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Armut in Deutschland – Menschenopfer der Mächtigen

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Mittwoch, 6.4.2016. Eifel. Ziemlich unbemerkt hat die Sozialdemokratie wieder zugeschlagen. Eine kleine Meldung nur – doch die Marktromantiker dürften damit endgültig ihre Träumereien aufgegeben haben. Es war Ludwig Erhard (CDU), der gegen den Widerstand der deutschen Industrie eine – wenn auch ziemlich verwässerte – Kartellgesetzgebung durchgedrückt hatte, die viel für das Wirtschaftswunder bewirkte – und es war Vizekanzler Gabriel (SPD), der per Ministerweisung den Geist der freien Marktwirtschaft untergrub und torpedierte. Was bedeutet „Kartell“? Das ein Wirtschaftsteilnehmer sich bewusst und absichtlich in eine Marktmacht hineinmanövriert, die es ihm erlaubt, Preise zu diktieren – sowohl die Preise für die Kunden als auch die Preise für die Zulieferer. Das ist dann kein „freier“ Markt mehr – sondern ein diktierter Markt.

Was tat nun Minister Gabriel (SPD)? Er erlaubte die Fusion von Edeka und Tengelmann, gegen die das Kartellamt massive Bedenken hatte – immerhin haben wir schon einen Markt, der oligopolistisch ist (also nur eine Hand voll starker Teilnehmer hat, siehe Spiegel):

„Die Wettbewerbshüter fürchteten, dass die Marktmacht weniger Handelskonzerne durch die Fusion noch größer wird – zu Lasten der Verbraucher. Edeka, Rewe, die Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland) und Aldi beherrschen zusammen schon 85 Prozent des Marktes.“

Das ist kein Markt mehr, das ist eine zentralistische Staatsversorgungsorganisation, die im Falle des Zusammenbruchs ein unvorstellbares Elend nach sich ziehen wird: unsere Versorgung steht auf nur 4 Beinen. Natürlich gibt es harte Auflagen zum Schutz der schlecht bezahlten Arbeitsplätze – für ein paar Jahre. Arbeitsplätze, die man normalerweise gar nicht fördern sollte. Es geht aber nicht nur um das Lohndiktat, dass solche Megakonzerne ausüben können, sondern auch um das Preisdiktat – einerseits gegenüber den Kunden, andererseits auch gegenüber den Zulieferern. Der gesamte Markt bekommt eine enorme Schieflage – zugunsten von „Anlegern“ und „Funktionären“ … den „Brüdern im Geiste“ unserer Parteifunktionäre. Das trifft zum Beispiel Bauern, die von der Konzernallianz Preise für ihre Waren diktiert bekommen – aber wer interessiert sich schon für Bauern, wenn wir das Gemüse aus Spanien noch billiger importieren können – auch zu diktierten Preisen, die dort Arbeitsbedingungen schaffen, die nur mit Sklavenarbeit illegaler Einwanderer zu bewerkstelligen sind.

Wer sich freuen darf, sind die Erben der Eigentümer der vier Megariesen: die große Koalition hat „Erben großer Unternehmen massiv bevorzugt“ (siehe Kontraste, RBB). So werden diese Konzerne – praktisch Megaumverteilungsmaschinen, die das Volksvermögen von „unten“ nach „oben“ saugen – mit immer größerem Erfolg: die Armut schreitet immer weiter voran, dafür freuen sich die Parteien über Konzernspenden (siehe Handelsblatt):

„Erst verhindert die Bundesregierung strengere Abgasnormen für Autos, dann wird bekannt, dass BMW-Großaktionäre kurz zuvor der CDU fast 700.000 Euro gespendet haben. Entsprechend laut ist die Empörung jetzt.“

Welche Folgen solche Entscheidungen für die Pöstchenvergabe innerhalb der deutschen Funktionärselite haben werden, wird man in Zukunft sehen – wir haben da schon manches Wunder erlebt.

Wir wollen ja heute auch nicht über die Vermögenskonzentration reden, sondern über ihr Gegenteil: die Armut. Sie wird überall wahrgenommen – zum Beispiel in Berlin, wo der Anblick verarmter Rentner, die im Müll nach Ressourcen zum Überleben suchen, Alltag geworden ist (siehe Berliner Zeitung). Die Behörden reagieren auf diese unhaltbaren Zustände … in dem sie das Betteln verbieten, vor allem das Betteln von Kinder (siehe rbb-online): der Anblick von Armut auf den Straßen von Berlin ist den reichen Abgeordneten des Deutschen Bundestages zu ersparen , es könnte ihnen übel dabei werden und sie an die oft vernachlässigten Pflichten gegenüber den Bürgern dieses Landes erinnern, Pflichten, die weit über die üblichen Vier-Jahres-Rythmen hinausgehen.

