Psyche

This tag is associated with 3 posts

Hartz IV – die größte Vernichtungsaktion seit Auschwitz

Digital StillCamera

Mittwoch, 11.3.2015, Eifel. „Hartz IV – die größte Vernichtungsaktion seit Auschwitz“ – wer sich einen solchen Titel erlaubt, macht sich in der Regel sehr unbeliebt. Zum einen natürlich in der Politik, die diese „moderne Dienstleistung am Arbeitsmarkt“ als größten Triumph sozialdemokratischer Kreatitivät und Einfallsreichtums wie eine Siegesfahne vor sich herträgt: in jenen Sphären hört man nicht gerne Kritik an der eigenen Schaffenskraft, noch wird man gerne auf die Folgen der eigenen, schier grenzenlosen Dummheit, Faulheit und Ignoranz aufmerksam gemacht.

Dummheit, Faulheit, Ignoranz? Habe ich da den Mund nicht zu voll genommen? Nun – ich denke nicht. Peter Hartz hat eine Strategie vertreten, die man im Management als durchaus fortschrittlich bezeichnen kann – innerhalb eines Unternehmens. Mitarbeiter, die nicht die erforderliche Leistungen bringen, werden gefördert anstatt gefeuert, erhalten Hilfen anstatt Abmahnungen: eine Einstellung, die einem sozialen Staatswesen (und ein solches haben wir laut Gesetz zu sein) durchaus angemessen ist. Das es auch anders geht, zeigen viele Beispiele. Der „Spiegel“ zum Beispiel bietet ja in seinem „Karriere“-Ressort immer mal wieder nassforschen Jungjuristen ein Forum für ihre antisozialen Ausbrüche in punkto Arbeitsrecht. Erkennbar ist, dass im Sinne der Renditemaximierung die Aussortierung von Kranken aktuell neue Höhepunkte erreicht, ja: viele personalverantwortliche Mitarbeiter in Unternehmen scheinen so viel Zeit zuviel zu haben, dass sie Seminare besuchen können, wo ihnen kreative Kündigungsgründe beigebracht werden – heute zum Beispiel in Stuttgart (siehe Schreiner-Praxisseminare: „Die Kündigung „störender“ Arbeitnehmer“).

Das soziale Empfinden (und somit auch die Treue zum Verfassungsgrundsatz der Sozialstaatlichkeit) scheint vielen Anwälten abhanden gekommen zu sein, ohne zu zögern wird aktuell sogar stolz ein schwaches Immunsystem als Grund für die endgültige Aussortierung aus dem Arbeitsleben benannt (siehe Spiegel): vor diesem Hintergrund wirkt die Personalarbeit von VW in der Tat vorbildlich – und die Idee, eine solche gründliche, systematische Förderung auch jenen angedeihen zu lassen, die von weniger sozial eingestellten Anwälten ins soziale Jenseits befördert werden, begrüßenswert.

Dann jedoch kam diese Forderung in die Sphären der Politik – wo ich nicht umhin kann, Dummheit, Faulheit und Ignoranz zu vermuten, um nicht wirklich einfach Boshaftigkeit unterstellen zu müssen. Was geschah dort mit den Ideen? Erstmal wurde gekürzt – und ein vollumfänglicher Zugriff auf das Vermögen von Arbeitslosen möglich gemacht – „Enteignung“, das sozialistische Schreckgespenst, wurde für ausgewählte Personenkreise in Deutschland plötzlich Realität. Wo früher der Grundsatz herrschte, dass man Sozialhilfe zur Sicherung des Lebensstandards gewährt, galt heute: wer einmal von einem cleveren Anwalt aus der Firma geboxt wurde, ist selber Schuld und haftet mit seinem ganzen Vermögen für das Geschehen. In Kreisen, in denen die Verpflichtung zum Sozialstaatscharakter dieses Landes weniger ernst genommen wird und man sich lieber mit der Arroganz von „Macht“ umgibt, ein Vorgang, der keinerlei zweifelnde Gedanken aufkommen ließ.

Das man in Folge eines stark zusammengestrichenen Versorgungssatzes nicht mehr in der Lage war, um sozialen Leben teil zu haben, interessierte niemanden im Ministerium – und schnell meldeten sich auch „Wissenschaftler“, die den Versorgungssatz nochmal um 66% senken wollten: das erste Mal spürte man in Deutschland wieder den Willen zur Vernichtung „unwerten Lebens“ aus Akademiker- und Regierungskreisen, ohne das es jemanden groß störte. Keiner bemerkte, dass Kosten für bewerbungsfördernde Kleidung (inkl. teurer Brillen), Kosmetika, professionelle Fotografien inklusive Frisur mit einem Hungerregelsatz gar nicht mehr zu bewältigen waren, der Gesetzgeber also entweder bewusst und mit Absicht oder aber aus reiner Dummheit heraus den Opfern der Globalisierung ihre ganze Zukunft nahm … bzw. diese Zukunft vernichtete … ihre und die ihrer Kinder gleich mit.

Nun sieh mal einer an: das Wort Vernichtung taucht im Diskurs über moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt überraschend früh auf – und führt in Deutschland natürlich umgehend zu Vergleichen mit Zeiten, in denen schon mal großflächig vernichtet wurde. Hier haben wir die zweite große Tabuzone der bundesdeutschen Gesellschaft (neben der – unerwünschten – Kritik am Regierungshandeln): die deutschen Vernichtungslager der Vergangenheit. Ja: sogar selbsternannte und großspurige Arbeitslosenaktivisten reagieren mit äußerster Empörung und drastischen Maßnahmen auf nur den leistesten Vergleich moderner deutscher „Sozialpolitik“ mit den Vernichtungslagern des Dritten Reiches, sie greifen zum Äußersten: zur „Entfreundung“ der Betreffenden auf ihrem Facebook-Account. Sie reagieren nach dem gleichen Prinzip wie die Führer des Nationalsozialismus: was stört muss weg! Man kann nur hoffen, dass solche Gestalten niemals mehr Macht bekommen, als ihnen Facebook gibt – denn sonst werden die Öfen wieder angeheizt, damit die Störer eleminiert werden können.

