Psiram

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„Information Management“ in Krisenzeiten – Interview mit Markus Fiedler von Wikihausen.de

In Krisenzeiten wie diesen zeigt sich, was eine Demokratie wert ist. Bilden die Öffentlich-Rechtlichen Medien tatsächlich das gesamte vorhandene Informations- und Meinungsspektrum ab? Die Recherchen von Markus Fiedler zeigen lassen daran Zweifel aufkommen.

Krieg statt Kooperation

Vorbemerkung: Eigentlich wäre es das Vernünftigste von der Welt, wenn die etablierten Medien und die mit ihnen verbundenen Politikerinnen und Politiker die Medien im Internet als Partner, wenn auch als kritische und konkurrierende Partner, betrachten würden. Es würde beiden, den Etablierten und den Neuen, guttun. Das Gegenteil ist inzwischen eingetreten. Die etablierte Welt betrachtet die neue Welt als Feind. Es herrscht Krieg statt Kooperation. Johannes Bichler* beschreibt diesen Informationskrieg und die mobilisierte „Schlägertruppe“ – Psiram, Wikipedia, Amadeu Antonio Stiftung, die EU East StratComTaskforce usw. – Es muss und es wird nicht bei diesem ersten Stück bleiben. Albrecht Müller.
[…]
* Johannes Bichler. Alter: 39. Ausbildung zum Landschaftsgärtner; momentan für das Rote Kreuz tätig. War schon: Auslieferungsfahrer, Altenpfleger, Taxifahrer, bei den Maltesern, Dichter und Biogärtner. Reist gerne und verehrt die Punkbands der 80er und 90er.

Human Connection – Über Biodiversität und Vermassung

Obwohl sich dort in Zukunft womöglich nur noch ein paar Sitzengebliebene tummeln werden, die Katzenfotos und Angela Merkel-Devotionalien austauschen, so sind Facebook und Youtube ja derzeit noch Quasi-Monopolisten in der Social Media Landschaft – und nutzen diese Monopolstellung auch schamlos aus: Es wird auf Biegen und Brechen gelöscht und zensiert wie in schwärzesten, vergangen geglaubten Zeiten der Geschichte. Beiträge und Videos, die nicht dem entsprechen, was der Dichter Vaclav Havel als „Lebenslüge“ bezeichnet hat und was uns eine Legion an PR-Professionalisten heute gemeinhin als „das Gute und Gerne Leben“ verkauft, müssen damit rechnen, als „Hate Speech“ gelöscht zu werden. Unerwünschtes, das man mangels Gründen nicht löschen kann, wird durch Shadowbanning-Techniken von der Bildfläche verbannt oder in die Bedeutungslosigkeit downgerankt. Manchmal versagen diese Zensur-Algorithmen jedoch, z.B. wenn bei Videobeiträgen mit über 300 Kommentaren und noch viel mehr Likes als Aufrufzahl Null angezeigt wird – so nach dem Motto: „Gehen Sie weiter, es gibt hier nichts zu sehen!“. Viele regierungskritische Autoren, die sich über die Jahre hinweg eine beachtliche Anzahl an Followern aufgebaut haben, sind durch solche Praxis und in Serie verhängte 30-Tage-Sperren inzwischen zermürbt und nahe daran, aufzugeben. Doch auch wortgewandten Autoren, die es bisher verstanden haben, Kritik an der neoliberalen Regierungsagenda in solch eloquente und ironische Worte zu kleiden, dass sie nicht unter den Tatbestand „Hate Speech“ subsumierbar waren, kann es nun an den Kragen gehen. Youtube/Google hat angekündigt, Konten und Kanäle zu entfernen, wenn der Konzern der Ansicht ist, dass diese kommerziell nicht rentabel („wirtschaftlich nicht tragbar“) sind.

Wer sich also nicht ganz aus dem öffentlichen Diskurs verabschieden möchte, den uns das Internet ermöglicht hat und sich ins neoliberale Biedermeier zurückzuziehen möchte, der tut also eventuell gut daran, rechtzeitig über Alternativen nachzudenken. Denn genauso wie regierungskritische Stimmen früher auf Nimmerwiedersehen „abgeholt“ werden konnten, so muss man heute damit rechnen, dass das eigene Profil auf FB und YT  plötzlich weg ist. Denn die Polit- und Medienmächtigen haben bereits zu verstehen gegeben, dass sie ihre Meinungshoheit nicht kampflos abgegeben wollen. Zum Zwecke der Verteidigung dieser Meinungshoheit haben sie auch entsprechende Profis in ihren Sold gestellt, die das ABC der Zersetzung und des Manufacturing Consent schon zu Zeiten des Überwachungsregimes der Stasi virtuos beherrscht haben. Von diesen ist z.B. die ehemalige Stasi-Mitarbeiterin und Chefin der „Amadeu Antonio Stiftung“, Anetta Kahane (Deckname im DDR-Regime: „Victoria) in Wirklichkeit nur eine unbedeutende Randfigur. Es existiert mittlerweile eine ganze Legion an Blockwarten und Zensoren, die moralisch sogar noch viel tiefer gesunken sind als Anetta Kahane und die ganz offen ihre Verachtung für Demokratie und Rechtsstaat ausdrücken – und dafür die volle Rückendeckung der Merkel-/Maas-Regierung erhalten. Es sind inzwischen ganze Tausendschaften an Mitarbeitern, die klassische Stasi-Tätigkeiten ausführen und damit das Fundament unserer rechtsstaatlichen Demokratie aushöhlen, natürlich wie immer mit den schönsten Worten, um die man in einer Zeit, in der alle diese schönen Worte von Demokratie, Liberalismus etc. „mit Null multipliziert und daher der Menschheit geraubt wurden“ (Frank Schirrmacher), nicht verlegen ist. Da der Staat offiziell keine Zensur ausüben darf, lagert man diese Tätigkeiten einfach in privatwirtschaftliche Gefilde aus, z.B. an die Bertelsmann-Tochter Arvato, die alleine in Berlin und Essen mit über 1200 Mitarbeitern (Stand: Sept. 2018) Facebook von ungebührlichen Stimmen sauber hält.

 Eine Alternative zum politisch-medialen Meinungsmonopol ist nun rechtzeitig vor Ladenschluss online gegangen: Das schon seit längerem u.a. in einem Interview bei KenFM angekündigte „Human Connection“. Dabei hat sich der Friedensaktivist Dennis Hack mit einem Team an Programmierern ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: eine gemeinnützige, sich selbst organisierende und sozial agierende Plattform, in der das Prinzip Kooperation statt Konkurrenz gilt. Zensur sowie das Ausspähen und kommerzielle Verwerten unserer Daten, wie dies von Facebook, Google und Co. als Gegenleistung für unsere Teilnahme an ihrem Geschäftsmodell eingefordert wird, sollen tabu sein.

Der Human Connection-Gründer Dennis Hack hätte als Nachfolger eines schwäbischen Familienunternehmens ein bequemes Leben führen können, ist jedoch ein hohes unternehmerisches und finanzielles Risiko eingegangen (die Plattform muss jeden Monat über 20.000 Euro an Spendengeldern lukrieren, um existieren zu können), um dasjenige zu realisieren, was er in einer zunehmend von Kriegsgefahr und Zerrüttung bedrohten Welt als notwendig ansieht: Ein soziales Netzwerk, in dem das Denken weiterhin frei bleibt.

Nach Jahren an Entwicklungsarbeit und Durststrecken, die das Projekt beinahe zum Scheitern gebracht haben, ist es nun also online. Was kann man dazu sagen? Nun, im Vergleich zu Facebook (zu dessen Nutzung der Psychiater Dr. Spitzer ja mit eindeutigem Studienmaterial betreffend Suizidalitätssteigerung aufwarten kann) wirkt die Bedienungsoberfläche von Human Connection hell und sympathisch, der Umgangston weitgehend konstruktiv. Eine erste Sichtung zeigt einen Fundus an durchwegs anregenden Beiträgen zu Kreativprojekten, Meinungen, politisch-gesellschaftlichen Essays, Links zu bekannten alternativen Medien, Gedichten etc. Obwohl man auf möglichst neueste Servertechnik gesetzt hat, kann man mit Milliardenkonzernen in Silicon-Valley in Sachen Technik natürlich nicht ganz mithalten.  Für manche also womöglich ein Ärgernis, nach meinem Erleben jedoch eines der womöglich bedeutendsten  Positiva der Plattform: Die Latenzzeit von einigen Sekunden, die nach Anklicken eines Beitrags oder Kommentars vergeht, bis dieser vollständig am Bildschirm erscheint. Nach meinem Dafürhalten sollte dieses „Feature“ unbedingt beibehalten werden, da es die Social Media Kommunikationskultur in der Tat revolutionieren könnte:

Denn wenn man einen Kommentar gelesen hat, kann man nun nicht mehr sofort aus dem Bauch heraus vom Standpunkt seiner weitgehend vorgefassten Meinung  „zuschlagen“, sondern man muss nun zumindest zwei Atemzüge Luft holen – ein kurzes Momentum, das aber entscheidend sein kann, um gewohnte Kreisläufe zu durchbrechen und etwas unter Einsatz eines neuen Gedankens frisch zu greifen, anders  als es einem die aus dem Bauch aufsteigende, auf der Festplatte des Alten abgespeicherten Emotionen  suggerieren möchten: auf das gerade Gegenwärtige, in Wirklichkeit immer neue und individuelle Gegenüber gerichtet. Dass das schnellfertige Reagieren aus gewohnten Gefühlen und Bauchstrukturen – die immer aus dem Alten stammen und daher nicht fähig sind, etwas wirklich Neues zu schaffen bzw. Umstände zu verändern – zu keinem Fortschritt führt, kann ja inzwischen jeder erleben (dass all diese angelegten Gefühle und Meinungen, auf die wir so sehr beharren,  übrigens zum überwiegenden Teil gar nicht unseren wahren eigenen Anliegen als individuelle Persönlichkeit entsprechen, sondern – und das ist sehr optimistisch geschätzt – zu über 80% von medialen, gesellschaftlichen und während der Erziehungszeit genossenen Autoritäten angelegt wurden, lasse ich jetzt mal beiseite, dazu ein andernmal mehr). Jedenfalls könnte eine Kommunikationsplattform, die es dem Gedanken ermöglicht, einzugreifen, bevor die in der Gewohnheit angelegten Sympathien und Antipathien die vollendete Regie ergreifen, in der aktuellen Social Media  Diskussionskultur in der  Tat einen wertvollen Beitrag geben.

Natürlich darf sich auf Human Connection niemand das Paradies erwarten. So wie überall gibt es natürlich auch dort Trolle und Saboteure, die verhindern wollen, dass das zur Formulierung gelangt, was ihr bisheriges Weltbild ins Wanken bringen könnte. „Es kann nicht sein, was nicht sein darf“ – mit dieser Mission sind natürlich auch die Mitglieder der Gwup/Psiram/Skeptiker-Bewegung in das soeben erst aus der Taufe gehobene Human Connection eingedrungen, um dort in gewohnter Manier zu pöbeln und zu prügeln. Man vergönne ihnen diesen Sport. Solange die Gwupper, die nun auch als politische Partei firmieren (siehe „Die Hexenjagd von Darth Vaders Humanisten“) noch nicht aus der Evolution ausgeschieden und auf ihrem transhumanistischen Todesstern ihr Dasein fristen müssen, wo sie sich dann fernab des Sonnenlichts selbst auffressen müssen, solange wollen sie eben noch von der Möglichkeit Gebrauch machen, ausgiebig in Nachbars Gärten zu wildern und mit ihren Vereins-Schrotflinten durch die Gegend zu ballern. Ja, sind lästig, aber jeder, der diesen Gesellen in den Weiten des WWW begegnet, hat ja mittlerweile auch gelernt, sich von Sheldon Coopers „streng wissenschaftlichen“ Kumpels nicht verwickeln zu lassen und die Trolle nicht zu feeden. Man darf die Gwupperei also durchaus sportlich sehen. Außerdem: Was wäre der Film Herr der Ringe ohne die „Orcs“? So bleibt eben Dynamik im Spiel und das Konstruktive kann angesichts von Niedertracht und Ignoranz umso heller in Erscheinung treten.

Obwohl sich die Gwup-Trolle auf eine „evidenzbasierte“, rein naturalistische Weltsicht berufen, haben sie leider nicht verstanden, dass Ökosysteme einer möglichst großen Diversität und Artenreichtums bedürfen, um stabil zu bleiben. Auch dass Monokulturen nur zum Preis der totalen Erosion und Vergiftung des Bodens aufrechtzuerhalten sind, aber trotz allen noch so gewaltigen Technologie- und Pestizideinsatzes letztlich doch kippen, wird man denjenigen, die der Ideologie von Pinker, Dawkins, Schmidt-Salomon & Co. folgen, vergeblich erklären. Zu süß ist der Mylab-Genlab Science Buster Traum, den sie träumen.

Wie groß die Diversität der Welt und auch der menschlichen Individualitäten in Wirklichkeit ist, kommt jedenfalls in einem netten Gedicht zum Ausdruck, das ich bei meinem Erkundungsstreifzug durch „Human Connection“ als einen der ersten Beiträge angeklickt habe – auch, in welchem Weltgeschehen wir uns gerade befinden. Welche der nachfolgend aufgezählten Herangehensweisen an das Weltgeschehen der Einzelne wählt, steht jedem frei. In der Wahl besitzt der menschliche Wille bekanntlich vollkommen freie Hand. Nur im Tragen der Folgewirkungen seiner Wahl dann eben ganz und gar nicht mehr.

Bild (Papagei): Pixabay/CC0
Bild (Gwupaffen): Pixabay/mod. cc by parkwaechter/CC0


(Text übernommen mit Genehmigung von Raimundo Germandi – wer dem Dichter auf Human Connection folgen möchte, kann das hier tun)

Haltung zum Weltgeschehen

Der Prophet warnt vor dem Untergang.
Der Sensible wittert schon früh die Gefahr.
Der Narr mahnt so früh, dass ihn noch keiner ernst nimmt.
Der Intelligente erkennt den Handlungsbedarf selbst.
Der Denker überlegt sich die Konsequenzen.
Der Weise rät zur Besinnung.
Der Schamane meditiert.
Der Konstruktive plant eine Gegenstrategie.
Der Forscher strebt nach revolutionären Erkenntnissen, die neue Wege ermöglichen.
Der Entwickler perfektioniert akribisch die Technik weiter.
Der Physiker misst gründlich alle relevanten Kenngrößen.
Der Mathematiker berechnet Statistiken.
Der Kreative erfindet Umgehungswege und Ausdrucksmittel.
Der Autor formuliert erhellende Texte.
Der Dichter schreibt und schreibt.
Der Soziale kümmert sich um Schwächere.
Der Künstler malt für den Frieden.
Der Musiker besingt die Liebe.
Der Lehrer leitet dazu an, sich Voraussetzungen anzueignen.
Der Erfürchtige betet.
Der Demütige dient von nun an freiwillig seinen Nächsten.
Der Freund verbringt möglichst viel Zeit mit Gleichgesinnten.
Der Schwache leidet unter dem Druck des Stärkeren.
Der Chirurg operiert selbstbeherrscht nach Prioritäten.
Das Militär interveniert.
Der Kennende weist auf Aufklärungsvideos unter YouTube hin.
Der Einfühlsame ist jedem ein Freund.
Der Informierte reproduziert so gut er kann.
Der Wissende erklärt, wie es dazu kam.
Der Wichtigtuer plappert ihm alles nach.
Der Genießer trinkt weiter sein Bier.
Der Arrogante lacht die anderen aus.
Der Ignorante lässt sich nicht stören.
Der Angeekelte wendet sich wortlos ab.
Der Offene hört sich jede Meinung an.
Der Journalist fährt grundsätzlich zur Quelle.
Der Reisende freut sich des Lebens.
Der Hochgeistige interpretiert auf Entsprechungsebenen.
Der Schaulustige will alles gesehen haben.
Der Einsichtige ist reumütig und kehrt um.
Der Barmherzige verzeiht seinen schlimmsten Feinden.
Der Ehrliche sucht den Fehler bei sich selbst.
Der Geduldige hört zu.
Der Zuversichtliche hofft – begründet oder unbegründet – weiter.
Der Naive ahmt ihm nach.
Der Gläubige vertraut auf Gott.
Der Betroffene schreit aus Not, Angst oder Schmerz.
Der Skeptiker zweifelt an jedem Hinweis.
Der Gefolterte wartet auf seinen Tod.
Der Euphoriker übertreibt schon im Ansatz.
Der Beständige gibt nicht auf.
Der Verantwortliche prüft und sucht Beweise.
Der Soldat kämpft aus Überzeugung.
Der Pflichtbewusste tut nur seine Arbeit.
Der Zyniker stichelt, weil er die Wahrheit nicht aushält.
Der Zuverlässige kontrolliert, ob auch alles seine Richtigkeit hat.
Der Besserwisser weiß es besser.
Der Geschwätzige hört sich am liebsten selbst reden.
Der Labile weiß nicht mehr weiter.
Der Starke sucht neue Wege.
Der Sportler trainiert, damit er am Tag X eine gute Kondition hat.
Der Vater schützt seine Familie.
Die Mutter schützt ihre Kinder.
Das Kind ist völlig abhängig und braucht als erstes Hilfe.
Der Globetrotter überlebt, weil er gut vorbereitet ist.
Der Beauftragte tut alles für seinen Geldgeber.
Der Verzweifelte gibt auf.
Der Späher kennt kein Gewissen.
Der Erpresste handelt aus Angst so, wie es ihm vorgegeben wird.
Der Schüchterne lässt alles zu.
Der Aufgeregte empört sich.
Der Blinde ahnt nichts.
Der Vergessliche kann sich nichts merken.
Der Feuerwehrmann löscht, wenn es brennt.
Der Kriegslüsterne muss kämpfen.
Der Manipulierte meint die Wahrheit gesagt zu bekommen.
Der Aufgehetzte kennt nur Hass.
Der Dumme versteht überhaupt nichts.
Der Aufständige zeigt Präsenz und Courage.
Der Abgestumpfte spürt seinen Schmerz nicht mehr.
Der Zähe setzt sich immer wieder auf sein Pferd.
Der Resolute setzt sich überall durch.
Der Korrupte missbraucht die Situation.
Der Geizige giert nach Mehr.
Der Neider missgönnt den Erfolgreichen ihren Erfolg.
Der Gutmütige findet immer eine beschwichtigende Erklärung.
Der Egozentriker nutzt die Gelegenheit, sich ins rechte Licht zu setzen.
Der Feige flieht.
Der Ängstliche erstarrt vor innerer Panik.
Der Humorvolle findet immer etwas zu lachen.
Der Gelassene trinkt seinen Tee und wartet erst einmal ab.
Der Mächtige triumphiert und reibt sich die Hände.
Der Übermächtige beherrscht selbst die Mächtigen durch polarisierende Spaltung.
Der Kluge bestellt sein Feld.
Der Unselbständige fühlt sich total ohnmächtig.
Der Kranke ist mit sich selbst beschäftigt und hat keine Kraft etwas zu tun.
Der Abgelenkte schaut immer dorthin, wo sich etwas besonders schnell bewegt.
Der Tote steht nicht mehr auf.

Der Leser ordne sich ein.

 

Wikipedia oder Wikihausen? – Dirk Pohlmann über das globale Manipulationsnetzwerk einer atheistischen Sekte (Zensierte Fassung)

Während unsere Qualitätsmedien immer noch weggucken, arbeiten Dirk Pohlmann und Markus Fiedler gerade fast wie im Alleingang einen ungeheuren Skandal auf: Die freie Enzyklopädie Wikipedia ist gar nicht so frei wie sie erscheint, sondern wird dominiert von einer Gruppe, die Pohlmann als „aggressive, atheistische Sekte“ bezeichnet, die auch vor systematischem Rufmord und existenzieller Vernichtung Andersdenkender nicht zurückschreckt. Diese Sekte kleidet sich in scheinbar wissenschaftliche und fortschrittliche Gewänder, verfolgt jedoch eine radikale Agenda der Gegenaufklärung. Ihr Ziel: Die Austreibung allen Geistes aus der Menschheitskultur bzw. die Heranzüchtung des vollkommen geistlosen Menschen, der in einer „rein säkularen“ Welt unter transatlantischer Ägide nur noch dem technischen Fortschritt und der sozialdarwinistischen Effizienz verpflichtet ist – und natürlich der Meinungshoheit von neoliberalen, demokratiebefreiten „Experten“, die so wie bei Wikipedia alles aus dem Hintergrund steuern, Unerwünschtes von der Bildfläche verschwinden lassen und Erwünschtes als common sense etablieren. Trotz aller Geistlosigkeit will diese Sekte also auch in Zukunft nicht auf das Amt des Hohepriesters verzichten. Im Unterschied zu ihren antiken Vorgängern werden die neuen Hohepriester – ebenso wie ihre die Welt ins transhumanistische Paradies steuernden Algorithmen – zwar allwissend und allmächtig sein, aber eben leider nicht allgütig.

Man könnte den derzeit beobachtbaren Kampf um die mediale Meinungshoheit auch mit den Worten von Prof. Rainer Mausfeld beschreiben: „Wir leben in einer Phase der Gegenaufklärung, die es perfiderweise geschafft hat, sich als Aufklärung zu tarnen.“

Dirk Pohlmann und Markus Fiedler (Autor der mittlerweile vielgesehenen Dokus „Zensur“ und „Die dunkle Seite der Wikipedia“) stellen mit ihrer Arbeit wichtige Meilensteine bereit, um den Marsch in den Grand Canyon, in den uns die „Skeptiker“-Bewegung leiten möchte, doch noch rechtzeitig umzukehren und das Spinnwebgeflecht des manufacturing consent wieder abzustreifen.

Ein fast zweistündiger Vortrag wie nachfolgend mag uns zeitlosen Zeitgenossen etwas lange vorkommen. Aber was sind sind schon zwei Stunden gegenüber einer halben Ewigkeit, die Dantes Eishölle für jeden andauern wird, der in sie abrutscht? Insofern kann man Dirk Pohlmanns Recherchen (die nur die Essenz einer ganztägigen Tagung darstellen) als elementares Rüstzeug ansehen, das sich im massenmedial vernetzten Informationszeitalter wohl jeder Bürger zulegen sollte, der seine Mündigkeit bewahren und inmitten des transatlantisch-neoliberal-nihilistischen Netzwerks seinen Geist nicht aufgeben möchte. Denn wer dieses Netzwerk nicht kennt, wird darin unweigerlich kleben bleiben wie ein argloser Falter in einem Spinnennetz. Im Übrigen: Pohlmanns Präsentation ist ausgesprochen kurzweilig und trotz aller Dramatik sehr motivierend, ebenfalls Stellung zu beziehen und sich aus dem Zugriff eines immer dreister werdenden Ansinnens zu „betreutem Denken“ mutig mit eigenen Gedanken zu emanzipieren. Wer wenig Zeit hat, mag sich evtl. nur die Visualisierung des Skeptizisten-Netzwerks bei Minute 1:00:10 ansehen:


zum Weiterlesen:

Der Psiram Lehrmeister – Massentaugliches Infotainment und marktkonformer Brainfuck

Endzeit-Poesie 4.0: Unser „Ich“ – Staatsfeind Nr.1

„Last Christmas“ – Jahresende und Ausblick auf 2019

 

Update:
Verifiziert – und manipuliert
Ein Artikel von Golem.de

++
Neuer Youtube-Kanal von Markus Fiedler & Dirk Pohlmann zur Aufarbeitung des Wikipedia-Sumpfes:
Wikihausen

Endzeit-Poesie 4.0: Unser „Ich“ – Staatsfeind Nr.1


Jacques Lusseyran (parkwaechter / nachrichtenspiegel.de CC BY 4.0)

Ich weiß nicht, was ich bin,
ich bin nicht, was ich weiß:
ein Ding und nicht ein Ding,
ein Pünktchen und ein Kreis.

(Angelus Silesius)

In einer Zeit, in der wir uns mit „realpolitischen“ Grabenkämpfen hoffnungslos verausgaben, tut es uns zur Abwechslung vielleicht gut, mit einem grundlegenden Gedanken über das menschliche „Ich“ zur Besinnung zu kommen. Welche Instanz in uns ist es denn überhaupt, die „Ich“ sagt, wenn sie die eigene Menschlichkeit geltend macht und Andersdenkende – ob zurecht oder zu Unrecht, sei in diesem Zusammenhang einmal vollkommen dahingestellt – ins Lager der rechts-/linksversifften Unmenschlichkeit verweist? Gibt es überhaupt ein „Ich“ im Sinne eines menschlichen Persönlichkeitskerns oder sind es nur animalisch-egoistische Spasmen, die sich ausleben, wenn wir unser „Ich“ proklamieren?

Vielleicht ist diese scheinbar rhetorische Frage nach dem Ich in Konsequenz sogar sehr viel realpolitischer als alle harten Zahlen, Daten und Fakten, mit denen uns unsere Polit- und Wirtschaftsführer*innen derzeit „alternativlos“ in den Würgegriff nehmen. Leisten wir uns inmitten des marktkonformen Infernos also zumindest für ein paar Atemzüge den Luxus, dieser ketzerischen Frage nachzugehen. Was haben wir in einer „Epoche der totalen Blasphemie“ (Henry Quelcun) schon noch zu verlieren?

Unterwegs zur Endlösung der Menschheitsfrage

Vielleicht wird die Frage nach dem menschlichen Ich in Zukunft einmal wirklich obsolet sein. – Wenn diejenige technokratisch-szientistisch-nihilistische Lehre obsiegt, die derzeit die Meinungshoheit beansprucht (siehe „Der Psiram-Lehrmeister“), dann wird unser Ich – laut Viktor Frankl: „der spezifisch-humane Faktor“ – womöglich in der Tat verdunsten und der robotisierte Mensch wird in einer technizistisch vergletscherten Industrie 4.0-Lebensumwelt zu dem werden, was die Apologeten der herrschenden Lehre jetzt schon postulieren: zu einem bloßen Biocomputer, der als Artefakt im Urschlamm ohne Sinn und Ziel vor sich hinsumpft bzw. -surft. Der schon im 18. Jahrhundert vom Naturwissenschaftler Carl Linné zur Gattung der „Qudrupedes“ (lat. „Vierfüßer“) zugeordnete Mensch wird sich dann ganz selbstverständlich als das auffassen, was Michael Schmidt-Salomon, der Chefideologe der Giordano Bruno-Stiftung und Apologet der Gwup-/Skeptikerbewegung von sich selbst sagt: Dass er nur ein „Trockennasenaffe mit Haarausfall“ sei.  Mit dem homo sapiens, dem zu Weisheit fähigen Menschen, will der Gwup-Vordenker ein für allemal Schluss machen. In seiner Bibel für Skeptizisten und solche, die es werden wollen, dem „Manifest“, entwirft Schmidt-Salomon demgegenüber das Bild des „homo demens“,  dem „tollsten Witz des Witz der Geschichte, der „dümmer nimmer geht“, einem Artefakt im Urschlamm, der „in der tiefsten galaktischen Provinz“ ein Dasein der „kosmischen Bedeutungslosigkeit“ und ohne freiem Willen fristet. Das einzig Erstrebenswerte, das „wir aufrecht gehenden Deppen“ in dieser „Scheißgegend“ (Science Busters) tun könnten, wäre zufolge Schmidt-Salomon, uns zu „sanften , freundlichen … Affen zu entwickeln“, uns in ein besseres Verhältnis zu „Bruder Schimpanse und Schwester Bonobo“ zu bringen (Zit. aus Hubertus Mynarek, „Vom wahren Geist der Humanität – Die Giordano Bruno Stiftung in der Kritik“, Nibe Verlag 2017).

Also wenn das nun nicht eine „frohe Botschaft“ ist – mit dieser Skeptizisten-Bibel in der Hand kann der zeitgenössische Fortschrittsbürger endlich „alle Moral, allen Ballast der Humanität und ihrer Verpflichtungen abwerfen und ganz ins Tiersein, ins schuld- und verantwortungslose Affensein zurücktauchen“ (Mynarek, ebd., S.159 ). Kein Wunder, dass Schmidt-Salomon heute in keiner Talkshow mit weltanschaulicher Thematik fehlen darf. Mit seiner Weltanschauung des mechanistischen Determinismus, der Negation von Willensfreiheit und ethischer Selbstbestimmung ebnet er den ersehnten Weg zur digitalen Transformation und zur Robotisierung von Mensch und Lebensumwelt, also zur Endlösung der leidlichen Menschheitsfrage.

In direkter Antithese zu Goethe, demzufolge das menschliche Dasein eine „Pflanzschule des Geistes“ ist,  sieht Schmidt-Salomon die menschliche Vernunft als bloßes Artefakt und Produkt der Materie unseres Gehirns an, das im Übrigen eine „Eintagesfliege“ sei, denn „die eigentlichen Herrscher der Erde waren und sind die Bakterien“. Gleichwohl besitzt der ehemalige Marketingprofi Schmidt-Salomon genügend Chuzpe, um seine geistlose Weltanschauung als „Evolutionären Humanismus“ zu bezeichnen und sich mit dem Namen von Giordano Bruno zu schmücken, einem erklärten Pantheisten, der selbst in Angesicht von Inquisition und Scheiterhaufen nicht von seiner Überzeugung abrückte, dass ein Kanon an schöpferischer Weltengeistigkeit in allem und jedem lebe und daher jedes Lebewesen seine unzerstörbaren Rechte und eine unveräußerliche Würde habe. Mit dieser Gewissheit im Inneren konnte Giordano Bruno selbst am Scheiterhaufen zu seinen Inquisitoren sagen: „Mit größerer Furcht vielleicht verkündet ihr das Urteil, als ich es empfange“.

Szientismus als neue Staatsreligion

Zur missbräuchlichen Verwendung des Wortes „Wissenschaft“, die im Sinne der Skeptiker-Bewegung in Wirklichkeit eine Nichtwissenwollenschaft ist, da sich die Skeptiker durch die existenzielle Realität unseres Daseins zutiefst verängstigt fühlen, wäre jetzt noch einiges auszuführen. Zur „Giordano Bruno Stiftung“ jedoch ein andernmal mehr. Auch den „Evolutionären Humanismus“ – laut Mynarek in Wirklichkeit nur ein „enthumanisierender Apismus“ –  wollen wir im Auge behalten. Es handelt sich hierbei nämlich nicht nur, wie man meinen könnte, um die durchgeknallte Weltanschauung einiger Sheldon Cooper-Nerds, sondern um die Speerspitze bzw. die Brandfackel, die von einflussreichen, mit Politik, Wirtschaftslobbies und  Medien bestens vernetzten Think Tanks zur billigen Brandrodung des noch verbliebenen Regenwalds an Humanität und geistgeprägter Kultur benutzt wird – um auf den niedergebrannten Kulturflächen dann marktkonforme Plantagen errichten zu können. Denn wenn Mensch und Umwelt nur als geistlose Kohlenstoffzusammenballungen angesehen werden, dann steht der restlosen Ausschlachtung der noch verbliebenen Umwelt- und Humanressourcen nichts mehr im Wege. Entgegen aller fortschrittlicher Bekundungen bereitet die rationalistische Weltanschauung der „Skeptiker“ also geradewegs den Boden für den fatalsten Rückschritt. Indem sie dem Menschen de facto seine Würde abspricht, entkleidet sie ihn auch jeglichen Schutzes gegenüber dem gerade zum Endsieg ansetzenden Neoliberalismus.

Die „Giordano Bruno Stiftung“ etabliert dazu gerade die passende Staatsreligion: Den Gwup-Skeptizismus. Als „ideologischer Anziehungs-, Kristallisations- und Konzentrationspunkt des Materialismus in Deutschland und möglichst auch Europa“ betreibt die Giordano Bruno Stiftung laut Prof. Mynarek derzeit die aktivste, engagierteste und medial effektivste Agitation und Propaganda, um dem zeitgenössischen Menschen mit der ideologischen Brechstange ihr Credo beizubringen – möglichst schon von Kindesbeinen an durch „Infotainment“ und „Edutainment“ (von engl. education-Erziehung und entertainment-Unterhaltung, wie die Skeptizisten ihre „wissenschaftliche Aufklärung“ selbst nennen). Um nicht immer klassische Philosophen zu zitieren, dazu auch die Meinung eines neuzeitlichen Freundes der Weisheit: Was durch Gwup & Co. herangezüchtet wird, ist nichts anderes als der „absolute Untertane“ ( ©Eifelphilosoph). Personen, die herrschende Narrative hinterfragen und von ihrer Meinungs-, Glaubens- und Gewissensfreiheit Gebrauch machen, sollen dem Hohn und Spott preigegeben werden.

Da das Thema brandaktuell und der Parkwaechter dafür berüchtigt ist, angekündigte Folgeartikel mit ein- oder mehrjähriger Verspätung zu veröffentlichen, hier vorab schon einmal eine bündige Charakterisierung von dem, was die „Giordano Bruno Stiftung“ darstellt (veröffentlicht in der taz von Micha Brumlik, ehem. Direktor des Fritz Bauer Instituts – Studien- und Dokumentationszentrum zur Geschichte des Holocaust):

>> Freilich geht es der Ideologie des „Evolutionären Humanismus“, einem militanten und intoleranten Atheismus, wie er von der Giordano Bruno Stiftung vertreten wird, weder um Toleranz und Humanität noch um ein respektvolles, aufgeschlossenes und lernbereites Gespräch unterschiedlicher Religionen und Weltanschauungen; auch nicht um einen Dialog, in dem die Gehalte, Reichtümer und Schätze, aber auch Fehler, Verbrechen und Vergehen von Weltanschauungen sensibel, selbstkritisch und respektvoll erörtert werden, sondern um eine weitere „Austreibung“: hier der Religionen aus dem öffentlichen Raum und Diskurs. Giordano Bruno nannte das „Spaccio“. Der von der nach ihm benannten Stiftung vertretene „Evolutionäre Humanismus“ erweist sich am Ende als oberflächliche, naturwissenschaftlich aufgeputzte Schwundstufe einer selbst noch nicht säkularisierten Weltanschauung, die in ihrem Dogmatismus dem religiösen Fundamentalismus der Gegenwart in nichts nachsteht, sondern sein geistiger Bruder ist.<<

„Wer den Mut nicht hat, die Freiheit zu erringen, der verdient es, Sklave zu sein“ (Hegel)

Zurück aber zu unserem Eingangsthema, dem menschlichen „Ich“, sonst schweifen wir zu sehr ab, und gerade beim Thema Gwup macht es schnell Blup und man verliert sich im Sumpf des szientistischen Nihilismus. Noch ist ja nicht aller Tage Abend. Solange die letzte Schlacht nicht geschlagen und die in den Google Labors von Silicon Valley mit Milliardenetats vorangetriebene Mechatronsierung des Menschen noch nicht vollbracht ist, dürfen wir uns jedoch noch nicht geschlagen geben und sei es erlaubt, um das menschliche Ich bzw. sein zukünftiges Potential zu kämpfen – auch wenn besagtes Ich derzeit noch nicht mehr erscheint als ein zarter Maiglöckchenkeim im Hambacher Wald, auf den eine Armada an RWE-Bulldozern zurollt.

