Schrödingers Katze

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Schrödingers Katze

Ein Gastbeitrag von Rayuell

„Wenn kein Sinn darin ist, so er­spart uns eine Menge Ar­beit, denn dann brau­chen wir auch keinen zu su­chen.“ – Lewis Car­roll „ Alice im Wun­der­land“

In einem be­rühmten Ge­dan­ken­ex­pe­ri­ment wird eine Katze in eine fest ge­schlos­sene Kiste ein­ge­sperrt. „Auf sie ist ein Ge­wehr ge­richtet, dass einen Schuss ab­feuert, wenn ein ra­dio­ak­tiver Kern zer­fällt, was mit einer fünfzig pro­zen­tigen Wahr­schein­lich­keit ge­schieht. (…) Wenn man die Kiste öffnet, ist die Katze ent­weder tot oder le­bendig, aber bevor die Kiste ge­öffnet wird, ist der Quan­ten­zu­stand der Katze eine Mi­schung aus dem Zu­stand „tote Katze“ und dem Zu­stand „le­ben­dige Katze“. (Ste­phen W. Hawking „Ein­steins Traum – Ex­pe­di­tionen an die Grenzen der Raum­zeit“)

Wäh­rend viele Phi­lo­so­phen der Na­tur­wis­sen­schaft sich damit schwer ab­finden können, dass beide Mög­lich­keiten neben ein­ander exis­tieren, ent­warf Hartz IV die per­fekte Per­so­ni­fi­zie­rung von Schrö­din­gers Katze – einen Auf­stocker.

Würde man die Kiste mit art­ge­rechtem Hams­terrad aus­statten, hätte man der Katze die Mög­lich­keit ge­geben, bevor der Schuss fällt, vor Er­schöp­fung zu sterben; das Drehrad könnte dann die Ei­gen­be­mü­hungen dar­stellen, die Sank­ti­ons­dro­hung – der An­trieb. Dieses Ge­schöpf, das gleich­zeitig ar­beitet und ar­beitslos ist, sollte viel­leicht die „Olaf-Scholz-Katze“ heißen.

Die WAZ vom 17.02.2009 be­richtet, dass mehr Ar­beits­losen das Geld ge­sperrt wird. Ob in der Sta­tistik die Auf­stocker be­rück­sich­tigt werden, er­wähnt sie nicht. Dar­über hinaus müssen rund 59 000 Men­schen auf ihr Geld ver­zichten, weil sie nicht wussten, dass sie sich schon drei Mo­nate vor der Ent­las­sung ar­beitslos melden müssten. Das be­deutet also, dass man nach Hartz 4 be­straft wird, bevor man über­haupt Hartz4-Emp­fänger wird. – Will­kommen im Club!

Dem Be­richt zu­folge ist der An­stieg der Sperr­zeiten durch fle­xiblere Strafen mög­lich ge­worden. Im Klar­text, die Ver­schär­fung der Sank­tionen fängt schon, als Bei­spiel, bei der In­ter­pre­ta­tion der Zu­mut­bar­keit an. Es wird zwar manchmal be­rück­sich­tigt, dass die Kin­der­be­treuung, ge­sund­heit­liche Ein­schrän­kung oder eine zu große Ent­fer­nung vom Ar­beit­sort im kon­kreten Fall eine Ab­leh­nung recht­fer­tigen, es gibt aber keine klaren Vor­gaben. Selten wird zu Gunsten der Ar­beits­losen ent­schieden. Die Sank­tionen werden schon bei Ein­glie­de­rungs­ver­ein­ba­rungen ver­hängt. Ein sol­cher Ver­trag sollte der In­te­gra­tion in den 1. Ar­beits­markt dienen, doch er bein­haltet keine kon­kreten An­wei­sungen und ist pein­lich ein­seitig. Weder die Fahrt­zeiten noch die Kin­der­be­treuung oder ge­sund­heit­liche Ein­schrän­kungen werden er­wähnt. Zur Hälfte be­steht die EGV aus Be­schrei­bung der Sank­tionen; unter an­derem geht es um das Nach­weisen der Ei­gen­be­mü­hungen. In einem Atemzug werden die Kosten pro nach­ge­wie­sene schrift­liche Be­wer­bung ab Ja­nuar 2009 auf 3,00 Euro re­du­ziert. Al­lein die Ver­wei­ge­rung der Un­ter­schrift wird mit Kür­zung der Leis­tungen be­straft. Nach einer oft zu kurzen Be­denk­zeit soll das Do­ku­ment un­ter­schrieben in den Post­kasten ein­ge­worfen werden, ob­wohl das bei Ver­trägen nicht rechts­kon­form ist.