Ja – es hilft, sich kurz daran zu erinnern: der Staat hatte vor zweihundert Jahren Pflichten übernommen. Sogar mit König und Kaiser. Wir – als Staat – hatten uns zu einer großen Kraftanstrengung entschlossen und die vielen unergiebigen Kleinparzellen zu großen Anbauflächen vereint, die eine deutliche Steigerung der Erträge einbrachten. Mehr noch: wir hatten die Menschen von den kleinen Höfen geholt, damit sie in den Fabriken arbeiteten. Die so verlorene Selbständigkeit wog der Staat mit dem Versprechen auf, Sozialstaat zu werden, da man die systematische Schieflage im Land deutlich erkannte: noch bevor der Bürger Souverän wurde anstelle des Kaisers wurde die Grundlage seiner Souveränität – die wirtschaftliche Unabhängigkeit – vernichtet. Ein Überleben der Demokratie war also direkt abhängig geworden von der Verpflichtung des Staates, diesen von ihm selbst geschaffenen Mangel auszugleichen, in dem er die Versorgung der Bürger für alle Zeiten garantierte. Das ist die Grundlage unseres großen „Deals“, für die der Staat jetzt liefern muss – und aufgrund dessen die „Industrie“ Riesengewinne einfahren kann.

Was der Staat jedoch liefert, erfahren wir täglich (siehe Berlin Kurier):

„Ein Drama spielt sich in der Kleingarten-Kolonie „Saatwinkler Damm“ ab. Als die Datsche von Familie Behrens gestern zwangsgeräumt wird, bewegt sich Ehefrau Karin Behrens (77) nicht mehr. Sie muss mit dem Notarzt ins Krankenhaus gebracht werden, war kollabiert.“

Der demenzkranke Ehemann und der Sohn stehen jetzt vor der Obdachlosigkeit, jener Obdachlosigkeit, die die 38-jährige Eleonore E. schon kennt: sie wurde jetzt zu sieben Monaten Gefängnis verurteilt – für vier Diebstähle im Wert von 93,76 Euro (siehe Süddeutsche). Sie besitzt noch nicht mal einen Personalausweis. Hätte sie nur Kinderpornografie konsumiert wie manche Abgeordnete (Tauss, Edathy, beide: SPD): sie wäre mit einer Bewährungsstrafe davongekommen.

Gesichter von Armut in Deutschland, einer Armut, die immer weiter um sich greift (siehe Bundeszentrale für politische Bildung):

„Im Jahr 2013 galt jede sechste Person in Deutschland als armutsgefährdet: 16,7 Prozent der Bevölkerung bezogen ein Einkommen, das weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens entsprach. Ohne die umverteilende Wirkung von Sozialleistungen wäre sogar jede vierte Person in Deutschland armutsgefährdet. Überdurchschnittlich häufig sind Arbeitslose betroffen – gut zwei Drittel von ihnen waren armutsgefährdet. Ebenso besteht bei Alleinlebenden und Alleinerziehenden ein erhöhtes Armutsrisiko – jeweils etwa ein Drittel der Personen galten 2013 als armutsgefährdet“

Und das im Reich der europäischen Wirtschaftslokomotive, die vor allem so gut brummt, weil sich die starken Schultern nur noch selbst bereichern, anstatt die schwachen mit zu tragen: aus dem kaiserlichen Sozialstaat ist der sozialdemokratische Asozialstaat geworden – an dem die Abgeordneten des Deutschen Bundestages exzellent verdienen: nach der nächsten automatischen Erhöhung werden es 9336 Euro im Monat sein (siehe Focus), bald soviel, wie Armutsgefährdete im Jahr verdienen. Ein genialer Trick der Reichen: einfach alle Abgeordenten reich machen – schon hat man etwas gemeinsam.

In dem Sinne funktionieren die Abgeordneten dann auch – nicht nur beim Thema Abgas oder Kartell. Andrea Nahles ist jetzt mit einem kühnen Vorstoß beschäftigt: sie will Armut in Deutschland einfach umdefinieren (siehe FAZ):

„In Deutschland gibt es immer mehr Armut – so schrieb es der Paritätische Wohlfahrtsverband im Februar. Seine Rechnung: Arm ist, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Nettoeinkommens zur Verfügung hat, für eine vierköpfige Familie wären das derzeit 1873 Euro im Monat. Das ist ein „relativer Armutsbegriff“.“

Wo wirklich Armut herrscht, weiß die Ministerin genau:

„Mit solchen Berechnungen laufe die Politik und die Gesellschaft Gefahr, den Blick für die wirklich Bedürftigen zu verlieren. „Es gibt zum Beispiel mehr illegale Einwanderer und sehr viele jüngere Erwerbsgeminderte, da haben wir es mit wirklicher Armut zu tun.““

