schwarzes Loch

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„Die Kanzlerin chloroformiert das Land“ (Roger Willemsens Vermächtnis in Zeiten des neoliberalen Holocaust)

„Die Kanzlerin chloroformiert das Land“ (Roger Willemsens Vermächtnis in Zeiten des neoliberalen Holocaust)


(„Die Konsensmoloch-Krähe/pw)

Viele meinen ja, dass die Kanzlerin, die gestern einen weiteren Lockdown verkündet hat, nur ein pummeliges Dummerchen sei und ihr Gememmele eben halt nichtssagend und sogar irgendwie mitleiderregend oder doch nur gut & gerne gemeint. Sie irren fatal. Mit diesem Gememmele verbreitet Merkel nicht nur, wie Roger Willemsen festgestellt hat, nichts als „Betäubungszonen“ (Quelle: Tagesspiegel – „Die Kanzlerin chloroformiert das Land“), sondern dieses von ihr verbreitete gewisse Nichts wirkt in Wirklichkeit hochgradig zersetzend und lähmend auf das Innere jedes Menschen, der diese Worte entgegennimmt. Roger Willemsen hat seine Erkenntnis übrigens womöglich mit seinem Leben bezahlt. Nachdem er ein Jahr lang im Bundestag als Zuhörer gesessen hat, um direkt am Tatort des neoliberalen Holocausts Eindrücke für sein Buch zu sammeln, ist er tödlich erkrankt und verstorben.

Das heißt nun nicht, dass man vor der Fleisch gewordenen Betäubungszone wegschauen sollte. Man sollte sogar genau hinschauen. Denn die Krankheit unserer Zeit ist wohl in nichts so verkörpert wie in dieser Regierungsperson: Der opportunistische Nihilismus, das erstickende Nichts, der feige Rückzug vor dem „Alternativlosen“, die Zersetzung des Menschen … Goethes Geist, der stets verneint.

Die Crux ist nur, dass man dieses Nichts, das eigentlich tödlichste Gespenst, das derzeit umgeht, eben nicht durch direkte Merkmale festmachen kann. Denn es ist die Abwesenheit aller wichtigen menschlichen Fähigkeiten bzw. Tugenden. – Damit aber zerstörerischer als alle plumpe Aggression irgendwelcher offensichtlich autoritärer Despoten.

Das mag jetzt für manchen übertrieben klingen, aber in zukünftigen Geschichtsbüchern, die den neoliberalen Holocaust einmal aufarbeiten werden, wird es zweifelsfrei als erwiesen gelten: Mit der Person Merkel war eine Art schwarzes Loch gegeben, in dem alle Grundlagen von Demokratie und Rechtsstaat ebenso wie das gesunde Menschsein auf Nimmerwiedersehen abgesaugt wurden. Kein noch so neoliberal indoktrinierter Schröder, Schäuble, Kohl oder sogar Merz hätten auch nur annähernd das zuwege gebracht, was Merkel bewirkt hat: Die vollkommene Zersetzung aller Grundlagen des Staates und die Sabotage der europäischen Friedensordnung sowie des gesunden Menschenverstandes. Ja, sie habe doch scheinbar eh „nichts“ gemacht. Aber gerade DAS wird man in Zukunft (es wird dann leider wohl zu spät sein) einmal als ihren modus operandi erkennen: Gerade indem sie NICHTS gemacht hat, hat sie für das Land größeres Unheil herbeigeführt als es jeder autokratische Tyrann durch offenkundiges destruktives Handeln vermocht hätte.

 

 

Die letzte Orgie der Querschnittsgelähmten     

218 HappyToServeYou


(Foto: pw/nachrichtenspiegel.de)

In einem jüngsten Essay stellt sich Wolf Reiser eine Frage, die auch er als weitgereister Globetrotter nicht beantworten kann. Wie hat es soweit kommen können, dass scheinbar alle Maßstäbe der Vernunft suspendiert wurden und wir nun „in einem Schwamm aus Nebel und Morast“ versinken? Ist es wirklich nur „einer Handvoll eloquenter Virenexperten und einem Stab ahnungsloser Politdarsteller“ geschuldet, dass die Menschheit nun in einen kollektiven Drehschwindel einzumünden droht, an dessen Ende eine „Diktatur des großen Nichts“ wartet?

Auch wenn diese Frage letztlich unbeantwortet bleibt, so machen Reisers bildhafte Wortschöpfungen den nackten Wahnsinn zumindest etwas – jetzt hätte ich fast „ein Bisschen“ gesagt (siehe unten) – erträglicher. In einer Situation, in der unsere akademische Intellektualität de facto vollständig versagt und offensichtlich bereits – so wie alles im Laufe der Evolution –, nach Überschreiten ihres Höhepunktes nun in ihren Kondratjeff-Zyklus der Dekadenz eingetreten ist, sind es auch am ehesten Bilder, mit denen man das Unfassbare zumindest annähernd greifbar machen kann.

Freunde des schwarzen Humors werden in Reisers Text jedenfalls wie gewohnt auf ihre Kosten kommen. Vielleicht kann es sich gerade in Angesicht des evidenzbasierten Wahnsinns, der uns wie ein  Senkblei in den Abgrund ziehen möchte, als lebensrettend erweisen, wenn wir als Gegengewicht auch Humor aufbringen und somit eine Kraft der Leichte erzeugen. Denn auch die Gravitationskräfte des Guten, Gernen & Erbärmlichen haben sich in letzter Zeit gewaltig potenziert. Wie ein schwarzes Loch akkumulieren sie fortwährend Masse, die wiederum immerzu noch mehr Masse anzieht.
(pw)


Ein bisschen Diktatur

von Wolf Reiser

[Artikel übernommen unter Creative Commons-Lizenz / CC BY 4.0; Quelle: Rubikon]

Die Leitmedien verniedlichen Vorgänge, die bei genauerer Betrachtung einer Kriegserklärung an die Menschheit gleichkommen.

„Das bisschen Haushalt macht sich von allein“, sang Johanna von Koczian. Grand-Prix-Gewinnerin Nicole assistierte mit „Ein bisschen Frieden“. Ganz in diesem Sinne plädierte Lars Klingbeil für „ein bisschen Radikalität“ und Norbert Röttgen für „ein bisschen glasklare Kante“, während sich Jens Spahn damit zufrieden zeigte, dass die neue Corona-App „ein bisschen datensicher“ sei. Nimmt man diese Sprüche zum Maßstab, befinden wir uns in einem ziemlich niedlichen Land, einer wahren Idylle im Mutterland der Gartenzwerge. Da fällt es doch kaum ins Gewicht, dass die Corona-Zwangsmaßnahmen der Regierung kein bisschen dezent sind und dass die Medien beim Heraufbeschwören einer historisch einzigartigen Gefahr eher klotzen als kleckern. Die ganze Angstkampagne, der Mord an tausenden Unternehmen, die brutale Entrechtung der Menschen — all das ist „groß gedacht“. Für den dummen Medienkonsumenten wählt man dagegen gern die Verniedlichungsform. Wen stört schon ein Diktatürchen? Zeit, die unfassbaren Vorgänge in ihrer wirklichen Dimension zu begreifen.

 Fährt man in diesen Tagen durch dieses Land, am besten im eigenen Auto mit Lieblingsmusik und einem zugeneigten Menschen an der Seite, dann sehnt man sich danach, den Augen nicht trauen zu müssen. Die imperiale Seuche mit, Stand 21. Juni 2020 knapp 500.000 Toten — so viele Menschen sterben übrigens weltweit an zwei Tagen — aus dem Hause WHO & Wuhan hat der ohnehin überforderten Nation den Rest gegeben. Die Nachhallkriege von 9/11, das daraus erfolgende Migrationschaos, serielle Klimaapokalypsen und die Verblödungskampagnen der Medienkartelle haben die nervliche Zerrüttung vorbereitet.

Nur so lässt sich erklären, dass eine Handvoll eloquenter Virenexperten und ein Stab ahnungsloser Politdarsteller mit ein paar Handstreichen einen nationalen Lockdown mit offenem Ende ausrufen konnten. Wie von hypnotisierten Pagageien wurden und werden dabei die im November 2019 vorformulierten Strategieworthülsen des „WEF & Event 201“-Meetings nachgeplappert. Diese unverhohlene Kriegserklärung an die Menschheit lässt sich seit Monaten ganz einfach auf YouTube betrachten — mittlerweile sogar mit deutschen Untertiteln. Wer höflich auf diesen Irrsinn hinweist, gilt in den Augen der Regenbogen-Groko-Oberkommando-Untertanen als Holocaustleugner. Auf so was muss man erst mal kommen.

Aber es soll von etwas ganz anderem die Rede sein. Die systematische Traumatisierung hat die Gesichter und Herzen und Gedanken der Deutschen radikal und dauerhaft verwandelt. Ich möchte die kollektive Selbstaufgabe anhand eines eher kleinen sprachlichen Alltagsphänomens beschreiben. Und zwar geht es um die hyperinflationäre Verwendung des unbewusst-verschämten: „ein bisschen.“

Was sich zunächst wie eine Petitesse ausnimmt, ist längst ein alles durchwucherndes Krankheitsbild der deutschen Verzagung geworden.

Sie halten das für banal? Vielleicht haben Sie recht. Ich halte es für kennzeichnend und alarmierend. Schalten Sie einfach zu einem beliebigen Zeitpunkt TV oder Radio an, wo es Sendungen gibt, in denen über Politik, Sport, Kultur oder auch über Viren, CO2 und Sklavenhandel debattiert wird. Es dauert keine zehn Sekunden, bis die ersten ein bisschens ins Spiel kommen. Hobbykabarettisten wie Lars Klingbeil oder Robert Habeck bringen es auf gut 5 Anschläge pro Minute, stets flankiert von einer zwangssäuerlichen und um Seriosität bemühten Mimik.

Es vergeht kein Statement, ob Volksvertreter, Impfstoff-Experte oder Medienschaffender ohne dieses matte, leblose „ein bisschen“. Jogi Löw fordert Verständnis für „ein bisschen einen harten Generationswechsel“.

Norbert Röttgen plädiert für ein bisschen mehr glasklare Kante gegenüber Putin, Trump und Corona. Und vom SPD-Lars ist zu vernehmen, dass es ein bisschen Radikalität braucht — gerade beim Sozialen und bezüglich der Menschen draußen vor dem Bildschirm. Und dass jeder von uns allmählich ein bisschen für das gute Klima tun muss, ist unbestritten. Und ein bisschen mehr Demut gegenüber den Fernsehgeldern, erwähnt BVB-Watzke und fordert populistisch ein bisschen mehr Abstand — auch und gerade beim Torjubel. Und überhaupt: ein bisschen mehr Vernunft und ein bisschen mehr Biss, bitte. Achten Sie also ab heute bitte ein bisschen darauf und erfreuen Sie sich an den absurdesten Verwendungen dieses putzigen Indefinitpronomens.

Sprache macht Seele. Und Seele macht Sprache. Und Angst frisst den ganzen Kram auf.

Ein Bisschen kann man visualisieren als einen winzigen Biss im Sinne des Vorkostens bei Wölfen oder Neandertalern, also erst einmal abchecken, ob der saftige Bratenfund keine Falle darstellt.

Lange vor der epidemischen Verwendung trug im Jahr 1982 eine jungfräuliche Erscheinung ein Lied vor. Die damals 17-jährige Nicole begleitete sich auf einer taubenweißen Friedensgitarre und gewann für Deutschland den Grand Prix Eurovision. Ornamentiert von stahlblauen Cruise Missiles und österlichen Friedensmärschen berührte das Mädchen mit der frohen Botschaft die Herzen von bis heute fünf Millionen Plattenkäufern:

„Ein bisschen Frieden, ein bisschen Sonne für diese Erde, auf der wir wohnen. Ein bisschen Frieden, ein bisschen Freude, ein bisschen Wärme, das wünsch‘ ich mir…“

Die pandemisch-paranoide Menschheit steht im Juni 2020 sicher vor wichtigeren Problemen, als über das bisschen Bisschen nachzudenken. Arbeitslosigkeit, Gewalt, Armut, Klima, Digitales und klar, logo Bildung und Konflikte überall, die FED, der Impfstoff, die Horrorclowns in Brüssel, schöne neue normale Siedlungen im Nahen Osten — all das wiegt weitaus schwerer als das inflationäre „ein bisschen“.

Dennoch lohnt sich spielerisches Zoomen.

Ein bisschen heißt nicht viel, also ein klein wenig, etwas mehr als Nichts und auf gar keinen Fall das volle Maß, sprich Klartext, konkretes Bekenntnis, Wille, Courage und Überzeugung. Der Verwender des „ein bisschen“ mag keiner Seele wehtun, auch und gerade nicht der eigenen. Er entscheidet sich entschieden für die Unschlüssigkeit, die Indifferenz, das Vage und jederzeit Relativierbare. Ein bisschen hat keinerlei Lust auf Konfrontation. Und es gestattet jede Form von Rückzug oder spätere Negation. Alles verliert sich in einem Schwamm aus Nebel und Morast.

