staatlich verordnete Droge

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Auf in die Zukunft … – äh, ins Mittelalter!

Auf in die Zukunft ... - äh, ins Mittelalter!

Ihr Sonntagmorgen-Frühstück mundet Ihnen heute nicht so richtig? Das Croissant schmeckt irgendwie fade, obwohl man es schon in Kaffee taucht und Nutella drüberschmiert?

Nun, dann kann vielleicht ein kleines Essay von Norbert Häring die notwendige Würze geben. Dabei wird uns wieder einmal vor Augen geführt, wie gut und gerne wir tagesschauguckenden Leitmedienbürger in einer marktkonformen, streng „evidenzbasierten“ Demokratie heute ja leben dürfen. Auch dämmert einem dann vielleicht, warum unser Altmaier-Kabinett für unsere Kinder entgegen allen dramatischen pädagogischen und neurowissenschaftlichen Erkenntnissen (siehe auch aktuellen Vortrag von Dr. Manfred Spitzer – Wie wir Generation Doof 4.0 züchten) gerade einen milliardenschweren „Digitalpakt“ auf Schiene bringt, der auch laut Prof. Liessmann nichts anderes ist als eine „staatlich verordnete Droge“, die zu nichts anderem führen werde als dass „junge Menschen jede Form des Denkens, Fühlens und Handelns, die nicht von den Algorithmen der Internetkonzerne bestimmt ist, nicht nur verlernt, sondern erst gar nicht gelernt haben und dadurch in jeder Hinsicht von ihren Geräten abhängig werden. (…) Immerhin: Für das unmündige Leben in einer postdemokratischen Gesellschaft, deren digitalisierte Kommunikation zunehmend totalitäre Züge annimmt, werden diese jungen Menschen bestens vorbereitet sein. Und nach der Katastrophe wird es wieder einmal niemand gewesen sein.“ (Quelle: nzz)

Hier aber der erwähnte Text von Norbert Häring. In diesem jüngsten Streiflicht dürfen wir in die Welt der Clickworker eintauchen, also in die hippe, ease und dauerbespaßte Welt derjenigen Generation Y/DSDS/Rezo, die ihre Onanierbewegungen am Smartphone zu ihrer Einkommensquelle zu machen versucht (ja ey lol, mann!):

„Millionen verrichten weltweit über das Internet kleinste Jobs gegen Centbeträge. Das hilft den Unternehmen, Kosten zu sparen. … Vermittelt von Internetplattformen und Apps ist in den vergangenen Jahren ein neuer Arbeitsmarkt entstanden: Arbeiter und Auftraggeber finden dort für kleinste Jobs zusammen. Manchmal geht es nur um Minuten, die gearbeitet wird, einige Jobs lassen sich sogar in Sekunden erledigen. Gezahlt werden dann Centbeträge.

Das hat System und macht den Reiz der Klickarbeit für die Auftraggeber aus. Aus komplexeren Aufgabenbündeln, die bisher von eigenen, über Mindestlohn bezahlten und sozialversicherungspflichtig angestellten Mitarbeitern erledigt wurden, werden die einfachsten, gut beschreibbaren Handgriffe herausgelöst und gegen kleine Vergütung breit ausgeschrieben. Das kann große Ersparnisse bringen, wie die Autorinnen anhand von Beispielen berichten. So könnten Versicherungsformulare für ein Sechstel der bisherigen Kosten digitalisiert werden, oder ein kleines, spezialisiertes Programm für fünf Dollar von einem Klickarbeiter eingekauft werden, statt für 2000 Dollar von einem mittelständigen Zulieferer. Die Plattformen ermöglichen es Unternehmen, weltweit Leute zu finden, die dringend genug Geld brauchen, dass sie Arbeiten zu fast jedem Lohn erledigen.

Dabei sind die meisten Klickarbeiter hochqualifiziert. Die Hälfte derjenigen, die länger dabei sind, hat einen Universitätsabschluss. Das Anforderungsprofil der Aufgaben liegt typischerweise weit unter dem Qualifikationsniveau der Klickarbeiter. Das bessert sich auch mit zunehmender Erfahrung nur wenig, geben die Klickarbeiter an.

Es schlägt sich auch bei den Verdienstperspektiven nieder. Im ersten Jahr, in dem sich Neuankömmlinge auf den Plattformen noch eine Reputation erwerben und Erfahrung sammeln müssen, steigt der Verdienst merklich an, von unter vier Dollar auf knapp fünf Dollar im Durchschnitt über alle Plattformen und Regionen. Aber schon nach zwei Jahren gibt es für die Klickarbeiter im Durchschnitt keine Verdienststeigerung mehr.

Möglichkeiten zur bezahlten Qualifizierung gibt es praktisch nicht, „learning on the job“ findet ebenfalls kaum statt. Im Gegenteil machen die Klickarbeiter die Erfahrung, dass ihre Tätigkeit sowohl im sozialen Umfeld als auch bei traditionellen Arbeitgebern einen schlechten Ruf hat. Sie machen sich deshalb Sorgen, ob sie nach einer Zeit als Klickarbeiter noch Chancen auf einen normalen Job haben.

Dabei ist die Klickarbeit für viele durchaus nicht nur eine unbedeutende Nebenbeschäftigung … In Entwicklungsländern ist sie für 41 Prozent der Umfrageteilnehmer die Haupteinkommensquelle, in Industrieländern immerhin für 27 Prozent.

Auch in Sachen grundlegende Arbeitnehmerrechte sind die Klickarbeits-Plattformen ein Rückfall in längst überwundene Zustände. Der Anteil nicht bezahlter Arbeit ist hoch, war ein weiteres Ergebnis der Befragung. Der Patron entscheidet völlig frei. Ist er nicht zufrieden, bezahlt er nicht. Eine Begründung sei nicht erforderlich. Oft könne er sogar das Arbeitsergebnis behalten.“

(Ganzer Text: Norbert Häring / KenFM/Tagesdosis)
Bild: pixabay/CC0

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