Im Kampf um die Zukunft, der in Wirklichkeit bereits voll im Gange ist, haben wir es mit einem scheinbar übermächtigen Gegner zu tun. Nicht wenige sind daher geneigt, sich nun einfach zurückzulehnen, sich nochmal eine Pulle Spaß aus der Aludose zu saugen und „abzuschalten“. Wenn wir diesen Kampf um das menschliche Ich allerdings nicht kämpfen, dann droht uns wohl oder übel dasjenige Schicksal, vor dem uns Hegel eindringlich gewarnt hat: „Wer den Mut nicht hat, die Freiheit zu erringen, der verdient es, Sklave zu sein.“

Niemand der fortschrittsgläubigen Freunde Sheldon Coopers soll allerdings glauben, dass ein solches Sklavendasein allzu amüsant sein wird. Im Vergleich zu einem zukünftigen Sklavendasein in Dantes Eishölle 4.0 war das klassische Sklavendasein in der Antike noch ein sozialromantischer Wellnessaufenthalt. Die Rutsche in diese Eishölle wurde uns bereits gelegt. Nur noch wenige Schritte und die Post geht ab.

Um den bevorstehenden Kampf gegen das Abrutschen in Dantes Eishölle kämpfen zu können, brauchen wir jedoch einen Kompass zur Orientierung. Denn der beißende schwarze Qualm brennender Autoreifen, der aus einer perfekt verzahnten medial-politisch-kommerziellen Maschinerie des „Manufacturing consent“ gegen den Himmel aufsteigt, hat die Sonne fast vollständig verdunkelt und verhindert die Orientierung mit bloßen Augen. Dass wir in dieser Situation nicht mehr wissen, wo Links und Rechts ist, ist noch das Harmloseste. Es steht noch viel schlimmer: Wir wissen nicht einmal mehr, wo Oben und Unten ist und wir verwechseln Fortschritt mit fatalstem Rückschritt.

Der Mensch: Eine Babuschka

Was ist also der im obigen Gedicht von Agelus Silesius skizzierte Mensch? Ein Pünktchen (ein subjektives Zentrum)? In Beziehung zum Kreis (zur objektiven Welt)? Viele meinen ja, dass die Welt auch gut ohne den Menschen bestehen könnte. Aber ist ein Kreis ohne Zentrum überhaupt denkbar? Oder etwas banaler: Wem schmeckt schon eine Suppe ohne Salz?

Wie auch immer. In digitalen Zeiten, in denen die Einfältigkeit wieder überhand nimmt und man mit binärem Denken (alles ist entweder Null oder Eins, Ja oder Nein, Schwarz oder Weiß, Gut oder Böse) alles erklären möchte – und damit natürlich hoffnungslos Schiffbruch erleidet –, wollen wir uns wieder einmal als Ketzer betätigen und ein vielschichtiges Erklärungsmodell heranziehen. Ein solches Erklärungsmodell gibt es bereits – kommt zwar aus Russland, also aus demjenigen Reich, in dem laut herrschender Lehre bzw. binärem Denken das Böse verortet wird, aber seien wir doch einmal zumindest für ein paar Atemzüge undogmatisch und lassen wir ein Stück russische Volkskultur rein bildhaft auf uns wirken: Die Rede ist von der „Babuschka“. Ja, das ist jene zwiebelförmige Holzfigur, mit der in Zeiten als es noch keine Smartphones gab, auch hierzulande wohl jedes Kind gespielt hat. Die Babuschka – eine Kernfigur, umgeben von einer Vielzahl an auseinandernehmbaren und wiederzusammensteckbaren Hüllen.

Babuschka (Bild: pixabay CC0)

Im Grunde drückt die Babuschka damit in aller Einfachheit nichts anderes aus, was uns auch alle Philosophen in ihren mitunter komplizierten Darstellungen mitteilen wollten: Die innere Architektur des Menschen.

In diesem Zwiebelmodell könnte man das, was man „Ego“ nennt – also unser auf Überleben, Anerkennung, Sicherheit, Lust und Macht gerichteter Persönlichkeitsteil –, als eine der äußeren Schalen der Babuschka bezeichnen. Es ist in Wirklichkeit eine Art Gegenbild unseres eigentlichen Ichs: Während das Ego fortwährend auf Konsumieren und Verschanzen in wohlbekannten Behausungen aus ist, geht es unserem Ich um fortwährendes Neuschaffen, Verändern und Bereichern des Lebensumfelds.

Man sollte jedoch das Ego nicht verdammen oder versuchen, es vollständig aufzulösen – es reicht bereits, wenn man es einfach an die richtige Stelle rückt – dort kann man es sogar zu sehr nützlicher Arbeit einspannen, die letztlich wieder dem eigentlichen Ich des Menschen und der Allgemeinheit dient. Die Existenz dieses eigentlichen Ichs ist übrigens auch der Grund, warum man als Mensch entgegen aller Versprechungen der Werbung niemals glücklich ist, wenn man nur ein egoistisches Konsumleben führt – denn das Ich des Menschen ist seiner Natur nach dialogisch aufgebaut und nur dann glücklich, wenn es uns gelingt, etwas aktiv zu schaffen und in der Welt irgendetwas für andere bzw. das Gemeinwohl beizutragen.

Selbst jemand, der noch stark im Egoismus verhaftet ist, schafft diese dialogische Erweiterung nach außen zumindest ansatzweise, indem er sich um seinen Partner, Familie, den Hund, den Wellensittich etc. kümmert und ihm diese Öffnung nach Außen ein kleines Glücksgefühl beschert. Obwohl sich bei weiterer Entwicklung auch das oft als ziemlich krasser Egoismus und Selbstbespiegelung entpuppen kann und man wirkliche Zufriedenheit erst dann erfährt, wenn man auch wirklich uneigennützige Dinge tut.

Pestilenz 4.0 und Gegengift

Zurück aber zum Selbst bzw. zum „Ich“ des Menschen: Nach der o.a. „frohen Botschaft“ von Schmidt-Salomon (siehe auch „Dostojewskijs Traum von der szientistischen Pest“) schulde ich nun auch eine kleine Ampulle Gegengift. Die wirkliche frohe Botschaft in Sachen „Ich“ ist nämlich: Wer dieses „Ich“ auch nur in geringem Maße geschmeckt bzw. die aus ihm erwachsende Möglichkeit erlebt hat, aus allem, selbst inmitten der übelsten Umstände und der größten Armut wie quasi aus dem Nichts noch etwas Konstruktives zu schaffen, der ist gegen praktisch alle Dekadenzerscheinungen unserer Zeit immun. Er kann selbst inmitten allen Niedergangs ein sinnerfülltes Leben führen und Keime für die Zukunft setzen … damit aus dem kulturellen Trümmerhaufen wieder Menschenwürdiges emporsprießt. Wer mit diesem Kern seiner Individualität – der gemäß Erich Fromm nicht der Region des Habens, sondern der des Seins zugehört, den man also niemals dingfest machen und „besitzen“ kann (den man aber sehr wohl verlieren kann!), sondern dem man sich immer nur annähern kann –,  an dem wird auch die massenmediale Suggestion des „manufacturing consent“ abperlen. Sich der Vermassung à la #wirsindmehr(kel) zu ergeben, wäre dann von vornherein ausgeschlossen.

Der im individuellen „Ich“ gegründete Mensch hat es auch nicht notwendig, „abzuschalten“ und vor den desaströsen Tatsachen des Weltgeschehens die Augen zu verschließen. Er kann sich mutig mit allen politisch-ökonomisch-militärischen Machenschaften konfrontieren. Lüge und Manipulation wird er sogar als willkommene Gelegenheiten ansehen, um diese als schwarzen Kontrast zu nutzen, auf dessen Hintergrund er dann ein umso konstruktiveres Ideal für Wahrheit, Gerechtigkeit, Ökologie und menschliche Solidarität aufbaut. Auch gegen die gerade epidemisch ansteigenden Angststörungen, Depressionen und Panikattacken wird ein authentisch im „Ich“ gegründeter Mensch weitgehend immun sein.

Damit wir aber nicht zu theoretisch bleiben: Wie nähert man sich diesem „Ich“ an bzw. was nährt das „Ich“? – Nun, ganz einfach: Gedanken! Aber wohlgemerkt nicht solche, die man in Zeitung, Fernsehen oder Uni serviert bekommt. Es muss sich um philo-sophische (wörtl. griech.: „in Liebe zur Weisheit“ gerichtete) Gedanken handeln. Woran erkennt man einen philo-sophischen Gedanken? Nun, ein Kriterium dazu ist z.B., dass man über ihn staunen und ihn nicht sogleich ergründen kann. Kann man über einen Gedanken nicht staunen, dann ist er bloß technokratisch-szientistischer Natur. Man drischt mit solchen Gedanken eigentlich nur trockenes Stroh und geht trotz aller hybrider Informationsfülle leer aus (Albert Einstein: „Wer sich nicht mehr wundern und in Ehrfurcht verlieren kann, ist seelisch bereits tot.“)

Es ist daher nichts weniger als eine Schicksalsfrage, aus welchen Quellen man seine Gedanken schöpft bzw. an welche Gedanken man sein Herz hängt. Und genau hier haben wir es mit dem entscheidenden Momentum zu tun, das die Skeptizisten dem Menschen absprechen: Dem freien Willen, der sich über alle Determinationen erheben kann. Durch die Wahl von Gedanken und Ideen – die nach Plato keineswegs abstrakte Gebilde, sondern lebendige, sich fortwährend metamorphosierende Urbilder sind – machen wir uns zu dem, was unserer Wahl entspricht. Dabei haben wir vollkommen freie Wahl, ein riesiger Menüplan steht uns zur Verfügung, darunter auch die großartigsten, wohlschmeckendsten und nährstoffreichsten Gedanken der großen Philosophen (gr. „der Freunde der Weisheit“, also der Freunde des homo sapiens) – wer abends auch nur 10 Minuten lang von solchen Gedanken trinkt, ist gegen die drohende Mutation zum homo demens sicher geschützt.

Niemand wird aber gezwungen, von kristallklarem Gebirgswasser zu trinken, man kann auch – um noch einmal unseren geschätzen Eifelphilosophen zu zitieren, abends „ein Gläschen Promi-Urin“ vorziehen. Oder das „Manifest“ eines Trockennasenaffen. Wieder einmal gilt: In der Wahl sind wir vollkommen frei. Im Tragen der Folgewirkungen unserer Wahl dann allerdings ganz und gar nicht mehr.

Der Krieg gegen das menschliche Ich

Eine der besten Umschreibungen des „Ich“ habe ich bei Jacques Lusseyran gefunden. Der Mann war während der NS-Besatzung führendes Mitglied der französischen Resistance und obendrein blind, daher nicht so wie wir durch Fußball-WMs, Flachbildschirme und sonstige Äußerlichkeiten abgelenkt und konnte sich somit umso mehr in die hinter der greifbaren Realität befindliche innere Welt vertiefen.

Lusseyran kam zum erschütternden Schluss, dass das „Ich“ als zwar unwägbarer, aber wertvollster Faktor unserer menschlichen Existenz nicht nur verdrängt, sondern heute sogar aktiv bekämpft wird:

„Ich habe Ihnen eben schon gesagt: Das Ich ist zerbrechlich. Es ist in jedem von uns nicht einmal etwas, was wir wirklich besitzen, eine fest umrissene Anzahl von Fähigkeiten, auf die wir mit Stolz große Stücke halten könnten. Es ist wie ein Impuls, eine Art Schwung. Es ist eine Kraft, die ihrer Geburt noch ganz nahe steht. Es ist eine Verheißung, ja so möchte ich es ausdrücken, die dem Menschen gegeben ist.

Kurz, das Ich, es ist noch so wenig, dass gleichsam ein Nichts genügt, um es uns wegzunehmen. Und nun muss ich sehen, dass man es bekämpft!

Sprechen wir vom Ich, vom echten. Versuchen wir es. Was ich das Ich nenne, das ist diese Bewegung, dieser Impuls, der mir erlaubt, mich dieser Erde, auf der ich lebe, zu bedienen, aber auch meiner Intelligenz und meiner Gemütsbewegungen, sogar meiner Träume. Es ist eigentlich eine Kraft, die mir eine Macht verleiht, die mir keine andere gibt: nämlich die, dass ich, um zu leben, nicht warten muss, bis das äußere Leben zu mir kommt. Das Ego braucht die Dinge, die größtmögliche Zahl der Dinge, ob sie sich Geld, Geltung, Herrschaft, Beifall oder Belohnung nennen.

Das Ich fragt nicht danach. Wenn es da ist, wenn es an der Arbeit ist, dann setzt es seine eigene Welt der andern, dieser Welt der Dinge, entgegen. Das Ich ist der Reichtum inmitten der Armut; es ist das Interesse, wenn alles um uns herum sich langweilt. Es ist die Hoffnung, auch wenn alle objektiven Chancen zu hoffen verschwunden sind. Aus ihm stammt die ganze Erfindungswelt des Menschen. Und schließlich ist es das, was von uns übrig bleibt, wenn uns alles andere entzogen ist, wenn uns gar nichts mehr von außen zukommt und unsere Kräfte doch genügend groß sind, um diese Leere zu überwinden.

Gewiss, das Ich des Menschen ist nie sehr stark gewesen, außer bei einigen vereinzelten Individualitäten, und unser Zeitalter leidet daran zweifellos nicht mehr Mangel als alle vorausgegangenen. In unseren Tagen jedoch tritt eine ganz neue Tatsache auf: Man möchte das Ich verjagen. Man möchte es endgültig verjagen, um sich endlich dieses absonderlichen Nachbarn, dieses konfusen Einwohners zu entledigen. Man führt Krieg gegen das Ich, und zwar den gefährlichsten aller Kriege, weil niemand daran denkt, den Krieg als solchen zu erklären.“

(Jacques Lusseyran, aus dem Essay „Gegen die Verschmutzung des Ich“)

 

 

Der Psiram Lehrmeister – Massentaugliches Infotainment und marktkonformer Brainfuck


“Der Psiram-Lehrmeister” (Aquarell von Jo Frightning)

„Der größte Lump im ganzen Land,
das ist und bleibt der Denunziant.“
(Hoffmann von Fallersleben)

Wikipedia auf Crack

Das Scheitholz wird bereits geschlichtet, die digitale Streckbank geölt. Ende November ist es wieder soweit: Die GWUP vergibt den Negativpreis „Das Goldene Brett vorm Kopf“ an Personen, die von der herrschenden Lehre abweichen und „antiwissenschaftlichen Unfug“ verbreiten.

Die selbsternannten Inquisitoren und ihre streng wissenschaftsgetreuen Schergen, die das Verdikt über die Ketzer aussprechen – und damit mitunter berufliche und private Existenzen vernichten –, haben wie schon anno dazumal nicht den geringsten Zweifel an der Berechtigung ihres Tuns. Dass die derzeit herrschende Lehre die einzig richtige ist, steht außer Zweifel – hat diese Lehre unseren Planeten ja bekanntlich auf allen Ebenen in ein Paradies verwandelt und gehen wir einer strahlenden Zukunft entgegen (siehe Steve Cutts kleine Videosequenz „Man“).

Ketzer, die diesen Marsch in die strahlende Zukunft als eine Sackgasse oder gar als einen Marsch ohne Wiederkehr in den Grand Canyon ansehen und alternative Wege aufzeigen möchten, gilt es daher rechtzeitig auszumachen und aus dem gesellschaftlichen Diskurs auszugrenzen – ein Diskurs, in dem nach Ansicht der Gwup-/Psiram-/Skeptikerbewegung nur noch szientistisch-technizistisch-nihilistische Maßstäbe gelten sollen. Denn würde man andere Maßstäbe ansetzen, dann wäre das Ausschlachten der noch verbliebenen Umwelt- und Humanressourcen nicht mehr möglich.

Damit Business as usual in einer von Jean Ziegler als „kannibalisch“ bezeichneten neoliberalen Weltordnung weitergehen kann, gibt es zum Glück eine kleine, aber dank bester Vernetzung mit Medien und konzernwirtschaftlichen Interessensverbänden umso effektivere Gruppe an Gesinnungsbrüdern, die eine Lanze für den bedingungslosen Fortschritt und gegen „Irrationalität“ und „Geschwurbel“ brechen. Wie der Biologe und Filmemacher Markus Fiedler aufgedeckt hat, befindet sich auch die weltweit größte Wissensenzyklopädie Wikipedia fest in der Hand von Administratoren der Skeptiker-Bewegung, die ihre gleichermaßen anonyme wie unangreifbare Position auch schamlos ausnützen, um die neoliberal-geistlose Weltanschauung der Skeptiker für allgemeinverbindlich zu erklären. Der ehem. ZDF-Dokumentarfilmer Dirk Pohlmann bezeichnet Wikipedia daher mittlerweile als „Abfalleimer der Gehirne der GWUP – absolut verstrahlt und hochtoxisch“. Für die von Skeptikern betriebene Rufmordplattform Psiram hat Pohlmann ebenfalls eine Definition: „Psiram, das ist Wikipedia auf Crack.“

Sklerotische Skeptiker ohne Skepsis

Wer sind also die tapfer feigen Recken, die hier so verbissen nicht nur gegen Daniele Ganser, sondern überhaupt gegen alle Menschen kämpfen, die den „Stacheldraht in unseren Köpfen“ (Volker Pispers) überwinden wollen? In einem viel zu langen Artikel habe ich schon vor einiger Zeit einen Streifzug durch die anaeroben Gefilde der Skeptiker-Bewegung gemacht und dabei ein grauenvolles Déjà-vu erlebt („Über GWUP-Pastafaris, die neue Aluhut-Inquisition und neoliberale Arschlöcher wie mich“).

Eigentlich ist mit obigem Gemälde, das der Künstler Jo Frightning dem Nachrichtenspiegel dankenswerterweise zur Verfügung gestellt hat, bereits alles ausgesagt, wes Geistes Kinder bei den sogenannten Skeptikern am Werk sind – die von Aussteigern übrigens ausnahmslos als „Pseudo-Skeptiker“ bezeichnet werden, da die Freunde Sheldon Coopers trotz ihrer akademischen Ausbildung einer geradezu grotesken Naivität gegenüber der Realität des Daseins anhängen. Führende Vertreter der Skeptiker sind etwa nicht nur der Meinung, dass Kriege eben einfach so entstehen und man sich daher keine Gedanken über deren Hintergründe zu machen brauche (Zitat: „Anstatt manchmal zu akzeptieren, dass die Welt scheiße ist und es Kriege und Krankheiten gibt — und es dafür keinen Grund gibt —, werden Verschwörungstheorien erfunden.“ / Quelle: Wired).  Nach ernsthaft vertretener Ansicht von „Skeptikern“ könne man auch das Monsanto-Pestizid Glyphosat relativ bedenkenlos trinken. Ganz von ungefähr kommen solche Ansichten allerdings nicht. Wie mir soeben von einem Rubikon-Autor mitgeteilt wurde, hat während der diesjährigen Tagung „Skepcon“ der GWUP ausführlich Werbung für das Bayer-Monsanto Produkt Glyphosat stattgefunden: einen halben Vormittag innerhalb der zweitätigen Tagung durfte das Glyphosat-Marketing beanspruchen. Ein Schelm und unverbesserlicher Verschwörungstheoretiker, wer jetzt Querverbindungen zur Agrar- und Pharmaindustrie vermutet.

Die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Skeptiker-Bewegung haben im letzten Jahr jedenfalls ganze Arbeit geleistet und durch ihre skeptische Aufklärung nicht unwesentlich zur erfolgreichen Verlängerung der Glyphosat-Lizenz für Monsanto-Bayer beigetragen. Dank Marketing-Profis wie Michael Schmidt-Salomon von der Giordano Bruno-Stiftung wissen die Skeptiker, dass ihre Aufklärung keine schwere Kost, sondern auch für den gemeinen Bürger leicht verdaulich sein und Spaß machen muss. „Infotainment“  und „Edutainment“ (von engl. Education / Erziehung und Entertainment / Unterhaltung) nennen die Gwupies daher selbst ihren Kreuzzug gegen die neuzeitlichen Katharer.

Marktkonforme Güllepumpe

Wohlwissend, dass glühende Eisen, verschmortes Fleisch und Scheiterhaufen in einer Zeit, in welcher Meinungs-, Glaubens- und Gewissensfreiheit eigentlich verfassungsmäßig verbürgte Grundrechte sind, beim Bürger nicht gut ankommen, haben die Marketingprofis der GWUP eine zeitgemäße, aber nicht minder wirkungsvolle Strategie zur Austilgung von Ketzern gewählt: Die satirische Diffamierung im Mantel der strengen Schulwissenschaft. Genüsslich, unter Ladung eloquenter Laudatoren und flächendeckender medialer Berichterstattung werden Güllekübel aus Hohn und Spott über Delinquenten ausgeschüttet, die es gewagt haben, von der herrschenden Lehre abzuweichen und neue Wege zu gehen. Ein sattsames Publikum, das sich vor Prusten und Schenkelklopfen kaum halten kann, dankt es den Skeptikern. Was ist es in Zeiten existenzieller Verunsicherung und drohendem Prekariat doch für eine Wohltat, sich bei einem „Gastmahl der Geistlosen“ (Milosz Matuschek ) endlich einmal aus voller Brust über ein paar „Trotteln“ abhauen zu können, die für vogelfrei erklärt wurden.

Bevor also in den nächsten Wochen wieder das Viperngift der Skeptiker in die Adern unseres gesellschaftlichen Organismus gespritzt wird, ist es höchste Zeit, auch eine Ampulle Gegengift bereitzustellen. Wer also immer noch nicht weiß, von welchen Horrorclowns er sich da zum Tanz aufspielen und „edutainen“ lässt, hier nochmals in Kürze ein paar Zeilen, die ich bereits auf Facebook gepostet habe:

RAND Corporation 4.0

Wer etwas näher hinblickt, merkt schnell, dass wir es hier mit zutiefst armseligen Personen zu tun haben, die sich eine „streng wissenschaftliche“ Teletubbie-Welt zurechtzimmern möchten und sich daher in ihrer Eigendrehung von der echten Welt massiv gestört und verängstigt fühlen.

Die Brights (sic!), Gwupies, Skeptiker & Co. sind in Wirklichkeit nur Retortenkinder, in den 1990ern vom US Atheisten-Thinktank „CSI“ gezüchtet, indem man ein paar tiefgefrorene Samenzellen von Wissenschaftlern der (schon seinerzeit auf Szenarien zur Endlösung der Menschheitsfrage spezialisierten) RAND-Corporation wieder aufgetaut und dann in vitro in ein paar Mondkalbföten eingepflanzt hat.

Die dabei erhaltenen, mittlerweile x-fach geklonten Prototypen geben heute diejenige Kohorte an Sheldon Cooper-Nerds ab, die unseren Kindern übers Fernsehen erklären, wie die Welt funktioniert (die Gwupies nennen dieses Programm selbst „Edutainment“).

Wenn man in Zukunft einmal mit einer derzeit noch nicht verfügbaren Genom-Analyse das Erbgut dieser Retortenkinder untersuchen wird, dann wird man feststellen, dass bei ihnen einige – leider entscheidende – Gensequenzketten gefehlt haben. Was sich auch als der Grund herausstellen wird, warum die stolzen Ritter der streng wissenschaftlichen, geistbefreiten (von allen guten Geistern befreiten) Zunft trotz all ihrer Intelligenzbestialität und anderslautender fortschrittlicher Bekundungen für den allergrößten Rückschritt verantwortlich sein und ihren eigenen Untergang herbeiführen werden.

Die einzige offene Frage ist derzeit: Wieviele Menschen werden sie in diesen Untergang mitreißen können (siehe auch: Dostojewskijs Traum von der szientistischen Pest) und wieviele werden sich der technizistisch-nihilistischen Realität, die uns die Skeptiker für allgemeinverbindlich erklären wollen, entziehen können und stattdessen wirkliche Menschen werden?

 


zum Weiterlesen:

„Die Wachhunde der Machtelite“ (Rezension zu Noam Chomsky)

“March for Science – Dead Men Walking” (M. Burchardt)

“Terror und Technokratie” (M. Burchardt)

Die Hexenjagd von Darth Vaders Humanisten (Nachrichtenspiegel)

Alles in Butter: Prof. Michael Butter – Wie man tapfer feige eine wissenschaftliche Lanze bricht (Nachrichtenspiegel)

Ostern … und wieder einmal: “Ans Kreuz mit ihm! – Wir wollen den Barrabas!!!“ (*)

(*) Vorwort/Fußnote zum Titel:

Barrabas … dieser im Titel genannte Name ist ja heute womöglich vielen gar nicht mehr bekannt. Bushido rappt nicht über ihn, Dieter Bohlen hat ihn noch nie erwähnt und auch auf Bento und Vice macht man lieber einen auf Fack ju Göhte. Barrabas – diesen Namen kann man ohne Fußnote also gar nicht mehr einfach so hinstellen … wäre aber womöglich doch nicht ganz uninteressant, wer denn das ist, dem man derzeit alle Türen öffnet, ihm euphorisch entgegenjubelt und ihm sogar willfährig alle seine Gegner beseitigt, sodass er freie Bahn vorfindet für den Triumphzug, den er demnächst antreten will (siehe auch „Der Führer 4.0 – Er ist schon längst da“).

Barrabas. Nun, wie heißt es im ominösen Buch rund um das Ostermysterium als Kommentar mit fünf knappen Worten, nachdem sich das Volk am Marktplatz frenetisch schreiend für den – offensichtlich über fantastische Entertainerqualitäten verfügenden – Barrabas entschieden hatte, obwohl ihnen der römische Statthalter auch einen anscheinend wenig unterhaltsamen, von Peitschenhieben zerschundenen und bluttriefenden Nazarener zur Wahl geboten hätte, der Nächstenliebe und Frieden im Programm gehabt hätte?: „Barrabas aber war ein Mörder …“

50 Jahre nach dem Attentat auf Rudi Dutschke: Die Full spectrum dominance der „Realos“

An Gründonnerstag jährt sich zum 50. Mal der Mordanschlag auf Rudi Dutschke. Der Attentäter Josef  Bachmann hatte ihm drei Kugeln verpasst, die Dutschke zwar zunächst schwerverletzt überlebte, ihm jedoch Jahre später in der Badewanne einen epileptischen Anfall bescherten, sodass der ehemalige Studentenrevolutionär hilflos ertrank. Mit ihm schied auch viel zu früh eine unermüdliche, energiegeladene Impulskraft ab, die die Studenten- und Friedensbewegung in einer kritischen Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs in der Folge schmerzlich vermisste. Bei den soeben in Gründung befindlichen Grünen, wo Dutschke mit seinen Idealen für Furore sorgte und er als Bundesdelegierter kandidieren sollte, übernahmen in der Folge die „Realos“ – mit allen bekannten Folgen bzw. dem heute in seiner Endphase befindlichen Niedergang der ehemaligen Friedenspartei, deren Vorsitz inzwischen ein Mitglied des PNAC („Project for a New American Century“) innehat.

Hätte man Dutschke und andere alternative Denker nicht  vorzeitig weggeräumt, wer weiß, vielleicht müssten wir dann nicht die unsägliche Depression ausbaden, die heute auf allen Ebenen von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft herrscht. Dutschke hätte sich jedenfalls eher den Kopf abschneiden lassen, als dass er zugelassen hätte, dass bei den Grünen ein Mitglied des PNAC die Parteiführung übernimmt, der als „Young Leader“ eines US Thinktanks wild entschlossen ist, in den Grand Canyon zu marschieren und zur Konfrontation mit Russland und für eine „Full spectrum dominance“ von Brzezinskis „Einziger Weltmacht“ trommelt (siehe „Die Glyphosat Kanzlerin und die Große Depression“).

So aber – haben andere das Rennen gemacht.

Der Gefängnispsychologe Götz Eisenberg geht in seinem jüngsten Essay einer interessanten Frage nach: Was bringt junge Menschen, insbesondere Studenten dazu, sich dermaßen in den Strom der herrschenden Meinung einzuordnen und sogar diejenigen erbittert zu bekämpfen, die ihnen mit alternativen Denkansätzen eigentlich aus der Lage heraushelfen wollen, in der sie selbst kaum noch atmen können (siehe auch Juri Galanskow: „In eurer Hölle kann ich nicht atmen“). Immerhin wachen in unserer wissenschaftlich aufgeklärten Gesellschaft heute jede Nacht mehr Menschen schweißgebadet auf als in totalitären Regimen (Quelle: Zeit), der Soziologie-Professor  Hartmut  Rosa bezeichnet unsere stolzen Universitäten mittlerweile als schiere „Entfremdungszonen“, in denen schon unter Jungstudenten Burn-Out und Angsterkrankungen grassieren. Laut jüngsten Krankenkassen-Report gilt bereits jeder sechste Student als psychisch krank (Quelle: handelsblatt). Womöglich würden diese Studenten – und wir alle – augenblicklich wieder gesund und tatkräftig, wenn wir als Lebenselixier nur einen Funken vom Elan und der Inspiration  in uns aufnähmen, die in den 60er/70er Jahren noch den Studentenführer Rudi Dutschke und mit ihm eine ganze Generation beseelten.

Aufforderung zur Lynchjustiz

Dass Dutschke es seinerzeit schaffte, Studenten zu mobilisieren, die couragiert für Frieden und gegen den Vietnamkrieg, Medienmanipulation und gegen die Große Koalition demonstrierten, war den deutschen Qualitätsmedien ein besonderer Dorn im Auge. Umgehend setzte eine mediale Maschinerie ein, um die Friedensaktivisten mit Querfront-Attributen zu diffamieren: „verantwortungslose Störer, bösartige Krawallmacher, Rowdies, Kriminelle und Schädlinge der Gesellschaft“ wären es, die dem Fortschritt von Kommerz und Technik im Wege stünden. Im Februar 1968 rief schließlich die Bild-Zeitung ganz unverblümt zur Lynchjustiz auf:  „Man darf auch nicht die ganze Drecksarbeit der Polizei und ihren Wasserwerfern überlassen.“(sic)

In der Tat ist zu beobachten, dass die seinerzeit von der Springer-Presse bzw. der Bild-Zeitung ausgegebene – heute stillschweigend zum common sense gewordene – Losung, in kleinbürgerlicher Selbstjustiz diejenigen Subjekte zu lynchen und von der Bildfläche verschwinden zu lassen, die dem herrschenden Narrativ (eines technokratisch-kommerzialistisch-nihilistischen Systems) widersprechen, heute nicht nur von einigen labilen Einzeltätern wie Josef Bachmann in die Tat umgesetzt wird. Nein, heute haben sich ganze Rudel an selbsternannten Säuberern zusammengerottet, die diese Drecksarbeit erledigen – ganz unblutig und rein virtuell durch konzertierte Mobbing-, Dissing- und Diffamierungskampagnen, die die Existenz anderer Menschen aber mitunter genauso vernichten können wie das Inbrandsetzen ihres Hauses.

Diplom-Proletariat im Inquisitionsfieber

Die Blaupause des aus der „Unterschicht“ stammenden Hilfsarbeiters Josef Bachmann, der vor Gericht zugab, dass er sich von den hetzerischen Artikeln der Bild-Zeitung zu seinem Attentat auf den Intellektuellen Rudi Dutschke hatte anregen lassen, wurde heute auf unzählige Bürger gerade auch der akademischen intellektuell gebildeten Mittelschicht übertragen. Denn wie uns auch der Jurist Milosz Matuschek in seinem nzz-Essay „Das Gastmahl der Geistlosen“ aufklärt, ist dieser gut ausgebildeten Schicht das klassische Bildungsbürgertum zwischenzeitlich abhanden gekommen, sodass man in besagter akademischer Intelligenzia heute zumeist leider im Trüben fischt: in einem „akademisch zertifizierten, aber intellektuell desinteressierten Diplom-Proletariat aus Ärzten, Juristen, Lehrern, Bankern und Ingenieuren, das sich in einen Zustand der Wohlstandsbehinderung hineinpäppelt … wobei sich das Gesprächsniveau in solcher Gesellschaft oft indirekt proportional zur Höhe des Durchschnittseinkommens verhält.“

Strampelt es gerade nicht im Hamsterrad, dann gefällt sich besagtes Diplom-Proletariat darin, ebenso wie Josef Bachmann Jagd auf Fortschrittsverweigerer zu machen. Zwar virtuell auf diversen digitalen Prangern, aber nicht minder brutal und menschenverachtend. Als sich etwa im vorigen Jahr angesichts zunehmender medialer Kriegstreiberei gegen Russland die zarten Sprosse einer neu erstandenen Friedensbewegung wieder sammeln wollten, wurden diese umgehend ebenso niedergetreten wie z.B. die geplante Friedenskonferenz „Angst essen Zukunft auf“ mit Daniele Ganser. Durch Hassblogger aus dem Dunstkreis des Psiram-/Skeptiker-Netzwerks gezielt sabotiert, musste diese in der Folge abgesagt werden (siehe Rubikon), ebenso wie sich die streng wissenschaftlichen Heckenschützen durch konzertierte mediale Aktionen mittlerweile darauf verstehen, Veranstaltungen wie das vom Vorstand  der Humanistischen Friedenspartei HFP, Malte Klingauf organisierte Pax Terra-Friedensfestival zu sabotieren und potentielle Besucher abzuschrecken (siehe Rubikon).

Zusammengerottet zu schlagkräftigen digitalen Rollkommandos, diffamieren die Blogger der Psiram-, Skeptiker- und Antifa-Bewegung Friedensforscher, meucheln investigative Journalisten, homöopathische Ärzte und Heilpraktiker (inklusive Angabe ihrer Adressen im Netz, sodass jeder, der meint, dass er diesen fortschrittsfeindlichen Subjekten mal einen Besuch abstatten sollte, auch weiß, wo er mit der S-Bahn hinfahren muss, wenn er Dampf ablassen und damit gleichzeitig ein gutes Werk tun und der Wissenschaft einen Dienst erweisen möchte). Sie feiern frenetisch, wenn eine konzertierte Mobbingaktion wieder einmal erfolgreich war und es ihnen gelungen ist, einen Friedensforscher von einer Universität zu verdrängen, einer alternativmedizinischen Reha-Klinik die Fördermittel zu sabotieren oder die Lehre eines Gemeinwohlökonomen aus den Schulbüchern zu streichen, da die Bildungsministerin ihrer Argumentation gefolgt ist, dass eine solche Gemeinwohl-Lehre definitiv „unwissenschaftlich“ sei – in fortschrittlichen neoliberalen Zeiten wie unseren, in der „jeder Mensch des anderen Menschen Wolf“ zu werden droht (Hobbes): Ja, wirklich, wer braucht da schon Gemeinwohl?

In einem solchen Klima des Hasses und der Häme auf Andersdenkende ist es dann auch nichts Ungewöhnliches mehr, wenn etwa Ken Jebsen, der Betreiber der alternativen Nachrichtenplattform KenFM, mitten in Berlin auf offener Straße in bester Gegend von Schlägern attackiert wird. Auch dass ihm beim Verlassen seiner Wohnung zu Attacken mit abgebrochenen Bierflaschen aufgelauert wird, die er samt seiner Familie und Tochter bisher nur durch Glück unbeschadet überstanden hat (siehe Interview mit Rubikon/Youtube), sowie Aufrufe auf Youtube zum Mord an seiner Tochter – im Jahre 2018 scheinbar Business as usual.