Der Umgang mit dem Dritten Reich ist problematisch – weshalb man es gerne ins Reich der Mythen und Märchen verbannt, es als kleinen Ausrutscher darstellt, als winzigen Unfall der Geschichte, der sich selbstverständlich niemals wiederholen kann, weil es so absolut unwahrscheinlich und undenkbar war, dass so etwas überhaupt jemals passiert. Hitler und die Nazis – das ist ein Thema für Hollywood, aber nicht mehr für den modernen gesellschaftlichen Diskurs. Sicher: wir haben ja auch alles unternommen, damit sich 1933 – 1945 nicht wiederholt: Hitler, Goebbels und Himmler sind tot, die NSDAP verboten (und sogar ihre Symbole!!!) und überhaupt schreiben wir das 21. Jahrhundert, weshalb sich 1933 sowieso schon nicht wiederholen kann – also können wir uns doch in Sicherheit wiegen und den peinlichen kleinen Zwischenfall eigentlich vergessen … und all´ jene eleminieren, die als unbequeme Unken unser gemütliches „deutsch sein“ stören und darauf hinweisen, dass Massenvernichtung von Mitmenschen auch 2033 wieder denkbar wird – mit anderen Führern, anderen Parteien, anderen Symbolen.

Das einzige, was man dazu braucht, ist ein entsprechender „Zeitgeist“, Menschen, die durch die Menschenhatz konkrete Vorteile haben und sie sich durch die Verfolgung anderer sichern können.

Ein Beispiel?

Nun – bleiben wir bei den Arbeitslosen in Deutschland. 40 Millionen Menschen in Deutschland arbeiten, 3 Millionen sind nach offizieller Lesart arbeitslos. Das „arbeitslos“ ein unzumutbarer Zustand ist, ist allen klar, weshalb wir reagieren wie alle sozialen Gemeinschaften: wir gründen eine Kasse, die im Notfall (falls die Exekutionsjuristen mal wieder erfolgreich waren) die Folgen der Arbeitslosigkeit abmildert  – und die Folgen sind heutzutage bedrohlicher als vor hundert Jahren, wo selbst einfache Arbeiter noch das Hausschwein und den kleinen Gemüsegarten hatten, um wenigstens eine kleine Sicherheit in der Hinterhand zu haben. 3 Prozent ihres Bruttoarbeitslohnes zahlen die 40 Millionen Menschen, laut deutscher Rentenversicherung liegt das Durschnittseinkommen 2015 bei 2917 Euro monatlich, d.h. jeder der 40 Millionen arbeitenden Menschen zahlt jeden Monat 87 Euro, um im Notfall vor den Folgen der Arbeitslosigkeit geschützt zu werden.

Jetzt stellen Sie sich mal kurz vor, diese 40 Millionen würden den 3 Millionen Arbeitslosen das Geld persönlich auszahlen, ganz im Sinne der ursprünglichen, selbst organisierten Arbeitersozialversicherungen, die man für Witwen und Waisen ohne staatliche Hilfe eingerichtet hatte: jeder Arbeitslose würde 1137 Euro monatlich bekommen, um wieder auf die Beine zu kommen. Schon eine stolze Summe – knapp doppelt soviel, wie er jetzt inklusive Heizung, Miete und Wasser erhält. Da wäre sogar Spielraum für kreative Unternehmensgründungen anstatt für passives Dahinvegetieren bei Wasser, Brot und Kerzenlicht.

Warum stellt eigentlich niemand mal die Frage, wo das ganze Geld bleibt? Nun – man würde schnell viele hunderttausend Menschen identifizieren können, die an der üblen Behandlung von Arbeitslosen ein substanzielles Interesse haben: nämlich jene, die zwischen den Beitragszahlern und den Beitragsempfängern sitzen und es sich dort richtig gut gehen lassen – je höher in der Hierarchie, umso fetter. Natürlich hat man dort ein profundes Interesse daran, substanzielle Fragen zum Umgang mit Versicherungsgeldern zu vermeiden, ja: das ganze System ist darauf angewiesen, dass solche Fragen vermieden werden – sonst käme man noch auf ganz andere Ideen.

Welche?

Nun: die Hälfte des Jahres arbeiten Sie für den Staat. Sogar wenn Sie minimale Renten und Sozialleistungen beziehen, greift er noch 19 Prozent Mehrwertsteuer ab. Und was bekommen Sie dafür? Marode Brücken, sanierungsbedürftige Schulen, ein Gesundheitswesen auf dem Niveau eines EU-Randstaatees, eine Armutsverfolgungsbehörde, die lieber Arme verfolgt als Armut zu bekämpfen … und auch gerne schon mal einen allgemeinen Drogenmissbrauchsverdacht in die Tat umsetzt und massenhaft Drogentests von Versichertengeldern anschafft (siehe Mitteldeutsche Zeitung), Tests, die mit großer Wahrscheinlichkeit im deutschen Bundestag erfolgreicher zum Einsatz kommen würden.  Aktuell verfolgen von Steuergeldern finanzierte „Sozialkommissare“ sogar Behinderte (siehe Ostseezeitung) und kriminalisieren so eine weitere Schicht von Mitbürgern: nach den Arbeitslosen kommen die Kranken als unwerwünschte Personen in den Fokus der Aufmerksamkeit der Beitragsgeldabsahner. Diese Absahner sind in der Tat sehr alarmiert: die Kosten für Sozialhilfe steigen, der größte Batzen davon sind Eingliederungsbehilfen für Behinderte (siehe Spiegel): das Geld, was die Behinderten dort in Folge unseres Sozialstaatsgebotes in Anspruch nehmen, fehlt für die Dientstreisen aller Akteure nach Australien, Brasilien oder in die USA, für ausgedehnte Betriebsfeiern oder großzügige Beförderung vor Pensionseintritt.