Ein bisschen, das ist weit mehr als Sprachverwahrlosung und Ichlosigkeit; es steht für den feigen, verzagten und verängstigten Menschen und einen politisch korrekt in den Ringseilen liegenden Bürger zwischen Luftballons und Mausefallen.

Dieses „ein bisschen“ gehört zur Hinterlassenschaft einer global operierenden Sprachpolizei und während der Merkeljahre wurde es zum Symbol einer sprachlosen, abgeduckten und sanft kastrierten Bertelsmann-Republik. Keiner hat hier noch irgendetwas von Bedeutung zu sagen, aber selbst davor baut sich ein Angstdamm auf. Ach, wie schön wäre doch ein bisschen mehr Zivilcourage und ein bisschen mehr Biss, mehr Klartext. Ein toxisches Piercing hat sich in den Seelenbunkern der Haltungsakrobaten verheddert und die erstickten Melodien sagen mehr über dieses Land und seine innere Verfassung aus als soziologische Wälzer und massenpsychologische Analysen.

Knapp zwei Jahrzehnte nach Nicoles Ballade ging es beim frisch gewählten rotgrünen Salonrebellen-Duo um richtig Trouble. Ein Shithole namens Kosovo zwang die Clinton-gehilfen zu NATO-affiner Reifung nebst ein bisschen Uran auf Belgrad… „ein bisschen Wärme, das wünsch‘ ich mir…“

Eine Orgie des ein bisschen illustriert unseren Absturz in die Diktatur des großen Nichts. Täglich erfahren wir das Siechtum der politischen Rhetorik und der medialen Unterwerfung.

Haben Sie sich schon mal nüchtern eine Bundespressekonferenz betrachtet?

Wenn heute ein Mensch, Wolfgang Kubicki, Thomas Müller, Sahra Wagenknecht oder Alexander Kekulé ohne endloses inneres Abwägen mal etwas spontan Menschliches von sich gegeben hat, verlangt das „Juste Milieu“ umgehend die Relativierung. Nein, bitte, Moment: So habe man es nicht gemeint, zudem wurde es aus dem Zusammenhang gerissen und die Rücksicht auf ein laufendes Verfahren erlaube keine persönliche Stellungnahme. Man möge sich an die Kanzlei von Franz Kafka wenden.

Lange schon bevor Billy the Kid das globale Heil in die Hand genommen hat, waten wir durch ein Disneyland aus Halbherzigkeit und Querschnittslähmung. Würde Herodot im Sommer 2020 durch Deutschland reisen, läse sich seine Reportage in etwa so wie Gullivers Besuch im Zwergenreich und in Briefen an seine Athener Frau würde er bemerken, dass ein schweres Rad der Geschichte über dieses Volk gerollt sein muss, wo sich jeder ständig auf die Zunge beißt, Silben verschluckt, abends ein bisschen über den Durst trinkt, am Morgen danach ein bisschen in sich geht und viele bekennen, dass sie durchaus ein bisschen an Gott glauben.

Immerhin wurde am 19. Juni 2020, von SAPTelekom und Jens Spahn verlautbart, soll die großartigste Virenapp des freien Westens mit absoluter Sicherheit ein bisschen datensicher sei.

P.S.: Seit mir diese Unart aufgefallen ist, überprüfe ich mich und meine Rede sehr genau. Jedes Mal, wenn mir diese Formulierung unterläuft, stecke ich 50 Euro in den Schlitz meiner Ming-Vase. So wird man entweder in kurzer Zeit ein vermögender Ehrenbürger oder erlangt zügig sprachliche Reife und innere Katharsis.

 

Wolf Reiser ist Reporter und Essayist und pendelt zwischen München und Athen. Er schreibt für alle nennenswerten Blätter im deutschsprachigen Raum und ist Autor mehrerer Bücher, Hörspiele und Filmskripte. Weitere Informationen unter www.wolf-reiser.de.

Letzte Worte eines blutenden Hasen im Rinnsal: „Will auch gut und gerne lebähn …!“

Hasen-Katzenjammer nach der Party

Sie hat nun also eingesetzt: Die Ernüchterung nach der großen Party. Einer Party, die auf allen Kanälen einer fast schon bewundernswerten Hochleistungs-Medienmaschinerie promotet wurde und zu der auch fast jeder Promi, der etwas auf sich hielt, sein Scherflein beisteuerte. Eine Party, die aber in Wirklichkeit eine neoliberale Treibjagd war, bei der denjenigen, die eigentlich nur Spaß und „gut und gerne leben“ wollten, nun eiskalt das Fell über die Ohren gezogen wird.

Im einstmals wohlhabendsten Land Europas hat ein erbarmungsloser Existenzkampf begonnen. Immer mehr Menschen brauchen ihre letzten Ersparnisse auf und müssen sich im Niedriglohnsektor verdingen. Jedes vierte (im Osten jedes dritte) Kind gilt laut offizieller Statistik als arm, jedes fünfte Kind geht abends hungrig ins Bett. Über 1,5 Millionen Bürger der Bundesrepublik nehmen die Demütigung auf sich, sich bei einer „Tafel“ um abgelaufene Lebensmittel anzustellen, die von Supermärkten entsorgt wurden, Bedarf stark steigend. Die Schulen verschimmeln. Aber es muss ein milliardenschwerer Digitalpakt her, um die Kleinen so früh wie möglich an Flachbildschirm und WLAN anzustöpseln. Der europäische Frieden wird gerade ohne Not vor die Wand gefahren, deutsche Panzer stehen erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg wieder auf ehemals sowjetischem Gebiet an der russischen Grenze, die deutsche Presse (laut Michail Gorbatschow die bösartigste Presse überhaupt“) trommelt zur kompromisslosen Konfrontation mit Russland. Auch die nukleare Karte wird achselzuckend auf den Tisch gelegt und ernsthaft atomare Präventivschläge vorgeschlagen, um „Putin zu stoppen“. Ja wenn da jemand das größte und an Bodenschätzen reichste Land der Welt der neoliberalen Ausschlachtung verweigert, jetzt sogar Gentechnik-Landwirtschaft nach System Monsanto verbietet und stattdessen die weltgrößte Bio-Landwirtschaft hochziehen will – ja, da helfen wohl wirklich nur Atombomben.

Obwohl wir im Falle einer – absichtlichen oder auch nur durch technisches Versagen ausgelösten – Eskalation in Sekundenbruchteilen verdampft wären (der Kreml hat uns bereits klipp und klar gewarnt, dass wir gerade eine rote Linie übertreten und ins offene Messer laufen – siehe Spiegel), machen unsere drei Damen vom Grill in Berlin (eine grillt jetzt sogar in Brüssel weiter) jedoch unbedarft weiter und sind wild entschlossen, dem atomar bestückten russischen Bären mit ihrem Würstchenwender den Hintern zu versohlen (Von der Leyen: „Man muss Putin weh tun!“). Falls die drei Damen vom Grill den russischen Bären mit dem Würstchenwender nicht zur Räson bringen können, dann haben sie noch andere Instrumente der Maßregelung: Womöglich werden sie die Gorch Fock vorbeischicken, sofern die diensthabenden Offizieren dort nicht gerade damit beschäftigt sind, mit weiblichen Rekrutinnen Doktorspiele zu veranstalten, also Besseres zu tun haben, als den Befehlen von drei abgetakelten Damen vom Grill Folge zu leisten.

Fack ju Goethe

Man wird gar nicht fertig damit, wollte man aufzählen, auf wievielen Baustellen es gerade lichterloh brennt bzw. wie dieses Land vor die Hunde geht. Ich erspare mir diesmal auch weitere Links, da einem die alternativlosen Fakten ohnehin überall entgegenpoppen, wo man hinklickt. Der Chef des Deutschen Richterbunds stellt „Das Ende der Gerechtigkeit“ fest, der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft „einen Rückzug des Staates auf breiter Front“. Der Oberstaatsanwalt meint: „Das sieht hier alles zwar hübsch aus. Aber in Wirklichkeit machen wir hier nur noch fröhlich Musik wie die Kapelle auf der Titanic.“ Der in den Kulturspalten  unserer Qualitätsmedien jahrelang gehypte Gangstarap ist nun endlich auch auf unseren Straßen angekommen und sorgt mit Gang Bang Beats dafür, dass im Land, das einen auch „Fack ju Göhte“ macht, keine Langeweile aufkommt. Ein Land, in dem „Du Goethe“ auf Schulhöfen angeblich als eine der schlimmsten  Beleidigungen aufgefasst wird, die nach Blutrache schreit. Schwere Gewalt- und Sexualdelikte nehmen landesweit massiv zu. Richter, Staatsanwälte und Kriminalbeamte berichten, dass Delikte die nicht gerade mit Mord und Totschlag zu tun haben, mangels Kapazität kaum noch ernsthaft verfolgt werden. Von 5,18 Millionen Verfahren hat die Staatsanwaltschaft mehr als die Hälfte – 2,9 Millionen – durch Einstellung mangels Tatverdachts, wegen Geringfügigkeit oder unter Auflagen erledigt. In gerade einmal 434.600 Fällen (=8,4 %) kam es zu einer Anklage. Auch die Verwaltungsgerichte drohen zu kollabieren, aktuell durch 230.000 Klagen gegen negative Asylbescheide.

Schimmelfreier Wohnraum mit ausreichend Platz für Kinder und auch Kinder überhaupt sind für Normalverdiener im städtischen Raum kaum noch leistbar. Während man in der arabischen und afrikanischen Welt in Deutschland immer noch das gelobte Land sieht und junge Menschen sogar ihr Leben aufs Spiel setzen, nur um hierher übersetzen zu können, so verlassen im Gegenzug jedes Jahr hunderttausende, überwiegend hochqualifizierte und junge Deutsche ihr Heimatland (laut Statistischem Bundesamt alleine 2017 ca. 250 000, von denen 70 Prozent hochqualifiziert und zwischen 25 und 30 Jahre alt seien), meist Richtung Schweiz, Österreich, Großbritannien oder USA. „Eine Republik wird abgewickelt“, meint der ehemalige CDU-Abgeordnete Willy Wimmer. Dank einer perfektionierten Medien-/Meinungsmaschinerie konnte die marktkonforme Abwicklung bzw. die kontrollierte Sprengung sogar als große Party verkauft werden, bei der man grenzenlos Spaß haben kann. Deutschland steht inzwischen auch außenpolitisch in der Wüste. Einst für seine interkulturellen Leistungen und seine Diplomatie hochgeschätzt, steht es heute quasi wie isoliert im Nirgendwo, hat den eigenen Standpunkt fast vollständig verloren. Das einstige Land der Dichter und Denker wird in anderen Ländern im besten Falle bemitleidet, für seine Austeritäts- und aggressive Interventionspolitik, die es kritiklos mitträgt, vielfach sogar gehasst. Es steht zu befürchten: Wenn unser Zug demnächst entgleist, wird uns keiner helfen.

Nobelpreis für kollektive Chlorofomierung

Viele Essays erscheinen derzeit, wo die Frage aufgeworfen wird, wie das alles, und noch dazu in so kurzer Zeit, soweit hat kommen können. Wieso ist das hinsichtlich seiner demokratischen, sozialwohlfahrtstaatlichen und kulturellen Errungenschaften bislang auf der ganzen Welt beneidete Deutschland nun eine Art Narrenschiff geworden, das Reinhard Mey ja bereits trefflich besungen hat? Was viele in Diskussionen, die man derzeit in Foren ebenso wie am Marktplatz beobachten kann, schier zum Wahnsinn treibt: Die Frage, wieso die Bürger die Kanzlerin, die diesen salto mortale – eigentlich ist diese Metapher unpassend, es ist eher ein unspektakulärer, ganz leiser Erstickungstod, mit dem wir es zu tun haben –  federführend zu verantworten hat, viermal in Serie wiedergewählt haben? – Selbst dann, als es bereits für jedermann ersichtlich war und von der Kanzlerin auch unumwunden ausgesprochen wurde, dass sie gewillt ist, dieses Land voll vor die Wand zu fahren?