Autoimmune Allergie als Vorbote von Dostojewskijs Pest

Überhaupt kann man beobachten, dass das, was in den 60er und 70er Jahren noch möglich war: Ideale formulieren, Begeisterung für humanistische Ziele wecken, soziale Einrichtungen, Menschrechts- und Umweltschutzorganisationen begründen, heute kaum noch denkbar oder zumindest unendlich erschwert ist. Hingegen schießen Wettcafes, Flatratebordelle und sonstige Pissbuden allerortens wie die Pilze aus dem Asphaltboden. Beobachtet man den politischen und gesellschaftlichen Diskurs, dann kann man zusehen, wie sinnvolle und notwendige alternative Denkansätze  und Reformbemühungen auf wirtschaftlichem, finanztechnischem, sozialem, pädagogischem oder gesundheitlichem Gebiet oder gar philosophisch-humanistische Gedanken umgehend im Keim erstickt werden. Kaum wagt sich jemand aus der Deckung und versucht, ein paar couragierte Gedanken zu formulieren und dem politischen Tagesgeschehen etwas entgegenzusetzen, da er den unfassbaren Niedergang, die Selbstzerfleischung des Landes und die Verödung der Menschen nicht mehr tatenlos mitansehen kann: Sofort setzt ein vehementes Hauen, Kratzen und Beißen ein, sodass derjenige gar nicht mehr weiß wie ihm geschieht: „Bäääh, weg damit ….!!“, plärrt und unkt es dann aus allen Löchern, aus denen dann neunmalkluge sieche Gestalten ihre Schreihälse herausrecken, die sich der Intelligenzia 4.0 / der bored students violence / dem Club der sklerotisierten Flachbildschirmlemuren / den Transhumanisten / den Smartphoneonanisten / den Teletubbies / Sheldon Coopers Cumpels / der Antifa / Rattifa oder den ganz besonders hellen „Brights“(sic!)/GWUPs/Skeptikern zugehörig fühlen und die vor allem eines mitbringen: einen unbändigen Hass gegenüber allen Menschen mit einem anderen Weltbild als sie selbst es haben. Wild zum streng wissenschaftlichen „Fortschritt“ und zur Ausmerzung allen Geistes entschlossen, merken die beim Gastmahl der Geistlosen sitzenden Ritter von Shledon Coopers Tafelrunde gar nicht, wie sie in Wirklichkeit Dantes Eishölle den Weg bereiten.

Die in Dostojewskijs Traum von der szientistischen Pest vorhergesagte Krankheit, sie droht also gerade mit voller Wucht um sich zu greifen und sich zur Pandemie auszuweiten. Wenn wir diesem Wahn nicht rechtzeitig den Stecker ziehen, dann könnte er uns womöglich schon demnächst alle dahinraffen.

Ein altes Problem …

Eigentlich wollte ich mit diesen Worten nur zu einem lesenswerten Essay von Götz Eisenberg einleiten, in welchem der Gefängnispsychologe anlässlich des Dutschke-Gedenktages zu ergründen versucht, warum mutige Aufklärer sogar von den Bürgern, denen sie helfen wollen, dermaßen gehasst werden.

Das Problem, das Götz Eisenberg dabei beleuchtet, ist eigentlich ein altbekanntes: Platon hat darüber in seinem Höhlengleichnis bereits berichtet (siehe dazu auch Eifelphilosoph). Vielleicht wäre es also heute im 21. Jahrhundert, an der Schwelle zum dritten Jahrtausend an der Zeit, diesen stupiden Mechanismus, mit dem wir uns um unsere wertvollsten Köpfe und auch uns selbst stetig dem Grand Canyon näher bringen, endlich einmal zu knacken. Denn allzuviel Zeit bleibt uns womöglich nicht mehr: Die „Doomsday Clock“ wurde soeben auf zwei Minuten vor Mitternacht, d.h. der symbolischen Apokalypse vorgestellt (siehe Spiegel).

Wie bereits in meinem letzten Kommentar muss ich wieder eine Warnung  anbringen: Das Lesen von Götz Eisenbergs Essay kann melancholisch machen, vor allem wenn der Autor den Esprit und die Ideale der damaligen Studentengeneration mit unserer Situation heute vergleicht (was uns aber gleichzeitig anspornen kann, diesen Elan – diesmal nicht als Gruppe, sondern individuell – wiederzugewinnen, denn er ist in Wirklichkeit nicht weg, er ist nur zugeschottert und man muss ihn freischaufeln:)

„… Die Erinnerung daran, dass eine menschliche Welt möglich ist, soll getilgt werden. Ein großes Vergessen soll sich breitmachen und jede Alternative schon im Ansatz erstickt werden. Ein Blick auf den Zustand der jüngeren Generation zeigt, dass dieses Vorhaben bereits weit vorangekommen ist. Das gilt leider auch für das Gros der heutigen Studierenden. Sie unterwerfen sich den Anforderungen einer zur Lernfabrik verkommenen Universität und lassen sich widerspruchs- und widerstandslos zu „Kopflangern“ (Brecht) des digitalisierten Kapitals herrichten. Sie begeben sich auf ein Reise-nach-Jerusalem-Spiel um gutbezahlte Jobs und verfahren nach dem altgriechischen Motto: „Glück ist, wenn der Pfeil (der Arbeitslosigkeit) den Nebenmann trifft“. Konkurrenz und Ellenbogeneinsatz statt Solidarität und gegenseitiger Hilfe. Sie pfeifen sich leistungssteigende Medikamente rein, vergöttern Markt und Effizienz, rennen wie Somnambule hinter ihren Smartphones her und trinken auf dem Weg zur Uni einen Coffee to Go. Statt sich in den Kampf zu stürzen, jagen sie Pokémons und tanzen nach der digitalen Pfeife. Insgeheim ahnen oder wissen sie, dass sie keine Perspektiven haben. Das macht sie latent wütend und gereizt. Deswegen besaufen sie sich regelmäßig und trinken oder kiffen sich weg aus einer frustrierenden Realität. Dass sie diese ändern könnten, ist ein Gedanke, der ihnen fremd ist. Von Revolution ist bloß noch die Rede, wenn es um eine neue Geschäftsidee oder die Gründung eines Start-up-Unternehmens geht. Ihr Traum, den sie leben wollen – wie ein gängiger Werbeslogan heißt – ist ganz von dieser Welt: reich sein, Karriere machen und dabei Spaß haben.

(…)

Warum will Bachmann [Anm.: der Attentäter, der auf Dutschke geschossen hat] unbedingt jemanden erschießen, der sich zeitlebens für die Erniedrigten und Beleidigten, also für Leute wie ihn, eingesetzt hat? Um der Antwort auf diese Frage näher zu kommen, muss man die kritische Sozialpsychologie zu Rate ziehen. Das von seinen Erziehern gezüchtigte und gequälte Kind ist dennoch auf deren Wohlwollen und Zuwendung angewiesen. Es muss seine Peiniger lieben, und diese sadomasochistische Verfilzung von Quälerei und Liebe bleibt oft ein Leben lang wirksam. Die Erziehung zu Gehorsam und Unterwerfung unter Autoritäten mündet in eine „Identifikation mit dem Angreifer“, die einen Menschentyp hervorbringt, der verbissen seine eigene Knechtschaft verteidigt. Die in einem „erbärmlichen geistigen und seelischen Zustand“ gehaltenen Menschen, schrieb der junge Max Horkheimer in seinem Buch „Dämmerung“, „sind die Affen ihrer Gefängniswärter, beten die Symbole ihres Gefängnisses an und sind bereit, nicht etwa diese ihre Wärter zu überfallen, sondern den in Stücke zu reißen, der sie von ihnen befreien will“. Diesem, wenn man so will, perversen Mechanismus fielen immer wieder Revolutionäre zum Opfer – von Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Kurt Eisner, Gustav Landauer bis Rudi Dutschke.“

(ganzer Artikel: siehe Nachdenkseiten)


Foto:Rosa-Maria Rinkl/CC BY-SA 3.0/Wikimedia 

Alles in Butter: Prof. Michael Butter – Wie man tapfer feige eine wissenschaftliche Lanze bricht


Eiserne Jungfrau, aufgenommen im Folterkeller einer Burg aus dem 14. Jhdt. (CC BY Parkwaechter / nachrichtenspiegel.de)

Butter am Brot der Gedankenpolizisten

Prof. Michael Butter, ein von unseren DIN-ISO-zertifizierten Leitmedien wie Spiegel, Welt & Co. vielrezipierter Autor, der in besagten Medien unermüdlich darüber aufklärt, wie verwerflich es doch sei, „Verschwörungstheorien“ aufzustellen (siehe auch Jens Wernicke: Vorsicht, Verschwörungstheorie!), hat nun ein ganz dickes Ei gelegt und selbst ein apologetisches Grundlagenwerk wider die Ketzerei geschrieben: „Nichts ist, wie es scheint: Über Verschwörungstheorien“ (Suhrkamp Verlag, Berlin 2018).

Eines der Hauptziele von Butters publizistischen Schmähungen: Der Schweizer Friedensforscher Daniele Ganser. Bei nüchterner Betrachtung des gegenwärtigen Weltgeschehens darf man sich an dieser Stelle vielleicht einmal eine naive Frage stellen: Was bewegt einen an der Uni Tübingen angestellten Professor, in einer verhängnisvollen Zeit, in der der Weltfrieden dermaßen bedroht ist, dass uns nicht nur der scheidende Außenminister Sigmar Gabriel an der Münchner Sicherheitskonferenz MSC „am Abgrund“ sieht (Quelle: nzz) und auch das aus Nobelpreisträgern und renommierten Wissenschaftlern zusammengesetzte Gremium des Bulletin of the Atomic Scientists seine „Doomsday Clock“ gerade auf zwei Minuten vor Mitternacht, d.h. der symbolischen Apokalypse vorgestellt hat (Quelle: Spiegel), nun ausgerechnet auf einen couragierten Friedensforscher einzuschlagen, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, über die politisch-ökonomischen Hintergründe der gegenwärtigen Übelstände aufzuklären, eine neue Friedensbewegung anzuregen und damit die gnadenlos tickende Doomsday Clock, kurz bevor endgültig der Kuckuck herausschnellt und „Game Over“ verkündet, womöglich doch noch anzuhalten? Wären wir in solch unheilsschwangerer Zeit, in der unsere Leitmedien mit bisher ungekannter Leichtfertigkeit über die Möglichkeit eines nuklearen Schlagabtauschs zwischen NATO und Russland, also über ein Game Over für uns alle sprechen, nicht besser beraten, wenn wir zusammenhalten, anstatt uns in akademischen Grabenkämpfen gegenseitig aufzureiben?

Denn leider haben publizistische Affronts wie die von Michael Butter einen unangenehmen Schneeballeffekt: Es ist nicht nur die Lebenszeit eines möglicherweise gelangweilten Professors aus Tübingen, die durch solche Dispute fruchtlos in den Sand gesetzt wird, auch ein Teil der Arbeitszeit von Daniele Ganser und vielen anderen Menschen der Friedensbewegung ist jetzt damit gebunden, da man sich nun mit Butters Angriffen auseinandersetzen, Erwiderungen schreiben, Behauptungen mit entsprechenden Quellenangaben widerlegen muss etc. – wer schon selbst einmal eine akademische Arbeit verfasst hat, der weiß, wieviel Kapazität damit okkupiert wird und wie geschlaucht man sich oft fühlt, nachdem man alle dokumentierten Sachverhalte gemäß den herrschenden Zitierregeln mit Quellenangaben versehen und in einen im akademischen Diskurs akzeptierten Kontext gestellt hat. – Zeit und Kapazität, die man in der Friedensbewegung angesichts der vielen Brandherde, die derzeit auflodern, eigentlich für wesentlich dringendere Arbeitsaufgaben bräuchte, um das Schlimmste zu verhindern.

Wie dem auch sei: Exerzieren wir das gegenwärtige Malheur ruhig einmal exemplarisch durch, auch wenn wir mit unserer knapp bemessenen Zeit Besseres anzufangen wüssten. Da uns der Fehdehandschuh nun mal bereits hingeworfen wurde, dann heben wir ihn eben auf und betrachten, aus welchem Stoff er eigentlich gewoben ist. – Vielleicht löst sich mit dem, was wir anhand dieses eigentlich unwichtigen, aber symptomatischen Falles erkennen können, ja ein fundamentaler gordischer Knoten, an dem die Welt derzeit fast zu ersticken droht.  Stricken wir also die Ärmel hoch, knipsen wir die Stirnlampe an und machen wir uns ans Werk: Wer ist der akademische Ritter, der aktuell eine Lanze gegen Ganser und gegen „Verschwörungstheorien“ bricht?

„Ein deutscher Amerikanist“ …

In einem einzeiligen Wikipedia-Eintrag erfährt man über Michael Butter nicht mehr, als dass er „ein deutscher Amerikanist ist“. Nun, eventuell finden sich demnächst einige Freunde der amerikanistischen Zunft, die seinen mageren Wikipedia-Eintrag um ein paar weitere Lorbeerkränze und Verdienstorden auffetten, aber vielleicht ist mit dem derzeitigen Einzeiler auch wirklich schon alles gesagt, was es über seine Person zu wissen gilt.

Butters neues Buch soll nach eigenem Bekunden „mit Mythen aufräumen … und zu einem besseren Verständnis des Phänomens beitragen, indem es die Grundlagen, Funktionen, Effekte und die Geschichte verschwörungstheoretischen Denkens vorstellt“. In Anleihe an diejenige Framing-Technik, die der Kognitionsforscher Rainer Mausfeld als „mentale Vergiftung“ bezeichnet, wird der Historiker Daniele Ganser hierbei in eine Reihe neben Alex Jones, Reptiloiden-Theorien und sonstigen ufoesken Ansichten gestellt und als „bekanntester Verschwörungstheoretiker des deutschsprachigen Raums“ bezeichnet. In seinem Buch deutet Butter des Weiteren an, dass Ganser wohl aus finanziellen Motiven Verschwörungstheorien verbreite.

Die Gilde der Gwup/Psiram-Schreiberlinge wird nun frohlocken: Mussten sie ihre auf Daniele Ganser gerichteten Giftpfeile bisher immer aus dem Off der Anonymität abschießen, so haben sie nun eine akademisch akkreditierte, zitierfähige Quelle zur Verfügung. Die Aussage, dass Ganser „ein Verschwörungstheoretiker ist“, entstammt nun nicht mehr nur irgendwelchen Trollen und digitalen Schlägertrupps aus dem Dunstkreis der Psiram-/Skeptiker-Bewegung, die auf zwielichtigen, in Panama und Hongkong lokalisierten Servern ihr Unwesen treiben, sondern dieses Etikett wird der Fachwelt nun in zitierfähigem Normformat von einer wissenschaftlich anerkannten Autorität am digitalen Tablet serviert: von einem Professor an der Universität Tübingen, also einem in der akademischen Hierarchie oberhalb des nur mit der Doktorwürde versehenen Ketzers Ganser rangierenden Würdenträger – über dessen Verdikt sich damit auch alle Zweifel erübrigen sollten. In der Folge kann Professor Butters Butter nun von dem bereits durch Markus Fiedler in seiner Reportage „Zensur“ erläuterten Skeptiker-Netzwerk auf Wikipedia & Co. hundertfach rezipiert und als Teil der „anerkannten wissenschaftlichen Lehre“ ausgewiesen werden. Mit anderen Worten: unzählige trockene Brote werden nun mit der akademischen Butter von Prof. Butter bestrichen werden. Dank der professoralen Butter als Deckschicht ist der unbedarfte Konsument, der noch nie etwas von Ganser & sonstigen alternativen Denkern gehört hat, geneigt, in die akademischen Brötchen der Gegenaufklärer hineinzubeißen, nicht ahnend, dass diese womöglich arg verschimmelt und daher eigentlich ungenießbar sind.

(K)ein Witz

Vor Kurzem habe ich am Marktplatz einen Witz aufgeschnappt: >> Sagt ein Schaf zum anderen: „Du, ich hab‘ gehört, wir werden nächstes Jahr alle geschlachtet.“ – Milde lächelnde Antwort des anderen Schafs: „Aber geh‘, das ist bestimmt eine Verschwörungstheorie!“ <<

Sollte in Zukunft wieder einmal ein Whistleblower ein internes Memo wie dasjenige von NATO-General Wesley Clark veröffentlichen, in dem von einer bis dato noch nicht festzumachenden Instanz aus dem oberen Bürogeschoss der Auftrag erging, „innerhalb von fünf Jahren sieben Länder zu zerstören: beginnend mit Irak, dann Syrien, Libanon, Libyen, Somalia, Sudan und zuletzt den Iran“ (Quelle: Democracy Now/Youtube), dann wird dies beim skeptisch aufgeklärten Bürger in Zukunft womöglich nicht mehr die Alarmglocken zum Läuten bringen, sondern nur noch ein müdes Lächeln hervorrufen: „Aber geh‘, das ist nur eine blöde Verschwörungstheorie.“

Auch über diejenigen grauen Eminenzen, über die unsere Bundeskanzlerin immer nur kryptisch als „unsere verlässlichen Freunde“ spricht und denen sie so blind vertraut, dass diese nicht nur die private Kommunikation des Fußvolks, sondern auch ihr eigenes Telefon lückenlos überwachen dürfen, sollte man nicht unnötig Fragen stellen. Wie meinte schon Kater Carlo, als ihm die detektivische Mickey Maus bei seinen im Schutze der Nacht durchgeführten Coups auf die Schliche kam: „Schnüffeln ist aller Laster Anfang.“

Im Schutze der Nacht und unter Ausschluss der Öffentlichkeit durften sich besagte „verlässlichen Freunde“ daher vor einigen Wochen auch zusammenfinden, um nichts weniger zu planen als eine gezielte Zerschlagung Syriens (siehe Bericht in Rubikon) – Ein entsprechendes Protokoll von Benjamin Norman, einem für die Politik des Mittleren Ostens zuständigen Diplomaten der britischen Botschaft in Washington wurde von einem Whistleblower der libanesischen Tageszeitung Al Akhbar zugespielt. Der Inhalt dieses Protokolls entlarvt nicht nur einen menschenverachtenden Bruch des Völkerrechts, das Sabotieren des Friedensprozesses von Sochi und die Instrumentalisierung der UNO sowie der Genfer Syriengespräche durch die sogenannte „Small American Group on Syria“ (USA, Großbritannien, Frankreich, Saudi-Arabien und Jordanien), sondern lässt vor allem tief in die Abgründe einer kriminellen Energie blicken, mit der hinter den Kulissen das Schicksal ganzer Länder ökonomischen Interessen und geostrategischen Plänen geopfert wird. Die alternative Nachrichtenplattform Rubikon und die FB-Seite von Daniele Ganser waren zunächst die einzigen, die dieses brisante Protokoll zu veröffentlichen wagten. Alle anderen Journalisten in der stolzen Landschaft der deutschen „Qualitätsmedien“ guckten betreten zur Seite, obwohl das transatlantische Dokument nun für jedermann verfügbar war. Auch von Seiten der Zunft der an unseren Universitäten habilitierten „deutschen Amerikanisten“ – herrscht Funkstille.

Was, wenn in den Kellern und verspiegelten Hochhäusern derjenigen grauen Eminenzen, von denen uns NATO-General Wesley Clark erzählt, nicht nur detaillierte Pläne über die neoliberale Neugestaltung von Syrien und den Nahen Osten, sondern ebenso über das Schicksal Deutschlands und die zukünftige politische, wirtschaftliche und demografisch-ethnische Gestaltung Europas existieren, zu deren Absegnung auf demokratischem Wege die Bevölkerung niemals bereit wäre? – Eine wilde Verschwörungstheorie? Wo solche Pläne von gewichtigen US Thinktanks wie CFR, PNAC, STRATFOR & Co. doch mittlerweile bereits ganz unverblümt publiziert wurden (siehe Nachrichtenspiegel)? Dass den Denkpanzergenerälen hierbei von der Zukunft Europas nicht das Bild einer friedlichen Insel der Humanität und der Sozialdemokratie vorschwebt, sondern dass ihnen ein mit Russland zerstrittenes, durch kriegerische Konflikte und Terror gezeichnetes Europa im neoliberalen Zeitalter als zeitgemäßer erscheint (Quelle: Chicago Council on Global Affairs / siehe Kurzfassung via Youtube)? – Nein, leider keine Verschwörungstheorie eines psychopathischen Spinners, sondern der nüchterne Report eines der einflussreichsten US Strategen und Politikwissenschaftlers George Friedman, der nicht nur Kommandeure der US-Streitkräfte eigenhändig ausgebildet hat, sondern dessen Thinktank-Organisation STRATFOR laut New York Times weltweit über 4.000 Unternehmen, Personen und Regierungen berät, darunter das US-Außenministerium, Monsanto, Microsoft, Lockheed Martin und die Bank of America. – Vom Tübinger Institut für Amerikanistik wiederum: Kein Kommentar, alles in Butter.

Würden all die Verschwörungstheorien, die in diesen Kreisen abseits der demokratischen Meinungsbildung ausgedacht werden, bloße Theorien bleiben, dann könnte man sich ja in der Tat gemeinsam mit Professor Butter gemütlich aufs Sofa zurücklehnen und süffisant über solche Gehirngespinste lächeln. Blöd nur, dass diese Pläne, über die man sich sogar in der transatlantisch orientierten Redaktion des Spiegel fassungslos gab (siehe Spiegel) und die auch der US Präsidentenberater Brzezinski in seinem Buch „Die einzige Weltmacht“ relativ detailliert darlegt, nun sukzessive in der Realität ihre Verwirklichung finden, sogar mit erstaunlich akkuratem Zeitplan. Aber wer im derzeitigen Weltgeschehen unlautere Absichten vermutet, macht sich ja in Wirklichkeit nur lächerlich – wo doch heute jeder weiß, dass es die unsichtbare Hand des Marktes ist, die alles regelt.

„Sapere aude!“ („Wage es, weise zu sein!“) lautete einmal die Losung der Aufklärung, die gerade bei lebendigem Leibe zu Grabe getragen werden soll.  Dass die postfaktischen Totengräber der Aufklärung nun sogar die Chuzpe haben, sich selbst als Aufklärer zu präsentieren, setzt der grotesken Szenerie noch das Sahnehäubchen auf. Aber egal ob man darüber lachen oder weinen möchte, das „Sapere aude“ scheint ausgedient zu haben. Wozu auch sich selbst seines Verstandes zu bedienen, wo es doch heute Experten gibt, die alle Fachgebiete auf akademischem Niveau „beherrschen“? (siehe auch Nachrichtenspiegel: „Warum überhaupt noch denken?“)

Was aber, wenn in der Gilde der herrschenden Lehre gähnende geistige Leere herrscht, so wie uns das in einem köstlichen Essay der nzz nahegelegt wird: siehe „Das Gastmahl der Geistlosen“– in dieser Betrachtung verortet der Jurist Milosz Matuschek ein „akademisch zertifiziertes, aber intellektuell desinteressiertes Diplom-Proletariat aus Ärzten, Juristen, Lehrern, Bankern und Ingenieuren“, das den klassischen Bildungsbürger abgelöst hat und „uns in einen Zustand der Wohlstandsbehinderung hineinpäppelt“. Das Gesprächsniveau in solcher Gesellschaft verhalte sich laut Matuschek oft indirekt proportional zur Höhe des Durchschnittseinkommens. Nun, darf es uns dann wundern, wenn die ehrenwerten akademischen Ritter, die in dieser Gesellschaft sitzen, sich weniger dem Interesse des gemeinen Bürgers verpflichtet fühlen, sondern sehr viel lukrativeren Interessen nachgehen (siehe z.B. Noam Chomsky: „Die Wachhunde der Machtelite“ oder Christian Kreiß: “Missbrauchte Wissenschaft“)? Das Menü bei diesem Gastmahl der Geistlosen ist bei aller Fortschrittlichkeit, zu der sich die Ritter der Tafelrunde bekennen, allerdings ein altbekanntes:

Das Tagesmenü: Aufgewärmte Naphtalin-Kugeln aus Heinrich Kramers Mottenkiste

„Verschwörungstheoretiker“ – eigentlich ein läppisches Wort, das mittlerweile etwas abgewetzt ist, nach Einschätzung des Publizisten Mathias Bröckers jedoch auf der nach unten offenen Denunziations- und Diffamierungsskala weiterhin nur knapp über „Kinderschänder“ rangiert und daher ein genuines Mittel ist, um diejenigen Personen, die man mit diesem Etikett belegt, zu ächten. Wie einem historischen Memo der CIA zu entnehmen, ist dieses Schmähwort ein gezielt zum Zwecke tendenziöser Meinungsmache erschaffenes Konstrukt, um seinerzeit Kritiker der offiziellen Version der Ermordung Kennedys zu diffamieren. Obwohl über die „Markteinführung“  dieses Wortes 1967 bereits hinreichend aufgeklärt wurde, hat es seine Wirksamkeit auch im 21. Jahrhundert noch nicht ganz verloren und dient heute weiterhin dazu, um unliebsame Stimmen zum Schweigen zu bringen. Die Anwender dieses Keulenbegriffs bauen dabei weniger auf die – nicht vorhandene – Substanz dieses Wortes, sondern auf einen schlichten psychologischen Mechanismus: Niemand möchte gerne geächtet sein und die meisten Bürger wollen auch nicht mit gebrandmarkten, an den Rand gedrängten Personen der Gesellschaft zu tun haben. Da dieses, eigentlich genuin kirchlich-inquisitorische Dogma („Gut ist, wer sich der herrschenden Lehre/Macht anschließt, böse und verdammenswert ist derjenige, der sich gegenüber dieser Macht selbständig macht“) immer noch nicht gesprengt wurde, kann es weiterhin wirksam sein – was von den Spindoktoren der herrschenden Lehre auch weidlich ausgenutzt wird.

Der Affront von Professor Butter erfolgt akkordiert mit Angriffen gegen Daniele Ganser in mehreren Schweizer Tageszeitungen. Darin wird Ganser mit weiteren diffusen Begriffen wie „Verschwörungsmystiker, Guru, Sekte“ etc. belegt. – Begriffe, die in Wirklichkeit nicht das geringste über eine Sache oder eine Person aussagen, sondern die ganz im Gegenteil einer bloßen Vernebelung dienen, um sich mit einem Sachverhalt bzw. mit dem, was eine Person zu sagen hätte, gar nicht erst auseinandersetzen zu müssen.

Man könnte heute in Zeiten einer verfassungsmäßig verbrieften Meinungs-, Glaubens- und Gewissensfreiheit über solche Diffamierungsbegriffe lachen. Nur leider waren es ebensolche Begriffe, welche in der Geschichte schon bisher die Legitimationsbasis für die allergrößten Verbrechen gebildet haben – sind solche Begriffe doch ein genuines Mittel, um andersdenkenden Mensch quasi das Persönlichkeitsrecht abzusprechen und sie für vogelfrei zu erklären. Genauso wie es im Mittelalter ausgereicht hat, jemanden als „Ketzer“ oder als „Hexe“ zu bezeichnen oder in der McCarthy-Zeit als „Kommunisten“, um ihn auszugrenzen und existenziell zu vernichten, so wird mit diversen Synonymen auch heute noch die Diffamierungskeule geschwungen. Ein inhaltlicher Diskurs mit dem, was diese „Ketzer“ wirklich zu sagen hätten, wird dadurch vermieden. – Auf diese Weise hat sich die Gesellschaft schon bisher um ihre wertvollsten Köpfe gebracht. Vielleicht ist das Verbrennen der Ketzer bzw. das Ausmerzen alternativer Denker auch der schlichte Grund, warum wir heute vor schier unlösbaren globalen Problemen und lt. Sigmar Gabriel sogar „am Abgrund“ stehen (Quelle: nzz). Ein unangenehmer Verdacht drängt sich auf: Die allerortens prädominierende Geistlosigkeit (siehe nzz: „Gastmahl der Geistlosen“) und scheinbare Alternativlosigkeit – sind diese womöglich allesamt nur eine Konsequenz unserer akademischen Arroganz und einer chronifizierten Ignoranz?

Der Hexenhammer 4.0

Wie dem auch sei, wie es scheint, sind gewichtige Vertreter unserer akademischen Intelligenzia gewillt, den Marsch in den Grand Canyon unbeirrt fortzusetzen, obwohl dessen gähnender Abgrund bereits für uns alle in Sichtweite ist. Der streng wissenschaftlichen Fachwelt liegt mit dem Grundlagenwerk von Professor Butter zum Thema „Verschwörungstheorien“ also nun eine Art Hexenhammer 4.0 vor, um alternative Denker plattzumachen. Der „Hexenhammer“ war ja schon im Mittelater ein von der herrschenden Lehrmeinung herausgegebenes probates Mittel, um die allerorts treibenden Blüten der Häretiker und Hexen wieder einzustampfen bzw. dem Scheiterhaufen zuzuführen. Der Inhalt des Hexenhammers lässt sich verkürzt in dem historischen Zitat „Alle Zauberei sollst Du töten!“ wiedergeben – ein Imperativ, der in der Folge von einem ein Heer an Inquisitoren und ihren exekutiven Schergen auch mit eifriger Akribie befolgt wurde. Auszug aus ARD-Enzyklopädie/planet-wissen.de:

„Es gilt als eines der verheerendsten Bücher der Weltliteratur und hat Tausenden von Menschen den Tod gebracht: Der „Hexenhammer“ des Dominikanermönchs Heinrich Kramer. Von seiner ersten Auflage im Jahr 1487 an ist das Buch ein mächtiges Instrument für die Inquisitoren. Es legitimiert die Hexenverfolgungen durch den Papst und dient als Anleitung zur Überführung und Verurteilung von vermeintlichen Hexen (… ) Auch Kritik am „Hexenhammer“ kann zu jener Zeit überaus gefährlich sein, werden doch im „Hexenhammer“ auch mögliche Beschützer der Hexen als Ketzer bezeichnet. Sie sollten den gleichen Verfahren ausgesetzt werden wie die Hexen.“

Zurück aber aus dem dunklen Mittelalter in unsere helle, LED-beleuchtete Gegenwart. Ketzern und Hexen mit glühenden Zangen, Daumenschrauben und eisernen Jungfrauen zu Leibe rücken, nein, das geht in unserer politisch korrekten, gentrifizierten Zeit gar nicht mehr – gäbe üblen Schmorgeruch und gellende Schreie, die heute jeder Anrainer der wissenschaftlichen Hochburgen mit seinem Smartphone aufzeichnen und per Knopfdruck via Youtube ins Licht der Öffentlichkeit stellen könnte. In Zeiten von Industrie 4.0 braucht es heute ein wesentlich smarteres Vorgehen, um von der herrschenden Lehre abweichende Meinungen auf Linie zu bringen.

Wobei sich solche smarte soft power und „Governance“-Knigge hinsichtlich ihrer Abschreckungswirkung im Übrigen als wesentlich effektiver erweisen als archaische Gewalt, die in der Geschichte dann ja doch immer zu einer Revolution gegen die Obrigkeit geführt hat. Und eine Revolution gegen die herrschende – von Jean Ziegler als kannibalisch bezeichnete – Lehre können die amtierenden Polit- und Wirtschaftsmächte heute am allerwenigsten gebrauchen, dazu laufen ihre Geschäfte einfach zu gut. – Wie Noam Chomsky feststellt, gibt es heute im Parlament zwar Demokraten, Republikaner etc., aber in Wirklichkeit nur eine einzige Partei: „Die Partei des Business“.

Um Abweichler dieses gut eingespielten Business wieder zur Räson zu bringen, braucht es heute in einer perfekt vernetzten Wissenschafts- und Medienwelt keinen Hexenhammer und keine Folterwerkzeuge mehr – eine bloße Tastatur und einige Mausklicks reichen aus. Sofern man eine akkreditierte akademische Signatur daruntersetzt, kann man mit den Buchstaben, die man in diese Tastatur hämmert und damit in die Welt setzt, bei anderen Menschen und sogar in ganzen Ländern und Kontinenten mitunter gewaltige Verwerfungen bewirken (siehe z.B. Essay von Dirk C. Fleck „Wenn die Fetzen fliegen“), ohne dass man sich bei dieser gleichermaßen ehrenwerten wie hochdotierten Arbeit sein weißes Hemd bekleckert.

Jeder Ansatz von Aufbegehren gegen die anerkannte, „streng wissenschaftliche“ Lehre kann auf diese Weise im Handumdrehen befriedet werden. Friedensmission nennt man so etwas. Die neuzeitlichen digitalen Ritter, die man auf das Schlachtfeld dieser Friedensmission schickt, stattet man gegebenenfalls auch noch mit einem „robusten Mandat“ aus – sie sollen schon klotzen, nicht nur kleckern dürfen, wenn sie erfolgreich ihre Lanze für die allein seligmachende herrschende Lehre brechen sollen. Jüngst hat ein solcher unbeirrter Ritter also wieder eine Lanze gebrochen und sich dabei selbst um Kopf und Kragen geschrieben.

In der Arena

Der Ritter: Der eingangs erwähnte Michael Butter – seines Zeichens Freiherr und Fahnenträger des mit der kaiserlichen Bulle ausgestatten Ritterordens der „deutschen Amerikanisten“ (Wikipedia), einem mittlerweile säkularisierten Orden, der den hehren ritterlichen Tugenden der Tempelritter schon längst abgeschworen hat und sich stattdessen lieber auf handfeste Werte ausgerichtet hat. Böse Zungen, die diese Art von Rittern als Raubritter bezeichnen, werden von umsichtigen Ordnungshütern umgehend von der Bühne entfernt und auf die mediale Streckbank gespannt.

Der längst überfällige Ketzer, dem die szientistische Lanze diesmal in den Leib gerammt werden soll: Daniele Ganser. Es war auch höchste Zeit, dass diesem unerhörten Sektierer (von lat. secta: abgespaltene Lehrrichtung; also: einer, der sich von der herrschenden Meinung emanzipiert hat und individuelle Wege geht) das Handwerk gelegt wird, schließlich war er gerade drauf und dran, eine ganze Generation junger Menschen wachzurütteln und dazu zu bewegen, in einer Welt, die laut dem bereits erwähnten Bulletin of the Atomic Scientists „zwei Minuten vor Mitternacht“, d.h. dem symbolischen Weltuntergang steht, in letzter Minute doch noch den Zeiger anzuhalten. Ganser geht es dabei nicht um oberflächliche Kontroversen, mit denen sich zeitgenössische Nerds die Nächte um die Ohren schlagen wie z.B. die Frage, ob nun Microsoft oder Linux das bessere Betriebssystem ist, um darauf dann Powerpoint und Call of Duty laufen zu lassen. Nein, Ganser stellt Powerpoint und den Call of Duty bzw. das von Jean Ziegler als „kannibalisch“ bezeichnete Betriebssystem an sich in Frage! Er fordert nämlich nichts weniger, als das neoliberal-transatlantische Business auf ein humanes Betriebssystem umzustellen – Welch Häresie! Welch Vermessenheit! Welch verwerfliche Irrlehre! Mein Gott, Walter/Heinrich Kramer, steh‘ uns bei! … schick‘ uns Deinen Hexenhammer!

Eile ist nun dringend geboten, schließlich sprengen Gansers Videovorträge auf Youtube bereits die Millionenmarken, seine quer in Europa gehaltenen Vorträge sind restlos ausgebucht, Ganser-Bücher wie „Illegale Kriege“ avancieren zu Bestsellern und alle Versuche zum Mundtotmachen haben bisher nur ein umso größeres Interesse an dem bewirkt, was der eloquente Schweizer zu sagen hat. Manche rechnen ihm sogar eine historisch größere Bedeutung zu als Robin Hood oder William Wallace, man nennt ihn bereits den neuen „Wilhelm Tell aus den Schweizer Bergen“, die Rubikon-Autorin Christiane Borowy bezeichnet ihn als „das schärfste Schwert, das die Schweizer Friedensforschung zu bieten hat“:

„Der Historiker Daniele Ganser ist das schärfste Schwert, das die Schweizer Friedensforschung zu bieten hat. Präzise zerschlägt er mit seinen aufklärerischen Büchern und Vorträgen politische Narrative — und zieht damit den Hass von Kriegsbefürwortern und deren medialer Gefolgschaft auf sich.“ (siehe Rubikon 1)

Eine schnöde Erklärung

In einem weiteren Beitrag auf Rubikon versucht Conrad Knittel das Machwerk von Professor Butter aufzuarbeiten (siehe Rubikon 2), widerlegt die Vorwürfe Punkt für Punkt und zeigt auf, wie Butters Lanzenstöße Richtung Daniele Ganser eigentlich ins Leere gehen. Butters Ausritt ist in Wirklichkeit aber nicht der einzige Lanzenstoß in Richtung alternativer Denker. In unseren Qualitätsmedien kommen einem ähnliche, teilweise noch deutlich aggressivere Bekundungen samt „Bekenntnissen“ der Autoren zur herrschenden wissenschaftlichen Lehre derzeit in geradezu inflationärer Weise entgegen.