Nun – das reicht noch nicht für einen Vergleich mit den Vernichtungslagern des Dritten Reiches, die manche als natürliche Folgen der kapitalistischen Ordnung ansehen  – ja, mal im Ernst gefragt: wo sollen denn die von den Arbeitgebern systematisch aussortierten „Minderleister“ (also „Kranke“) anders hin? Irgendwann bilden die eine große, nicht mehr verwertbare Masse, die Kosten verursacht – und Kosten gehören nach der in unseren Breitengraden angebeteten betriebswirtschaftlichen Logik eleminiert. Da die ganze Maschine schon einmal – aus recht ähnlichen Gründen – in Deutschland funktionierte, warum sollte sie nicht wieder anlaufen können? Nur, weil wir das Hakenkreuzsymbol verboten haben und Adolf Hitler tot ist?

Doch wir reden hier schon von der Zukunft, auf die wir uns logisch geradlinig zubewegen, wenn wir anfangen, Menschen wieder als „unwertes Leben“ zu stigmatisieren, als „Parasiten“ und „Schmarotzer“. In der Tat vergessen wir schnell, dass Auschwitz am Ende einer Entwicklung einer hoch zivilisierten Gesellschaft stand – und nicht plötzlich von dämonischen Aliens ins Reichsgebiet gebeamt wurde … obwohl das eine Vorstellung ist, die vielen Verantwortlichen (gestern wie heute) sehr angenehm wäre, enthebt sie doch jeder Verantwortlichkeit (wie auch die Sichtweise als „einmaliger, nicht wiederholbarer Unfall“).

Mir geht es um die Vernichtungsaktion, die in der Gegenwart läuft. Jetzt und hier. Vor aller Augen.

Während deutsche Wissenschaftler im Zeitgeist der kostengünstigen Massenvernichtung von drastisch niedrigen Regelsätzen träumen (siehe TAZ aus dem Jahre 2008) und so dem Steuerzahler noch mehr Leistungen vorenthalten wollen (um dann für die eigene Universität eine dicke Scheibe Zusatzgeld zu erhalten) sehen Wissenschaftler aus Schottland etwas anderes: endgültige Vernichtung.

Das ist jedenfalls das Ergebnis einer Studie, die am 18.2.2015 von der American Psychological Association veröffentlicht wurde und uns mit etwas Entsetzlichem konfrontiert (siehe Apa): Arbeitslosigkeit verändert den Kern der menschlichen Persönlichkeit, jenen Ort, den man bislang immer für unantastbar gehalten hat, endgültig.

“The results challenge the idea that our personalities are ‘fixed’ and show that the effects of external factors such as unemployment can have large impacts on our basic personality,” said Christopher J. Boyce, PhD, of the University of Stirling in the United Kingdom. “This indicates that unemployment has wider psychological implications than previously thought.”

Arbeitslosigkeit vernichtet … Persönlichkeit.

Das, was uns am meisten ausmacht.

Infolge dessen ist ein Gesetz, dass hauptsächlich zum Ziel hat, Arbeitslose unter Zuhilfenahme massivster Diskriminierung und existenzbedrohender Sanktionen im von der Industrie zur Gewinnmaximierung von Anlegern mangelns sonstiger Leistungsfähigkeit dringend benötigten Niedriglohnsektors zu platzieren und zu halten ein Gesetz zur Massenvernichtung menschlicher Persönlichkeit – und die Vernichtung des Persönlichkeitskerns (nach etwas zwei Jahren) führt zu absoluten Minimierung der Chancen auf dem Jobmarkt.

So erschaffen wir zielgerichtet jene Art von Menschen, vor denen uns Gerhard Schröder eigentlich warnen wollte.

Ob und wie es mit Auschwitz verglichen werden kann, wird die Zukunft zeigen. Darüber brauchen wir auch jetzt nicht zu spekulieren, denn wir haben unsere eigene Vernichtungsorgie: jetzt, hier und heute, ganz ohne Hitler, Hakenkreuze und braune Uniformen.

Es ist die größte Massenvernichtungsaktion auf deutschem Boden seit Ausschwitz – was hauptsächlich der Tatsache geschuldet ist, dass wir eben jahrzehntelang konstruktive Sozialstaatspolitik verfolgt haben, die ohne Vernichtung von künstlich aussortierten Menschen bzw. der Vernichtung ihrer Persönlichkeit auskam.

Sicherlich kann man den Opfern auch entgegnen: seit froh, dass ihr überhaupt noch was kriegt. Sprüche dieser Art bekommen wir oft zu hören – und viel zu selten wird dagegen gehalten, dass wir einen Gesellschaftsvertrag haben, der uns als Sozialstaat definiert. Wer damit nicht leben kann und will, dem steht es frei, in Länder auszuwandern, in denen andere Gesellschaftsordnungen praktiziert werden … und in denen jene Armut grassiert, mit denen man hier den Armen drohen will.

Dort wird aber auch häufig mit der Kalaschnikow eingekauft.

Man kann aber aus andereseits sagen: die Vermögen der Deutschen explodieren geradezu, beständig erreichen uns neue Triumphmeldungen.

Die Geschichten darüber, dass uns das Geld ausgeht, waren also gelogen.

Es war auch nie wahr, dass die Juden in den Osten ausgesiedelt wurden und dort niedliche kleine Höfe bestellen durften.

Es ist auch nicht wahr, dass Arbeitslose gefördert werden.

Wahr ist, dass Arbeitslosigkeit den Kern der Persönlichkeit zerstört – und wir in Deutschland eine Gesetzgebung und einen entsprechenden Zeitgeist haben, die Arbeitslosigkeit für ausgewählte Störer zum gewollten Dauerzustand zwecks Disziplinierung der Niedriglöhner und Zeitarbeiter macht  – und damit zur größten Vernichtungsaktion seit Auschwitz.

Nicht größer. nicht gleich groß – aber die größte seit damals.

Ich finde schon, das sollte mal gesagt werden, bevor andere Professoren auf neue krude Ideen zur Kostensenkung kommen – oder?

