Thanatos

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Der Leviathan, der sich gerade aus dem Bodensatz des kollektiven Unbewussten erhebt

Der Leviathan, der sich gerade aus dem Bodensatz des kollektiven Unbewussten erhebt

Wir müssen reden. Wenn wir so weitermachen, reiben wir uns in kürzester Zeit auf und die bereits kreisenden Aasgeier können sich über unsere Eingeweide hermachen. Argumente mit Zahlen und Vernunft greifen mittlerweile ins Leere und führen beim Gegenüber meist nur zu noch mehr Verhärtung. Wechseln wir also kurz die Ebene.

Die Archetypenlehre C.G. Jungs wäre ebenso wie der von Freud postulierte Todestrieb „Thanatos“ etwas, was wir in den letzten Jahrzehnten leider versäumt haben zu vertiefen. In der derzeitigen Situation würden wir ein Verständnis dieser unbewussten Dynamiken dringend brauchen. Erst dann werden rational nicht fassbare Dinge wie der Corona-Wahnsinn erklärbar.

Womit wir es zu tun haben, ist in Wirklichkeit keine bloße Verschwörung äußerer Personen und Interessensgruppen (obwohl diese Gruppen Corona natürlich ebenfalls nutzen, um ihre menschenverachtende Agenda nach Kräften voranzubringen). Das heißt nicht, dass es keine Verschwörung gäbe. Die willfährige Hörigkeit bzw. „Verschwörung“, wenn man das so nennen will, ist eher kollektiv unterbewusster Art. Mit anderen Worten: Der „Feind“ sitzt einerseits in uns selbst und schließt sich andererseits mit gleichen Entitäten, die in unseren Mitmenschen ihr Unwesen treiben, kurz. Es sind nämlich nicht nur der Aggressionstrieb oder der Sexualtrieb, die wir als Menschen zwar jeweils in individueller Ausprägung, aber hinsichtlich ihres Grundmotivs eben doch im Wesentlichen in gleicher Weise gemein haben. Es gibt auch noch andere, durchaus fatalere Impulse, die am Boden unseres Unbewussten wesen.

Und das nicht erkannte Zusammenwirken dieser archetypischen Dynamiken ist viel schlimmer, als wenn es nur ein äußerer Machtelitenzirkel wie das World Economic Forum, der PNAC oder Bill Gates wären, die die derzeitige globale Agenda orchestrieren. Denn diese könnte man im Lichte der Vernunft leicht enttarnen. Das sich in den Tiefen unseres Unbewussten abspielende Geschehen kann man hingegen nur mit viel Mühe und nicht ohne Bereitschaft zur Aufopferung des bisherigen Selbstverständnisses ergründen. Und es ist leider eine sehr viel toxischere und explosivere Mischpoke, die hier am Grunde unseres Unterbewusstseins schlummert – bzw. jetzt ja nicht mehr nur schlummert, sondern sich wie ein Leviathan erhebt, uns in eine suizidal anmutende Dynamik und in eine regelrechte Auflösung des Menschseins und sinnlose Zerstörung führen möchte. Wodurch diese Dynamik getriggert wurde, wäre eine eigene Ausführung wert und wollen wir vorerst beiseite lassen. Es wäre bereits viel gewonnen, wenn wir nur einmal das faktische Bestehen einer solchen Dynamik jenseits der rationalen Vernunft realisieren. Dann können wir uns auch wieder aus ihrem Würgegriff befreien.

In dieser Hinsicht haben wir mit der Coronakrise bereits schwere Schlagseite erlitten. Nicht nur unsere Kinder, die in der synthetisch mumifizierten „Neuen Normalität“ aufwachsen müssen, werden systematisch pathologisiert. Auch wir Erwachsenen, die noch relativ unbekümmert aufwachsen konnten, wurden dem gesunden Leben und Selbstverständnis in den letzten Monaten ein großes Stück weit entfremdet, während sich die Irrationalität sogar immerzu noch weiter steigert. Bei nüchterner Betrachtung dieser Dynamik ist für die gesundheitliche Situation des Menschen in näherer Zukunft leider nichts Gutes zu erwarten. Die gesundheitliche Katastrophe, die man sich von Corona erwartet hat, schickt sich an, nun tatsächlich einzutreten, allerdings auf ganz anderen Wegen als über das Sars-Cov-2 Virus.

Was kann man also tun, um in dieser pathologischen, irre zu werden drohenden Atmosphäre gesund zu bleiben? Dazu müsste man jetzt weiter ausholen. Vorerst ist es jedenfalls das, was vielen am meisten Mühe macht und sie dies daher lieber an „Experten“ abgeben möchten: das eigenständige Durchdenken der Dinge und des Zeitgeschehens. Denn wer dies nicht macht, für den wird gedacht. Durch ihn fluten dann nur die Manufacturing Consent-Spasmen der regierungsdominierten („öffentlich-rechtlichen“) oder der konzernwirtschaftlichen („privaten“) Medien. Man macht sich durch den bloßen Konsum dieser Medien selbst zu einem Multiplikator und einer Zentrifuge für ebendiese Spasmen des herrschenden Zeitgeists. Welcher wiederum gleichbedeutend mit dem vorgenannten Leviathan ist, der uns in Richtung Zersetzung des menschlichen Geistes und Beziehungsunfähigkeit zu unserer menschlichen und natürlichen Umwelt führt. Wir steuern damit auf das zu, was Elias Davidsson als „Homo Caninus“ (von lat. caninus – Hund) bezeichnet.

Ein Mensch, der auf individuelle Weise eigenständige Inhalte pflegt, ist vor dem Zugriff dieser Spasmen weitgehend geschützt. Viktor Frankl hat den Menschen diesbezüglich mit einer Flasche verglichen: Diese könne leer oder gefüllt sein. Wenn sie leer sei, würde dies unweigerlich allerlei Ungeziefer, Einsiedlerkrebse, Krabben und Spinnen anziehen, die sich dann darin einnisten und alles verspinnen würden. In einer – mit kulturell hochwertigen Inhalten – gefüllten Flasche sei hingegen kein Platz für Ungeziefer.

Es schadet also nicht, wenn man sich in einer ruhigen Minute, z.B. abends in der Badewanne einmal frägt, ob und welche Inhalte abseits des vorgegebenen Tittytainments man pflegt. Wer nach dieser Frage einen leisen Schrecken verspürt, der kann umgehend etwas unternehmen. Z.B. zum Bücherregal gehen und sich ein Buch herausfischen, das nicht gerade die Autobiographie von Dieter Bohlen ist. Wenn er mehrere Tage über einen Gedanken aus einer niveauvollen Lektüre nachsinnt, wird er schnell merken, wie seine durch die Corona-Krise entleerte Flasche wieder mit gutem Öl gefüllt wird – und die heranrückenden Spinnen draußen bleiben müssen.


(Anmerkung: Ich weiß, dass man im Sinne von Jung, Freud, Adler und anderen Pionieren der Psychologie bzw. Psychoanalyse mit guten Gründen zwischen „Unbewusstem“ und „Unterbewusstem“ unterscheiden könnte, habe auf eine solche Differenzierung jedoch bewusst verzichtet. Die Wissenschaft über die Psyche ist im Übrigen eine vergleichsweise junge Wissenschaft. Vieles davon ist unausgegoren, oberflächlich und falsch. Sigmund Freud selbst hat z.B. vor seinem Tod wesentliche Teile seines Menschenbildes widerrufen, ohne dass dies von seinen Anhängern zur Kenntnis genommen wurde.)