Was intelligente Menschen dazu treibt, solche Pamphlete zu verfassen, fragen sich in diversen Foren gerade viele unbedarfte Leser, die bisher an die herrschende Wissenschaft und ihr Versprechen der Aufklärung geglaubt haben. Wo doch unsere Zeit heute so knapp ist und es so viel Wichtiges und Schönes zu tun gäbe, warum dann mit solch zähneknirschender Vehemenz Bücher in einen bereits übersättigten Markt pressen, in denen andere Personen, die sich ganz offensichtlich redlich bemühen, diffamiert werden?

Nun, um nicht noch weiter abzuschweifen, erlaube ich mir diese Frage an dieser Stelle einmal ganz unverblümt und schnöde zu beantworten:

Wie sollen akademische Würdenträger denn sonst ihre Würde und ihr Selbstbewusstsein aufrechterhalten, wenn sie es selbst nicht wagen, für Wahrheit, Frieden und Humanität das Wort zu ergreifen, sondern sich stattdessen feige in den Windschatten einer inzwischen monströsen Lügen-/Manipulationsmaschinerie der herrschenden Meinung und ihrer medialen Claqueure stellen und lieber demjenigen System dienen, das Jean Ziegler als „kannibalisch“ bezeichnet?

Solche Professoren, die eigentlich das Privileg einer erstklassigen Bildung im kulturell reichen Herzen Mitteleuropas und dazu noch Wohlstand und die Sicherheit eines pragmatisierten Berufsstands besäßen … und deren intellektuelle Kapazität die in Brand gesetzte und in vielerlei Hinsicht aus dem Gleichgewicht geratene zeitgenössische Welt dringend bräuchte – wie sollen sie ihr eigenes Versagen sonst rechtfertigen? Entweder sie gingen zerknirscht in eine Eremitage in den Wald (wo ihnen aber der gewohnte Zustrom an Anerkennung durch ihre Kollegen aus dem „wissenschaftlichen“ Diskurs verlustig ginge und damit auch ihr Selbstbewusstsein und ihre Lebensfreude) – oder sie müssen eben auf Andere, die das wagen, was sie selbst nicht wagen, eindreschen und versuchen, dasjenige, was für einen der Aufklärung verpflichteten Menschen eigentlich das Normalste auf der Welt wäre (herrschende Narrative zu hinterfragen, sich der Wahrheit verpflichtet fühlen und neue Wege zu gehen), als „nicht normal“ zu diskreditieren.

Denn das Eingeständnis, als renommierter Exponent der Wissenschaft eigentlich eine Nichtwissenwollenschaft zu verkörpern, würde wohl umgehend zu einem Kollaps der eigenen intellektuellen Großartigkeit führen.

Nachsatz:

Mit diesem wieder einmal viel zu lang gewordenen Aufsatz verabschiede ich mich dann auch schon wieder aus dem Feld der Amerikanistik, in dem ich schnöder Maschinenbautechniker in Wirklichkeit blutiger Laie bin und das ich daher lieber versierten und akademisch akkreditierten Experten wie Prof. Butter überlasse. Damit mich an dieser Stelle niemand falsch versteht: Als Techniker bin ich vielzusehr Pragmatiker, als dass ich die Logik von Prof. Butter & Konsorten nicht nachvollziehen könnte. Wenn ich in einem Auto sitze, in dem der Motor aufgrund eines Kühlerschadens völlig überhitzt ist und kurz vorm Kolbenreiber steht, was mache ich dann mit dem rot blinkenden Warnlämpchen, das mich auf diesen Umstand aufmerksam macht? – Ja, genau: Ich schraube es aus dem Armaturenbrett heraus und werfe es bei voller Fahrt aus dem Fenster, das nervig piepsende Teil.

Wer hat heute schon Zeit zum Anhalten, wenn er mit 130 km/h auf der Autobahn mit Verspätung zum nächsten Meeting unterwegs ist und sich ranhalten muss, wenn er außerdem noch rechtzeitig zum abendlichen Endspiel der Champions-League vor seinem 4K-extended-Ultra-HD-Smart-TV sitzen möchte?

 


zum Thema „Wissenschaft und ihre Wächter“ siehe auch zwei lesenswerte Essays von Matthias Burchardt:

“March for Science – Dead Men Walking”

“Terror und Technokratie”

sowie eine Rezension zu Noam Chomsky:

„Die Wachhunde der Machtelite“

Netzfrauen am Scheiterhaufen – Über den Frevel des ‚Alarmismus‘ und seine unbarmherzige Ausrottung


Bild: PD

Immer öfter höre ich von „ganz normalen“ Menschen, die ich sehr schätze – Büroangestellten, Friseurinnen, Handwerkern -, dass sie neuerdings keine Nachrichten mehr lesen. Der Grund dafür sei, dass sie es schlichtweg nicht mehr ertragen, was derzeit in der Welt so abläuft und ihnen das Gelesene Angst mache.

Obwohl ich es zutiefst dramatisch finde, dass Menschen gerade jetzt, wo es auf jeden einzelnen wachen Kopf ankommt, geneigt sind, einfach abzuschalten, so kann ich es doch nachvollziehen. Auch ich merke im Umgang mit Nachrichten einen deutlichen Unterschied zu früher: Begegnete ich beim Sichten des Nachrichtenpotpourris noch vor wenigen Jahren noch ein bis zwei abgründigen Tendenzen pro Woche, von denen ich meinte, dass man diese unbedingt im Auge behalten sollte, da sie sonst gewaltig ins Auge gehen könnten, so geht es mir heute mit fast jeder einzelnen Nachrichtenmeldung so. Man könnte meinen, der nackte Wahnsinn wurde mittlerweile zur Normalität erklärt und lacht uns von allen Seiten an. Nicht nur Umweltzerstörung und Artensterben schreiten in rasendem Tempo voran, auch unsere mühsam über die Jahrhunderte errungenen Grundrechte werden quasi über Nacht abgeholzt (siehe „Die Maasmännchen haben übernommen“), die Chefkonstrukteure des CIA-/NSA-Überwachungsnetzwerks warnen in einem offenen Brief: „Wir errichten gerade schlüsselfertige Tyranneien!“

So nebenbei legen unsere Großmächte wieder die atomare Karte auf den Tisch. Mit bisher unbekannter Leichtfertigkeit wird über die Möglichkeit eines atomaren Erstschlags diskutiert (siehe dazu einen Kommentar des ehemaligen Welt-Journalisten Dirk C. Fleck: „Wenn die Fetzen fliegen“). Michail Gorbatschow warnt, dass wir die nächsten Jahre nicht überleben werden, wenn wir die NATO-Konfrontation an der Grenze zu  Russland nicht entschärfen. Unsere DIN-ISO zertifizierten und transatlantisch vernetzten Leitmedien haben damit kein Problem, sondern plädieren für noch mehr Konfrontation und „Abschreckung“. Eifrig kritisiert werden von besagten Leitmedien hingegen Friedensaktivisten, „Sozialromantiker“ und „Querfrontler“.

Während wir also am Rande des Abgrunds tanzen und gerade wieder in den alljährlichen Oktoberfesttaumel einmünden, ist vor allem eines verpönt: Personen, die Alarmismus verbreiten wie z.B. die Netzfrauen, die mit Ende Juli nun aufgegeben und ihre beliebte Facebook-Seite mit über 200.000 Abonnenten eingestellt haben (siehe auch epochtimes). Ja, wirklich … „Alarmismus“, das ist heute in der Tat das neue Hexentum – wenn wir ihn nicht rechtzeitig verbrennen, wie soll man sich als fortschrittlicher Bürger dann angesichts der derzeitigen globalen Situation noch abends in Ruhe vorm Flachbildschirm sein Bier schmecken lassen?

Dass sich unser bisheriges Träumen mittlerweile ins Alptraumhafte gesteigert hat und unsere schon etwas ergrauten Young Leaders die schwarzen Tore geöffnet haben, durch die wir Wohlstandsbürger schon morgen alles verlieren können, tut der Sehnsucht nach wohligem Eingebettetsein in Zuckerwatte keinen Abbruch. Anstatt auf die Realität hinzusehen und zum Not-Wendigen der griechischen Stoiker aufzuwachen, blasen wir lieber zur fröhlichen Hexenjagd – wobei der Historiker Daniele Ganser ja bereits festgestellt hat, wer im Mittelalter als Hexe gegolten hat: jede Frau, die zuviel Wissen besaß – und damit der herrschenden, patriarchalen Meinung gefährlich war.

Auch den Netzfrauen ist ihr umfangreiches Wissen nun zum Verhängnis geworden. Sie hatten ein weltweites Netz aus Freunden, investigativen Journalisten und Aktivisten aufgebaut, deckten Umweltskandale auf, beleuchteten die Geschäfte von Chemie- und Pharmalobbies  und waren Menschrechtsverletzungen ebenso auf der Spur wie Tierquälereien. Ihr Motto: „Was eine nicht schafft, schaffen viele“. Höchste Zeit also, gegen solch umtriebige Frauen der Spezies ‚mutter courage‘ etwas zu unternehmen, sonst macht ihr Beispiel womöglich Furore und die Zivilgesellschaft schafft etwas, was der Einzelne nicht schafft. Die Schergen, die die Drecksarbeit erledigen und die Frauen auf den medialen Scheiterhaufen befördern, waren wie gewohnt schnell zur Hand. Nicht nur die Welt steuerte einen vernichtenden Artikel bei, in dem die Netzfrauen als „alarmistisches Hetzportal“ und als „Hetzfrauen“ denunziert werden (besonders verwerflich hierbei der Vorwurf: ihr unablässiges Hetzen „gegen die Pharmaindustrie und andere große Konzerne, allen voran Monsanto“). Ausschlaggebend für das Aufgeben der Netzfrauen waren aber wieder einmal die üblichen Verdächtigen: Die erbarmungslosen Großinquisitoren samt ihrem Rudel an Hobbydenunzianten aus dem Dunstkreis der Skeptiker-/Psiram-Bewegung, die den Netzfrauen das Leben insbesondere im letzten Jahr so zur Hölle gemacht haben, sodass die z.T. schon älteren Damen fortwährend mit Abmahnungen wegen angeblicher Urheberrechtsverletzungen, Hohn- und Drohschreiben, persönlichen Angriffen und Anwaltsschreiben beschäftigt waren.

Auf einer Vielzahl an Skeptiker-Blogs wurden die Netzfrauen persönlich bloßgestellt und mit z.T. satirisch verunstalteten Fotos an den Pranger gestellt. D. Schreier, die Gründerin der Netzfrauen, wurde für den Satire-Preis „Die lockere Schraube“ nominiert (siehe dielockereschraube.de), einer weiteren Plattform zur Bekämpfung „unwissenschaftlicher“ Meinungen, deren Betreiber sich laut eigenem Bekunden der Skeptiker-Bewegung zugehörig fühlen (siehe auch „Das Goldene Brett vorm Kopf – Über GWUP-Pastafaris, die neue Aluhut-Inquisition und neoliberale Arschlöcher wie mich“).

Aus dem Abschiedsschreiben der Netzfrauen:

„Liebe Fans, Follower, liebe Leserinnen und Leser.
Wir haben Sie informiert, dass wir seit letztem Jahr extrem von einer Gruppe tyrannisiert werden. Man droht, uns finanziell zu schaden, wie man auf unserer Webseite nachlesen kann.
Allein schon, dass wir Sie informiert haben, reichte wieder mal aus, uns mit Abmahnungen zu drohen. Uns war nicht bekannt, dass es eine Straftat ist, etwas zu hinterfragen und dann auch noch zu veröffentlichen.
(…)
Es ist uns aber zu mühselig, unsere Zeit mit Anwälten zu verbringen, oder immer wieder erklären zu müssen, woher wir Quellen, Bildmaterial u. s. w. haben, wenn doch alles in unseren Artikeln steht.

Als wir 2013 gebeten wurden, weiter zu schreiben, haben wir es getan … Doch jetzt ist Schluss. Wir wollten eine bessere Welt für unsere Kinder und Enkelkinder, aber jetzt sind auch diese in Gefahr, denn wie heißt es in der Drohung auf unserer Webseite, dass man auch vor denen nicht halt machen wird.

Wir haben unser Haushaltsgeld in die Netzfrauen gesteckt, waren sparsam, um uns das leisten zu können. Aber dass unsere Männer arbeiten, damit wir das Geld zum Anwalt bringen können, sehen wir nicht mehr ein. …  Wir haben unser Leben lang schwer arbeiten müssen, Lisa und Ulla sind schon auf Rente und Doros Mann kommt jetzt auf Rente und da haben wir uns ein anderes Leben gewünscht und nicht diese Quälerei und Tyrannei, die wir zurzeit erleben müssen. Wir hätten gerne noch weitergemacht, aber so nicht.

Wir bedanken uns für Ihre mentale Unterstützung und werden jetzt die Zeit, die wir sonst für Recherchen aufgebracht haben, bei Anwälten verbringen müssen.“

Unmittelbar nach dieser Kapitulationserklärung knallen im GWUP-Hauptquartier die Korken, das Aufgeben der unwissenschaftlichen Netzfrauen wird gefeiert (verfasst von GWUP-Pressesprecher Bernd Harder am 31. Juli 2017 auf blog.gwup.net):

>> Aus für die “Netzfrauen”?
Noch können wir es nicht recht glauben (ähnliche Ankündigungen hat es schon x-mal gegeben) – jedenfalls haben die “Netzfrauen” soeben ihren Rückzug vom Geschäft mit der Empörung verkündet …<<

Der langjährige GWUP-Vorstand Bernd Harder, der seine alternativlose akademische Brillanz unter anderem mit Vorträgen wie „Gibt es eine alternative Mathematik? Oder eine alternative Geographie? Nein!“ unter Beweis stellt, kann nun aufatmen. Die alternativen Ansätze, die unsere alternativlose Zeit genauso braucht wie ein Loch im Eimer, lösen sich gerade der Reihe nach auf und machen bewährter Monokultur nach System Monsanto Platz, dessen Totalherbizid „Glyphosat“ man laut Bekundungen auf GWUP-Plattformen ja relativ unbekümmert trinken kann. GWUP-Mitglied und Gentechnik-Freak Martin Moder teilt uns etwa auf seinem Blog  „GENau“ mit, dass „wir die mühsame Debatte um die Sicherheit des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat endlich beenden können“, da eine wissenschaftliche Studie „eindeutig gezeigt hat, dass Glyphosat Krebszellen gezielt abtötet …  Normale Körperzellen kommen damit gut zurecht“ (Quelle: scienceblogs.de).

Na, das sind doch schon mal ganz andere Töne als dieser mühsame Alarmismus von Netzfrauen & Co., die jeden Tag mit neuen Hiobsbotschaften und Gesundheitsgefahren aufgewartet haben. Dass die streng wissenschaftlichen Herren von der GWUP mit ihrer Meinung zu Glyphosat zwar nicht mehr ganz up to date sind und von seriösen Wissenschaftlern mit Kopfschütteln bedacht werden, braucht uns nicht zu bekümmern. Was ist es doch für uns Laien, die wir abends müde von der Arbeit heimkommen und vorm Flachbildschirm relaxen wollen, für eine Erleichterung, von akademisch akkreditierten Experten zu erfahren, dass Glyphosat gar kein gefährliches Gift, sondern ein überaus nützlicher Wirkstoff ist. Angesichts solch geballter akademischer Expertise verblassen die Videoaufnahmen, die man zum Thema Glyphosat auf Youtube  reihenweise finden kann, wo Landwirte berichten, dass ihre Tiere seit dem Verfüttern von Glyphosat-hältigem Futter mit grässlichen Missbildungen, offenen Köpfen etc. zur Welt kommen – sonnenklar: solche Aufnahmen können nur Fake News sein.

Zum Glück geht’s diesen Fake News nun aber endgültig an den Kragen. Die medialen Geschütze und bunkerbrechenden Debunking-Marschflugkörper wurden bereits in Stellung gebracht, digitale Agenten mit der Doppelnull-Lizenz zum medialen Töten unterwandern indes bereits die dem Fortschritt feindliche Querfront. Aber nicht nur schmuddelige Hobbydenunzianten und gelangweilte Nerds befördern politisch unkorrekte Personen und Meinungen umgehend auf den digitalen Scheiterhaufen, en gros ausgemistet wird nun auch mit ganz hochoffziellem Mandat im Dienste ihrer Majestät. „Correctiv“ nennt sich das Zensurbüro, das auf Facebook unter Ausschluss des Rechtsweges unbotmäßige Meinungen und ganze Profile löschen darf  (zu den Hintergründen von „Correctiv“ siehe auch eine Bestandsaufnahme von Paul Schreyer: man erfährt unter anderem, dass das mit höchsten Kreisen aus Politik, Wirtschaft und Medien außergewöhnlich gut vernetzte Büro unter anderem von der Brost-Stiftung, der Deutschen Bank, George Soros‘ Open Society Foundations sowie von ZDF, RTL und Google finanziert wird.) Seit Anfang 2017 sind die GWUP-/Ruhrbarone rund um David Schraven, Sebastian Bartoschek (der die Netzfrau D. Schreyer auf seinem GWUP-Blog mittels genüsslicher verbaler Lanzenstiche zuletzt in die Verzweiflung getrieben hat), Stefan Laurin, & Co. als „correctiv.ruhr“ Teil des Zensurbüros „Correctiv“ und dürfen dort alles löschen, was nicht der naturwissenschaftlichen Rationalität entspricht bzw. Fake ist.

Die messerscharfen Gedankenpolizisten der GWUP-/Skeptiker-/Brights-Bewegung haben ihren Fuß somit nicht nur in der global meistgenutzten Wissensenzyklopädie Wikipedia stehen (wie in Markus Fiedlers sehenswertem Film „Zensur“ aufgedeckt), sondern besitzen nun auch im global meistgenutzten sozialen Netzwerk Facebook die Deutungshoheit.  Die von allem Geist befreite, „rein säkulare Welt“, die die GWUP-/Skeptikerbewegung mit aller Kraft anstrebt, befindet sich nun erstmals in der Menschheitsgeschichte in unmittelbarer Reichweite. Das technokratische Paradies und die digitale Endlösung der menschlichen Unvollkommenheit sind also nahe …

Gerade erhalte ich die Nachricht, dass auch die Pax Terra Musica gemeinnützige GmbH, die mit ihrer jüngsten Veranstaltung eine Möglichkeit zur Vernetzung und Neuformierung der Friedensbewegung bieten wollte, Insolvenz anmelden müssen, da dem Festival nach  massiver Diffamierung durch Blogger aus dem Psiram-Umfeld die Besucher fernblieben (hier das Statement des zu Tränen gerührten Organisators und Mitbegründers der „Humanistischen Friedenspartei“ Malte Klingauf). Auf der anderen Seite höre ich bereits das schallende Hohnlachen in den GWUP-Büros, wo man jetzt einen weiteren Erfolg feiern und sich auf die Schultern klopfen kann.

Ja, lachen wir nur, solange wir noch können. Bald wird sich das Lachen sogar noch zum Wiehern steigern – die alljährlichen GWUP-Schmähpreisverleihungen „Das goldene Brett vorm Kopf“ und der „Goldene Aluhut“ nahen wieder, eifrige Schergen schlichten bereits das Scheitholz, ölen die Streckbank und holen die Beißzangen aus dem Keller.

Lassen wir die Horrorclowns also ruhig feiern. So sehr sie jetzt noch feiern, schenkelklopfen und prustend lachen – ihre eigenen Kinder und Enkel werden sie ob der säkularen Welt, in der sie leben werden müssen, allerdings einmal verfluchen (siehe Steve Cutts Cartoon „Man“).

 


Update 20.09.2017: Habe soeben auch etwas sehr Erfreuliches erfahren: In einem jüngsten Statement (siehe Youtube) berichtet Malte Klingauf von einem vorweihnachtlichen Wunder: Ein unerwarteter Spender hat die gesamten Schulden der Pax Terra beglichen und damit das Insolvenzverfahren abgewendet. Dass es auch Menschen gibt, die der systematischen Sabotage der Zivilgesellschaft und der Friedensbewegung nicht tatenlos zusehen, gibt Hoffnung.

 

Kulturtod 4.0 und die Geburt eines neuen Sterns im Zeitalter der Schwarzen Sonne

Bild: Schwarze Sonne / Nigredo (PD)  

War den Griechen die Kunst noch das Götterkind, das den an der „Lebenslüge“ erkrankten Menschen inspiriert, erhebt und gesundet (was besagte Lebenslüge ist, darüber darf jeder mal kurz selbst sinnieren …), so haben sich die Künstler der Postmoderne zwar schon längst von diesem Ideal der Kunst verabschiedet, aber als eines kann Kunst heute immer noch dienen: als äußerst präziser Spiegel des herrschenden Zeitgeistes und als feinfühliger Seismograf für die Zukunft. Schon Viktor Frankl hat daher den Rat gegeben, dass man die uns erwartende Zukunft am besten an der aktuellen Kunstszene ablesen könne. Dies beherzigend, habe ich es mir zur Gewohnheit gemacht, mein Augenmerk nicht nur der Politbühne zu schenken und dort das marktkonforme Treiben der Trumps, Merkels und Gadaffis zu analysieren [Anm. d. Red.: die vorgenannte Auswahl an toten, komatösen und hyperventilierenden Politikern ist spontan und ohne tiefere Assoziation erfolgt], sondern ab und zu auch im Kulturteil unserer Leitmedien zu blättern.

Immerhin haben vor wenigen Tagen die Wiener Festwochen 2017 begonnen, das Stelldichein der internationalen Kunst-Avantgarde. Seit unserem letzten Abstecher in diese Gefilde (siehe „Über multiresistente Keime, Kulturtod und emotionale Vulkanausbrüche in neoliberaler Gletscherlandschaft“) hat sich auf der Kulturbühne nicht allzuviel geändert. Es sind bei den diesjährigen 66. Festspielen eben nicht deutsche und österreichische Akteure, die „kotzen, urinieren, Pornoszenen nachstellen, wild um sich schlagen, kreischen und schluchzen, rohes Fleisch und Eingeweide werfen“, um „das Publikum gemeinsam mit den Darstellern immer weiter bergab zu führen  in die Untiefen des Unbewussten, wo Tagesreste, Ängste und Begierden einen wabernden Morast bilden“ (Quelle: orf.at), sondern zur Abwechslung eben chinesische oder brasilianische Künstlertruppen wie z.B. die Macaquinhos (übersetzt: „Äffchen“), die gemeinsam eine lustige Nackt-Polonaiseschlange bilden und dabei ihre Köpfe in den Allerwertesten des jeweiligen Vordermanns stecken. O-Text aus dem Programm der Festwochen: „Kurzum: Es geht um den Anus. Die demokratischste und tabuisierteste Körperöffnung von allen. Die Performance ist eine Hommage an Schönheit und Freiheit …“ (Quelle+Polonaisefotos: festwochen.at). Im Fußtext des Festwochenprogramms erfährt man indes auch Dramatisches: Durch die aktuelle politische Situation in Brasilien ist die zukünftige Arbeit der Anus-Äffchen gefährdet!

[kleiner Zwischenruf an die soeben in NRW abgestürzten GRÜNEN: Na, da muss man doch schleunigst was unternehmen. Wo seid ihr, wenn man euch braucht? Eure Young Leaders sind doch sonst auch immer an vorderster Front, wenn es um den Kampf für Demokratie und Fortschritt und gegen Tabus geht. Womöglich sterben die Anus-Äffchen demnächst aus, wenn wir uns jetzt nicht für sie einsetzen! Außerdem: Vielleicht entdeckt ihr bei dieser Spezies sogar ein neues Transgender-Geschlecht, das ihr euch dann auf eure Fahnen schreiben könnt.]

Nun, dass wir heute in jeder Hinsicht auf den Arsch gekommen sind, wäre ja noch nichts wirklich Neues. Selbst Menschen, die sich durch harte Drogen oder Dauerfernsehen betäuben, dämmert dies mittlerweile, dazu hätte man nicht Kerosin in die Luft blasen und Macaquinhos aus Brasilien importieren müssen.  Auch Jonathan Meese, das enfant terrible der zeitgenössischen Kunzt, hätte man nicht herankarren müssen, damit er uns mit Richard Wagners Parsifal-Verhunzung jede Vorstellung von Politik und Religion „dekonstruiert“. Diese seien „Kitsch von gestern“. Hingegen gehe es laut dem Regisseur darum, uns auf eine Zukunft vorzubereiten, die seiner Ansicht nach „nicht religiös, nicht politisch und auch nicht demokratisch“ sein werde. – Stelle ich mir wirklich toll vor, so eine Zukunft ohne Politik, also ohne demokratische Willensbildung: Klingt wie ein Mekka, in dem sich die in der Aufzählung des Künztlers nicht vorhandene Wirtschaft endlich vollkommen frei entfalten kann. Auch eine von Meese geforderte Welt ohne Religion passt da dazu: Eine Welt, in der nichts mehr heilig, sondern alles nur geistlose Knetmasse und damit der restlosen Verwertungslogik unterworfen ist, wäre doch der beste Boden für ein letztes Wirtschaftswunder kurz vor Ladenschluss – der Ökonom in mir bekommt bei einer solchen Vorstellung sofort Dollarzeichen in den Augen und ist restlos begeistert. Fortschrittliche Künztler mit solchen Visionen sollte man unbedingt unter Sponsoringvertrag nehmen.

Wie dem auch sei. Eigentlich würde ich es ja gar nicht für wert halten, den Leser mit dem „wabernden Morast“ (orf.at) – pardon, mit der „Kunst der offenen Arme“ (Festivalintendant Tomas Zierhofer-Kin) – zu belästigen, der dieses Jahr wieder neu aufgebrüht vom Stapel gelassen wird, wenn … ja wenn sich inmitten dieses Morasts nicht auch Grund zur Hoffnung abzeichnen würde. Dazu jedoch später. Bevor wir zu besagter Hoffnung bzw. zum Licht kommen, wollen wir uns so wie die klassischen Alchemisten bei ihrer Bereitung des Steins der Weisen zuerst der „Schwarzphase“ (lat. Nigredo, auch: Schwarze Sonne) widmen, jenem Stadium der Fäulnis und des Ausbrennens, in dem auch der Tiefenpsychologe C.G. Jung eine Vorstufe der inneren Reifewerdung bzw. Individuation gesehen hat. Die Schwarzphase, bei der ein Gefäß in Pferdemist eingepackt und im Schlamm vergraben wurde, um dort zu verwesen, dauerte bei den alten Alchemisten 40 Tage. Mit 35 Tagen will der Intendant der Wiener Festwochen zeigen, dass es im digitalen Zeitalter auch eine Spur schneller geht und verspricht „fünf Wochen Ausnahmezustand“. Seiner Ansicht nach solle das Kulturprogramm „nicht geistig, sondern sinnlich“ sein, es gehe ihm „um exzessive, lustvolle Erfahrungen“ (Quelle: tvthek.orf).

In diesem Kontext und im Sinne von Frankls Zukunftskaleidoskop also kurz ein paar Streiflichter durch die Festspiellandschaft und ihre diesjährigen Stars (Kursivtext jeweils im Original übernommen):

“Promised Ends“ – Derrick Mitchell: In seinem „Theater der Grausamkeit“ lässt er assoziativ-mythologische Räume entstehen und erzeugt überbordende Schönheit, die in jedem Moment in Schmerz, Hysterie und extreme Emotionen kippen kann. Mitchell zeigt eine Gesellschaft in einer Grenzsituation, die Tabuschwellen durchbricht, … Angst, Bedrohung, Tod und Kannibalismus. Zum Sprachrohr dieser Gesellschaft wird ein körperlich wie geistig zerstörter König Lear … Auf der erbarmungslosen Reise sind wir mit Saint Genet und der Donner Party im Gebirge gefangen und treffen auf einen ››mad king on the heath saying kill, kill, kill, kill, kill, kill!‹‹ (Quelle: festwochen). Während der Performance zapfen sich Mitchells Schauspieler Blut ab und setzen sich unter Drogen. Im TV-Journal KulturMontag vom 08.05.2017 (Link bereits erloschen) sieht man mit echtem – ihrem eigenen – Blut verschmierte Körper zuerst alleine zittern, dann zu lethargischen Haufen übereinandergestapelt.

„Death Center for the Living“ – Daniel Lie: zeigt die Lust am Auflösen des Individuums und am Verschmelzen mit der dionysischen Emotion einer Masse, egal welcher: „Emotional Fields“ bezeichnet Situationen, in denen ganze Gruppen von Individuen zur selben Zeit und am selben Ort dieselbe Emotion empfinden, z. B. bei einer Trauerfeier, einem Candomblé-Ritual, aber auch bei einer Schlägerei oder einer Demonstration. Erkunden Sie die Zwischenwelt der Transformation, der Auflösung, des Loslassens. In Daniel Lies interaktiver Installation aus Mineralien, Pflanzen und verrottendem Obst entstehen atmosphärisch dichte Szenarien, in denen zeitliche Linearität zugunsten eines prozessualen Verständnisses aufgelöst wird. Ein queerer Raum, in dem alternative Gesetze walten. Eintritt frei (Quelle: festwochen).

„Mondparsifal Alpha 1-8“:  Als einer der Höhepunkte der Festspiele darf hier der bereits genannte Jonathan Meese den Parsifal-Mythos dem Reißwolf und der Kompostierung zuführen. Er selbst findet seine Wagner-Verhunzung als „das Geilste“. Er möchte Richard Wagner und den Weltenretter Parsifal „entheiligen, um ihn zukunftsfähig zu machen“, ihn von Politik und Religion befreien, da es Politik und Religion ja gar nicht gäbe und wir uns stattdessen auf eine Zukunft vorbereiten müssten, die wie schon erwähnt, nicht religiös, nicht politisch und auch nicht demokratisch sein werde. In diesem Sinne will er uns zeigen, wie unsinnig es ist, den heiligen Gral und die Entwicklung innerer Tugenden wie Gerechtigkeit, Weisheit, Milde etc. zu erstreben wie seinerzeit die Gralsritter, wo es doch heute Strom aus der Steckdose, WLAN, auf Mondstationen twerkende Barbarellas, billigen Fusel, Anus-Polonaisen und endloses Entertainment gibt.  Meese „freut sich tierisch“, dass er nun auf der Weltbühne der Wiener Festspiele dasjenige Skandalstück aufführen kann, das bei den Bayreuther Festspielen abgesetzt wurde. Für das spießige Bayreuth, das seine fortschrittlich-entheiligende Kunzt verschmäht hat, schlägt der Regisseur nur noch eine – letzte – Inszenierung vor: „Man holt den Bulldozer raus und macht alles platt.“ (Quelle: orf).

„Hyperreality“: Parallel zu den Kunstinszenierungen wird in einem eigenen Pavillon vier Nächte lang ein „großer Reigen mit theoretischem Überbau und Partycharakter sowie einem politischen Drall“ veranstaltet. Die hierbei zum frenetischen Tanz aufspielende, international gefragte Künstlerin Tomasa Del Reals beweist durch ihre Vita, dass es im Sinne Meeses Mondparsifal auch ganz ohne ritterliche Ideale geht und „neue Realitäten“ ausreichen: „Dem Onlinemagazin The Fader kommunizierte sie eine Selbstbeschreibung, die von neuen Realitäten zeugt: Sie sei lediglich ein Mädchen mit ein paar guten Freunden, einem Mac und Wi-Fi“ (Quelle: orf).

Beim Recherchieren über die Wiener Festwochen habe ich mich auch kurz in ein benachbartes, ebenfalls an der Donau liegendes Kulturfest verirrt, das vermutlich aus dem Sporenflug des Mutterfestivals vom Vorjahr auf der grünen Wiese der Provinz aufgesprossen ist: Das Kremser Donaufestival. Der öffentliche Rundfunk erklärt uns, worum es bei diesem Festival geht (Quelle: orf): „Das Motto: nur keine falsche Scham. Hinschauen und zuschlagen, ganz, wie es die Lust gebietet.“ Im Fließtext erfährt man auch, was besagte Lust gebietet: „Dutzende nackte Menschen, die in einer Kirche ekstatisch zu moderner Musik tanzen und einander betatschen. Die Dominikanerkirche ist keine Kirche mehr, und die Tage, in denen so etwas als Tabubruch galt, sind längst vorbei. Heute ist das Skandalon ein anderes: echte Menschen, manche alt, manche jung, manche dick, manche mager, manche sportlich, manche nicht, mit großen oder flachen Brüsten, kleinen oder großen Penissen.“ Als Kulturverfall will der staatliche Rundfunk die Performance keinesfalls verstanden wissen: „Von wegen „Verfall“: Hier steht ein Mensch, in all seiner Körperlichkeit, all seiner Normalität…“

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk geizt auch nicht mit Ratschlägen und lebenspraktischen Erkenntnissen, die auf dem Kulturfestival zu gewinnen sind: Unter der Überschrift „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ schildert er die Lust, in deren Genuss man bei hemmungslosen Gewaltausbrüchen kommen kann: „Solchermaßen von Komplexen befreit, muss man sich noch seiner Wut über das Body-Shaming, das in der Welt außerhalb des Donaufestivals weit verbreitet ist, entledigen. Da kommt Stephane Roys „The Laboratory of Anger Management“ gerade richtig. In einem Container wird eine Wohnlandschaft aufgebaut. Festivalbesucher dürfen sich jeweils 30 Sekunden lang mit einem Baseballschläger bewaffnet an die Zerstörung machen. Was in den unscheinbarsten Menschen steckt! … Wahren Berserkern gleich dreschen sie auf Glastische, Nachkästchenlampen und Stereoanlagen ein, bis außer ein paar Splittern nichts mehr übrig ist und das improvisierte Wohnzimmer neu aufgebaut werden muss. Interessant ist der Effekt, der sich dabei einstellt: Die Performance macht nicht Angst vor der Gewaltlust einzelner Individuen, sondern man freut sich mit ihnen über die Befreiung, die ganz offensichtlich mit dem brachialen Zerstören von heimeligen Konsumlandschaften einhergeht … Man verlässt das Festivalgelände mit einem inneren Schlachtruf, der die Schädelknochen noch ein letztes Mal zum Schwingen bringt: Freiheit für den Körper!“ (Quelle: orf)

Bevor er das Festivalgelände verlässt, macht der Redakteur noch einen Besuch bei einer Performance, in der ein „posthumanes Wesen“ auf einen schwarzen, mächtigen Thron erhoben wird, umgeben von Nebelschlieren und diffusem Kunstlicht. Wer also gedacht hat, dass in einer Zukunft, die „nicht religiös, nicht politisch und auch nicht demokratisch“ sein wird, auch der Herrscherstuhl leerbleibt, während wir durchspaßt mit Cyberbrillen durch die Gegend surfen, der hat wohl voreilig geschlussfolgert. Passend zur Inthronisation des posthumanen Herrscherwesens wartet das Kulturfestival auch mit entsprechenden „theoretisch-diskursiven Vertiefungen“ auf, in welchen die US Cyborg- und Cyberfeminismus-Vordenkerin Donna Haraway dem Publikum die Idee schmackhaft macht,  die „Grenzziehungen zwischen Mann/Frau, Mensch/Maschine und Physischem/Virtuellem aufzuheben und neu zu denken“.