 

 

 

 

Deutschland, das Land der Kranken – oder das Land, das krank macht?

eifelphilosoph_200

eifelphilosoph_200Samstag, 27. 9.2014. Eifel. Wenn ich über das kranke Deutschland schreibe, werden Sie sicher irgendetwas Asoziales erwarten. Korruption in der Politik zum Beispiel: das ist ziemlich krank. Geschieht in Deutschland ganz öffentlich, 5000 Lobbyisten sorgen in Berlin dafür, dass die Politik ihrer Verbände durchgesetzt werden. Gut, es gibt auch Lobbyisten von Umweltschutzorganisationen – jedenfalls habe ich mal einen in Brüssel gesehen. Meistens jedoch können sich diese mit 100000 Euro/Jahr fürstlich versorgten Herren (eine Dame sah ich da noch nie, fällt mir gerade ein) nur große Konzerne leisten, die jederzeit ihre Aufwendungen für Lobbyisten als Werbekosten von der Steuer absetzen können – oder irre ich da? Ja – wir Bürger zahlen mit Preisaufschlägen und Steuern dafür, dass unsere Politiker davon abgehalten werden, in unserem Sinne zu arbeiten. Krank, oder?

Oder diese Bankenrettung. Groß titeln die Massenblätter, dass jeder dritte Euro für Soziales ausgegeben wird – das die anderen beiden bei den Banken landen, wird nicht erwähnt. Na ja – Scherz beiseite, dass ist übertrieben: aber dass wir schwerreichen, kerngesunden Bankern eine Sozialhilfe zahlen, die zigtausendfach über der Sozialhilfe für Bürger liegt, ist doch auch krank, oder?

Oder nehmen wir die Gesellschaft? Fast zwei Drittel der Deutschen hacken auf Juden, Ausländern (besonders Muslime), Arbeitslosen, Asylbewerbern oder Menschen mit Migrationshintergrund (auch hier: Muslime) herum. Alles faule Säcke, wenn man die vom Abstieg bedrohte Mittelschicht fragt (siehe Boell.de):

61 Prozent sind der Ansicht, dass in Deutschland zu viele schwache Gruppen mitversorgt werden müssen. Gerade in der verunsicherten Mittelschicht gibt es offenbar zunehmend ein Bedürfnis nach Abgrenzung. Schwache soziale Gruppen, z. B. Langzeitarbeitslose, werden für ihr eigenes Schicksal verantwortlich gemacht, auch um die Möglichkeit des eigenen Scheiterns von sich zu weisen.

Die Taz spricht von einer „Verrohung des Bürgertums“ (siehe Taz):

Die Umfrage belegt zugleich eine geradezu sprunghafte Zunahme rechtspopulistischer Einstellungen vor allem bei den Bürgerinnen und Bürgern mit höheren Einkommen (ab 2.598 Euro im Monat).

Ist das nicht krank? Superkrank? Ich meine: kann man solch´ ein asoziales Verhalten einer ansonsten wohl versorgten Speckschicht noch  geistig gesund nennen? Geht das nicht schon in den psychopathischen oder soziopathischen Bereich und ist behandlungspflichtig?

Interessante Fragen, die mich heute nicht interessieren. Letztlich begegnete mir die Information, dass fast zehn Prozent der Deutschen schwerbehindert sind (siehe Spiegel). Fand ich ziemlich viel. Es brachte mich auf eine andere Frage, die mich schon länger beschäftigt: was haben die eigentlich sonst noch so, die Deutschen?

Krebs natürlich. Oft erwähnt, neben Herz-Kreislauferkrankungen eine der häufigsten Todesursachen. 1,5 Millionen Menschen litten allen 2010 darunter , Tendenz: steigend. Platz 1: Prostata bei Männern, Mammakarzinom bei Frauen, Platz 2 Darmkrebs, Platz 3: Lunge (siehe Krebsinformationsdienst).

Lunge? Die kann doch auch sonst noch erkranken? Das sind doch die Leute mit dem kleinen Fläschchen, die inhalieren müssen?

Da gibt es zwei Formen, die erstmal interessieren: die chronisch obstruktive Atemwegserkrankung (copd) und das Asthma. Copd betrifft 18,1 % der Bevölkerung, 7,5 befinden sich im Stadium 2 – wo es ernst wird (siehe Ärztezeitung). Sechs Millionen Menschen leiden unter dieser Erkrankung (siehe copd-Deutschland) – und mehr als doppelt soviel laufen mit Stadium 1 herum, ohne etwas zu merken. Die zählen wir aber erstmal nicht.

Asthma sieht nun ähnlich aus – ist aber etwas ganz anderes (Differentialdiagnose: siehe Ärztezeitung). Zu den sechs Millionen Menschen mit copd kommen nochmal 6 Millionen Asthmatiker – 10-15 Prozent aller Kinder leiden darunter (siehe asthma-verstehen).

Gemeint ist hier allergisches Asthma.

Ach ja: Allergien.

Allergien können Asthma verursachen – doch Allergien müssen nicht unbedingt die Lunge betreffen. Zahlen haben wir da aus dem Jahre 2011:

25 % der Deutschen leiden unter Heuschnupfen, 8,5 % unter einer Kontaktallergie, 6, 5 % unter Neurodermitis (siehe Statista), das wären allein 20 Millionen Menschen mit Heuschnupfen. Insgesamt summieren sich die allergischen Erkrankungen auf 35 % der Bevölkerung – im Jahre 2012.  (siehe Welt)… das wären 28 Millionen Allergiker in Deutschland.

Tendenz: steigend, sie ältere Zahlen nahelegen (siehe allergien.com):

In jahrelangen Studien ließ sich beobachten, dass die Anzahl der Erkrankungsfälle immer weiter ansteigt. Waren im Jahr 1990 etwa 25 % der Bevölkerung von einer Allergie betroffen waren, so waren es 2000 schon 30 %.

Und im Jahre 2012 35 %. Man kann ausrechnen, wann wirklich jeder eine Allergie hat. Manche marschieren jetzt schon auf die 50 % zu (siehe DGAKI).