Viele fragen sich ja, ob das Land der Dichter und Denker wirklich keine andere Person an der Spitze hervorbringen kann als ein solches Senkblei, das uns mit unbeirrter Miene auf den transatlantischen Meeresgrund ziehen will. Zumindest die makropolitische Antwort auf diese Frage ist sonnenklar: Wenn man nach der Agenda von Finanzeliten und transatlantischer Geostrategen ein Land „abwickeln“ (Wimmer) und dem neoliberalen Kahlfraß preisgeben will, dann ist diese Kanzlerin (lt. Sloterdijk nur eine „Hohlraumfigur“) wirklich die Frau der Stunde, für die man keine bessere Personalie finden hätte können. Und genau deshalb wird sie auch von den transatlantisch-neoliberalen Seilschaften und ihrer medialen Hochleistungsmaschinerie im Sattel gehalten. Denn die wissen: Die Chance auf eine solch gigantische Abrissbirne kommt nie wieder. Keiner anderen Person – und schon gar keinem Mann! – würden die deutschen Bürger sowas durchgehen lassen. Damit die Väter und Mütter dieses Landes es über sich ergehen lassen, dass ihnen das Fell über die Ohren gezogen wird und auch ihre Kinder auf der neoliberalen Schlachtbank geopfert werden, dazu braucht es Chloroformierung der besonderen Art. Diese Chloroformierung muss dermaßen schleichend, unbedarft und unentrinnbar ausgebreitet werden, dass kein tagesschauguckender Mensch, der einfach nur gut und gerne leben möchte und auch allen anderen Menschen dieser Welt ein Stück vom Wohlstandskuchen vergönnt, etwas davon ahnt, wie ihm eigentlich damit selbst das Fell über die Ohren gezogen wird …. wie er jetzt auf ein Förderband gesetzt wird, das sich auf eine unbarmherzig mahlende Knochenmühle zubewegt, die bereits in Sichtweite ist und aus der man auch schon grauenvolle Schreie derjenigen vernehmen kann, die im Reise-Nach-Jerusalem-Spiel bereits ihre Sessel verloren haben.

Damit die Passagiere, die auf diesem Förderband der marktkonformen Demokratie sitzen, trotz des für Augen und Ohren bereits unleugbaren Grauens weiterhin ruhig halten, braucht es ein Narkosemittel, das sich genauso unbedarft löffelt wie Vanillepudding aus Muttchens Küche. Niemand würde diesen Pudding löffeln, wenn er von Freddy Krueger oder Pogo dem Clown serviert würde. Wenn diesen Pudding aber ein unbedarftes Muttchen serviert, das dazu noch irgendwas von „gut und gerne leben“ memmelt, ja, welcher gut-bürgerlich erzogene Tagesschaugucker könnte da wohl diesen Pudding ausschlagen? Noch dazu, wo er dank medialer Glutamate und Geschmacksverstärker so lecker schmeckt?

Man hat die Puddingkanzlerin 2015 ja bereits für den Nobelpreis vorgeschlagen. Sie hätte es womöglich wirklich verdient, in diejenige Riege aufgenommen zu werden, in der auch Drohnenkönig Obama residiert. Denn dieses Husarenstück, eine ganzen Nation dazu zu bringen, den Mund aufzumachen und „Aaaah“ zu sagen, um den Bürgern dann mit einem langen Kochlöffel ebendiesen Pudding in den Rachen zu schieben, das muss man in einer Zeit, in der sich schon jeder Grundschulabsolvent für superschlau und superkritisch hält und einem die Welt erklären will, erst einmal fertigbringen. Dass die Majorität einer Bevölkerung, welche die Kulturtechniken des Lesens, Schreibens und Denkens beherrscht, einen solchen hochtoxischen Brei, anstatt ihn auszuspucken, dann auch wirklich noch runterschluckt, dazu braucht es Qualitäten, für die uns derzeit noch die richtigen Worte fehlen und über welche sich zukünftige Marketingexperten ebenso wie Historiker noch viel mehr den Kopf zerbrechen werden wie über die Frage, wie es seinerzeit zum Anschluss an einen größenwahnsinnigen Schnauzbart hat kommen können, der ebenfalls Fortschritt versprochen, aber das Land schließlich in Schutt und Asche gelegt hat.

Das Große Nichts

Wenn hochgebildete Intellektuelle wie Peter Sloterdijk ebenso wie der kleine Mann bzw. die kleine Frau auf der Straße meinen, dass Merkel eben eine „Hohlraumfigur“ bzw. eigentlich ein Nichts sei, dann greift das leider etwas zu kurz. Gerade indem ein Mensch fähig ist, das Nichts zu verkörpern, ist es nämlich nicht so, dass damit eben halt nichts da ist. Ganz im Gegenteil: Das Nichts hat einen eminenten Vakuum-Effekt: Es wirkt wie ein Sog für alle möglichen irrsinnigen und dunklen Intentionen, zieht fremde, unlautere, sogar regelrecht feindliche Absichten heran, die die Gunst der Stunde nutzen, um uns über diese bleierne Dirigentin nun allen zum Tanz aufzuspielen.

Gerade durch ihre Absenz, also indem sie nichts tut, obwohl es heute jeden Tag eminent wichtige Dinge zu regeln gäbe, die über unsere Zukunft entscheiden werden, führt diese unbedarft wirkende Kanzlerin Verhältnisse herbei, die katastrophaler sein werden, als sie jedweder Autokrat für sein Land bewirken könnte. Eine solche Absenz jedweden gesunden Vorausdenkens, Gefühls und Willens ist schwer zu finden, selbst bei Menschen, bei denen man vermeint, dass sie im Getriebe von Alltag und Alkohol weitgehend desinteressiert am Weltgeschehen geworden sind und scheinbar „abgeschaltet“ haben. Man würde sich wundern, wieviel gesunde menschliche Substanz und Qualitäten, wieviel Hausverstand und Empathie man bei solchen „abgehängten“ Menschen findet, wenn man sich nur etwas näher mit ihnen befasst. Es würde solchen scheinbar abgesoffenen Mitbürgern niemals einfallen, solche Beschlüsse zu fassen, wie derzeit von der Bundeskanzlerin, ihrem Gesundheitsminister Jens Spahn oder dem sonstigen Gruselkabinett der Regierung Merkel in die Wege geleitet werden. Die Antwort auf die Frage, warum ausgerechnet diese Merkel zur Dauerkanzlerin erkoren wurde, ist also: Weil sie wirklich diese außerordentliche Qualität der Absenz aufweist: Nichts zu verkörpern und damit eine marktradikale Agenda einzuschleichen, die bei Aufklärung über ihre Motive und Konsequenzen in einem offenen demokratischen Diskurs niemals eine Chance hätten, akzeptiert zu werden.

Was die Qualität dieser Kanzlerin ausmacht, habe ich bisher am besten beobachtet gefunden bei Roger Willemsen, der dazu ein ganzes Jahr lang den Bundestagssitzungen beigewohnt hat (und in dieser Zeit auch tödlich erkrankt ist): Die Fähigkeit, mit jedem Wort, das sie spricht „Betäubungszonen auszubreiten“. Willemsen:

„Die Kanzlerin ergreift häufiger ihr Handy als das Wort. Wenn sie spricht, breitet sie Betäubungszonen aus. Sie chloroformiert das Land, indem sie unablässig jene Felder benennt, für die es keine Erregung gibt. Sie sagt auf bürokratische Weise, dass sie sagt, was sie gesagt hat. Diese elliptische Rhetorik erlaubt wenig Reibungsflächen. Wo Reibung entstehen könnte, wird sich die Kanzlerin zuerst fragen, ob sie nicht besser dazu schweigt. Dieses Merkel-Prinzip setzt sich gesellschaftlich durch.“
(Quelle: Tagesspiegel)

Ausgesuvt

Zurück aber zu den Hasen, denen gerade das Fell über die Ohren gezogen wird, während eine feudale Jagdgesellschaft sich an ihren Trophäen weidet und im Zuge von grenzenloser Globalisierung und Lohndumping Rekordeinnahmen feiert. Der grenzenlose Spaß, der den Hasen von den Jägern versprochen wurde, ist nun vorbei. Gepackt an ihren Hinterläufen oder an ihren Löffeln, setzt die gute und gerne Waidmannsfrau nun zum finalen Kehlenschnitt an. Die Hasen schauen mit vor Schreck geweiteten Augen zu Muttchen auf, Blut läuft ihnen bereits ins Gesicht. „Isch gut, Häschen, datt iss nur rote Marmelade aus Muttchens Küche“, memmelt sie dem Hasen zu, während ihm ihre linke Hand die Gurgel zudrückt und ihre rechte Hand mit sägenden Bewegungen beginnt. Die gute und gerne Waidmannsfrau ist bereits in die Jahre gekommen. Erklingt die Bundeshyme desjenigen Landes, das gerade abzuwickeln ihr Auftrag ist, kann es sein, dass sie heftig ins Zittern gerät und sie zu kollabieren droht. Doch wohlmeinende Mitarbeiter haben bereits vorgesorgt und ihr einen gut gepolsterten Stuhl bereitgestellt, auf dem sie ihr Waidmannshandwerk bis zum bitteren Ende verrichten wird können. Ihre Hand ist zwar bereits schwächlich, aber auch die Hasen, die sie erbarmungslos gepackt hält, sind bereits weitgehend erschlafft und kaum noch zur Gegenwehr fähig. Wie es aussieht, wird die verbliebene Kraft in der zittrigen Hand ausreichen, um auch noch den finalen Kehlenschnitt zu vollbringen.

Wie die Geschichte für die Hasen ausgehen wird, steht noch nicht fest. Es scheiden sich diesbezüglich gerade die Hasengeister. Einige Hasen sind entschlossen, nochmals alle Kraft zusammenzunehmen und sich aus dem Würgegriff der Waidmannsfrau und ihrer medialen Manipulationsmaschinerie zu befreien. Andere Hasen sind trotz blutüberströmtem Fell weiterhin fest davon überzeugt, dass nun endlich, notfalls mittels digitaler Transformation und Virtual Reality-Brille, der versprochene SUV kommen müsse, mit dem sie ihren Nachbarn – und sich selbst – beweisen können, dass sie auch zu denen gehören, die in neoliberal vergletscherten Zeiten gut und gerne leben. Dieser SUV, der dem tagesschauguckenden Bürger jeden Abend auf seinen Flatscreen gezaubert wird, der aber nicht nur wie eine digitale Karotte vor der Nase baumelt, sondern der einem im Stau des Berufsverkehrs tagsüber auch ganz real vor Augen geführt wird – also keineswegs Fake sein kann! –, dieser SUV samt seiner Accessoires inklusive Mieze bzw. Geldverdiener-Alphamännchen am Beisitz ist es, aus dem die Träume dieser Sorte Hasen gewoben sind, die sich entschließen, im Klammergriff der Kanzlerin zu verharren.

Die Kompensationsmechanismen verlieren zwar mittlerweile ihre Wirkung, selbst der exzessive Konsum von Alkohol, Medikamenten und Pornos schafft es nicht mehr, den Schmerz unspürbar zu machen, der immer übermächtiger zu werden droht und der daraus resultiert, dass dem Hasen, der im virtuellen Wohlstandstraum schlummert, von der unsichtbaren, aber umso fachkundigeren Hand des Marktes bereits bei lebendigem Leib das Fell vom Rücken gezogen wird.

„Räbääh … aber wir wollten ja nur Gut und Gerne lebbähn“, fangen einige dieser kopfüber baumelnden Hasen an zu plärren. Als Antwort bekommen sie von der harten Rechten der Kanzlerin, während sie mit ihrer Linken die Hinterläufe hält, einen betäubenden Schlag ins Genick. „Kusch, meine Häschen“, memmelt die gute und gerne Waidfrau, „ihr wolltet doch suvfahren“. „Jaaah …!“, bäumen sich die Hasen nochmals auf, „wir wollten großen Suv … nicht große Scheiße!!“. „Na ja“, lautet kühl lächelnd die Antwort der Waidfrau, „jetzt weißte halt, dass SUVs Scheiße sind. Nicht nur für die Umwelt.“ – Und fügt hinzu: „Ihr habt doch lange Ohren und scharfe Augen. Wenn ihr sie nicht zum Sehen benutzt habt, dann müsst ihr sie nun eben zum Weinen benutzen!“


Foto oben: Treibjagd / Wikimedia Commons / Peli / CC BY-SA 3.0
Foto unten: Pixabay / CC0

Die Merkeldämmerung: Wenn Oktoberfestlöwen ein Schwarzes Loch bezwingen wollen

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Foto: NASA „Supermassive black hole“ PD / Flickr-European People’s Party-CC BY 2.0)

Kommt der längst überfällige Merkelsturz?

„Ich kann mit der Frau nicht mehr arbeiten“ – so Horst Seehofer laut WELT AM SONNTAG in CSU-internem Kreis über Angela Merkel (Quelle: welt.de). Entgegen dem Willen der Kanzlerin will er nun Grenzkontrollen anordnen. – Ein bloßes Ablenkungsmanöver im bayerischen Wahlkampf aufgrund der zunehmenden Bürgerwut über den Bamf-Skandal und Angela Merkels „Politik der offenen Grenzen“ oder steht ein ernst gemeinter Merkelsturz bevor?

