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Newsletter [KW26]: Tönnies – Einzelfall oder Vorbote der Zweiten Welle? | TAZ in Stuttgart | “Feind”

Die einen loben Tönnies als vorbildliches Unternehmen. Andere bemängeln die mangelnde Einhaltung grundlegender Standards. Und während sogar die Bundeswehr anrücken muss, um der Lage Herr zu werden, warnt die WHO eindrücklich vor der Rückkehr des Virus. An der Heimatfront unterstellt Horst Seehofer unterdessen der deutschen Partyszene ein TAZ-Abo, und Verteidigungsministerin AKK warnt mal wieder vor „dem Feind“.

 

Deutsche Presse verkündet das Ende Europas und die Existenz von Verschwörungen

Freitag, 16.11.2012. Eifel. Während draußen in der Welt alles in Ordnung ist, ist hier die Hölle los. Unser Anglergeschäft schließt - mitten im deutschen Riesenaufschwung. Eine kleine Katastrophe für unser Ländchen. Wie gut, das viele wegziehen wollen, weil sie die Kanalanschlußgebühren nicht bezahlen können oder die hohen Wasserkosten, die wir solidarisch für die Versorgung von Aachen und Köln bezahlen. Ja - wir haben hier mit die höchsten Wasserkosten in Deutschland. Wir haben ja auch das meiste Wasser in Deutschland. Das ist Kapitalismus  - wir subventionieren seit Jahrzehnten die reichen Großstädte, während unsere Straßen zerfallen. Aber natürlich ist die Welt draußen auch nicht in Ordnung, die Lumpenmedien verstecken die Wahrheit nur geschickter. Lediglich den konservativen Journalisten rutscht manchmal noch ein wahres Wort heraus: sie sitzen schon im sicheren Boot und müssen sich nicht mehr so anbiedern wie ihre linken Kollegen. Um heute zur Wahrheit zu kommen, müssen wir jedoch ein wenig ausholen - bis nach Nordkorea. Wer berichtet aktuell darüber? Die konservative Welt:

Freitag, 16.11.2012. Eifel. Während draußen in der Welt alles in Ordnung ist, ist hier die Hölle los. Unser Anglergeschäft schließt – mitten im deutschen Riesenaufschwung. Eine kleine Katastrophe für unser Ländchen. Wie gut, das viele wegziehen wollen, weil sie die Kanalanschlußgebühren nicht bezahlen können oder die hohen Wasserkosten, die wir solidarisch für die Versorgung von Aachen und Köln bezahlen. Ja – wir haben hier mit die höchsten Wasserkosten in Deutschland. Wir haben ja auch das meiste Wasser in Deutschland. Das ist Kapitalismus  – wir subventionieren seit Jahrzehnten die reichen Großstädte, während unsere Straßen zerfallen. Aber natürlich ist die Welt draußen auch nicht in Ordnung, die Lumpenmedien verstecken die Wahrheit nur geschickter. Lediglich den konservativen Journalisten rutscht manchmal noch ein wahres Wort heraus: sie sitzen schon im sicheren Boot und müssen sich nicht mehr so anbiedern wie ihre linken Kollegen. Um heute zur Wahrheit zu kommen, müssen wir jedoch ein wenig ausholen – bis nach Nordkorea. Wer berichtet aktuell darüber? Die konservative Welt:

Der neue Seitenhieb auf die Armee im Pjöngjanger Sportschießstand passt deshalb zu den seltsamen Meldungen über Kim Jong-un, den jungen Killer, der einen Vize-Verteidigungsminister sogar auf besonders bestialische Weise habe hinrichten lassen – als Zielscheibe für eine Granatwerferübung.

Grausam, oder? Kommt aber noch besser:

Deshalb machte die in Seoul lancierte Meldung Furore, dass der im Juli abgesetzte Generalstabschef Ri Yong-ho bei seiner Festnahme in einem Feuergefecht schwer verwundet oder sogar umgekommen sei, zusammen mit 20 bis 30 seiner Leibwächter.

Man muss schon genau hinhören, um die politischen Feinheiten der Argumentation herauszuhören:

 Zur selben Zeit verschwand Kim Jong-un für vier Wochen aus der Öffentlichkeit. Kurz nach seinem Wiederauftauchen wurde die Absetzung Ri Yong-hos „aus gesundheitlichen Gründen“ bekanntgegeben. Gesundheitliche Gründe? Das war für manche Beobachter zu wenig.

„Seltsame Meldungen“, „lancierte Meldungen“, Beobachter, die der Regierung Lügen unterstellen: wissen Sie, was wir hier haben? Eine astreine Verschwörungstheorie über einen geheimen Machtkampf in Nordkorea.

Wie kann das sein?

Wir wissen doch, das Verschwörungstheorien verboten sind! Das ist doch was für irre Selbstdarsteller, die von geheimen Plänen der Weltelite fantasieren und den „demokratisch“ bestimmten Regierungen nicht gehorchen wollen! Wieso darf man das jetzt ganz offiziell so machen?

Nun – es geht um die Elite eines Feindlandes. Da darf man das. Die sind „böse“, die machen so etwas. Wir sind „gut“, wir machen so etwas nicht – das ist jedenfalls die Vorgabe, an die sich die Lumpenpresse Tag für Tag halten muss. Wir lügen auch nicht offensichtlich, wir schummeln uns eher an der Wahrheit vorbei, in dem wir die Bürger mit so vielen Nachrichten überschütten, das sie zwei Wochen bräuchten, um alleine die Meldungen eines Tages zu verarbeiten. Dann bringen wir noch alles kunterbunt durcheinander, so dass schon alleine das Sortieren Tage in Anspruch nehmen würde … und in diesen Tagen bringen wir noch viel mehr Müll, durch den sie sich wühlen müssen. So kommt niemand auf die Idee, das es völlig legitim und legal ist, sich über „Verschwörungen“ (also mit Absicht und Plan unter Ausschluss der Öffentlichkeit durchgezogene Politik mächtiger Interessengruppen) Gedanken zu machen – vor allem nicht über die Spielereien der mächtigsten Interessengruppe der Welt: der US-amerikanischen Konzerne und ihrer Nutznießer.

