Streik

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Die unerträgliche Trägheit der Deutschen: G 20 in Hamburg

Freitag, 7.7.2017. Eifel. Es ist mal wieder Zeit, kurz etwas in eigener Sache zu schreiben. Rufen Sie mal den „Nachrichtenspiegel“ auf, das nichtkommerzielle Nachdenkmagazin, das am 4.7.2010 startete. Ja – wir sind jetzt sieben Jahre alt geworden, haben die Kleinkindphase hinter uns. Vor 2015 waren es zehn Millionen Leser, heute sind es: 18.536.882 Zuschauer seit dem 09.12.2011 12:00. Gut – die kommen nicht alle täglich vorbei, es verteilt sich auf eine lange Zeit: aber es scheint mir schon erstaunlich zu sein, wie viele Menschen man als Privatmann erreichen kann, auch mit langen, komplizierten Texten, die ihre Quellen hauptsächlich aus dem Mainstream beziehen. Ja – ist ja oft kritisiert worden: ich lese Mainstream. Ich bin ja auch kein Verfechter des Wortes „Lügenpresse“, ja manchmal scheint mir halt „Lückenpresse“ zu hart, ich würde eher von „Willkürpresse“ reden, die reale Informationen mit massiver sprachlicher Gewalt in irreale Schemata presst – mein Job ist es da nur, sie in anderen Schemata abzubilden, kleine Geschichten darüber zu schreiben, aus welcher Sicht man das noch sehen könnte, um sich umfassend eine Meinung bilden zu können. „Even the worst case“ war die Devise, als ich damals anfing zu schreiben – für jemanden aus dem Management ganz normal, für die Politik in Berlin: eine fremdartige Perspektive, dort herrschte eher Pippi Langstrumpf – man machte sich die Welt, wie es einem gefällt.

Kurz nach unserem fünften Geburtstag erhielt ich einen offenen Brief von dem Herrn Parkwächter – ich hatte wohl den Eindruck erweckt, als wäre ich hoffnungslos und würde bald das Schreiben einstellen; er wollte mir ins Gewissen reden, warum das gar nicht geht. Ich gestehe, er hatte Recht – und immer wenn mich der Gedanke beschleicht, dass ich vielleicht doch lieber Fernsehen schauen oder Bier trinkend am Strand liegen sollte, dann weiß ich, dass ich dort in seinen Worten die Gründe finde, nochmal ein paar Worte zu machen – und zwar heute auf Wunsch eines Menschen, der die Welt nicht mehr versteht.

Gehen wir dazu erstmal in die jüngere Vergangenheit. Können Sie sich noch an das Jahr 1987 erinnern? Ich zitiere da mal was aus dieser Zeit (siehe Spiegel):

„Die Belagerung begann mitten in der Nacht. Lange vor Beginn der Frühschicht rückten Trupps mit Hunderten von Stahlarbeitern in die Stadt aus. Sie riegelten Bundesstraßen ab und sperrten eine Autobahnauffahrt. Knapp 16 Stunden lang blockierten die Männer eine dreispurige Rheinbrücke.“

Faszinierend, oder? Obwohl ich auch zu den Menschen gehörte, denen die Staus an jenem Tage zu schaffen machten, war meine Laune gut: solange sowas noch auf deutschen Straßen geschah, war die Demokratie sicher. Wenn wirklich was schief lief in der Bürokratie, konnte man sicher sein: die Jungs vom Stahlwerk machen die Autobahnen dicht:

„Der Duisburger Stadtteil Rheinhausen war vorigen Mittwoch fast abgeriegelt. Hinter Straßensperren und heißen Kokskörben hatten sich Tausende von Stahlarbeitern in Stellung gebracht. Arbeiter drohten, dicke Stahlbrammen auf die Autobahn zu werfen oder die A 2 zu besetzen. Selbst NRW-Ministerpräsident Johannes Rau konnte nur auf Schleichwegen in die Stahlfestung gelangen.“

Ja. Es kam keine Polizei, sondern der Ministerpräsident. Persönlich – um mit den Jungs zu reden. Die Jungs zeigten auch deutlich, dass der Spaß vorbei war, sie wurden sehr persönlich und zeigten Konsequenzen auf:

„In Rheinhausen verbrannten Arbeiter eine Stoffpuppe. Sie trug den Namen des für den geplanten Abbau verantwortlichen Chefmanagers Gerhard Cromme. Ein Demonstrant trug ein Pappschild vor dem Bauch: „Wenn Krupp-Rheinhausen stirbt, dann stirbt auch Cromme“.“

Und das Volk? War auf ihrer Seite:

„Der ganze Stadtteil, geprägt von Krupp und verschweißt mit Stahl, macht mobil. Rund 12000 Duisburger Schüler bauten sich vorigen Donnerstag neben einem Galgen auf und forderten „Zukunft für die Kinder von Rheinhausen“.“

Sie hatten verstanden, welche taktischen Schritte sie zu unternehmen hatten, um ihre strategischen Ziele zu erreichen: ist die Autobahn dicht, geht nichts mehr in den Städten. 18 Jahre später verriet die SPD zusammen mit den Grünen mal wieder ihre ganze Wählerschaft, zersägte den Sozialstaat, brach der Arbeitnehmerschaft das Rückgrat, führte stolz den besten Niedriglohnsektor Europas ein – also: Sklavenarbeit für Millionen – und nichts rührte sich. Man konnte sich wundern: wenn schon ein paar hundert Stahlarbeiter erfolgreich Straßen blockieren konnten, wenn ein paar tausend Stahlarbeiter einen ganzen Stadteil erobern konnte – was konnten da Millionen ausrichten? Nun: eine ganz neue Republik schaffen, eine Republik, die aktiv auf die Herausforderungen der Gegenwart zum Schutze der Eigentümer des Landes (der Bürger – also: uns alle) reagiert und nicht nur Arbeitslose als Sündenböcke an die Wand stellt, die auf einmal ganz allein für die Folgen der irren und willkürlichen Globalisierungsorgien verantwortlich gemacht wurden – als Faulpelze, Parasiten und Schmarotzer, nicht in der Lage, sich durch positiv Denken einen echten Arbeitsplatz herbeizuphantasieren.

Was war geschehen in den Jahren?

Nun – manche sagen, es seien die Arbeiter, denen  durch Hartz IV der Boden unter den Füßen weggezogen wurde. Ich habe dazu mal in privatem Kreise eine Umfrage gestartet, bekam dazu unter anderem diese Antwort:

„Lieber Reiner, wie du weißt, habe ich 6,5 Jahre als Gründer und Vorsitzender einer Unternehmerbewegung viele Vorträge gehalten. Darüber was sich in diesem unserem Lande ändern muss. Ganz ohne linke Gesinnung. Während und danach sagten die meisten, genau so isses. Kaum war eine Nacht vergangen, stiegen sie in ihr Hamsterrad und machten weiter wie zuvor. Dabei könnten wir sovieles tun. Wir müssten nicht nach den Parteien und Verbänden rufen. Wir müssten nur lernen ungehorsam zu sein. Ungehorsam gegen den Konsum, gegen die Behörden, gegen die Parteien, gegen Zwangsgebühren, gegen Banken und, und , und…..“

Das – sagt ein Unternehmer. Sogar der Chef einer Unternehmerbewegung. Der Chef von Unternehmern, die wissen, das wir wirtschaftlich mit Vollgas an die Wand fahren – um hier Panik zu kriegen, braucht man auch gar keine „linke Gesinnung“, volkswirtschaftlich geschulter Sachverstand reicht völlig aus – oder die Erkenntnis, dass Deutschland wieder von einer kleinen Elite regiert wird (siehe Welt), die uns erlaubt, alle vier Jahre einen von zwei Kanditaten ihrer Wahl zu wählen. Hören wir nochmal eine andere Stimme dazu – eine weitere Perspektive aus dem Freundeskreis:

„Für die Passivität gibt es zahlreiche Gründe:
die allgemeine Verblödung und Angst, aufzufallen und bestraft zu werden, sind wohl die wichtigsten. Sie sind ein Ergebnis der autoritären bis totalitären Prägungen unserer Geschichte, in der mindestens seit dem Mittelalter die schamlose Ausbeutung und Versklavung der Bevölkerungsmehrheit mit äusserster Brutalität durchgesetzt wurde. Wer sich dagegen auflehnte, hing schnell am nächsten Galgen, wurde bei den Bauernaufständen niedergemetzelt oder im KZ vergast. Die braven Vollstrecker hingegen wurden befördert und grosszügig beschenkt. Ihre Nachfahren leben oft heute noch von diesen geerbten Reichtümern.
Nur wenige Jahrzehnte lang, nach dem letzten verloren Krieg, musste der deutsche Michel auf Druck der Siegermächte und wohl auch infolge der Kriegsmüdigkeit nach den Elensdsjahren mal kleinere und demokratische Brötchen backen: die allgemeinen Menschenrechte sollten plötzlich in Deutschland Staats- und Erziehungsziel sein. Sie wurden in den 60er und 70er Jahren propagiert, aber nach dem Zusammenbruch des Kommunismus schnell wieder in die Mottenkiste verstaut, weil sie „die da oben“ beim „Durchregieren“ zu sehr stören. Daher breiten sich wieder die Urinstinkte des Obrigkeitsstaates aus, spätesten seit dem mit H4 wieder ein wirksames Folterinstrument bereitgestellt wurde. Unterwürfigkeit und Anpassung sind also in Deutschland fast kontinuierlich durchgesetzte Erziehungsziele und wurden, besonders von den weniger gebildeten Schichten, internalisiert. Sie müssten in einem aufwendigen Lernprozess erstmal wieder abgebaut werden, bevor eine wirksame Emanzipation einsetzen könnte.“

Ja – vielleicht ist das was spezifisch deutsches? Duckmäusertum, Biedermeierphantasien, Anpassungsfanatismus? Ich habe kürzlich Unterlagen sichten dürfen, die Schüler beschrieben, die vor echten Unternehmern Bewerbungsgespräche simulierten, hier konnte man ankreuzen: „Kleidung: angepasst – nicht angepasst“. Zu meinen Schulzeiten hätte das einen Aufstand gegeben – heute wird dieser Übergriff in die intimsten Bereiche des Menschen klaglos hingenommen, ja, noch nicht mal verstanden, was das für ein Übergriff ist.

Gut – wir haben ja noch Demonstrationen wie beim G-20-Gipfel in Hamburg, wo jetzt schon hunderte Menschen verletzt sind (siehe Spiegel) und die Staatsgewalt auch bewusst auf Journalisten einprügelt (siehe Neues Deutschland) – aber es sind ja auch sehr wenig Demonstranten, die dort aufmarschiert sind – und eine bemerkenswerte Unterstützung durch die Bevölkerung erhalten. Ist es wieder da, das neue, vierte Reich, das ganz Europa unter seine Macht zwingt? Ist es vielleicht genau das, was Arbeitnehmer und Unternehmer in ihrer Apathie eint: die gnadenlose Furcht vor dem unbarmherzigen Staat, der jederzeit hemmungslos zuschlagen kann?

Es waren nur 6000 Arbeitsplätze, die damals in Duisburg auf dem Spiel standen und eine Revolte auslöste, die schnell hätte blutig werden können. Sind nämlich harte Jungs, diese Stahlarbeiter. Hart wie Kruppstahl, sozusagen. Sie wollten auch nicht „demonstrieren“ (was nur Sinn macht, wenn die Obrigkeit dieses Ritual als Zeichen akzeptiert), sondern … richtig dicken Stunk machen. Gnadenlos, umbarmherzig, hemmungslos – die symbolische Verbrennung eines Menschen ist keine Kleinigkeit … und wenn man ihren Worten traut, war das nicht nur ein Zeichen, sondern ein Versprechen. Es war keine Demonstration – es war eine Barrikade, die eine deutliche Linie in den Sand zieht und sagt: bis hierher und nicht weiter. Es ging auch um viel: das Überleben einer Stadt … die heute enorme soziale Probleme hat. Und es gab erstaunlich viel Solidarität (siehe sozialismus.info).