Nun – für illegale Einwanderer ist der Staat im Prinzip im Geiste des oben skizzierten Gesellschaftsvertrages überhaupt nicht verantwortlich (jedoch im Geiste der Erklärung der allgemeinen Menschenrechte), die haben in diesem Vergleich gar nichts zu suchen – und die „jüngeren Erwerbsgeminderten“ bekommen Hartz IV (oder – wenn sie nicht ganz so jung sind – eine Bonsai-Rente auf Hartz IV-Niveau … wenn sie Glück haben) wie alle anderen Armen auch – von denen viele noch Reste von Arbeit haben. Sie als die „wirklich Bedürftigen“ zu beschreiben und demgegenüber alle anderen als umverschämte Gierlappen darzustellen, instrumentalisiert Flüchtlinge zur Vertuschung der deutschen Armutsproblematik.

Bleiben wir bei 1873 Euro netto im Monat – für vier Personen. Das sind 468,25 Euro pro Person. Hört sich gut an. Davon bezahlt man Heizkosten, Strom, Miete, Versicherungen, private Rentenvorsorge. Mieten eine vier-Zimmer-Wohnung? Da fängt das Problem an. Will man nicht gerade für seine Kinder das Szenario „sozialer Brennpunkt“ verwirklichen (was in Aachen warm 890,50 Euro kostet – außerhalb der Stadt in einer Betonwüste mit kriminellem Umfeld) so muss man mit 1275 Euro Miete rechnen (Vorstadt von Aachen), dazu 100 Euro Strom, 20 Versicherungen (Haftpflicht und Hausrat), 100 Euro Auto (Achtung: Sie haben Kinder, die im Krankheitsfalle sofort von der Schule abgeholt werden müssen!), so bleiben unsere „reichen“ Familie 191,20 Euro pro Person im Monat im sozialen Brennpunkt – oder 94,20 in menschenwürdiger Umgebung. Bedenken Sie dabei auch, dass Sie zum ordnungsgemäßen Funktionieren in unserer Gesellschaft überdurchschnittlich viel für Körperpflege und intakte Kleidung ausgeben müssen, um „einstellbar“ zu bleiben – also den Erwartungen von Unternehmern in einer Dienstleistungsgesellschaft gerecht zu werden (was minimal bei uns auf dem Land 60 Euro Friseur/Monat für diese Familie bedeutet – und damit sieht man am Ende des Monats schon etwas ungepflegt aus).

Sicher: mit 94,20 Euro im Monat wären Sie im Sudan reich, auch in Syrien und Marokko, denn die müssen kein hohes soziokulturelles Niveau erfüllen, nicht täglich mehrfach die Hemden wechseln und die Kinder zum Mobbingschutz mit Markenkleidung versehen, die können noch Weizen im eigenen Garten anbauen und Ziegen hüten … ich denke, wenn man Lebensqualität als Maßstab nimmt, sieht es im Vergleich erst recht schlecht aus. Dazu gab es mal einen Film in NRW, gedreht mit Fördermitteln von einer afrikanischen Studentin, der seinerzeit viel Trubel verursacht hat – sie fand unser tolles, reiches Leben nicht lebenswert im Vergleich zu ihrer „armen“ Heimat, in der es weniger Gift, weniger Lärm, weniger Aggression im Alltag und weniger Kinderfeindlichkeit gab – und besseres Wetter.

Aber Frau Nahles (SPD) macht halt, wofür sie bezahlt wird (siehe SWR):

„Und je weiter diese Gesellschaft in Deutschland zwischen Arm und Reich gespaltet wird, umso mehr mauern sich Reiche ein und versuchen, all die in die Ecke zu stellen, die Armut anprangern, indem sie sagen: „Ihr bauscht auf, ihr skandalisiert“, um ihren Reichtum zu schützen.“

Monatsgehalt Andrea Nahles: 14668 Euro (siehe Statista).

Keine weiteren Fragen … zur „Verharmlosung der Armut in Deutschland“ (siehe Christoph Butterwege in Deutschlandradio).

Die Armen werden immer ärmer – so der Bericht der Bundesbank (siehe Süddeutsche) – Zeit also, Armut neu zu definieren. Vergleichszahlen habe ich schon: ein Polizeihund bekommt vom Staat 94,50 Euro (also: das zahlt man dem Hundehalter – siehe fragdenstaat) … das ist mehr als Hartz IV für ein fünfjähriges Kind. Nun – Hunde sind ja auch wichtig.