„Sie wird untergehen“, titelt die Zeit, das Handelsblatt konstatiert „Das Ende der Alternativlosigkeit“, der Stern „das Ende von Merkels Flüchtlingspolitik“. Sogar bislang unbeirrte Merkel-Fans erklären ihre Beziehung zur Kanzlerin für zerrüttet und „machen Schluss“ (siehe welt.de).

Der fernsehende Spiegelbildbürger kann es kaum glauben: Soll die alternativlose Dauerkanzlerin, die nach Ansicht des Politikwissenschaftlers Ulrich Mies mit ihren „fassadendemokratischen Schaustellern Demokratie, Anstand, faires Miteinander, Europa und den Frieden vor die Wand gefahren hat und deren marktradikaler Ungeist nun in alle Bereiche der Gesellschaft metastasiert“, nun tatsächlich von der Politbühne entfernt werden? Sollten Demokratie, Anstand, faires Miteinander, Europa und der Friede also tatsächlich wieder die Chance zum Aufblühen bekommen?

Die Patin und das System „M“

Schon 2016 war in den Leitmedien von einem Merkelsturz die Rede (siehe welt.de), dank Industrie 4.0-Pattex sitzt die Kanzlerin jedoch weiterhin fest im Sessel. Auch minutiös recherchierte Dokumentationen über die erosive Auswirkung der von Sloterdijk als „Hohlraumfigur“ bezeichneten Person Merkels auf Demokratie und Rechtsstaat konnten daran bislang nichts ändern. Bereits 2012 hat etwa Prof. Dr. Getrud Höhler, einstmals CDU-Urgestein und Beraterin von Bundeskanzler Kohl sowie des Deutsche-Bank-Chefs Herrhausen in ihrem Buch „Die Patin“ der Öffentlichkeit eine schonungslose Bestandsaufnahme von dem präsentiert, was sie als „System M“ bezeichnet:

Höhler spricht von nichts weniger als einem „Staatsstreich“, von einem Einbruch, wie wir ihn seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr erlebt haben (siehe auch Interview in phoenix via youtube). „Das System M etabliert eine leise Variante autoritärer Machtentfaltung, die Deutschland so noch nicht kannte.“ Merkels Amtsführung charakterisiert sie so: Es sei wie in einem Gemischtwarenladen. Produkte, die nicht gehen, würden aus dem Angebot genommen. Produkte der Konkurrenz, die besser laufen, würden kopiert. Die Kanzlerin sehe sich als Anbieterin in einem Meinungsmarkt, wo die Kundengunst über den Marktwert der Ware entscheide.

In einem jüngsten Vortrag aus März 2018 (Youtube-Konto mittlerweile gelöscht) spricht Höhler von einer Eigenschaft der Deutschen, die eine Regentschaft Merkel  überhaupt erst ermöglicht: die „Sehnsucht nach Aufschub und Nichtwissen“. Nach Jahrzehnten permanenter Konfrontation mit ihrer Schuld hätten die deutschen Bürger nun ihre Ohren auf Durchzug gestellt, wollten nichts mehr sehen und hören, sondern nur noch in Ruhe gelassen werden. Indem jeder nur noch irgendwie über die Runden kommen möchte, verfallen allerdings die Werte, die bisher die Basis unserer zivilisierten Gesellschaft gebildet haben, in atemberaubenden Tempo. In diesem Klima des Nihilismus billige man Merkel praktisch eine Allmacht zu, die sie unter anderen Umständen keinesfalls behaupten könnte. Höhler: „Worauf beruht denn eigentlich Merkels Deal mit den Wählern? Das kann doch nicht nur sein: Ja, wir wussten niemand anderen, die bleibt ja schon deshalb, weil kein anderer da ist (…) Ich sage: Darauf, dass sie ihre Ziele nicht nennt. Sie würde – ich weiß nicht, ob sie es im engsten Kreis tut – sagen: Wenn ich das verrate, bin ich nicht mehr dran! Das heißt, Merkel kann ihre Ziele gar nicht nennen, weil die Menschen dann nicht mitgehen würden.“

Die Knute unter der Tarnkappe: Autoritäres Schweigen

„In Wahrheit hat Merkel ein autokratisches System entwickelt, das von den Vorurteilen der Beobachter profitiert: Autoritäres Schweigen ist in diesen Vorurteilen nicht verzeichnet“ (Quelle: handelsblatt).

Prof. Höhler charakterisiert damit etwas an der Person Merkels, was in der Tat schwer greifbar ist und sich eines rationalen Erfassens weitgehend entzieht. Denn nach außen hin könnte man zunächst meinen, Merkel verkörpere eben in jeder Hinsicht den sanften Kompromiss, versucht es allen recht zu machen. Sie kämpft nicht, sondern assistiert mit zur Raute gefalteten Händen und emotionslos-erschlaffter Mine eben dem, was alternativlos oder gerade opportun ist.

Wollte man Angela Merkels Politik bzw. ihren vermeintlichen „Führungsstil“ charakterisieren, dann müsste man ihn paradoxerweise eigentlich durch eine Negativdefinition beschreiben: Durch eine vollendete Absenz von Eigenschaften, wie man sie von einer Politikerin in höchster Führungsposition eigentlich als conditio-sine-qua-non voraussetzen würde: Verantwortungsübernahme, Authentizität und Werte etwa.

Fleisch gewordenes Unglück

Eine spätere Generation wird über dieses Phänomen einmal staunend den Kopf schütteln: Indem Angela Merkel herumlaviert, es scheinbar allen recht zu machen versucht und sich aus jeder Verantwortung herausstiehlt, führt sie für das Land ein größeres Unglück herbei, als es jeder autokratische Despot vermochte. Das Unglück zeichnet sich auch bereits ab. Viele Menschen wollen sich zwar an der Illusion festkrallen, dass sie hier immer noch „gut und gerne leben“, obwohl uns sogar fortschrittsgläubige Pragmatiker wie Sigmar Gabriel bereits „am Abgrund“ sehen (Quelle: nzz). Nach nunmehr vier Merkel-Regierungen befinden sich nicht nur Gesellschaft, Sozialstaat, Grundrechte und die europäische Friedensordnung in akuter Erosion. Unsere Presse liegt mit Herz-/Nierenversagen in einem komatösen Zustand, die von Willy Brand & Co. geleistete Arbeit zur Ost-West-Entspannung und europäischen Friedensordnung wurde umstandslos an die Wand gefahren, vollkommen durchgeknallte Maasmännchen und harpienartige Bundeswehrchefinnen geifern nach einer Konfrontation mit dem atomar bestückten russischen Bären, während gerade die letzten Umwelt- und Humanressourcen ausgeschlachtet werden und die Menschen schon in den besten Jahren ihres Lebens mit Burnout zu kämpfen haben. Man muss sich regelrecht die Augen reiben, um es zu fassen: In einer Gesellschaft, die sich noch vor Kurzem zu den liberalsten und humanistischsten der Welt gezählt hat, herrschen nun Gleichschaltung der Medien, erbitterte Spaltung, Blockwart- und Gesinnungsterror und eine Hexenjagdstimmung wie zu Inquisitionszeiten im dunklen Mittelalter oder in der McCarthy-Ära.

Dabei wäre doch alles in Butter, wenn es in unserem unseligen Land nicht überall von „Rechten“ und „Nazis“ wimmeln würde – Attribute, mit denen heute per Merkel‘scher Definition nicht nur jeder Friedensaktivist und sozialkritische Straßenmusiker belegt wird, sondern auch jede x-beliebige Hausfrau und jeder Rentner, der mit der Regierungspolitik nicht einverstanden ist. Man denke sich nur einmal all die fiesen „Nazis“ weg: Unser Land wäre ein glücksstrahlendes Paradies voller Zukunftshoffnung, wo alle im Reigen des Gender Madstream der digitalen Transformation entgegentanzen. Da die Nazis aber einfach nicht wegzukriegen sind, sondern in der Zahl sogar rasant zunehmen  (dank der Merkel’schen Ächtungsdoktrin wurde das Kunststück zustande gebracht, dass das Wort ‚Nazi‘ mittlerweile jeden Schrecken verloren hat und sich sogar die biedersten Hausfrauen sagen: „Wenn das Nazi ist, gut, dann bin ich eben auch Nazi!“), ist Friede-Freude-Eierkuchen leider abgesagt.

Kollaps im Schlamerkelland

Kein Wunder also, dass angesichts des inflationären Nachwuchses an ‚Nazis‘ nun sogar unser  Rechtsstaat am Kollabieren ist, so man führenden Vertretern unseres Rechtsstaats Glauben schenkt. „Die deutsche Justiz steht kurz vor dem Kollaps“, titelte etwa die Wirtschaftswoche Ende Mai (siehe wiwo). In einem Focus-Report meint Oberstaatsanwalt Ralph Knispel im größten Strafgericht Europas: „Das sieht hier alles zwar hübsch aus. Aber in Wirklichkeit machen wir hier nur noch fröhlich Musik wie die Kapelle auf der Titanic.“ Der Oberstaatsanwalt stößt damit  ins gleiche Horn wie der Chef des Deutschen Richterbunds Jens Gnisa, der in seinem im Vorjahr veröffentlichten Buch „Das Ende der Gerechtigkeit“ feststellt, dass unsere Volksvertreter dabei seien, „eine der wichtigsten Säulen der Demokratie, die unabhängige Rechtsprechung einstürzen zu lassen. „Was wir erleben, ist ein Rückzug des Staates auf breiter Front“, meint auch der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt.

Obwohl Merkels Ressortchefs unter Beweis stellen, dass ihre jahrelange akademische Ausbildung nicht umsonst war und sie die Kunst des Erstellens von Excel-Tabellen beherrschen, in denen dem tagesschauguckenden Bürger in pastellrosa Farbe hinterlegte Kriminalstatistiken präsentiert werden, wonach alles im grünen Bereich ist, so erfährt man aus der Praxis anderes. Der Oberstaatsanwalt berichtet, dass in Berlin im Vorjahr laut Polizeilicher Kriminalstatistik gefährliche Körperverletzung auf Straßen und Plätzen um 16,7 Prozent, die Zahl der Sexualdelikte um 32,2 Prozent angestiegen ist. Auch in anderen Metropolen wie Frankfurt am Main und Hamburg nahmen Gewalt- und Sexualdelikte ähnlich stark zu (Quelle: focus). Mit Ermittlungsfällen überschwemmte Staatsanwälte verschafften sich Luft, indem sie massenhaft Verfahren einstellen. Polizisten könnten Straftaten an Brennpunkten längst nicht mehr ausreichend verfolgen, etliche Gefängnisse melden Überfüllung. „In einem Mordfall vom Februar 2018 haben wir bis jetzt noch nicht einmal eine ausgewertete DNA-Probe. Es kommt vor, dass eine DNA-Probe erst nach einem Jahr ausgewertet ist. Das ist absurd.“  Von 5,18 Millionen Verfahren hat die Staatsanwaltschaft mehr als die Hälfte – 2,9 Millionen – durch Einstellung mangels Tatverdachts, wegen Geringfügigkeit oder unter Auflagen erledigt. In gerade einmal 434.600 Fällen (=8,4 %) kam es zu einer Anklage. Auch die Verwaltungsgerichte drohen zu kollabieren, aktuell durch 230.000 Klagen gegen negative Asylbescheide.

Wie gestern in den Zeitungen verlautbart, hat der Europäische Gerichtshof nun entschieden, dass jeder vom Asylgericht rechtsgültig abgelehnte Migrant das Recht darauf hat, gegen seine Abschiebung zu klagen und in der Folge nicht abgeschoben werden darf (siehe zeit.de). Wie man sieht, ist die aktuelle mediale Empörung gegen Seehofers und Söders Ansinnen zur Ausweisung illegaler Migranten also vollkommen überflüssig – der EuGH hat dem Ansinnen der bayerischen Populisten bereits einen Riegel vorgeschoben und Merkels Politik der offenen Grenzen kann ungebremst weitergehen.

No-future-win-win Situation

Der Markt bzw. dessen unsichtbare Hand will es offensichtlich. „Wir brauchen jedes Jahr 400.000 Zuwanderer netto, um den Bedarf der Unternehmen zu decken“, sagt Detlef Scheele, Chef der Bundesagentur für Arbeit in einem jüngsten Interview mit der Welt.

