Sozilogie

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Fanatismus auf dem Vormarsch – Merkel weg!

Fanatismus auf dem Vormarsch … so schreibt „Spiegel-online“ . Der Hintergrund: eine neue Studie.

Jeder Zehnte wünscht sich einen „Führer“, jeder Dritte will Ausländer zurückschicken: Rechtsextreme Ansichten sind einer neuen Studie zufolge tief in der Gesellschaft verwurzelt – in der Wirtschaftskrise bekamen sie noch einmal Auftrieb. Die Intoleranz gegenüber dem Islam ist sogar mehrheitsfähig.

Man könnte fast meinen: es ist wieder soweit. Wir hatten soviele Sicherungen eingebaut, soviele Seminare, Fortbildungen, Unterrichtsstunden abgehalten, damit es NIE WIEDER passiert … und trotzdem scheint es wieder soweit zu sein. Na ja, mit der Weltwirtschaftskrise war es ja genauso, auch da hatten wir ziemlich viele Sicherungen eingebaut, damit dies NIE WIEDER  geschieht, ebensoviele Sicherungen hatten wir eingebaut, damit deutsche Bomben NIE WIEDER ins Ausland geworfen werden und deutsche Soldaten NIE WIEDER im Ausland Zivilisten erschießen.

All das sind aber nur noch Erinnerungen an ein goldenes bundesrepublikanisches Zeitalter, die Berliner Republik ist anders. Ganz anders – das haben jetzt auch die Demonstranten in Stuttgart gemerkt.

„Wir müssen 2010 einen Anstieg von dezidiert antidemokratischen und rassistischen Einstellungen feststellen“, bewerten die Forscher das Ergebnis der Befragung von rund 2500 zufällig ausgewählten Personen.

Schaut man genauer hin, dann weiß man auch, was hier schief läuft:

Die Antworten zeichnen ein düsteres Bild: Mehr als 90 Prozent der Befragten halten es demnach für sinnlos, sich politisch zu engagieren. 39,1 Prozent fühlen sich in ihrer unmittelbaren Umgebung nicht wohl und sicher. Immerhin liegt die Zustimmung zur Idee der Demokratie in Ost und West bei über 90 Prozent.

Gefragt nach der Demokratie, wie sie im Grundgesetz der Bundesrepublik festgeschrieben ist, sinkt die Zustimmung aber auf 73,6 Prozent – und mehr als die Hälfte der Bürger zweifelt an der tatsächlichen demokratischen Praxis: Die Zustimmung zur Demokratie, wie sie in Deutschland funktioniert, beträgt nur 46,1 Prozent.

Man kann doch nicht ernsthaft dem deutschen Volk und dem deutschen Bundestag John Perkins Bekenntnisse eines Economic Hit Man vorlegen und dann noch von ihnen verlangen, das sie an die Sinnhaftigkeit ihres politischen Engagements glauben? Und von diesen Büchern gibt es viele. Auch unabhängig von den Büchern merken normale Durchschnittsmenschen ohne Hotel, das ihre realen Chancen politisch wahrgenommen zu werden gleich Null sind. Sie merken, wie Arbeitgeber und Behörden sie behandeln – wie Abschaum, nicht wie einen Souverän.

Das alle ist bekannt – wie leisten uns einen riesengroßen wissenschaftlichen Apparat, der das untersucht und uns Ratschläge geben könnte, die funktionabler sind als die Ratschläge der Wirtschaftsweisen, aber „Geisteswissenschaft“ ist eine aussterbende Wissenschaft. Geschaffen, um den Krieg aus der Welt zu schaffen dient sie momentan nur noch in jenen Bereichen, wo mehr Gratisleistung aus Mitarbeitern herausgeholt werden kann. Alles andere interessiert nicht mehr, dabei könnten die Ergebnisse sehr hilfreich sein, den aufsteigenden Hass zu besiegen, so steht in der Welt folgender spannender Gedanke:

So lehrt die soziologische Identitätstheorie, dass die wachsende Verbreitung von Kopftüchern, die man bei muslimischen Frauen, auch bei gut ausgebildeten, beobachten kann, ein Zeichen von zunehmender Integration und nicht von zunehmender Desintegration ist. Weil nämlich diese Frauen den Anspruch erheben, trotz Differenzmarkierung teilhabeberechtigt zu sein und gewissermaßen auszutesten, wie man sich anders macht, um gleich werden zu können.