Ein Auf­stocker un­ter­liegt dem Hartz4 Straf­re­gister und muss ge­wis­sen­haft allen Ver­bind­lich­keiten nach­kommen. Neben den Ein­la­dungen von ARGE und halb­jäh­riger An­trag­stel­lung muss er jeden Monat seine Lohn­ab­rech­nung vor­zeigen. Es be­deutet oft lange War­te­zeit bei dem ALGII-Schalter, denn es gibt keine Ab­ga­be­stelle extra für Auf­stocker. Eine Ver­spä­tung wird mit Sank­tionen be­legt und als „Ver­let­zung der Mel­de­pflicht“ ab­getan.

Stellt sich nicht die Frage, ob die Mit­ar­beiter neben der Voll­stre­ckung der Sank­tionen über­haupt noch Zeit haben könnten, sich um die Ar­beits­ver­mitt­lung zu küm­mern? Wann sollen sie die in­di­vi­du­elle Stra­te­gien für die Rück­kehr in den Ar­beits­markt ent­wi­ckeln, wenn sie als reines Kon­trol­l­in­stru­ment und Stra­f­organ fun­gieren, deren ersten Ziel das Rea­li­sie­rung und Voll­stre­ckung der Sank­tionen zu sein scheint? Die per­sön­li­chen An­sprech­partner sollten bei den in­di­vi­du­ellen an­ge­passten Wei­ter­qua­li­fi­zie­rungs­maß­nahmen auch die fa­mi­liäre Si­tua­tion be­rück­sich­tigen, doch die kennen oft nicht einmal die Akten, nicht ein Blick wird auf die mehr­mals ver­langten Do­ku­mente ge­worfen.

Eine Sank­tion be­deutet, von we­niger als dem Exis­tenz­mi­nimum zu leben. Auch ohne eine Kür­zung sind die Hartz4 Emp­fänger ohne „Tafel“ nicht über­le­bens­fähig. Das sind die Läden, vor denen stun­den­lang die Be­dürf­tigen aus­harren, um dank der Spenden und eh­ren­amt­li­chen Mit­ar­bei­tern ein biss­chen welkes Obst und ein Brot von Ges­tern für das kleine Geld zu kaufen. Das war­tende Volk erin­nert an die groß­ar­tigen Bilder von Hie­ro­nimus Bosch, von den mit­tel­al­ter­li­chen Ge­wän­dern ab­ge­sehen.

Die ge­kürzte Leis­tung reicht nicht, um die lau­fenden Zah­lungen zu de­cken. Vom nicht ge­deckten Konto werden die Dau­er­auf­träge stor­niert, na­tür­lich auf Kosten der Kon­to­in­haber. Hinter jedem ein­zelnen Fall steht eine furcht­bare Tra­gödie. Ein Gipfel des Zy­nismus, zu be­haupten, von den Sank­tionen wird der Haus­halts­vor­stand al­lein be­troffen. Es trifft immer eine ganze Fa­milie, eine so­ge­nannte Be­darfs­ge­mein­schaft.

Was ein Hartz4 Emp­fänger mit einer Katze in einer fest ge­schlos­senen Kiste ge­meinsam hat, ist die Iso­lie­rung. Ein zur Hei­ser­keit schrei­endes Ge­schöpf kann nie­manden auf sein Leid auf­merksam ma­chen. Ein Hartz4 Emp­fänger wird sogar sprach­lich von dem Rest der Ge­sell­schaft ab­ge­son­dert. Er spricht von Zu­mut­bar­keits­grenzen, Ein­glie­de­rungs­ver­ein­ba­rungen, Ei­gen­be­mü­hungen, ver­scho­bener Un­ter­de­ckung, – kein Mensch ver­steht etwas.

