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Geburtstag Eifelphilosoph – Reflexionen über Leben und Politik vom Kind aus der Abstellkammer

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Mittwoch, 9.12.2015. Eifel. Ja, es ist wahr: ich hatte gestern Geburtstag. Wie jedes Jahr. Und wie jedes Jahr ziehe ich mich zu meinem Geburtstag weit in die Natur zurück, zum Zwecke der Besinnung, der Kontemplation, der Rückschau und der Vorausschau. Diese Tradition hat ihren Grund: als Vater von sieben Kindern und berufstätiger Mensch mit 80 – 120 Stundenwoche hat man wenig Zeit für sich selbst. Wenigstens an einem Tag im Jahr wollte ich – nach Ableistung aller Feierlichkeiten – mal Zeit nur für mich alleine haben, um  mal zu schauen, wie das Leben, in das mich viele meiner eigenen Entscheidungen hineingepresst haben, noch mit meinen Vorstellungen, Idealen und Wünschen zusammenpasst. Eine Zeit lang war das hochbrisant – ich war in der Pharmaindustrie gelandet, was nie Lebensziel war – noch wusste ich damals überhaupt, was das für eine Branche ist. Doch hierzu später mehr.

Ich war nun ein Wunschkind, damals, 1959, aber ich sollte niemals leben dürfen. Mein Tod war beschlossene Sache der Ärzteschaft gewesen. Drei Tage vor meiner Geburt verfrachteten sie meine Mutter und ihr ungeborenes Kind in eine Abstellkammer – zum Sterben zwischen Besen und Putzmitteln. Ja – das waren noch die guten alten Kriegsärzte, da wurde nicht ums Leben gekämpft, da wurde selektiert. Kaum jemand weiß noch, dass diese Mediziner überwiegend in Crashkursen zum Doktortitel gekommen waren: eine Folge der Kriegsverluste, die auch vor Ärzten nicht halt machten. Diese Menschen hatten eine Ausbildung auf einem  Niveau, das heute von Krankenpflegern übertroffen wird, sie hatten hunderte, tausende von Menschen elendig krepieren sehen und wussten, was das Leben in Kriegszeiten für einen Wert hat: gar keinen. Was auch kaum noch jemand weiß: die Ärzteschaft war die Berufsgruppe mit dem höchsten Organisationsgrad in SA und SS, sie war – auch lange in die Nachkriegszeit hinein – ein Hort braunen Gedankengutes, lange vor dem ersten Weltkrieg hatte man in ihren Kreisen schon von der Vernichtung unwerten Lebens geträumt … weshalb ein Hitler für sie die Erfüllung eines großen Traumes darstellte. Das hatte ein Vorsitzender der Ärzteschaft dem Führer zum Geburtstag geschickt: das große Lob, dass dank ihm die deutsche Ärzteschaft endlich die Stellung im Gesellschaftswesen hatte, sie ihr gebührt – Herren über Leben und Tod zu sein und „unwertes Leben“ einfach vernichten zu können, wie es einem beliebt.

Infolge eines kompletten Nierenversagens war der Körper meiner Mutter völlig vergiftet – und ich auch. Da war nichts mehr zu machen. Nun – wie Sie hier lesen, rebellierten wir gegen den Beschluss der Ärzteschaft. Wunder gibt es halt immer wieder. Mein Vater saß drei Tage und drei Nächte an dem Bett meiner Mutter, wich nicht von unserer Seite: da bahnte ich mir spontan meinen Weg nach draußen. Vielleicht konnte ich mir sein Leiden nicht mehr ansehen. Er hatte eine schlimme Kindheit hinter sich: seine Ehe wäre fast gescheitert, als er kurz vor dem Hochzeitstermin erfuhr, dass er ein uneheliches Kind war – damals ein Horrordrama. Warum das so war? Nun – die Geschichte ist schnell erzählt. Meine Großmutter väterlicherseits verliebte sich in einen jungen, hübschen Mann von einem Nachbarhof, die Ehe war beschlossene Sache. Der Auserwählte erhielt von seinen Eltern eine reichliche Mitgift … und verschwand auf Nimmerwiedersehen. Die Kindheit meines Vaters war ein einziges Drama: der Stiefvater mochte ihn nicht, warf ihn mit vierzehn Jahren aus dem elterlichen Hause. Mein Vater kam bei einem Schreiner als Lehrling unter: Prügelstrafe inklusive. Heimat fand er bei der Hitlerjugend, die ihn schnell beförderte, weil er eine rasche Auffassungsgabe, ein großes Verantwortungsbewusstsein für andere hatte und recht arisch aussah: damals wie heute ein deutliches Plus für Karrierechancen.