Ein Beispiel für die Art und Weise, mit der unsere Lumpenmedien (also die Medien der Lumpenelite) die Interessen und Aktionen ihrer Finanziers verschleiern, erleben wir aktuell: die größte europäische Demonstration gegen die Politik der Lumpenelite seit Beginn der „Krise“ taucht nur ganz kurz in den Medien auf. „Halb Europa protestiert gegen das Kaputtsparen„, titelt die Welt und stellt heraus, weshalb wir hier einen historischen Zeitpunkt erlebt haben:

Es ist eine bislang einmalige Aktion: Millionen Arbeiter in den EU-Krisenländern streiken zeitgleich gegen die Sparpolitik ihrer Regierungen. Der Flug- und Zugverkehr ist erheblich beeinträchtigt. 

„Eine bislang einmalige Aktion“ … von der heute schon niemand mehr spricht.

Millionen Europäer protestieren mit Streiks und Kundgebungen gegen die Sparpolitik in ihren Ländern. In Spanien und Portugal fuhr kaum noch ein Zug. Hunderte Flüge wurden gestrichen, und Fabriken blieben geschlossen.

So die Welt in einem weiteren Artikel, während der Spiegel – hier ganz Regierungsorgan – zur gleichen Zeit beruhigend schreibt, das die Streiks nur die südeuropäischen Länder betreffen und die „Zusammenstöße“ (ein Wort, das eher für Unfälle als für Bürgerkriege steht) in einem weitern Artikel als ein auf Spanien beschränktes Phänomen darstellt – jedenfalls in der Überschrift. In der linken TAZ oder dem linken „Neuen Deutschland“ wird dieser historische Kampftag europäischer Gewerkschaften heute mit keinem Wort mehr gewürdigt, dafür erfahre ich etwas über Ökostrom aus Koks und die „Damenschachgala“ des Neuen Deutschland – und merke, das ich weiß, warum ich da eigentlich gar nicht  mehr lese.

Dafür finde ich heute eine entsprechende Würdigung der aufgeführten Dramen in der Welt:

In Madrid ging die Polizei mit Schlagstöcken und Gummigeschossen gegen Demonstranten vor, die nichts verbrochen hatten, außer dass sie lautstark gegen die Sparpolitik der Regierung demonstrierten.

Wer die Bilder der prügelnden Polizisten im Fernsehen sah, die wahllos auf die demonstrierenden Madrider Bürger eindroschen und auch nicht aufhörten, wenn diese schon auf dem Boden lagen, der musste befürchten, der 1975 verstorbene Diktator und General Francisco Franco sei wieder auferstanden und habe das Kommando über seine Guardia Civil übernommen.

Aus Brüssel, wo man gern über Menschenrechte im Zusammenhang mit Themen wie Geldwäsche und Emissionshandel redet, kam kein Wort des Entsetzens, nicht einmal ein Wörtchen des Mitgefühls für die Opfer der spanischen Staatsgewalt.

Deutliche Worte oder? Titel des Artikels:

Der Anfang vom Ende der Europäischen Union

Die europäische Union, zusammengeprügelt von der spanischen Polizei, die nach aktueller Rechtslage auch in Deutschland hilfsweise eingesetzt werden könnte. Wenn wir uns jetzt kurz mal erlauben, jenen Blick, den „Beobachter“ auf Nordkorea werfen auf Europa zu lenken – mit den gleichen Methoden – was sagt uns dann das bisher Erkannte?

Das weite Teile der linken Presse lahmgelegt sind (über die Methoden darf man dann noch gesondert berichten) und das das „Establishment“ eine konzertierte Strafaktion gegen Spanien und Portugal verhängt hat. Merkwürdigerweise kam es nur dort zu „Eskalationen“, die konservative Autoren an die Widergeburt des Faschismus erinnern, während linke Autoren sich mit Nachrichtennippes beschäftigen.

Der Grund ist einfach, siehe Tagesschau: in Spanien und Portugal gab es Generalstreiks – die einzige Waffe, die den neuen Faschismus in Europa entlarven und bremsen kann …  und deshalb musste dort ein Exempel statuiert werden. Jedenfalls würden wir dies lesen, wären diese Phänomene in Nordkorea beobachtet worden – jenem Land, bei dem wir noch über die Politik der Mächtigen nachdenken dürfen.

Kanzlerin Merkel unterrichtet uns auch über die Grenzen und Möglichkeiten der neuen postdemokratischen Ära – in aller Öffentlichkeit, siehe Welt (die in dem Artikel bezeichnenderweise erwähnt, das Merkel auch auf „seltsame“ und „skurrile“ Fragen antwortet):

Dass in Portugal und Griechenland demonstriert werde, wenn sie komme, könne sie gut verstehen. „Das ist schwer für die Menschen dort. Wenn auch nur die Hälfte davon bei uns umgesetzt würde, da wäre ganz schön was los, das sage ich Ihnen.“ Sie, die 37 Jahre in einer Diktatur gelebt habe, finde die Demonstrationen sogar gut: „Ich bin heilfroh, dass die demonstrieren dürfen.“

Ja, demonstrieren dürfen die – aber nichts ÄNDERN. Ein bisschen Trillerpfeifenmarsch, ein paar bunte selbstgemalte Bilder hochhalten, mächtige Wort machen: das ist alles erlaubt. Generalstreik aber … der ist verboten und wird mit Gummiknüppel, Gas und Gummikugeln niedergeschlagen. Generalstreik könnte halt was ändern – da kommt dann schnell die grobe Kelle. Keiner macht sich Gedanken über die seltsamen Nachrichten aus Portugal, wo kürzlich erst Polizei und Militär gegen den Terror durch Sparmaßnahmen demonstriert haben, jetzt aber von einer kleinen Gruppe Unbekannter mit Steinen und Flaschen beworfen werden … das würde im Lande der Nelkenrevolution doch kein vernünftiger Demonstrant tun. Aber – so folgert unser gedachter  „Beobachter“ – dafür kann man ja auch Leute bezahlen. Für die Unterdrückung von Generalstreiks darf einem nichts  zu teuer sein, das weiß man in den Planungsabteilungen der Konzernverbände.