Armut in Deutschland bedeutet nun nicht nur, dass man weniger in den Urlaub fahren kann (also: GAR NICHT) oder weniger Geschenke zu Ostern kaufen kann (in Zahlen: GAR KEINE) oder nicht so oft ins Kino, ins Theater oder zum Fußball kann (besser gesagt: ÜBERHAUPT NICHT) oder dass man sich gesellschaftliche Verpflichtungen jeglicher Art (wie zum Beispiel Geburtstagsgeschenke für die weitere Familie, Vereinsmitgliedschaft oder Parteiarbeit) schlichtweg nicht leisten kann, ohne am Essen zu sparen – was die Meisten machen.

Armut in Deutschland bedeutet schlichtweg: FRÜHER TOD (siehe armut&gesundheit):

„Die Mortalität (Sterberate) von Armut betroffener Menschen in unserer Gesellschaft ist deutlich erhöht. Es besteht ein Lebenserwartungsunterschied von 11 Jahren bei Männern und von 8 Jahren bei Frauen zwischen dem reichsten und dem ärmsten Viertel der deutschen Bevölkerung (Lampert & Kroll 2010). 31% der von Armut betroffenen Männer erreicht nicht das 65. Lebensjahr. Armut bedeutet demnach nicht „nur“ geringere gesellschaftliche Partizipationsmöglichkeiten, Armut bedeutet in einem der reichsten Länder der Erde früher sterben zu müssen. In diesem Kontext spielen strukturelle Gesundheitsversorgungsausschlüsse, -hindernisse und -defizite eine entscheidende Rolle, die von Entscheidungsträgern in unserer Gesellschaft leider viel zu häufig negiert und/oder bewusst ignoriert wird.“

Armut ist … eine besondere Form von Menschenopfer. Armut …. BRINGT MENSCHEN UM. Das ist ein Maßstab, der sich auch nicht durch noch so viele Rechenkünste relativieren läßt. Die Zahl der Opfer geht im Laufe der Jahre in die Millionen … Millionen die zu früh sterben und keinen „ruhigen Lebensabend“ vor sich haben, weil sie in Mülltonnen herumwühlen müssen. Wir sollten also lieber von Massenmord reden – anstatt von „relativer Armut“ … die auch als solche tödlich bleibt.

Da werden die Reichen und Mächtigen natürlich erst Recht „mauern“ und aufheulen, aber … das war schon immer so (siehe Spiegel):

„In vielen Gesellschaften gehörten Menschenopfer zum festen Brauchtum. Eine Analyse zeigt: Die perversen Riten nützen Herrschenden, um die Gemeinschaft zu spalten.“

Lesen Sie den Satz ruhig mehrmals. Sie können ihn auch gerne auswendig lernen.

Gut – wir töten anders als die früheren Herrschenden … ich will ihnen aber gerne die Dimensionen unserer Menschenopfer aufzeigen.

Wir haben über sechs Millionen Arme. Nehmen wir an: die Hälfte davon sind Männer. Das wären drei Millionen, von denen eine Million mindestens 13 Jahre früher sterben. Macht: 13 Millionen Lebensjahre. Ein Leben hat bei uns eine durchschnittliche Lebenserwartung von 78 Jahren bei Männern … also vernichtet Armut das Äquivalent von 166 666 Menschenleben, wenn wir die geraubten Jahre in Menschenleben umrechnen. Ganz grob überschlagen. Mitten in einem der reichsten Länder der Erde. Pro Jahr sterben in Deutschland 868 000 Menschen (siehe statista) – die Zahl der geraubten Lebenszeit für Arme (bzw. der Menschenopfer der Mächtigen) enspricht also 20 Prozent der Bevölkerung – Tendenz steigend.

Die sterben für … das Überleben des monopolistischen Kapitalismus.

Oder: sind die Menschenopfer der Lumpenelite.

Ich weiß: eine wilde Rechnung, die man auf vielfältige Art und Weise angreifen kann – sie dient aber nur der plakativen Darstellung, die Feinrechnung überlasse ich Menschen, die dafür bezahlt werden. Sie soll ja auch nur eins aufzeigen: Armut – ist nicht relativ, sie ist tödlich.

Auch in Deutschland.

 

 

Armut in Deutschland

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Mittwoch, 8.4.2015. Eifel. Armut in Deutschland – ein viel diskutiertes Thema. Genauso wie Arbeitslosigkeit gibt es sie ja nicht, diese Armut. Reflexhaft nennen wir sie schon „relativ“, weil die deutsche Bundeskanzlerin auf die Durchhaltung ihrer Parole „Deutschland geht es gut“ besteht, ergo kann es in Deutschland keine Armut geben. Mir ist sie mal begegnet, die Armut – zu Weihnachten, in Form eines alten, abgerissenen, mit üblen Wunden übersäten Mannes, der Stolz darauf war, dass er ja noch Gartenarbeit bei reichen Menschen macht, ansonsten aber in einem Wartehäuschen an einem Parkplatz mitten im Wald lebt. Ein Foto „Das ist Deutschland“: das wäre ein angemessenes Geschenk für die richtungsweisende Kanzlerin gewesen.