Was aus meinem echten Großvater wurde? Ich werde mich die Tage mal auf die Suche nach ihm machen. Die Behörden geben keine Auskunft über ihn – angeblich gibt es Gesetze, die dies verhindern. Eine Zeit lang hing der Verdacht über mir, dass mein Vater das uneheliche Kind einer Nazigröße war (in der Tat sehen wir diesem Himmler ein wenig ähnlich), doch meine Ermittlungen im letzten Jahr führten zu der oben erwähnten Geschichte. Manche vermuten, dass er mit dem Geld abgehauen ist (hinter solchen Vermutungen steckt jedoch meisten nur die Kenntnis von der Niederträchtigkeit des Charakters des Erzählers, der sich selbst kaum vorstellen kann, dass jemand anders handeln würde). Denkbar ist auch, dass er als Moorleiche immer noch in der Gegend herumliegt und wegen der Mitgift erschlagen wurde – es war eine größere Summe.

Meine Mutter war im Bund deutscher Mädels – was meinen Großvater mütterlicher bis zu seinem Tode mit 81 Jahren sehr grämte. Wegen den Quälereien, die seine geliebte Tochter (die einzige Überlebende: damals gabe es in vielen Arbeiterfamilien das eine oder andere tote Kind – ganz anders wir heute hatten die noch Realitäten, die wir heute für undenkbar halten) bei den Nazis erfuhr, hat er sie gehasst wie die Pest. Doch – über diese Zeiten wollen wir ja nicht viel reden. Nur soviel: hätte der Krieg drei Monate länger gedauert, hätte ich meinen Großvater nie kennen gelernt. Sein Haftbefehl war schon ausgestellt, er sollte ins Konzentrationslager: er hatte beständig KZ-Insassen zur Arbeit an den Panzersperren im Osten angefordert … und diese so der Vernichtung entzogen. Das war dem Staat irgendwann zu bunt – zumal mein Großvater (kein Parteimitglied, kein Mitglied in irgendeiner „ordentlichen“ Organisation – ganz anders als viele Nachkriegspolitiker) den Häftlingen Essensrationen spendierte und medizinische Versorgung zukommen ließ, die sie wieder zu Kräften kommen ließen: so konnte Vernichtung durch Arbeit ja nie gelingen, meinte der Staat.

Ich weiß nicht, wie viel so kleine Kinder wirklich von ihrer Geburt mitbekommen – aber gestern dachte ich daran, dass dieses Ereignis zu meinem Leben passt: zu der Tatsache, dass ich von klein auf mit Misstrauen auf meine Umgebung geblickt hatte. Vielleicht waren es aber auch die Geschichten von Eltern, Großeltern, Großtanten und Großonkels in aus der NS-Zeit, als Sadisten und Psychopathen den Staatsapparat übernommen hatten und ihre Gelüste hemmungslos ausleben konnten. Ja – hier mal ein kleiner Seitenhieb für die Leser aus der rechtsradikalen Ecke (haben wir zwar keine – dafür wird hier zu umfangreich geschildert – aber man sollte immer auf Nummer sicher gehen): auch wenn der Holocaust nur eine Erfindung von Siegermächten wäre (was er definitiv nicht ist, was man schnell erkennen kann, wenn man mit den Opfern persönlich spricht – und nicht permanent unkritisch steile, krumme Thesen sozial fragwürdiger Sonderlinge konsumiert, die sich der Herrschaft des Sadismus sehnlichst zurückwünschen), ändert das nichts daran, dass die Totalherrschaft der Sadisten ein absolut verabscheuungswürdiges System war: und eine tödliche Gefahr für jedermann wurde, je länger das System andauerte. So wie heute eine angebliche (aber nicht wirkliche) „Linke“ den „Nazi“ in jeder Ecke verfolgt, so wurde früher der Staatsfeind verfolgt … und man konnte schnell einer werden, es genügte schon, wenn der Gauleiter gierig auf das Eigentum des anderen blickte – oder auf seine Frau.