Zurück nach Deutschland – jenem Land, in dem nur noch sehr verhalten demonstriert wird. Das hat – so weiß unser Beobachter, der seinen Blick jetzt mal von Nordkorea und Europa ab- und Deutschland zuwendet – auch seine Ursachen. Demonstrieren können in Deutschland nur Studenten, Schüler, Rentner und Arbeitslose, die anderen stehen schon unter kontinuierlicher Beobachtung der „Arbeitgeber“, die durch McKinsey und Konsorten durch jahrzehntelange Wühlarbeit auf Kurs gebracht worden sind. Nach einem aktuellen Gerichtsurteil können die noch nicht mal mehr einen Krankentag vortäuschen, um an Demonstrationen teilzunehmen (siehe Welt) – und offiziell einen Urlaubstag einzureichen, um an einer Demonstration teilzunehmen, dürfte den Allermeisten schon zu riskant sein: ganz schnell landet man ohne Wohnung und Nahrung in der Unrechtshölle von Hartz IV, gejagt von der gesamten deutschen Presse. Das kann man nicht riskieren, vor allem, wenn man Verantwortung für Kinder hat.

Dabei müsste man gerade wegen der Kinder Deutschland durch einen Generalstreik lahmlegen, denn auf die meisten von denen wartet keine schöne Zukunft: es zerbricht ja nicht nur die demokratische Zukunft des politischen Europa, auch die wirtschaftlichen Grundlagen brechen weg. Auch in Deutschland gibt es erste Anzeichen für eine Immobilienblase, die die gesamte Finanzstabilität zusätzlich in Gefahr bringt (siehe Handelsblatt), erneut eskalieren Immobilienpreise, ohne das ein wirklicher Wert dahinter steht. Die „liberalisierten“ Strommärkte haben aktuell 700 000 Kunden um ihr Geld gebracht (siehe Welt), ein groß angelegtes „täuschen und tricksen“ macht den Verbraucher zum Freiwild der Konzerne, die – wie wir jetzt in München gesehen haben (siehe Welt) – auch mal den „Blackout“ demonstrieren, damit der Bürger weiß, wo der Hammer hängt und merkt, das man ihm das Stilllegen der Atomkraftwerke nicht straflos durchgehen lässt. Auch preislich wird er dafür sanktioniert, das er es gewagt hat, Hand an die hoch subventionierte Goldene Kuh der Energiewirtschaft zu legen: Preissteigerungen von 13% im nächsten Jahr sind erst nur der Anfang einer Entwicklung, die einen neuen Begriff in Deutschland hervorgebracht hat – die STROMARMUT – siehe Welt:

In der Tat gewinnt die Debatte um Stromarmut an Fahrt. Verbraucherschützer und Sozialverbände weisen darauf hin, dass beispielsweise Mieter bei der Finanzierung der erneuerbaren Energien übermäßig belastet werden. Mit ihrer Stromrechnung sind sie gezwungenermaßen Co-Finanzier der Besitzer von Photovoltaikanlagen.

Leben ohne Strom wird für viele Deutsche im reichen und hochindustrialisierten Deutschland Alltag werden, die Folgen der gesetzlich zementierten Umverteilung der Vermögen der Armen auf die Konten der Reichen zeigen immer deutlichere Wirkungen. Während hochbezahlten Fernsehclwons ihre von GEZ-Gebühren bezahlte Luxusschlösser am Rhein aus Spaß verkaufen (siehe Welt) nimmt die Armut jener, die diese Schlösser finanzieren mussten, immer weiter zu, siehe Welt:

In Leipzig, Dortmund, Duisburg, Hannover, Bremen und Berlin lebt demnach zwischen einem Fünftel und einem Viertel der Bevölkerung unter der Armutsgrenze.

Währenddessen erwähnt der Spiegel ein Phänomen, das sich die Wissenschaftler nicht erklären können:

Das Ergebnis zeigt, dass zwar in den meisten Großstädten – wie im gesamten Bundesgebiet – der Anteil der Menschen sinkt, die Hartz IV beziehen.

Besonders irritierend sei, dass die Armut weiter gestiegen ist, obwohl die Arbeitslosigkeit zurückging. Als ein möglicher Grund wird der gewachsene Niedriglohnsektor genannt. Denkbar sei, dass bei einer wachsenden Gruppe von Beschäftigten das Einkommen gerade über der Hartz-IV-Grenze liegt.

Kaum jemand denkt daran, das vielleicht auch die ständig neuen Rekorde von Sanktionen bei Hartz-IV-Abhängigen (zusätzlich zu den bekannten statistischen Tricks der Bundesagentur für Arbeit, mit denen die Statistiken schöngerechnet werden) für sinkende Zahlen sorgt – wobei die Anzahl jener Arbeitslosen, die von Opa, Oma oder ihren Eltern (auch im Rahmen der „Bedarsgemeinschaft“, die die Arbeitslosenversicherung den Eltern aufbürdet, während ihre eigenen Beiträge für die Arbeitslosenversicherung ohne jede Gegenleistung weiterlaufen) OHNE JEGLICHE ZUWENDUNG VON STAATLICHER SEITE finanziert werden und in Arbeitslosigkeit verharren nie berücksichtigt wird. Im Umfeld meiner Verwandschaft sind das gut ein dutzend Jugendliche, die so dahinvegetieren – aber niemals als „Leistungsempfänger“ auftauchen noch irgendwelche Förderung erhalten.

Wir sehen: wir hätten Grund genug, ebenfalls zum Generalstreik anzutreten – auch wenn der in Deutschland verboten ist. Deutschland ist jener Angelpunkt, von dem man aus ganz Europa aushebelt, durch die Demoralisierung der politischen Kaste sind die politischen Parteien (unabhängig von ihrer politischen Farbenwahl) völlig kraft- und machtlos geworden – was man auch täglich in den Medien erkennen kann. So liest man in der Welt einen Kommentar, der die Affäre um einen grünen Schatzmeister auf den Punkt bringt:

Der Vorzeige-Grüne hat
1. Als Zuhälter Immigrantinnen auf den Strich geschickt
2. Sozialbetrug begangen
Das ist ja nunmal sowas von Wasser-predigen-Wein-saufen-Grün!
Dass er aber die verkommenste Partei Deutschlands betrog und schädigte sollte strafmindernd behandelt werden.