Heute geht es um viel mehr: aber die Meldung, dass US-Investoren den Abbau von 20000 Arbeitsplätzen bei der Deutschen Post fordern (ein erstaunlicher Eingriff in die „inneren Angelegenheiten eines Landes“) findet man nur noch am Rande (siehe junge Welt), niemand käme auf die Idee, den Frankfurter Flughafen dafür zu blockieren. Ja – stellen Sie sich doch einfach mal vor, es wären eine Million Demonstranten (so viele wie früher mal auf den Ostermärschen), die in Hamburg gegen den irrsinnigen G-20 Gipfel (im Grunde eine reine Privatveranstaltung auf Kosten der Steuerzahler, die nur die Interessen der „Investoren“ vertritt) angehen – und sie hätten den Flughafen blockiert, damit die ganze Invasion der Funktionselite überhaupt nicht ins Land gelangen kann? Mit 19000 Polizisten kann man sehr gut auf ein paar hundert Demonstranten einprügeln (siehe Zeit), da ist noch kein großes persönliches Risiko zu erwarten – muss man jedoch Barrikaden stürmen, die von einer Übermacht gehalten werden … fällt einem vielleicht ein, das hinter den Barrikaden die Steuerzahler stehen, denen man sein eigenes Gehalt zu verdanken hat … und dass man in erster Linie zum Schutze dieser Steuerzahler im Dienst ist und nicht zum Schutze ausländischer Potentaten. Selbst im Flaggschiff der deutschen Nachrichtenfront wird offen diskutiert, dass die Polizei nur Prügelknabe für die Politik ist (siehe Tagesschau) … einer Politik, die sich ganz offen das Verhandeln mit dem Bürger abgewöhnt hat und lieber offen den Knüppel regieren läßt.

Aber: wo bleiben die Millionen … deren Arbeitsplätze durch die „Industrie 4.0“ in unglaublicher Menge (man spricht für Deutschland von 18 Millionen) abgebaut werden? Die Millionen, die erwarten dürfen, dass das aktuelle Pilotprojekt – Gratisarbeit durch Arbeitslose für Behörden und Unternehmen (siehe taz) … also: konsequente Rückkehr zur Sklavenhaltergesellschaft … bald für sie alle Standard werden wird?

Was ist der Grund dafür, dass ein ganzes Land in ohnmächtige Apathie verfällt?

Ich habe da an ungewöhnlichem Orte eine Erklärung gefunden, mitten im ehemaligen „Sturmgeschütz der Demokratie“ (heute eher: die Haubitze des Konformismus) – von einem ehemaligen Manager und Karrierecoach (siehe Spiegel):

„Wir lesen dieselben Bestseller, pfeifen dieselben Hits, nutzen dieselbe Suchmaschine, tummeln uns im selben sozialen Netzwerk und schmieden die gleichen Karrierepläne. Und natürlich sehen wir im Fernsehen dieselbe Werbung, die Millionen Menschen individuelles Glück verspricht, sofern diese – aufgepasst! – alle das gleiche Duschgel, die gleiche Versicherung oder die gleiche Schlaftablette kaufen. Da weiß man, was man hat: ein Reihenleben im Reihenhaus.

Und doch weigert sich das Glück, bei uns einzuziehen. Denn tief innen fragen sich viele: „Was hat dieses Leben eigentlich mit mir zu tun?“ Immer mehr Menschen fühlen sich im falschen Film. Vier von zehn Deutschen geben an, die Qualität ihres Lebens nehme ab. Hinter hektischer Aktivität, hinter lächelnden Gesichtern, hinter makellosen Fassaden gähnt ein Abgrund aus Sinnlosigkeit. Die Depression ist zur Volkskrankheit geworden, Menschen verlieren ihr Leben durch Anpassung.“

Ja – deshalb hatte ich 2015 den Begriff „Zombiefizierung der Gesellschaft“ gewählt, auf den mein Kollege Parkwächter dann geantwortet hatte. „Menschen verlieren ihr Leben durch Anpassung“ … und wandeln nur noch als lebende Tote durch ihr sinnloses Leben. Ja – schauen Sie mal in den Spiegel: dann sehen Sie einen. Und Sie können heute schon sicher sein, dass Sie das, was Sie ihr „Leben“ nennen, zum Zeitpunkt ihres Todes (der Sie mit absoluter Sicherheit ereilen wird … selbst, wenn Sie derzeit ganz feste nicht daran glauben) am meisten bereuen werden (siehe Tagesanzeiger).