Nun denn: am 8. Dezember 1959 kam ich dann zur Welt – zum Trotz der deutschen Ärzteschaft. Meine Mutter erholte sich schnell wieder. Es folgte eine Zeit der Isolation: meine Eltern waren nach dem Verlust meines Bruders (mit neun Monaten an Lungenentzündung gestorben) sehr ängstlich geworden. Ich durfte selbst entscheiden, ob ich in den Kindergarten wollte – da ich das nicht kannte, wollte ich da nicht hin, denn: ich hatte daheim genug soziale Kontakte. Im Haus meiner Großeltern – wo ich täglich zu Gast war und auch übernachten durfte – gab es zwei Familien mit fünf Erwachsenen und sechs Kindern. Wir hatten Viehzucht, Ackerbau, Obstwiesen – es war eine herrliche Kindheit dort. Großfamilienleben – die natürliche Form des Zusammenseins – ist gelegentlich anstregend, aber in der Bilanz unterm Strich ein großer Gewinn: Langeweile ist unbekannt.

Natürlich hing der Schatten des Dritten Reiches über meiner Kindheit, er war oft Gegenstand der Tischgespräche. Für meinen Vater war es ein besonderer Schock: dass seine Hitlerjugend, die ihm Schutz, Freundschaft und Heimat geboten hatte, Teil eines verbrecherischen Systems war, hat ihn zu einem sehr misstrauischen Menschen werden lassen, der den Staat und seine Träger mit Argwohn betrachtete: wenn so etwas möglich war – was hatte die Welt sonst noch so auf Lager? Oft sprach er darüber, dass „der kleine Mann“ in dieser Welt keine Chance mehr hat – und jetzt, im Jahre 2015 – kann ich ihm kaum widersprechen. Wer nicht den Segen der „adeligen Geburt“ hat, hat es schwer im Leben: jetzt schon ist Abitur Minimalanforderung für die Eintrittskarte ins Berufsleben, bald wird es wohl der Hochschulabschluss sein – obwohl der selber aus wissenschaftlicher Sicht von zunehmend geringerer Qualität ist.

Es war trotzdem eine wunderbare Kindheit, ich war beim Schlachten von Hühnern, Kaninchen und Schweinen noch leibhaftig dabei, das war ganz natürlich für uns – weshalb wohl erst meine Kinder eine Neigung zum Vegetariertum entwickelten. Fleisch – war „Hauptgericht“ für arbeitenden Männer: wer schwer arbeitet, sollte auch „ordentlich“ essen. Wir hatten auch kleine Felder, wo ich beim Anbauen half. Und einen Friedhof, auf dem ich jede Woche meinen Bruder besuchen musste. Der Tod – war Teil des Lebens … und Preis des Lebens, Teil einer natürlichen Ordnung – und nicht der „große Feind“, der er heute ist.