Ein weiterer Kommentator bringt das deutsche Politik-System auf einen kleinsten, gemeinsamen Nenner:

Auch Steinbrück nimmt die staatlichen Transfergelder für den Grundbedarf und verdient sich durch selbstständige Tätigkeiten ein wenig hinzu. Das ist das Geheimnis des Erfolges: gesichertes, bedingungsloses Grundeinkommen vom Staat beflügelt zur zusätzlichen Kreativität.

Dieser offiziell ausgelebte Kult der Selbstbereicherung durch geschickte Ausnutzung der Ämterwürde ist nicht gerade neu – wäre hier Nordkorea, würden die Medien Zeter und Mordio schreien über das korrupte System … und sie würden sehr sensibel auf die Äußerungen eines Michail Gorbatschow reagieren, der aktuell den Zerfall der Sowjetunion bedauert und nebenbei auf einen sehr bedenklichen „Maulkorberlass“ hinweist, siehe Welt:

Auf der Präsentation am Dienstag verzichtete er allerdings auf eine direkte Kritik des modernen politischen Systems in Russland und verwies nur auf seine früheren Aussagen, sowie darauf, dass Putin ihm mitteilen ließ, er solle besser seinen Mund halten.

Für den heimlichen Beobachter Nordkoreas, der nun seinen Blick auf Europa lenkt, bahnt sich Unheimliches an, weiß er doch, das Putin ein guter Freund von Gerhard Schröder und Berlusconi ist, problemlos erkennt man Machtkonstellationen, die die gesamte europäische  Demokratie erfolgreich untergräbt, um sich gleich mehrere goldene Nasen zu verdienen. Jede linke Zeitung – wenn es denn noch welche gäbe – würde sich auf diesen Sachverhalt stürzen, zeigt er doch, das die wahre Schutzmacht des europäischen Bürger die Sowjetunion war, die als wirksame Gegenmacht dem Staats- und Konzernterror durch ihre bloße Präsenz Einhalt gebot.

Was haben wir stattdessen?

Wer die Bilder der prügelnden Polizisten im Fernsehen sah, die wahllos auf die demonstrierenden Madrider Bürger eindroschen und auch nicht aufhörten, wenn diese schon auf dem Boden lagen, der musste befürchten, der 1975 verstorbene Diktator und General Francisco Franco sei wieder auferstanden und habe das Kommando über seine Guardia Civil übernommen.

So der konservative Journalist Hendry M. Broder, nach Wikipedia einer der führenden deutschen Journalisten und Meinungsmachern, dessen Eltern zu den Überlebenden deutscher Konzentrationslagern gehörten – der Mann weiß, wann Politik ernst wird.

Leider dürfen wir die Methoden, mit denen wir die Machtkämpfe in Nordkorea analysieren, nicht auf die aktuellen Geschehnisse in Europa übertragen – und wir merken jetzt auch, warum das so ist:

uns würde Angst und Bange werden vor dem, was sich dort demaskieren ließe … nichts weniger als das Ende des demokratischen Europas und die Existenz von effektiven und erfolgreichen Verschwörungen.

 

 

 

 

 

Das große Zeitungssterben … prima, es geht voran! Tod dem Tyrannen.

Mittwoch, 14.11.2012. Eifel.  Früh am Morgen empfängt einen hier ein klarer Sternenhimmel und leichter Nebel am Boden. Das Leben ist schön, merkt man wieder. Dann wendet man sich dem täglichen Studium der Nachrichtenwelt zu, um zu schauen, ob der Kurs der Republik auch weiterhin Richtung Eisberg geht - und schon ist das Leben weniger schön, wird sogar ausgesprochen hässlich. Gerade kursiert ein Gerücht in den Medien, nach denen die USA in Zukunft wieder über Unmengen an billiger Energie verfügen werden.  Eine flüchtige Botschaft, die heute nur noch schwer aufzufinden ist - dabei wäre es doch eine  Sensation, wenn man verkünden könnte, das die Energiekrise der Menschheit gelöst ist. Stattdessen, was erfährt man, was hat Priorität in der Berichterstattung? Ich denke alleine an die geschätzten einhundert Artikel zu "Wetten, dass" und das tägliche Durchkauen der vortäglichen Talkshows. Wir beschäftigen uns medial am liebsten nur noch mit uns selber - könnte  man sagen. Leider stimmt das nicht, weil "wir" nicht bestimmen, was geschrieben wird, denn das bestimmen "die Märkte" - und sie lassen es sich viele Werbemilliarden kosten, das wir glauben, das das, was sie senden und schreiben, wirklich das ist, was wir wissen wollen. Riesengroße Reklametafeln warnen uns auch regelmäßig vor, was wir am Abend zu gucken haben, damit wir am nächsten Tag im Büro nicht völlig unvorbereitet sind. Wundert es da, es auch große Zeitungen pleite gehen?

Mittwoch, 14.11.2012. Eifel.  Früh am Morgen empfängt einen hier ein klarer Sternenhimmel und leichter Nebel am Boden. Das Leben ist schön, merkt man wieder. Dann wendet man sich dem täglichen Studium der Nachrichtenwelt zu, um zu schauen, ob der Kurs der Republik auch weiterhin Richtung Eisberg geht – und schon ist das Leben weniger schön, wird sogar ausgesprochen hässlich. Gerade kursiert ein Gerücht in den Medien, nach denen die USA in Zukunft wieder über Unmengen an billiger Energie verfügen werden.  Eine flüchtige Botschaft, die heute nur noch schwer aufzufinden ist – dabei wäre es doch eine  Sensation, wenn man verkünden könnte, das die Energiekrise der Menschheit gelöst ist. Stattdessen, was erfährt man, was hat Priorität in der Berichterstattung? Ich denke alleine an die geschätzten einhundert Artikel zu „Wetten, dass“ und das tägliche Durchkauen der vortäglichen Talkshows. Wir beschäftigen uns medial am liebsten nur noch mit uns selber – könnte  man sagen. Leider stimmt das nicht, weil „wir“ nicht bestimmen, was geschrieben wird, denn das bestimmen „die Märkte“ – und sie lassen es sich viele Werbemilliarden kosten, das wir glauben, das das, was sie senden und schreiben, wirklich das ist, was wir wissen wollen. Riesengroße Reklametafeln warnen uns auch regelmäßig vor, was wir am Abend zu gucken haben, damit wir am nächsten Tag im Büro nicht völlig unvorbereitet sind. Wundert es da, es auch große Zeitungen pleite gehen?