„Relative Armut“ – was für eine Beleidigung aller deutscher Armen. Man drückt damit gleich aus, dass es denen eigentlich sehr gut geht, ja geradezu super, sie wollen es nur nicht wahr haben. Man schielt dann gerne auf andere Länder, wo hungernde Kinder am Straßenrand verrecken (ohne dass die „relativ Reichen“ daran Anstoß nehmen – außer zur Disziplinierung der eigenen Armen), damit unsere Armen noch ein schlechtes Gewissen haben, wenn sie ihre 300 Euro Rente oder 391 Euro Arbeitslosenunterstützung abholen. Wo das Wort „relative Armut“ ausgesprochen wird, kommt es mir so vor, als sei damit eine geheime Drohung verbunden: „sei froh über das, was Du hast: wir könnten noch ganz anders mit Dir umgehen…“ … „so wie wir mit jenen umgehen, die Dein Essen produzieren, Deine Kleidung nähen, Deine Plattenbauten herrichten“.

Sozialhilfe verkommt so zu gönnerhafter Gnade, was vielen gefallen würde, die es – als Staatsfeinde im Herzen – sehr stört, dass Deutschland im Grunde als Sozialstaat konzipiert war. Gerne würden sie die Verfassung umschreiben, gerne den ganzen Staat in Frage stellen, um einen neuen zu schaffen, der noch mehr unbegrenzte Ausbeutungsmöglichkeiten zuläßt, so dass man endlich wie ein Gott leben kann – was leicht fällt, wenn man die anderen nur tief genug erniedrigt und in den Dreck stößt. Leben alle wie die Schweine im Holzverschlag, kann man die Distanz zu ihnen in seiner Yacht vor der Küste wesentlich mehr genießen, als wenn alle glücklich und zufrieden auf dem Dorfplatz Bier trinken und der Reiche sich von den anderen nur durch einen dicken Geldsack unterscheidet, der schwer am Gürtel hängt und den Rücken krumm macht.

Natürlich ist Armut relativ – sie ist abhängig von der Umwelt.

Ein Beispiel? Nun – nehmen wir eine Gruppe reicher Menschen, die in den Anden mit ihrem Flugzeug abstürzt. Viele überleben. Es ist kalt, es gibt nichts zu essen, die Chancen, gefunden zu werden, sind gering. Es sind immer noch reiche Menschen, wie ihre Kontostände jederzeit beweisen können … und doch leiden sie Hunger, weil sie fern von jenen Orten sind, wo ihnen ihre Konsumberechtigungsscheine (sprich: „Geld“) jederzeit ein Bad im von anderen Menschen erwirtschafteten Überfluss gestatten. Ja – sie fangen sogar an, sich gegenseitig aufzuessen (ja: das beruht auf einer wahren Geschichte) … wollen wir wirklich Menschen „reich“ nennen, die solch eine Bürde ihr Leben lang mit sich herumschleppen müssen? Hunger, Durst, Einsamkeit können auch den Reichen treffen – überall, jederzeit. Warum erschrecken wir dann unsere Armen mit Bildern von Verhungernden? Könnten auch Millionäre drunter sein, die zufällig die falsche Partei unterstützt haben. Ausgeschlossen ist es nicht. Manche stranden mit ihrer Yacht an den falschen Gewässern – oder haben – wie der Autor dieser Zeilen – mal eine Wagenpanne in der Wüste … andere verlieren den Weg dort gleich ganz und verdursten elendig (da kenne ich sogar persönlich einen Fall), trotz allem Geld.

Wir könnten unseren Armen auch andere Bilder zeigen. Jesus Christus, zum Beispiel: der hatte noch nicht mal ein Dach über dem Kopf, sein von Reichen oft verachteter Gott erwählte sich sogar ein armes Volk, um in der Geschichte zu wirken anstatt eine Supermacht wie die USA. Die Hauptreligion der westlichen Welt ist eine Religion der Armut, der Arme somit ein besonders gesegneter Mensch, weil er Gott und dem Himmelreich nahe sein kann. Das wäre schon ein großer Schritt für die Armen, die schon zu Christi Zeiten vom „Druck der auftrumpfenden Reichen“ „erschöpft und belastet“ waren und unter dem „stolzen“ Reichtum litten, der „sich selbst tröstet und sichert“ (siehe praktisches Bibellexikon Herder 1985, Stichwort „Armut“).

Reichtum als „Erregung öffentlichen Ärgernisses“ … wer mal wahrgenommen hat, wie viel Parkplatz ein SUV braucht, der weiß, was der Zeitgenosse Christi meinte: schon damals waren Reiche in Bezug auf ihr Sozialverhalten außerordentlich arm.