Natürlich gab es auch Schulzeit: ich war eines der Opfer der Experimente in der Bildungspolitik. „Kurzschuljahre“ hießen sie: der Staat brauchte Arbeiter, die Schüler sollten durch die Grundschule gepeitscht werden (die Arbeiter holte man aber damals dann doch lieber aus dem Ausland). Durch sie – wurde ich im Laufe der Jahre zum jüngsten Schüler der darauf folgenen Klassen – eine Katastrophe für einen kleinen Menschen, der allen andern in allem hinterher hinkte, aber nie schlecht genug war, um ein „Sitzenbleiben“ zu rechtfertigen. Ich wurde mittelmäßiger Hauptschüler (eine andere Schule gab es in unserem Zechenort nicht), mein Leben war ja auch vorgeplant: ich sollte Handwerker werden um meinem Vater bei dem Aufbau einer eigenen Werkstatt zu assistieren. Meine Pläne waren andere, also fuhr ich mit 14 gegen den Widerstand meiner Eltern allein in die große, ferne Stadt um im Rahmen eines Kollegschulversuches das Abitur zu machen. Eine gute Entscheidung, denn: wegen Lehrermangel wurden wir von Universitätsprofessoren unterrichtet. Die ältesten Schüler in der Klasse waren 28 – ich musste da schnell viel dazulernen, was „Sozialverhalten“ anging. Mit fünfzehn war deshalb mein Leben vorbei: ich las zum ersten Mal Platon und wusste – das ist meine Welt. Auch das wieder: eine wunderbare Zeit, in der ich mehr Arbeit mit Selbsterfahrungsgruppen, Stadtteilzeitungen, Bürgerinitiativen, Musik machen und Demonstrationen gegen alles und jeden verbrachte (und auch mal eine Tagung der NPD sprengte, in dem wir in ihre Stammkneipe einmarschierten) … und ein sehr positives Bild unserer erwachenden Zivilgesellschaft bekam. Natürlich war ich für „Willy wählen“ und hörte diesen Kanzler (Willy Brandt) auch mal persönlich auf einer Rede in Recklinghausen sprechen. Die Gesellschaft schien bereit, sich auf eine neue, urdemokratische Zukunft zuzubewegen – bis 1980 der große Bruch kam.

Anders als man Ihnen erzählt kam er von der Industrie –  nicht nur von der Politik. Ich weiß dies von Menschen aus der Musikbranche. Man hatte erkannt, dass Rockmusik eine treibende Kraft für Bewusstseinsbildung war und entschloss sich kurzerhand, dies selbst in die Hand zu nehmen, um nicht wieder von wilden Hippiemillionären und ihren irren Träumen überschwemmt zu werden. Fortan baute die Industrie selber ihre Gruppen auf und sorgte mit aller Werbegewalt dafür, dass sie erfolgreich wurden, „angesagt“ waren, während die kreativen, leidenschaftlichen und idealistischen Musiker verbannt wurden – fortan gab es auch einen gewaltigen Bruch in der Qualität der „Popmusik“, die sich eher in Richtung „Fahrstuhlmusik“ entwickelte und geeignet war, in jedem Kaufhaus als Hintergrundgeräusch störungsfrei abzulaufen. Es folgte – logischerweise – die „Generation Doof“.

Doch nicht nur das: die „Grünen“ – einst Sammelbecken der gesamten, so Hoffnung verheißenden „alternativen“ Kultur, die der Zivilisation einen gewaltigen Fortschritt hätten geben können, wurden staatstragende Partei. Hatte ich sie in ihren Anfängen begeistert begleitet, so wurde sie schnell von Lehrern und Juristen überflutet, die dort ihr sicheres Tickte zur umfangreichen Vollversorgung auf fürstlichem Niveau im Parlament erkannten, mit den Lehrern kam auch der Wunsch nach Sex mit Kindern auf – die Basis verstand die Welt nicht mehr. Ich währenddessen – hatte mich aus dem politischen Leben verabschiedet, tauchte ein in die Welt der Geisteswissenschaften – dort, wo die Freiheit der Gedanken erste Bürgerpflicht war. Gut – da war auch eine Frau (sehr bald meine Ehefrau) im Spiel, die mich gerade noch davor gerettet hatte, als Freiwilliger nach Nicaragua zu gehen – wie viele meiner Kollegen – um dort der Zivilbevölkerung bei dem Wideraufbau ihrer Dörfer zu helfen.