Foto: Herakles (Pixabay / CC0)

„Wer etwas über das Leben lernen will, muss ins Kino gehen“ – Die Götterdämmerung 2018 und die kollektive Lust am Untergang

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Ein von der Todesgöttin Hel entfesselter dunkler Strudel steht am Firmament und will alles verschlingen (Marvel-„Thor: Ragnarok“ Offizieller Trailer/YouTube)

Künstler und Kreativschaffende hatten schon immer eine sehr feinsinnige Wahrnehmung für das, was sich als „Zeichen der Zeit“ gerade am Horizont abspielt, auch wenn dies für das Auge des fernsehenden Spiegelbildbürgers nicht direkt sichtbar ist. „Am Horizont leuchten die Zeichen der Zeit: Niedertracht und Raffsucht und Eitelkeit“, mit diesen Textzeilen fasste Reinhard Mey die Zeichen der Zeit schon vor einiger Zeit recht treffsicher in Worte (siehe „Das Narrenschiff“). Es waren allerdings noch vergleichsweise sozialromantische Zeiten, in denen Reinhard Mey diesen Text zimmerte. Inzwischen türmt sich am Himmel ein noch ungleich verheerenderes Zeichen auf, das alle bisherigen Zeichen in den Schatten stellt, alle Zukunftshoffnung zu ersticken droht und vermutlich die größte Herausforderung darstellt, vor der die Menschheit jemals gestanden hat – ein Zeichen, das von Kunstschaffenden wiederum relativ treffsicher aufgegriffen wird.

Noch niemals zuvor wurde in unseren Leitmedien mit solcher Leichtfertigkeit über die Möglichkeit eines nuklearen Erstschlags und über einen möglichen Schlagabtausch zwischen NATO und Russland, also über ein Game Over für uns alle, gesprochen. Doch selbst, wenn die Vernunft im gegenwärtigen Säbelrasseln die Oberhand behalten sollte und wir einem nuklearen Holocaust entgehen können, haben wir hundert Mittel an der Hand, uns trotzdem selbst den Garaus zu machen und uns ökologisch, wirtschaftlich, sozial, kulturell, technologisch, pädagogisch, sexuell und allgemeinmenschlich zu zerstören. Unsere Politiker und ihre neoliberalen Apologeten sind scheinbar wie wild zum Wahnsinn entschlossen, den sie euphemistisch „Fortschritt“ nennen und den sie um jeden Preis auf Schiene bringen wollen, obwohl der Grand Canyon, in den diese Schiene führt, bereits in Sichtweite ist. Wer sich dem zur Normalität erklärten Wahnsinn verweigert, gilt als Fortschrittsverweigerer und Querfrontler. Wie der Eifelphilosoph in seinem letzten Artikel feststellt, wäre entschlossenes zivilgesellschaftliches Engagement jetzt dringend vonnöten, um das Schlimmste zu verhindern, aber dennoch: eine unbegreifliche Lethargie hält uns darnieder und möchte uns jede Hoffnung rauben. Burnout und Angststörungen grassieren und greifen inzwischen sogar nach unseren Kindern, laut WHO-Statistik wird Depression demnächst zur Volkskrankheit Nr.1 avancieren – und das, obwohl uns der rasende technische Fortschritt doch angeblich zu strahlenden Menschen machen sollte. Wie man auch an den Wahlergebnissen sieht, haben wir uns an diesen Alltagswahnsinn und die chronifizierte Dunkelheit bereits so gewöhnt, dass wir diese für normal und alternativlos halten (siehe „Über die Logik des Gänsebratens“).

Anstatt uns gegen die Bedrohung aufzuraffen, scheint nun sogar eine gewisse Lust am Niedergang Platz zu greifen, die man nicht nur in den führenden Kulturevents zelebriert (siehe „Kulturtod 4.0“). Es ist nur allzu verständlich, dass wir uns lieber mit unterhaltsameren Dingen beschäftigen würden. Und ich weiß, dass es eine Zumutung ist, auf innere Realitäten hinzuweisen, wenn man sich sogar den äußerlich sichtbaren Realitäten beharrlich verweigert. Aber da 2017 unsere eigentlich stets um Entwarnung bemühten Wissenschaftler die ‚Doomsday Clock‘ (siehe „Bulletin of the Atomic Scientists„) um weitere 30 Sekunden vorstellen mussten und diese Uhr nun auf zweieinhalb Minuten vor Mitternacht – d.h. der symbolischen Apokalypse – steht, täten wir eventuell gut daran, zumindest für ein paar Augenblicke einmal den Blick auf diejenige dunkle Seite in unserem Wesen hinzulenken, die sich leider nicht nur bei Putin oder Trump verorten lässt, sondern die in jedem einzelnen von uns schlummert. Der feinsinnige UN Generalsekretär Dag Hammarskjöld spricht in seinem Tagebuch von einem „düsteren Kontrapunkt des Bösen, der in unserem Wesen, ja, von unserem Wesen, doch nicht unser Wesen ist“ und dass „etwas in uns die Katastrophe begrüßt und das Unglück sogar für die bejaht, zu denen wir halten“. Da wir diesen Teil in uns nicht im Auge behalten, sondern ihm vollkommen freie Zügel gelassen haben, hat er sich nun nach außen projiziert, verdunkelt den Himmel und versorgt uns mit pechschweren  Regenschauern, die jeden Ansatz von Konstruktivität zunichte machen wollen und alles zu ersticken drohen.

Zurück aber zum Film. Man mag der kunstschaffenden Avantgarde vorwerfen, dass sie heute in vielerlei Hinsicht exzentrisch, kommerzialisiert, dekadent und sonstiges sei, aber eines muss man den Kreativschaffenden unbedingt  lassen: Sie haben ein geradezu geniales Gespür für das, was momentan „in der Luft liegt“, thematisieren in ihren bildenden oder filmischen Werken also stets brandaktuelle Themen. Und genauso wie sich laut einer Umfrage inzwischen viele Bürger von Satireprogrammen wie Anstalt & Co. besser über das Zeitgeschehen informiert fühlen als durch die offiziellen Leitmedien, so kann man auch anhand von dem, was gerade filmisch inszeniert wird, ungemein Wichtiges über die globale Großwetterlage erfahren.

„Wer etwas über das Leben lernen will, muss ins Kino gehen“, meinte schon Kafka, der selbst ein passionierter Kinogeher war. Aktuell werden wir wieder aufgefordert, ins Kino zu gehen: „Thor: Tag der Entscheidung“ scheint einer der größten Kassenschlager aller Zeiten zu werden. In dem gestern in den Kinos angelaufenen Marvel-Epos sieht man den sonnenhaften Göttersohn Thor im Kampf gegen die Todesgöttin Hel, die nach jahretausendelanger Gefangenschaft wieder freikommt und nun nichts Geringeres einleiten will als Ragnarök, die Götterdämmerung – was gleichbedeutend wäre mit dem totalen Untergang der Welten rund um Asgaard & Co. Ihre Kräfte sind so gewaltig, dass zunächst nicht einmal der Götterheld Thor etwas gegen den von Hel ausgehenden dunklen Strudel, der die Sonne verdunkelt und alles in den Abgrund stürzen möchte, ausrichten kann. Wenn dieser alles erstickenwollende Strudel nicht aufgehalten wird, dann wäre das „das Ende von Allem“, bekommt man im Filmtrailer (siehe YouTube) von einer Stimme aus dem Off erklärt.