Wie sollte auch gleichförmige Uniformität gelungene Integration beweisen? Sie bewiese … Anpassung, Unterordnung, schlimmstenfalls: Furcht, alles Erscheinungen, die nicht zu einer Demokratie passen. Ebensowenig wie der Ungeist des „Vorurteils“, dessen Renaissance wir gerade wieder erleben, obwohl er doch eigentlich in den siebziger Jahren ausgemerzt sein sollte. Wir erleben wissenschaftliche Rückschritte, die wir hinnehmen, als würden wir dafür bezahlt werden. Deshalb hört sich das hier schon an wie ein Traum aus einem ehedem goldenen Zeitalter:

Es gibt zum Beispiel Kritik aus dem Geist der Inspiration. Dann lautet der kritische Kommentar: Die Welt ist deshalb so schlecht und verdorben, weil die Menschen die spirituelle Dimension verloren haben. Diese Kritik kann man als reaktionär bezeichnen, aber damit hat man ein schnelles Werturteil gefällt, aber nicht gehört, was gesagt wird. Andere kritisieren den Gang der Dinge aus dem Geist der Effizienz: Nichts funktioniert, alles läuft leer. Solche Kritiken sind vermutlich nicht unter einen Hut zu bringen. Aber so ist moderne Gesellschaft. Die Soziologie muss sich dann mit diesen unterschiedlichen Formen der Kritik befassen und darf sie nicht in einem Modell vereinheitlichen, wo vorne der Markt und hinten die Religion ist. Man muss die Leute mit ihren Wahrnehmungen und Kritiken ernst nehmen.

Was könnten wir nicht alles gewinnen – oder hätten alles gewinnen können – wenn wir das Potential der Geisteswissenschaften genutzt hätten. Stattdessen haben wir den Platz den Schreihälsen und Krakeelern überlassen.  Und was haben wir nun davon? Fünfundsechzig Jahre nach Ausschwitz wieder Antisemitismus. Alles Elend dieser Welt wird verschwinden, wenn Israel nur zu existieren aufhört – so könnte man anhand der Intensität, mit der auf diesem Thema herumgeritten wird, meinen. Nicht, das Israels Verhalten das eines Heiligen ist … aber Teufel handeln nun mal wirklich anders. Würden dort keine Juden wohnen, die Kritik wäre … kaum vernehmbar. Schulterzuckend würde man sich wichtigeren Dingen zuneigen, zumal man ja selbst weiß, wie gefährlich „der Moslem“ ist.

Ein weiteres Beispiel für den verblödeten Fanatismus auch sogenannter „aufgeklärter“ Kreise ist das neue Geschrei „Merkel muß weg“. Ich frage mich, auf welchem Planeten man die letzten Jahre verbracht hat, um noch hoffnungsvoll in dieses Horn stoßen zu können? Was genau geschieht denn, wenn Merkel weg ist, was ja laut Spiegel bald sein kann:

Die Lage der schwarz-gelben Koalition wird immer dramatischer: In einer neuen Forsa-Umfrage rutschen Union und FDP auf 33 Prozent – die FDP würde demnach gar nicht mehr in den Bundestag kommen. Ihren Höhenflug fortsetzen können die Grünen, sie sind der Union auf den Fersen.

Aber was genau wird denn geschehen, wenn Merkel weg ist? Können dann SPD und Grüne endlich ungehemmt den Sozialabbau vollenden, den sie 2005 begonnen haben? Dürfen wir dann auch noch mehr Länder bombadieren, marschieren mit in den Iran ein? Streichen wir die AKW´s grün an und umgeben sie mit Froschschutzzäunen, damit die Frösche keinen Krebs bekommen?