Dass dank der deutschen Grenzöffnung in weiten Teilen Nordafrikas mittlerweile eine vollendete No-Future-Stimmung herrscht: Wen interessiert’s schon? Soweit mir von Menschen vor Ort erzählt wurde, haben es dort die meisten jungen Menschen aufgegeben, sich in ihrem Land Ideen für die Zukunft zu machen, ihr einziges Trachten ist: „Wie schaffe ich es auch ins Schlamerkelland?“ Zurück bleiben in den Dörfern vorwiegend alte und kranke Menschen, die bei kaputten Wasserleitungen und mangelnder ärztlicher Versorgung hilflos dahinsiechen. In der Folge des brain drains der Jungen bricht dort gerade alles zusammen – ebenso wie demnächst womöglich auch bei uns. Nennt man im neoliberalen Neusprech dann wohl ‚win-win-situation‘.

Unser Arbeitsmarkt saugt die neu heranströmenden Billig-Arbeitskräfte jedenfalls begierig auf. Dass die Flüchtlinge aus Afrika und dem Nahen Osten aufgrund ihrer mangelnden Bildung nicht in den europäischen Arbeitsmarkt integrierbar seien, ist offensichtlich nur ein Gerücht. Laut den neuesten Statistiken des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung  IAB hat bereits jeder vierte der seit 2015 nach Deutschland gekommenen Migranten Arbeit gefunden(Quelle: welt.de). „Wenn sich der Beschäftigungszuwachs so fortsetzt, hat nach fünf Jahren die Hälfte der Zuwanderer eine Arbeit“, so Herbert Brücker, Leiter des IAB-Forschungsbereichs Migration. Am häufigsten schafften es Pakistaner, im deutschen Arbeitsleben Fuß zu fassen. Laut Bundesagentur für Arbeit hätten im Februar 2018 bereits rund 40 Prozent der pakistanischen Zuwanderer eine Arbeit gehabt. Auch bei Migranten aus Nigeria und dem Iran sei die Quote hoch.

Abgesaugt im Wurmloch

Um zu einem Ende zu kommen – was ich sagen wollte: Der aktuelle Putschversuch gegen Angela Merkel wird mit großer Wahrscheinlichkeit wieder scheitern. Denn die bayerischen Oktoberfestlöwen glauben in ihrer Naivität allen Ernstes, dass es hier mit rechten Dingen zugeht und man Probleme regeln könne wie mit einem Handschlag auf der Wies’n bei Bier und Brezen. Sie realisieren nicht, mit was für einer transatlantisch-außerirdischen Dimension sie es mit der Person Merkel zu tun haben: In astronomischen Begriffen müsste man von einem schwarzen Loch sprechen – und ein schwarzes Loch verschlingt bekanntlich schlichtweg alles, was in seine Reichweite kommt. Sogar vorbeiziehende Lichtstrahlen werden von ihrer ursprünglichen Bahn abgebogen und auf Nimmerwiedersehen in einem schwarzen Wurmloch verschluckt. Egal ob Zustimmung oder Kritik, alles, was in die Richtung des schwarzen Lochs geht, wird erbarmungslos abgesaugt und sorgt nur für noch mehr Masseakkumulation.

Bereits ein einmaliger Kontakt mit einem solchen schwarzen Loch kann verheerend sein. Deutschland muss ihm nun schon seit 13 Jahren täglich ins Gesicht sehen, befindet sich daher mittlerweile in einem derartigen Stadium der Zersetzung und Apathie, dass eigentlich nur noch die äußere Fassade steht (die zugegebenermaßen glänzend poliert ist). Im betörenden „Brummen“ des Wirtschaftsmotors hört niemand das gellende Lachen des nackten Wahnsinns, der bereits das Messer zur Mahlzeit wetzt, während wir wie mit einem Senkblei am Bein Richtung Meeresgrund in die digitale Transformation gezogen werden.

Wenn in dieser Situation jetzt nicht alle Basistriebwerke gezündet werden, um doch noch eine Schubumkehr zu schaffen – dann war’s das wohl  … und wir sehen uns wieder im Omega-8-Quadranten, in dem wir ausgespuckt werden, nachdem wir über das schwarze Wurmloch abgesaugt wurden. Was vielen allerdings nicht so gut schmecken wird: Der Spaßfaktor in diesem digital transformierten Quadranten wird nicht einmal halb so groß sein wie sich das manche Nerds auf Bento derzeit noch ausmalen (siehe Bento: „Ich bin Generation Merkel – und das ist auch gut so!“).

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Nachsatz: Wie die Bild-Zeitung bereits in dicken Lettern verlautbart hat, scheint das ganze Aufhebens um einen vermeintlichen „Merkelsturz“ in der Tat entbehrlich gewesen zu sein:
Nach einer Sonder-Fraktionssitzung der CDU verkündet Merkel, wozu der Vorstoß Seehofers und Söders geführt hat: „Ich fühle mich gestärkt.“

Rette sich wer kann? – Gedenken an den Beginn eines sehr unseligen Zeitalters


Foto: cc by Parkwaechter

Trabanten des Schwarzen Lochs

„Da draußen sind Monster: GroKo – Diese Regierung ist der letzte Gruß einer untergehenden Zeit“ titelt der Freitag in seiner dieswöchigen Ausgabe.

Gestern wurden sie von Bundessteinadler Steinmeier also wieder vereidigt, die Monster. Gruppiert um die erosive Gravitationskraft eines alternativlosen schwarzen Lochs präsentieren sie sich den Kameras allen Umständen zum Trotz als Fleisch gewordenes „Wir schaffen das“ (siehe Foto). Während uns der abgesägte Außenminister Sigmar Gabriel auf der Münchner Sicherheitskonferenz „am Abgrund“ sieht (siehe nzz) und auch die Wissenschaftler und Nobelpreisträger des „Bulletin of the Atomic Scientists“ ihre Doomsday Clock gerade auf 2 Minuten vor Mitternacht gestellt haben (siehe Spiegel), so glauben die Ministranten der Rautenkönigin weiterhin unbeirrt an den Fortschritt von Technik und transatlantischer Demokratisierung – wild entschlossen, das zu tun, was Steinmeier als primäre Aufgabe der Regierung ansieht (Quelle: bilanz.ch) :

«Der Bundespräsident, vor allem die Mitglieder der Bundesregierung müssen Überzeugungsarbeit leisten, dass das transatlantische Fundament nicht infrage gestellt wird.»

Die Trabanten des schwarzen Lochs (siehe auch CDU-Gruppenfoto „Die Mitte“) werden sich nun also an ihr Werk machen und in immer enger werdenden Kreisbewegungen auf ihre gleichzeitig adipöse und nicht-existierende Mitte zusteuern, bis sie vollends im schwarzen Wurmloch verschwinden und vermutlich in den Omega 8-Quadranten jenseits unserer Milchstraße abgesaugt werden, wo sie dann weiterhin ihr Demokratie-Possenspiel betreiben können. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit wird dieses Spiel zwar womöglich nur halb so viel Spaß machen, aber was soll’s: Vielleicht bekommen sie ja auf einem Raumschiff der Borgs Asyl. Auf gleicher Wellenlänge mit diesen Feinden der Menschheit können Sie womöglich neue Coups schmieden, um technisch rückständige Zivilisationen in den Weiten des Weltalls mit den Segnungen der marktkonformen Demokratie zu beglücken.

Übelkeit beim Mittagessen

Zurück aber von Raumschiff Enterprise zu unserem Gegenwartsdrama: Da ich während eines Skiurlaubs gerade Gelegenheit hatte, in österreichischen Tageszeitungen zu blättern, wurde ich Zeuge einer unheimlich-grotesken Melange: Der Angelobungstag „dieser verfluchten Merkel-Regierung“ (Florian Kirner/Rubikon) fiel zusammen mit dem 80. Gedenktag an den österreichischen Anschluss 1938. In den Tageszeitungen mischten sich daher Reportagen über die neue Merkel-Regierung mit opulenten Berichten und Bildercollagen über den Triumphzug des „Führers“ und seiner historischen Rede am Wiener Heldenplatz, in welcher er einer ihm mit Fähnchen zujubelnden Menschenmasse Fortschritt und Wohlstand versprach – und mit dieser Fortschrittsverheißung die dunkelste Epoche einleitete, die das Land jemals erlebt hat. Die Zeitungsseiten quollen über vor Bildern mit Militärgerät, Nazi-Kohorten und ihren Claqueuren von der gleichgeschalteten Reichspresse, unmittelbar daneben Kolumnen mit Bildern von Angela Merkel während ihrer Angelobungsfeierlichkeiten, mal die Raute ganz klassisch auf Gebärmutterhöhe gefaltet, mal auch beidhändig über Kopf in der Pose, wie man sie sonst nur von Fußballern beim Erhalt der Champions League-Trophäe kennt. Angesichts dieser grotesken Bildercollage während des Mittagstisches verzichtete ich jedenfalls auf die im Hotelmenü inbegriffene Sachertorte ebenso wie auf meinen Mittagsschlaf, sondern suchte stattdessen unter leichtem Drehschwindel den Gang an die frische Luft.

Trotz des milden Frühlingswetters und des Vogelgezwitschers, das mich draußen erwartete, fiel es mir nicht leicht, zu meiner gewohnten Leichtigkeit zurückzufinden. Bisher ungekannte Gedanken gingen mir durch den Kopf: Soll ich am sinkenden Schiff bleiben oder wäre es an der Zeit, es Gerard Depardieu gleichzutun und das Land zu verlassen, bevor es zu spät ist? – Moment mal, bin ich denn vollkommen bekloppt?: Aus einem Land wegziehen, in dem doch alle gut und gerne leben und mit dem gerade halb Afrika als neue Wahlheimat liebäugelt? Nun, nicht wenige Menschen in meinem Umkreis tun dies bereits oder treffen ernsthafte Vorbereitungen zum Auswandern. Was mich dabei bisher verblüffte: es sind ausnahmslos gut situierte und hochintelligente Menschen, die das wohlstandsverwöhnte Schlamerkelland verlassen, viele davon mit kleinen Kindern – ihre Gegenwart wird mir schmerzlich fehlen. Bis vor kurzem dachte ich, dass die von mir beobachteten Abwanderungsfälle wohl einer übertriebenen Furchtsamkeit entspringen und nicht repräsentativ sind. Wie ich in einem gestern veröffentlichten Report des Statistischen Bundesamts erfahren habe, sind dies allerdings ganz und gar keine Einzelfälle: Allein im Jahr 2016 verließen 281.000 Bundesbürger das Land, ein bisheriger Rekord (Quelle: welt.de). Interessant dabei ist, dass bereits seit 2005 ein negativer Wanderungssaldo verzeichnet wird – also exakt ab jenem Jahr, in dem Angela Merkel ihre Regentschaft antrat.

Marktkonformer Migrationssaldo

Angesichts solcher statistischer Daten versteht man eventuell auch, warum sich mittlerweile sogar der beharrliche CSU-Chef Horst Seehofer Merkels Politik der offenen Grenzen angeschlossen hat, obwohl er doch noch vor Kurzem beim politischen Aschermittwoch verlautet hat, dass er sich „bis zur letzten Patrone gegen eine Zuwanderung in die deutschen Sozialsysteme“ sträuben werde. Was ein Saldo ist, versteht Seehofer schließlich: Mit negativem Saldo macht man’s als Betriebswirt nicht mehr lange. Wenn bei stagnierender Geburtenrate weiterhin jährlich mehrere hunderttausend Leistungsträger – mit derzeit exponentiell steigender Tendenz – aus Deutschland abwandern, dann findet die derzeit im Dreischichtbetrieb florierende deutsche Rüstungsindustrie womöglich nicht mehr genügend willige Arbeitskräfte, um die Sprengsätze, Panzer, Drohnen und Raketen zu produzieren, die unserem Land einen satten Exportüberschuss bescheren. Wenn die in Deutschland verbleibenden jungen Menschen, allesamt im politisch korrekten Gender Madstream auf „Make love, not war“  domestiziert, womöglich keine Lust mehr haben, diese Drecksarbeit zu verrichten, dank deren in die Krisengebiete exportierten Produkten weltweit Häuser, Kinder und wehrlose Menschen zerfetzt werden?  – Schreck lass nach, dann kommt unser solide „brummender“ Wirtschaftsmotor womöglich ins Stottern.

Oder wie ist es auch um die sonstigen ehrbaren Berufe in der gerade aufstrebenden Nanotechnologie-, Gentech-, Biotech- und Robotikindustrie bestellt, die viele Jugendliche bereits als „Bullshitjobs“ ansehen? Na da ist es doch wirklich ein genialer Schachzug, junge Menschen ins Land zu holen, die zu allem bereit sind und bestimmt keine ethischen Bedenken und Motivationsprobleme haben. – Deren Anwesenheit noch dazu den angenehmen Nebeneffekt mit sich bringt, dass sich die Bundesbürger untereinander hoffnungslos zerstreiten und dadurch politisch marginalisieren – so dass die marktkonformen Machtverhältnisse, in denen zumindest das obere 1 % der Gesellschaft gut und gerne lebt, niemals ernsthaft in Frage gestellt werden können.