Und die Quelle dieser Pest?

Nun – was der Karrierecoach erkannt hat, findet man –  mit anderen Worten – auch bei Jean Ziegler (siehe Junge Welt):

„Die neoliberale Wahnidee will uns eintrichtern, dass sich der Markt selbst reguliert, dass er Naturkräften folgt und der Mensch nichts anders tun kann, als sich diesen Marktkräften zu unterwerfen. Dadurch wird der Mensch seiner historischen Subjektivität und Singularität beraubt. Er verhält sich nur noch so, wie ihm die Warengesellschaft das diktiert.“

Schwieriger formuliert, gleiche Botschaft: die absolute Vernichtung des „Ich“ durch … Werbung, jenem Motor der Informationsindustrie, ohne den sie keinen Tag überleben könnte, einem Motor, der von den „raffiniertesten Manipulatoren“ (siehe Zeit) betrieben wird, einer Manipulation, die den Reichen so wichtig ist, dass sie per EU-Richtlinie in Zukunft noch viel mehr Raum einnehmen darf  (siehe Handelsblatt).

Vier Stunden am Tag schauen sie fern – davon sind 1,3 Stunden raffinierteste Werbung, der Sie sich auch in Printmedien wie Stern, Spiegel, Focus nicht entziehen können – die sind ja inzwischen reine Werbeblätter mit kleinem Raum für das – meiner Meinung nach sinn- und zweckfreie – „aneinanderfügen scheinbar relevanter Fakten“ (so ein ARD-Mann über die Tagesschau, dem Leitmedium der Deutschen – siehe Spiegel). Die Kernbotschaft? „Deutschland geht es gut – und das ist ein Grund zur Freude“ … und Sie können daran teilnehmen, wenn Sie sich für ein Reihenleben im Reihenhaus entscheiden und alles so ausführen, wie es Ihnen die Warenwirtschaft und ihre Unterhaltungsclowns diktieren. Die sind sogar so gut, dass sie den Deutschen einreden, dass man – trotz perfektestem Straßensystem der Welt – einen geländetauglichen radikal umweltschädlichen Protzwagen (SUV) braucht, um sich sicher im Straßenverkehr bewegen zu können … wer das schafft, kann auch Eskimos Kühlschränke verkaufen.

Was manipuliert wird? Alles. Gezielt ausgerichtet auf Ihr Unterbewusstsein. Ich persönlich schaue schon allein deshalb keine Werbung mehr, weil die in wenigen Sekunden so massive Angriffe auf meine Lebensziele, mein Selbstwertgefühl und die Sinnhaftigkeit meiner Existenz ausführen (mit Bildern geht das deutlich schneller, hierzu später mal mehr) und ich – wirklich – Stunden brauche, um die so implementierten „Werte“ aufzufinden und zu eliminieren, dass ich schlichtweg kapitulieren musste: die sind mir einfach über – und ich denke, das gilt für jedermann.

Und so … fehlt einfach die Kraft, das Selbstbewusstsein, das Solidaritätsgefühl (das ja immens abgenommen hat in den letzten Jahren – siehe Heitmeyerstudie bei Boell.de) weil die Werbewirtschaft elementarste Bereiche unseres Selbstseins zertrümmert – Tag für Tag. Und weil wir es auch – weitgehend umbewusst – zertrümmern lassen.