Zurück aber aus der Provinz in die Hauptstadt zum Mutterfestival: Auftakt und Höhepunkt der Wiener Festwochen war die „zwischen Oper und Orgie“ verortete Inszenierung „Ishvara“ des chinesischen Künztlers Tianzhuo Chen, der sich einen riesigen Bananenmixer zurechtgelegt hat, in den er die Bhagavad Gita (=die heilige Schrift der Hinduisten) und buddhistische Rituale zusammen mit Pop, Hiphop, nackten Männer mit frei schwingenden Pimmeln, Tierkadavern und Dämonen hineinwirft und dann den Mixer einschaltet. Die daraus resultierende, aufgeschäumte Melange wird sodann unter kaltem Neonlicht, Stroboskopscheinwerfern und markdurchdringend sirrendem Sirenenlärm zweieinhalb Stunden lang auf die Bühne ergossen. Aus einer Rezension auf orf news: „Im Vollrausch der Opernorgie — Auf der Bühne herrscht Opulenz, die die erzählerische Ebene ohnehin bald in den Hintergrund rückt. Es wird mit Fleisch geworfen, gekreuzigt, gebadet und vor allem viel getanzt – einmal mehr, oft weniger angezogen. Neon- und Schwarzlicht beleuchten ein großes Kreuz, das auf der Spitze eines Berges im Hintergrund aufgestellt ist…“

Während sich also der Westler Jonathan Meese die Entheiligung des christlichen Parzifal-Mythos vorgenommen hat, so widmet sich der aus dem Osten kommende Chen der Entheiligung der Bhagavad Gita, das ist quasi das orientalische Gegenstück der Bibel und Hauptwerk des Hinduismus. Der Großteil des Publikums war angeblich begeistert. Auch ich beginne langsam zu verstehen: Wenn diese letzten Reminiszenzen menschlicher Kulturgeschichte endlich zerrissen, verschreddert und verheizt sind und dem menschlichen Geist ein Tritt verpasst wurde wie einem Fußball, den man weit über den Horizont hinausschießt, dann werden wir endlich bereit sein für die Zukunft, die der Fortschritt uns verspricht. Das posthumane Wesen auf dem schwarzen Thron wird uns in eine neue, transhumanistische Evolution führen – siehe dazu ein lesenswertes Essay in Peds Ansichten (danke an User Blub für den Link).

Zurück aber zu Chens Orgienoper. Im Publikum spielt sich nämlich etwas ab, was ich als bemerkenswert repräsentativ für das ansehe, was sich m.E. in Zukunft immer stärker herauskristallisieren wird:

„Das Publikum teilt sich in einen kleinen Teil, der sich an mancher Stelle die Ohren zuhält, und den Rest, der von der ohrenbetäubenden Soundkulisse fast in eine Art Trance versetzt wird.“ (Bericht aus news.ORF.at/festwochen)

Und genau hier sind wir am springenden/revolutionären Punkt bzw. am eingangs versprochenen Hoffnungsmoment angelangt: Es wird berichtet, dass nach einer Dreiviertelstunde zuerst einzelne Personen und dann immer mehr Menschen mitten in der Orgienoper aufgestanden sind und unter Buh-Rufen den Raum verlassen haben. – Wer jetzt müde die Augen aufschlägt und meint, das sei nichts Besonderes, der hat keine Ahnung von der zeitgenössischen Kunstzene und den Gesetzen der Avantgarde. Bis vor Kurzem wäre es noch ein absolutes No-Go und reine Häresie gewesen, sich dem zur Normalität erklärten Wahnsinn zu verweigern und andere Wege zu gehen. Als etwa der österreichische Alt-Bundespräsident Thomas Klestil seinerzeit mit dem Satz „Mir gefällt die Kunst Nitschs nicht“ öffentlich bekundete, dass er den Orgienmysterienspielen und Blut-Schüttbildern des Aktionskünstlers Hermann Nitsch ablehnend gegenübersteht, wurde er von der herrschenden Meinung und ihren Leitmedien regelrecht hingerichtet. Ebenso machte sich auch jeder Kleinbürger der Führerbeleidigung schuldig und wurde umgehend als Ketzer aus der Gemeinschaft der fernsehenden Spiegelbildbürger verworfen, wenn er fortschrittliche nackte Tatsachen mit einem Sahnehäubchen reinem Wahnsinn obendrauf serviert bekam und es verschmähte, davon zu essen. Wenn heute also erstmals, wenn auch nur vereinzelt,  Menschen aufstehen, sich gegenüber der Masse emanzipieren und mutig den Häretikerstandpunkt einnehmen, dann ist das absolut revolutionär und in seiner Symbolkraft für die Zukunft nicht zu unterschätzen. Wir sind hier Zeugen absoluter pionierhafter Willensentscheidungen: Menschen, die nicht in C.G. Jungs „Nigredo“(Schwarz-)Phase verharren wollen, sondern die am Nullpunkt der menschlichen Kulturgeschichte realisieren, dass sie im Begriff sind, bei weiterer Fortsetzung dieses Weges in den Bereich sub-zero zu kommen bzw. meier zu werden. Menschen, die sich aus der Phase „Nigredo“(Schwärzung) in Richtung „Albedo“ (Weißung) und „Rubedo“ (Rötung) bewegen, um bei C.G. Jungs Terminologie zu bleiben (was diese tiefenpsychologischen Begriffe bedeuten, würde hier den Rahmen sprengen, kurz gefasst sind damit Stufen innerer Reifewerdung angedeutet, wobei es das Verdienst C.G. Jungs war, herauszuarbeiten, dass es bei diesen der mittelalterlichen Alchemie entlehnten Begriffen keineswegs um die Gewinnung von materiellem, sondern um „philosophisches Gold“ geht; als weiterführende Literatur siehe z.B. Jung, C. G. (1984): Psychologie und Alchemie).

Zurück aber zu denjenigen Pionieren, die sich aus der Orgienoper des 21. Jahrhunderts bereits emanzipiert haben: Nun wird gewiss mancher enttäuscht sein, dass das die ganze Hoffnung sein soll, die ich eingangs versprochen habe. Was sind schon einige wenige Brechbreiverweigerer gegen die große Masse, die sich weiterhin mit dem Brei abfüttern und in ekstatische Begeisterung versetzen lässt? Nun gut, wem diese Willensbekundung einiger Weniger noch nicht Hoffnung genug ist, für den habe ich abschließend noch einen weiteren Trost auf Lager:

Viele werden es schon wissen, aber da es sich zu manchen womöglich noch nicht rumgesprochen hat und zum Thema passend, im Übrigen eine Namensverwandschaft mit dem vorgenannten „Rubedo“ C.G. Jungs hat, möchte ich hier nochmals darauf hinweisen: Vor wenigen Wochen wurde eine neue Plattform eingerichtet, um einen wirkungsvolle Gegenöffentlichkeit gegen den zur Normalität erklärten Wahn-Sinn und gegen die tendenziöse Meinungsmache der Massenmedien zu schaffen. Das Magazin nennt sich „RUBIKON — Magazin für die kritische Masse“ und hat, wie der Name schon sagt, das erklärte Ziel, in der Gesellschaft die notwendige kritische Masse zu schaffen, um den abgründigen Entwicklungen der Gegenwart doch noch eine Wendung zu geben. Jean Ziegler zur Rubikon-Gründung:

„Es gibt eine letzte große Chance, den Beutejägern des Kapitals das Handwerk zu legen, bevor sie mit der neoliberalen Dampfwalze jeder Individualität und humanistischen Solidarität ein Ende setzen.“

Eine erste Sichtung des neuen Magazins hinterlässt einen vielversprechenden Eindruck und macht Mut auf die Zukunft. Neben vielen hochkarätigen Kolumnisten finden sich im Beirat erfrischende Köpfe wie Jean Ziegler, Daniele Ganser und Rainer Mausfeld. Aus der Startseite des Rubikon:

„Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!“ (Erich Kästner) … Trauen Sie sich, aufzustehen. Trauen Sie sich, klar und zuversichtlich zu sein! Lassen Sie uns sicht- und hörbar werden, denn diese Welt und diese Zeit brauchen uns alle, brauchen auch Sie. Überschreiten wir gemeinsam den Rubikon. Denn ob wir es wollen oder nicht: die Würfel sind längst gefallen. Es ist daher an der Zeit, das Spiel selbst in die Hand zu nehmen.“

Was Rubikon ein besonderes Qualitätsgütesiegel verleiht: Nur wenige Atemzüge nachdem die Rubikon-Plattform gegründet wurde, wurde ihr von den Inquisitoren der Skeptikerbewegung bereits ein Eintrag auf Psiram verpasst (über Hintergründe zu dieser Diffamierungsplattform siehe Jens Wernicke: „Die Aufklärer und ihre Fake-News“). Hätte Rubikon diesen Eintrag auf Psiram nicht, dann wäre diese Initiative vermutlich nicht wert, dass man sie erwähnt. Denn wer auf dem Gesinnungspranger Psiram keinen Eintrag besitzt, ist im heutigen gesellschaftlichen Diskurs nur von eher untergeordneter Bedeutung und hat zur Veränderung der herrschenden Verhältnisse nicht viel beizutragen. Nur wer dem, was in der globalen Orgienoper „herrschende Meinung“ und „anerkannte Lehre“ ist, etwas entgegenzusetzen hat, ist dort aufgelistet. Wenn Rubikon also dort sogar binnen Tagesfrist ins Visier der von Roland Düringer als Bluthunde bezeichneten GWUP-/Skeptikerbewegung gerät, dann spricht das absolut für die Integrität und Stoßkraft der Redakteure von Rubikon. Frei nach Noam Chomsky: „Wenn ich mit dem, was ich sage, in den heutigen geisteskorrumpierten Verhältnissen nicht auf vehemente Kritik stoßen würde, dann wüsste ich, dass ich etwas falsch gemacht habe.“

Einer meiner neuen Lieblingskolumnisten auf Rubikon ist übrigens „Herr M.“ – Herrn M. ist angesichts der Entwicklungen des Zeitgeschehens schon seit einiger Zeit nur noch schlecht. Seine Kolumne nennt er daher auch „Die Brechecke“. Trotz allem hat sich Herr M. einen besonderen Galgenhumor bewahrt, fühlt in Seelenruhe am Totenbett den Pulse of Europe, forscht eigenhändig nach, was das neue „SCHULZ“ ist und demaskiert unsere Leitmedien in genüsslicher Weise als „konzertierte Gehirnwaschfront“. Aber auch in den Artikeln der anderen Rubikon-Autoren kann man in Ruhe schmökern, ohne dass man am liebsten ein Glas an die Wand schmeißen möchte so wie beim Lesen unserer DIN-ISO-zertifizierten Leitmedien.

***
Nachsatz:

Tja, die Nigredo-Phase, durch die wir momentan durchgehen, ist vermutlich noch lange nicht überwunden und die Sonne, die derzeit am Horizont steht, würde C.G. Jung wohl trotz ihres gleißenden Lichtes eine schwarze nennen („sol niger“, siehe Titelbild). Ein Sonnenschutzmittel, das vor dieser Gegensonne bewahrt, ist bis dato leider noch nicht erfunden und so wird uns das täuschende, pervertierte Licht, das von der schwarzen Sonne ausgeht, wohl noch weiterhin auf unserem Weg begleiten und auf der Haut brennen. Es kann jedoch jeder von uns ein nicht zu unterschätzendes Stück dazu beitragen, dass die wirkliche, gesunde Sonne wieder am menschlichen Horizont erscheint. Sie wird sichtbar, sobald wir den Nebelgeneratoren den Stecker rausziehen. Diesen Stecker ziehen wir raus, indem jeder von uns an seinem Ort der Lüge und Manipulation die Gefolgschaft verweigert und sich auf individuelle Weise um Wahrheit  und Humanität bemüht (siehe auch „Der Mensch am Schlachtfeld zwischen Lüge und Wahrheit“). Damit das bei niemandem Druck erzeugt: Die Wandlung vom Nigredo zu Albedo und Rubedo muss kein äußerlich heldenhafter und spektakulärer Prozess sein, es ist in den meisten Fällen eine ganz leise, innere Wandlung – dabei wäre es jedoch meines Erachtens ein fataler Fehler, wenn man mit dieser inneren Wandlung bei sich stehen bleibt und sich nicht nach außen wendet (die Tendenz zu Selbstrückzug und zum Schaffen von Wellness-Oasen ist angesichts der derzeitigen Großwetterlage bzw. kollektiven Depression zwar durchaus verständlich, aber nicht ratsam). So wie dies die Begründer von Rubikon machen, kann es auch jeder von uns im Kleinen machen: Ins Gespräch gehen, lebendiges Interesse am Weltgeschehen zeigen, mutig Position beziehen für Menschen, die gerade diffamiert und medial durch den Dreck gezogen werden, Respekt zeigen vor der Würde Anderer bzw. Andersdenkender – für die man im Sinne Immanuel Kants auch zu kämpfen bereit ist, denn: “Die Unmenschlichkeit, die einem anderen angetan wird, zerstört die Menschlichkeit in mir.”

***
P.P.S:

Falls die vom Orgienopern-Regisseur Tianzhuo Chen in Brand gesetzte und zum Verschreddern freigegebene Bhagavad Gita demnächst aus dem Gedächtnis der Menschheitsgeschichte ausgetilgt werden sollte, dann bleibt aus dem 700-strophigen Gedicht vielleicht zumindest auf dem Nachrichtenspiegel-Server dieser kleine Vers hier erhalten. Er mag als philosophische Gewürzprise dienen, dank derer Ihr Verdauungstrakt die notwendigen Enzyme erhält, um die aus den oben verlinkten Kulturfestimpressionen aufgenommenen Toxine, freien Radikale und Handlungsimperative wieder ausscheiden zu können.  (Der Autor des Gedichts ist unbekannt, zu altindischen Zeiten hat es der Mensch noch als anmaßend empfunden, dem Namen seiner vergänglichen Persönlichkeit besondere Wichtigkeit zuzumessen):

Wenn ein Mensch materielle Dinge betrachtet, entsteht Bindung an diese.

aus Bindung entsteht Begehren,

aus Begehren entsteht Zorn,

aus Zorn entsteht Verblendung,

aus Verblendung erfolgt Verlust der Erinnerung (an den Sinn des Lebens),

aus dem Verlust der Erinnerung erfolgt Zerstörung des Verstandes/ der Unterscheidungsfähigkeit;

ist der Verstand/ die Unterscheidungsfähigkeit zerstört, dann geht der Mensch zugrunde.

 

 

„Das Goldene Brett vorm Kopf“ – Über GWUP-Pastafaris, die neue Aluhut-Inquisition und neoliberale Arschlöcher wie mich

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Roland Düringer (Foto: Wikimedia/Anton-kurt/CC BY 3.0)  

Unsichtbare Gegner

Unsichtbare Gegner sind bekanntlich schwer zu besiegen. Stephane Hessel, Gründungsvater der UN-Menschenrechtscharta, hat das Dilemma unserer Generation treffend auf den Punkt gebracht: Während es für seine Zeitgenossen noch ganz klar war, wogegen es zu kämpfen galt, nämlich gegen den durch Hitler und Stalin verkörperten Faschismus und Bolschewismus, so stünden wir heute zwar einer nicht minder abgründigen Gefahr gegenüber wie anno dazumal, – nach Ansicht Hessels steht nichts weniger als der Verlust der gesamten zivilisatorischen Errungenschaften der letzten Jahrhunderte sowie die Weiterexistenz des Ökosystems Erde auf dem Spiel – allerdings sei diese Gefahr schwer greif- und personalisierbar.

Kurz vor seinem Tod beschwört der 95jährige Hessel – nach eigenen Worten mit „letzter Tinte“ – nochmals den Geist der Résistance, für die er selbst unter Einsatz seines Lebens gekämpft hat (er wurde von den Nazis gefangen und gefoltert) und ruft unsere Generation in seinem vielbeachteten Essay „Empört Euch!“ zum Widerstand auf – gegen den unglaublichen Rückschritt, der uns heute drohe und uns schon demnächst in ein sehr dunkles Zeitalter katapultieren könnte. In einem jüngsten Interview sieht uns auch der von der New York Times als „wichtigster Intellektueller der Welt“ bezeichnete Noam Chomsky am Rande des Abgrunds und gibt sich sichtlich Mühe, seine gewohnt milde Jovialität zu bewahren, wenn er resümiert wie der Mensch seine Intelligenz nun dazu verwende, um sich selbst zu zerstören. Auf die Frage des „Jung&Naiv“-Teams, ob denn die derzeit beobachtbare Ignoranz  gegenüber den fundamentalen Problemen der Gegenwart nicht auch ein Segen sei, antwortet der emeritierte MIT-Professor trocken: „Für eine kurze Zeit, ja. – Bis es einem um die Ohren fliegt.“

(Klick auf YouTube für deutsche Untertitel)

Chomsky setzt hinzu, dass das 21. Jahrhundert das letzte Jahrhundert der Menschheit sein könnte, wenn wir uns weiterhin lieber mit Plattitüden beschäftigen, anstatt uns mit den wirklichen Bedrohungen zu konfrontieren.

Doch wer kämpft schon gerne gegen unsichtbare Gegner? Da ist es also kein Wunder, dass heute Sandsäcke und Watschenmänner gefragt sind, auf die man nicht nur ungestraft eindreschen kann, sondern für deren Niedermachen man sogar gröhlenden Applaus des Publikums bekommt. Man kennt das eigentlich in hinreichender Weise aus den Beginnen der NS-Zeit: Die Wirtschaft lag am Boden, Arbeitslosigkeit und damit einhergehende existenzielle Verzweiflung und Zukunftsängste grassierten. Was war es da inmitten des systemischen und weltanschaulichen Bankrotts doch für eine Erleichterung, als plötzlich Sündenböcke wie die Juden, die Roma und die Zeugen Jehovas präsentiert wurden: Vogelfreie, die man nicht nur aus reiner Lust an der Erniedrigung, sondern zugleich auch im Dienst an der guten Sache auf die Knie zwingen und sie mit einer Zahnbürste den Gehsteig schrubben lassen durfte – so konnte man inmitten einer Zeit der allgemeinen Verunsicherung und Hoffnungslosigkeit endlich wieder selbstgefällig lachen und wissen, wo man hintreten musste, um dem versprochenen Fortschritt den Weg zu bahnen.

Selbst wenn wir bei etwas ehrlicherer Betrachtung zugeben, dass der heutige Gegner bzw. die systemischen Denkfehler gar nicht mehr so unsichtbar, sondern bloß übermächtig sind, macht das die Lage nicht leichter. Wer kämpft schon gerne gegen übermächtige Gegner? Noch dazu in einer Zeit, in der es noch niemals so leicht und amüsant war, den vollen Rückenwind des herrschenden technokratischen Zeitgeists zu genießen und sich  ipodbestöpselt und korkenknallend Richtung Grand Canyon treiben zu lassen.

Gleichzeitig ist es aber selbst für die faulsten Couchpotatoes unter uns ziemlich unbefriedigend, sich wirklich für bzw. gegen nichts zu engagieren, irgendetwas will man in seinem Leben ja bewegen. Wie man im Stadtpark beobachten kann, wollen sogar diejenigen, die nie gelernt haben, etwas Sinnvolles aufzubauen, dann zumindest ein paar Parkbänke zerstören. Und schließlich haben wir von Kindesbeinen an eine Bildung genossen, die uns intellektuell bis zum Äußersten zugespitzt hat wie harte Graphitbleistifte kurz vorm Abbrechen und mit der wir jetzt nicht einfach auf dem Stand rotieren und in der Garage  Reifen verheizen wollen. Wir wollen mit unserem stolzen akademischen Boliden schon ein paar flotte Runden am Formel-1 Ring drehen, bei einem schlagkräftigen Rennteam wie Red Bull dabeisein, andere überholen und über sie triumphieren können. Champagnerverspritzend am Podest stehen, im frenetischen Jubel eines Publikums und im Blitzlichtgewitter der Presse badend – welches kurzweiligere Rezept zur Verdrängung der eigenen Armseligkeit und Kleinkariertheit gibt es schon? (auf „Kurzweil-ige Rezepte“ werden wir unten gleich noch zurückkommen.)

Niemand weiß das so gut wie ich. Und damit jetzt niemand auf die Idee kommt, dass ich hier eine Moralpredigt im Sinn habe, möchte ich mich gleich vorausschickend selbst als Arschloch outen. Die Augen über diese Tatsache geöffnet hat mir seinerzeit eine junge Dame unbekannten Namens in einer Disco zu mitternächtlicher Stunde. Ich hatte gerade das Abitur hinter mir und dünkte mich als frisch gebackener, ehrgeiziger Student am Zenit wissenschaftlicher Überlegenheit. Den akademischen Olymp nahm ich mit einer Kombination aus gleich zwei Wissenschaften, nämlich Ingenieurwissenschaften und Rechtswissenschaften in Angriff. Als Katalysator für meine Karriere hatte ich mich zudem in den Zirkel einer akademischen Burschenschaft eingeschrieben, in deren Vereinsstatuten „Scientia“ („Wissenschaft“) als einem der wichtigsten Grundprinzipien gehuldigt wurde. Gerade die Studentenverbindung erwies sich als wahrer Türöffner. Ohne noch irgendetwas geleistet zu haben, hatte ich alleine durch meine Mitgliedschaft sofort direkten Zugang zu höchsten Ministerialbeamten, Regierungsmitgliedern, Universitätsprofessoren, Medienchefs und Wirtschaftskapitänen. Wie ich bald erfahren sollte, bildete die Burschenschaft eine Art Seilschaft quer durch Politik und Wirtschaft, man half sich, war loyal zueinander. Es gab kaum ein Politressort, in dem man nicht gewichtige Verbindungsmitglieder sitzen hatte und an die man sich wenden konnte, wenn man ein Anliegen hatte.

Uns jungen Burschenschaftlern wurde eine „Bude“ zur Verfügung gestellt – so nennt man das Vereinslokal, in dem man abends in entspannter Atmosphäre mit honorigen alten Herren des Establishments bei einem Bier saß. Natürlich mitten in der City, an einer Adresse, die sich ansonsten nur gut betuchte Anwaltskanzleien und Investmentfonds leisten können. Als Gegenleistung für all diese Benefits erwarteten die alten Herren von uns Jungen nichts anderes als bloße Treue gegenüber den althergebrachten Verbindungsprinzipien wie eben „Scientia“. Auf der Bude tranken wir nicht nur reichlich Bier, wir gaben uns auch kämpferisch und „chargierten“, d.h. wir schwangen in Couleurwichs und schwarz lackierten Stiefeln die Säbel – freilich nicht so wie die neorechten schlagenden Burschenschaften direkt ins Gesicht, das gäbe hässliche Schmisse und ließe einen dann für jedermann leicht als schlagenden Burschenschaftler erkennen,  während wir konservativen Burschenschaftler ja die Diskretion vorzogen. Zwar nur symbolisch reckten wir also die Säbel in die Luft, aber immerhin wild entschlossen zur intellektuellen Bekämpfung von allem, was draußen in der Welt unseren Verbindungsprinzipien zuwiderlief. Denn eines war klar: Unsere Seilschaft und der damit einhergehende Machtgenuss konnten nur weiterbestehen, wenn  alles beim Alten blieb. „Sozialistisches“, „Grüne“, „Linke“ und „Alternative“ waren uns daher suspekt und wurden bei jeder Gelegenheit verächtlich gemacht, ebenso wie Nicht-Akademiker.

Schon früh wurden wir in eine gut organisierte politisch-publizistische Arbeit eingebunden, in welcher wir in Medien, bei Podiumsdiskussionen und auf allen sonstigen Kanälen, die uns zur Verfügung standen, gegen drohende alternative Bewegungen Stimmung machten. Da unsere Seilschaft nahezu die gesamte Medienlandschaft umfasste und bis in den öffentlichen Rundfunk reichte, wurde uns bei Bedarf auch umstandslos binnen kürzester Frist ein Podium zur Verfügung gestellt, in welchem wir in Form von Interviews oder in ausgewählten Diskussionsrunden unsere Meinung und Weltsicht millionenfach multiplizieren und ins Wohnzimmer zum kleinen Mann senden konnten. Ich erinnere mich noch, wie ich als 18jähriger Grünschnabel durch Vermittlung eines Verbindungsoberen plötzlich im Fernsehstudio von einem der bekanntesten TV-Moderatoren des Landes als Fachmann zu einem Thema interviewt wurde, von dem ich in Wirklichkeit überhaupt keine Ahnung hatte. Mit Lampenfieber habe ich einige Worthülsen in die Live-Kamera gestammelt, von denen ich dachte, dass sie wohl schon mit der herrschenden Meinung übereinstimmen, die wir wissenschaftlich aufgeklärten Burschenschaftler in der Welt vertraten und mit der wir die „bildungsfernen Schichten“ belehren wollten. Was ich in die Kamera gesprochen habe, war eigentlich nur ignoranter Nonsens, für den ich mich innerlich geschämt habe, aber dem Schulterklopfen nach zu schließen, das ich nach dem Interview von meinen Kollegen erntete, dürfte ich den richtigen Tonfall getroffen und ganz im Sinne der Verbindung gewirkt haben. Einige gewichtige ältere Herren attestierten mir daraufhin sogar ganz ohne Ironie, dass ich mit meiner rhetorischen Gabe beste Ambitionen für eine politische Führungsfunktion oder ein diplomatisches Amt hätte.

Rückblickend kann ich jedenfalls voll und ganz bestätigen, was Noam Chomsky über die meinungsbestimmende Funktion der sogenannten Intellektuellen und akademischen Wissenschaftler konstatiert. Er nennt sie eine „Art säkulare Priesterschaft“ für die Machtelite, „indem sie Ideen, Pläne, Strategien, Werte, Theorien, Rechtfertigungen und Doktrinen für die ökonomischen und politischen Entscheidungsträger des Herrschaftssystems entwickeln und dem Rest der Bevölkerung verkünden, was sie glauben sollen.“

Chomsky: „Sie identifizieren sich mit den Interessen der Mächtigen und halten diese für ihre eigenen. Für ihren Dienst und für ihre Verinnerlichung und Verteidigung des Wertekanons und der Interessen der Machtelite erhalten sie einen gewissen Anteil an der Macht, des Reichtums, der Privilegien und des Prestiges. Damit bilden sie nicht nur einen zentralen Pfeiler des ideologischen Indoktrinationssystems, sondern sie sind vielmehr entscheidende Akteure des staatskapitalistischen Propagandasystems für die Herrschaftssicherung der Machtelite, weil sie die breite, weniger gebildete Bevölkerungsgruppe (rund 80 Prozent) ideologisch zum Gehorsam, zur Passivität, Konformität, Habsucht und Unterwerfung erziehen, indem sie diese in ihrem sozialen, kulturellen Verhalten, Wissen und Denken bzw. in ihrer Wahrnehmung entsprechend formen, disziplinieren und kontrollieren.

(…) Für die extrem indoktrinierten und gebildeten Schichten existieren intellektuell ´anspruchsvolle` Elite- und Leitmedien, die politische und ökonomische Gegebenheiten und Entwicklungen innerhalb des vorgegebenen ideologischen Indoktrinierungsrahmens der Machtelite darlegen und kommentieren. All dies dient auch dazu, den übrigen 80 Prozent der Bevölkerung die notwendigen Illusionen bzw. Lügen als Wahrheit zu verkaufen, hinter denen sich die handfesten Interessen der Machtelite verbergen. Denn diese Leitmedien liefern nicht nur die passenden Themen, Bilder und Informationen, sondern setzen vor allem den zu befolgenden ideologischen Rahmen zulässiger Meinungen und Ansichten über die Welt für alle weiteren Massenmedien.

Für den übrigen Teil der Bevölkerung, also die ´weniger gebildete` und zum Gehorsam erzogene Mehrheit, gibt es die anspruchslosen Massenmedien, die vor allem dafür zuständig sind, die Menschen zu unterhalten, zu amüsieren, abzulenken (Sport, Seifenopern, Boulevard, Comedy, Krimis etc.), und sie mithilfe bedeutungsloser (nationalistischer, chauvinistischer) Slogans und des Fernsehens zu apathischen, autoritätsgläubigen, kaufsüchtigen wie desinteressierten Konsumidioten zu formieren. So wird die Bevölkerung sozial atomisiert, fragmentiert und dadurch politisch marginalisiert.

(…) So wird die Bevölkerung sozial atomisiert, fragmentiert und dadurch politisch marginalisiert. Dies wird durch eine falsche, lügenhafte oder irreführende Darstellung politischer, sozialer, ökonomischer Tatsachen, Erklärungen und Zusammenhänge begleitet, die von Regierungen und Konzernen mithilfe der PR-Industrie sowie intellektuellen Experten als notwendige Illusionen produziert und verbreitet werden. Die breite Bevölkerung soll eben nicht über die Welt selbstständig nachdenken, sie soll sich noch viel weniger politisch einmischen, vielmehr soll sie sich darauf beschränken, die in der Werbung angepriesenen Waren zu konsumieren, um einen fremdgesteuerten Lebensstil zu imitieren und nachzueifern.“  (Link zu Chomsky Volltext-Rezension auf Nachdenkseiten: „Die Wachhunde der Machtelite“)

Nicht, dass wir Apostel der Scientia ein Zirkel dunkler Verschwörer gewesen wären, die auf der Studentenbude einen Hexenkessel rührten. Auch geht fehl, wer meint, dass uns jemand den expliziten Auftrag erteilt hatte, die Welt mit tendenziöser Meinungsmache zu manipulieren. Nein, als normgerechte, vom Förderband des Szientismus gelaufene Axolotl-Bürger wussten wir ganz von selbst, was zu tun war und widmeten uns dem auch mit voller Inbrunst. Wir waren smarte, aufgeklärte Kerlchen, fortschritts- und frackinggläubige Technik-Nerds, immer am  Puls der Zeit und natürlich bar aller Mythen, die wir am laufenden Band entblätterten bis schließlich von der Welt nichts mehr übrigblieb als nackte Realität und Burnout. Auch verstand ich nicht, warum von Seiten der Umweltschutzbewegungen und der Alternativen – um ihre Infostände an der Uni habe ich schon alleine wegen ihres ungepflegten, zotteligen Äußeren immer naserümpfend einen Bogen gemacht – soviel Kritik an den Konzernen und Banken geübt wurde. Habe ich doch die Mitarbeiter und Abteilungsleiter dieser Konzerne, mit denen ich im Zuge meiner Berufslaufbahn zu tun bekam, ausnahmslos als ebenso ausgeschlafene, clevere Kerlchen kennengelernt, die genauso wie ich der reinen Rationalität und Effizienz verpflichtet waren und überdies auch wesentlich mehr Humor und smarten Clooney-Faktor besaßen als die sauertöpfischen Ökoheinis und Gutmenschen. Waren die geschäftlichen Angelegenheiten besprochen, konnte man sich mit Seinesgleichen noch ungezwungen und auf bestem fachmännischen Niveau über die neuesten Cabrio-Roadster oder über exquisite Zigarillo-Manufakturen in Havanna unterhalten.

Insbesondere was schlecht an Großkonzernen wie Siemens sein sollte, habe ich nie verstanden. Als meine damalige Studienfreundin – ihr Vater hat bei Siemens gearbeitet und sie hatte daher einen gewissen Einblick in deren Geschäftspraktiken – mir zu Weihnachten ein Geschenk mit dem Aufkleber einer globalisierungskritischen NGO gereicht hat: „Übrigens, ich habe dir nichts von Siemens geschenkt, das ist nämlich eine ganz fiese Atomlobby“, habe ich nur die Nase gerümpft. Schließlich ist von Siemens gutes Geld an die Industrieanwaltskanzlei geflossen, für die ich bis spät nachts arbeitete, um lästige Mitbewerber des Elektronikriesen vom freien Markt zu verdrängen, der bekanntlich dem Tüchtigen gehört. Vom Geld aus dem Siemenshahn konnte ich mir ein stattliches Auto und feinen grauen Zwirn von Hugo Boss kaufen, beim Kauf von Premium-Produkten mit Öko-Gütesiegel durfte ich mich sogar besonders ökologisch und fortschrittlich fühlen.

Mitternächtlicher Arschlochalarm in der Disco

Als ich jedoch zu mitternächtlicher Stunde in besagter Disco stand, da traf es mich wie ein Blitz ins Gesicht: Eine junge Dame, die mich vom gegenüberliegenden Tresen anscheinend schon eine Weile beobachtet hatte, ging schnurstracks auf mich zu und schmetterte mir diesen einen Satz ins Gesicht, bevor sie sich wortlos wieder umwandte und mir den Rücken kehrte: „Du bist ein unglaublich  arrogantes Arschloch!“ Ich war perplex, warum sie das gerade mir an den Latz knallte, immerhin waren wir Burschenschaftler ja im Rudel unterwegs. Vermutlich hatte sie mich inmitten der anderen nadelgestreifen Verbindungsbrüder, die sich gerade ihre Schalkrawatte gelockert hatten und sich zurückgelehnt in Burschenschaftstracht, d.h. mit Couleurband und „Deckel“ am Kopf genüsslich am Erzeugen möglichst dicker Zigarrenrauchringe delektierten, ob seiner ostentativen Geschwätzigkeit und Präpotenz für eine Art Häuptling gehalten.

Ich bin der jungen Dame für ihre couragierte Aktion heute unendlich dankbar. Rückblickend hat sie meine dem Teufel bzw. der „Scientia“ geweihte Seele vor einem elenden Schicksal in Dantes Eishölle bewahrt. Und obwohl ich mich zunächst „cool“ gab und weiteralberte, spürte ich, dass mich etwas Authentisches und Grundehrliches bis ins Mark getroffen hatte, was langsam weitersickerte. Einhergehend mit einigen anderen schicksalhaften Fügungen in meinem Leben (siehe „Das Schicksal eines Bombenbauers als Vorbild für den Lebenslauf des Normalen Kleinbürgers“) führte es mich zur Einsicht, dass die Studentenverbindung, bei der ich Mitglied war, eigentlich das Gegenteil von alldem verkörperte, was mein wirkliches inneres Anliegen war. Wie Schuppen fiel es mir dann von den Augen: Eigentlich gibt es in unserer Zeit unendlich viel anzupacken, um die zwar auf Hochglanz polierten, aber zum Untergang verurteilten, jeder Nachhaltigkeit spottenden Strukturen unseres Polit- und Wirtschaftslebens umzugestalten, für eine  menschengerechte und lebenswerte Welt zu streiten, Kreativität und Alternativen zu entwickeln, während ich Vollpfosten mich jahrelang damit verdingt hatte mitzuhelfen, dass alles beim Alten bleibt und den zur Normalität erklärten Wahnsinn in Beton zu gießen.

Obwohl die Vereinsstatuten das gar nicht erlauben, bin ich daher aus dem elitären Zirkel der Burschenschaft wieder ausgetreten, ebenso wie aus meiner scheinbar fortschrittlichen, aber in Wirklichkeit fossilen Denkweise und akadämlichen Selbstgerechtigkeit. Es geht mir dabei allerdings nun so wie einem ehemaligen Alkoholiker nach dem Entzug: Er muss stets verdammt aufpassen, dass er nicht rückfällig wird. Wenn er mit dem Stoff seiner ehemaligen Sucht in Berührung kommt, merkt er, wie diese wieder ihre Tentakeln ausstreckt und ihn in den Abgrund ziehen möchte. Ebenso muss auch ich ständig auf der Hut sein, dass mein ehemals bis auf hybride Spitzen herangezüchteter szientistischer Intellekt auf jenem Platz im Keller sitzen bleibt, den ich ihm zugewiesen habe und wo er auch einen durchaus nützlichen Dienst versehen kann, sich jedoch nicht ins Oberstübchen meiner Persönlichkeit aufschwingt.