Hel, die Göttin des Todes wirft ihren Speer (Marvel-„Thor: Ragnarok“ Offizieller Trailer/YouTube)

136 Millionen Klicks erhielt der Trailer alleine innerhalb der ersten 24 Stunden nach seiner Veröffentlichung. 136 Millionen Menschen haben das cineastisch visualisierte Zeichen der Zeit also bereits vernommen, eine ganze Generation scharrt in den Startlöchern, um sich den gestern in den Kinos angelaufenen Film anzusehen. Auch wenn der Film selbst von den Disney-/Marvel-Studios relativ profan inszeniert ist, sollte man das Motiv der Menschen, die zu solchen Filmen in die Kinos strömen, nicht vorschnell profanisieren. Denn die Menschen, ob Jung oder Alt, sehen solche Filme nicht nur, weil sie nichts anderes zu tun haben, sondern weil sie von ihrem Inneren her einen tiefen Hunger nach Bildern haben, in denen sie etwas zu sehen bekommen, was den tieferen Ebenen des Zeitgeschehens und des Menschseins entspricht, was aber in unseren Leitmedien verbal nicht thematisiert wird.

Sie merken, dass ihnen ihre Politiker, die diese Leitmedien als ihr Sprachrohr benutzen, nicht die Wahrheit erzählen. Denn während besagte Politiker in ihren Wahlprogrammen irgendetwas von „einem Land, in dem wir gut und gerne leben“ memmeln, wird im Hintergrund eiskalt eine menschenverachtende neoliberale Agenda durchgezogen und sieht das Auge, egal wohin es blickt, überall nur, wie die Dinge mit rasanter Geschwindigkeit den Bach hinunter gehen. Der Bürger, der seiner ihn beherrschenden Obrigkeit aus einer archetypischen Anlage heraus immer noch so gerne vertrauen würde wie fürsorgenden Eltern, kann nicht mehr übersehen, wie er von den Regierenden verraten, verkauft und ihm das Fell über die Ohren gezogen wird. Er sehnt sich also nach Bildern, die ihm das Unfassbare zumindest auf unterbewusste Weise veranschaulichen.

Der Erfolg von Kassenschlagern wie „Matrix“ oder „Herr der Ringe“ erklärt sich durch nichts anderes, als dass durch die hierbei dargebotenen Bilder der Nerv der Zeit getroffen und archetypische Kräfte ins Licht gehoben werden, die im Unterbewussten des Einzelnen ebenso wie im von C.G. Jung zumindest bereits ansatzweise erforschten kollektiven Unterbewussten ihr Wesen bzw. ihr Unwesen treiben. Was in diesem Unterbewussten alles so west, wäre für die meisten ohne Vorbereitung bei Vollbewusstsein wohl nicht ertragbar, weshalb eine bildhafte Darstellung in Mythen und Sagen, oder eben im zeitgenössischen Medium des Films vielfach als die einzige akzeptable Darstellung erscheint, die breitenwirksam ins Volk einfließen kann.

Sigmund Freud war kurz vor seinem Tod fassungslos über die Dinge, die er in den Untiefen des Menschen ergründet hatte – unter anderem den Todestrieb Thanatos – und stammelte nur: „so viel Wahnsinn, so viel Wahnsinn…“. Der durchschnittliche Bürger ahnt das Ausmaß dieses Wahnsinns und scheut daher aus einer unbewussten Furcht heraus, den Deckel vom Topf  des Un(ter)bewussten zu heben, der aber heute bereits überkocht.

Dabei wäre die gute Nachricht: Dort im Unbewussten lauern nicht nur dunkle Kräfte, es gibt dort zum Glück auch viele lichte Kräfte bzw. konstruktive Antriebe, die den Menschen zu Liebe, Mitgefühl und Gewissen motivieren und die in Wirklichkeit viel stärker sind als die destruktiven Antriebe. Wenn man sich in diesen konstruktiven Kräften gründet, dann kann man es auch mit den alles verschlingen wollenden dunklen Kräften aufnehmen, so wie eben der Göttersohn Thor und seine Mitstreiter in der jüngsten Marvel-Verfilmung – der der Todesgöttin Hel am Ende schließlich doch noch den entscheidenden Tritt verpasst und damit die Götterdämmerung beendet.

Wäre auch schade, wenn die Menschen- und Götterevolution vorzeitig ein Ende gefunden hätte. Denn von der Thor-Saga sind laut Marvel-Studios insgesamt sieben Teile geplant und der aktuelle Film stellt erst Kapitel 3 dar. Mit einem Wort: Wir haben in der Evolution gerade Halbzeit – wenn wir es jetzt in der Halbzeit vermasseln, bloß weil wir gerade etwas müde geworden sind, dann verpassen wir womöglich die wichtigsten Episoden, die uns noch bevorstehen und das Happy End …

In diesem Sinne – damit wir nicht mit Hollywood enden -, zwei Verse aus dem Tagebuch von Dag Hammarskjöld:

„Wenn Morgenfrische der Mittagsmüdigkeit weicht,
wenn die Beinmuskeln vor Anspannung beben,
wenn der Weg unendlich scheint
und plötzlich nichts mehr gehen will, wie du wünschest –
gerade dann darfst du nicht zaudern.

(…)

Weiter! Welche Entfernung ich auch zurückgelegt,
sie gibt mir nicht das Recht, innezuhalten.
Weiter! Die Sorgfalt bei den letzten Schritten unter dem Gipfel
entscheidet über den Wert all dessen, was voraufgegangen sein mag.“


Nachsatz:


Kampf zwischen Walkyren und dem Heer der Todesgöttin Hel (Marvel-„Thor: Ragnarok“ Offizieller Trailer/YouTube)

Die Verfilmung des Mythos um Thor ist wie alles aus der Hollywood-Schmiede wieder einmal ambivalent: Einerseits bietet der Film archetypisch bewegende Bilder wie etwa den Kampf zwischen den Walkyren und dem dunklen Heer der Todesgöttin Hel (siehe oben), andererseits wurde mit dem ursprünglichen Gehalt der nordischen Göttersage, wie man sie von der Edda her kennt, arg Schindluder getrieben und diese bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Aus der jüngsten ORF-Rezension zum Film erfahren wir, dass der neuseeländische Regisseur Taika Waititi „die Göttersaga von unnötigem Ballast und Tiefgang befreit hat und sich ganz auf Schauwerte und Skurrilitäten konzentriert“, d.h., er den tiefen Sinn, der jeder Sage innewohnt, mit seinem Machwerk zu einem bananesken Action-Feuerwerk mit Hardrockhintermalung reduziert hat.

Schon im ersten Teil der Thor-Saga bewiesen die Marvel-Drehbuchschreiber ihren Willen zu sinnbefreiter Umdeutung der Edda, indem sie dem Erzbösewicht und Vater Lokis, Fárbauti, kurzerhand den Namen von Lokis Mutter, Laufey, verpassten. „Laufey“ klingt in den Ohren von Hollywoods Weinstein-Boys vermutlich einfach cooler. Während also bei Worten wie Ragnarök/Götterdämmerung, Thor, Odin ebenso wie Jotunheim – dem Reich der grausamen Frostriesen, die über die Menschheit eine neue Eiszeit bringen wollen -, dem nordischen Menschen in alter Zeit ein ehrfürchtiger Schauer über den Rücken gelaufen ist, so werden diese Namen in der Marvel-Comicschmiede nun mit nachdrücklicher Respektlosigkeit verhunzt und auf Teletubbie-Niveau heruntergeschraubt. Damit beim Zuseher keine Langeweile aufkommt, scheuten die Drehbuchautoren nicht einmal davor zurück, dem Göttersohn Thor das grüne Marvel-Comics Monster „Hulk“ als Kampfgefährten an die Seite zu stellen. Der Darsteller des Thor, Chris Hemsworth, beeindruckt durch das Chrisma eines Eishockeyspielers oder eines Barrista-Boys aus der Starbucks-Filiale von nebenan. Flotte Sprüche mit vorprogrammierten Lachern und Dauerexplosionen sorgen indes dafür, dass beim Zuseher keinesfalls Anflüge von Tiefgang oder Nachdenklichkeit aufkommen.