Daneben … fiel mir aber letztens noch ein ganz andere Aspekt auf, den ich so kaum in der Literatur fand: die, die vor dem Fernseher sitzen, werden behandelt, als seien sie die Könige der Welt. Boten bringen ihnen Nachrichten aus aller Welt, bekannte Stars singen nur für Sie und erniedrigen sich zur Unterhaltung des Königs im Dschungelcamp, wichtige Menschen diskutieren im TV nur für sie, Kanzlerin und Präsident berichten direkt an sie – so wurden früher nur Könige behandelt. Vielleicht – wenn man es nicht hinterfragt – fühlt man sich dann sogar auch so, wenn man auf dem Sofa sitzt: wie der kleine Herr der Welt. Eine tödliche Illusion, die zerbricht, sobald der Ausbeutungsplatz abgeschafft wurde (ja – von Arbeitsplatz rede ich da gar nicht mehr, ich habe verstanden und erlebt, welchen Zweck „Führen mit Zielen“ im Arbeitsleben hat).

Warum sollte der Herr der virtuellen Welt – der jederzeit zwischen hunderten Programmen wählen kann – überhaupt Autobahnen blockieren?

„Deutschland geht es gut – und das ist ein Grund zur Freude“: wir haben direkt die Kanzlerin, die dieses Gefühl wohl am besten aufgegriffen hat.

Sie zweifeln?

Gut, ich mache Ihnen einen Vorschlag. Vielleicht nur … ein Gedankenexperiment. Setzen Sie sich in Zug und Auto und fahren Sie nach Hamburg, bevor die Potentaten ankommen. Ein paar Millionen von Ihnen reichen völlig – die Stadt wird aus allen Nähten platzen, es ist noch nicht mal eine Demonstration … aber an G 20 wäre nicht mehr zu denken. Ist das plausibel für Sie? Machen Sie es jetzt … oder schauen Sie genau in sich hinein, welche Widerstände in Ihnen auftauchen, beobachten Sie genau, was die Stimmen der Werbewirtschaft in Ihnen sagt. Wäre der erste Schritt, sie zu identifizieren – und abzuschalten, damit Sie ihr eigenes Leben wiederbekommen.

Warum Sie nach Hamburg fahren sollten?

Schauen Sie mal an, was dort ausgeheckt wird (siehe Spiegel):

„In Wahrheit verfolgten die G20 jedoch eine „neoliberale“ Agenda, die aus Deregulierung, Privatisierung, rigider Haushaltsführung und Öffnung für ausländische Investoren bestehe. Es fehle der Bezug zur massiven Arbeitslosigkeit, schlechter Infrastruktur und Strategien, wie man gezielt afrikanische Unternehmen stützen kann. Das wichtige Thema Bildung blende der Plan ganz aus.“

Da geht es um Afrika – aber diese „neoliberale Agenda“ ist halt der kleinste gemeinsame Nenner der G 7 … die damit die G 20 infizieren und dominieren wollen. Für die Ärmsten der Armen haben die gar keinen Platz mehr – weder hier noch in Afrika.

Kommen Sie ins Handeln, bevor … auch Sie zu den Ärmsten der Armen gehören.

Und glauben Sie mir: Sie werden mir am Ende Ihres Lebens dankbar sein, weil Sie … dann letzen Endes doch noch mal ein eigenes Leben hatten.

Oder irre ich da?

 

 

 

Streik

Am 25.02.2013 findet ein ganztätiger Streik bei den Verkehrsbetrieben in Dresden statt. Nein gegen einen Streik kann man eigentlich nichts haben, wenn man für gerechte Löhne und anständige Arbeitsbedingungen ist. Aber das was ver.di hier in Dresden veranstaltet, ist nach meiner Ansicht nach zu hinterfragen, und zu kritisieren. Ich kenne keinen Mitarbeiter der DVB in Dresden, welcher am Monatsende zum Jobcenter gehen muss, um aufzustocken oder sich bei der Dresdner Tafel anstellen muss. Hier wird eine ganze Stadt in „Geiselhaft“ genommen und ältere Menschen und Schwerbehinderte durch ver.di für ihre Ziele „missbraucht“, Arztbesuche verhindert und unter „Hausarrest“ gestellt. Schulkinder sind gezwungen (egal in welchem Alter) zu Fuß zur Schule zu gehen, egal wie weit der Weg zur Schule ist und das  unter den derzeit schwierigen Witterungsbedingungen. Das  hat mich veranlasst, meine Meinung den Tarifpartnern mal mitzuteilen. Ich bin mir bewusst, dass meine Ansicht nicht unbedingt auf Verständnis treffen wird und deshalb gehe ich schon mal in Deckung.