Leider sind junge Menschen mit der Geistesgegenwart solch junger Damen, die rechtzeitig Arschlochalarm geben, rar geworden. Immerhin hat ja sogar Tom Schimmeck bereits Arschlochalarm geschlagen – ganz hochoffiziell in einem Leitartikel der renommierten taz (siehe “Arschlochalarm unter der Berliner Käseglocke“). So einen Artikel konnte er sich wohl nur erlauben, da er selbst taz-Gründer war, ein Noname-Journalist wäre nach einer solchen Veröffentlichung umgehend einen Kopf kürzer gewesen. Schimmecks lesenswerter Alarmruf aus 2005 hat jedenfalls bis heute nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Aber anstatt Arschlochalarm zu geben, – womit man sich i.d.R. nur zeit- und nervenraubende Abmahnungen und Gerichtsprozesse einhandelt, feiern wir heute lieber Arschlochparties (dazu unten gleich mehr) und haben mächtig Spaß dabei. Schimmeck hat seinen Arschlochalarm gegeben, nachdem er als Journalist in der Berliner Innenstadt Konversationen mit führenden Leistungsträgern der akademischen Jurisprudenz geführt und Einblick in die herrschende Denk- und Meinungsfabrik (von Noam Chomsky bezeichnet als „manufacturing consent“) erhalten hat, deren schamloses Geschwurbel für ihn absolut unverdaulich war.

Mit dem Wort „Geschwurbel“ sind wir nach viel zu langer Vorrede nun endlich beim eigentlichen Thema dieses Artikels angelangt. Besagtes „Geschwurbel“ wird nämlich von einer Gilde selbsternannter Neo-Inquisitoren in jährlich wiederkehrenden Intervallen jenen Zeitgenossen vorgeworfen, die sich außerhalb der durch Chomskys „säkulare Priesterschaft“ abgesteckten Grenzen bewegen. Als Abweichler vom Mainstream der herrschenden Meinung wurde dieses Jahr auch der beliebte Kabarettist und Philosoph Roland Düringer ins Visier der szientistischen Inquisitoren genommen.

Und ebenso wie Halloween mittlerweile ein Fixpunkt des Jahres ist, war es vorletzte Woche wieder so weit: Parallel in Wien und Hamburg wurde der Schmähpreis „Das Goldene Brett vorm Kopf“ verliehen. Veranstaltet wird das mediale Kesseltreiben von der GWUP, einem Ableger der aus dem US Thinktank- und Atheisten-Verband hervorgegangenen „Skeptiker“-Bewegung („Thinktanks Committee for Skeptical Inquiry / CSI“), die sich im Zuge der Globalisierung der 80er und 90er Jahren mit zahlreichen Dependancen wie eben der GWUP auch in Europa ausgebreitet hat.  Die Bewegung beruft sich auf rein wissenschaftliche Methodik und naturalistische Erklärungen des Daseins.

Öffentlich bloßgestellt werden sollen mit ihrem Negativpreis nicht nur Personen, die „unwissenschaftliche Behauptungen“ aufstellen, sondern auch „Verschwörungstheoretiker“  bzw. Personen, die mit ihren Theorien „das politisch-gesellschaftliche Gefüge gefährden“ sowie „Sektierer“ – das Mittelalter und der Scheiterhaufen für den „Ketzer“ lassen grüßen. Bei der Preisvergabe spielten unter anderem der „Grad der Abwegigkeit“ der vertretenen Theorien eine Rolle. Entsprechende Presseaussendungen der GWUP werden von den Medien weitgehend unredigiert abgedruckt und dürfen in ihrem Verdikt über abweichende personae non grata wie eine akademische Autorität dastehen, während die an den Pranger gestellten Menschen quasi für nicht ganz dicht und vogelfrei erklärt werden. Bereits die Grafik zur Nominierungsliste auf der GWUP-Website drückt aus, was von denjenigen Personen, die ins Fadenkreuz der GWUP-Jury geraten, zu halten ist: Ein stilisiertes Foto zeigt einen schmächtigen Mann mit Brett vorm Kopf, auf dessen kahlgeschorenem Haupt sich nichts anderes befindet als ein gelber Vogel.

Da die medialen Seilschaften in akademischen Interessensgemeinschaften heute scheinbar immer noch so gut funktionieren wie zu meiner Burschenschaftszeit, wird das Event rund um die Verleihung des „Goldenen Bretts vorm Kopf“ ebenso wie des Berliner Pendants „Der Goldene Aluhut“ von vielen Leitmedien eifrig publiziert. Der Spiegel  betitelt die Diffamierungsveranstaltung etwa ganz unkritisch mit „Wer ist der Doofste im ganzen Land?“ – anscheinend dürfen im Spiegel und anderen „Leitmedien“ mittlerweile Volontäre aus der Generation Doof ohne Aufsicht ihrer Mentoren Artikel schreiben.

Zurück aber zum Hauptkandidaten Roland Düringer. In der Tat ist sein Profil schillernd. In seinen früheren Rollen wie z.B. als Benzinbruder oder als Joschi Täubler im Kaisermühlen Blues verkörperte Düringer stets den einfältigen „Proll“, der sich in klassischer Manier um seinen eigenen Hintern dreht und sich bei Autos, Frauen und Geldverdienen „auskennt“. Auch als Privatmensch erschien er nach außen hin vielen als schlichtes Gemüt. Er nannte einen riesigen Fuhrpark an Autos sein eigen, den er stetig erweiterte und wie einen Fetisch polierte. Scheinbar hatte jedoch auch Düringer im Laufe seines Lebens irgendwann ein Arschlocherlebnis der oben genannten Art. So hat er dann auch seinen Fuhrpark, mit dem er bisher ständig in der Presse war, plötzlich als unnötigen Plunder erkannt und verkauft. In den Zeitungen erfuhr man dann, dass er sich sozial, ökologisch und politisch engagiert, dem „Verein gegen Tierfabriken / VGT“ spendete er etwa eine größere Summe. Seine Kabarett-Auftritte waren von nun an nicht nur Jux, sondern hatten beachtlichen philosophischen Tiefgang, in seiner Puls4-Show „Gültige Stimme“ führt er Interviews mit alternativen Denkern wie Harald Welzer und Christian Felber, die zum Nachdenken anregen. Seinen Talkgästen stellt er immer dieselben vier Fragen: Was ist ein gutes Leben? Was steht dem im Wege? Was braucht es, um die Hindernisse abzubauen? Und: Was ist eine gültige Stimme?

Mit einem Wort: Er will die von Noam Chomsky konstatierte Apathie durchbrechen und beim Publikum differenziertes Denken anregen. Und das geht gar nicht. Dass sich jemand, auf dessen volle Kraft zur Unter-Haltung der Bevölkerung man bisher zählen konnte, nun um 180° umgedreht hat und seine Kraft und Intelligenz neuerdings dem Aufwecken der Bevölkerung aus der Unterhaltungsnarkose und dem zur Normalität erklärten Alltagswahnsinn widmet, ist natürlich ein No-Go. Als er nach seiner jüngsten Protestpartei-Gründung „Meine Stimme gilt“ (die aufgrund Düringers Popularität beste Chancen hat, ins österreichische Parlament einzuziehen und deren einziges Ziel es ist, den etablierten Machtstrukturen die Geldflüsse zu entziehen – „das einzige, was denen weh tut“ – ) in einem Interview vom jungen Moderator der Gruppe42 gefragt wurde, ob er denn keine Angst davor habe, dass man ihn deswegen nun durch gezielte Kampagnen diskreditieren und z.B. als Spinner ausbooten werde, hat Düringer noch lächelnd abgewunken (siehe YouTube). Wenige Tage nach diesem Interview war es dann bereits soweit. Düringer wurde auf die mediale Streckbank gespannt und ihm die glühende Spinnerzange vors Auge gehalten.

In der inquisitorischen Anklageschrift des GWUP-Verfahrens wird ihm nun konsequenterweise vorgeworfen, dass er „mit Verschwörungstheorien kokettierte“ und über seine Puls4-Talkshows „Gültige Stimme“ Menschen breitenwirksam zum Nachdenken bringe. Vermutlich haben die GWUP-Schergen mit besagtem Kokettieren das unten verlinkte Interview Düringers mit dem Wirtschaftswissenschaftler Rico Albrecht auf Puls4  gemeint, in dem sich Düringer in verschmitzt-virtuoser Weise darüber hinwegsetzt, dass ihm die Programm-Macher zuvor einen Maulkorb erteilt haben (er dürfe in der Sendung um Mitternacht alles machen, aber auf keinen Fall „Verschwörungstheorien“ bringen). Es lohnt sich übrigens, das ganze Interview mit Rico Albrecht anzusehen, man hat danach inmitten des Chaos der Tagesnachrichten wieder Mut und Lust auf Zukunft: Er vergleicht die derzeitige Phase der Menschheit mit einem Metamorphoseprozess, den auch eine Raupe durchgeht. Aus der Biologie wisse man, wie im Organismus der Raupe einige erste Schmetterlingselemente entstehen, die aber vom Immunsystem des alten Tieres sofort bekämpft und ausgetilgt werden. Doch dieses Eliminieren funktioniere nur, solange die neuen Schmetterlingsteilchen, die sich entwickeln wollen, vereinzelt sind. Sobald sie anfangen, sich zu vernetzen und miteinander zu kommunizieren, kann sie das alte System nicht mehr überwältigen und sie schaffen es, den Raupenorganismus vollständig zu verwandeln. Diese Verwandlung könne dann sogar in sehr schneller Zeit vor sich gehen. Albrecht meint, dass wir uns in genau dieser Phase befinden, wo auch das alte retardierende System trotz aller Manipulations- und Repressionsversuche immer machtloser wird. Und dass jeder einzelne von uns dazu beitragen kann, indem er sich offen über die Dinge zu reden wagt, an die er glaubt.

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Die Meinung der GWUP zu Düringers oben verlinktem Interview: In seine Puls4 Talkshow lud er unter anderem Verschwörungstheoretiker und Alternativmediziner ein und bot damit – ohne auf den ersten Blick als Schwurbler erkennbar zu sein – gefährlichen antiwissenschaftlichen Behauptungen eine große Plattform.“ (Es möge sich nach dem Ansehen des obigen Videos jeder selbst seine Meinung über die Substanz der GWUP-Anklageschrift bzw. über die „Gefährlichkeit“ und „Antiwissenschaftlichkeit“ Düringers bilden.)

In einer Video-Antwort auf die GWUP-Nominierung kontert Düringer mit einer Mischung aus Humor und Nachdenklichkeit. Zunächst bedankt er sich bei denjenigen Menschen, die in unserem Staat nach den Erfahrungen einer sehr dunklen Zeit rechtsstaatliche Prinzipien verankert haben, andernfalls man unliebsame Personen wie ihn heute immer noch am Scheiterhaufen „warm entsorgen“ würde. Gleichzeitig weist er in seiner Video-Replik auch auf die inneren Beweggründe von Menschen hin, die Gefallen daran finden, andere zu diffamieren und rufzumorden: Im Grunde sei es Angst – existenzielle Angst, im neoliberalen Rattenrennen übrigzubleiben, weshalb es viele vorzögen, feige beim Herbeitragen von Scheiterholz mitzuhelfen als selbst am Scheiterhaufen zu landen.

Im Übrigen ging der GWUP-Hauptpreis letzte Woche dann doch nicht an den nominierten Düringer, sondern an den als Krebs-Wunderheiler verschrienen ehemaligen Arzt Ryke Geerd Hamer. Dass man Hamer aus der Mottenkiste ziehen musste, der bereits vor über 30 Jahren ausgiebig durch den medialen Kakao gezogen wurde und nach dem heute eigentlich kein Hahn mehr kräht, zeigt, dass es anscheinend gar keine ernstzunehmenden Alternativmediziner mehr gibt, auf die es lohnt, mediale Jagd zu machen. Aber so dienen klischeebehaftete Personen wie Hamer immerhin dazu, um den GWUP-Diffamierungskessel mit möglichst abstrus erscheinenden Köpfen zu füllen, mit denen auf ihren guten Ruf bedachte Personen und Institute in der Regel nicht in einem Atemzug genannt werden möchten.

Durch Vorhalten dieser glühenden Spinner-Zange will man auch gewichtige Umweltschutz-NGOs und staatliche Einrichtungen zum Abschwören ihrer Ketzerei und auf Linie mit der szientistisch-nihilistischen Weltsicht der Skeptiker bewegen. Auf der diesjährigen GWUP-Nominierungsliste für das Goldene Brett vorm Kopf finden sich etwa auch Greenpeace  (wörtliche Begründung: „wegen ihrem prinzipiellen Widerstand gegen Gentechnik“) sowie Ärztekammern und Krankenkassen.

Überhaupt scheint das ritterliche Eintreten für Gentechnik ein besonderes Anliegen der GWUP zu sein. In der jüngsten Ausgabe des „Skeptikers“, der Zeitschrift der GWUP, findet sich als Schwerpunkt-Thema: „Wie Gentechnik-Gegner den Entwicklungsländern schaden“. – Tja, wirklich, da sollte man schleunigst etwas unternehmen gegen diese gefährlichen Fortschrittsverweigerer, die Gentechnik ablehnen (zum Alltag in vorgenannten Entwicklungsländern, wo verzweifelte Bauern aufgrund von Gentechnik-Saatgut bereits zu Hunderttausenden Selbstmord begangen haben, könnte ich jetzt einiges erzählen. Ich habe einen Freund, der in Indien vor Ort Entwicklungshilfe leistet und Erschütterndes berichtet, aber damit würden wir jetzt zu weit abschweifen. Wer genügend starke Nerven hat, kann sich zu dem Thema auch eine ARD-Doku  ansehen).

Doch nicht nur Gentechnik-Verweigerer werden von den „Skeptikern“  angeprangert. Auf der digitalen GWUP-Prangerliste finden sich auch der Biolebensmittelhändler Alnatura sowie die Ärztekammer und die Techniker-Krankenkassa, weil sie Homöopathie und Alternativmedizin unterstützen. Warum insbesondere Homöopathie & Co. auf der Abschussliste stehen, wird eventuell erklärlich, wenn man die Sponsorenliste des GWUP-Prangers  studiert: Ganz oben dabei ist etwa „The Cochrane Collaboration“, eine über 130 Ländern ausgebreitete Organisation, die „sich dafür einsetzt, dass Entscheidungen in der Gesundheitsversorgung besser werden“. In der Tat sollte sich die Collaboration schleunigst ins Zeug legen, um unsere Gesundheitsversorgung zu verbessern. Denn lt. Statistik der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene infizieren sich in Deutschland derzeit rund eine Million Menschen pro Jahr mit multiresistenten Krankenhaus-Keimen / MRSA, gegen die kein Antibiotikum mehr hilft (siehe ARD-Doku „Operation gelungen – Patient tot“),  ca. 40.000 Patienten sterben daran. Laut dem „Review on Antimicrobial Resistance“ könnten bis 2050 weltweit zehn Millionen Menschen pro Jahr an nicht mehr behandelbaren Infektionen sterben. „Wenn wir das Problem nicht lösen, steuern wir auf Zeiten wie im Mittelalter zu. Viele Menschen werden sterben“, warnt der Ökonom Jim O’Neill, der die Recherchen zu dem Bericht leitete, gegenüber der BBC (siehe Bericht).

Die genannte Bakterienresistenz, die uns schon demnächst wieder ins medizinische Mittelalter befördern könnte, ist nicht nur eine direkte Folge leichtfertigen Umgangs mit Antibiotika in der ärztlichen Praxis und der Tiermast, sondern lt. Kommentar von Jens Berger auch ein Ergebnis der neoliberalen Renditeorientierung im Krankenhausbereich und der Kritiklosigkeit der Medien. Aber welche Medien können es sich heute schon leisten, es sich mit der Pharmaindustrie als einem ihrer stärksten Anzeigenkunden zu verscherzen? Da verlegt man sich lieber auf die ausführliche Berichterstattung über GWUP-Pastafari-Aluhut- Events. Alleine das Kesseltreiben zur Nominierung rund um die Schmähpreise hat dieses Jahr in den großen Medien wie Spiegel, Stern, Focus, Bild & Co. mehr Raum erhalten als die alljährliche Verleihung der Nobelpreise.

Die auf uns zukommende Bakterienresistenz erscheint jedenfalls wie eine Problemstellung apokalyptischen Ausmaßes – auch der GWUP darf man es daher nicht übel nehmen, wenn sie sich lieber der Bekämpfung von Alternativmedizinern, homöopathischen Ärzten und naturheilkundlichen Ambulanzen widmet. Gar Schreckliches meldet die GWUP etwa über eine neben Düringer auf der Brett-vorm-Kopf-Liste angeprangerte  alternative Krebsklinik „Brüggen-Bracht“, in der im Jahr 2016 drei Patienten verstarben, die mit einem nicht als Krebsmedikament zugelassenen Naturheilpräparat behandelt wurden (besagte Klinik ist bekannt dafür, dass sie auch als austherapiert geltende Krebspatienten übernimmt, also Personen, die mit größter Wahrscheinlichkeit ohnehin innerhalb kürzester Frist gestorben wären). In der Süddeutschen wird berichtet, dass jedes Jahr mehr Menschen an Nebenwirkungen von schulmedizinischen Medikamenten sterben als im Straßenverkehr. Laut Auskunft des Instituts für klinische Pharmakologie an der Universität Hannover beträgt die Anzahl der Pharmatoten alleine in Deutschland jährlich etwa 58.000, wobei die Todesfälle bei verantwortungsvollerer ärztlicher Verschreibepraxis zu mindestens fünfzig Prozent vermieden werden könnten (siehe Welt). Zusätzlich zu den MRSA-Toten gibt es in Deutschland  laut Expertenschätzung ca. zwei Millionen Behandlungsfehler in schulmedizinischen Kliniken und Praxen (siehe Welt), laut offiziellem AOK Krankenhausreport enden ca. 18.000 dieser Fehlbehandlungen tödlich für den Patienten.

Aber wen juckt das schon? Schulmedizin ist aus Sicht der GWUP-Skeptiker ja bedingungslos gut, skeptisch ist man nur gegenüber Alternativmedizinern. Wer Schulmedizin kritisiert, ist Verschwörungstheoretiker  – über die historischen Wurzeln des Diskurskeulenworts „Verschwörungstheorie“, mit dem heute jede unliebsame Tatsachenbehauptung umgehend im Keim erstickt werden kann, siehe ein aktuelles Interview mit dem Publizisten Mathias Bröckers. Nach seiner Einschätzung steht der Affront „Verschwörungstheoretiker“ auf der nach unten offenen Denunziations- und Diffamierungsskala nur noch knapp über „Kinderschänder“ (siehe dazu auch ein Interview mit dem Friedensforscher Daniele Ganser: „Vorsicht, Verschwörungstheorie!“)

Auch im Fall Roland Düringer war ihm ja neben dem Bilden von Verschwörungstheorien als weiteres Nominierungskriterium für das „Brett vorm Kopf“ angelastet, dass er die Pharmaindustrie kritisiere, insbesondere die geschäftlichen Ambitionen zu frühkindlichem chemisch-pharmakologischem „Tuning“ durch die Chomsky’schen Experten von Baxter & Co.  – ohne Zweifel ein weiteres No-Go (zum diesbezüglichen Selbstverständnis der Pharmaindustrie siehe das aktuelle Essay von Götz Eisenberg: „Pharmakologischer Seelenmord“, wonach in der ärztlichen Verschreibepraxis gerade die letzten Hemmungen fallen, um bereits Kleinkindern und schreienden Babys Sedativa und andere psychoaktive Substanzen zu verabreichen, die tief ins Zentralnervensystem eingreifen; er schildert, wie z.B. „Atosil“ früher Menschen verordnet wurde, die als schizophren galten, während es heute als Beruhigungs- und Schlafmittel zum Einsatz kommt).

Von einem Onkologen weiß ich überdies, dass es schulmedizinische Chemotherapien gibt, deren Mortalitätsrate über 99% liegt. Ist es angesichts solch geringer Überlebenschancen wirklich so abwegig, dass sich ein Patient dafür entscheidet, lieber ein Naturheilverfahren anzuwenden? Immerhin hat ein Patient ja auch das Recht, eine Chemotherapie ersatzlos zu verweigern. Selbstbestimmungsrecht des Patienten war für GWUP-Szientisten anscheinend gestern. Genauso wie man sich neuerdings darin gefällt, die grundrechtlich verbrieften und über die Jahrhunderte buchstäblich unter Schweiß, Blut und Tränen errungenen Rechte auf freie Meinungsäußerung sowie auf Glaubens- und Gewissensfreiheit mit Füßen zu treten und über Bord zu werfen.

Denkwürdig auch, dass sich die GWUP-Community über drei Krebstote pro Jahr in einer alternativen Klinik empört, aber die Forderung des vor kurzem abgeschiedenen GWUP-Mitglieds und Präsidenten der „Gesellschaft für Kritisches Denken“, Heinz Oberhummer, nach einem Recht auf Mitwirken von Ärzten beim Suizid als etwas besonders Fortschrittliches preisen. Eine entsprechende Vereinsgründung Oberhummers zur Suizidbeihilfe wurde zunächst von der Landespolizeidirektion abgelehnt, wogegen dann Beschwerde beim Verwaltungsgericht eingelegt wurde.  In den Vereinsstatuten führte der Astrophysiker als Zielsetzung an, dass der Verein beim Suizid beraten wolle.

Frägt sich nur, nach welchen Kriterien bzw. nach welchem Weltbild der GWUP-Vordenker  potenziell lebensmüde Menschen beraten würde? Oberhummer war Physiker mit Schwerpunkt  nukleare Astrophysik, hätte also im Bereich Sterbeethik wohl unzweifelhaft dieselbe Fachkompetenz besessen wie der Vakuumpumpen- und Kompressorspezialist Norbert Aust, der sein Herzblut seit seinem Ausscheiden aus dem Maschinenbau nun der Bekämpfung der Homöopathie widmet und politische Forderungen der GWUP nach Verbot von Homöopathie und alternativmedizinischen Richtungen an oberster Stelle unterzeichnet (siehe z.B. „Freiburger Erklärung zur Homöopathie“ oder „Forderungen der GWUP an Politik, Krankenkassen und Ärzteverbände“).

Doch bleiben wir beim Suizid und dem Weltbild der GWUP/Skeptiker, es erklärt uns einiges über den Antrieb ihres Handelns. „Das Universum ist eine Scheißgegend“, so nannte Oberhummer ein Bühnenprogramm und gleichnamiges Buch, das er mit seinen Kommilitonen Martin Puntigam und Werner Gruber der breiten Öffentlichkeit präsentierte. Oberhummer muss Bescheid wissen, schließlich ist er doch Astrophysiker, ebenso sein Partner Werner Gruber, seines Zeichens ebenfalls Physiker und Direktor gleich dreier Sternwarten. Selbst wenn also die Gucklinse einer seiner Sternwarten verschmiert sein sollte, so stünden ihm somit noch zwei weitere Verifikationsmöglichkeiten zur Verfügung, um die tatsächliche Existenz der von Präsident Dr. Oberhummer postulierten Scheiße empirisch abzusichern.

„Erziehende Unter-Haltung“ und das Credo des Szientismus

In „Das Universum ist eine Scheißgegend“, das unter anderem in einer regelmäßigen TV-Show des staatlichen Rundfunks ORF mit hoher Einschaltquote ausgestrahlt wird, hat Oberhummer nach streng wissenschaftlichen Kriterien ausgerechnet, aus welcher Höhe der Heilige Geist als Taube fallen muss, um auf der Erde innen gar und außen knusprig anzukommen: 71 Kilometer. Weitere Fans sammelten die sympathischen Herren mit Aftershow-Vorstellungen zu GWUP-Tagungen z.B. mit „Kreuzigungsparty“-Programmen („Crucifiction party – Die Physik des Christentums“), in welchen letzte Fragen, die die Menschheit bisher bewegt haben, aus fachkundigen Mündern nun endlich für gelöst oder zumindest für erledigt erklärt werden: „Kann ein Erzengel fliegen? Wieviel Jesus-Atome stecken in jedem von uns? Kann man mit Antimaterie die Auferstehung erklären? Wie bastelt man sich ein Blutwunder für zuhause? Wie wandelt man über Wasser? Und wie kreuzigt man Licht?“

Schenkelklopfen und prustendes Lachen sind also beim Wissenschaftskabarett der „Science Busters“, bei dem es auch niemals an deftigen Seitenhieben gegen Homöopathie („dem homöopathischen Vollrausch für Schüttler“) und sonstigen „esoterischen Unsinn“ mangelt, unzweifelhaft garantiert. Die Science Busters bezeichnen ihre Homöopathie- und Esoterik-Verarsche selbst als „massentaugliches Edutainment“, frei übersetzt also als „erziehende Unter-Haltung“ und gehen damit auf voller Linie d’accord mit dem, was auch der GWUP-Sponsor „The Cochrane Collaboration“ als eine seiner höchsten Prioritäten bezeichnet: dass „wissenschaftliche und laienverständliche“ – (A.d.V.: also auch fürs bildungsferne Fußvolk mundgerecht aufbereitete-) „Zusammenfassungen wissenschaftlicher Publikationen verbreitet werden“. Obwohl es heute in der Tat tausenderlei wichtige Tatsachen gäbe, die man der Allgemeinheit verständlich darlegen sollte, so wissen wir ja bereits aus dem eingangs zitierten Werk von Noam Chomsky, dass die führenden politischen und akademischen Schichten daran in Wirklichkeit wenig Interesse haben, liefe eine solche Aufklärung doch ihren vitalen Interessen bzw. ihren gutgehenden Geschäften mit Umwelt und Humanressourcen zuwider.

Außerdem braucht das neoliberale Geschäftsmodell in seiner Ambition zur restlosen monetären Ausschlachtung aller Umwelt- und Humanressourcen eine passende Weltsicht,  sonst gäbe es angesichts der mit dieser Ausschlachtung einhergehenden Umweltzerstörung und dem menschlichen Elend demnächst einen kollektiven Aufstand. Das Edutainment der Science Busters ist daher ein willkommenes Vehikel, um unsere Kinder vorm Fernseher zu strammen Szientisten zu erziehen, die – freilich hemdsärmelig und immer einen legeren „Schmäh“ auf den Lippen – bereit sind, die letzten verbliebenen Ressourcen zu fracken, die diese „Scheißgegend“ unseres blauen Planeten hergibt.

Der FAZ-Korrespondent Reinhard Bingener fasst nach einer Buchpräsentation auf einem Kongress der Giordano Bruno Stiftung, einer der Speerspitzen des Koordinierungsrats säkularer Organisationen (KORSO), die wesentlichen Direktiven zusammen, die im Zuge der szientistischen Aufklärung Eingang in die Köpfe des postmodernen Menschen finden sollen: „Die Autoren des Buches deklinieren die Evolutionstheorie bis in die Grundfragen der Lebensführung herab: Was dürfen wir nicht mehr glauben? Was sollen wir essen? Wie können wir es treiben? – es soll eine fröhliche Wissenschaft sein.“

Reduziert auf seine Essenz lautet daher das unermüdlich gepredigte Credo des Szientismus:

„Mensch und Welt sind nur geistlose Kohlenstoffzusammenballungen,
ergo ist alles Wurst,
ergo können Mensch und Umwelt nach reinen Effizienzkriterien ausgeschlachtet werden.“

Von Kindesbeinen an missioniert durch dieses Credo, können wir uns damit endlich durch eine Welt bewegen, in der nichts mehr heilig, sondern alles der ökonomischen Verwertungslogik unterstellt ist. Frisch vom Förderband des MINT-Studiums gelaufende Jung-Szientisten können  mit diesem Credo im Kopf durch die Welt surfen wie jener hühnerbrüstige Proponent in Steve Cutts vieldiskutiertem Cartoon „Man“ (siehe unten), der mit einem McKinsey-Zauberstab überlegen lächelnd von Quartalsgewinn zu Quartalsgewinn tanzt und dabei die Welt in eine abgewrackte, genmanipulierte Müllhalde verwandelt. – Der Prototyp des Fabulous Fab, der jeden Wake up call smart wegwischt wie ein unerwünschtes Tinder-Konterfei auf seinem iPhone.

Um den Bürgern dieses – an sich stumpfsinnige und daher sogar für den fernsehenden Dosenbierbürger wenig attraktive – Credo des Szientismus einzupläuen, bedarf es schlauer Köpfe. – Die uns durch streng wissenschaftliche, und daher unwiderlegbare Studien beweisen können, dass schwarzer Kaviar den gleichen Lichtabsorptionskoeffizienten aufweist wie Schuhpasta und dass die unter dem Rasterelektronenmikroskop ersichtliche Gensequenz von Menschen im Prinzip auch nicht viel anders ist als die von Ratten (siehe Nachrichtenspiegel: „Rat Race & Rape Culture Club Köln“). Jüngst erklärtes Ziel der Science Busters ist es, an den Universitäten einen eigenen Studienzweig für „Wissenschaftskommunikation“ zu etablieren. Dem Molekularbiologen und Science Buster-Mitglied Helmut Jungwirth ist es bereits gelungen, für diese Disziplin eine vollwertige Universitätsprofessur zu ergattern (siehe Bericht im Standard: „An der Uni Graz lehrt er Studierenden, wie sie schwierige Themen einfach kommunizieren.“)

Es wird also nicht mehr lange dauern, bis das Credo des Szientismus tief in unsere Molekularbiologie eingegraben und Teil des kollektiven Gen-Codes wird. Menschen und alternative Weltanschauungen, die mit dem vorgenannten Credo nicht kompatibel sind, bedeuten nur Sand im Getriebe des Utilitarismus und der totalen Effizienz. Zu deren Ausgrenzung aus dem gesellschaftlichen Dialog erweisen sich gezielt eingesetzte Keulenbegriffe als probates Mittel, um auf eine weitere Auseinandersetzung  mit alternativen Meinungen seiner Mitmenschen verzichten zu können und sie umgehend aus dem Verkehr zu ziehen. Im Mittelalter der „Ketzer“, in der NS-Zeit der „Jude“ und „Asoziale“ oder in der McCarthy-Ära der „Kommunist“ – eine Denunziation mit dem jeweiligen (systematisch konditionierten) Signalwort reichte, um die Existenz ungezählter Menschenschicksale zu vernichten. Womöglich wird in den Geschichtsbüchern der Zukunft auch einmal das – jüngst auch in der Anklageschrift gegen Düringer verwendete – Attribut „antiwissenschaftlich“ vermerkt sein, das im Zeitalter des nihilistischen Szientismus ausgereicht hat, um alternative Denker und verquere Fortschrittsverweigerer in Dachau unter Dach und Fach zu bringen.

Neben dem fachmännisch etablierten Keulenbegriff „Verschwörungstheoretiker“ dient auch das schon von klein auf im kirchlichen Religionsunterricht herangezüchtete, eigentlich vollkommen unsubstantiierte Wort „Sekte“ als K.O.-Spray gegen alle politisch unerwünschten Personen, die man von der Bildfläche haben will. Wörtlich übersetzt bedeutet Sektierer nichts anderes als jemand, der von der herrschenden Meinung „abgespalten“ bzw. „abgewichen“ ist, insofern Sokrates der Prototyp eines Sektierers war und sich der Stadtrat durch dieses Abgewichensein von der herrschenden, inzwischen dekadenten Meinung so in seinem Selbstverständnis gestört fühlte, dass man Sokrates mit einem Schierlingsbecher aus dem Leben zwang. Wie man anhand von Gandhi, Martin Luther King oder Thomas Sankara weiß, können neue Sichtweisen schnell zu einem Lauffeuer werden und etablierte Machtverhältnisse hinwegfegen; man ist daher gut beraten, sie möglich gleich im Keim zu ersticken bevor sie Furore machen. Um dem vorzubauen, hat man heute die Angst vor Menschen, die neue Sichtweisen über das Leben bringen, bis zur Hysterie gesteigert. Um jemanden ins Abseits zu befördern, braucht man gar nicht mehr argumentieren, was  an seiner Person so besonders verwerflich sein soll, sondern alleine der Vorwurf, ein „Abweichler“ bzw. „Sektierer“ zu sein, genügt, um beim gemeinen Volk, das in bester Chomsky’scher Manier von der säkularen Priesterschaft der Meinungsmacher konditioniert wurde, alle Pawlow’schen Beissreflexe hochkochen zu lassen. Während SuperGAUs von Kernkraftwerken, der von Edward Snowden enthüllte Verfassungs-SuperGAU oder der drohende Finanz- oder MRSA-SuperGAU bei den meisten Menschen nur Achselzucken bewirken, so ist selbst der verschlafenste Fernsehbürger beim Vernehmen des Wortes „Sekte“ sofort hellwach, bereit die Mistgabel aus dem Keller zu holen und die Hand zur  Lynchjustiz zu reichen. Folgerichtig hat sich die GWUP in ihren Vereinsstatuten auch die Bekämpfung von „Sekten“ zur Aufgabe gesetzt. Und das, obwohl die GWUP in der Wochenzeitung „Die Zeit“ selbst als „Politsekte“ bezeichnet wird. Auch in der Bloggerszene wird die GWUP nach anfänglich eher unkritischer Rezeption zunehmend als Propagandasekte bezeichnet.

Ein Aussteiger aus der GWUP-Sekte, Dr. Edgar Wunder, hat in der Tat Gräuliches zu berichten. In seinem Aussteigerbericht schildert er ein infames Indoktrinationssystem, das sich „als Kampfverband gegen alles versteht, was der etablierten Wissenschaft zuwiderlaufe“. GWUP-Mitglieder würden einen Weltanschauungskampf ohne hinreichende fachliche Kenntnis führen und selektiv und unsachlich argumentieren. An wissenschaftlichen Untersuchungen von Parawissenschaften seien sie höchstens insofern interessiert, als deren Ergebnisse „Kanonenfutter“ für öffentliche Kampagnen liefern könnten. Anstelle von Dialogbereitschaft agiere die GWUP mit bloßer ingroup-outgroup-Polarisierung mit dem Ziel,  unerwünschte Personen medienwirksam zu diskreditieren.

Auszug aus Edgar Wunders rückblickender Analyse der GWUP (siehe Volltext auf skepizismus.de):

„… Andersdenkende  werden pathologisiert. Ihnen wird ein Mangel an kognitiven Fähigkeiten („Spinner“, „Dummköpfe“, „geisteskrank“ usw.) oder kriminelle Absichten unterstellt („Betrüger“, „Scharlatane“ usw.). Damit einher geht nicht selten Repressionsbereitschaft, der Ruf nach den Gerichten, nach dem Staat, nach aggressiven Kampagnen, um z.B. zu erreichen, dass bestimmte Personen etwa in Volkshochschulen nicht mehr eingeladen werden u.a.m.“

 „Es geht um Mission und Advokatentum …  mit letztlich politischen Zielen, nämlich der eigenen Vorstellung von „Rationalismus“ in der gesamten Gesellschaft zum Durchbruch zu verhelfen. Man müsse sich hinsichtlich des Vorgehens deshalb auch bei politischen Parteien ein Vorbild nehmen… Im Rahmen einer solchen Auffassung befindet sich die eigene Gruppe in einer steten Kampfsituation … entsprechender Konformitätsdruck wird in der ‚ingroup‘ ausgeübt.“

Dr. Wunder muss wissen wovon er redet – er war selbst eines der Gründungsmitglieder der GWUP und Redaktionsleiter der Vereinszeitschrift „Der Skeptiker“. Als er nicht mehr mitansehen konnte, wozu sich die GWUP-Organisation im Laufe der Zeit entwickelt hat, ist er ausgestiegen. Auch Carl Sagan, Gründungsmitglied der Skeptikerbewegung CSICOP, kritisiert mittlerweile  die Vorstellung der Skeptikerbewegung, ein „Monopol auf die Wahrheit zu besitzen und die anderen Menschen als unvernünftige Schwachköpfe zu betrachten“. Vom Aussteiger Wunder erfahren wir auch, dass die GWUP ihre Angriffe auf unerwünschte Personen/Institutionen des öffentlichen Lebens mit geistesverwandten Organisationen wie z.B. dem Atheistenbund strategisch koordiniert und Aufgaben verteilt, wer in welchem Fall effektiver bzw. medienwirksamer zuschlagen kann. Auch seien demokratische und individuelle Meinungsbildung in den Vereinssitzungen oder gar Abstimmungen laut Aussage eines GWUP-Vorstandsmitglieds „unnötiger Luxus“, auf den man getrost verzichten könne, da die Aufgaben der GWUP andere seien und kontroverses Diskutieren nur das entschlossene Vorgehen gegen die ins Visier gefassten Gegner schwächen würde.