Allergische Erkrankungen betreffen in Deutschland ungefähr 20 – 30 Millionen Menschen, über die Hälfte der Bundesbürger sind bereits „sensibilisiert“, d. h., tragen Antikörper in sich, die bei Kontakt mit Allergenen aus der Umwelt irgendwann zur Krankheit führen können. Allergie kann deshalb mit Fug und Recht als eine „Volkskrankheit“ bezeichnet werden, von vielen wird sie als „Epidemie des 21. Jahrhunderts“ apostrophiert.

Der Lunge geht es im Übrigen auch immer schlechter (siehe biermann-medizin):

Deutlich wird anhand des Weißbuches, dass pulmonale Erkrankungen häufig sind – oder, wie es Gillissen ausdrückt, dass „die Lunge wesentlich für das Krankheitsgeschehen in Deutschland ist“. So ist die Lebenszeitprävalenz von Asthma im Zeitraum 2003-2009 bei Frauen von sechs auf zehn Prozent gestiegen, bei Männern von 5,2 auf acht Prozent. Bei der chronisch-obstruktiven Lungenkrankheit (COPD) müsse von einem Anstieg der Punktprävalenz von 1,3 auf 13,1 Prozent ausgegangen werden, erläuterte Gillissen. Nach Schätzung der Weltgesundheitsorganisation werden pulmonale Erkrankungen und insbesondere die COPD bis zum Jahr 2020 die dritthäufigste Todesursache darstellen.

Kranke Lunge, ausrastendes Immunsystem (ja, das sind Allergien in Wirklichkeit: der Körper reagiert auf harmlose Stoffe wie auf einen schlimmen Feind – eine spannende Geschichte), was gibt es denn sonst noch?

Na, das Herz. Häufigste Todesursache in Deutschland. Da kann viel kaputt gehen: dem elektrischen Motor des Herzens geht der Strom aus, der Muskel wird schwach, das Gefäßsystem verkalkt (was gerade am Herzen wiederum selbst ganz üble Folgen haben kann). Herzinfarkt, Herzinsuffizienz und Schlaganfall können dann die unangnehmen Folgen sein. Über 25 % der Deutschen haben Probleme mit dem Bluthochdruck (siehe rki), das wären locker 20 Millionen. Betrifft auch Jüngere (siehe Wikipedia)

In der Altersgruppe der 25- bis 29-Jährigen ist der Druck in den Gefäßen bei etwa jeder zehnten Frau und etwa jedem vierten Mann zu hoch.

Kein Wunder angesichts der Ursachen:

Ein wichtiger blutdrucksteigernder Faktor kann die Erwerbstätigkeit sein. Von Arbeitenden mit einem durchschnittlichen Alter von 44 Jahren hatten nur 35 % einen normalen Blutdruck, und von den Bluthochdruckkranken hatten nur 7,5 % unter blutdrucksenkender Therapie normale Blutdruckwerte.

Sensation, oder? 65 % der arbeitenden Bevölkerung über 44 leiden unter Bluthochdruck und stehen damit ganz oben auf der Exekutionsskala des Herz-Kreislauf-Systems. Arbeit mach krank, aber wir schimpfen über Arbeitslose.

Wir sehen: das ist nicht allein ein Problem des Alters – obwohl die Betroffenen gerade im Alter ein Problem bekommen (siehe cips-conference)

Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems führten im Jahr 2005 in Deutschland zu 367.361 Todesfällen; bei fast jedem zweiten Deutschen (ca. 45 %) wurde der Tod durch eine Erkrankung des Herz-Kreislauf-Systems ausgelöst (STATISTISCHES BUNDESAMT 2006). Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen damit weiter unverändert die Liste der Todesursachen an. Infolge von Herz-Kreislauf-Erkrankungen starben insbesondere ältere Menschen: Fast 91 % der Verstorbenen waren über 65 Jahre alt. Ein zunehmendes Problem ist dabei die in Deutschland wie in anderen westlichen Industrieländern stetig wachsende Zahl chronisch herzkranker Patienten. Derzeit leiden ca. 1,8 Millionen Deutsche an chronischer Herzinsuffizienz, jährlich kommen 200.000 bis 300.000 Patienten hinzu.

Bleiben wir konservativ und zählen hier nur 20 Millionen Kranke. 12 Millionen mit Lunge, im Schnitt 25 Millionen mit Allergie: 57 Millionen Erkrankungen. Aber das ist nur ein Zwischenergebnis, aus gleicher Quelle erfahren wir auch etwas über die Diabetiker:

Laut Angaben der Deutschen Diabetes-Stiftung (DDS) sind aktuell über 7 Millionen Menschen in Diabetes-Behandlung, weitere ca. 3,5 Mio. wissen nichts von ihrer Erkrankung. Jeden Tag kommen etwa 1.000 Betroffene dazu – zunehmend in jüngerem Alter und bedauerlicherweise auch immer mehr Jugendliche.

10,5 Millionen – zusammen mit den Demenzkranken, den Krebskranken und den vorher aufgeführten Problemen mit Immunsystem sind wir bei 70 Millionen kranken Menschen: bei konservativer Schätzung – die Allergie gäbe ja noch viel mehr her.

Kommen wir zum Rücken. Erstmal zu den Knochen (alle Zahlen aus: Schmerz in Zahlen vom Forum Schmerz)

In Deutschland gibt es 7,8 Millionen Menschen über 50 Jahren, die an Osteoporose leiden

8,5 Millionen Erwachsene sind von Arthrose betroffen

Rheuma: 1,6 Millionen. Neuropathischen Schmerzsyndrom: 4 Millionen. Also  nochmal über 20 Millionen.

„Rücken“ ist aber insgesamt noch schlimmer (siehe Paradisi):

Zeitlebens haben nur 10 bis 20 Prozent aller Deutschen keine Rückenschmerzen. Jeder zehnte Deutsche hat chronische Schmerzen und davon gehen 15 Prozent in Frührente.

80 % der Deutschen haben Rückenschmerzen? Das sind locker mal 64 Millionen. Vielleicht auch 72 Millionen. Soll ich die mal zu den 90 Millionen Erkrankungen hinzuzählen, die das 80 Millionen starke Volk jetzt schon hat?