An die Stadt Dresden und ver.di Sachsen!

Betrifft: Streik der DVB am 25.02.2013 in Dresden

Sehr geehrte Damen und Herren!

Mit Empörung haben wir den ganztätigen Streik der DVB am 25.02.2013 zur Kenntnis genommen und es muss ganz klar gesagt werden, dass dieser Streik unverantwortlich ist. Vor allem werden Schulkinder „genötigt“ zu Fuß zur Schule zu gehen, egal wie weit der Weg zur Schule ist, wie alt die Schulkinder sind und das  unter schwierigen Witterungsbedingungen.

Auch ältere Menschen und Schwerbehinderte werden durch ver.di für ihre Ziele „missbraucht“, Arztbesuche verhindert und unter „Hausarrest“ gestellt. Ein unglaubliches Vorgehen ist das. „Fahrlässig“ wird hier mit der Gesundheit und Sicherheit von Kindern und Älteren und Schwerbehinderten umgegangen. Sind Sie sich darüber bewusst? Ist Ihnen das egal?  Nicht zu vergessen, die tausende von Bürgerinnen und Bürgern, welche nicht wissen, wie sie zur Arbeit kommen sollen und nicht auszuschließen ist, dass sie dadurch ihr Arbeitsplatz in Gefahr gerät. Mit einer Dreistigkeit werden die um ihr Geld „betrogen“, die bereits Fahrscheine (Monatskarten, Jahreskarten) gekauft haben, einfach nur unglaublich ist das. Nein, dieser ganztätige Streik, ist unangemessen und nur zu verurteilen. Eine Gewerkschaft, welche ganz Dresden in „Geiselhaft“ nimmt, hat jedes Maß an Moral und Verantwortung gegenüber den Kunden der DVB verloren. Wer Tarifforderungen, über Gesundheit und Sicherheit von Kindern, älteren Menschen und Schwerbehinderten und die bereits bezahlte Dienstleistung, von tausende von Bürgerinnen und Bürgern stellt, kann kein Verständnis erwarten und handelt verantwortungslos.

 

Frank Ullrich

1. Mai: Tag des Grundeinkommens

1. Mai: Tag des Grundeinkommens

Arbeit ist auch nicht mehr, was sie mal war. Dasselbe gilt für den Tag der Arbeit. Es haftet ihm etwas Gestriges an, etwas Antiquiertes. Und die alljährlich ritualisierten 1. Mai-Kundgebungen sind in der Regel eher Folklore denn wahrhaftige Kampftage der ArbeiterInnenbewegung. Warum also nicht stattdessen am 1. Mai den Tag des Grundeinkommens ausrufen? – Ein Pamphlet.

Die Tradition, den 1. Mai als Tag der Arbeit zu feiern, geht auf die turbulenten Ereignisse auf dem Haymarket in Chicago zurück. Dort hielt August Spies, Chefredakteur und Herausgeber der Chicagoer Arbeiter-Zeitung, am Abend des 1. Mai 1886 auf einer Arbeiterversammlung eine programmatische Rede. Es kam daraufhin in Chicago zu mehrtägigen Streiks und zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei, die bald so weit eskalierten, dass es zu Toten auf beiden Seiten kam. Zwar wurden acht Organisatoren der Kundgebungen zum Tode verurteilt und fünf von ihnen, darunter auch August Spies, tatsächlich auch hingerichtet. Trotzdem – oder gerade deswegen – gelten die Haymarket-Vorkommnisse als Geburtsstunde des breiten Klassenbewusstseins der ArbeiterInnen.

Zeitgenössischer Schnitt der Tumulte auf dem Haymarket – die Geburtsstunde des Klassebewusstseins der Arbeiter (Bild: gemeinfrei).