Merkel muß weg“ – nur ein weiteres Beispiel für den idiotischen Fanatismus, der sich immer weiter ausbreitet, ein weiteres Zeichen für die geistige Hilflosigkeit, die fehlende gedankliche Disziplin und Struktur in der Gesellschaft, aber klar, ja, wir brauchen vor allen Dingen mehr Naturwissenschaften an den Schulen. Wie Politik funktioniert, braucht keiner mehr zu wissen und wie Menschen funktionieren ist sowieso uninteressant … jedenfalls solange, bis es wieder knallt, bis die Unmenschlichkeit nach Ausschwitz und Kigali wieder neue Rekorde an Bestialität und Brutalität aufstellt und alle wieder sagen: Das konnten wir ja nicht wissen!

Geisteswissenschaften hätten einem sagen können, was diese Meldung von Yahoo für das Volksgemüt bedeutet:

Die Lebkuchen im Supermarkt sprechen eine eindeutige Sprache: In weniger als drei Monaten ist Weihnachten. Das Designteam von Porsche hat sich für die Vorweihnachtszeit etwas ganz Besonderes überlegt: Einen Adventskalender, der mit Überraschungen im Wert von einer Million US-Dollar gefüllt ist.

Soziologisch, historisch und psychologisch geschulte Berater hätten Porsche erzählen können, warum kam gerade zu diesen Zeiten, an denen einer von sieben US-Amerikanern Lebensmittelgutscheine bezieht, nicht ratsam ist, die Dekadenz auf die absolute Spitze zu treiben. So etwas nimmt der besitzende Klasse die ethische Legitimation – kurz gesagt. Neidisch macht der Überfluß auch, erst recht, wenn er ungehemmt öffentlich zur Schau gestellt wird – denn dann wirkt er auch noch demütigend und entwürdigend auf jene, die den Überfluß mit ihrem Hunger möglich machen.

Aber da wir auf solche Berater verzichten … müssen wir mit mehr Fanatismus leben. Nochmal was aus der Studie? Bitte schön:

Erstmals gefragt wurde, ob die Religionsausübung für Muslime in Deutschland erheblich eingeschränkt werden sollte. 58,4 Prozent stimmten dieser Aussage zu, mit dem Grundgesetz ist sie freilich nicht vereinbar. Im Westen mit 53,9 Prozent etwas weniger, im Osten mit 75,7 Prozent deutlich mehr – obwohl dort deutlich weniger Muslime leben.

So was ist kennzeichnend für Wahnsinn und Realitätsferne. Man kennt kaum Muslime, aber das deren Religionsausübung verboten werden muß, das weiß man ganz genau.

Ob wir wohl auch die Muslime mit Macheten ausrotten werden, so wie die Hutu die Tutsi in Ruanda ausrotten wollten? Oder werden wir die Reichen mit den Macheten bearbeiten? Für Historiker eine spannende Frage. Für uns, die wir vor den Ereignissen leben, auch.

Wenn wir den Kurs nicht ändern, wird das eine Katastrophe … hatte man schon 1933 gesagt. Man hatte es in jedem Jahr deutlicher gesagt – und es waren jedes Jahr wenige, die das gesagt haben.  Zu Schluß wußte jeder, was geschah … deshalb blieb der Jubel, der noch den Beginn des Ersten Weltkrieges bestimmt hatte, großflächig aus. Auch der Widerstand gegen den „Mainstream“ wurde immer geringer.

Ist heute ähnlich, oder?

Ob man das noch verhindern kann, weiß ich nicht. Wie und wo sich die durch Ängste aufgebauten Spannungen entladen werden, weiß ich auch nicht, bin nur ein kleiner Eifelphilosoph mit ganz engem eingeschränkten Horizont. Was ich nur sagen kann ist: Spannungen entladen sich. War schon immer so.

Und da Analysen der laufenden Verschwörungen gesellschaftlich tabuisiert werden, werden wieder Unschuldige abgeschlachtet. War … fast immer so.

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