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Der Ideale Arbeitnehmer

Der Ideale Arbeitnehmer erscheint mit 20 in der Gesellschaft.  Er ist schlank, sportlich, kerngesund und interessiert sich nicht für Politik. Er verfügt über eine abgeschlossene Berufsausbildung, einen Hochschulabschluß im Einserbereich und beherrscht drei Fremdsprachen in Wort und Schrift.  Sollte er einen der genannten Bereiche zum angegebenen Zeitpunkt noch nicht optimal erfüllen, so ist er bestrebt, dies in seiner Freizeit auf eigene Kosten nachzuholen.

Der Ideale Arbeitnehmer richtet sich in allen Lebensbereichen nach den Weisungen der Firma, die – um seine persönliche Leistungsfähigkeit zu erhalten – einige fürsorgliche Maßnahmen ergreifen darf.  Der Ideale Arbeitnehmer ißt nicht und trinkt nicht, weil Toilettengänge Arbeitszeit kosten. Was ´rein kommt,  muß halt irgendwann auch wieder heraus, das weiß er und reduziert deshalb die Nahrungsaufnahme auf ein Minimum. In der Freizeit ernährt er sich nur von den Dingen, die die Firma für unbedenklich hält.

Er schläft im günstigsten Fall im Keller der Firma, um jederzeit verfügbar zu sein, verpflichtet sich aber, den Makel „Schlaf“ schnellstmöglichst abzuschaffen.

Der ideale Arbeitnehmer hat  keine persönlichen Interessen oder Hobbys.  Fußball, Sex, Alkohol, Literatur, Natur … das alles ist ihm egal. Er weiß, das diese Makel nur seine Leistungsfähigkeit  schmälern und somit dem Unternehmen schaden.

Der ideale Arbeitnehmer verzichtet nahezu vollständig auf Freizeit, selbige verbringt er gern  in direkter Nähe der Firma, um im Notfall Einsatzbereit zu sein.

Geld und Lohn will der Ideale Arbeitnehmer nicht. Er weiß, das Lohnkosten das Unternehmen und somit seinen Arbeitsplatz gefährden. Um dem entgegenzuwirken, bringt er zum Monatsende Geld in die Firma, das er durch sammeln von Flaschenpfand oder auf anderen Wegen erwirtschaftet hat.  Arbeitet er im Verkauf, so kann er ersatzweise auch  Neuware mitbringen.  Außerdem entrichtet er monatlich eine Pauschale für Teppichbodenabrieb, Sitzmöbelbenutzung, Strom- und Heizkosten.

Der Ideale Arbeitnehmer arbeitet mindestens zwölf Stunden am Tag und dies sieben Tage in der Woche.  Seine Urlaubsansprüche hat er als steuerlich absetzbare Spende dem Unternehmen geschenkt, Feiertage ignoriert er mutig und selbstbewußt.

Der Ideale Arbeitnehmer wird nie krank und wenn, dann läßt er es sich nicht anmerken. Er verzichtet auf Arztbesuche und Krankenhausaufenthalte, weil er weiß, das dies das Sozialbudget aufblähen könnte. Daraus könnte seinem Unternehmen Schaden erwachsen. Er ist jederzeit bereit, sich auf Wunsch des Unternehmens auf eigene Kosten operieren zu lassen, sofern dies dem Wunsch des Unternehmens entspricht und für die Entwicklung gesonderter Marktsegmente notwendig ist. Auch ist er bereit, jederzeit auch eigene Kosten Medikamente befreundeter Unternehmen einzunehmen, um denen im Kampf um Marktanteile beizustehen.

Der Ideale Arbeitnehmer altert nicht und ist auch nicht gewillt, über diesen Punkt zu diskutieren.

In politischen Fragen überlässt der Ideale Arbeitnehmer alle Entscheidungen seinem Arbeitgeber, weil sein Arbeitgeber besser weiß, was gut für die Firma ist – und was gut für die Firma ist, ist auch gut für ihn. Er bevorzugt wie seine Kollegen die Briefwahl, die Wahlscheine läßt er von seinem direkten Vorgesetzten ausfüllen. Er selbst stellt sich nie zur Wahl, es sei denn, die Firma fordert ihn dazu auf.