Dabei sind wir noch gar nicht bei den Kopfschmerzen angekommen, die gibt es ja auch noch (siehe Schmerzklinik).

Zwei von drei erwachsenen Deutschen (etwa 66 Millionen) leiden zumindest zeitweilig unter Kopfschmerzen. Das sind rund 47 Millionen Menschen. Von diesen wiederum sind fast 18 Millionen von Migräne betroffen, weitere 25 Millionen von Kopfschmerzen des Spannungstyps, der Rest mit knapp vier Millionen leidet unter anderen Formen wie beispielsweise dem Cluster-Kopfschmerz und vielen weiteren Formen.

Wir sind jetzt gerade bei 209 Millionen Erkrankungen.

Das kann ganz schön auf die Psyche schlagen, oder?

Ja – die Psyche (siehe Gesundheitsstadt Berlin)

Laut einer Studie von Jacobi haben 42 Prozent aller Bundesbürger im Laufe ihres Lebens schon einmal unter einer psychischen Störung gelitten.

33, 6 Millionen – mit erstaunlichen Steigerungsraten (siehe Statista):

Im Jahr 2008 betrug der Indexwert für Krankheitsfälle aufgrund psychischer Erkrankrungen 188; d.h., dass im Jahr 2008 rund 88 Prozent mehr Fälle psychischer Erkrankungen registriert wurden, als im Jahr 1994.

Neuere Zahlen belegen die Katastrophe menschlichen Geistes (siehe psyga)

Trotz rückläufiger Krankenstände in den letzten Jahren wächst der relative Anteil psychischer Erkrankungen am Arbeitsunfähigkeitsgeschehen. Er kletterte in den vergangenen 38 Jahren von zwei Prozent auf 14,7 Prozent. Die durch psychische Krankheiten ausgelösten Krankheitstage haben sich in diesem Zeitraum verfünffacht. Während psychische Erkrankungen vor 20 Jahren noch nahezu bedeutungslos waren, sind sie heute zweithäufigste Diagnosegruppe bei Krankschreibung bzw. Arbeitsunfähigkeit.

Depressionen liegen da bei 8 % der Bevölkerung, wobei Jugendliche von 18-29 Jahren bei knapp 10 % liegen.

Mag es da Zusammenhänge geben mit den oben geschilderten kranken Zuständen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft?

Wollen wir da mal nicht weiter ausholen, denn ich höre schon das Gemecker: „Man kann doch nicht einfach alle Krankheiten addieren!“.

Klar – es gibt sie, die multimorbiden Patieten. Die, die alles haben – erst recht im Alter … aber wissen Sie, dass wir momentan schon bei 4 Erkrankungen pro Bundesbürger angelangt sind – die meisten davon chronisch?

Haben Sie bemerkt, dass wir uns um das Ohr, das Auge, die Leber, die Niere, das Blut, die Galle oder den Magen-Darm-Trakt noch gar nicht gekümmert haben, mal abgesehen von den Infektionskrankheiten, die auch zunehmen (siehe Augsburger Allgmeine) Soll ich da auch nochmal ein paar Millionen einsammeln … oder reicht Ihnen das jetzt, um mal ein wenig ins Nachdenken zu kommen?

Wer in Deutschland ist eigentlich noch gesund?

Wissen Sie eigentlich, wie viele Krankheiten wir mitlerweile haben? 12161 verschiedene Diagnosen enthält der ICD 10 momentan (siehe Wikipedia): Tendenz: steigend.  Manche meinen ja, es sei nur die Sucht der Ärzteschaft nach Profilierung, die das finden oder erfinden neuer Erkrankungen (zum Beispiel ADHS) vorantreiben – aber reicht das wirklich aus, um diese erschreckenden Zahlen zu erklären?

Oder macht unsere Gesellschaft vielleicht doch ein wenig kranker, als wir gerne zugeben?

Und: ist es angesichts dieser Zahlen wirklich verwunderlich, dass wir ein paar Millionen Menschen auf dem Arbeitsmarkt haben, die zwar noch keine Rente beziehen aber aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen nie wieder dem Standard eines deutschen Personalmanagers entsprechen werden?

Na ja – dies ist ein Nachdenkmagazin. Hier möchte man zum eigenen Denken ermuntern, zu dem nur ein Anstoß gegeben wird. Mal schauen, zu welchen Ergebnissen die Denker kommen: ein Land der Kranken, ein Land das krank macht – oder nur statistischer Unfug?

Bin mal gespannt auf die Antworten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wachstumsmarkt Deutschland: Armut, Asozialität und Adel im Aufwind – Leistung und Charakter eher nicht.

Deutschland hat ja eigentlich keine Probleme. Deutschland geht es gut. Erst kürzlich wurde sogar öffentlich vom Amt für Armutsverwaltung bekannt gegeben, das 2010 eine Million Langzeitarbeitslose wieder einen Job bekommen haben. Wir jubelten mit. Heute legt die nächste Abteilung noch einmal eine andere Statistik nach, siehe Welt:

Deutschland hat ja eigentlich keine Probleme. Deutschland geht es gut. Erst kürzlich wurde sogar öffentlich vom Amt für Armutsverwaltung bekannt gegeben, das 2010 eine Million Langzeitarbeitslose wieder einen Job bekommen haben. Wir jubelten mit. Heute legt die nächste Abteilung noch einmal eine andere Statistik nach, siehe Welt:

Die Zahl der Arbeitslosen geht deutlich zurück. Die Zahl der Hartz-IV-Empfänger sinkt dagegen nur minimal um knapp drei Prozent.

Wieso die Zahl der Langzeitarbeitslosen nicht stärker sinkt, wo doch eine Million von ihnen neue Jobs bekommen haben, kann nicht rational erklärt werden, hier stößt man an die Grenzen des Systems. „Geheimnis des Glaubens“, so heißt das bei der katholischen Kirche, wenn der Verstand die Lehrsätze nicht mehr nachvollziehen kann.