Der moderne Ketzer am medialen Scheiterhaufen

Bleiben wir beim vorangehend zitierten Terminus „Kampfsituation“ und seiner Konsequenz. Um Gegner in einer „Kampfsituation“ aus dem Feld zu drängen, darf man nicht zimperlich sein, sonst wird das nichts. Ganz in Manier alter Schule hat etwa vor kurzem Präsident Erdogan in seinem Land die Menschenrechtskonvention außer Kraft gesetzt, „um effektiver gegen politische Gegner vorgehen zu können“ (siehe diePresse). Ohne damit noch eine wahrnehmbare Empörung hervorzurufen, wird diese Maßnahme von manchen Medien schlicht als „Säuberung“ bezeichnet (siehe heute). Dass eine solche Säuberung für viele Menschen Folter und existenzielle Vernichtung bedeutet, braucht den zeitunglesenden Bürger, der dann über die gesäuberten Gehsteige der Stadt spaziert, nicht zu bekümmern. Und beim nächsten Staatsempfang wird auch das Blut, das an den Stiefeln der Machthaber und ihrer exekutiven Dienerschaft klebt, wieder gesäubert sein. Nur der im Botschafts-Entree ausgerollte Teppich wird rot sein, alles andere spiegelblank gebohnert. Angesichts solch repräsentativer Sauberkeit und Professionalität darf es nicht verwundern, dass viele Medien die Presseaussendungen der Erdogan-Regierung ebenso unredigiert abdrucken wie die Presseaussendungen der GWUP.

Was zu tun ist, um eine Gesellschaft zu „säubern“, wissen absolutistisch denkende Funktionäre nur zu gut, es war in der Geschichte bisher immer dieselbe Gangart: Als erste Maßnahme mussten in der Gesellschaft die ideologischen Gegner identifiziert und gebrandmarkt werden, um sie dann effektiv beseitigen zu können  – das ganze Kesseltreiben gegen „Abweichler“ natürlich einhergehend mit flächendeckender Propagierung und Verbindlicherklärung der eigenen, meist äußerst fragwürdigen und menschenverachtenden Ideologie. Verstöße gegen die vorgegebenen Richtlinien wurden mit Folter, Exkommunikation und existenzieller Vernichtung geahndet.

Interessanterweise zeigt die Geschichte, dass das Ziel der Verfolgung nicht nur die politischen Gegner waren. Diese konnte man oft sogar relativ leicht in die eigene Partei integrieren, da sie im Prinzip die gleiche Sprache sprachen bzw. sie in ähnlicher Weise nach Machtgenuss oder zumindest nach einem bequem strukturierten Leben trachteten wie die durchsetzungsstarken Alphatiere selbst. Ein viel größerer Dorn im Auge, da Sand im Getriebe der Ressourcenfaschiermaschine, waren den herrschenden Systemen da vielmehr die religiösen und spirituell orientierten Menschen. Aufgrund ihrer nicht auf irdische Wertmaßstäbe bezogenen Ethik und ihres Glaubens an einen tieferen Sinnzusammenhang des Lebens sowie einer damit einhergehenden überzeitlichen Gerechtigkeit würden sie nicht nur Schieß- und Frackingbefehle verweigern, sondern sie wären auch ganz allgemein nicht bereit, ein jeder Nachhaltigkeit und jeden Sinns entbehrendes System des technokratischen Nihilismus mitzutragen – siehe dazu auch ein sehr lesenswertes Interview mit dem Publizisten und Philosophen Matthias Burchardt von der Universität Köln. Hierbei erläutert er, wie sich die Wissenschaft im Zuge von Ökonomisierung und Bologna längst von den einstmaligen Leitideen der Bildung und Wahrheitsfindung losgesagt hat (siehe auch Interview mit Volkswirt Prof. Christian Kreiß über die Wissenschaft im Dienst von Konzerninteressen: “Missbrauchte Wissenschaft“). Den korrespondierenden Neoliberalismus charakterisiert Burchardt in seiner schonungslosen Analyse als ein „Entwurzelungs- und Umverteilungsprojekt“, das uns zu „Insassen einer apolitischen, technokratisch-ökonomistischen Untertanenfabrik und Sachzwangdiktatur“ zu machen droht:

 „Die allseits wuchernde Rationalität des ökonomisch-technokratischen Steuerns ist ja zutiefst nihilistisch und deshalb unfähig, eine Sinnfigur hervorzubringen (…) Die Wissenschaft beispielsweise hat sich im Zuge von Ökonomisierung und Bologna längst von den Leitideen der Bildung und Wahrheitsfindung losgesagt (…) Dem Neoliberalismus und seiner Ideologie geht es um die Atomisierung sozialer Zusammenhänge und des Kampfes Jeder gegen Jeden. Alles soll „Markt“ werden, nichts mehr so bleiben, wie es einst war.“

Burchardt verweist hierbei auch auf die Erkenntnisse der Politologin Wendy Brown:

„Die Ausrichtung der Governance ist weich, inklusiv und technisch. Sie integriert Subjekte in die Zwecke und Bahnen der Nationen, Betriebe, Universitäten oder anderer Gebilde, die sich ihrer bedienen. Im öffentlichen Leben verdrängt die Governance liberal-demokratische Anliegen mit Bezug auf Gerechtigkeit durch technische Problemformulierungen, Fragen nach dem, was recht ist, durch Fragen nach der Effizienz, selbst Fragen nach dem, was legal ist, durch solche nach der Effektivität.“

Da religiöse bzw. spirituell interessierte Menschen diametral andere Vorstellungen von einem menschengerechten Dasein und einer lebenswerten Gesellschaft haben als solche, die Mensch und Umwelt nach rein materialistischen Kriterien beurteilen (und handhaben), waren erstere schon immer massiven Verfolgungen ausgesetzt, wenn es um die Einrichtung totalitärer Systeme ging. Auch in den NS Konzentrationslagern sollte man diejenigen Menschen, die aufgrund ihrer religiösen Überzeugung inhaftiert waren – damals bezeichnet als „Bibelforscher“ – schnell erkennen. Sie mussten einen speziell gefärbten Judenstern tragen, der violett war (siehe Wikipedia).

Nicht nur unter Hitler, Stalin und Mao wurden sie millionenfach in Umerziehungs- und Vernichtungslager eingewiesen, auch in allen sonstigen Diktaturen und Spielarten des Faschismus und Bolschewismus wurden sie systematisch aus dem öffentlichen Leben ausgegrenzt und schließlich ausgemerzt. Möglicherweise ist unser heutiges geistiges Vakuum, in dem der Neoliberalismus und seine korrespondierende Religion, der Szientismus samt seinen Sumpfdotterblumen des Skeptizismus, Pastafarismus, Gwupismus etc. nur eine Konsequenz ebendieses gigantischen Aderlasses, der seinerzeit an der Menschheit verübt wurde.

Wenn man bedenkt, dass großartige Kapazitäten wie Dietrich Bonhoeffer und Sophie Scholl in ganz Europa systematisch ausgelöscht wurden und keinen Nachwuchs mehr heranerziehen konnten, während überall „Rossknechte“ an die Macht kamen (so nannte mein Großvater die aus seiner Sicht unheimlich primitiven Gemüter, die man unter zivilisierten Bedingungen nur zum Pferdefüttern und –ausmisten eingesetzt hätte, die aber nach der NS Machtübernahme plötzlich in Stadt und Land alle leitenden Funktionen in die Hand bekamen.) Besagte Rossknechte haben seinerzeit auch die Universitäten in die Hand bekommen und das akademische, soziale und pädagogische Leben gemäß ihrer – weitgehend nihilistischen -Weltsicht geprägt.  Nicht von ungefähr kommt daher der renommierte Historiker Sebastian Haffner zum erschütternden Schluss: „Ob es uns gefällt oder nicht, die Welt von heute ist das Werk Hitlers.“

Denn nicht nur Städte und Infrastruktur wurden vollkommen zerstört, die Jahre der NS-Herrschaft wurden auch in höchst effektiver Weise dazu genutzt, um alle Menschen ausfindig zu machen und auszuschalten, die geistig-moralische Kapazität zum Widerstand gegen die Unmenschlichkeit hatten. Die soziale, politische und wirtschaftliche Realität der Folgejahrzehnte wurde daher in weitgehender Abwesenheit dieser Qualitäten aufgebaut. Das Endstadium des damals entstandenen Vakuums zeigt sich unter anderem in der heutigen Generation an MINT-Vassallen (ich war/bin selbst ein MINT-Vassall, weiß also wovon ich rede): Eine Generation, die sich allen Ernstes einreden lässt, dass es bloß noch mehr vom Bereits-Vielzuviel braucht, damit die Dinge wieder aufwärts gehen, noch mehr Technik und Kommerz (und noch mehr Techniker und Kommerzialräte),– obwohl wir gerade durch ebendiesen (nihilistisch-szientistischen) Technik- und Kommerzwahn bereits am Rande irreversibler globaler Verwerfungen und mit einem Fuß im Grand Canyon stehen.

Nicht dass ich MINT (die vielgepriesene Quarte aus Mathematik, Ingenieur-, Naturwissenschaften und Technik) verabscheue, ganz im Gegenteil, ich verdiene immer noch mein Brot damit und bin der Meinung, dass diese wissenschaftlichen Disziplinen in unserem gesellschaftlichen Gefüge durchaus ihren nützlichen Platz haben können – wenn wir sie mit einem humanen Motivgrund handhaben und an die richtige Stelle rücken. Sodass Technik wieder dem Menschen dient und nicht der Mensch der Technik so wie derzeit.

Übrigens: vor Kurzem hat sich eine hochrangige Gruppe ehemaliger CIA-/NSA-Offiziere mit einem dramatischen Appell an die Öffentlichkeit gewandt: „Wir errichten gerade schlüsselfertige Tyranneien!“ Welche der großen Zeitungen hat dies berichtet? Meines Wissens keine. Wenn unsere Wahrheitspresse  über jedes Kasperle-Event der GWUP-Pastafaris ausführlich berichtet, dann hätten die doch auch eine kurze Mitteilung über den offenen Brief der NSA-Offiziere bringen können – hat aber wohl weniger Unterhaltungswert und klingt ja auch irgendwie nach Verschwörungstheorie. Und Verschwörungen gibt’s ja bekanntlich in unserer aufgeklärten Zeit nicht mehr. Unsere heutigen Polit- und Wirtschaftsmächte, Militärs und Geheimdienste haben bekanntlich ebenso wie die Lobbyisten der milliardenschwerden Finanz- und Rüstungsindustrie alle Machtallüren, Destruktivismen und korrupten Vorteilsnahmen, wie wir sie aus der bisherigen Geschichte bis zum Überdruss kennen (siehe z.B. Interviewausschnitt mit John Perkins / Autor von  „Bekenntnisse eines Economic Hitman“), überwunden und fühlen sich heute nur noch den Direktiven der reinen Vernunft und betriebswirtschaftlichen Effizienz verpflichtet, wie sie auch die GWUP-Lobby predigt. Das verbürgt ja bereits ihre akademische Qualifikation und der schwarze, quadratförmige Deckel, den sie als Ritter der atheistischen Tafelrunde  ihr eigen nennen können und mit dessen Autorität ein von ihnen verfasstes Gutachten oder mediales Rundschreiben durchschlagendere Wirkung hat als eine Flintenkugel. – Eine akademische Schicht, von der Noam Chomsky sagt, dass sie „deeply indoctrinated“ (auf deutsch: zutiefst gehirngewaschen) ist.

Dass es darum geht, Menschen auf eine bestimmte „Seite zu ziehen“, darüber hat GWUP Ahnvater Oberhummer in einem Interview keinen Hehl gemacht: „Es gibt eine nicht geringe Zahl von Unentschlossenen, die beispielsweise schon viel von Homöopathie gehört haben, aber nicht recht wissen, was sie davon halten sollen. Und diese Menschen wollen wir auf unsere Seite ziehen…“ Werner Gruber ergänzt: „Ich finde es cool, Wissenschaft zu betreiben und daneben die Esoterik aufzumischen. Das macht doch einfach Spaß!“  Gruber ist es auch, der von den „Skeptikern“ stets als Flaggschiff ins Rennen geschickt wird, wenn es in TV-Konfrontationen darum geht, verquere „Chemtrail-Spinner“ plattzumachen, die Angst vor Gentechnik und Geoengineering haben oder die Pharmaindustrie kritisieren.  Gegen sein raumfüllendes akademisches Format und seine erschlagenden wissenschaftlichen Argumente (z.B. an einen Umweltaktivisten: „Neiiin, Chemikalien sind nicht böhse, wirklich nicht!“) hatte bisher noch kein TV-Kontrahent die Spur einer Chance.

43_gruber_flickr_m Universitätslektor Werner Gruber live on stage  (Foto: CC BY-NC-ND 2.0/flickr/Christian Leitner)

43_wikimedia_oberhummer-puntigam sowie Mitstreiter Oberhummer und Puntigam  (Foto: CC BY 3.0/wikimedia/GuentherZ)

Dass die „Scheisse“-Theorie der Science Busters keinesfalls nur satirisch gemeint ist, sondern innerhalb der GWUP/Skeptiker-Riege weite Kreise zieht und schließlich als salonfähige Weltanschauung internalisiert wird, beweist auch ein Interview mit Giulia Silberberger, der Organisatorin des „Goldenen Aluhuts“, dem in Deutschland zelebrierten Pendant zum „Goldenen Brett vorm Kopf“.

Zitat: „Anstatt manchmal zu akzeptieren, dass die Welt scheiße ist und es Kriege und Krankheiten gibt — und es dafür keinen Grund gibt —, werden Verschwörungstheorien erfunden.“ (Quelle: Wired)

Also, warum akzeptieren wir Kriege nicht einfach als Naturgesetzmäßigkeiten – ebenso wie die Krankheiten, die manchmal im Gefolge von Kriegen ein Land plagen. Die Tatsache etwa, dass  neuerdings auch in Syrien damit begonnen wird, hochtoxische Uranmunition zu verschießen (siehe International Coalition to Ban Uranium Weapans), so wie das bereits in Afghanistan, Irak, Libyen, Libanon, Bosnien, Kosovo und Somalia geschehen ist (für einen Einblick in die verheerenden Folgen von Urangeschossen siehe etwa Interview mit dem WDR-Filmemacher und Journalismus-Preisträger Frieder Wagner: „Die Geburtsklinik von Basra war ein Blick in die Hölle“). Welche Politmächte und welche Rüstungsindustrie von Kriegen und dem Einsatz von Uranmunition profitieren und erhellende Theorien darüber aufzustellen, um damit einhergehendes menschliches Elend (laut Statistik der Internationalen Ärzte zur Verhütung des Atomkrieges /IPPNW sind im „Kampf gegen den Terror“ bereits 1,3 Million Menschen gestorben) in Zukunft zu verhüten – vollkommen unnötig,  darüber nachzudenken, die Welt ist halt einfach „scheiße“.

Wenn die in Frieder Wagners irakischer Geburtsklinik gezeigten Kinder, die aufgrund der toxischen Wirkung von Uranmunitionsstaub dahinsiechen, unsere westliche Wertegemeinschaft einmal fragen werden, warum wir ihnen das angetan haben, dann können wir als aufgeklärte Pastafari-Szientisten mit dem Gruber’schen Stehsatz entwaffnend antworten: “Geht doch wieder heim. Chemikalien sind nicht böse, wirklich nicht!“

In der GWUP-Presseaussendung wurde weiters suggeriert, dass Roland Düringer auch deswegen ein Spinner sei, weil er sich in seinen Fernsehsendungen öffentlich Gedanken darüber mache, warum stehende Kondensstreifen uns oft einen trüben Schleier vor die Sonne weben. Während Gruber für seine Homöopathie- und Chemtrail-Verulkung noch brüllendes Lachen aus dem Publikum erhält, ziehen übrigens die Chemie-Lobbyisten eiskalt ihre Geschäfte durch. Auf internationalen Messen und Konferenzen bewerben US Konzerne das Versprühen von schwefel- oder Aluminium-haltigen Aerosolen neuerdings allen Ernstes als profitables Geschäftsmodell – siehe z.B. Bericht im ORF: „Lobbyisten-Verbände in den USA, die erst den Klimawandel bestritten hätten, schwenkten jetzt um und propagierten Climate Engineering als das Allheilmittel (…) Das ist sehr weit, sehr konkret geplant. Dort wird an der Machbarkeit gearbeitet, an der technischen Umsetzung.“ Auch der Spiegel berichtet über Dinge, die noch vor Kurzem als wüsteste Verschwörungstheorie gegolten haben: „Eine Million Tonnen Schwefelwasserstoff müssen nach Robocks Klimamodell pro Jahr in die Stratosphäre gepustet werden, um die Erderwärmung deutlich abzuschwächen.“ Saurer Regen juckt uns da scheinbar nicht mehr. Auch die Kosten für die Abschattung der Erdatmosphäre sind im Vergleich zu den Unsummen, die für Bankenrettungen aufgewendet werden, nur ein Klacks: „Dies würde mit Ballons oder Geschossen jeweils etwa 30 Milliarden Dollar pro Jahr kosten. Mit Militärflugzeugen würden die Kosten zwischen 40 und 800 Millionen Dollar liegen“ (siehe Spiegel). Mittlerweile wird die Idee von „Chemtrails“ sogar von CIA-Chef John O. Brennan offiziell angepriesen (siehe Rede Brennans am 29. Juni 2016 vor der Council on Foreign Relations in Washington auf der Website der CIA: „Ein weiteres Beispiel ist die Reihe an Technologien, oft kollektiv als Geoengeneering bezeichnet  … Eines was meine persönliche Aufmerksamkeit gewonnen hat, ist das stratosphärische Aerosolsprühen, oder SAI, eine Methode, die Stratosphäre mit Partikeln zu besamen, die dabei helfen können, die Sonnenwärme zu reflektieren, auf die gleiche Weise wie Vulkanausbrüche es tun…“)

Wie’s scheint, wird also die hitzige Diskussion, ob es „Chemtrails“ nun gibt oder doch nicht, bald Schnee von gestern sein. Gut möglich, dass wir es demnächst genauso achselzuckend zur Kenntnis nehmen werden, dass unser Himmel und unsere Atemluft eben mit Millionen Tonnen Chemikalien eingesprüht wird, so wie wir es seit den Snowden-Enthüllungen achselzuckend zur Kenntnis nehmen, dass unsere private Kommunikation lückenlos überwacht und unterirdisch gespeichert wird – die Behauptung, dass der CIA so etwas tut, hat ja noch vor Kurzem ebenfalls als groteske Wahnidee von Verschwörungsspinnern gegolten.

Aber was machen wir uns hier Gedanken über Chemie, wo Chemie bekanntlich nicht böse ist und es auch „Schadstoffe“ bei differenzierterer wissenschaftlicher Betrachtung heute nicht mehr gibt – seit Beginn der Aufklärung hat es der Mensch ja nur noch mit „Wirkstoffen“ zu tun. Und die werden allesamt von akademisch akkreditierten Wissenschaftlern entwickelt, sind also – bedingungslos gut. Nennen wir die breiige Abgasmelange, die uns nach den Plänen führender Wissenschaftler schon demnächst den  Himmel verdunkeln sollen, also nicht „Chemtrails“ – das klingt so pseudoesoterisch, sondern nennen wir es einfach „Ökotrails“ – dann werden die Pastafaris und Scienceblogger auch kein Problem mehr damit haben.

Der Ticket-Vorverkauf für Orwells Hasstage hat begonnen

Da uns von höchsten wissenschaftlichen Autoritäten fortwährend  der Segen des Nichtwissens bzw. des Nichtwissenwollens gepredigt wird – das Wissen ist ja bereits bei Chomskys „säkularer Priesterschaft“ selbst in guten Händen -, dürfen wir also getrost abschalten und uns aufs Konsumieren und Spaßhaben konzentrieren. Das Geld kommt ja immer noch aus der Wand: die Eingabe eines vierstelligen PIN-Codes genügt, um sich ein Ticket fürs nächste Event oder eine Woche Ballermann zu buchen, wo man dann eine Weile voll Spaß haben und abhängen kann. Wem der Ballermann zu weit weg ist, der kann sich auch ein Ticket für einen Science Buster-Abend kaufen, an dem er sich dann die Seele aus dem Leib lachen darf. Indes unsere Hohepriester hart daran arbeiten, unsere Welt in ein technokratisches Paradies der reinen Effizienz zu verwandeln. Gibt es eine frohere Botschaft als diese? Kein Wunder also, dass die Sekte, die diese frohe Botschaft verkündet, eine stattliche Zahl an Anhängern anziehen wird.

Dank szientistischem Edutainment wird das Hinterfragen von Hintergründen des Weltgeschehens womöglich schon bald der Vergangenheit angehören, ebenso wie die Suche nach dem Sinn des Lebens, die bisher die Menschheit und ihre großen Geister in Atem gehalten hat. Durch unser täglich durch den Fernseher gegebenes Brot bzw. frühkindliches Edutainment werden nun auch die Kinder derjenigen unbelehrbaren Eltern flächendeckend geimpft, die sich bisher aus Angst vor Narkolepsie oder sonstigen Nervenschäden (siehe DiePresse) den Impfkampagnen der Pharmapraxis verweigert haben. – Das Serum, das auf diese Weise von Science Busters bzw. Ghostbusters in ihre Blut- bzw. Nervenbahnen gespritzt wird, wird zuverlässig für eine vehemente Allergiebereitschaft der heranwachsenden Menschen sorgen –gegen alles, was irgendwie „gutmenschentümlich“, „spirituell“ oder „esoterisch“ erscheint  und an die noetische Dimension des Menschseins, von Viktor Frankl auch das „Spezifisch Humane“ genannt, erinnert.

Indem der Mensch dabei seiner eigentlich essentiellsten Dimension des „Spezifisch Humanen“ beraubt und quasi geistig kastriert wird,  wird er auf alles, was irgendwie mit Philosophie, Ethik, Religion, Kunst, Poesie, Humanität  und menschlicher Tugend assoziiert wird, zumindest mit Ablehnung, oft sogar mit offensivem Hass reagieren. Schon jetzt gilt ja das Wort „Gutmensch“ als Synonym für einen vollkommen realitätsfremden, verqueren und vor allem dem Fortschritt und der Wirtschaftsleistung schädlichen Menschen. Die von George Orwell postulierten, als Volksfeste zelebrierten Hasstage werden womöglich schon demnächst bittere Realität werden.

Dem menschlichen Geist, der für alle vorangehenden menschlichen Kulturen der Dreh- und Angelpunkt des Lebens und Schaffens war, wird damit ein Tritt verpasst wie einem Fußball, den man weit über den Horizont hinausschießt. Leider ist der Geist das Einzige, was den Menschen wertvoll macht und ihm seine Würde gibt. Ohne menschlichen Geist ist sein Körper de facto nur Wurst und damit genauso der restlosen Verwertungslogik des Kommerz ausgeliefert wie alle anderen Ressourcen, an denen wir gerade hemmungslos Raubbau betreiben.

Ich weiß gut, dass die GWUP-Szientisten die Auffassung vertreten, dass Menschen auch auf Basis bloßer „aufgeklärter“ Wissenschaftlichkeit und unter vollkommener Abwesenheit des Faktors Geist und eines tieferen Sinnzusammenhanges nett und human zueinander sein können, nur leider wird sich dies als größter Trugschluss erweisen. Gewiss, solange in einer Gesellschaft noch das Geld aus der Wand kommt und damit jedermann schicke Klamotten kaufen und Ballermann machen kann, ist es durchaus möglich, dass die Bürger vordergründig nett zueinander sind. Wenn allerdings – so wie dies heute immer mehr Menschen erleben dürfen -, einmal kein Geld mehr aus der Wand kommt und man nur noch anderen beim Ballermannmachen zusehen darf, dann wird sich herausstellen, wie tragfähig eine von Hobbes postulierte Gesellschaft ist, in der „jeder Mensch des anderen Menschen Wolf“ („homo homini lupus“) ist. – Über einen kleinen Vorgeschmack, womit unter Wölfen bzw. scharfsinnigen Tieren zu rechnen ist, wenn dann einmal kurz der Strom ausfällt, haben wir bereits berichtet (siehe: „Rat Race & Rape Culture Club Köln – warum Frauen künftig eine Armlänge Abstand halten und einen Pfefferspray dabei haben sollten“). Entgegen allen Beteuerungen wird sich die szientistische Netiquette als bloßer Zuckerguss erweisen, der unter existenziell herausfordernden Bedingungen ebenso schnell zerbröselt wie eine Sandburg unter den Reifen eines SUV.

Indem wir uns besagten Geist austreiben lassen und den Menschen als Zweibeiner ohne Federn, als bloßen Biocomputer ansehen, berauben wir uns selbst jeden Schutzes und jener Würde, die uns vor dem bereits am Horizont heraufdämmernden Wahnsinn bewahren könnte. Der SPD-Abgeordnete und Träger des alternativen Nobelpreises, Hermann Scheer hat dies bereits in aller Klarheit formuliert: „Wenn wir es nicht schaffen, die Würde des Menschen und das humanitäre Prinzip aufrechtzuerhalten, dann beginnt ein neues Zeitalter der Barbarei. Das ist unausweichlich.“ (siehe Interview/YouTube)

Orwells Hasstage, die dann anbrechen, werden notwendige Ventile für die kollektiven Hassgefühle sein, die unterhalb des Amüsements, das die Barbarei zunächst fraglos ebenfalls bieten wird, schwelen. Der derzeitige Horrorclown-Spleen mit der hierbei gezeigten Lust am Schockieren und Überfallen von Mitmenschen und kleinen Kindern (siehe Eifelphilosoph) mag davon nur wie ein erstes Hochblubbern kleiner Gärgasblasen aus den urbanen Mangrovensümpfen erscheinen. – Wobei Hass bei tiefenpsychologischer Betrachtung ja immer durch Angst motiviert ist. Alles, was der Mensch verdrängt, macht Angst. In den ärztlichen und psychotherapeutischen Praxen steigen bereits jetzt die Fälle an Angststörungen, Panikattacken und Depressionen in exponentieller Weise in schwindelerregende Höhen. Die WHO-Prognose, wonach innerhalb der nächsten 15 Jahre Depressionen die meistverbreitete Volkskrankheit sein werden (siehe Ärztezeitung), erscheint angesichts der szientistischen Bildungsoffensive in der Tat wie ein unausweichliches Fatum. Apropos wissenschaftlich: Würde man wissenschaftlich-empirisch evaluieren, wie viele Depressionen und suizidale Gedanken das Wegrationalisieren und Verächtlichmachen allen tieferen Sinns des Lebens in der Bevölkerung auslöst – den GWUP-Gunkln und Freistettern würde wohl ihr Lachen im Hals stecken bleiben.

Wird ein tiefergehender Sinn des Lebens und des Menschseins geleugnet und werden Mensch und Welt nur als geistlose, kommerziell verwertbare Kohlenstoffhaufen angesehen, dann gerät der Mensch in innere Verzweiflung (siehe dazu die Grundlagenarbeit von V.E. Frankl, dem Begründer der Existenzanalyse und Logotherapie) . Trotz unseres atemberaubenden technischen Fortschritts nimmt diese Verzweiflung immer mehr zu. ORF-Regisseur David Schalko konstatiert bereits „Perversion als letzten Ausdruck der inneren Verzweiflung“. Sogar an unseren Universitäten und Forschungsstätten, also den Herzen von Wissenschaft und Fortschritt und heiligen Tempeln der Szientisten, herrscht laut soziologischer Studien eine bedenklich pathologisch anmutende Stimmung. In einem jüngsten Interview stellt etwa der Jenaer Soziologie-Professor Hartmut  Rosa fest, dass die Universitäten immer mehr zu „Entfremdungszonen“ würden und verweist auf stark zunehmende Burn-out-Raten und Angsterkrankungen schon unter Studenten. Laut Rosa „wachen in unserer beschleunigten, spätkapitalistischen westlichen Welt mehr Menschen schweißgebadet auf als in totalitären Regimen“ (Quelle: Zeit).

Wer wird also den aus der geistigen Regenwald-Brandrodung der Skeptiker resultierenden Schaden und die Scharen an geistigen Invaliden in Zukunft einmal übernehmen? GWUP-Ahnvater Oberhummer steht ja nun mit seiner Suizid-Beratung nicht mehr zur Verfügung. Und unsere Kranken- und Sozialversicherungskassen können bereits die derzeitige Last an psychischen Gebrechen kaum noch stemmen – nach Auskunft der Deutschen Rentenversicherung DRV sind Depressionen und Angstzustände bereits für 42 Prozent der vorzeitigen Verrentungen verantwortlich.

Wenn einmal das gesamte Desaster des szientistischen Edutainments offenbar wird und wir vor einem riesigen menschlichen Scherbenhaufen stehen, dann kann man vielleicht die Rechnung, sofern es dann noch eine funktionierende Post gibt, an den Vereinssitz der GWUP schicken. Womöglich werden die Apostel des Szientismus dann aber gar nicht mehr greifbar sein. Denn so wie es die Avantgarde der Szientisten, die „Transhumanisten“ derzeit planen, sollen innerhalb der nächsten zwei Jahrzehnte Mensch und Maschine miteinander zu einer „Singularität“ verschmelzen und unser bisheriges Dasein auf zwei Beinen bald passé sein (siehe auch ARTE Doku „Welt ohne Menschen“). Nach der Vorstellung des Transhumanisten-Hohepriesters Ray Kurzweil (siehe singularity.com: „Reinventing Humanity“) soll das Bewusstsein des Menschen dann in ein virtuelles Netzwerk oder in einen künstlichen bionischen Körper upgeloaded  werden, um solcherart als mechatronisierter Untoter Unsterblichkeit  zu erlangen:

„Die Singularität ist eine Zukunft, in der das Tempo des technologischen Wandels so schnell und weitreichend voranschreitet, dass die menschliche Existenz auf diesem Planeten irreversibel verändert wird. Wir werden die Macht unserer Gehirne, all die Kenntnisse, Fähigkeiten und persönlichen Merkmale, die uns zu Menschen machen, mit unserer Computer-Macht kombinieren, um auf eine Art zu denken, zu kommunizieren und zu erschaffen, wie wir uns heute noch nicht vorstellen können.

Diese Verschmelzung von Mensch und Maschine, mit der plötzlichen Explosion der Maschinen-Intelligenz wird, im Verbund mit rasend schneller Innovation in den Bereichen der Gen-Forschung sowie der Nanotechnologie, zu einer Welt führen, wo es keine Unterscheidung mehr zwischen dem biologischen und dem mechanischen Leben oder zwischen physischer und virtueller Realität gibt.“ (Ray Kurzweil)

Wer sich eingehender mit der Denkungsart Ray Kurzweils befassen will, kann sein Grundlagenwerk „Menschheit 2.0: Die Singularität naht“ studieren. In Kurzfasssung könnte man auch sagen: aus der klassisch-philosophischen Trias Körper-Seele-Geist sollen in Zukunft Geist und Seele herausgeschnitten werden, sodass nur noch eine körperliche Existenz übrigbleibt. Obwohl der dunkle Impetus, den eine rein körperliche Existenz ohne Geist durch die Gegend treibt, uns aus zahllosen Zombiefilmen bereits hinreichend bekannt sein sollte, so schart der Transhumanismus bereits eine millionenstarke Anhängerschaft um sich, die sich auch schon in Form transhumanistischer Politparteien formiert. Winkt Kurzweil in seinem vorgenannten Buch doch auch mit einigen Zuckerln: Dem digitalisierten Menschen soll die Annahme mehrerer geschlechtlicher Identitäten oder das Verfügen über Geschlechtsorgane außergewöhnlicher Größe möglich sein (hier bereits visualisiert von Steve Cutts: „I’m an immobile fossilized Alien, too“). Kein Wunder, dass angesichts solch paradiesischer Verheißungen auf altbackene Philosophien und Religionen verächtlich herabspuckt wird. Gegen die megageilen Segnungen des mechatronischen Paradieses, mit dem die szientistischen Hohepriester die Menschen bereits im Irdischen beglücken wollen, erscheint das buddhistische Nirvana oder das christliche „Reich, das nicht von dieser Welt ist“ wie ein oller Schwarz-Weiß Stummfilm aus den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts.

Mit einem Wort: Die Endstation des Gleises, auf das uns die Szientisten-Elite verladen will, heißt also „Borg“ (siehe memory alpha Wiki). Den „Borgs“ ist bekanntlich alles, was irgendwie mit Menschlichkeit, Kultur, Empathie, Seele oder Kunst zu tun hat, verhasst. Sie wollen es eliminieren, da diese Erscheinungen nur lästige, irrationale Hindernisse gegenüber ihrem Ideal einer großen, hocheffizienten Technikmaschinerie sind. Der Hass auf die vorgenannten – eigentlich spezifisch menschlichen – Dinge ist heute bereits unübersehbar. Er wird sich noch weiter steigern. Denn je mehr wir uns der Technokratie und dem Szientismus verschreiben, umso größer wird die Angst vor der eigentlich menschlichen Realität bzw. seinem Geist und dem Sinn des Daseins werden. Also wird die Losung lauten: Ausmerzen dieses lästigen menschlichen Potentials, es reicht, wenn man eine neue, mechanistische Evolution sich selbst reproduzierender Nanobots und Cyber-Intelligenzen etabliert.

Obwohl sich die GWUP zur Aufgabe gesetzt hat, Sektierer zu bekämpfen, ist dort noch keiner auf die Idee gekommen, den Transhumanisten-Guru Ray Kurzweil für das Goldene Brett zu nominieren, obwohl dessen reale Ambitionen alles in den Schatten stellen, was sich bisherige Bösewichte in James-Bond Episoden von Moonraker bis Skyfall ausgedacht haben, um die Menschheit dem Erdboden gleichzumachen und nach ihren eigenen perversen Vorstellungen neu aufzubauen. Auch im Skeptiker-Spinnerpranger „Psiram“ waren die Science Busting-Phantasien Kurzweils noch keinen Eintrag wert, obwohl dort nicht nur über Alternativmediziner wie Prof. Walach (dazu unten gleich mehr), sondern auch über jeden kleinen Hinterhofschamanen ob seiner Gefährlichkeit umgehend berichtet wird.