Sozialdarwinismus statt Klassenkampf
Doch das ist Geschichte. Die ArbeiterInnenbewegung gibt es nicht mehr – weil es die ArbeiterInnen nicht mehr gibt. Nicht dass zwischen den Sozialpartnern heute die absolute Gerechtigkeit ausgebrochen wäre. Im Gegenteil. Doch die Ungerechtigkeit lässt sich nicht mehr am Begriff Arbeiter festmachen. Oder kennen Sie persönlich noch einen der seltenen Spezies der (Industrie-)Arbeiter, wie sie früher ganze Regionen bevölkerten und wie man sie damals, so stelle ich mir vor, von weitem als solche erkannte, an ihrer Kleidung, ihrem Gang, ihrem Gebaren.

Auch die Aufteilung in Klassen funktioniert nicht mehr so richtig, jedenfalls nicht entlang der herkömmlichen Klassengrenzen. Oder fühlen Sie sich eindeutig einer bestimmten Klasse zugehörig? Wenn ja, welcher? Womöglich ist heute jeder Mensch eine Klasse für sich. Und der Klassenkampf ist zu einem Kampf jeder gegen jeden mutiert: Sozialdarwinismus statt Klassenkampf. Das würde auch erklären, weshalb heute die Solidarität einen so schweren Stand hat. Die soziale Frage findet jedenfalls im Klassenkampf keine gültige Antwort mehr.

Ironische Darstellung der Klassengesellschaft aus dem Jahr 1911 (Bild: gemeinfrei).

Folklore statt Kampftag
Vieles ist in der Gegenwart uneindeutiger, zersplitterter. Man spricht nicht mehr von Arbeitern, sondern von Angestellten. Und wer ist heute noch in einer Gewerkschaft? Auch Industrie gibt es bei uns kaum mehr. Wir sind eine Dienstleistungsgesellschaft. Und wenn Dienstleister auf die Strasse gehen, dann gibt es allenfalls eine Art folkloristischer Umzug, bunt zwar, aber bestimmt keinen Kampftag – zumindest bis auf weiteres. Nicht nur die Industrie wurde ausgelagert, auch die allerhimmelschreiendste Ungerechtigkeit zog mit ihr fort – zumindest bis auf weiteres …

Weil mit dem Klassenkampf kein Staat mehr zu machen ist, bin ich für die Abschaffung der Nostalgieveranstaltung „Tag der Arbeit“. Vielmehr wünschte ich mir neue, zukunftgerichtete Konzepte, die von der Gegenwart ausgehen, nicht von der Vergangenheit. Und da kommt das bedingungslose Grundeinkommen ins Spiel, gerade in Bezug auf die Arbeit. Denn das bedingungslose Grundeinkommen hebelt den fatalen Mechanismus aus, der Lohnarbeit letztlich zu einer Art Sklavenarbeit macht. Es schenkt dem Menschen einen Freiraum, indem seine Existenz wirtschaftlich gesichert ist. Das befreit ihn unmittelbar aus der Sklaverei der Lohnarbeit und geht weit darüber hinaus, was sich die Gewerkschaften unter Verbesserungen der Arbeitsbedingungen vorstellen. (Siehe dazu auch: Ketzerische Fragen zum Begriff der Arbeit.) Vielleicht zählen die Gewerkschaften deshalb zu den erbittertsten Gegnern eines bedingungslosen Grundeinkommens …

Tag des Grundeinkommens statt Tag der Arbeit
Denn das Konzept der (Lohn-)Arbeit selbst ist am Wanken. Seit Jahrhunderten wirkt der Mensch auf ihre Abschaffung hin. Wo immer möglich sollen Maschinen sie ersetzen. Doch was man sich einst als Segen vorstellte – die Befreiung von schwerer, mühsamer, stupider Arbeit –, ist heute zum Fluch geworden. Die Menschen werden einmal mehr über ihre Existenznot zu sklavenähnlicher Arbeit gezwungen. Sicher: Der Kampf um Mindestlöhne und besseren Kündigungsschutz – zum Beispiel – kann hier die grösste Not lindern. Doch der Einsatz für ein bedingungsloses Grundeinkommen schafft ganz neue Voraussetzungen und lässt die Not – zumindest die wirtschaftliche – geradezu ins Leere laufen.

Deshalb sollten wir am 1. Mai den Tag des Grundeinkommens begehen.

Walter Bs Textereien
http://walbei.wordpress.com/

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