Auf jeden Fall können wir hoffnungsvoll in die Zukunft schauen, so wollen die Konzernmedien uns jedenfalls noch eine Weile lang sehen, denn solange das System noch läuft, solange kann „abgegriffen werden“. Und wenn der große Knall erstmal kommt, dann kann man gar nicht genug haben: Geld, Gold, Öl … das braucht man schon, um über die Runden zu kommen. Hat man das nicht, drohen amerikanische Verhältnisse … eine Metapher, die bald eine ganz andere Bedeutung bekommen kann, siehe Zeit:

Wenn der Kongress nicht bis spätestens Freitag einen Kompromiss im Budgetkonflikt erzielt, dann müssen zahlreiche Behörden schließen und Millionen Staatsbedienstete zuhause bleiben. Kriegsveteranen und Rentner bekommen keine Zahlungen mehr.

So sieht Staatspleite dann praktisch aus. Die Rathäuser sind zu. Ruft man bei der Polizei an, um zu fragen, was los ist, kommt der Anrufbeantworter. Kommen dann die ersten Notfälle für die Feuerwehr herein, landet man … bei der Polizei, siehe dort. Will man sich bei den Ländern oder beim Bund melden, wird man zur Feuerwehr umgeleitet … weiteres siehe dort. Am Monatsanfang wird das Geld knapp, weil keinerlei staatliche Zahlungen mehr eintreffen – ja, liebe Besserverdienende, auch das Kindergeld nicht. Dafür ruft die Oma an und will was geliehen haben: die Auszahlungen der Renten und Pensionen wird dann ebenfalls gestoppt. Aber auch Subventionen fließen dann nicht mehr, ebenso die ach so lieb gewonnenen Bauaufträge für den Mittelstand.

Um solche Entwicklungen zu vermeiden, greifen die verrohten Sozialbarbaren des Mittelstandes gerne auch zu äußerst asozialen Mitteln wie dem Abbau der Gesundheitsversorge für Rentner, siehe Zeit:

Es geht also vor allem um teure staatliche Wohlfahrtsprogramme, auf die Bürger einen Rechtsanspruch haben – und dabei in erster Linie um Medicare und Medicaid, die Krankenversicherungen für Pensionäre, für Behinderte und für Arme.

Sie schlucken einen immer größer werdenden Teil des Bundeshaushalts, weil Amerikas Gesundheitsversorgung sowieso schon die teuerste der Welt ist und auch hier – wie in Europa – die Bevölkerung im Durchschnitt immer älter wird. Laut Voraussagen werden sich diese Kosten innerhalb der nächsten zehn Jahre fast verdoppeln. Senken kann man sie nicht einfach mit dem Rotstift. Sondern nur, wenn man zuvor die Ansprüche, also die gesetzliche Grundlage ändert. Indem man zum Beispiel das Rentenalter heraufsetzt, bestimmte Leistungen im Katalog streicht. Oder indem man, wie es einige Republikaner vorschlagen, das staatliche Wohlfahrtssystem privatisiert.

Man kann es auch in einfachen Worten sagen: unser Gesellschaftssystem hat kein Platz mehr für alte und kranke Menschen. Uns wäre es in unserer Gesamtheit lieber, es gäbe sie gar nicht, diese alten und kranken Dinge. Die kosten nur und bringen nichts. Das die früher mal was geleistet haben, ist ein Faktor, der heute nicht mehr so zählt, denn „Leistung“ ist ein Wirklichkeit kein Begriff der Marktwirtschaft, auch wenn man sich gerne mit ihm schmückt, siehe Zeit:

Sie ist in der freien Marktwirtschaft nicht entscheidend. Auf dem Markt bestimmen Angebot und Nachfrage den Preis, nicht die Leistung, die jeder erbringt. Ich halte das übrigens nicht für eine Ungerechtigkeit. Im Gegenteil: Es ist das Gute am Markt, dass die Bedürfnisse der Kunden der entscheidende Faktor sind. Aber dann kann man eben nicht davon sprechen, dass es die Leistung allein ist, die über die Höhe der Einkommen entscheidet. Und es bedeutet eben auch, dass es eine gute Begründung für eine Umverteilungspolitik gibt.

Hier spielt viel Glück eine Rolle, wie der Philosoph Gosepath am Beispiel eines Sandsackproduzenten ausführt: gestern noch fast pleite, ist man heute Millionär – nicht dank Leistung, sondern dank Oderhochwasser.

Solche einfachen aber trotzdem überzeugenden Erkenntnisse halte natürlich andere nicht davon ab, trotzdem den Typus des erfolgreichen Leistungsträgers zu beschwören, wie es der Spiegel aktuell gerade macht:

Melanie Kramer, Soziologin in Potsdam, hat die Daten ausgewertet und fasst die Charaktermerkmale der Reichen so zusammen: „Sie sind weniger neurotisch, also psychisch und emotional stabiler. Außerdem sind sie häufiger extravertiert, sie sind gesellig und gern unter Menschen. Vermögende sind wesentlich offener für neue Erfahrungen, wissbegierig und tolerant. Dagegen sind sie weniger verträglich und scheuen keine Konflikte.“

Sind sie nicht toll, diese Reichen? Sind es nicht wahre Herrenmenschen, die aufgrund ihrer vorzüglichen Charaktereigenschaften zum Führertum geboren worden sind? Während hingegen doch der Arme mit seinen Neurosen, seinem ewigen Geheule und Gejammere, seiner angepaßten Zurückgezogenheit sich eher zum Herdentier eignet, wie uns nach kurzer Überlegung eigentlich plausibel ist.

Und das Schöne ist: der Adel hatte Recht! Erfolgreiche adelige Charaktereigenschaften vererben sich in der Tat:

Doch auch bei reichen Erben zeigen sich in signifikanter Weise die von Kramer genannten Charakterausprägungen. Diese Oberschichtssprösslinge können nicht aufgrund ihrer Charaktereigenschaften reich geworden sein – sie wurden ja bereits reich geboren. Hier funktioniert der Mechanismus offenbar in umgekehrter Richtung: In einem Oberschicht-Elternhaus aufzuwachsen, fördert bestimmte Charaktermerkmale.

