verwende schon wieder politisch unkorrekte Keywords und sammle Schlechtpunkte im globalen XKeyScore Bürgerüberwachungssystem. Dabei hat doch Bundespräsident Gauck bereits mit dem ganzen Gewicht seiner prähistorischen Autorität verkündet, dass „die Eliten gar nicht das Problem sind, die Bevölkerungen sind im Moment das Problem“ (sic, siehe Youtube).

Vielleicht ist Gauck ja gar kein Zyniker, vielleicht hat er ja Recht. Vielleicht sind wirklich wir das Problem. Denn unser Irrtum besteht ja vielfach darin, zu glauben, dass Demokratie fix da ist, sobald sie einmal als Staatsform durch Statuten, Verfassung etc. installiert ist und wir dann gemächlich am Oktoberfest einen auf „O’zapft is“ machen können. Weit gefehlt! – Demokratie braucht den DEMOKRATISCH BEWEGTEN MENSCHEN, d.h. Menschen, die wach denken, sich für das Gemeinwohl engagieren, Altes/Rigides/Unerträgliches erneuern, die Dinge weiterentwickeln wollen, kreativ und empathisch sind – sonst ist Demokratie schlichtweg nicht existent und es sprießen stattdessen giftige Sumpfdotterblumen bzw. Maulwurfspolitiker.

Würden wir aus unserer Unterhaltungsnarkose aufwachen und uns als mündige Menschen hinstellen, dann wären all die absurden politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse ebenso wie die bizarren Rappelköpfe, die auf der Politbühne allerortens ihre Siegeszüge antreten, von vorherein ausgeschlossen.  Denn in Wirklichkeit verhält es sich mit dem globalen Gleichgewicht wie mit einer Waage: In dem Moment, wo viele Menschen aufwachen und wieder mündig werden, müssen im Gegenzug die Machenschaften der Globalisierungseliten und Finanztechnokraten wieder absteigen. Bzw. wird man letzteren Persönlichkeiten dort einen Platz geben, wo sie hingehören und sich als nützlich erweisen können: z.B. als Baggerfahrer in einer Schottergrube, als Buchhalter in einer Nudelfabrik oder als physikalische Laborantinnen mit Mundschutz hinter einem Mikroskop. – Aber man wird sie um Gottes Willen doch nicht an die obersten Schalthebel der Macht setzen so wie jetzt gerade, von wo aus sie – an der Leine von US-Thinktanks, denen die europäische Kultur und die europäischen Sozialsysteme bei ihren Ambitionen zur totalen Verwertung und Digitalisierung der Umwelt- und Humanressourcen ein gewaltiger Dorn im Auge sind – über unsere Zukunft bestimmen.

Dann müssten alle Trumps, Clintons, Bushs, Poroschenkos, Erdogans, Merkels und Schäubles, die ihre Bürger derzeit über die transatlantische Brücke ins vorprogrammierte Unglück bzw. in den Grand Canyon führen, aus ihren schwarzglänzenden SUVs aussteigen und stattdessen in einem staubigen Fiat Panda zum Aldi fahren, wo sie dann zum ersten Mal in ihrem Erwachsenendasein erfahren würden, was ein Liter Milch und ein Kilo Äpfel kosten.

Die Helden der 80er Jahre – Wo sind sie geblieben?

In einer Zeit, in der andere Superhelden wie Deadpool, Ironman, die X-Men etc. auf der Bühne stehen, ist wenigen aufgefallen, dass die seinerzeitigen Ikonen der 80er Jahre inzwischen ausrangiert wurden. Der Cartoonist und Satiriker Steve Cutts (siehe Galerie) hat sich auf die Suche gemacht, wo diese Ikonen des Zeitgeists heute gelandet sind.

Roger Rabbit etwa hat neben dem leicht adipös gewordenen Barluder Jessica, das seinerzeit Bob Hoskins den Kopf verdreht hat, wenig zu lachen. Auch Garfields Coolness hat ausgedient. Nachdem er das Katzenklo vollgemacht hat, wird er kurzerhand per Gabelstapler mitentsorgt. Nun, war ja auch sehr naiv zu glauben, dass es tatsächlich ewig so weitergehen hätte können mit dem faulen Kater, der außer Lasagne futtern gerade noch soviel Kraft aufbringen konnte, um die Augen offenzuhalten und ab und zu mal einen launigen Spruch abzulassen, der dann für Schenkelklopfen sorgte … Millionen Menschen haben sich diesen Lebensstil damals allerdings abgeschaut und ihn internalisiert.

Sogar der ehemals durchtrainierte, aber inzwischen bespeckte und wohlstandsverwahrloste He-Man – einstmals die von jeder Registrierksse strahlende Ikone der „Masters of the Universe“ – hat seinen Kampf gegen Skeletor und das Böse längst aufgegeben und macht lieber am Pool einen auf Farin Urlaub.