Ja – ich weiß: wir kommen hier in verbotene Gefilde: nicht umsonst führt die Supermacht der Konsumgötzen gerade einen Weltkrieg gegen eine Religion, die mit Armut ganz gut umgehen kann, ja, gelegentlich sogar ziemlich coole Hochzeiten feiert … bis die Cruise Missile der Reichen dem ein Ende setzt. Ja – was das Thema Armut angeht: da sind Mohammed, Buddha und Christus gar nicht so weit voneinander entfernt. Ich habe da mal nachgefragt (siehe islamische-zeitung.de):

„Der Prophet, Friede sei mit ihm, war und ist ein Prophet der Armen und Schwachen. Seine ersten Anhänger waren aus der untersten sozialen Schicht Mekkas. Besonders Sklaven wurden zu überzeugten Anhängern, weil sein Glaube des Islam, die Religion der Barmherzigkeit war. Der Prophet selber stammte aus einer armen Familie. Er wuchs bei seinem Großvater auf, denn sein Vater starb bereits vor seiner Geburt, und seine Mutter verlor er mit sechs Jahren. So wurde er als Kind zu einer Vollwaise. Aus diesem Grund fordert der Islam eine besondere Achtung für Waisenkinder. Der Prophet sagte, jemand, der eine Waise unterstützt, wird im Paradies mit mir nebeneinander sei“

Merken Sie, woher der Hass auf den Islam kommt? Der Prophet war ein „Hartzer“, wie Christus und Buddha auch. Ja: dieser Christus hat nur von Almosen gelebt: stellen Sie sich das mal vor. Lies sich immer von anderen Menschen aushalten – mal abgesehen davon, als er mit Zaubermacht Brot und Fische vervielfältigte und so auf widerliche Art und Weise die Gesetze der Marktwirtschaft ignorierte, ja, die Nahrung sogar kostenlos verteilen lies: der Tod für die Fischereiindustrie drohte, von den Bäckern ganz zu schweigen.

Wir schweifen ab – aber weil es so schön ist, bleiben wir noch ein wenig in jenen fernen Zeiten, wo Weise, Gottessöhne, Propheten und andere gute Geister Einlass in die öffentlichen Medien (damals noch kaum zentral steuerbare „Mundpropaganda“) fanden. Kennen Sie die Anawin? Das sind die Erniedrigten, die Hingebeugten, die, die alle Atribute der Armut in sich vereinen: befürftig, gedrückt, still, geduldig – und ganz schlimm: Menschen ohne Grundbesitz.

„Ein solcher durfte nicht mitreden, hatte keinen Einfluss, würde übervorteilt, auch vor Gericht“.

Wir erfahren auch, wer alles zu den Anawin gehört:

„Endlich sind Arme vom Schicksal Getroffene, Kranke, Gebrechliche, Witwen, durch die Schuld anderer Gezeichnete. Diese „Erniedrigten“ waren der besondere Gegenstand der Sorge u. Liebe Gottes“ (siehe: Praktisches Bibellexikon, a.a.O., Stichwort Anawin).

3000 Jahre sind seitdem vergangen: was haben wir seitdem erreicht? Wir haben den Armen auch noch Gott genommen, ihre letzte Hoffnung auf Gerechtigkeit, die letzte Zuflucht vor den auftrumpfenden Reichen.

Ich möchte noch ein wenig in jener Zeit vor 3000 Jahren verweilen, weil es mich interessiert, wie die Reichtum definieren. Sie werden überrascht sein. Sicher: ganz besonders glücklich sind die, die schon im Leben nahe an Gott wohnen, sicher kann man sie auch als reich bezeichnen, aber der Gegensatz zu Armut ist klar definiert: Landbesitz. Groß genug für Ziegen – und Schafherden, für Ackerbau und Obstgehölz. Zu dem Land gehören auch Kinder und Enkel dazu, die braucht man, um lästige Räuber zu vertreiben und den Besitz zu mehren. Ja: Landbesitz. Ganz profan. Das war „normal“ … und das Gegenteil von Arm.

Genau jetzt kehren wir zurück in unsere Zeit, wo der Begriff „relative Armut“ ein politischer Kampfbegriff geworden ist.

Hand aufs Herz: wie viele Menschen kennen Sie, die auf einen Landbesitz zurückgreifen können, der den alttestamentarischen Begriff für „Reichtum“ erfüllt? Ein paar hundert Hektar sollten es schon sein – für den Eigenheimbesitzer umgerechnet: mehrere Millionen Quadratmeter. 1200 Qudratmeter mit SUV vor der Tür und prall gefülltem Bankkonto samt Ferienwohnung im Tessin reichen nicht: das ist relative Armut, die nur nicht so auffällt, weil die Zeiten nicht danach sind. Verliert das Geld seinen Wert, bricht in Folge von aus dem Ruder gelaufenen Investmentbanking-Geschäften und Hedgefondaktivitäten die Versorgung zusammen, zeigt sich die Armut schnell absolut: der SUV ist nichts mehr wert, weil er ohne Benzin nicht weit kommt, das Konto ist so real wie eine Fata Morgana und der Zierrasen am Hang bleibt ungenießbar – und viel zu klein. Alles nur relative Werte – was die echt Reichen wissen. Die kaufen sich Farmland in Massen – in den USA, in Afrika, in Südamerika.