Die entsprechenden Humanressourcen, die zur Verwertung der noch verbliebenen Umweltressourcen notwendig sind, stehen nun bereit. Laut der bereits erwähnten neuen Bundesstatistik wanderten im Jahr 2016 rund 1.720.000 und 2015 rund 2.016.000 Ausländer in die Bundesrepublik ein. Der starken Auswanderung von Deutschen steht also eine anhaltend hohe Zuwanderung von Ausländern gegenüber. In Westdeutschland inklusive Berlin stammen bereits 42 Prozent der neu geborenen Kinder aus einer Einwandererfamilie. Dass die armen Länder, die gerade um ihre jüngsten und leistungsfähigsten Menschen ausgeblutet werden, dadurch auch ihre eigene Zukunft und Kultur verlieren – egal, es geht um uns und unsere Wirtschaftsbilanz, WIR sind der Nabel der Welt … wenn WIR nicht gerade Fußball-Weltmeister oder Papst sind.

Beileid

Es ist im Übrigen auch lohnenswert, das Stimmungsbild in den über 600 Leserkommentaren zum vorgenannten  welt.de-Artikel zu sichten: Es sind laut eigenem Bekunden hauptsächlich Unternehmer und „Leistungsträger“, die sich hier zu Wort melden und die fast unisono ihren im Inland verbliebenen Landsleuten ihr Mitgefühl und Beileid ausdrücken.

Beileid? Beileid wozu? – Immerhin leben wir im Land, in dem sich die Tafeln vor abgelaufenem Essen biegen, doch so gut und gerne in einem nie gekanntem Wohlstand, der es möglich macht, selbst mit einfachst gestrickten Wahlkampfslogans unsere Stimme für ein „Weiter so!“ zu gewinnen. Wenn es also wahr ist, dass wirklich so viele Unternehmer und Leistungsträger unser Land verlassen – also Menschen, die den vielzitierten „brummenden Motor“ von innen kennen –, muss man dann daraus schließen, dass dieser brummende Motor womöglich eine Macke hat? Steht dieser Motor etwa kurz vorm Kolbenreiber, obwohl das hochglanzpolierte Gefährt, das er unter der Motorhaube antreibt, derzeit noch mit Höchstgeschwindigkeit am Highway über die Atlantikbrücke unterwegs ist?

Scheinbar ist der bereits eingangs erwähnte Gerard Depardieu nicht der einzige, der derzeit für Europa schwarz sieht und sich in Melancholie ergeht. In einem Interview mit dem Figaro spricht er davon, dass in seinem Land die Menschen und die Kultur „verloren gehen“ und er inzwischen Russland als seine neue Wahlheimat erkoren habe, da er „die Katastrophe nicht sehen“ wolle:

„… Wenn ich in Frankreich bin, bleibe ich hier zu Hause mit meinen Büchern: Ich möchte nicht rausgehen und das Desaster sehen. Wir haben Orwell bereits hinter uns und sind nun in Van Vogts ‚Space Wildlife‘ angekommen, wo niemand mehr etwas versteht. Das allgemeine Wahlrecht ist vorbei: Wir werden von Apple und Zuckerberg geführt.

… Deshalb nervt mich dieses Land, es ist zu sehen, dass die Franzosen so traurig sind wie der Tod. Sie wagen es nicht einmal mehr auf ihr Land zu schauen, da sie sich dafür schämen.“

Auch für den vom ihm geliebten Film empfindet Depardieu bloß noch Abscheu. Sehenswert findet er nur noch solche Produktionen, die „von der öffentlichen Kritik vernichtet“ würden.

Am neoliberalen Altar

Aber wir schweifen ab und vergraulen uns womöglich die Lust am strahlenden Fortschritt, der uns doch heute erwartet (siehe auch „Pig Business Monkey Events, Global Playboys und bezaubernde Jeannies – Auf dem Weg zur digitalen Transformation und zum Final Handshake“). Damit der zur Staatsreligion erhobene Fortschrittsglaube nicht kurz vor seinem Endsieg womöglich unerwartet zum Erliegen kommt, wurden in den letzten Wochen auch alle Register gezogen, um auf Biegen und Brechen und unter Ächzen und Stöhnen wiederum das zusammenzuschweißen, was nicht zusammen passt. Was hinter den Kulissen vor sich gegangen ist, um diese unsägliche Zwangsehe zu arrangieren, vor der nicht nur allen Schaulustigen, sondern auch den Brautsleuten selbst graut, hat der langjährige Leiter des ZDF-Parlamentsstudios Wolfgang Herles vor Kurzem ausgesprochen: „Das Chaos in der SPD ist zum Großteil Bundespräsident Steinmeier zu verdanken, der die Große Koalition erzwingen wollte“ (Quelle: focus).

Dem mittlerweile wieder in Würselen verschwundenen Martin Schulz war es dabei natürlich vollkommen klar, dass er sich und seine Partei vollkommen verheizt, wenn er wieder in die Arme der schwarzen Rautenkönigin geht. Um das zu erkennen, ist er als altgedienter EU-Berufspolitiker schlau genug – weshalb er ja nach der Wahl auch sofort in Opposition wollte … hätte nicht Bundespräsident Steinmeier interveniert und ihn in einem Vier-Augen Gespräch mit nicht in den Medien veröffentlichten, aber offensichtlich zwingenden Argumenten zum Fortsetzen des Projekts Merkel gezwungen. Indem Schulz sich und die ganze SPD-Mannschaft dazu als Opferstiere an den Schlachtaltar geführt hat, sind die zornigen Götter auf dem unantatstbaren Olymp der Atlantikbrücke nun hoffentlich befriedet und die transatlantisch-neoliberale Agenda kann in Europa ihrem Endsieg entgegenschreiten.

Aber wer weiß: Vielleicht taucht ja noch Perseus auf und schlägt der Hydra unerwartet das Schlangenhaupt ab.

 


Nachsatz:

So, nach all den demoralisierenden Regierungs-Gruppenfotos und dem schwer verdaulichen Gescholze und Gemerkel auf unserer marktkonform gewordenen Demokratiebühne möchte ich den Leserinnen und Lesern des Nachrichtenspiegel auch ein paar Sätze eines denkwürdigen Zeitgenossen mitgeben, der in unserer postmoderen Touchdisplay-Gesellschaft leider in Vergessenheit zu geraten droht – vermutlich aufgrund seiner nicht mehr ganz fortschrittskompatiblen Gesinnung. Immerhin hat er für diese Gedanken in analogen Zeiten noch den Literaturnobelpreis erhalten:

„Ich habe an vielen Dingen keine Freude und glaube an viele Dinge nicht, die der Stolz der heutigen Menschheit sind: Ich glaube nicht an die Technik, ich glaube nicht an die Idee des Fortschritts, ja nicht einmal an die Demokratie, ich glaube weder an die Herrlichkeit und Unübertrefflichkeit unserer Zeit, noch an irgendeinen ihrer hochbezahlten Führer, während ich vor dem, was man so ‚Natur‘ nennt, eine unbegrenzte Hochachtung habe.“  (Hermann Hesse)

  Hermann Hesse (Foto: PD)

Vielleicht ermuntern uns diese Worte ja dazu, vom toten Pferd, auf dem wir gerade reiten, noch rechtzeitig abzusteigen … – bevor es uns digital wiehernd in den Grand Canyon befördert.

„Wer etwas über das Leben lernen will, muss ins Kino gehen“ – Die Götterdämmerung 2018 und die kollektive Lust am Untergang

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Ein von der Todesgöttin Hel entfesselter dunkler Strudel steht am Firmament und will alles verschlingen (Marvel-„Thor: Ragnarok“ Offizieller Trailer/YouTube)

Künstler und Kreativschaffende hatten schon immer eine sehr feinsinnige Wahrnehmung für das, was sich als „Zeichen der Zeit“ gerade am Horizont abspielt, auch wenn dies für das Auge des fernsehenden Spiegelbildbürgers nicht direkt sichtbar ist. „Am Horizont leuchten die Zeichen der Zeit: Niedertracht und Raffsucht und Eitelkeit“, mit diesen Textzeilen fasste Reinhard Mey die Zeichen der Zeit schon vor einiger Zeit recht treffsicher in Worte (siehe „Das Narrenschiff“). Es waren allerdings noch vergleichsweise sozialromantische Zeiten, in denen Reinhard Mey diesen Text zimmerte. Inzwischen türmt sich am Himmel ein noch ungleich verheerenderes Zeichen auf, das alle bisherigen Zeichen in den Schatten stellt, alle Zukunftshoffnung zu ersticken droht und vermutlich die größte Herausforderung darstellt, vor der die Menschheit jemals gestanden hat – ein Zeichen, das von Kunstschaffenden wiederum relativ treffsicher aufgegriffen wird.

Noch niemals zuvor wurde in unseren Leitmedien mit solcher Leichtfertigkeit über die Möglichkeit eines nuklearen Erstschlags und über einen möglichen Schlagabtausch zwischen NATO und Russland, also über ein Game Over für uns alle, gesprochen. Doch selbst, wenn die Vernunft im gegenwärtigen Säbelrasseln die Oberhand behalten sollte und wir einem nuklearen Holocaust entgehen können, haben wir hundert Mittel an der Hand, uns trotzdem selbst den Garaus zu machen und uns ökologisch, wirtschaftlich, sozial, kulturell, technologisch, pädagogisch, sexuell und allgemeinmenschlich zu zerstören. Unsere Politiker und ihre neoliberalen Apologeten sind scheinbar wie wild zum Wahnsinn entschlossen, den sie euphemistisch „Fortschritt“ nennen und den sie um jeden Preis auf Schiene bringen wollen, obwohl der Grand Canyon, in den diese Schiene führt, bereits in Sichtweite ist. Wer sich dem zur Normalität erklärten Wahnsinn verweigert, gilt als Fortschrittsverweigerer und Querfrontler. Wie der Eifelphilosoph in seinem letzten Artikel feststellt, wäre entschlossenes zivilgesellschaftliches Engagement jetzt dringend vonnöten, um das Schlimmste zu verhindern, aber dennoch: eine unbegreifliche Lethargie hält uns darnieder und möchte uns jede Hoffnung rauben. Burnout und Angststörungen grassieren und greifen inzwischen sogar nach unseren Kindern, laut WHO-Statistik wird Depression demnächst zur Volkskrankheit Nr.1 avancieren – und das, obwohl uns der rasende technische Fortschritt doch angeblich zu strahlenden Menschen machen sollte. Wie man auch an den Wahlergebnissen sieht, haben wir uns an diesen Alltagswahnsinn und die chronifizierte Dunkelheit bereits so gewöhnt, dass wir diese für normal und alternativlos halten (siehe „Über die Logik des Gänsebratens“).

Anstatt uns gegen die Bedrohung aufzuraffen, scheint nun sogar eine gewisse Lust am Niedergang Platz zu greifen, die man nicht nur in den führenden Kulturevents zelebriert (siehe „Kulturtod 4.0“). Es ist nur allzu verständlich, dass wir uns lieber mit unterhaltsameren Dingen beschäftigen würden. Und ich weiß, dass es eine Zumutung ist, auf innere Realitäten hinzuweisen, wenn man sich sogar den äußerlich sichtbaren Realitäten beharrlich verweigert. Aber da 2017 unsere eigentlich stets um Entwarnung bemühten Wissenschaftler die ‚Doomsday Clock‘ (siehe „Bulletin of the Atomic Scientists„) um weitere 30 Sekunden vorstellen mussten und diese Uhr nun auf zweieinhalb Minuten vor Mitternacht – d.h. der symbolischen Apokalypse – steht, täten wir eventuell gut daran, zumindest für ein paar Augenblicke einmal den Blick auf diejenige dunkle Seite in unserem Wesen hinzulenken, die sich leider nicht nur bei Putin oder Trump verorten lässt, sondern die in jedem einzelnen von uns schlummert. Der feinsinnige UN Generalsekretär Dag Hammarskjöld spricht in seinem Tagebuch von einem „düsteren Kontrapunkt des Bösen, der in unserem Wesen, ja, von unserem Wesen, doch nicht unser Wesen ist“ und dass „etwas in uns die Katastrophe begrüßt und das Unglück sogar für die bejaht, zu denen wir halten“. Da wir diesen Teil in uns nicht im Auge behalten, sondern ihm vollkommen freie Zügel gelassen haben, hat er sich nun nach außen projiziert, verdunkelt den Himmel und versorgt uns mit pechschweren  Regenschauern, die jeden Ansatz von Konstruktivität zunichte machen wollen und alles zu ersticken drohen.

