Thomas Hayo

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Wunderkinder am Catwalk – Wenn Heidi Klums Grau-Samen aufgehen …

In seinen Memorien berichtet der blinde Franzose Jacques Lusseyran davon, wie er an abendlichen Tanzveranstaltungen bei Frauen, die ihm seine Kameraden als besonders „geil“ beschrieben, im vis-à-vis beim Tanzen nur „Grausamkeit“ und Kälte wahrnahm. Hingegen erlebte er, der sich nicht auf seine Augen, dafür aber auf einen ausgeprägten inneren Sinn verlassen konnte, bei eher unscheinbaren bzw. unbeachteten Frauen oft wirkliche menschliche Schönheit.

Diesen inneren Sinn, den in Wirklichkeit nicht nur Blinde besitzen, haben wir in den letzten Jahren allerdings konsequent zugeschottert und asphaltiert. Was zählt, ist der narzisstische Glanz der Oberfläche, auch wenn das dahinterliegende menschliche Wesen bereits darbt wie in einem Kerker, der vor jeglichem Sonnenlicht abgeschottet ist.

Krankheit als Kult

In seinem Buch „Die Narzissmusfalle“ berichtet der Kriminalpsychiater Reinhard Haller über eine eklatante Zunahme narzisstischer Persönlichkeitsstörungen, die schließlich im Sadismus endeten. Das Heischen der Narzissten nach ständiger Aufmerksamkeit durch ihre Umgebung vergleicht Haller mit dem Durst eines infantilen Kindes nach Muttermilch:

„Die narzisstische Epidemie ist aus- und das Zeitalter des Narzissmus angebrochen. Der Narzissmus steht an der Schwelle von der problematischen und krankhaften Störung zur geltenden Lebensauffassung … auf Schritt und Tritt begegnen wir narzisstischen Persönlichkeiten, im Job, in der Politik, in der Partnerschaft, Narzissmus ist zum Mainstream, ist zum Kult geworden. Wir befinden uns in einer Zeit zwischenmenschlicher Verrohung.

… Zum vollen Störungsbild des Narzissmus kommt neben Egozentrik, Empfindlichkeit und Empathiemangel noch ein viertes E: Entwertung und Erniedrigung des anderen. Ist vor allem dieses Element vordergründig, schöpft eine Person vor allem daraus ihren Selbstwert und versucht sich selbst aufzuwerten, indem sie andere Menschen stets erniedrigt und klein macht, liegt die schlimmste Art, der bösartige Narzissmus vor.“ (Quelle: diepresse)

Obwohl nicht nur Kriminologen, Psychologen und Pädagogen Alarm schlagen, sondern auch groß angelegte wissenschaftliche Studien bei Kindern und Jugendlichen einen exponentiellen Anstieg von Narzissmus nachweisen (siehe huffingtonpost), so beeifrigt sich zumindest der Spiegel, kritische Stimmen umgehend zu entkräften. So etwa den Praxisbericht der Psychotherapeutin Martina Leibovici-Mühlberger, die in ihrem Buch „Wenn die Tyrannenkinder erwachsen werden“ nichts weniger auf uns zukommen sieht als eine gesellschaftliche Katastrophe: eine nächste Generation, auf die man schlicht nicht mehr zählen könne, da unsere (Nicht-)Erziehung immer mehr Tyrannen und lebensuntüchtige Narzissten hervorbringe, die am Einstieg ins Berufsleben scheiterten und damit ein Heer an zukünftigen Sozialfällen. Ein vom Spiegel konsultierter Experte gibt sich über die These der Psychotherapeutin empört: „Ich kenne keine tyrannischen Kinder, nur verzweifelte, aggressive oder verwahrloste. Das Wort tyrannisch ist schlimm.“ Man solle Eltern damit nicht Angst machen oder sie beschimpfen (siehe Spiegel). Wie gut, dass wir den Spiegel haben, Deutschlands „Sturmgeschütz der Demokratie“, das zwar nicht müde wird, eine russische Bedrohung herbeizukonstruieren, aber das von realen Abgründen nichts wissen will.