Jetzt hat es die Frankfurter Rundschau erwischt, die FTD soll bald folgen: ein Zeitungssterben droht am Horizont (siehe Handelsblatt).  Auf einmal melden sich sogar die Gewerkschaften und fordern eine Perspektive für die von Entlassung bedrohten Journalisten (siehe Spiegel) – eine Perspektive, die wohl Millionen andere Menschen nicht brauchen, denn wer als Leiharbeiter zwischen Hartz-IV und Ausbeutung pendelt, bekommt selten soviel Zuwendung aus den Führungsetagen der Gesellschaft. Ein wenig muss ich nun persönlich werden, weil mir schon klar ist, das ich selbst (mit tausend anderen) am Untergang der „Totholzmedien“ beteiligt bin. Ich stehle Leser – und demonstriere öffentlich, das man meistens keine „geheimen Quellen“ braucht, um der Wahrheit nahe zu kommen: kritische Kreuzlektüre von Spiegel, Welt und Handelsblatt reichen in der Regel aus, um seine eigenen Schlussfolgerungen zu ziehen. Ich habe heute auch mal einen Blick in die Frankfurter Rundschau geworfen – nicht eine Information, die für mich relevant gewesen wäre.

Dafür waren die Artikel über ihr Ende interessant, zum Beispiel der aus der FAZ: „Der Tag der lebenden Toten“. Hier reicht es völlig, den Titel zu lesen: erstmalig in der deutschen Medienlandschaft werden Arbeitslose mit Zombies verglichen, jenen hirnlosen, stinkenden, verwesenden Horrorgestalten, die in den Blockbustern der Gegenwart in die Häuser reicher Menschen eindringen, um sie bei lebendigem Leibe aufzufressen: so fühlt der Neoliberalist, wenn er das Wort „Sozialstaat“ hört – und er weiß auch, wie er damit umzugehen hat … ein Schuss mit der Schrotflinte in den Kopf, das war es dann mit dem Arbeitslosen. Dabei gehören Journalisten mit zu der ersten Garde, die fleissig und emsig jene Zombies schaffen, jenes dunkle Bild vom Langzeitarbeitslosen, der sich faul und fies gelaunt mit unglaublich schlechten Manieren auf unsere Kosten ein gutes Leben macht.

Aber – was will man schon anderes erwarten in einem Land, in dem  sogar die  Politiker völlig im eigenen Haus versagen. Wahrscheinlich verstehen sich die beiden Berufsgruppen deshalb so gut – immerhin stellen sie Teile der Frontlinie da, die die Superreichen vor den Zombiehorden schützen sollen. Das demonstriert aktuell der deutsche Bundestag: dort verdienen Schreibkräfte so wenig, das sie ihre Vollzeitstelle mit Bezügen aus Hartz IV aufstocken müssen (siehe Spiegel, der sich auf einen Bericht des ARD-Magazins Report Mainz beruft):

„Gängige Praxis ist, dass in etlichen Bereichen in den letzten Jahren Beschäftigungsverhältnisse, die im Bundestag vorhanden waren, ausgegliedert worden sind zu Drittfirmen“, so Schreiner. Die Beschäftigten seien aber die gleichen geblieben. „Der entscheidende Unterschied ist, dass die Beschäftigten jetzt zu wesentlich niedrigeren Löhnen arbeiten.“

So geht es in der ganzen Republik – und das ist ein stetig wachsender Trend. Es geht um die große, systematische Verarmung ganzer Bevölkerungsschichten – aber kein Medium hat sich diesem Zusammenbruch der bundesdeutschen demokratischen Wohlstandskultur in den Weg gestellt. Jetzt merken sie, das auch die Propagandaaktivisten des Neoliberalismus nicht vor dem Prozess verschont bleiben, der Schmusekurs mit dem Kapitalismus führt halt nicht dazu, der der einen plötzlich lieb hat: man verkauft nur seine Seele etwas schneller als die anderen, mit denen man dann später bei dem Jobcenter aufschlägt, um sich sanktionieren zu lassen.

Selbst Blätter, die es besser wissen sollten, schlagen hier denselben Kurs ein. So hat jetzt das „Neue Deutschland„, das den von staatlicher Seite mit Folter durch Hunger überzogenen Ralph Boes zu einem „rheinischen Winzersohn“ mit „einem verrückten Plan“ gemacht:

Der Winzersohn hat sich in eine Lage gebracht, aus der er ohne Weiteres nicht mehr rauskommen wird.

Ja, wer solche Freunde wie das pseudolinke neue Deutschland hat, der braucht auch wirklich keine Feinde mehr. Auch dort schreibt man mit einem Gefühl von Achtung und Demut vor der Obrigkeit, die ja vielleicht auch irgendwann erkennt, das man selbst gar kein „Linker“ war, sondern nur in Zeiten der Not so getan hat als ob: der Grundtenor der gesamten deutschen Journaille. Wer aber will wirklich einen solchen Schmarrn noch lesen, in Zeiten, wo die Obdachlosigkeit selbst für Arbeitnehmer vor der Tür steht, die nicht mehr genug verdienen, um als „Melkkühe der Nation“ (siehe Welt) für Anleger im Immobiliensektor bereitstehen zu können.  Über 14 Millionen Menschen (Leiharbeiter und Hartz IV-Abhängige) stehen im Hochpreisland Deutschland aktuell vor dem Aus – die vielen Minirentner gar nicht mitgezählt, da kommen wir wahrscheinlich schnell auf 20 Millionen.