Heiner Geißler schrieb: „Wir sind arm am Wissen über die Armut. Es hilft aber nichts, vor diesem Pro­blem ein­fach die Augen zu ver­schließen. Die ei­gene Sprach­lo­sig­keit der Armen darf nicht dazu führen, dass sie der öf­fent­li­chen Auf­merk­sam­keit ent­zogen werden“. Sein Par­tei­kol­lege, Phillip Miß­felder, meint über 30 Jahre später, dass die An­he­bung der Re­gel­sätze der Hartz 4 Emp­fänger so etwas wie eine Kon­junk­tur­spritze für die Tabak- und Spi­ri­tuo­sen­in­dus­trie wäre. Er hat aber nur das wie­der­holt, was schon Herr Witzel, FDP, vor Mo­naten öf­fent­lich ge­sagt hat. (Und beide wissen Be­scheid, dass die Hartz4 Emp­fänger sich nicht wehren können. Ein Pro­zess wegen Ver­leum­dung kann schon al­leine wegen der Strei­chung der Pro­zess­bei­hilfe nicht statt finden. Der Rechts­staat ist für die Armen ge­storben.)

Genau wie un­zäh­lige Me­dien es täg­lich tun, z.B. Fi­nan­cial Times Deutsch­land brachte es auf Punkt: Hartz4 sollte der not­wen­dige „Tritt in ***** der Ar­beits­losen“ werden (ge­nauer Wort­laut). Nach den Freien De­mo­kraten sollen das un­tere Zehntel der Ge­sell­schaft nur „le­dige Mütter und Al­kohol- und Dro­gen­süch­tige“ sein, die für die Folgen ihres Han­delns selbst ein­stehen müssten. Die be­gehrte Wähler­k­li­entel in der „Mitte“ hört das immer gern. „Gut ver­die­nende Po­li­tiker plau­dern gerne mal so vor sich hin, wenn es um das fremde Thema Armut geht“ – verrät Ga­briele Gillen in „Hartz 4 – Eine Ab­rech­nung“. „In der Welt am Sonntag“ vom 19.09.2004 gab Fa­mi­li­en­mi­nis­terin Re­nate Schmidt ihre Er­fah­rung zu Pro­to­koll, dass die Armut un­ter­schied­liche Ge­sichter habe. Manche Men­schen, so wusste die uns zu be­richten, fühlten sich mit einem Ein­kommen auf So­zial­ni­veau gar nicht arm. (Und manche Po­li­tiker fühlen sich auf nied­rigstem in­tel­lek­tu­ellen Ni­veau auch nicht dumm.)

Die Po­li­tiker können sich auf die Mit­hilfe der Mehr­heit von Jour­na­listen ver­lassen, die den Abbau des So­zi­al­staates of­fenbar re­gel­recht er­zwingen wollen, sagte sie an an­derer Stelle, und zi­tiert J. Kaube in FAZ „Den Dau­er­ar­beits­losen gehe es um die ver­meint­liche Pflicht zur Sub­ven­tio­nie­rung eines An­scheins von bür­ger­li­chem Leben“. Das kann man kaum eine sub­tile Be­ein­flus­sung mehr nennen. Immer, wenn ich solche Sätze wie oben lese, muss ich zwangs­läufig an einen der un­ge­kämmten Ge­danken J. Lec’s denken: „Er hat ein reines Ge­wissen. Er hat es auch noch nie be­nutzt.“