Ja – sogar unsre geliebten, von der Politik gehätschelten Millionäre mit ihren zehn Mietskasernen sind relativ Arme, weil ihr „Besitz“ nur unter ganz besonders günstigen Umweltbedingungen funktioniert, fehlt die Wirtschaftsordnung, die für Konsumberechtigungsscheine unbegrenzt Waren ausgibt, so naht der Hungertod in Windeseile.

Armut in Deutschland – es kommt sogar noch schlimmer.

Aus der Sicht des alttestamentarischen Hirten gelten 99 % der Deutschen als arm, bzw. armutsgefährdet, nur ausgeklügelte Gesellschaftsverträge garantieren ihnen für eine gewisse Zeit gewisse Halluzinationen von Wohlstand, aber einige von ihnen – jene, die gezwungernermaßen vom gängelnden, entwürdigenden Sozialstaat leben – gelten zurecht als absolut arm.

Wie gesagt: arm und reich sind relative Werte. Versetze ich unsere Arbeitslosen mit ihren Ressourcen an einen mittelalterlichen Königshof, so erschienen sie wegen ihrer Seherkraft (der „Fernseherkraft“), ihrer Herrschaft über Licht, Wasser und Feuer als unermesslich reich – sie leben aber im Deutschland des 21. Jahrhunderts.

Und was ist Deutschland?

Lauschen Sie mal diesen Worten (siehe Chronik.net):

„Neue Auto-Modelle, steigendes Interesse an Autosalons und eine expandierende Autobranche in der Bundesrepublik deuten an, dass der Weg zur »automobilen Gesellschaft« steil aufwärts führt.

Vorbild bleiben die USA, die schon seit Jahrzehnten »Pioniermacht der Motorisierung« sind: »Das Auto dient nicht nur mehr dem Luxus und dem Vergnügen, sondern ist vielfach bereits zu einer Lebensnotwendigkeit geworden«, beschreibt die »Frankfurter Allgemeine« die Situation in den Vereinigten Staaten.“

Woher stammt das?

Aus dem Jahre 1951.

2015 sind wir eine automobile Gesellschaft. Jede Schule setzt dies voraus, wenn sie um 10 Uhr morgens anruft und verlangt, dass man sein krankes Kind von der Schule abholt, jeder Arzt setzt es voraus, wenn er verlangt, dass Kranke zu ihm in die Praxis kommen, jeder Arbeitgeber fordert dies ein – erst recht, wenn er seinen Betrieb kostengünstig vor die Tore der Stadt baut.

Wer in einer mobilen Gesellschaft kein Auto hat (und damit meine ich nicht die 20 Jahre alte Rostlaube, die jeden Moment ihren Geist aufgeben kann) ist ABSOLUT arm – nicht relativ. Er ist nicht mehr in der Lage, den Anforderungen der Gesellschaft genüge zu tun.

Nun sind wir nicht nur eine Automobilgesellschaft, sondern auch noch eine Konsumgesellschaft, die enorme Ansprüche an uns stellt: wollen wir der Norm entsprechen, so ist „Mode“ gefragt – ein Dresscode, den es zu erfüllen gilt, will man nicht sich und seine Kinder als Außenseiter erleben müssen, Körpergerüche müssen ganztätig mit teuern Duftwässerchen übertönt werden (ja – die billigeren gelten schon als versuchte Körperverletzung), wer in die Kommunikation aufgenommen werden will, muss regelmäßig „angesagte“ Sendungen sehen und dreimal im Jahr an wechselnden Orten in den Urlaub fahren, ebenso sind zu verschiedensten Anläßen (Geburtstage, Hochzeitstage, Namenstage, Weihnachten, zunehmend auch Ostern, Halloween, Muttertage und Valentinstage – und nur ein paar zu nennen) Geschenke im Minimalwert von 100 Euro zu machen, weil alles andere einer Beleidigung der Gastgeber gleich kommt, ebenso werden regelmäßige Einladungen bzw. Konsultationen der gehobenen Gastronomie erwartet sowie ein aktiver, bemerkbarer Beitrag zum Vereinsleben … und ein Wohnort, der es erlaubt, Gäste angemessen zu empfangen.