Zurück aber zum Film. Man mag der kunstschaffenden Avantgarde vorwerfen, dass sie heute in vielerlei Hinsicht exzentrisch, kommerzialisiert, dekadent und sonstiges sei, aber eines muss man den Kreativschaffenden unbedingt  lassen: Sie haben ein geradezu geniales Gespür für das, was momentan „in der Luft liegt“, thematisieren in ihren bildenden oder filmischen Werken also stets brandaktuelle Themen. Und genauso wie sich laut einer Umfrage inzwischen viele Bürger von Satireprogrammen wie Anstalt & Co. besser über das Zeitgeschehen informiert fühlen als durch die offiziellen Leitmedien, so kann man auch anhand von dem, was gerade filmisch inszeniert wird, ungemein Wichtiges über die globale Großwetterlage erfahren.

„Wer etwas über das Leben lernen will, muss ins Kino gehen“, meinte schon Kafka, der selbst ein passionierter Kinogeher war. Aktuell werden wir wieder aufgefordert, ins Kino zu gehen: „Thor: Tag der Entscheidung“ scheint einer der größten Kassenschlager aller Zeiten zu werden. In dem gestern in den Kinos angelaufenen Marvel-Epos sieht man den sonnenhaften Göttersohn Thor im Kampf gegen die Todesgöttin Hel, die nach jahretausendelanger Gefangenschaft wieder freikommt und nun nichts Geringeres einleiten will als Ragnarök, die Götterdämmerung – was gleichbedeutend wäre mit dem totalen Untergang der Welten rund um Asgaard & Co. Ihre Kräfte sind so gewaltig, dass zunächst nicht einmal der Götterheld Thor etwas gegen den von Hel ausgehenden dunklen Strudel, der die Sonne verdunkelt und alles in den Abgrund stürzen möchte, ausrichten kann. Wenn dieser alles erstickenwollende Strudel nicht aufgehalten wird, dann wäre das „das Ende von Allem“, bekommt man im Filmtrailer (siehe YouTube) von einer Stimme aus dem Off erklärt.


Hel, die Göttin des Todes wirft ihren Speer (Marvel-„Thor: Ragnarok“ Offizieller Trailer/YouTube)

136 Millionen Klicks erhielt der Trailer alleine innerhalb der ersten 24 Stunden nach seiner Veröffentlichung. 136 Millionen Menschen haben das cineastisch visualisierte Zeichen der Zeit also bereits vernommen, eine ganze Generation scharrt in den Startlöchern, um sich den gestern in den Kinos angelaufenen Film anzusehen. Auch wenn der Film selbst von den Disney-/Marvel-Studios relativ profan inszeniert ist, sollte man das Motiv der Menschen, die zu solchen Filmen in die Kinos strömen, nicht vorschnell profanisieren. Denn die Menschen, ob Jung oder Alt, sehen solche Filme nicht nur, weil sie nichts anderes zu tun haben, sondern weil sie von ihrem Inneren her einen tiefen Hunger nach Bildern haben, in denen sie etwas zu sehen bekommen, was den tieferen Ebenen des Zeitgeschehens und des Menschseins entspricht, was aber in unseren Leitmedien verbal nicht thematisiert wird.

Sie merken, dass ihnen ihre Politiker, die diese Leitmedien als ihr Sprachrohr benutzen, nicht die Wahrheit erzählen. Denn während besagte Politiker in ihren Wahlprogrammen irgendetwas von „einem Land, in dem wir gut und gerne leben“ memmeln, wird im Hintergrund eiskalt eine menschenverachtende neoliberale Agenda durchgezogen und sieht das Auge, egal wohin es blickt, überall nur, wie die Dinge mit rasanter Geschwindigkeit den Bach hinunter gehen. Der Bürger, der seiner ihn beherrschenden Obrigkeit aus einer archetypischen Anlage heraus immer noch so gerne vertrauen würde wie fürsorgenden Eltern, kann nicht mehr übersehen, wie er von den Regierenden verraten, verkauft und ihm das Fell über die Ohren gezogen wird. Er sehnt sich also nach Bildern, die ihm das Unfassbare zumindest auf unterbewusste Weise veranschaulichen.

Der Erfolg von Kassenschlagern wie „Matrix“ oder „Herr der Ringe“ erklärt sich durch nichts anderes, als dass durch die hierbei dargebotenen Bilder der Nerv der Zeit getroffen und archetypische Kräfte ins Licht gehoben werden, die im Unterbewussten des Einzelnen ebenso wie im von C.G. Jung zumindest bereits ansatzweise erforschten kollektiven Unterbewussten ihr Wesen bzw. ihr Unwesen treiben. Was in diesem Unterbewussten alles so west, wäre für die meisten ohne Vorbereitung bei Vollbewusstsein wohl nicht ertragbar, weshalb eine bildhafte Darstellung in Mythen und Sagen, oder eben im zeitgenössischen Medium des Films vielfach als die einzige akzeptable Darstellung erscheint, die breitenwirksam ins Volk einfließen kann.

Sigmund Freud war kurz vor seinem Tod fassungslos über die Dinge, die er in den Untiefen des Menschen ergründet hatte – unter anderem den Todestrieb Thanatos – und stammelte nur: „so viel Wahnsinn, so viel Wahnsinn…“. Der durchschnittliche Bürger ahnt das Ausmaß dieses Wahnsinns und scheut daher aus einer unbewussten Furcht heraus, den Deckel vom Topf  des Un(ter)bewussten zu heben, der aber heute bereits überkocht.

Dabei wäre die gute Nachricht: Dort im Unbewussten lauern nicht nur dunkle Kräfte, es gibt dort zum Glück auch viele lichte Kräfte bzw. konstruktive Antriebe, die den Menschen zu Liebe, Mitgefühl und Gewissen motivieren und die in Wirklichkeit viel stärker sind als die destruktiven Antriebe. Wenn man sich in diesen konstruktiven Kräften gründet, dann kann man es auch mit den alles verschlingen wollenden dunklen Kräften aufnehmen, so wie eben der Göttersohn Thor und seine Mitstreiter in der jüngsten Marvel-Verfilmung – der der Todesgöttin Hel am Ende schließlich doch noch den entscheidenden Tritt verpasst und damit die Götterdämmerung beendet.

Wäre auch schade, wenn die Menschen- und Götterevolution vorzeitig ein Ende gefunden hätte. Denn von der Thor-Saga sind laut Marvel-Studios insgesamt sieben Teile geplant und der aktuelle Film stellt erst Kapitel 3 dar. Mit einem Wort: Wir haben in der Evolution gerade Halbzeit – wenn wir es jetzt in der Halbzeit vermasseln, bloß weil wir gerade etwas müde geworden sind, dann verpassen wir womöglich die wichtigsten Episoden, die uns noch bevorstehen und das Happy End …

In diesem Sinne – damit wir nicht mit Hollywood enden -, zwei Verse aus dem Tagebuch von Dag Hammarskjöld:

„Wenn Morgenfrische der Mittagsmüdigkeit weicht,
wenn die Beinmuskeln vor Anspannung beben,
wenn der Weg unendlich scheint
und plötzlich nichts mehr gehen will, wie du wünschest –
gerade dann darfst du nicht zaudern.

(…)

Weiter! Welche Entfernung ich auch zurückgelegt,
sie gibt mir nicht das Recht, innezuhalten.
Weiter! Die Sorgfalt bei den letzten Schritten unter dem Gipfel
entscheidet über den Wert all dessen, was voraufgegangen sein mag.“


Nachsatz:


Kampf zwischen Walkyren und dem Heer der Todesgöttin Hel (Marvel-„Thor: Ragnarok“ Offizieller Trailer/YouTube)

Die Verfilmung des Mythos um Thor ist wie alles aus der Hollywood-Schmiede wieder einmal ambivalent: Einerseits bietet der Film archetypisch bewegende Bilder wie etwa den Kampf zwischen den Walkyren und dem dunklen Heer der Todesgöttin Hel (siehe oben), andererseits wurde mit dem ursprünglichen Gehalt der nordischen Göttersage, wie man sie von der Edda her kennt, arg Schindluder getrieben und diese bis zur Unkenntlichkeit verzerrt. Aus der jüngsten ORF-Rezension zum Film erfahren wir, dass der neuseeländische Regisseur Taika Waititi „die Göttersaga von unnötigem Ballast und Tiefgang befreit hat und sich ganz auf Schauwerte und Skurrilitäten konzentriert“, d.h., er den tiefen Sinn, der jeder Sage innewohnt, mit seinem Machwerk zu einem bananesken Action-Feuerwerk mit Hardrockhintermalung reduziert hat.

Schon im ersten Teil der Thor-Saga bewiesen die Marvel-Drehbuchschreiber ihren Willen zu sinnbefreiter Umdeutung der Edda, indem sie dem Erzbösewicht und Vater Lokis, Fárbauti, kurzerhand den Namen von Lokis Mutter, Laufey, verpassten. „Laufey“ klingt in den Ohren von Hollywoods Weinstein-Boys vermutlich einfach cooler. Während also bei Worten wie Ragnarök/Götterdämmerung, Thor, Odin ebenso wie Jotunheim – dem Reich der grausamen Frostriesen, die über die Menschheit eine neue Eiszeit bringen wollen -, dem nordischen Menschen in alter Zeit ein ehrfürchtiger Schauer über den Rücken gelaufen ist, so werden diese Namen in der Marvel-Comicschmiede nun mit nachdrücklicher Respektlosigkeit verhunzt und auf Teletubbie-Niveau heruntergeschraubt. Damit beim Zuseher keine Langeweile aufkommt, scheuten die Drehbuchautoren nicht einmal davor zurück, dem Göttersohn Thor das grüne Marvel-Comics Monster „Hulk“ als Kampfgefährten an die Seite zu stellen. Der Darsteller des Thor, Chris Hemsworth, beeindruckt durch das Chrisma eines Eishockeyspielers oder eines Barrista-Boys aus der Starbucks-Filiale von nebenan. Flotte Sprüche mit vorprogrammierten Lachern und Dauerexplosionen sorgen indes dafür, dass beim Zuseher keinesfalls Anflüge von Tiefgang oder Nachdenklichkeit aufkommen.

Ich empfehle also nicht, den Film anzugucken, da man genauso wie beim Essen alles was man sieht, ja auch verdauen muss. Bereits beim Ansehen des Trailers ergießt sich auf das Auge eine opulente Bilderflut, an der das Unterbewusste zumindest einige Tage zu kauen hat. Sieht man allerdings von der platten Hollywood-Inszenierung ab, dann ist das Thema selbst, das hier aufgegriffen und filmisch inszeniert wird, wieder einmal etwas, was zu 100% den Puls der Zeit trifft. Den sinnvollen Kern aus den immer reißerischer werdenden Hollywood-Produktionen herauszulösen, wird allerdings zunehmend schwieriger. Während sich der Geschichtenerzähler Michael Köhlmeier seinerzeit noch relativ leicht tat, in dem von Sylvester Stallone verkörperten Rambo nichts anderes zu verorten als eine etwas modernisierte Herakles-Heldenfigur, so wird die Aufrechterhaltung eines Heldenbildes in den neuen Hollywood-Produktionen zunehmend schwieriger, da es die Weinstein-Produzenten anscheinend gar nicht mehr ertragen, sich das Bild eines wirklichen Helden mit ritterhaften Tugenden vor Augen zu stellen. Man entwirft daher zunehmend zynische Anti-Helden mit fragwürdigen Charaktereigenschaften, lässt etwa den Superhelden Ironman im Film seine Popularität beim Volk fraglos ausnützen, indem er in Bars abhängt und Frauen abschleppt, lässt den Göttersohn Thor in einer Spelunke einen rumtrinken und anschließend mit seinen Saufkumpanen gröhlend durch die Straßen torkeln etc.

Eventuell tut man also besser daran, wieder die echte Edda aus dem Bücherschrank zu holen und in Muße ein paar Seiten darin zu blättern. Man wird sehen, dass sich dabei sehr viel lebendigere und schönere Bilder entwickeln als wenn man sich eine durch technisch perfekte 3D-Renderings brillierende Hollywood-Inszenierung vorsetzen lässt, die in Wirklichkeit die individuelle Phantasie beraubt. Ich kann mich noch gut erinnern, wie enttäuscht ich war, als ich nach dem begeisterten Lesen von J.R.R. Tolkiens „Herr der Ringe“ – in meiner Jugendzeit noch ein literarischer Geheimtip – später dann die filmische Fassung zu sehen bekommen habe. Der Gandalf mit Trinkernase und profanem Gesichtsausdruck, den ich da zu sehen bekam, war im Vergleich zu der Heldenfigur, die ich beim Lesen des Buches in meinem Inneren aufgebaut hatte, ein arger Abstieg. Ich dachte mir: Wer zuerst den Film sieht und dann erst das Buch liest, ist dann bereits mit einer fixen Vorstellung behaftet, wie Gandalf und die übrigen Figuren der Mythologie aussehen. Dies einigen durchgeknallten Hollywood-Boys zu überlassen, ist eigentlich ein Raub der eigenen Vorstellungskraft. Gerade diese Vorstellungskraft brauchen wir heute aber dringend – um aus den Abwärtsgleisen der vermeintlichen Alternativlosigkeit auszubrechen und wieder den Weg aufwärts in eine menschenwürdige und nachhaltige Zukunft einzuschlagen.