Aber sehen Sie selbst, wie weit es die Vorbilder von uns Kindern der 80er gebracht haben. Wo werden wohl die heutigen Movie-Stars von Quentin Tarantino & Co. in 30 Jahren stehen? – Und wo vor allem die Fans, die heute mit Popcorn vor den Flachbildschirmen sitzen?

Video (c) Steve Cutts

in memoriam Steve Geshwister

 

Video der Woche – Steve Cutts uncut: „The Daily Bullshit“

video based on artwork by Steve Cutts

(@Bullshit: siehe auch Nachrichtenspiegel – „Gleichschaltung der Medien und Manipulation des fernsehenden Kleinbürgers„)

Auf den Hund gekommen – über das Recht und die Pflicht des Hartzbürgers zum Fernsehen

27_enten

 

Mit einiger Verwunderung verfolge ich die hitzige Diskussion rund um den letzten Artikel des Eifelphilosophen (Die leise Hinrichtung der Kikki W.), in dem er ein weiteres Hartzleben in seinem Kampf gegen den eisigen Strom der Alternativlosigkeit schildert.

Es wäre für den Eifelphilosophen ein Leichtes gewesen, eines aus den zigtausenden anderen Hartzschicksalen auszuwählen, in denen es „nur“ um nacktes Überleben, Essen, ein Obdach gegen Regen, Krankheit und die vernichtete Zukunft in diesem Elend aufwachsender Kinder geht. Hat er aber nicht, er hat stattdessen einen gewagten Griff gemacht, der zu einer heftigen Kontroverse führte. Die Proponentin, die hier in einem Leck geschlagenen Kanu im marktkonformen Eiswasser paddelt, sorgte nämlich bei einigen Lesern für besondere Empörung. Schließlich kämpft sie nicht nur um ihr nacktes Überleben, sondern sie erdreistet sich ein Obdach zu fordern, das auch für ihre Hundeschar, der sie sich liebevoll verbunden fühlt, Platz bietet.

Während Hundefreunde hier leichter nachfühlen können und über die Schikanen der Hartzbeamten empört sind, so sorgt es bei Menschen, die Hunden gleichgültig oder gar antipathisch gegenüberstehen, nur für Kopfschütteln, warum die verharzte Dame um die Köter so ein Theater macht und sie nicht einfach beim städtischen Hundezwinger abgibt. Dann würde sie selbst doch schnell ein Hartzloch zugewiesen bekommen und könnte dort, so wie alle anderen Hartzer auch, im Flachbildschirm ihrem geistigen Tod ins Auge schauen.

Beim Lesen des Sachverhalts merke ich, wie auch ich selbst um Objektivität ringen muss. Als passioniertem Entenzüchter ist mir schließlich das Auftauchen eines Hundes in meinem Garten – passiert ab und zu mal – genauso gefürchtet wie einem Besitzer einer Stradivari das Auftauchen eines Hooligans, der mit einem Baseballschläger unbedingt sein geliebtes Instrument zerschlagen will.

Aber anstatt dass wir uns jetzt in einer ausweglosen Diskussion zwischen Hunde-/Enten-Freunden/Feinden in die Wolle bzw. in die Federn kriegen, erscheint mir eine grundsätzlichere Frage sehr viel interessanter: Was gesteht man dem Menschen als Kulturteilhabe und individuelle Lebenssinngestaltung zu und wo beginnt sanktionsfähige Extravaganz?

Darf man einem Menschen, der seit seiner Kindheit sein ganzes Herz ans Klavierspielen gehängt hat, sein teures Klavier wegnehmen, wenn er aufgrund eines unglücklichen Schicksalsschlages geharzt wird? Leicht könnte man das Beharren aufs geliebte Klavier angesichts der härter werdenden existenziellen Bedingungen als obszönen Luxus ansehen. Nimmt doch der sperrige Klimperkasten in einer Zeit akuter Wohnraumnot unnötig Platz weg. Platz, an dem man mindestens drei Migranten in einem Stockbett übereinander schlichten könnte. Migranten, die dort den notwendigen Schlafraum hätten, damit sie tagsüber Leistung bringen und mit ihrer Arbeitskraft und Steuerleistung endlich etwas in die Staatskassa einbringen und zum BIP beitragen könnten. Der Return-of-Merkels-Investment Point rückt sonst immer weiter in die Ferne. Da mit Tier- und Musikfreunden zimperlich umzugehen, das können wir uns doch nicht leisten. Da könnte ja jeder daherkommen und Extrawürste anmelden…