Das ist die reale Umwelt eines Deutschen im 21. Jahrhundert – hier herrschen andere Standards als im Sudan, wo man schon reich ist, wenn man einen Laib Brot sein eigen nennen kann. Absurd, wenn man sieht, wie arm dieses Volk eigentlich wirklich ist – arm an relevantem Grundbesitz. Berücksichtig man die Distanz der Armen und ihren Lebensausdrucksmöglichkeiten zu den wenigen echten Reichen dieser Gesellschaft, die ganze Inseln hin- und wegbaggern lassen können, ganze Landschaften nach gutdünken verunstalten dürfen, so ist die Armut in Deutschland sogar im weltweiten Vergleich besonder ekelerregend.

Die Armut in Deutschland hat aber noch ganz andere Dimensionen.

Angesichts der Standards, die hier verlangt werden, um ein akzeptierter Bürger der Gemeinschafts zu sein (bzw. von Menschen wie Günter Jauch als solche anerkannt und eingeladen zu werden, was der Ausstellung eines Lebensberechtigungsscheins oder dem Ritterschlag gleich kommt), befinden sich alle Bürger von Geburt an in einer Schuldknechtschaft – ein Zustand, den das Gesetz eigentlich verbietet (siehe Gesetze im Internet, hier: § StGB 233)

„Wer eine andere Person unter Ausnutzung einer Zwangslage oder der Hilflosigkeit, die mit ihrem Aufenthalt in einem fremden Land verbunden ist, in Sklaverei, Leibeigenschaft oder Schuldknechtschaft oder zur Aufnahme oder Fortsetzung einer Beschäftigung bei ihm oder einem Dritten zu Arbeitsbedingungen, die in einem auffälligen Missverhältnis zu den Arbeitsbedingungen anderer Arbeitnehmerinnen oder Arbeitnehmer stehen, welche die gleiche oder eine vergleichbare Tätigkeit ausüben, bringt, wird mit Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu zehn Jahren bestraft. Ebenso wird bestraft, wer eine Person unter einundzwanzig Jahren in Sklaverei, Leibeigenschaft oder Schuldknechtschaft oder zur Aufnahme oder Fortsetzung einer in Satz 1 bezeichneten Beschäftigung bringt.“

Ein-Euro-Jobs, Leiharbeit, Werkverträge … wer sich das ausgedacht hat, gehört in den Knast. Gut – hier wird Schuldknechtschaft mit dem Aufenthalt im eigenen Land verbunden – sonst wären die schlauen Arbeitgeber schon längst hinter Gittern.

Bleiben wir aber beim normalen, „reichen“ deutschen Arbeitnehmer. Wer von denen hat die Freiheit … ohne die Lieferungen von Strom, Gas, Öl, Wasser, Nahrung, Wohnraum auszukommen? Wer kann sich erlauben, seinen Alltag völlig ohne Kosten zu gestalten … d.h. ohne in irgendeine Form von „Schuld“ zu geraten?

Der Deutsche wird hineingeboren in eine Flut von Rechnungen, die bezahlt werden müssen – ein anderes Wort für „Schuldknechtschaft“, will ich meinen. Kaum einer ereicht jenen Zustand, wo er mal zwei- drei Jahre Urlaub in einer anderen Kultur machen kann, um Erfahrungen zu sammeln, sechs Wochen pro Jahr werden für solche Erlebnisse zugeteilt: mehr nicht – viel zu wenig, um auch nur ansatzweise anderes Leben kennen zu lernen. Wir sind zwar  überall in dieser kurzen Zeit – doch wir nehmen davon absolut nichts mehr mit.

Wie arm.

Und wenn wir den Ottonormalverbraucher schon arm nennen müssen – in seinen vielfältigen Abhängigkeiten in Bezug auf das Wohlverhalten von Kunden, Chefs, Kollegen und Ämtern – denn dürfen wir die modernen Anawin, die „Hartzer“, denen wir sogar den Trost der Religion genommen haben, zurecht als absolut arm bezeichnen: wir haben ihnen sogar noch das genommen, was vor 3000 Jahren noch ihr gutes Recht war.

Und jeder Versuch, diese Armut zu relativieren, schön zu reden, sollte als Verbrechen geahndet werden. Sogar jene, die Armut als Möglichkeit der besonderen Nähe zu Gott priesen, haben sie im Alltag mit vielen Formen von „Sozialgesetzen“ bekämpft, um Gerechtigkeit zu schaffen. Mit unserem Gerede von „Sozialromantik“ fallen wir sogar hinter diese 3000 Jahre alten Kulturen zurück … und das ist echt besonders arm.

Über die geistige Armut möchte ich da noch nicht mal sprechen, nur darüber, wie sie sich äußert: darin, dass jene, die in der Schuldknechtschaft ihr Leben verramschen, stolz sich als „Reiche“ über jene erheben, denen sie noch nicht mal den Begriff „Armut“ gönnen.
 

 

 

 

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