Die Verarmungswelle erreicht auch zunehmend die priviligierten Schichten, jene Menschen, die sich dereinst aus der gesetzlichen Krankenversicherung verabschiedet hatten, weil die Privaten diese schönen günstigen Tarife für junge, gesunde Menschen hatten. Man wusste schon damals, das das im Alter teuer wird, aber wer für Millionäre schreibt, den stört das  nicht sonderlich. Jetzt dürfen diese Gestalten 1022 Euro im Monat für ihre Krankenversicherung ausgeben (siehe Spiegel), Tendenz: steigend – bis zu dreißig Prozent sind möglich. Das ist halt das Leben im ungebremsten Kapitalismus: immer auf der Flucht vor der endgültigen Insolvenz, immer auf der Flucht vor Armut, Ausgrenzung und staatlicher Verfolgung wegen beruflicher Erfolglosigkeit. Ja – das hier und heute Menschen staatlich verfolgt werden, weil sie momentan beruflich weniger erfolgreich sind als andere und wir diese Looser wegen den verdammten überlebenden Sozialstaatsresten nicht einfach auf der nächsten Mülldeponie zum sozialverträglichen Frühableben entsorgen dürfen, ist eine Perspektive, die zwar wahr ist – aber so nie in den Medien auftaucht. Dort ist Schönsprech angesagt – aber man wundert sich dann trotzdem, das das keiner lesen mag.

Und weil dieses Fluchtgefühl für alle im Zentrum des Lebens steht, wollen auch alle immer mehr, um nicht von der schrecklichen Gegenwart aufgefressen zu werden. Wer „es geschafft hat“, der greift ab, wo er nur kann. Das diese Selbstbedienungsmentalität von jemandem bezahlt werden muss, ist auch allen klar: dafür wurde ja Hartz IV und der Niedriglohnsektor geschaffen, eine Entwicklung, von der Millionen von Menschen PROFITIEREN, weshalb man es auch nicht schaffen wird, erfolgreich dagegen anzugehen.

4300 Computer für 1800 Mitarbeiter – so sieht laut Handelsblatt die IT-Bilanz der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt aus. Dort hat jede Hand einen eigenen PC, manche setzen auch schon ihre Füße für die Schreibarbeit ein. Oder man kauft ganz viel ein, um die Familie nebenbei mit zu versorgen – so etwas kenne ich aus Großkonzernen.  Man kann sich das auch erlauben, dank gut gepflegter Netzwerke in Wirtschaft und Politik kann man über Preise und Steuern alles wieder ´reinholen.

Solche Überlegungen werden auch schon in der Planung berücksichtigt. Aktuell gibt es ja Streit um den Haushalt des Europaparlaments, siehe Spiegel. 138 Milliarden – das sind einhundertachtundreissigtausend Millionen – will das EU-Parlament. 2011 waren es noch 126,5 Milliarden – das entspricht einem dicken, fetten, saftigen Plus von 11,5 Milliarden – oder 8,7 %. Wollen die jetzt auch Rechner für die ganze Familie? Hatten wir da nicht EU-weit ein paar kleine finanzielle Probleme und wollen mehrere Staaten zur strikten Sparsamkeit verpflichten – mit Methoden, die aktuell für nie dagewesenen Protest in Griechenland sorgen: die Bürgermeister weigern sich, der Regierung die geforderten Entlassungslisten zuzuschicken (siehe Spiegel):

Die Entlassungen im Öffentlichen Dienst sind eine zentrale Forderung der internationalen Geldgeber – andernfalls soll Griechenland keine Finanzhilfen bekommen. Tausende Staatsbedienstete sollen mit Gehaltskürzungen in eine Art Reserve-Pool abgeschoben werden. Wenn sie nach einem Jahr keine neue Stelle im Öffentlichen Dienst oder der Privatwirtschaft gefunden haben, sollen sie entlassen werden.

Hier regt sich Widerstand gegen die gesamteuropäische Verarmungswelle, der Wirkung zeigt – und was machen die (pseudo)linken Tageszeitungen? Rufen sie auf zum Generalstreik in Deutschland? Nein – heute, an dem Tag, an dem in vielen deutschen Städten Demonstrationen stattfinden (sogar die Gewerkschaft der Polizei macht mobil), widmet sich das Neue Deutschland dem Fleischkonsum. „Gesund essen ist gut für´s Klima“ springt mich da auf der ersten Seite an – und ich denke gleich an Ralph Boes, der heute wieder hungern wird. Kein Wunder, das er im Neuen Deutschland nicht so gut wegkommt – die finden das gut, das der nichts isst. Bleibt mehr Klima für den Redakteur übrig. Auch die TAZ lobt die fleischlosen Tage (allerdings erst auf Platz 3 der Artikelliste, Personalfragen der chinesischen Armee bekommen heute Platz 1), offensichtlich hat der Artikel im Spiegel über die neuen Rekordausstöße von CO2 seine Wirkung nicht verfehlt – die spielen inzwischen als Team zusammen, wie beim Fußball.

Viel revolutionärer gebärdet sich da die Welt, auch wenn ich hier oft den Verdacht habe, das sie gar nicht wissen, was sie mit ihren Informationen so alles anrichten. Da gibt es jetzt einen Artikel, der berufliche Chancen für junge deutsche Frauen beschreibt – einen Artikel mit größter Wichtigkeit, den man allerdings nur ganz weit unten findet. Doch lauschen wir erstmal der Welt, die uns die junge Frau vorstellt:

Chloés Geschichte ist die Geschichte der Generation Praktikum in den Jahren der Krise. Als sie noch in Paris wohnte, wurde die 27-Jährige oft zu Bewerbungsgesprächen eingeladen. Sie kam dann, auf hohen Schuhen, aber nicht höher als der Pariser Bewerbungs-Dresscode es erlaubt, im Bleistiftrock oder Hosenanzug.

Meist mit einem professionellen Lächeln auf den schmalen Lippen, die blonden Haare zu einem Zopf gebunden. In der schwarzen Handtasche trug sie eine Mappe mit Lebenslauf und einem Master von einer teuren Pariser Business School in „Business and Communication”.

Die Generation Praktikum – das ist unsere Jugend. Und an der verdienen alle mit:

Praktika findet sie so viele sie will, bei der Presseabteilung der französischen Regierungspartei, in der Werbeabteilung eines exklusiven Concept Stores und bei einer „Makeover Agency“, die reichen Frauen einen neuen Look verkauft. 400 Euro bekommt eine Praktikantin in Paris für solche Jobs – 700 Euro kostet ein Ein-Zimmer-Appartement in der Pariser Vorstadt.