Im Joa­chim Is­rael Buch „Der Be­griff Ent­frem­dung – Zur Ver­ding­li­chung des Men­schen in der bü­ro­kra­ti­schen Ge­sell­schaft“ geht es um Ver­wand­lung des Men­schen von einem ak­tiven Sub­jekt in ein pas­sives, ge­steu­ertes Ob­jekt; in einem (dia­lek­ti­schen) Pro­zess wird ein Mensch pha­sen­weise vom Ar­beiter zur Ar­beits­kraft ver­wan­delt. Wo Ver­brauch nicht mehr nur zur Re­pro­duk­tion der Ar­beits­kraft be­nö­tigt wird, son­dern auch Vor­aus­set­zung zur Mas­sen­pro­duk­tion wird, ge­schieht die Ver­wand­lung des Ver­brau­chers in Kauf­kraft, und dieser Aspekt wird so um­ge­wan­delt, dass der Mensch als Ar­beits­kraft und Kauf­kraft Aus­drücke der ver­ding­lichten Ob­jek­ti­vie­rung sind; die dritte Phase tritt ein, wenn die Bü­ro­kra­ti­sie­rung der Ge­sell­schaft zu einer neuen Auf­he­bung führt und ver­wan­delt den Men­schen in ein wil­len­loses Ob­jekt mäch­tiger Bü­ro­kra­tien. Ob­wohl das(Un)Wort „Bü­ro­kra­tie­ab­bau­ge­setz“ all­ge­gen­wärtig zu sein scheint, lebt ein Hartz 4 Emp­fänger wie Do­sto­jew­skis Fürst Myschkin und Franz Kafkas K. in einer Welt, in der die Ge­set­zes­ta­feln um­ge­dreht werden können und zeigen, dass auf ihrer Rück­seite das Ge­gen­teil ge­schrieben steht. Als die Me­dien von der Schlie­ßung der Be­ra­tungs­stellen für die Ar­beits­losen und Strei­chung der Pro­zess­bei­hilfe be­rich­teten, blieb die Öf­fent­lich­keit fast stumm. Keine Stimmen der Em­pö­rung, dabei bei der noch lange nicht be­wäl­tigten Kla­ge­flut bei So­zi­al­ge­richten ging es über­wie­gend um feh­ler­hafte Be­scheide über Leis­tungen für die Hartz4-Emp­fänger. Netter Ver­such, Mil­lionen von be­dürf­tigen Men­schen das Recht auf einen An­walt zu ent­ziehen, um den schon zum Alltag ge­wor­denen Rechts­bruch zu recht­fer­tigen, in dem man ihnen einen Status des Ge­setz­losen zu­schiebt.

Bei Franz Kafkas „Pro­zess“ dringt auch K. nie­mals bis zu seinen Rich­tern vor; er trifft nur ihre Boten, Be­amten und Henker. „Die Au­to­rität selbst ent­hüllt sich ihm nie, und den­noch – oder ge­rade des­wegen – ist K’s Leben, jeder Tag und jede seiner Hand­lungen, von ihrer un­sicht­baren All­ge­gen­wart durch­drungen“ (Paul Watz­la­wick, „Wie wirk­lich ist die Wirk­lich­keit?“).

Keiner der Sach­be­ar­beiter der ARGE will je die Ver­ant­wor­tung tragen. Alle tun nur ihre Ar­beit. Auch der ehe­ma­lige Leiter der Ves­ti­schen Ar­beit, der Haupt­dar­steller der Af­färe um die 1-Euro-Jobs in dem Se­nio­ren­heim Grullbad in Reck­ling­hausen. Das Ganze klingt schon fast wie eine Vor­lage für einen Hol­ly­wood­thriller, und zwar unter dem Titel „Das Schweigen des Lam­mers“, – hätte der Ul­rich zum Schluss bloß doch nicht ge­spro­chen. Er meint, immer kor­rekt ge­ar­beitet zu haben und ist sich seiner Schuld nicht be­wusst.
Was ist ei­gent­lich aus den Mit­ar­bei­tern des Se­nio­ren­heims ge­worden? Haben sie ihre Ar­beit wieder? Was sagen die 1-Euro-Job Kräfte dazu, dass Lam­mers & Co.’s selt­same Ma­chen­schaften zum ir­ri­tie­renden Fi­nale kommen, indem er zum Schluss mit einer Strafe von 5.000,- Euro davon kommt? In wel­chem Ver­hältnis steht das zur Kür­zung der Leis­tung eines Hartz-4-Emp­fän­gers, der zur Ein­la­dung der ARGE zu spät kam, weil ein Zug­an­schluss ver­passt hatte? Wel­cher Sank­tion würde die Geld­strafe des Lam­mers ent­spre­chen – 10%, 30%, 60% Kür­zung oder dem Weg­fall des Zu­schlags, in dem auch keine Bei­träge zur Kranken-und Pfle­ge­ver­si­che­rungen ab­ge­führt werden? Im Fi­nale des Films, hätte die Story John Grisham ge­schrieben, könnte man den Herr Lam­mers in einer oran­ge­far­benen Weste auf der Jo­sefa La­buga Straße in Marl, mit an­deren 1-Euro-Jobber den Besen schwingen sehen. So wäre er aus jeder Sta­tistik raus­ge­fallen, auf Dauer der 5000 Stunden (Sonder)Maß­nahme.