 

Wer nichts zu verbergen hat, hat nichts zu befürchten…

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Foto: The National Archives (UK) CC BY SA 3.0

„Wer nichts zu verbergen hat, hat von uns nichts zu befürchten.“ Dieses seinerzeit von Reichspropagandachef Joseph Goebbels herausgegebene und heute von unseren Murkselpolitikern in die Renaissance geführte Motto reicht immer noch aus, um uns ruhigen Blutes dem Wahnsinn entgegenzuführen. Selbst die haarsträubendsten Bürgerüberwachungs-Gelüste unserer Regierenden lassen sich damit im Handumdrehen schönreden.

Am laufenden Band werden daher unsere – buchstäblich unter Schweiß, Blut und Tränen über die Jahrhunderte errungenen – Grundrechte abgefackelt wie seinerzeit die unerwünschte Literatur bei öffentlichen Bücherverbrennungen.

Vor Kurzem hat sich eine hochrangige Gruppe ehemaliger CIA-/NSA-Offiziere, darunter einer der Chefkonstrukteure des derzeitigen Überwachungsmolochs, mit einem dramatischen Appell an die Öffentlichkeit gewandt: „Wir errichten gerade schlüsselfertige Tyranneien!“

Kein Problem ist das hingegen hierzulande für unsere Murkselpolitiker. In einer Rede am Wirtschaftstag 2015 bekundete Bundeskanzlerin Angela Merkel: Deutschland dürfe sich nicht vor Big Data und freizügigen Datenschutzbestimmungen fürchten, sondern müsse Daten als Rohstoff der Zukunft sehen, um im globalen Wettbewerb nicht abgehängt zu werden (siehe Bericht hier).

Doch was, wenn das gerade erschaffene Frankensteinmonster plötzlich seine eigenen Schöpfer in den Würgegriff nimmt?

Wie nicht zuletzt die Affäre um den Bundestagsabgeordneten Edathy gezeigt hat, besitzen auch Spitzenpolitiker schmutzige Geheimnisse, mit denen sie jederzeit erpressbar wären. Da einem heutigen Politiker der eigene Hintern und die eigene Karriere natürlich wichtiger ist als der Rest der Welt, weiß man, wielange er wohl sein Gewissen befragen würde, wenn ein Fracking-, Waffen-, Atom- oder Gentechnik-Konzern mit privaten Schweinefotos winkt und für weitere Diskretion ein paar Gesetzesänderungen haben möchte.

Wie die Süddeutsche berichtet (Artikel v. 10. Juni 2015), werfen unbekannte Instanzen bereits die Tentakeln in Richtung unserer Politiker aus und lassen ihre Computer hacken. Jüngst wurde sogar das Servernetzwerk des Bundestags gehackt und damit der Zugriff auf 20 000 Parlaments-Computer erlangt. Lt. Bericht der Süddeutschen wurden von Unbekannten solch große Datenmengen abgesaugt, dass der Server vorübergehend überlastet war:

„Der Cyberangriff auf den Bundestag ist verheerender als bislang gedacht: Einen Monat später befindet sich noch Schadsoftware auf den Rechnern. Die Hacker können also immer noch Daten stehlen. Das IT-Netzwerk muss wohl ausgetauscht werden. […]

Recherchen von Süddeutscher Zeitung, WDR und NDR haben nun ergeben, dass dieses Problem weit größere Ausmaße hat als bisher bekannt war. Die schlimmste Erkenntnis: Das Computernetz des Bundestages ist nicht mehr zu retten. Das geht aus einem als “geheim” eingestuften Bericht hervor, in dem vorgeschlagen wird, das Netzwerk des Bundestages neu aufzubauen. Ein unheimlich teurer und aufwendiger Schritt. Was also ist passiert?

Den Cyber-Angreifern ist es offenbar gelungen, Schadsoftware zu installieren und über mehrere Monate hinweg unbemerkt immer tiefer in die Bundestagssysteme einzudringen. Schließlich übernahmen die Hacker den sogenannten Verzeichnisdienst des Bundestages, einen Knotenpunkt, an dem alle etwa 20 000 Parlaments-Computer in einem Netzwerk zusammengefasst sind. Die Angreifer können somit schalten und walten wie sie möchten, und zwar: bis heute. Denn das ist die zweite unheilvolle Botschaft: Der Angriff ist noch immer nicht unter Kontrolle. Über die Hacker und ihre Motive ist noch so gut wie nichts bekannt…“

Um weiter ruhig vorm Flachbildschirm sitzenbleiben und unser Dosenbier schlürfen zu können, gehen wir also davon aus, dass unsere Politiker das sind, als was sie sich gerade ausgeben: harmlose, geistig herabgedämpfte Schafsköpfe mit Tunnelblick-Syndrom und weißer Wolle, die mit der Sachzwangleine am Hals die Wiese kahlfressen und nichts zu verbergen haben. – Die in der Früh brav ein Müller-Joghurt löffeln, sich abends von der Glotze abfüllen lassen und die Zeit dazwischen im Parlament eine Runde Nasenbohren und pennen.

Da derzeit aber sehr viele unserer gewohnten Illusionen zerbröckeln, ist es nicht ganz auszuschließen, dass sich auch dieses Bild als unwahr herausstellt und sich im Parlament so manche Wölfe oder zumindest Stachelschweine befinden, die sich eben nur in Schafsfell gewickelt haben. Wir wollen niemandem der ehrenwerten, nadelgestreiften Damen und Herren etwas Unmoralisches unterstellen – was ja auch in einem Zeitalter, in dem Moralität offiziell abgeschafft wurde und demnächst aus dem Duden gestrichen wird, ein Paradoxon wäre. Aber was, wenn Edathy nicht der einzige ist, der perversen Leidenschaften nachgeht oder eine Leiche im Keller hat, die er im Laufe seiner Karriere verscharrt hat?

Es muss auch gar nichts Kriminelles sein, was die Hacker da an privaten Daten von den Personal Computern der Parlamentarier absaugen. Vielleicht ist es einfach nur eine banale, peinliche Tatsache aus dem Privatleben – mit der man derjenigen Person aber nichts desto weniger das Karrieregenick brechen könnte. Vielleicht stellt sich z.B. anhand von erbeuteten Nacktfotos heraus, dass die Bundeskanzlerin gar keine Frau, sondern ein Mannsweib ist. Ihr winning Image als „Mutti“ und als schwäbische Sparschweinfrau wäre dann dahin.

Eine solche nackte Tatsache würde viele zwar nicht allzusehr überraschen, aber zumindest die Kernwählerschaft der CDU wäre in ihrem Weltbild erschüttert.

„Big Data“ könnte also jederzeit zum „Pig Problem“ werden.

Von dem Problem, das Big Data für UNS unbedarfte Kleinbürger werden könnte, will ich jetzt gar nicht reden. Denn die riesigen Datenmengen über unser Privatleben, unsere E-Mails und Telekommunikation, die derzeit von „staatlichen“ Geheimdiensten grundrechtswidrig auf unterirdischen Servern gespeichert werden – wer weiß, wieviel davon bereits von Hackern abgesaugt wurde? Wenn die Geheimdienste ein Datenleck haben, glaubt ernsthaft jemand, dass die das genauso an die Glocke hängen müssen wie unsere Parlamentarier jetzt gerade?

Oder wenn einzelne Geheimdienstler selbst ein Geschäftsmodell daraus machen, unsere Daten an diverse Bestbieter weiterzuverhökern (in der unbeleuchteten Unterwelt abseits der demokratischen Kontrolle ist der Übergang zwischen ehrenwerter Gesellschaft und kriminellen Subjekten ja bekanntlich fließend).

Bisher hat sich jedenfalls ausnahmslos jede Art von Datenbank und jedes EDV-System als hackbar erwiesen. Es ist also nur eine Frage der Zeit und der kriminellen Energie, an die Daten, die jemand will, auch heranzukommen. Und der Hunger nach unseren privaten Daten ist derzeit riesengroß. Kann man diese Privatdaten doch 1:1 in Geld oder Macht umsetzen.

Deshalb war es schon immer das primäre Bestreben aller Machthaber und totalitären Systeme, das Privatleben der Bürger zu überwachen. Von den lückenlosen technischen Überwachungsmöglichen, die heute existieren, hätten Honecker und Ceaucescu freilich nur träumen können.

Verfügt man über die sensiblen Daten der Bürger (deren politische Gesinnung, Weltanschauung, Gesundheit, Sexualleben, Kontakte etc.) kann man das machen, was letztlich das Kernmotiv und die Konsequenz eines Überwachungssystems ist: die „Nützlichen“ und „Schädlichen“ ausfindig zu machen und zu selektieren. Wer hierbei „nützlich“ und wer „schädlich“ ist, definieren freilich die jeweiligen Machthaber eines Systems.

Selektion wird zunächst damit beginnen, wer welche Jobs/Funktionen bekommt und wen man davon fernhält. Wenn also jetzt schon Schafe und Kalbsköpfe im Parlament sitzen, dann stehen die Wetten gut, dass dort demnächst Lemuren und Kriechlurche sitzen werden.

Dann wird noch Schlimmeres kommen, wie es aus Geschichte und Gegenwart eigentlich schon hinreichend bekannt ist… -aber lassen wir das, es ist gerade Mittag und mir vergeht beim Wirten womöglich der Appetit auf meine Suppe, wenn ich dazu jetzt noch weitere Gedanken entwickele.

Vielleicht ein andernmal mehr dazu. Hier nur soviel: Da Bürgerüberwachung bisher in der Geschichte ausnahmslos zu Willkür, Unmenschlichkeit, Folter und schließlich zu einer Katastrophe geführt hat, war es das primäre Anliegen der Gründungsväter unserer mitteleuropäischen Verfassungen, ebensolchen Entwicklungen einen Riegel vorzuschieben bzw. möglichst viele Schutzdämme gegen die Gier nach Machtakkumulation und feudalen Zugriff auf das Leben des Bürgers zu errichten. Es wurden daher z.B. die Gewaltenteilung in Legislative, Judikative, Exekutive, die Grundsätze von Freiheit und Gleichheit sowie diverse demokratische Mechanismen zur Gewährleistung der Souveränität der Bürger und der Unabhängigkeit der von ihnen gewählten Abgeordneten grundrechtlich verankert – und eben das Recht auf Schutz des Privatlebens und informationelle Selbstbestimmung als Grundnerv von Demokratie und Rechtsstaat.

Gerade diese Schutzdämme werden nun über Nacht der Reihe nach niedergerissen und fallen um wie die Dominosteine.

Wenn hochrangige Verfassungsrichter wie Jürgen Kühling öffentlich sagen, man könne das Fernmeldegeheimnis „getrost als Totalverlust abschreiben“, dann weiß man, was es geschlagen hat. Der ehem. Präsident des Bundesverfassungsgerichts, Hans-Jürgen Papier hat sich gleichlautend geäußert und regt an, gegen die Massenausspähung Verfassungsbeschwerde zu erheben, andernfalls dies einer Bankrotterklärung unserer Grundrechte gleichkäme. Mit einem Wort: Die Bürgerüberwachungsmaschinerie entwickelt sich gerade zu einem schwarzen Loch, das demnächst schon alle Grundlagen userer Demokratie und Rechtsstaatlichkeit verschlingen könnte.

Zurück aber zu den „Nützlichen“ und den „Schädlichen“. Wenn man sich das derzeit herrschende Profit- und Konsumsystem und seine erbarmungslose Verwertungslogik ansieht, dann ist klar, wer in Zukunft definitiv zu den „Schädlichen“ gezählt wird und sich daher jetzt schon gut anschnallen sollte: Jeder, der sich die Freiheit bewahrt, selbständig zu denken und sich zu einem aufrechten Menschen entwickeln möchte.

Wer hingegen einfach weiter im Hamsterrad läuft, die Umwelt kahlfrisst und vergiftet, wer sich willfährig der Endvertrottelung anheimgibt und alle Rattenköder schluckt, die ihm die Kommerz- und Unterhaltungsindustrie hinhält, der … – hat nichts zu befürchten.

Wirklich nichts. Denn als Mensch ist er ja bereits ein „Mudschaheddin“ (wörtlich: „Einer, der bereits gestorben ist.“)

 

siehe auch:

Breaking News – Die Maasmännchen haben übernommen … !

Der Führer 4.0 – Er ist schon längst da. Und der Kampf um die Zukunft hat begonnen …

 

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