Das ist – kurz gesagt – die Misere Europas auf einen ganz kleinen Nenner gebracht. Immer höhere Mieten, immer höhere Preise, immer weniger Einkommen – so stirbt man sehr langsam, aber trotzdem sicher – dabei reden wir hier von den Idealkandidaten der europäischen Wirtschaft: jung, attraktiv, sehr  gut ausgebildet von einer privaten Business-School: das solche Menschen hier keinen Job mehr finden, gehört auf die Seite 1 jeder Tageszeitung – mit einer ganz fetten Überschrift versehen, zeigt die Geschichte uns doch, wie chancenlos dann all jene sind, die sich keine sündhaft teuere Privatschule leisten können.

Aber die Geschichte geht noch weiter – und man könnte meinen, sie wird mit Absicht so erzählt. Unsere gute Chloé geht nach Kanada, wird dort Stripperin – und macht eine merkwüdige Erfahrung:

Es ist eine Parallelgesellschaft, der Chloé in den Pariser Clubs oft genug begegnet ist, und die oft genug im Fernsehen gezeigt wird. Es sind Leute, denen es im Prinzip egal ist, ob eine Handtasche nun vier oder acht Tausend Dollar kostet, wenn sie sie verschenken wollen.

Von hier aus sehen Chloés alte Träume naiv und absurd aus: Eine Mischung aus schickem Irrenhaus und kreativem Hamsterrad. Ihre alten Kollegen wie Galeerensklaven ohne Ketten, die auf die Chance hoffen, irgendwann einmal Trommler zu werden. Aber die Boote gehören jemand anders.

Galeerensklaven ohne Ketten – das ist aus uns Arbeitnehmern geworden. Auch aus denen, die an der Spitze stehen. Ihr größtes Ziel: mal Trommler werden, mal selber auf die ganz dicke Pauke hauen.  Träume vom eigenen Boot hat niemand mehr. 700 kanadische Dollar bringt Chloe abends nach Hause – mindestens. Geschäftsleitergehalt. Und das alles steht einfach so in der Welt, als sei es ganz normal – und nicht ein Symptom für des definitive Ende aller zivilisierten Gesellschaftsverträge, die wir so haben. Chloes Verdienst resultiert natürlich aus dem Überflussgeld, das besonders erfolgreiche und trickreiche Räuber für sich aus dem System gezogen haben. Die haben soviel zuviel, das es egal ist, wie viele tausend Euro eine Handtasche kostet – fast so egal wie die Frage, wie viele Laptops eine Behörde eigentlich wirklich braucht. Es zeigt, wieviel zuviel in gewissen Kreisen vorhanden ist, weil die Galeerensklaven jetzt schon ein Praktikum als Ruderer als großen Gewinn ansehen.

Der Spiegel berichtet derzeit von einer interessanten Entdeckung:

„Ich würde wetten, dass ein durchschnittlicher Bürger aus dem Athen vor 3000 Jahren, der plötzlich in unserer Zeit auftauchen würde, einer der hellsten und intellektuellsten Köpfe wäre. Mit einem guten Gedächtnis, einer großen Palette von Ideen und einem klaren Blick für das Wesentliche.“ Mit diesem Szenario beginnt der US-amerikanische Entwicklungsbiologe Gerald Crabtree einen zweiteiligen Fachartikel im Magazin „Trends in Genetics“.

Als Freund der griechischen Philosophie könnte ich diesen Eindruck nur bestätigen. Käme ein griechischer Philosoph in unsere Zeit – er würde sich gruseln und voller Abscheu abwenden  – egal, welcher Schule er angehörte. So sehr stinkt unsere Blödheit zum Himmel, das selbst ein Neandertaler die Nase rümpfen würde. Es mag genetisch bedingt sein, das wir immer blöder werden …. aber wäre es nicht gerade Aufgabe der Presse, uns davor zu bewahren anstatt täglich ihren Teil dazu zu tun, das wir immer blöder werden, immer weniger Ahnung von dem haben, was um uns herum vor sich geht und nur noch verwundert dreinschauen, wenn Stripperinnen aus Kanada unsere Leistungselite als Galeerensklaven bezeichnen?

Ich bin mir sicher, diese Stripperin aus Kanada würde von Plato, Epikur und Diogenes als Gesprächspartner sehr begrüßt werden, weil ihr keinerlei ideologische Scheuklappen die Sicht versperren.

Auch in der großen Politik wäre die Hilfe solcher Denker hochwillkommen – immerhin gilt es einen Tyrannen zu beseitigen. Doch – ach wie schön – wir bräuchten noch nicht mal den Tyrannenmord zu diskutieren, denn unser Tyrann sind „die Märkte“ … und die leben gar nicht. Die sind an sich völlig tot – und gebärden sich wie Zombies, die alles menschliche Leben vertilgen wollen. Die kann man also in aller Ruhe und ohne Gewissensbisse erledigen. Sogar Jesus – der Held unserer Religion – hat die Märkte aus dem Tempel vertrieben – und wie schnell wären wir diese Tyrannen los, wenn nur alle kritischen Medien es der Welt gleichtun würden und uns schonungslos über die Realitäten in Deutschland aufklärten.

Leider … haben sich die Zeitungen auf „Unterhaltung“ spezialisiert und meiden Aufklärung wie die Pest, weil … man auch als Journalist davon träumt, mal großer Trommler zu werden.

Deshalb … ist aktuell jede tote Zeitung eine gute Zeitung. Sie macht Platz für etwas Neues.

PS: ein Tip noch für Geldanleger. 2008 prognostizierte ich für die Piratenpartei 15 % Wählerstimmen. Damit lag ich richtig. Für ein entsprechendes Medium, das sich der Wahrheit verpflichtet fühlt und nicht nur den sorglosen Scheiß veröffentlicht, den alle täglich schreiben, wage ich eine gleiche Prognose. Das wäre auch ein schöner Name für diese „Gegenbild“-Zeitung: WAHRHEIT! Gut, die gab es schon mal, als Zeitung der SEW– aber der Name hat eine gute Tradition:

  • Die SEW war ein Unikat unter den politischen Parteien in Westberlin. Finanziert und gelenkt von der SED, wirkte sie in einem Umfeld, das ihr zumeist feindlich gegenüberstand. Trotzdem gelang es der SEW, Massen zu mobilisieren und Einfluss auf die politischen Kräfte in Westberlin auszuüben. Als Beispiele seien hier die Maidemonstrationen nach 1968 oder die Friedensbewegung der 1980er Jahre genannt.
  • Im Unterschied zu CDU, SPD und FDP wurde die SEW nie in den Korruptionssumpf der Frontstadt hineingezogen.