Ich empfehle also nicht, den Film anzugucken, da man genauso wie beim Essen alles was man sieht, ja auch verdauen muss. Bereits beim Ansehen des Trailers ergießt sich auf das Auge eine opulente Bilderflut, an der das Unterbewusste zumindest einige Tage zu kauen hat. Sieht man allerdings von der platten Hollywood-Inszenierung ab, dann ist das Thema selbst, das hier aufgegriffen und filmisch inszeniert wird, wieder einmal etwas, was zu 100% den Puls der Zeit trifft. Den sinnvollen Kern aus den immer reißerischer werdenden Hollywood-Produktionen herauszulösen, wird allerdings zunehmend schwieriger. Während sich der Geschichtenerzähler Michael Köhlmeier seinerzeit noch relativ leicht tat, in dem von Sylvester Stallone verkörperten Rambo nichts anderes zu verorten als eine etwas modernisierte Herakles-Heldenfigur, so wird die Aufrechterhaltung eines Heldenbildes in den neuen Hollywood-Produktionen zunehmend schwieriger, da es die Weinstein-Produzenten anscheinend gar nicht mehr ertragen, sich das Bild eines wirklichen Helden mit ritterhaften Tugenden vor Augen zu stellen. Man entwirft daher zunehmend zynische Anti-Helden mit fragwürdigen Charaktereigenschaften, lässt etwa den Superhelden Ironman im Film seine Popularität beim Volk fraglos ausnützen, indem er in Bars abhängt und Frauen abschleppt, lässt den Göttersohn Thor in einer Spelunke einen rumtrinken und anschließend mit seinen Saufkumpanen gröhlend durch die Straßen torkeln etc.

Eventuell tut man also besser daran, wieder die echte Edda aus dem Bücherschrank zu holen und in Muße ein paar Seiten darin zu blättern. Man wird sehen, dass sich dabei sehr viel lebendigere und schönere Bilder entwickeln als wenn man sich eine durch technisch perfekte 3D-Renderings brillierende Hollywood-Inszenierung vorsetzen lässt, die in Wirklichkeit die individuelle Phantasie beraubt. Ich kann mich noch gut erinnern, wie enttäuscht ich war, als ich nach dem begeisterten Lesen von J.R.R. Tolkiens „Herr der Ringe“ – in meiner Jugendzeit noch ein literarischer Geheimtip – später dann die filmische Fassung zu sehen bekommen habe. Der Gandalf mit Trinkernase und profanem Gesichtsausdruck, den ich da zu sehen bekam, war im Vergleich zu der Heldenfigur, die ich beim Lesen des Buches in meinem Inneren aufgebaut hatte, ein arger Abstieg. Ich dachte mir: Wer zuerst den Film sieht und dann erst das Buch liest, ist dann bereits mit einer fixen Vorstellung behaftet, wie Gandalf und die übrigen Figuren der Mythologie aussehen. Dies einigen durchgeknallten Hollywood-Boys zu überlassen, ist eigentlich ein Raub der eigenen Vorstellungskraft. Gerade diese Vorstellungskraft brauchen wir heute aber dringend – um aus den Abwärtsgleisen der vermeintlichen Alternativlosigkeit auszubrechen und wieder den Weg aufwärts in eine menschenwürdige und nachhaltige Zukunft einzuschlagen.

 

Video der Woche – Steve Cutts uncut: Der Schatten der nerdigen Smartphonebürger … lässt sich nicht mehr verdrängen

(Warnung: Splattervideo -nichts für schwache Nerven!)

Video by Steve Cutts (siehe Galerie)

in memoriam Steve Geshwister

Deutschland im Amok- und Terrorfieber – Über die Turbo-Radikalisierung von fernsehenden Reihenhausbürgern in Zeiten des Turbo-Kapitalismus

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„So eine Woche habe ich noch nicht erlebt“, stammelt Bayerns Innenminister Herrmann auf einer Pressekonferenz in Hinblick auf die Anschlagserie der letzten Woche. Dass zusätzlich noch der Stolz Herrmanns gekränkt wurde, indem das Landgericht Karlsruhe einem deutsch-ghanaischen Anwalt zugebilligt hat, dass er den Bayerischen Innenminister ungestraft als „ganz wunderbares Inzuchtsprodukt“ bezeichnen darf (siehe taz), ist da inmitten der aktuellen Blutbadserie nur eine Randmeldung wert.

Wir wollen das Wort „Inzucht“ trotzdem als Ariadnefaden behalten, um uns durch das blutige Labyrinth des Minotaurus zu manövrieren. Denn wenn wir nicht an der Oberfläche bleiben wollen, müssen wir einige grundlegende Fragen stellen:

Welchen Elementen bietet das derzeitige marktradikale („neoliberale“) Treibhausklima optimale Wachstumsbedingungen? Welche Charaktere züchten wir in unserer Arbeits- und Ausbildungswelt heran? Warum werden die Gewächse bzw. die Absolventen unserer scheinbar so hochqualifizierten und hocheffizienten Schulen und Universitäten plötzlich von Schwarzschimmel befallen und überziehen ihre Umgebung mit einem tödlichen Pelz?

Wer sich mit Umweltmedizin beschäftigt, der weiß, dass Schwarzschimmel nur unter ganz bestimmten Luftfeuchtigkeits-, Temperatur- und Nährstoffbedingungen wächst. Sind diese Bedingungen gegeben, dann benötigt Schimmel weniger als eine Woche, bis er anfängt zu wachsen und das Haus unbewohnbar zu machen – Blitzradikalisierung par excellance also. Obwohl, und das wissen die wenigsten, Schimmel in den meisten Fällen für das Auge unsichtbar bleibt und oft erst nach Jahren oder gar nicht aufgedeckt wird. Viele Menschen werden daher in einer scheinbar blitzsauberen, aber unsichtbar verschimmelten Wohnung krank, ohne zu wissen warum. Nur wenn die Schimmelkultur bis in ihre Blüte bzw. Sporenbildung kommt, wird der Befall für das Auge sichtbar. Experten wissen daher, dass sichtbarer Schwarzschimmel nicht mehr ist als die Spitze des Eisbergs und ein viel tiefgehender Schaden an der Bausubstanz vorliegt, in den meisten Fällen ein unerkannter Wasserrohrbruch oder eine Wärme-/Kältebrücke.

Bevor wir uns den tieferen Ursachen des aktuellen Fiaskos widmen, zunächst noch einmal kurz zurück an die Oberfläche des Schwarzschimmelpelzes: Aktuell schlägt den Migranten eine Welle der pauschalen Empörung entgegen: Wie war es möglich, dass Flüchtlinge, die allen Grund zum Dank hätten, dass Deutschland ihnen Aufnahme, Ausbildung und Unterkunft gewährt hat, sich auf solch desaströse Art revanchieren?

Auch die Schäubles, Merkels und sonstigen Herrmänner sind ratlos. Sogar Konstantin Wecker, der stets eine Lanze für die Willkommenskultur gebrochen hat, schreibt, dass er bei den Nachrichten über Amok laufende Flüchtlinge für Momente das Gefühl gehabt habe, die Flüchtlinge fielen ihm nun in den Rücken bei seinen Versuchen, öffentlich für ihre Rechte einzutreten.

Wieso dieser Hass und Vernichtungswille? In einem Wohlstandsland, in dem allen Bürgern – zumindest solange sie gerade nicht malochen – das Frei- bzw. Billigbier fließt und es Unterhaltung nonstop bis zum Abwinken gibt?