Es kamen eigene Kinder – gewollte – und der Bedarf nach Geld. Was soll ich sagen: „ich war jung und brauchte das Geld“. Zudem musste ich meine Bafög-Schulden zurückbezahlen. Es war ein reiner Zufall, dass ich in die Pharmaindustrie kam (nachdem ich zuvor als Hilfsarbeiter in einem Lager für schwere Bergbaumaschinen arbeitete, wo Unfälle schon mal tödlich endeten) … ohne jenes Essen mit Kollegen der philosophischen Fakultät hätte ich nie gewusst, dass es diese Jobs überhaupt gibt. Nach vielen Jahren Studium war in mir auch der Wunsch gewachsen, auch mal „echtes Leben“ zu leben – jenseits des Elfenbeinturmes. Ich fand, so etwas gehört zu einer echten philosophischen Qualifikation dazu – wie soll man „Arzt der Seele“ werden, ohne das „Salz der Erde“ (Rolling Stones) gekostet zu haben. So verschob ich die Einladung meiner von mir sehr angetanen Prüfer zur Doktorarbeit (wie sich herausstellte: für immer und ewig) und ging in eine Branche, die mir tiefe Einblicke in die realen Mächte dieser Gesellschaft bescherte, Einblicke, ohne die ich die ganzen Texte heutzutage nicht schreiben könnte. Gleichzeitig merkte ich auch, dass mir die philosophische Bildung half, jenen Grad an Aufmerksamkeit zu haben, um die Erfahrungen zielgerichtet auszuwerten. Was Bildung nicht alles bewirken kann. Kein Wunder, dass sie zunehmend abgeschafft … „gestrafft“ … wird.

Ich machte Karriere in dieser Industrie, verdiente viel Geld (das half bei der Zurückzahlung der Bafög-Schulden), eckte überall an, setzte viele Impulse zur Reformation und merkte schnell: so ein Koloss wie ein Konzern (damals der erfolgreichste Konzern auf deutschem Boden) ist weder von Innen noch von Außen zu ändern – dafür aber ist der Schaden, den er für Umwelt, Politik, Gesellschaft und die Zukunft der Menschheit anrichtet, gewaltig. Was für eine Riesengefahr wurde dort mit Steuergeldern herangezüchtet – und viele hundert Milliarden jährlich in den Sand gesetzt. Nein – da lasse ich nicht mit mir drüber debatieren: die 300 Milliarden für „Gesundheit“ (zwölf mal soviel wie für „Hartz IV“) sind zum größten Teil völlig ´rausgeschmissenes Geld. Nur am Rande: wäre dies nicht so – wir wären doch das gesündeste Land der Welt. Sind wir aber nicht. Das meiste Geld hierfür wird übrigens auf Pump erschaffen, was unseren Staatsbankrott sicher werden läßt – doch hiervon ein andermal mehr.

Ich wurde immer älter – und brauchte wegen der Kinderschar immer noch das Geld. Ich reiste viel und lange in der Welt umher, Europa, Afrika, Amerika und merkte, dass ich immer weniger Leben hatte – und meine Kinder kaum noch sah. Sicher – für die Philosophie und die politische Bildung hatte ich viel Zeit, doch für Familie – immer weniger. Ständig suchte ich nach Möglichkeiten, aus dem Zirkus auszubrechen – doch letztlich war es mein Rücken, der mich mit einem doppelten Bandscheibenvorfall dort herausholte. Natürlich verlor ich alles, was ich besaß: Häuser, Wohnungen, Grundstücke … und meine Familie. Zudem auch sehr viele Freunde, die mehr Freunde meines Geldes waren als meiner Person. Eigentlich … waren es alle.