Die Katze will raus

Aus Hartz4, genau wie in Erwin Schrö­din­gers Ex­pe­ri­ment, gibt es keinen Ausweg. Die Kat­zen­klappe für Frei­gänger gibt es nicht. Je­den­falls für le­ben­dige Katzen nicht.

Ich habe eine Be­kannte, eine qua­li­fi­zierte Al­ten­pfle­gerin, 53 Jahre alt. Sie ist ein un­wahr­schein­li­ches Ener­gie­bündel, hoch mo­ti­viert, eine Person, die es immer we­niger gibt – die ihren Beruf als Be­ru­fung ver­steht. Sie ist eine ge­pflegte sehr nette Dame mit einem großen Herzen, in dem es jede Menge Platz für Se­nioren, Kinder, Katzen und Hunde gibt. Sie hat ein Strahlen in sich, wie Men­schen, die eine Hoff­nung haben. Bei jedem Termin bei der Ves­ti­schen Ar­beit ist sie über­pünkt­lich, macht jede Maß­nahme mit, und der Um­fang ihrer Be­wer­bungen kann von der Pa­pier­menge her mit dicksten En­zy­klo­pä­dien kon­kur­rieren. Sie ist ein le­bendes Bei­spiel für das von Bun­des­re­gie­rung und Wirt­schaft or­ga­ni­sierte Ein­spar­pro­gramm, das mit Hilfe von s.g. ge­mein­nüt­ziger Ar­beit bei mi­ni­malem Geld­ein­satz über die Aus­steue­rung von Mil­lionen Men­schen aus an­ge­mes­senen Leis­tungen funk­tio­niert. Ein Ar­beits­loser soll durch die ver­trags­freien und nicht so­zi­al­ver­si­che­rungs­pflich­tigen Ar­beits­ge­le­gen­heiten be­weisen, dass er ar­beits­willig ist und be­reit wäre, auch einen re­gu­lären Ar­beits­platz an­zu­treten. (G.Gillen, ibidem) Meine Be­kannte hat schon von 1-Euro-Jobs bis hin zur Bus­be­glei­tung bei der Ves­ti­schen und di­verse Qua­li­fi­zie­rungs­maß­nahmen mit­ge­macht. Sie kennt die Se­nio­ren­heime im ganzen Kreis, weil sie immer im Rahmen einer Art Prak­tika die Pro­be­zeit durch­läuft; ver­zich­tete oft frei­willig auf Wo­chen­enden, weil sie immer wieder am An­fang die Ver­spre­chung hört, dass sie even­tuell an­ge­stellt wird. Und wenn das wieder mal nicht ge­klappt hat, dann nicht des­wegen, weil sie un­ge­eignet oder nicht fleißig genug ist – es sind ein­fach so viele, die schon auf diesen Platz un­ge­duldig warten…

Neben den vielen Maß­nahmen durch Ein­glie­de­rungs­ver­ein­ba­rungen ver­pflichtet, muss sie re­gel­mäßig die „Ei­gen­be­mü­hungen“, „Mo­bi­lität“, „Fle­xi­bi­lität“ und was weiß ich alles nach­weisen. Sie sucht also nach einer Ar­beit und be­wirbt sich dann auch aus Ei­genini­tia­tive und geht jedem Vor­schlag ihrer „Fall­ma­na­gerin“ nach. Sie kann das Wort „Ei­gen­ver­ant­wor­tung“ nicht mehr hören. Nach der Ana­lyse ihres Le­bens­laufs bekam sie einen Ver­mitt­lungs­schein für „Ju­gend in Ar­beit“, und wegen dem Mangel an qua­li­fi­zierten Stellen eine „Über­wei­sung“ für eine Piz­zeria, als Kü­chen­aus­hilfe. Bis sie eines Tages nicht mehr konnte. „Ich habe für meine Katze einen grö­ßeren Vorrat an Tro­cken­futter ge­kauft, die Rollos runter ge­macht und ging zwei Wo­chen lang nicht aus dem Haus.“ er­zählte sie. Sie litt unter Angst­zu­ständen und einer tiefen De­pres­sion, mit der ganzen Sym­pto­matik wie Men­schen, die chro­nisch Mob­bing aus­ge­setzt werden, und fühlte sich „weder le­bendig noch tot“. Die Zu­mut­bar­keits­grenzen kann man nicht klar zeichnen – die liegen bei jedem Men­schen wo an­ders. „Ich muss doch fest­stellen, wie weit ich bei ihnen gehen kann“ – sagte ihre per­sön­liche An­sprech­part­nerin, und legte noch ein Termin, noch eine Be­wer­bung drauf.