Wie ist es möglich, dass der Narzissmus heute obenauf ist? War Narzissmus doch bisher in praktischen allen philosophischen Schulen der Menschheitsgeschichte zutiefst geächtet, vielfach sogar als noch gefährlichere Krankheit als die Pest angesehen und musste ein Anwärter, der in eine solche Schule aufgenommen werden wollte, mitunter tödliche Prüfungen bestehen, um seinen Lehrern zu beweisen, dass er gewillt war, den lebenslangen Kampf  gegen diese der menschlichen Seele anhaftende Krankheit aufzunehmen und sich zu Wahrheit und Authentizität zu entwickeln, so ist heute alles upside down und geradewegs umgekehrt: junge Anwärter müssen vor einer Promi-Jury unter Beweis stellen, dass sie willig sind, ihre innere Wahrheit und Authentizität restlos unterm Deckel zu halten und sich ganz dem narzisstischen Glanz der Oberfläche preiszugeben.

Versau‘ mir nicht die Show!

Wer zu wenig Sexappeal hat und nicht so wie Heidi Klum bereit ist, schon wenige Tage nach der Entbindung wieder ein Unterhosenshooting zu machen und lasziv die Beine zu spreizen, der ist draußen. In unzähligen Castingshows wird dem jungen Publikum breitenwirksam gezeigt, was denjenigen erwartet, der nicht alles gibt und den Joopbohlenklumshoot nicht schluckt: Er/sie kann einpacken und nach Hause gehen. Ausrangiert am Subprime-Markt, kann er/sie sich dann ins Katzenfutter faschieren lassen oder findet allenfalls noch eine Rolle als Statistin bei Stirb Langsam–Episode 4 („Hartz IV“).  So wie die junge Aminata, der während eines Castings am Laufsteg plötzlich dämmert, bei was für einer seelenlosen Kacke sie da eigentlich mitmacht und sich das gequälte menschliche Wesen hinter der glitzernden Fassade plötzlich in Form von Tränen Raum verschafft (siehe GNTM – Minute 2:00) – worauf die verdutzten Juroren zunächst mit geheucheltem Mitgefühl, dann aber sogleich mit handfester Empörung reagieren (Wolfgang Joop, die Faust ballend: „Damit hättest du mir jetzt meine Show versaut!“)

Mancher mag sich über solche TV-Formate amüsieren und sie eben als Entertainment abtun. Die grauen Samen der von Lusseyran verorteten Grausamkeit bzw. die daraus ersprießenden Disteln werden allerdings auch für sie Früchte tragen. Denn die Saat, die von einer perfektionierten Entertainment-Maschinerie in den letzten Jahren eifrig gegossen, mit Kunstdünger gedüngt und mit Glyphosat sortenrein gehalten wurde, beginnt nun millionenfach aufzusprießen. Über unsere Massenmedien breitenwirksam in die Herzen gestreut, ist jetzt eine ganze Generation bereit für „Roundup ready“ und das finale Blitzlichtgewitter-Shooting am Catwalk der digitalen Transformation.