Was für ein Glücksfall, dieser Rücken. Nach langem Begutachten und Prozessieren bekam ich eine kleine Rente, die mir – wenn auch nur unter sehr eingeschränkten Bedingungen – das ermöglichte, was seit meiner Jugend mein Traum war, ja: mein Lebensinn: die Philosophie wieder zurück zu den Menschen zu bringen. Nicht nur als „Ethik“ und „Moral“ – jene Ecke, in die sie so oft abgestellt wird, sondern als Kunst des freien Denkens. Anders als die meisten meiner Mitstreiter war ich der Meinung, dass Philosophie eine Kunst ist, die jedermann – auch mit Hauptschulabschluss – leicht erlernen kann. Sie „bringt“ nichts – so jedenfalls die Meinung von Arthur Schopenhauer, aber: nach seiner Meinung erspart sie einem vieles – und schützt sicher vor Manipulationen durch Industrie und Staat.

Vielleicht braucht man so ein Leben, um zu sehen, dass der Faschismus wieder zurück ist. Schade, dass wir uns nur auf die Judenfrage konzentrieren (die an sich auch schon abscheulich genug ist) … und so viele andere Facetten komplett überspringen, die ebenso vernichtend und tödlich waren. Erst letzte Woche begegnete ich dem Dritten Reich wieder – im Fernsehen beim Besuch einer Freundin (wie gelegentlich erwähnt, habe ich „Fernsehen“ bei mir abgeschafft – seit zehn Jahren. Kinderfilme, Videospiele, spannende Unterhaltung – das ist ok, aber nicht die Dauermanipulation durch Werbung und Regierungssprecher). „Hochzeit auf den ersten Blick“ hieß die Sendung – der Lebensborn der SS war wieder da, der Alptraum einer aus den Fugen geratenen Pseudowissenschaft, junge Mädels, frisch von der Uni, die nach „wissenschaftlichen Kriterien“ den idealen Heiratskandidaten für den doofen kleinen Mann aussuchen. Klappt natürlich nicht – aber wie schon unter Hitler erfreut sich eine gewisse, degenerierte Elite daran, das Leben bis ins Detail zu regeln. Platon lesen wäre preiswerter und billiger, hülfe, den Verstand und die Beobachtungsgabe zu schärfen (was auch im Verkauf sehr hilfreich sein kann – wie bei allen Formen, wo erfolgreiche Kommunikation gewünscht ist) – doch wir machen lieber kostspielige, perverse öffentliche Sozialexperimente, hier, wie auch im Dschungelcamp … und an vielen anderen Orten, wo die „Elite“ öffentlich  mit medialer Gewalt in die Familien einbricht, ihre Erziehung kritisiert, ihre Haushalftsführung öffentlich bloß stellt, sich ihre Beziehungen und ihre Wohnungseinrichtung einmischt: die Palette ist inzwischen erschreckend weit.

Wissen Sie, was die geheime Botschaft dieser Experimente für IHR Unterbewusstsein ist? „Seht her, was WIR alles mit EUCH machen können„. Daran haben viele aus der (Lumpen)-Elite ihren – sadistischen – Spaß. Ja – der Sadismus wird wieder gesellschaftsfähig. Wir hatten noch in der Schule gelernt (Deutschunterricht Höhere Handesschule Recklinghausen, Klasse 11), dass der Nationalsozialismus eine wichtige Voraussetzung hatte, ohne die er nie hätte funktionieren können: das VORURTEIL (dem Lehrer Schäpers für seine unermüdliche, oft als lästig empfundene Predigten an dieser Stelle vielen Dank). Ja: damals konnte man noch erleben, was „radikale antifaschistische Arbeit“ wirklich hieß. Heute – ist das Vorurteil wieder die einzige Urteilsarbeit, die Medien und Bürger leisten können: Hartz IV-Empfänger sind faul, Asylanten auch, Flüchtlinge sind perfekt und nützlich, Systemkritiker sind „Nazis“ – auch wenn sie nur Bedenken gegen Gentechnik oder Handelsabkommen haben, die „dem kleinen Mann“ den Arbeitsplatz kosten werden.