Mangels anderer Erklärungsansätze verengt sich die aktuelle Diskussion derzeit meist auf zwei Erklärungsansätze bzw. Etiketten, die man den Amoktätern umhängt: geistesgestörter Einzeltäter oder islamistischer Terrorist. Wie der Gefängnispsychologe Götz Eisenberg ausführt, kann sich in beiden Fällen die Gesellschaft von Verantwortung freisprechen und sagen: Der Mann ist wahnsinnig oder er handelt im Auftrag des IS. Wenn alle Erklärungen versagen, da der Täter bisher ein biederes Musterleben in einer Musterfamilie in einem Musterreihenhaus geführt hat, dann ist das eben ein typischer Fall von Selbstradikalisierung, vorzugsweise Selbstradikalisierung im Blitztempo, so wie beim Attentäter von Nizza, der sich innerhalb von 14 Tagen selbstradikalisiert und zum Dschihadisten gewandelt haben soll.

In seinem jüngsten Essay (siehe Nachdenkseiten) nähert sich Götz Eisenberg in gleichermaßen ruhiger wie treffsicherer Weise an den Kern der derzeitigen Misere an. Man erspart sich durch das Lesen dieses bereits sehr tiefschürfenden Artikels das Lesen unzähliger anderer sogenannter Expertenmeinungen. Eisenberg führt darin aus, wie Attentäter oft nicht morden, weil sie sich dem Dschihad zugewandt haben, sondern dass sie sich dem Dschihad zugewandt haben, weil sie morden wollten. Wie eine neoliberal-nihilistisch-technokratisch konditionierte Gesellschaft immer mehr „radikale Verlierer“ produziert, die sich abgehängt und in permanenter Frustration fühlen. „Menschen, die vom heiligen Markt als überzählig ausgespuckt werden und wie Fische auf dem Trockenen liegen.“ Und schließlich, wie Amoktäter, die teilweise in imitiertem, gebrochenem Arabisch „Allahu akhbar“ rufen, sich der IS-Chiffre nur bedienen, um gewissermaßen als Teil einer „weltumspannenden Hass-Föderation“ erweiterten Suizid zu verüben. Es lohnt sich, diesen etwas längeren Artikel zu studieren, man sieht danach klarer.

Auch der französische Politologe Olivier Roy kommt zum Schluss, dass nicht die Radikalisierung des Islam heute das größte Problem sei, sondern dass sich Radikalität an sich immer öfter islamistisch kostümiere. Die Ideologie des IS, laut Roy zurzeit das „radikalste Produkt auf dem Markt“, komme diesen Menschen gerade recht, um ihre Wahnsinnstat zu etikettieren und in einer vermeintlich weltumspannenden Guerillagemeinschaft wider die westliche Welt in einen größeren Kontext zu stellen. In Wirklichkeit seien die Attentäter Produkte einer zutiefst gespaltenen und ausbeuterischen Gesellschaft, die an ihren Rand gedrängt, der Kriminalität und Destruktivität verfallen.

Indes kündigen unsere Politiker bereits Jugendschutz- und Entradikalisierungsmaßnahmen an. Was die Folge davon sein wird, ist jetzt schon klar: Ethnische und religiöse Minderheiten wie die Roma, Zeugen Jehovas etc. werden noch mehr an den Rand gedrängt und mit Projektionen und Repressionen behäuft als bisher. Die Wut und der Hass der Bevölkerung über die eigentlich ungreifbare Bedrohung wird sich an einigen Minderheiten entladen – während die eigentliche gesamtgesellschaftliche Radikalisierung bzw. der vorgenannte Schwarzschimmelbewuchs weiterhin ungehemmt voranschreiten kann. Die Strategie, Sündenböcke bereitzustellen, auf die der gemeine Bürger unter Duldung der Justiz weitgehend ungestraft einschlagen kann, hat sich schon seit jeher bewährt, wenn es darum ging, kollektive Wut – die schließlich zu einer Änderung der etablierten Machtverhältnisse hätte führen können – zu kanalisieren. Auch im Dritten Reich konnte auf diese Weise von dem eigentlich unhaltbaren wirtschaftlichen, sozialen und weltanschaulichen Bankrott eines Systems abgelenkt werden, indem man die Schuld für die gesamtgesellschaftliche Krise den Juden, den Roma und ein paar weiteren Randgruppen gab.

Aber wenn wir schon über Entradikaliserungsprogramme reden: Wer kümmert sich eigentlich um die Entradikalisierung unserer Politiker? Ist die weltanschauliche Gesinnung mancher Politiker heute nicht bereits ebensoweit ins Radikale abgeglitten, dass Verelendung und sogar Vernichtung von Menschenmengen größeren Ausmaßes zu befürchten ist?

Ist es nicht ebenso eine radikale Weltsicht, wenn z.B. Wolfgang Schäuble, also eine an der Spitze der Machtpyramide unserer Gesellschaft stehende Person, in einem ARD-Interview sich selbst beschreibt als jemanden, der „abgehärtet ist in einem langen bösen Leben“? (Quelle: ARD-Mediathek – dort nur noch bis 24.8.2016 verfügbar). Muss man angesichts der Verbitterung und womöglich sogar leisen Todessehnsucht, die man aus solchen Worte ahnen könnte, nicht Gänsehaut am Rücken bekommen?

Würde ein Flugzeugpilot solche Worte sprechen, man würde ihn wegen Verdachts auf akute Lebensmüdigkeit und implizite suizidale Tendenzen wohl umgehend aus dem Verkehr ziehen. Dass man von Schäuble trotzdem kein psychologisches Attest eingefordert hat, wird sich womöglich aus zukünftiger Perspektive bitter rächen. Nicht, dass so jemand bewusst eine Katastrophe herbeiführen würde wie z.B. der Germanwings-Pilot Andreas L., aber wie Sigmund Freud schon festgestellt hat, „ist das Unterbewusste immer schlauer“ – womit er meinte, dass sich immer die untergründige Motivlage eines Menschen als Resultat durchsetzt und nicht das, was er in seinem intellektuellen Oberstübchen bekundet. Wenn z.B. jemand bei einer Heirat vor dem Altar oder zu einem Vertrag „Ja“ sagt, aber untergründig ein „Nein“ in sich trägt, dann wird sich dieses Nein irgendwann durchsetzen und Früchte tragen.

Wie werden wohl die Früchte der Politik eines Menschen sein, der das Leben als „lang und böse“ ansieht? Die Griechen haben dies jedenfalls bereits am eigenen Leib zu spüren bekommen: Nach eiserner Durchsetzung der Troika-Weisungen ist dort die Säuglingssterblichkeit um 43% gestiegen, die Suizidrate um 27%, Krankenhäuser kollabieren, vier von zehn Kindern leben in Armut. Dessen unbekümmert wurde lt. ORF-Bericht unter Schäubles Ägide dafür gesorgt, dass von 100 Euro Griechenlandhilfe nur 1,80 Euro im echten Leben, also in Krankenhäusern, Infrastruktur und Schulen ankommen, während die übrigen 98,2 Euro mit Zinsen direkt zurück an die Großbanken gingen. – Eigentlich war das In-die-Mangel-Nehmen von Griechenland ein sinnloser und gemeinschädigender Akt, was laut dem ehem. Finanzminister Varoufakis für seine Verhandlungspartner auch vollkommen einsichtig war. „Und dann schauen dir sehr mächtige Personen in die Augen und sagen: »Sie haben recht mit dem, was Sie sagen, aber wir werden Sie trotzdem zerquetschen.“ (seltsamerweise wurde dieses geschichtsträchtige Zitat in keinem einzigen unserer Leitmedien abgedruckt, sondern findet sich nur in alternativen Medien oder kleinen sozialistischen Blättern).

Seitdem findet in Griechenland täglich ein stilles Gemetzel statt, zwar weniger blutig und spektakulär als die Attentate in München oder Nizza, aber mit noch ungleich mehr Todesopfern und Elend im Gefolge. Noch viel desaströser wirkt sich die transatlantisch verbrückte Politik der angeblichen Verteidiger der europäischen Demokratie – denen Varoufakis das „völlige Fehlen demokratischer Skrupel zugunsten kalter Machtpolitik“ bescheinigt – im Nahen Osten und Nordafrika aus, von wo aus letztes Jahr eine Millionenschaft an Flüchtlingen zu uns geströmt ist, um ein neues Leben anzufangen.