Die sind nicht nur psychisch eindeutig überlegen, diese Reichen, die können auch noch ganze Dynastien von psychisch überlegenen Herrenmenschen gründen, die einfach zum herrschen geboren worden sind. Hätten wir das vorher gewußt, hätten wir den Guttenberg …. ach, lassen wir das. Was uns aber sofort klar sein dürfte: diese edlen Gene dürfen niemals in Gefahr gebracht werden, erst recht nicht durch überbordende Sozialstaatsansprüche.  Wie in jeder Herde, müssen halt die alten, kranken und behinderten Tiere selbst zusehen, wie sie sich gegen die Hyänen des Finanzkapitals durchsetzen. So ist die Natur. Grünenwählern ist das selbstverständlich. Die finden so etwas gut. Da bleibt nämlich mehr übrig für die Gestaltung des Privatbiotops im eigenen Garten. So etwas kostet halt. Im Manager Magazin wird man gerade darüber aufgeklärt, wie wichtig uns die Pflege der Superreichen ist:

Der schonende steuerliche Umgang mit großen Vermögen lässt nicht nur die Finanzierungsbasis des Staates zunehmend erodieren, er stellt auch einen eklatanten Verstoß gegen das Gebot der Leistungsgerechtigkeit dar, das ja gerade Angehörige der Oberschicht gerne postulieren. Ein Prozent der deutschen Kinder dürfte in den kommenden Jahrzehnten ein Viertel des gesamten Vermögens in Deutschland erben – und wird darauf kaum Steuern zahlen müssen. Ein Drittel aller Kinder wird hingegen von seinen Eltern gar nichts erben und kann bestenfalls durch hoch besteuerte Arbeit zu Wohlstand gelangen.

Ein Prozent der Kinder erben 25 % des gesamten Volksvermögens. Toll! Gut zu wissen, das die Menschen mit dem richtig guten Charakter dann auch sozial gut abgesichert sind. Nicht auszudenken, wie solch edle Naturen in der Gosse leiden würden. Schön auch zu sehen, das die Regierung alles in ihrer Macht stehende unternimmt, um den Prozess zu beschleunigen, bis letztlich in ferner Zukunft ein einziger Superreicher alles, ja wirklich ganz und gar alles hat, siehe FTD:

Die Bundesregierung plant eine unternehmerfreundliche Steuerreform: Nach FTD-Informationen dürfen deutsche Firmen künftig Verluste aus dem Ausland verrechnen. Das dürfte Steuerausfälle in Milliardenhöhe zur Folge haben.

Wir brauchen keine Steuern. Die werden sowieso nur von den Herdenmenschen gefressen. Wir brauchen auch eigentlich gar keinen Staat mehr. Wir organisieren das alles privat – Geld genug ist ja da. Ein paar eingezäunte Landstriche, in denen man das Paradies erblühen läßt … und außerhalb dann die kalte brutale Realität von „Hartzland“, wo man mit dem Messer in der Hand tagtäglich ums Überleben kämpfen muß – permanente Liveübertragungen sichern das Interesse der Herrenmenschen.

Damit wir schon heute etwas von dem neuen Wind in Deutschland mitbekommen, fangen manche Firmen schon jetzt an, neue Wege zu gehen, siehe FAZ:

Die Firma aus der Pfalz wollte nicht länger tatenlos zusehen. Sie nutzte die freien Kapazitäten in der jüngsten Wirtschaftskrise, in der es mehr Mitarbeiter als Aufträge gab, und erarbeitete ein Gesundheitssystem. Dazu gehören ärztliche Untersuchungen, finanzielle Zuschüsse für sportliche Aktivitäten und vor allem eine größere Sensibilität gegenüber dem Problem stetig wachsender Belastungen am Arbeitsplatz. Wer sich zum Beispiel krank gemeldet hat – und sei es auch nur für einen Tag – dem bieten die Vorgesetzten seither ein Gespräch an. „Das soll keine Disziplinarmaßnahme sein“, sagt Tanja Romboy, sie wollten nur erfahren, ob es an der Arbeit lag, dass jemand krank wurde, und ob sich womöglich etwas verbessern ließe. Auf diese Weise sollen Langzeitkrankheiten verhindert werden.

Natürlich ist das keine Disziplinarmaßnahme. Man verschwendet gerne Arbeitszeit für ein Pläuschchen, bei dem der Arbeitnehmer nicht so recht weiß, ob er noch einen Arbeitsplatz hat, wenn der das Büro des Chefs wieder verlässt.

Aber uns geht es gut. Der Aufschwung hat uns voll erfasst und lässt uns nicht wieder los. Gut – wir sollten nicht krank oder alt werden. Das wäre dann schlecht. Aber das entscheidet ja auch jeder für sich, gerade so, wie es ihm gefällt. Immerhin ist dies ein freies Land. Wer unbedingt meint, er müsse sich kaputt malochen anstatt einfach sein Geld für sich arbeiten zu lassen, der ist schlichtweg selber schuld. Wie man sich benimmt, wie es sich gehört, zeigen eben die Guttenbergs, hier der Senior im Manager Magazin:

Die beiden Autoren zeichnen darin das Bild eines Karl-Theodor zu Guttenberg senior, der seine Mitarbeiter wie Leibeigene behandelt, Überstunden nicht bezahlt, Betriebsräte zu verhindern sucht, Lehrlinge als billige Hilfsarbeiter missbraucht und selbst langjährige Beschäftigte wegen kleinster Vergehen feuert. Das adelige Standesbewusstsein zeigt sich vor allem darin, dass sich der Herr Baron bei einer Betriebsfeier vor den Augen der Belegschaft Rehbraten servieren lässt – für alle anderen gibt’s Würstchen.

Irgendwie bleibt bei mir allerdings das unangenehme Gefühl, das es kein besonders edler Charakter ist, der sich da im Reichtum suhlt. Aber … ich bin ja auch nur ein armes Herdentier, einer vom Würstchenvolk, nicht vom Rehbratenadel – was weiß ich schon.

 

 

 

Die letzten 100 Artikel