Da kann man mal sehen, wozu Wahrheit alles gut sein kann: sie bewegt die Massen, erlaubt erfolgreiches Überleben in feindlichem Umfeld und schützt vor Korruption. Vielleicht haben die griechischen Bürgermeister noch etwas von diesem philosophischem Geist in sich …

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Empörung wächst. – Wen wundert’s?

Die Empörung wächst. – Wen wundert’s?

In Europa breitet sich Empörung aus. Unzählige Menschen tragen sie auf die Strassen der Städte, insbesondere in Spanien und Griechenland, aber auch darüber hinaus. Wo kommt sie her, die Empörung? Wo führt sie hin? – Ein Deutungsversuch zwischen Hoffen und Bangen.

Ist es Zufall oder nicht? Am Anfang stand das schmale Bändchen «Empört euch!» von Stéphane Hessel, in dem er die Jugend dazu aufruft, sich durch die Missstände in Gesellschaft und Politik empören zu lassen. Ohne Empörung gebe es keine Veränderung. Inzwischen sorgen die Empörten auf den Strassen Madrids, Athens und vieler weiterer Städte Europas für Aufsehen und fordern lautstark, aber friedlich einen grundlegenden Wandel in Politik und Gesellschaft. Die Empörung wächst quer durch alle Generationen und (fast) alle Gesellschaftsschichten. Bald muss man – pardon, kann man von einer europaweiten, wenn nicht globalen Empörung sprechen. Und wie von Hessel angemahnt, sind die Demonstrationen und Protestcamps weitgehend friedlich und gewaltlos, zumindest seitens der Empörten. Oft ähneln sie schrillen Happenings und entwickeln sich zu veritablen Räteversammlungen.

Empörung gegen alte Rezepte
Die Empörung richtet sich zunächst gegen die Politiker des eigenen Landes, die Wasser predigen und Wein trinken und die Bedürfnisse der einfachen Menschen völlig aus den Augen verloren haben. Wie sonst kann man erklären, dass zwar willfährig Banken gerettet, aber das Gemeinwesen und der Sozialstaat systematisch demontiert werden. Die Empörung richtet sich auch gegen die Aushöhlung demokratischer Prozesse durch wirtschaftliche Interessen und im Speziellen gegen die Spardiktate der Europäischen Union und des Internationalen Währungsfonds, deren immer gleiche Rezepte sich längst als unwirksam, ja als schädlicher denn die eigentliche Krankheit erwiesen haben. Die Empörung richtet sich ferner gegen die entfesselte Wirtschaft des 21. Jahrhunderts, die längst zum Selbstzweck verkommen ist und für zusätzliche Profite buchstäblich über Leichen geht. Schliesslich richtet sich die Empörung auch gegen den Nihilismus einer Gesellschaft, die fest entschlossen scheint, den nachfolgenden Generationen einen geschundenen, erschöpften Planeten zu hinterlassen.

Die Empörung wächst im selben Mass, wie die Dreistigkeit und der Machiavellismus der elitären Globalisierung zunimmt. Die Finanzindustrie nimmt hier eine hervorragende Stellung ein, hat sie sich doch längst von der Realwirtschaft abgekoppelt. Mehr noch: Sie hat Realwirtschaft und Politik in Geiselhaft genommen, soweit sie nicht ohnehin mit beiden verbandelt ist, und diktiert uns allen, wo es lang gehen soll. Gleichzeitig trägt sie nichts, aber auch gar nichts Gedeihliches zu Wirtschaft und Gesellschaft bei. Sie verkörpert das, was auch die Revolution der Reichen gegen die Armen genannt wird.

«Wenn Ihr uns nicht träumen lässt, werden wir euch nicht schlafen lassen.»

Wohin führt die Empörung?
Wen wundert’s, dass sich die Menschen empören und zu Tausenden auf die Strasse gehen. Hauptsächlich in Griechenland und Spanien, aber auch in vielen anderen europäischen Ländern erwachen die Menschen und stellen sich dem als unredlich empfundenen Sparbefehl und dem Ausverkauf des Staates entgegen.

Doch Empörung kann nur der Anfang sein. Und was daraus erwächst, steht noch in den Sternen. Die Empörung könnte rechten und rechtsextremen Parteien und Gruppierungen zusätzlichen Auftrieb verleihen. Diese könnten daraus ihr eigenes Süppchen kochen. Schon heute haben sie europaweit Rückenwind, einen Rückenwind, der sich aus einem verderblichen Gemenge aus Angst, Politikverdrossenheit und abgrundtiefem Egoismus nährt. Ja, Empörung kann auch in Wut und Gewalt umschlagen. Sie wäre dann an einen Punkt gelangt, wo sie historisch schon tausendfach war  – und nur noch mehr Leid, aber keine grundlegende Veränderung gebracht hat.

Es besteht aber auch die Hoffnung, dass die Empörten zu neuen Formen der gesellschaftlichen Gestaltung finden – jenseits der reinen Parteipolitik und auch jenseits der gewalttätiger Konfrontation auf der Strasse. So jedenfalls schildert es der spanische Soziologe César Rendueles in einem Interview mit der taz: «Das Interessante am 15-M ist [gemeint ist die spanische Protestbewegung], dass die Bewegung einen Punkt in der Mitte gefunden hat: eine Form des Ungehorsams, die von sehr vielen Menschen praktiziert werden kann. Diese Praxis ist von offenen, horizontalen Diskussionen, dem Verzicht auf Gewalt und einer Ablehnung der Parteien geprägt.» Es besteht die Hoffnung, dass hier, inmitten der Empörten, ein Raum für neue Ideen entsteht, ein zivilgesellschaftlicher Impuls, mit dem auch in Zukunft zu rechnen ist und der einen echten Wandel bringt.

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Fotos (CC-Lizenz) von Julien Lagarde, aufgenommen kurz nach einem Polizeiangriff auf das Protestcamp in La Ribera, Barcelona (27. Mai 2011).

Walter Bs Textereien
http://walbei.wordpress.com/

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