In euphorischer Erwartung „einer Grundlage für das nächste deutsche Wirtschaftswunder“ (Daimler-Chef Dieter Zetsche) ließ die deutsche Bundeskanzlerin, akkordiert mit einer Kampagne der BILD-Zeitung und sämtlichen anderen relevanten Leitmedien, eine Willkommenskultur und das Ende der Schengen-Grenzen ausrufen. Unter den neu einströmenden Humanressourcen sollte sich eine große Anzahl gut ausgebildeter Ärzte und Ingenieure befinden. Wie die Länder, die gerade um ihre qualifiziertesten Fachkräfte ausgeblutet werden, ohne Ärzte und Ingenieure ihre zerstörten Krankenhäuser, Wasserleitungen und Straßen wieder aufbauen sollen, fragte angesichts des in Aussicht sehenden neuen Wirtschaftswunders im Oktoberfestland kaum jemand. Unter einem Kraftakt von Bevölkerung und Administration wurden dann quasi über Nacht über 1,5 Millionen Flüchtlinge bei freier Kost, kassenärztlicher Versorgung und Schulbildung einquartiert. Die Chefs von Siemens, Porsche und Post überboten sich des Lobes für die neu ankommenden Humanressourcen und drängten die Politik, ihnen nach einer kurzen Einführung in „westliche Werte“ möglichst rasch Jobs geben zu dürfen. Und jetzt quasi als Dank ein von blutigem Terror erschüttertes Europa? – Am Stammtisch versteht man die Welt nicht mehr.

Viele der Amokläufer sind durchwegs jung, manche fast noch Kinder. So wie der 17jährige Axt-Attentäter von Würzburg Riaz A., der bis zu seiner Tat als Musterflüchtling galt, bei einer deutschen Pflegefamilie scheinbar beste Start- und Ausbildungsbedingungen genoss und dennoch in seinem Bekennervideo diese verstörenden Sätze voller Hass sprach (Auszug aus Video/SPIEGEL TV: „Ihr könnt sehen, dass ich in eurem Land gelebt habe und in eurem Haus … und in eurem eigenen Haus werde ich euch abschlachten.“) Im vorgenannten Spiegel-Video zeigt sich auch der Bürgermeister, der den Täter kurz vor der Tat noch auf dem Pfarrfest begrüßt hatte, vollkommen verdutzt, wie mit Riaz K. eine solche Wandlung geschehen konnte.

Auch der 18jährige David S., der vor dem Münchner Olympia-Einkaufszentrum neun Menschen erschossen hat, ging eine rätselhafte Metamorphose durch. In einem weiteren SPIEGEL TV-Bericht kann man seine Wandlung von Superhelden zum Amokläufer bildhaft mitverfolgen. In der Online-Community figurierte er zunächst unter dem Namen „Neo“, gepaart mit einem Bild von Kenau Reeves. Er hatte also ursprünglich jenen Menscheitshelden vor Augen, der im Film „Die Matrix“, eine von Maschinen geknechtete Menschheit wieder aus dem Abgrund befreit. Zuletzt hatte er jedoch die Identität des Neo verworfen und figurierte im Netz nur noch unter dem Pseudonym „Hass“. Auch das Profilbild hatte er verändert: Statt dem Heroengesicht des „Neo“ gab er der Community nun eine schwarze, in sich zusammengekauerte Gestalt ohne Gesichtszüge zu sehen.

Eine Vielzahl von ähnlichen Fällen an Radikalisierung, in denen unscheinbare, äußerlich bestangepasste Schüler plötzlich ein Massaker an Lehrern und Mitschülern anrichten, finden sich in Götz Eisenbergs Buch mit dem bezeichnenden Namen „Gewalt, die aus der Kälte kommt“ – dort auch vollkommen ohne Migrationshintergrund. Denn bei unserer Betrachtung sollten wir nicht den Fehler begehen, unsere Wut nun in die falsche Richtung bzw. auf die Migranten zu lenken. Das würde uns von der berechtigten Wut auf die wirklichen Krankheitswurzeln unseres politisch-ökonomischen Systems ablenken und uns menschlich spalten. Denn in Wirklichkeit sind die Migranten genauso Spielbälle ökonomisch-politischer Interessen wie wir Inländer. Insofern hätten wir also allen Grund, um zusammenzuhalten. Während jedoch durch das Anzünden von Asylheimen und das Bilden von Bürgerwehren geradewegs verhindert wird, dass die Menschen dieser Welt in einer entscheidenden historischen Zeit gemeinsam an einem Strang ziehen und gegen den Marktradikalismus („Neoliberalismus“) protestieren.

Man stelle sich vor, jemand flüchtet aus einer elenden, zerbombten und vergifteten Heimat auf einen neuen Kontinent, der ihm bisher in Büchern bzw. Flachbildschirmen als reines Paradies erschienen ist. Er hat dann alles auf eine Karte gesetzt, sein Haus verkauft und die erhaltenen Jetons in eine Schlepperbande investiert, sein Leben auf einer gefährlichen Fahrt über das Mittelmeer oder die Balkanroute riskiert (hier ein lesenswerter Erlebnisbericht eines auf hoher See gekenterten Überlebenden), und während dieser Überfahrt womöglich auch einige Familienmitglieder oder Freunde verloren. Der letzte Strohhalm seiner Hoffnung war das gelobte Deutschland, von dem Merkel suggerierte, dass man es dort bloß über die Grenze schaffen müsse, dann wäre alles gut.

Nun hat er es über ebendiese Grenze geschafft, aber siehe da: Gar nichts ist gut, der Glanz der über das Smartphone vermittelten Werbewelt des westlichen Mekkas ist dahin – das einzige, was in diesem Kommerzmekka glänzt, sind die SUVs und die omnipräsente Unterhaltungselektronik. Eine Zeitlang legt er sich voll ins Zeug und versucht, auch unsere Sprache zu lernen, auf LED-Flachbildschirmen herumzuwischen und Anschluss zu finden, aber irgendwie wird es nichts so richtig, er bleibt ein Underdog, muss eine missachtete Randexistenz führen, wird sogar gemobbt, so wie es der Amokläufer David S. kurz vor seinem Gestelltwerden durch die Polizei mit seinen letzten Worten lauthals beklagt hat (siehe SPIEGEL TV).

Der Neuankömmling im gelobten Land muss erleben, dass in einer Gesellschaft, unter deren Jugend laut soziologischer Studien „Du Opfer!“ neben „Du Wichser!“ das gängigste Schimpfwort geworden ist, es für Opfer wie ihn leidlich wenig Pardon gibt. Dass die von Medien wie BILD & Co. im Chor mit den Konzernen – in Erwartung eines nächsten, dank billiger Arbeitskräfte katalysierten Wirtschaftswunders – ausgerufene „Willkommenskultur“ nur gefakt war. Dass hier im Vergleich zu seiner Heimat im Großteil des Jahres nicht nur das Wetter arschkalt ist, sondern auch die soziale Atmosphäre unter den Gefrierpunkt gesunken ist und er sich durch eine eisige Gletscherlandschaft bewegen muss. Dass im einstigen Land der Dichter und Denker heute fast jeder Aspekt des Lebens dem Kommerz zum Fraß vorgeworfen wurde und wahre Humanität aus politisch-ökonomischer Sicht nur lästiger Sand im Getriebe einer gnadenlos auf höchste Effizienz getrimmten Technokratie darstellt. Eine Gesellschaft, in der man für Gutmenschen im besten Falle ein mitleidiges Lächeln, meist jedoch schiere Aggression übrig hat (dass neben „Du Opfer!“ und „Du Wichser!“ heute laut laut Bericht im Focus auch „Du Goethe!“ zu einem der übelsten Schimpfwörter unter Jugendlichen avanciert ist, habe ich zuvor vergessen zu erwähnen. Man weiß dann, auf welchem Niveau das Kulturgut, das Deutschland einstmals von den USA und vom Kongo unterschieden hat, heute rangiert).