Abgeschminkt

Allerdings werden die wenigsten der jungen Menschen, die gerade von Klum & Co. gecastet werden oder diese Ausbildung per Fernlehrgang am Flachbildschirm mitvollziehen, ein Rennen als Topmodel – oder als Gutverdiener im Großraumbüro – machen, so wie sich das derzeit viele Mode- und MINT-Studenten ausmalen und es ihnen in bewegten Bildern schmackhaft gemacht wird (siehe „Mercedes neue „Grow up“-Kampagne und Chomskys Dressur zu Habsucht, Passivität und Unterwerfung“). Die meisten werden auf den Boden der Realität zurückgeschmettert werden und unterbezahlte Hilfsdienste verrichten. Viele werden in unserer überalternden Gesellschaft auch in sozialen und Pflege-Berufen landen, wo sie uns dann mit ihren „Round up ready“-Qualitäten beglücken werden. Freudestrahlende und grinsekatzige Zeiten werden also anbrechen, wenn von Dieter Bohlen zu Egomanen gecastete Krankenpfleger und Ärzte unsere Altenpflege übernehmen und von Heidi Klum zu narzisstischen Erbsenprinzessinen gecoachten Lehrerinnen und Kindergärtnerinnen die Erziehung unserer Kinder in die Hände gegeben wird. Schon jetzt wird immer öfter darüber berichtet, wie Krankenpfleger es leid sind, unschmucke hilfsbedürftige Alte zu pflegen. Um sich diese unleidliche Arbeit vom Hals schaffen, kommen sie schon mal auf die Idee, dem Abgang der Alten nachzuhelfen (siehe swr). Oder der jüngste Fall des Krankenpflegers Nils H., der Intensivpatienten zum Herzversagen gebracht hat, um sie anschließend wiederzubeleben – und damit die Anerkennung seiner Kollegen zu erheischen. Mindestens 106 Menschen überlebten diese narzisstische Selbstinszenierung nicht (siehe Spiegel).

Zumindest wer das Glück hat, bei einer Krankenpflegerin zu landen, die in die Schule von Wolfgang Joop gegangen ist, der braucht diese Angst nicht zu haben. Ungezogenen Laufmädchen, die Joops Label durchlaufen, das er ganz unbescheiden „WUNDERKIND“ nennt,  zieht er unbarmherzig die Löffel zurecht. Auch wenn der Maestro im u.a. Video darüber flucht, dass er in seinem Pariser Wunderladen eine „Erziehungsanstalt abgeben muss“, den verzogenen jungen Frauen in ihrer bisherigen Schulausbildung also scheinbar noch nichts Ordentliches beigebracht wurde, Wolfang Joop macht es nicht so wie das Gros der heutigen Pädagogen und kapituliert einfach, sondern er biegt zurecht, was noch zu retten ist und schminkt ihnen ihre Verzogenheit wieder ab. Eine kurz vor der Erfüllung ihrer Träume am Pariser Wunderkind-Laufsteg stehende junge Dame, die sich nicht abschminken wollte, schickt er gnadenlos wieder nach Hause (siehe Youtube Minute 6:38 – 9:00), auch durch Tränen und späte Reue lässt sich der strenge Schulmeister nicht erweichen. Da nützt es auch nichts, dass sich der Engel, dem er nun die Tür weist, noch kurz zuvor ganz zu Füßen des Modegotts bzw. sich ihm in rosa Unterhose um den Hals gelegt hat (siehe Youtube).

Aber was soll’s, warum an einem Programm herumkritteln, das doch einfach nur zu unser aller Beglückung angesagt ist? Sogar altbackene Politiker wie Altbundespräsident Joachim Gauck, die selbst aus undatierbaren fossilen Zeiten stammen, haben kein Problem mit der postmodernen Glüxsucht und der Lust am narzisstischen Schein, sondern finden diese prima. „Die jungen Menschen in Deutschland sind einfach glückssüchtig“, meinte Gauck verklärt lächelnd.

Angesichts der rosigen Zeiten, die uns also bevorstehen, wäre es nun wirklich an der Zeit, dass all die sauertöpfischen Crash-Propheten und Verschwörungstheoretiker endlich einpacken … das Paradies der digitalen Gesellschaftstransformation und des Axolotl-Bürgers naht. Wer in diesem Paradies Dantes Eishölle zu erkennen vermeint und nicht bereit ist, sich seine Individualität abzuschminken und eine „weiße Leinwand“ für die Chefdesigner abzugeben (Joop im o.a. Video), hat am Wunderkind-Laufsteg nichts verloren.

Epilog zum Thema Narzissmus: siehe Endzeitpoesie 4.0

 


Fotos:
(li.) Dieter Bohlen / Blecmen / English Wikipedia / CC BY-SA 3.0
(mi.) Heidi Klum / Hytok / flickr / CC BY
(re.) Wolfgang Joop / StagiaireMGIMO / Wikipedia / CC BY-SA 4.0  

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