Er liest keine Zeitungen und meidet jede Art von Nachrichten im sicheren Bewußtsein, das dort nur Gefahren für seine Motivation lauern können.  Außerdem weiß er, das seine Firma ihn über alle wichtigen gesellschaftlichen Belange informieren wird.

Seine politische Meinung entspricht den offiziellen Anzeigen, die die Firma in den Medien schaltet. Kritik an seiner Firma nimmt er stets persönlich und ist bereit, sie unter Einsatz seines Lebens in Schutz zu nehmen.  Politische Parteien und Gewerkschaften lehnt er aus religiösen Gründen ab.

In privaten Dingen verhält es nicht nicht anders, auch hier folgt der Ideale Arbeitnehmer den Wünschen der Firma.  Im Idealfalle ist der Ideale Arbeitnehmer ein asexuelles Wesen, im Notfall schwul, auf keinen Fall denkt er an Fortpflanzung und Familiengründung.  Die Sorge um Kinder, ihre schulische Laufbahn, ihre Berufsausbildung sind geeignet, die Leistungsfähigkeit maximal zu reduzieren.

Sollte es im Ausnahmefall einmal wirklich im Interesse der Firma sein, ein Kind zu zeugen, so stimmt der Ideale Arbeitnehmer der Partnerwahl der Firma vorbehaltlos zu.  Auf keinen Fall dürfen Unternehmen oder der Gesellschaft irgendwelche Kosten durch das Kind entstehen.

Der Ideale Arbeitnehmer konsumiert in der ihm verbleibenden Restlebenszeit maximal, so gut er es mit seinen finanziellen Ressourcen schafft. Im Idealfall ist er reicher Erbe, um alle anfallenden Ausgaben für ständig größere Autos und wachsenden Wohnraum für immer mehr Dinge bewältigen zu können. Dies tut er gerne, weil er weiß, das schrumpfender Binnenkonsum auch seinem Unternehmen schaden könnte.

Der ideale Arbeitnehmer ist streng religiös. Die Firma ist sein Gott, der Chef ihr Stellvertreter, Arbeit ist Gottesdienst, den man gerne fröhlich und glücklich absolviert.  Dies bildet auch die Grundlage aller anderen politischen Überzeugungen, die er jenseits der Firmenweisungen gebildet  hat. Andere religiöse Weltanschauungen lehnt der Ideale Arbeitnehmer voller Abscheu ab, hält sie für minderwertig, rückständig und unternehmensfeindlich – sprich: für widergöttlich. Die Firma ist für ihn Gottvater und Gottmutter, sie umsorgt und führt ihn in allen Lebensbereichen und gibt ihm Schutz für Kälte und Nässe.

Auf keinen Fall ist der Ideale Arbeitnehmer weiblich, Frauen sind  von Natur aus krank.

Unter gewissen Umständen und nach gewissen Operationen können Frauen als Ideale Arbeitnehmer angesehen werden.

Der Ideale Arbeitnehmer ist immer fröhlich und gut gelaunt, es sei denn, die Firma wünscht etwas anderes. Er hat ein Maximum an emotionaler Flexibilität und ist in der Lage, bei sinkenden Umsätzen auf Kommando in Tränen auszubrechen oder selbst angesichts niedriger Arbeiten wie Toiletten- oder Chefschuhreinigung in unglaublichen Jubel auszubrechen, der das Glück und die Dankbarkeit für diese Arbeit ausgewählt worden zu sein optimal zum Ausdruck bringt.

Kommt der Ideale Arbeitnehmer in ein Alter, wo der Makel des Älterwerdens mit allen Anstrengungen der kosmetischen Industrie nicht mehr zu übersehen ist, so präsentiert er stolz seinen Sohn als Nachfolger, bevor er sich selbst zur Entleibung ins Ausland begibt.

Sein Sohn ist 20, schlank, sportlich und interessiert sich nicht für Politik. Er verfügt über eine abgeschlossene Berufsausbildung, einen Hochschulabschluß im Einserbereich und beherrscht drei Fremdsprachen in Wort und Schrift

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Der Ideale Arbeitnehmer … eine Initiative des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, der Industrie-und Handelskammer, der deutschen Banken sowie der politischen Parteien.

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