Was blieb nun über nach der gestrigen Rückschau auf 56 Jahre leben? Für mich persönlich – trotz aller Ärgernisse und Quälereien – ist es eigentlich ganz sinnvoll gelaufen. Nicht „gut“, aber „sinnvoll“ – wenn man anstrebt, Philosoph zu werden. Und für die Politik, die Gesellschaft? Wir gehen mit Riesenschritten zurück, wieder zurück in die Träume der Hitlerei, wo Wissenschaftler im Namen des „Guten“ größte Verbrechen begingen im vollem Bewusstsein, dass sie etwas „Besseres“ als der kleine Mann sind und alles Recht der Welt haben, über das Leben (und den Tod) ihrer Mitmenschen zu bestimmen. Wir marschieren mit großen Schritten auf ein Viertes Reich zu – und gestern wurde dazu der nächste, große Schritt verkündet (siehe Spiegel):

„Facebook muss wegen seines Umgangs mit Hasskommentaren in Berlin vorsprechen und gelobt Besserung. Das Justizministerium richtet eine Task Force mit sozialen Netzwerken ein“

Das ist der Schulterschluss zwischen Regierung und Konzern, die weitere Gleichschaltung aller gesellschaftlich meinungsbildenden Elemente, vor denen uns  unsere Lehrer noch gewarnt haben. Schon längst … ist der Protest gegen TTIP als rechtsradikaler Hassmüll gewertet worden – bald werde ich schreiben dürfen, dass dies auch für alle Äußerungen gegen die Parole der Kanzlerin gilt: „Deutschland geht es gut.“

Wer dem widerspricht … steht unter Verdacht, „Feindsender“ gehört zu haben und wird … selektiert. Gelöscht. Ausgelöscht.

Welche Wahrheiten werden nicht gern gehört? Die bevorstehende deutsches Staatspleite – neben zwei Billionen öffentlicher Schulden haben wir noch fünf Billionen Verbindlichkeiten, die in den Büchern versteckt sind; d.h.: wir marschieren voller Begeisterung auf einen Tag zu, andem weder Rentner noch Angestellte des Staates noch Mitarbeiter des Gesundheitswesens  noch Arbeitslose monatlich Geld überwiesen bekommen, um Überleben zu können. Alles bislang: auf Pump und Kredit gekauft. Doch dazu – ein andermal mehr. Ich denke: da wartet noch viel Arbeit auf mich, um dem Sinn meines Lebens gerecht zu werden.

Heute jedoch – dienen diese vielen Zeilen nur dem Dank für die vielen Glückwünsche, dem Dank an die Leser und Mitstreiter, die den vielen Gedanken, Eindrücken und Urteilen zu folgen, die ich fast täglich produziere – Impulse, die wir brauchen, um die Widergeburt des Faschismus als politische Ordungsinstrument der Finanzwirtschaft gleich zu Beginn entgegentreten zu können. Zusätzlich auch: vielen Dank in die inzwischen zahlreichen Kommentatoren, dank derer wir ein sehr hohes Arbeitsniveau haben, die Texte auch kritisch gegenlesen, sinnvoll ergänzen oder konstruktiv loben: wichtige Voraussetzung, dass ich weiterhin Arbeiten abliefern kann, die flüssig zu lesen sind aber gleichzeitig ausführlich genug, um eigenes Denken anleiten zu können.

Momentan haben wir – leider, so wurde mir gestern deutlich klar – die dunkelste Stunde der Menschheit, die als solche  noch nie derart in Gefahr war. Das … muss aber nicht so bleiben.

PS. und besonderen Dank an meinen Freund Werner Menne, der mich zum Abenteuer Nachrichtenspiegel mit Nachdruck eingeladen hatte. Ohne ihn – wäre das alles hier nicht existent, noch würde es Zukunft haben.

 

 

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