Der Migrant merkt mehr oder weniger schnell, dass seine Zukunftsaussichten in solch vergletscherter marktradikaler („neoliberaler“) Landschaft in Wirklichkeit die gleichen sind wie daheim: Dass er sich als unterbezahlter Tagelöhner verdingen wird müssen, der trotz rückhaltlosen Verschleißes seiner Gesundheit zuwenig zum Leben und zuviel zum Sterben besitzt, während sich einzelne Warlords (hierzulande nicht mit Patronengürteln und Granaten gewappnet, sondern fein herausgemausert in Nadelstreif und bestückt mit bloßer Hugo Boss-Titankugelschreibermine und Smartphone) dick und dämlich verdienen.

Dass hier im vermeintlich gelobten Land Bullshitjobs warten, an denen sogar die gut situierten und von ihrer Kindheit an an das marktradikale („neoliberale“) Klima getrimmten Eingeborenen mittlerweile zermürben und ins Burnout abzudriften drohen – wobei Burnout nichts Flammendes oder Heldenhaftes ist (von einem Betriebsarzt weiß ich, dass es in vielen Firmen immer noch als „Verwundetenabzeichen der Leistungsgesellschaft“ angesehen wird und man zumindest ein „kleines Burnout“ vorweisen sollte, um zu beweisen, dass man im Job alles gegeben hat), sondern man es, wie mir eine Psychotherapeutin erklärt hat, lieber ganz unpathetisch als „Erschöpfungsdepression“ bezeichnen sollte.

An gleichermaßen naiven wie brandgefährlichen Maßnahmenforderungen aus dem pragmatischen Eck der Herrmänner mangelt es natürlich nicht. Reflexartig wird z.B. der Einsatz der Bundeswehr im Inneren gefordert (als ob man mit der Feuerkraft von Panzern und Kampfjets einen Rucksackbomber daran hindern könnte, auf einen Knopf zu drücken) oder der weitere Abbau der Grundrechte und Ausbau der Totalüberwachung (wir kommen gleich noch darauf zurück). Aber lassen wir das, wir werden schon wieder oberflächlich und haben Tiefgang versprochen.

Halten wir uns also nicht mit Oberflächlichkeiten auf, diese bekommen wir über die Leitmedien gerade im Überfluss serviert. Eisenberg schreibt dazu in seinem Buch „Gewalt, die aus der Kälte kommt“:

„Die unter die „Diktatur der Einschaltquote“ geratenen Medien leben von Sensationen wie dem Massaker von Erfurt. Es scheinen die giftigen Sekrete der Medien zu sein, die den „Amok-Virus“ auf Empfänger übertragen, deren Immunsystem geschwächt ist und die infolgedessen für Ansteckung anfällig sind.“

Lassen wir die Boulevardmedien, die Herrmänner und eitle „Inzucht“-Kontroversen also einmal hinter uns und gehen wir in medias res.

Sigmund Freud, der Vater der Psychoanalyse, hat neben der Erforschung seines Hauptthemas, dem als „Libido“ bezeichneten Lebenstrieb, in seinem Alter zunehmend auch das Gegenteil dieses Lebenstriebs thematisiert: „Thanatos“, den Todestrieb. Laut Freud schlummert „Thanatos“ als destruktives Gegenprinzip in jedem Menschen, kommt jedoch erst dann zum Ausbruch, wenn der natürliche Lebenstrieb frustriert wird.

So ähnlich also wie ein Herpes-Virus, der im Nervensystem fast aller Menschen schlummert, jedoch vom gesunden Immunsystem normalerweise in Schach gehalten wird. Erst wenn das Immunsystem durch Stress geschwächt ist, nützt der in den Nervenkanälen verschanzte Herpes-Virus seine Chance und kommt in Form unappetitlicher Eitergeschwüre an die Oberfläche.

Dass auch ein aktuell geforderter Ausbau der Bürgerüberwachung keineswegs zur Lösung des Terror- bzw. Amokproblems führen wird, sondern ganz im Gegenteil, das gesunde Immunsystem des Menschen bzw. seine psychische Kondition noch mehr schwächen und damit die Affinität für den Ausbruch entzündlicher Symptome erhöhen würde, wird im aktuellen politischen Diskurs leider wenig bedacht. Denn Überwachung ist eigentlich etwas dem gesunden Menschsein diametral Entgegengesetztes: Jeder Mensch, der in Beruf oder im Privatleben überwacht wird, weiß, dass er sich unter diesem Misstrauensvorschuss nicht wirklich entfalten kann. Er hasst dies bzw. seinen Vorgesetzten dafür und wünscht sich sogar unbewusst den Untergang derjenigen Institution, die ihn überwacht. Ist der Staat diejenige Institution, die den Menschen in Stasi-Manier überwacht, dann steht es um den Zusammenhalt und die Zukunft dieses Staates nicht gut.

Da der Mensch auf Freiheit und Verantwortung hin ausgelegt ist, bewirkt der Aufbau einer diese spezifisch-humanen Eigenschaften immer mehr bedrückenden Überwachungsmaschinerie selbst eine höchst ungesunde Atmosphäre, in welcher Ängste und Depressionen induziert werden und in welcher sich schwache Charaktere leichter zu irrationalen Handlungen hinreißen lassen.

Doch zurück zu Freuds Todestrieb „Thanatos“. Halten wir nochmals die These fest: Wenn der natürliche Lebenstrieb des Menschen frustriert wird, dann ergreift „Thanatos“, der Todestrieb, die Regie mit dem unheimlichen Drang, sich und möglichst die gesamte – als unwert, da sinnlos erlebte – Existenz um sich herum in den Abgrund zu reißen.

Und genau diese Dramatik ist aktuell bei vielen jungen Menschen zu beobachten. Sie bringen von ihrer inneren Anlage eigentlich eine geballte Ladung an Kraft und neuem Potential mit, mit dem sie die Welt in individueller Weise ein Stück weit verändern und in positiver Hinsicht bereichern wollen – Viktor Frankl nennt diesen zentralen menschlichen Impuls den „Willen zum Sinn“. Nun wird aber unter den gegenwärtigen, ganz auf Technokratie und Kommerz ausgerichteten gesellschaftlichen Bedingungen dieser Wille zum Sinn laut Frankl permanent frustriert.

„Aber der ‚Mensch auf der Suche nach Sinn‘ wird unter den gesellschaftlichen Bedingungen von heute eigentlich nur frustriert! Und das rührt daher, dass die Wohlstandsgesellschaft bzw. der Wohlfahrtsstaat praktisch alle Bedürfnisse des Menschen zu befriedigen imstande ist, ja, einzelne Bedürfnisse werden von der Konsumgesellschaft überhaupt erst erzeugt. Nur ein Bedürfnis geht leer aus, und das ist das Sinnbedürfnis des Menschen – das ist sein „Wille zum Sinn“, wie ich ihn nenne, das heißt, das dem Menschen zutiefst innewohnende Bedürfnis, in seinem Leben oder vielleicht besser gesagt in jeder einzelnen Lebenssituation einen Sinn zu finden – und hinzugehen und ihn zu erfüllen.