Schnell merkt man, dass es gar nicht so leicht ist, hier einen gültigen judizierbaren Maßstab zu finden. Das Problem ist nur: In einer Gesellschaft, in der der Mensch laut herrschender Lehrmeinung an Schulen und Universitäten weder Seele noch Geist besitzt, sondern nur ein zweibeiniges Tier ohne Federn ist, das unter möglichst billigem Energiesparlampen/LED-Licht möglichst viele Eier für die Bisquitindustrie legen soll, in so einer Gesellschaft wird es nicht allzulange dauern, bis alle Rechte, die nicht auf das bloße Vegetieren – also Essen, Aussscheiden und Schlafen – gerichtet sind, ebenfalls gestrichen sind. Wobei ja sogar diese rein vegetativen Grundbedürfnisse bereits öffentlich zur Disposition gestellt sind („Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“)

Während sich also bei Fragen nach dem Recht auf Existenz und individuelle Lebenssinngestaltung schnell die Geister scheiden, so ist es aber doch bemerkenswert, dass zumindest hinsichtlich eines Rechts unzweifelhafte Klarheit und eine eindeutige Judikatur herrscht:

dem Recht auf Fernsehen.

Das habe ich von einem Mietskasernenbesitzer aus erster Hand erfahren. Der Mann – nennen wir ihn Meier – ist wohlsituierter und wohlbeleibter Leistungsträger im besten Sinne, der es eigentlich gewohnt ist, dass ihm der staatliche Justiz- und Exekutivapparat bei der Durchsetzung seiner gesetzlich und grundbücherlich verbürgten Eigentumsansprüche jederzeit tatkräftig zur Seite steht.

In einer Zeit, in der Privateigentum (von lat. privare = „erräubern“) als höchstes Gut gilt und dessen Schutz vor Schädigung und unberechtigtem Zugriff Dritter ein Großteil der straf- und zivilrechtlichen Gesetzesparagraphen gewidmet ist, fällt es Herrn Meier in der Regel sehr leicht, zu seinem Recht zu kommen und die mobilen und immobilen privaten Früchte seines Erwerbslebens zu genießen.

Es ist kaum zu glauben, aber in einer Angelegenheit beißt Herr Meier trotzdem auf Granit. Bis heute ist er darüber fassungslos. Also, folgendes trug sich in Meiers Mietskaserne zu:

Der Dachstuhl seines überwiegend von Zweibeinern hartzartiger Spezies bewohnten Altbaus begann zu faulen. Grund dafür war Regenwassereintritt an mehreren Stellen der Dachhaut, an welchen die Mieter in Eigenregie einfach Löcher durchgebohrt hatten, um ihre Fernsehantennen zu befestigen. Herr Meier, selbst Architekt, konnte durch ein Sachverständigengutachten belegen, dass die Art der Dachkonstruktion bzw. Eindeckung des Altbaus keine Durchbrüche erlaubt, die man fachgerecht abdichten kann. Da die Mieter nicht einsichtig waren und auf tadellosen Fernsehempfang beharrten, zog Mietsherr Meier vor Gericht. Lag doch ein klassischer Fall vorsätzlicher Sachbeschädigung vor, der ihm als Eigentümer des Privatguts zum geldwerten Nachteil gereichte.

Das erstinstanzliche Gericht wies die Klage jedoch ab bzw. gab den Mietern in ihrem Anspruch auf ununterbrochenen Fernsehzugang Recht. Der Fall ging durch alle Instanzen, aber auch dort wurde Meier ausnahmslos in die Schranken gewiesen. Der höchstrichterliche Urteilsspruch lautete sinngemäß, dass der tägliche Zugang zum Fernsehprogramm ein unverzichtbares Grundrecht des modernen Bürgers und als solches schützenswert sei.

Als mir Herr Meier dies erzählte, war auch ich baff. Als jemand, der neben seiner technischen Ausbildung auch Jura studiert hat, hätte ich mir das nie vorstellen können: Das Recht des gemeinen Kleinbürgers auf Fernsehkonsum bricht elementarstes Eigentums- und Schadenersatzrecht. Nun ja, man lernt eben nie aus.

Aber was ich Ihnen hier erzähle, ist noch gar nichts. Es kommt noch dicker.

Die Pflicht zum Fernsehen

Aus verlässlicher Quelle, die ich nicht preisgeben darf (ja, nicht nur SPIEGEL-Journalisten haben solche Quellen, auch als Parkwächter hat man so seine Beziehungen), weiß ich, dass heute alle Bürger, die nicht fernsehen, d.h. die keinen offiziellen TV-Anschluss besitzen, von staatlicher Seite speziell überwacht werden. Mit anderen Worten: Wer nicht täglich fernsieht, ist dem System verdächtig.