Viele Ar­beits­lose werden schon krank, wenn sie sich in einer Schlange in der Agentur an­stellen müssen; dort, wo die Se­cu­rity-Be­amten dar­über wa­chen, dass nie­mand vor Ver­zweif­lung schreit; es könnte an­ste­ckend sein. Es wäre Zeit, dass in den Job­zen­tren Au­to­maten mit An­ti­de­pres­siva auf­ge­stellt werden. Die Hartz-4 Emp­fänger werden dau­er­haft trau­ma­ti­siert. Sie ver­lieren dau­er­haft ihr Selbst­wert­ge­fühl. Sie haben schon des­halb ge­rin­gere Chancen bei Vor­stel­lungs­ge­sprä­chen, weil Selbst­si­cher­heit ihnen fremd ge­worden ist. Sie und ihre Kinder werden öfter krank. Sie tragen bil­lige, ge­brauchte Klei­dung und können sich keinen Fri­seur leisten. Sie fallen ein­fach durch, nicht weil sie dumm oder un­ge­bildet, oder un­qua­li­fi­ziert sind, son­dern weil sie von den Ar­beit­s­agen­turen ar­beits- und ver­mitt­lungs­un­fähig ge­macht worden sind. Für die 1-Euro-Jobs ist auch nie­mand über­qua­li­fi­ziert.

„Es ist fas­zi­nie­rend, was see­li­sche Schmerzen bei einem Men­schen an­richten können, der in keiner Weise schwach oder hin­fällig ist. See­li­sche Schmerzen sind heim­tücki­scher als kör­per­liche, denn sie können nicht durch Mor­phi­u­min­fu­sionen, Spi­nal­an­äs­thesie oder eine Ope­ra­tion ge­lin­dert werden. Wenn sie einen einmal in ihrem Griff haben, ist es, als könnte einen erst der Tod von ihnen er­lösen. Es ist harter, grau­samer Rea­lismus, wie man ihn sonst nir­gends findet.“ (Philip Roth, „Der mensch­liche Makel“)

Kurz vor Weih­nachten brachte die WAZ eine Ge­schichte in der ein Hartz4 Emp­fänger selbst er­zählt, über seine an Dia­betes er­krankte Katze, Jule. Die Leser waren sehr be­rührt und scho­ckiert, dass man nicht einmal seinem Tier me­di­zi­ni­sche Hilfe geben kann, wenn man arm ist. Die WAZ, rea­gie­rend auf die Welle der Re­ak­tionen ihrer Leser, die von warm­her­zigen Briefen bis hin zu Geld­s­penden reichte, be­dankte sich mit den Worten „Wir sind stolz auf un­sere Leser“. Der Autor des er­schüt­ternden Be­richts hat seine Katze zwei Wo­chen sterben sehen müssen.

Ein Schicksal hat vor­über­ge­hend ein (Katzen) Ge­sicht be­kommen, bevor die viel­stel­ligen Zahlen wieder Ober­hand ge­wonnen haben.

Ich bin selber alleinstehende Mutter 3-er Kinder, auch Aufstockerin übrigens. Als Absolventin der Uni Breslau und Pädagogischer Hochschule in Grünberg, Polen (Bibliothekswissenschaften und wissenschaftliche Information) – bin ich von der Arbeitsamt gezwungen worden, wärend meine Tochter noch in KiGa war, eine geringfügige Arbeit (10St./Woche) als Aushilfe aufzunehmen.

Ich habe nach 3 Monaten eine unbefristete Stelle bekommen. D.h. ich kann nicht kündigen. Inzwischen arbeite ich dort 5 Jahre. Meine Beschäftigung hat weder mit meinem Beruf (Schulbibliotkheken und Leseförderung & Bibliotherapie) noch mit Weiterqualifikation als technische Redakteurin zu tun.

Das nur am Rande.

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