(…)

„Jede Zeit hat ihre Neurose und jede Zeit braucht ihre Therapie. Tatsächlich sind wir heute nicht mehr wie zur Zeit von Freud mit einer sexuellen, sondern mit einer existenziellen Frustration konfrontiert. Und der typische Patient von heute leidet nicht mehr so sehr wie zur Zeit von Adler an einem Minderwertigkeitsgefühl, sondern an einem abgründigen Sinnlosigkeitsgefühl, das mit einem Leeregefühl vergesellschaftet ist – weshalb ich von einem existenziellen Vakuum spreche.“ (V.E. Frankl)

Wird allerdings der Sinn des Lebens und des Menschseins frustriert oder von vornherein geleugnet, so wie dies derzeit in unseren Schulen und Universitäten de facto gelehrt wird (lt. unbestrittener herrschender Lehrmeinung sind Mensch und Welt nur geistlose, somit der reinen Effizienz und ökonomischen Verwertbarkeit unterworfene Kohlenstoffagglomerate – eine heute achselzuckend hingenommene Weltanschauung, die ihrem Wesen und auch ihren ganz realen Folgewirkungen nach in Wirklichkeit nicht minder radikal und zerstörerisch ist als diejenige der islamistischen Fundamentalisten ), dann gerät der Mensch in innere Verzweiflung. Mittlerweile konstatiert Regisseur David Schalko „Perversion als letzten Ausdruck der inneren Verzweiflung“ – eine optimale Kondition also, in der der Schimmelpilz des „Thanatos“ gedeihen und zur Blüte gelangen kann.

Dass eine Kondition geschaffen wurde, in der „Thanatos“ mit seinen Amok-/Terrorgeschwüren wie in einem Treibhaus gedeihen kann (so wie plakativ anhand der vorgenannten Mutation des Profilbildes des Attentäters David S. vom Helden „Neo“ zur Schattenfigur „Hass“ ersichtlich), sollte bei uns eigentlich alle Alarmglocken läuten lassen. Es ist insbesondere deshalb eine Schande, da wir in unserem europäischen Kulturgut alle notwendigen Requisiten hätten, um ein wirksames Gegengift gegen den technokratisch-nihilistischen Wahnsinn, der alle Grundlagen unserer Zukunft zu verschlingen droht, zu brauen.

Wir tun es jedoch nicht, sondern huldigen weiterhin bedingungslos dem neoliberalen Mammon, obwohl wir mittlerweile schon erkannt haben, dass er uns wie einen Lemmingzug in den Grand Canyon führt. Im Gegenteil, den herrschenden Polit- und Wirtschaftsmächten kommt die Terrorangst in Wirklichkeit sehr gelegen, denn so lässt sich jede Diskussion über eine Neuordnung der gesellschaftlichen und ökonomischen Verhältnisse verdrängen. Denn nach der 2008er-Krise waren wir kurz davor, einige grundsätzliche Fragen zu diskutieren. Das geht nun im allgemeinen Chaos und Rauch unter. Man hat jetzt wieder ein Feindbild, das ein in Wirklichkeit zerrissenes und jeder Nachhaltigkeit spottendes System vordergründig wieder eint: Den Terror bzw. den IS.

Derzeit werden wir alle mobilisiert und eingeschworen auf den „Krieg gegen den Terror“. Der Eifelphilosoph hat bereits darauf hingewiesen, was die Ausrufung dieses Krieges für unsere nähere Zukunft bedeutet (siehe Nachrichtenspiegel). Auch Götz Eisenberg resümiert in seinem vorgenannten Artikel, dass der Kollateralschaden dieses Krieges darin bestehen wird, dass ihm Rechtsstaat und Demokratie zum Opfer fallen. Roland Rottenfußer, Redakteur des Webmagazins „Hinter den Schlagzeilen“, warnt ebenfalls: „Bestimmte Kräfte warten doch nur darauf, den Umbau zuvor freier Gesellschaften in Polizei-, Überwachungs- und Angstgesellschaften bei jedem gegebenen Anlass voranzutreiben. Wir dürfen ihnen das nicht durchgehen lassen.“

Nachsatz:

Innerhalb der vorgenannten Sinnkrise und der Flut an täglichen Schreckensnachrichten, von Marcuse als „Normalisierung des Grauens“ bezeichnet, stellt sich natürlich die Frage, was der einzelne Mensch im derzeitigen Teufelskreis tun kann.

Zunächst ist eine bewusste Dosierung im Nachrichtenkonsum anzuraten. Wie auch Götz Eisenberg anmahnt, „verschlingen wir unentwegt eine derart hohe Dosis an Dramatik, dass wir jede Fähigkeit zur Verarbeitung und Wahrnehmung einzubüßen drohen. (…) Die Fülle der Nachrichten wird zum Widersacher der Wahrheit, unsere Aufnahmefähigkeit und Verarbeitungskapazität kollabiert unter dem Ansturm schrecklicher Bilder.“

Auf der anderen Seite gilt es heute umso mehr, dasjenige aufzubauen, was Viktor Frankl als das „Spezifisch-Humane“ bezeichnet hat. Das ist derjenige menschliche Faktor, der zwar unwägbar ist, aber uns schlichtweg ausmacht. Jeder kann in seinem privaten oder beruflichen Umfeld zigtausenden Menschen etwas von dieser Qualität vermitteln, auch wenn er äußerlich keinen augenscheinlichen Handlungsradius oder Entscheidungskompetenz hat. Bereits durch die Art und Weise, wie er im Supermarkt in der Schlange steht (ungeduldig oder humorvoll, ruhig) und wie er andere Menschen auf der Straße anblickt, übt er eine soziale Wirkung auf den Gesamtorganismus der Gesellschaft aus. Joseph Beuys hat dies als „soziale Plastik“ (von ‚plastisch‘ = formbar) bezeichnet. Es gibt zahlreiche Berichte, dass Menschen, die einen Suizid vorhatten, diesen destruktiven Gedanken wieder verworfen haben, nachdem ihnen am Gehsteig nur für Sekundenbruchteile ein Mensch in die Augen geblickt hat, der etwas Ehrliches, Mitfühlendes oder Hoffnungsvolles ausgestrahlt hat.

Vielleicht ist es also auch nicht vermessen, sich vorzustellen, dass ein frustrierter junger Mensch, der innerlich mit einer Gewalttat liebäugelt, diesen Gedanken des Thanatos wieder verwirft, nachdem er einem Menschen begegnet, der von seiner Wesensart her etwas Spezifisch-Humanes ausstrahlt oder ein freundliches Wort zu ihm spricht.

Auch wenn uns das nicht beigebracht wurde, aber die Möglichkeiten jedes Einzelnen sind hierbei groß und man darf auch auf diese dem Menschen eigenen Fähigkeiten vertrauen. Sie sind in Wirklichkeit das einzige, was uns in den auf uns zukommenden Zeiten einen Anker geben kann.

Ebenso, wie die Entfaltung der spezifisch-humanen Qualität in seinem individuellen Leben – diese Qualität ist bei jedem Menschen anders gefärbt und daher niemals ersetzbar und auch niemals langweilig– in Wirklichkeit die größte Revolution und der tiefste Dolchstoß ist, den man dem morschen Baum des retardierenden Wahnsinns, den man uns heute zur Normalität erklären möchte, verpassen kann.

Am Bösen also nicht bitter werden, sondern reif. Obwohl die Zukunftsaussichten wenig rosig sind, kann uns die eskalierende Krise die Augen öffnen, um dem Wahnsinn die Stirn zu bieten und ihm wieder eine Wendung zu geben. Dazu braucht es natürlich auch Galgenhumor. Ganz im Sinne von Yamaoka Tesshu, einem japanischen Samurai:

„Wenn sich zwei Schwerter treffen, gibt es kein Entrinnen.

Schreite gelassen voran,

wie eine Blüte im tosenden Flammenmeer erblüht

und durchstoße energisch die Himmel!“

 

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