Indem ich also jetzt diesen Artikel poste, habe ich mich gleichzeitig geoutet. Spätestens jetzt werden die Bürgerüberwachungsbeamten wissen, wer der Parkwaechter ist. Denn in meinem Bezirk bin ich gewiss der einzige Entenzüchter und Maschinenbautechniker ohne Fernsehanschluss. Unter Kombination dieser drei Kriterien zusammen mit meiner IP-Adresse, die auf den Bildschirmen der Überwacher genauso sichtbar ist wie mein Ententeich auf der Google-Maps Satellitenaufnahme, bedarf es in der Zeit von Big Data nicht mehr als zweier Mausklicks, um mich eindeutig zu identifizieren.

Auch wenn einem darüber aus grundrechtlicher Sicht Angst und Bang werden kann, aus rein pragmatischer Sicht kann ich es dem System nicht einmal übel nehmen, dass es mich überwacht. Denn ich kann es nicht leugnen: Als ich selbst die Glotze aus dem Wohnzimmer verbannt habe, machte ich eine erstaunliche Wandlung durch. Nach Absolvierung einer kurzen, bei Süchten eben unvermeidlichen Entzugsphase steigerte sich meine psychische und physische Gesundheit um gefühlte 300 % – einhergehend mit dem unwiderstehlichen Drang, dem zur Normalität erklärten, aber jeder Vernunft und Nachhaltigkeit spottenden Wahnsinn, der sich heute vor uns aufgeplustert hat und uns den gesamten Atem zu nehmen droht, einige Nadelstiche zu verpassen und ihn damit wieder zurechtzuschrumpfen. – Eine solche Ambition könnte man allerdings auch unter den Tatbestand „Geschäftsschädigung“ subsumieren. Überhaupt ist das, was ich hier mit anderen Kollegen tue, etwas höchst Subversives und reiner Sand im Getriebe der derzeit herrschenden Wirtschaftsinteressen:

Ich bilde mir eigenständig Gedanken, bilde daraus eigenständige Empfindungen und führe schließlich eigenständige Handlungen aus.

Mit einem Wort: Ich mache geradewegs das, was von einer gigantischen Maschinerie an Schul-, Universitäts-, Medien- und „Wissenschafts“-Einrichtungen von vornherein verhindert werden soll. Man stelle sich bloß vor, was passierte, wenn auch nur ein einstelliger Prozentsatz der Bevölkerung ebenfalls damit anfangen würde, sich nicht mehr mit toten intellektuellen Floskeln und emotionalen Injektionen abfüttern zu lassen, sondern eigenständig zu denken, zu empfinden und zu wollen – die marktradikale („neoliberale“) Macht- und Meinungsmaschinerie müsste dahinschmelzen wie ein Schneemann im Frühling.

Die Menschen würden schlagartig zur Realität erwachen und damit aufhören, giftige Dinge zu kaufen, die sie nicht brauchen, um Geld, das sie nicht haben, um Menschen zu imponieren, die sie nicht mögen (Zit. Richard David Precht). Die solcherart zu eigenständigem Denken, Fühlen und Wollen erwachten Menschen würden ihre Freunde, Kollegen und Nachbarn „anstecken“ und in kürzester Zeit wären auch diese nicht mehr bereit, einen fremdbestimmten Lebensstil zu führen, der ihnen im Innersten eigentlich sinnlos und zuwider ist.

Niemand würde sich mehr als Profitmaximierungszwerg in eine Wirtschaftskratzlei setzen lassen oder als Werbefritze die wertvollste Zeit seines Lebens vergeuden.

Nein, das darf nicht sein. Aus diesem Grund: Das Recht und die Pflicht zum „Fernsehen“ hat oberste Priorität und wird in den Verfassungsrang erhoben.

Wer sich nicht täglich aus dem „Fernsehen“ die Tageslosung abholt (siehe eine kurze Kompilation solcher Losungen des Moderators Conan O‘Brien: „Gleichschaltung der Medien und Manipulation des fernsehenden Kleinbürgers“), der ist gefährlich und sollte von grauen Männern besachwaltert werden.

Dabei wird sich schon bald herausstellen, dass es gerade andersrum ist: Bürger, die sich täglich mit Fernsehen abfüllen lassen, sind das denkbar größte Risiko für Demokratie und Rechtsstaat. Menschen, die nicht fernsehen und sich einen gesunden Geist erhalten, wird man hingegen eine jährliche Prämie geben. Genauso wie man Landwirten die „Grünbrachen-Prämie“ gezahlt hat – als Gegenleistung dafür, dass sie einen Teil ihrer Agrarflächen nicht mit Pestiziden und chemischem Treibdünger auszehren, sondern ihm die Möglichkeit zu Regeneration und Artenvielfalt geben.

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