Während die von der GWUP verfolgten Sekten i.d.R. vollkommen unwichtige Randgruppen sind – deren politische Unkorrektheit eben darin besteht, abends in ihrem Kämmerchen zu meditieren, anstatt, wie es sich gehört, sich mit einem Dosenbier vorm Fernseher mit „Programm“ und Konsuminstruktionen abfüllen zu lassen -, handelt es sich bei der Sekte der Transhumanisten um eine Vereinigung, die nicht nur das offen formulierte programmatische Ziel, sondern dank milliardenschwerer finanzieller Potenz (Ray Kurzweil wird nicht als Spinner psychiatrisiert, sondern ist technischer Direktor mit umfassender Entscheidungsbefugnis bei Google) tatsächlich das Zeug hat, unsere derzeit noch lebendige Lebensumwelt samt den Menschen in eine durchmechatronisierte Maschine zu verwandeln – nach Fahrplan der Transhumanisten soll die totale Mechatronisierung schon innerhalb der nächsten Jahrzehnte über die Bühne gehen. Nominierung von Ray Kurzweil als größten Wahnsinnigen der Gegenwart mit Brett vorm Kopf? – Fehlanzeige! Stattdessen höchste Ehrung mit 19 Ehrendoktortiteln und Bereitstellung mehrstelliger Milliardenbudgets von staatlicher, wirtschaftlicher und militärischer Seite, damit er seine Vision der Robotisierung der Menschheit mit Volldampf vorantreiben kann.

Da das, was Ray Kurzweil propagiert, nicht „unwissenschaftlich“ ist und anscheinend auch der „Grad der Abwegigkeit“ und „Gefährlichkeit“ aus Sicht der GWUP nicht groß genug ist, widmet man sich bei der GWUP statutengemäß lieber mit voller Kraft den wirklich „gefährlichen und abwegigen“ Bedrohungen unserer Gegenwart wie etwa der Homöopathie. Dass man gerade diese ins Kreuzfeuer nimmt, macht natürlich Sinn. In einer gesundheitsbewusst gewordenen Gesellschaft von Bio-Essern machen immer mehr Menschen die praktische Erfahrung, dass man Alltagsleiden wie Kopfweh oder Verdauungsprobleme mit homöopathischen Mitteln viel nachhaltiger und vor allem frei von schädlichen Nebenwirkungen behandeln kann, bei deren Lesen am Beipackzettel der allopathischen Pharmapräparate vielen Menschen bereits schummrig wird. Genauso wie Bio-Essen ist also auch die Homöopathie mittlerweile mit Erfolg im Breitenkonsum angekommen –für die „wissenden“ GWUPs ist die Wirkung von homöopathischen medikamenten reine Einbildung, für die „unwissenden“ Normalbürger jedoch schlichte Erfahrungsrealität. Pharmariesen wie Sandoz, Pfizer und Bayer sehen dadurch wertvolle Marktanteile davonschwimmen. Lobbyistische Untätigkeit wäre da aus Sicht der etablierten Pharmakonzerne vollkommen fahrlässig und würde den rein der Shareholder Value verpflichteten Aufsichtsräten umgehend ihre gut dotierten Ledersessel kosten. Das Sponsern von kleinen, wendigen Fregatten, die das Homöopathie-Schiff torpedieren, ist also ein Gebot der Stunde und kostet den Pharmariesen in Wirklichkeit nur Peanuts. Gern gesehen sind natürlich auch Fregatten, die die Drecksarbeit ganz ohne monetäre Zuwendung, sondern rein aus Spaß am Schiffeversenken und am Freibeuterdasein übernehmen. Insbesondere die aus der US Atheistenbewegung hervorgegangenen „Skeptiker“- Vereine sind für diesen Bärendienst geradezu prädestiniert. Denn den Skeptikern ist die Homöopathie aus weltanschaulichen Gründen ein genauso großer Dorn im Auge, wie den Pharmakonzernen aus Gründen der Profitlogik. Beweist doch die in Konsumentenkreisen immer beliebter werdende Homöopathie sogar den Laien, dass es im Leben Wirkungen gibt, die nicht stofflich wägbar und schulwissenschaftlich erklärbar sind. Wie bei Dominosteinen kommen bei einem solchen Erlebnis aber auch viele andere Steine ins Fallen, denn „wenn es das gibt, dann heißt das doch in Konsequenz auch, dass es mit großer Wahrscheinlichkeit auch das und das und das gibt, was uns laut szientistischer Schulbildung bisher als nicht existent erklärt wurde.“  – Schwupps wäre das szentistische Credo („Mensch und Welt sind nur geistlose Kohlenstoffzusammenballungen, ergo ist alles Wurst …“) dahingeschmolzen wie ein Schneemann im Frühling.

Aus taktischer Sicht gilt es daher von Seiten der „Skeptiker“, die volle mediale Feuerkraft zunächst auf die populäre Homöopathie zu richten. 2012 und 2013 wurden mit Prof. Harald Walach und einer homöopathischen Ärztevereinigung gleich zweimal in Serie repräsentative Vertreter der Homöopathie mit dem GWUP-Negativpreis bedacht, einhergehend mit diffamierenden Rundschreiben an Krankenkassen, politische Ämter und Ärzte sowie Einschüchterungskampagnen (es existieren Webblogs, auf denen Allgemeinärzte mit homöopathischer oder alternativmedizinischer Zusatzausbildung, die sich bisher nichts zuschulde kommen haben lassen und bei ihren Patienten sogar sehr beliebt sind, mit Name und Adresse an den Pranger gestellt werden). Prof. Walach wurde lt. offizieller GWUP Begründung deshalb angegriffen, da er es als Universitätsprofessor geschafft habe, der Alternativmedizin und esoterischem Humbug zu akademischen Weihen zu verhelfen und einen Masterstudiengang für Komplementäre Medizin ins Leben zu rufen.

Nach konzertierter Intervention des erschlagenden akademischen GWUP-Netzwerks (hier das Who is Who der GWUP in Bildern) empfahl schließlich die Brandenburgische Hochschulstrukturkommission die Schließung des Instituts und Einstellung des komplementärmedizinischen Lehrgangs. Das mediale Schafott für die Enthauptung Walachs steuerte der Spiegel bei – mit einem mit „Hokuspokus Verschwindibus“ betitelten Artikel, geziert mit einem reißerischen Screenshot eines dunklen Zauberers aus dem Film Harry Potter (siehe Spiegel). Da Katzen sich bekanntlich gerne in den Schwanz beißen, greift die GWUP den von ihr selbst in die Wege geleiteten Spott wiederum auf und begründet die Verleihung der Goldenen Bretts unter anderem damit, dass die Universität aufgrund von Walach „zum Gespött der Medien wurde“ (siehe Website Goldenes Brett).

Helden von Heute

Vergleicht man die reale akademische Qualifikation von Prof. Walach mit seinen GWUP-Kontrahenten, dann weiß man sofort, wie die Waage ausschlägt. Während sich in Walachs Lebenslauf (siehe Curriculum Vitae Prof. Harald Walach) eine mehrseitige Liste an jahrzehntelangen weltweiten Forschungs-, Aufsichtsrats- und Projekttätigkeiten sowohl für anerkannte als auch für alternative Einrichtungen findet, so scheint in der Vita von frischgebackenen GWUP-Jungakademikern wie Martin Moder, die von der GWUP-Jury gerne als Laudatio-Redner zur Verleihung des GWUP-Bretts ins mediale Rennen geschickt werden, als erwähnenswerteste Qualifikation immerhin das Faktum auf, dass er „Science Slam Europameister 2014“ sei. Ich habe nicht nachrecherchiert, was das ist, aber es wird zweifellos etwas Außerordentliches sein, was den studierten Mikrobiologen über die Masse der Unwissenden und Naiven hinauserhebt – klingt jedenfalls fast genauso imposant wie „Red Bull Air Race Champion 2014“. Dabei will ich die zweite, in seinem offiziellen Werdegang auf der GWUP Website angeführte Praxisqualifikation Moders (siehe gwup.org) nicht unterschlagen: Er war auch „mehrjähriger Tutor in einem Besucherlabor“. Aber die zwei vorgenannten Stationen sind wohl nur seine ganz besonderen Alleinstellungsmerkmale, vermutlich könnte er bei näherer Nachfrage auch einige akademisch akkreditierte Fachpraktika in einer der Sternwarten seiner Science Buster-Kollegen Freistetter und Gruber vorweisen oder ein Schnupperpraktikum bei Sandoz. Halt, nein, ich merke, dass ich nicht mehr objektiv bleibe und Martin Moder unter seinem Marktwert handle, denn der ist seit seinem medialen GWUP-Boosting ja deutlich gestiegen. Der vorgenannte Online-Standard ladet den Jung-GWUPer ebenso wie Freistetter, Gruber und diverse „evidenzbasierte“ und impffreudige Skeptiker-Mediziner regelmäßig zu ausgiebigen Meinungsäußerungen und Interviews ein, in denen er vom Standpunkt des Mikrobiologen und Gentechnikers über alles, was alternativ oder übersinnlich ist, nur den Kopf schütteln kann. Doch die Qualitätszeitung „Der Standard“ – dem seine Schwemme an tendenziösen GWUP-Veröffentlichungen in der Blogger-Szene bereits den Ruf eingebracht hat, ein sektiererisches Vereinsblatt der GWUP zu sein, das dazu dient, unbedarfte Menschen mit der szientistisch-mechanistischen Weltanschauung der „Skeptiker“ zu missionieren -, ist nicht das einzige Medium, in dem es Moder gelungen ist, einen Fuß in die Tür zu stellen. Auch das Profil, „Österreichs unabhängiges Nachrichtenmagazin“, das zur Satisfaktion seiner Pharma-Anzeigenkunden bereits eine Ausgabe mit dem Leitartikel-Thema „Homöopathie- der große Bluff“ herausgab, hat vor zwei Monaten einen Artikel von Martin Moder veröffentlicht, ebenfalls prominent auf der Titelseite prangend: „Keine Angst vor grüner Gentechnik“ (siehe Profil). Da viele Leser bekanntlich zu faul sind, das Kleingedruckte im Zeitungsinneren zu studieren, setzt man unter den Titel der Gen-Story auf der Coverseite (siehe Screenshot) auch gleich eine laienverständliche Kurzfassung der Moder-Meinung betreffend Gentechnik hinzu: „Sie ist nicht nur harmlos, sondern unentbehrlich für das Überleben der Menschheit“. Moder triumphiert über diese Publikation auf seinem Blog „GENau“ mit dem Artikel „Greenpeace argumentiert sich in die Sackgasse“. Ja, wirklich höchste Zeit, dass Greenpeace endlich in die Sackgasse manövriert wird, sind ja dem Fortschritt wirklich nur im Wege, die ewiggestrigen Ökoheinis dort. Dabei ist doch die heutige Wissenschaft „so geil“ (Martin Moder auf „Helden von heute“). Greenpeace in die Sackgasse manövrieren – was selbst die Geheimdienste mit dem Versenken der „Rainbow Warrior“ nicht geschafft haben, das erledigen jetzt hemdsärmelige MINT-Absolventen quasi im Vorbeigehen. Überdies verkündet Moder auf seinem Blog entwaffnend, dass sich bereits 100 (!) Nobelpreisträger für Gentechnik aussprechen. – Was sind gegenüber diesem geballten Gewicht an Experten schon die sieben Milliarden anderen Menschen mit überwiegend ablehnender Haltung zur Gentechnik? Wenn sich zur ins Feld geführten Creme der akademischen Wissenschaft demnächst noch weitere hundert Nobelpreisträger gesellen, dann wird der gentechnische Dammbruch wirklich nicht mehr aufzuhalten sein und Greenpeace muss endgültig passen.

Moders Lanzenbruch für die Genindustrie wird wohl nicht unhonoriert bleiben. Junge und medienwirksame Multiplikatoren wie er werden von einer Branche, die Milliarden für Lobbying ausgibt, gerne unter Vertrag genommen. Fabulous Fabs, die es „voll geil“ finden, Dinge nach eigenem Gutsdünken einfach mal so auf den Kopf zu stellen, mit Wortsalaten über profitable Hochrisikotechnologien zu jonglieren, die oben drein noch salopp und witzig klingen, garniert sogar mit einem Schuss Selbstironie, wie ihn sich der zeitgenössische Youngster heute durch die allgegenwärtige Kabarettsatire ja quasi wie mit der Muttermilch zueigen gemacht hat – solche eloquenten Burschen kann man in der Burschenschaft bzw. in den Flachbildschirmreihen der konzerneigenen PR Kavallerieabteilung zur Eroberung der Weltmärkte gut gebrauchen. Denn um die Weltmärkte zu erobern, muss man zuerst via Social Media die Herzen und Köpfe der Menschen erobern, wie das unlängst auch der britische Nachrichtendienst erkannt hat (siehe  Spiegel: „Das britische Militär hat ein neues Schlachtfeld identifiziert: das Internet. Eine neue Brigade mit 1500 Soldaten soll auf Facebook und Twitter die „Herzen und Köpfe der Menschen gewinnen“).

Bei der GWUP-Brett Verleihung nächstes Jahr wird man neben Martin Moders Qualifikation „Science Slam Europameister 2014“ und „mehrjähriger Tutor in einem Besucherlabor“ also womöglich auch lesen können: „High Potential High Risk Technology Junior Sales Assistant“ bei Syngenta oder Bayer/Monsanto. Die Bitte auf seinem GENau-Blog: „Spendiere mir einen Kaffe“ (siehe scienceblogs) wird er dann wohl löschen können.

Bis er endlich als High Potential rekrutiert wird, muss er allerdings am Ball bleiben. Mit laufenden Publikation auf „GENau“ und GWUP-affinen Medienformaten wie dem „Standard“ teilt uns Martin Moder etwa mit, dass Monsantos „Roundup“ Krebs heilt und „wir daher die mühsame Debatte um die Sicherheit des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat endlich beenden können“. Moder führt dabei eine Studie ins Feld, die „eindeutig gezeigt hat, dass Glyphosat Krebszellen gezielt abtötet …  Normale Körperzellen kommen damit gut zurecht, Krebszellen allerdings nicht“ (siehe scienceblogs.de). Auch die desaströsen Auswirkungen der Gentechnik (wie z.B. in dieser ARD-Doku  anhand der indischen Agrarwirtschaft ins Bild gebracht) entlarvt Moder unermüdlich als „hartnäckige Gerüchte“, vor denen wir keine Angst haben sollen. Warum auch? Die Gentechnikbranche ist ja ausschließlich in der Hand streng wissenschaftlich agierender Experten – aus deren Riege alternativ denkende Querköpfe wie Prof. Walach umgehend ausgeschlossen werden, um dem Fortschritt den Weg zu ebnen. Für vorgenannte Aussagen erhält Moder natürlich keinen Eintrag im digitalen Spinnerpranger „Psiram“ (laut Wikipedia  „eine der Skeptikerbewegung nahestehende Website“), auf die Streckbank werden dort nur Abweichler wie Prof. Walach gespannt.

Zwischen dem Bloggen und der GWUP-Vereinsarbeit vertreibt Moder sich indes auch die Zeit mit dem Schreiben aufklärerischer Bücher wie „Treffen sich zwei Moleküle im Labor“. In der von ihm selbst beworbenen Rezension dieses Buches wird er mit einer seiner Kardinalerkenntnisse zitiert: „Es gibt in Ihrem Leben sowieso nur zwei Dinge, die Ihnen Freude bereiten: Serotonin und Dopamin.“- Tja, wirklich schade, dass die Menschheit diese epochale Erkenntnis nicht schon früher hatte. Wir hätten uns Jahrhunderte an zermürbender Philosophie erspart und stattdessen sofort mit Maschinenbauen und Biotechnologie anfangen können. Dann bräuchten wir nicht in Raumschiff Enterprise Phantasien von der überlegenen technokratischen Zivilisation der Borgs träumen, sondern hätten eine solche schon längst etabliert.

Ach ja, und update vom 3.November natürlich: Martin Moder wurde jetzt auch in die Riege der Ghostbusters bzw. Science Busters aufgenommen (siehe scienceblogs.de). Nachdem Gruber aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr an den Science Buster Shows teilnehmen kann und Kabarett heute vermutlich der letzte krisensichere Beruf ist, wurde seine Stelle gleich fünffach nachbesetzt. Mit dabei unter den neuen Recken des Szientismus sind auch der Kabarettist Gunkl (Günther Paal) und der Astronom Florian Freistetter. Schon seit 2008 betreibt Freistetter beim Wissenschafts-Blog-Portal ScienceBlogs das Blog Astrodicticum simplex, das laut Wikipedia erfolgreichste deutschsprachige Wissenschaftsblog mit ca. 400.000 Seitenaufrufen pro Monat. Seit November 2014 bietet derStandard.at Freistetter ein Podium, von dem aus er alle zwei Wochen in der Kolumne “So ein Schmarrn!“ einen aufklärerischen Artikel zur Bekämpfung von „Pseudowissenschaften“ schreibt. Freistetter nützt dieses reichweitenstarke Podium ganz im Sinne der GWUP dafür, um Homöopathie, Alternativmedizin und Naturheilkunde in einen Topf mit UFO-Spinnern, Astrologie, dem Jonestown-Massaker und esoterischem Jahrmarkt-Firlefanz zu werfen und damit eine übel riechende braune Melange zu brauen, die dann flächendeckend auf den medialen Meinungsäckern ausgesprüht wird, um als Treibdünger für die Konversion zur aus Skeptiker-Sicht einzig legitimen Weltanschauung, dem technokratisch-nihilistischen Szientismus zu dienen. Angesichts des vielfachen Unsinns und der Abgehobenheit dessen, was auf dem Jahrmarkt als sogenannte „Esoterik“ figuriert, fällt es Freistetter nicht schwer, Stimmung gegen alles „Über-Sinnliche“ zu machen. Neben seiner Enttarnung „esoterischer Geschäftemacherei“ nützt Freistetter die Standard-Kolumne jedoch geschickt als Trojanisches Pferd für das Indoktrinationsprogramm der GWUP, wonach einer breiten Leserschaft suggeriert werden soll, dass jeder Mensch, der sich mit Spiritualität oder Religion befasst, einfach nur ein hoffnungsloser Dummkopf ist.

Wie schon einleitend ausgeführt, hat es für das heute existenziell verunsicherte Publikum immer etwas ungemein Erheiterndes und Erleichterndes, wenn Sandsäcke und Watschenmänner präsentiert werden, die scheinbar dümmer sind als man selbst. Wie klein der Schritt von der Verächtlichmachung zur schließlichen Ausmerzung der zu Dummköpfen und für vogelfrei Erklärten ist, sollte uns aus der Geschichte eigentlich hinreichend bekannt sein. Wie auch Roland Düringer in seiner oben verlinkten Video-Antwort auf die GWUP-Brett Schmähpreisnominierung sagt, werden durch solche pseudosatirische Agitation bereits die Scheiterhaufen für die Pogrome der Zukunft geschlichtet.

Anscheinend sind die leidlichen Erfahrungen der Vergangenheit aber nun nach mehreren Jahrzehnten Wohlstand wieder vergessen, sodass selbstgerechte „Übermenschen“ wieder begonnen haben, sich zu erheben. Immerhin waren es jene leidlichen Erfahrungen, die uns schließlich zum Einziehen rechtsstaatlicher Dämme gegen Willkür, Diffamierung und Entwürdigung geführt haben, zu unserer Verfassung und zur Erklärung der universellen Menschenrechte, wonach jedem Menschen seine individuelle Würde mit Glaubens- und Gewissensfreiheit garantiert sind. Allerdings besitzen diese auf Gesetzesebene in Form von Straftatbeständen des StGB wie Rufmord, Beleidigung und übler Nachrede herabgebrochenen Grundsätze heute scheinbar keine normative Geltung mehr. Warum sie nicht mehr gelten, weiß ich nicht. Vielleicht ist mir einfach entgangen, dass Merkel sie ebenso außer Kraft gesetzt hat wie vor kurzem das Schengener Abkommen. Da die Chomsky’schen Experten der Wissenschaft schon wissen, was gut für uns ist, braucht man grundsätzliche Entscheidungen über unsere Zukunft heute ja nicht mehr der demokratischen Willensbildung der Bürger überlassen. Zuletzt wurde dieses neue Selbstverständnis der Experten in Form der Durchsetzung transatlantischer Freihandelsabkommen wie CETA demonstriert – nicht nur  Volksabstimmungen waren tabu, auch bereits die Kenntnis über die Dinge, die da mit Konzernlobbyisten verhandelt wurden, konnte man dem unwissenschaftlichen Kleinbürger nicht zumuten und hielt man daher lieber geheim. Vermutlich wird es aber schon demnächst „laienverständliche“ Informationsbroschüren aus den neu eingerichteten „Wissenschaftskommunikations“-Universitätsressorts der Science Busters  geben. Edutainment at ist best.

Da Wissenschaft keinesfalls ernst sein muss, wird auch der Kabarettist Gunkl (Günther Paal) im runderneuerten Edutainment-Kaulquappenpool mit schrillen Basstönen mitunken. Dass Gunkl beim intelligenzbestialen akademischen Diskurs mithalten kann, hat er bereits durch seine langjärigen Auftritte als „Experte für eh alles“ im TV-Format „Dorfers Donnerstalk“ bewiesen. Prustendes Schenkelklopfen bleibt dem fernsehenden Bürger also weiterhin garantiert und das szientistische Edutainment-Umerziehungsprogramm kann mit Volldampf weitergehen. Indem sich dieses Umerziehungsprogramm mit den Mänteln von Wissenschaft und Satire gleich zwei unangreifbare Panzerungen zugelegt hat, wird es wohl kaum zu stoppen sein. Aber keine Sorge. Während Umerziehung früher noch eine schmerzliche und unappetitliche Angelegenheit unter Androhung von Folter und Arbeitslager war, so vollzieht sie sich heute in spielerisch-amüsanter Weise, auf der Couch zurückgelehnt vorm Flachfernseher (siehe Steve Cutts: The Daily Bullshit /„Expert News“).

Gunkl arbeitet übrigens auch für die Giordano Bruno Stiftung, in der schon Ahnvater Oberhummer wissenschaftlicher Beirat war. – Eine wissenschaftlich und marketingtechnisch hochkarätig besetzte Stiftung der besonderen Art, auf die wir bei Zeiten noch in einem eigenen Artikel zurückkommen sollten. Vorerst sei diesbezüglich nur auf einen aufschlussreichen Artikel von Reinhard Bingener in der FAZ verwiesen: „Die Agenda des Neuen Atheismus“ ; man erfährt dort etwa, dank welcher Geldflüsse der Marketingprofi und nunmehrige Vorstandssprecher Michael Schmidt-Salomon, der sich zuvor nach eigenem Bekunden „von Lehrauftrag zu Lehrauftrag über Wasser halten musste“, nun seinen Unglauben zum Beruf machen und Spindoktor des Neuen Atheismus werden konnte  – der sich in der wenig zugkräftigen Bezeichnung Atheismus aber nicht mehr gefällt, sondern sich lieber in Euphemismen wie „evolutionärer Humanismus“ kleidet und sich mit klingenden Namen wie Giordano Bruno schmückt, dem 1600 als Ketzer verbrannten Dominikaner – der übrigens mit Atheismus leidlich wenig am Hut hatte, sondern für den es in neuplatonischer Tradition selbstverständlich war, dass „man in allen Dingen Seele und Leben antreffe und dass die Seele als Form aller Dinge überall die Materie ordne und beherrsche“ (Wikipedia).

Hervorgetan hat sich Gunkl etwa als Schirmherr des von der Giordano Bruno Stiftung geförderten Blasphemie-Kunstpreises „Der freche Mario“. Mit diesem werden  Kunstwerke ausgezeichnet, die „übernatürliche Vorstellungen auf die Schippe nehmen und zur Aufklärung und Freiheit der Gesellschaft beitragen sollen“. Das Preisgeld von € 3.000.- pro Kopf hat bereits im Jahr der ersten Ausschreibung ca. 700 Künstler dazu motiviert, ein blasphemisches Werk zu produzieren. Eingereicht werden können „Aktionen, Texte, Musikstücke, Zeichnungen, Cartoons, Ölbilder, Skulpturen, Theaterstücke, Kabarettbeiträge und Kurzfilme“ – repräsentative Resultate des Preisausschreibens siehe im Header von http://www.frechermario.org/. Für viele am Rande des Prekariats dahinrudernde Künstler ist es natürlich ein erklecklicher Happen, 3.000 Euro netto für solch ein hingekritzeltes Cartoon zu erhalten. Da nimmt man ideologische Konflikte mit seinem Selbstverständnis als Künstler schon mal in Kauf und lässt sich ganz in Manier von Werbefritzen dafür anheuern, Kreativmaterial für ein fix vorgegebenes Thema zu fabrizieren und vorgegebene Interessen zu bedienen – selbst wenn es um das gesellschaftliche Abschaffen des über die profane Alltagsrealität Hinausgehenden , des „Über-Natürlichen“ geht, also derjenigen Quelle, aus der der Künstler selbst schöpft. Wieder einmal hat man die Wahl zwischen Kopfschütteln und Schmunzeln. Denn eigentlich sind ja alle wirklich den Menschen bewegenden literarischen, musikalischen und sonst irgendwie erhebenden Meisterwerke aus der Region des „Über-Natürlichen“ geschöpft – schließlich musste sich der jeweilige Künstler „über“ die gewöhnliche profane Natur hinauserheben, um eine neue inspirative Schöpfung in die Welt zu bringen; aus bloßen Steinen, Kartoffeln oder der schnöden Realität von Wirtschafts- oder Steuerberatungskanzleien sind bekanntlich noch keine Sonaten und Poesien ersprossen.

Wenn also nunmehr sogar die kreativsten Köpfe, die unsere Gesellschaft hat, ihre Kreativität dafür einsetzen, um das neuerdings so verwerfliche „Über-Natürliche“  ins Reich des Wahnsinns zu verbannen, dann stehen die Chancen gut, dass wir uns mittelfristig mit einer außerordentlich Unter-Natürlichen Alltagsrealität abfinden werden müssen. Wer die Meinung vertritt, dass diese unter-natürliche Realität realiter nicht einmal halb so viel Spaß, Aufklärung und Effizienz bringen wird, wie uns das von der Szientisten-Avantgarde versprochen wurde, der wird von der Schwarmintelligenz der Skeptiker umgehend einen medialen Kopf kürzer gemacht. Über einen ersten Vorgeschmack dieser vollkommen entblätterten und entmystifizierten Realität, wie sie derzeit ideologisch vorbereitet wird, haben wir bereits berichtet (siehe „Über multiresistente Keime, Kulturtod und emotionale Vulkanausbrüche in neoliberaler Gletscherlandschaft“).

Fazit des Kesseltreibens

Wenn man sich in Cafès und Blogs umhört, herrscht mittlerweile vielfach Kopfschütteln über das mediale Kesseltreiben der GWUP-Pastafaris. Insbesondere der Versuch der Diffamierung des beliebten Kabarettisten Roland Düringer hat sich für die GWUP als Schuss ins eigene Knie erwiesen- die GWUP hat sich dadurch nun eine Art schnöseliges Arschloch-Image eingehandelt.

In der Blogszene wird die Skeptiker-/GWUP/Aluhutbewegung  nach anfänglich eher unkritischer Rezeption zunehmend selbst als Propagandasekte bezeichnet, im Blauer Bote Magazin sogar als „Speerspitze einer neuen faschistischen Szene, die Regierungskritiker und kritische Wissenschaftler  verleumdet“. Auch die Kampagnen gegen die Homöopathie fanden die meisten Menschen gar nicht so lustig wie Gruber, Freistetter & Co., da sie bereits selbst vielfache positive Erfahrungen mit homöopathischen Arzneien gemacht haben und diese in ihrem Leben nicht mehr missen wollen. Ebenso hegt heute eine große Anzahl an Menschen ein starkes Interesse an der Ergründung von Sinn und philosophisch-metaphysischen Fragen. Die Einladung der GWUP-Szientisten zu einem technokratisch-nihilistischen Leben in einer „Scheißgegend des Universums“ erscheint ihnen da reichlich wenig attraktiv, zumal sie das Leben schon nach kurzer Beschäftigung mit ernsthaften philosophischen Schriften abseits der Profanesoterik in zunehmenden Maße als zutiefst sinnvolle Existenz erkennen, ganz so wie dies bereits Viktor Frankl mit seiner noetischen Ebene des Menschseins (von griech. nous = Sinn), Platon mit seiner Welt der lebendigen Ideen und Urbilder oder Hermann Hesse mit seiner „Welt Mozarts“ in überzeugender Weise postuliert haben. Gegen die Quellen, die sich durch die großen Philosophen, Literaten und wirklichen Wissenschaftler eröffnen,  erscheint einem gesunden, empathischen Menschen das Szientisten-Credo („Mensch und Welt sind nur geistlose Kohlenstoffzusammenballungen, ergo ist alles Wurst…“) als hohle blecherne Trommel, die, nachdem das Schenkelklopfen und der kurzfristige Effekt des Berauschens an der eigenen intellektuellen Eitelkeit wieder verebbt sind, konsequenterweise nur zu Verödung und Depression führen kann.

Nach einer durchwegs gelungenen Phase der aggressiven Expansion und Vernetzung mit den Mainstreammedien wird es für die GWUP bzw. die Skeptikerbewegung also in Zukunft zunehmend schwieriger werden, menschlich profunde Kapazitäten als Mitglieder zu rekrutieren. Zweifellos wird es auch durchaus regen Zulauf geben, ist doch das vorgenannte  Szientisten-Credo („Mensch und Welt sind nur geistlose Kohlenstoffzusammenballungen, ergo ist alles Wurst, …“) das genuine Glaubensbekenntnis für den fortschritts- und frackinggläubigen MINT-Studenten, der bei Halliburton oder Monasanto Karriere machen will – ebenso wie es dem Spiegelbildbürger willkommen ist, der „einfach nur abschalten“ will. Gewiss wird es auch Studenten geben, die in der vorgenannten „Entfremdungszone der Universität“ (Hartmut Rosa) dem Erfrierungstod dadurch zu entgehen suchen, indem sie sich in einer szientistisch tickenden Community unter der Pastafariflagge zusammenschließen und Treibjagd auf gemeinsame Feindbilder bzw. Abweichler machen. Wieder einmal drängt sich Sören Kierkegaards Parabel der frierenden Stachelschweine auf, die sich zusammendrängen, um sich etwas zu wärmen, aber sofort wieder auseinanderstieben müssen, sobald sie sich mit ihren stacheligen Körpern aneinanderquetschen.

Die GWUP Community wird also zweifellos noch wachsen, aber für jeden Menschen, der den Sinnzusammenhang des Lebens auch nur ahnt, ist eine GWUP-Mitgliedschaft eher wie ein Griff ins Klo. Allerdings besteht weiterhin die Gefahr, dass die GWUP mit ihrer Weltsicht eine beträchtliche Anzahl junger, unbedarfter Menschen indoktriniert, denen auf Blogs wie Moders „GENau“ oder Freistetters „Astrodictium Simplex“ in leger-coolem Fabulous-Fab-Stil der technokratisch-nihilistische Szientismus schmackhaft gemacht werden soll. Ganz wird sich die WHO-Prognose, wonach Depression in den nächsten 15 Jahren zur Volkskrankheit Nr.1 avancieren wird, also nicht abwenden lassen (siehe Ärztezeitung). Aber das ist eben die Tragik und gleichzeitig die Größe des Menschseins, dass jeder Mensch seinen freien Willen hat und mit dem ihm zu Gebote stehenden Erkenntnisvermögen selbst entscheiden muss, auf welchen Weg er sein Schicksal lenkt. Er hat die Wahl, Adler oder Axolotl-Lurch zu werden. Freilich wird die menschliche Substanz, die wir in den nächsten Jahren weiter verlieren werden, gigantisch sein, einhergehend mit einem weiteren Absacken der ökonomischen, ökologischen und sozialen Verhältnisse. Aber wir werden uns damit abfinden müssen, dass es ebenso wie es Menschen gibt, die gegen Naturmaterialien allergisch sind und sich nur in Kunststoffprodukten wohlfühlen, es eben auch eine gar nicht so unbeträchtliche Anzahl an Menschen gibt – womöglich wird es sogar die Überzahl sein -, die allergisch auf jede Vorstellung eines Sinnzusammenhangs und einer geistigen Daseinsebene des Menschen reagieren. Dass es im Leben einen Sinn, einen größeren Zusammenhang und damit einhergehend eine Verantwortlichkeit für die eigene Entwicklung ebenso wie für das Wohlergehen der ganzen Umwelt und zukünftiger Generationen gibt, macht ihnen Angst. Oft nicht zuletzt deshalb, da sie einen Lebensstil führen, der jeder Verantwortlichkeit spottet – da kommt ihnen die Weltanschauung der Szientisten, wonach alles Wurst ist, natürlich gerade recht; man kann damit noch eine Weile weitersumpfen wie gewohnt.  Dass dieser Lebensstil gar nicht ihrem innersten individuellen Willen entspricht, sondern sie einen weitgehend durch Medien, Kommerz und Ausbildung fremdbestimmten Lebensstil praktizieren, ist ihnen vielfach wenig bewusst oder wird verdrängt. Aber halten wir uns nicht mit dem Blick auf die pathologische Seite des Menschseins auf. Wie Nietzsche schon gesagt hat, soll man nicht zu tief in den dunklen Brunnen schauen, sonst fällt man womöglich selbst hinein. Lassen wir das Zeitphänomen der GWUP-Pastafaris und des Szientismus also wieder beiseite und schauen wir nach vorne. Es gibt viel anzupacken und zu erforschen und wie Viktor Frankl gesagt hat: Es ist nicht an uns, Fragen an das Leben zu stellen. Das Leben stellt Fragen an uns, auf die wir zu antworten haben.

Wenn im eigenen Bekanntenkreis einmal ein GWUP-Pastafari auftauchen sollte, dann könnte man ihm bei Gelegenheit ein Gedicht von Hermann Hesse reichen, das hoffentlich beide Seiten zum Schmunzeln bringen und miteinander aussöhnen wird:

„Die ewig Unentwegten und Naiven
Ertragen freilich unsre Zweifel nicht.
Flach sei die Welt, erklären sie uns schlicht,
und Faselei die Sage von den Tiefen.

Denn sollt es wirklich andre Dimensionen
Als die zwei guten, altvertrauten geben,
Wie könnte da ein Mensch noch sicher wohnen,
Wie könnte da ein Mensch noch sorglos leben?

Um also einen Frieden zu erreichen,
So lasst uns eine Dimension denn streichen!

Denn sind die Unentwegten ehrlich,
Und ist das Tiefensehen so gefährlich,
Dann ist die dritte Dimension entbehrlich.“

Entbehrlich wird womöglich auch bald das Internet, unsere einstige Hoffnung von Freiheit und Kommunikation, das nun in einer fauligen Melange aus interessensgesteuerter Meinungsmache, manufacturing consent und Social Bots unterzugehen droht. Allein bei Facebook existieren 15 Millionen Fake-Konten, bei Twitter sind geschätzte fünf bis zehn Prozent aller Konten von Maschinen gesteuert, um Internetforen mit tendenziösen Meinungen zu fluten und Bewertungsportale zu manipulieren. ORF-Regisseur David Schalko bezeichnet  das Internet und den derzeitigen Zustand der Social Media Plattformen daher als „größte Toilettenanlage unserer Gesellschaft“. Womöglich findet sich in diesen Zuständen auch eine erschöpfende Erklärung, warum Rappelkopf-Events wie „Das Goldene Brett vorm Kopf“ und „Der Goldene Aluhut“ einen derartigen medialen Hype erfahren haben.

Denn nach eigenem Bekunden umfasst die GWUP nur knapp über 1000 Mitglieder – global gesehen wachsen die Sprosse der US Atheistenbewegung auch nicht mehr, sondern schrumpfen dramatisch. Reinhard Bingener stellt etwa fest, dass keine Weltanschauungsgemeinschaft so große Verluste wie der organisierte Atheismus zu verzeichnen hat. Um 1900 zählten etwa die Deutschen Freidenker – die auch das Goldene GWUP-Brett sponsern –  mehrere hunderttausend Mitglieder, ein Jahrhundert später sind es kaum mehr 3000 (siehe faz).

Bei den Veranstaltern der neuen Hexenjagd handelt es sich also eigentlich eine marginale gesellschaftliche Strömung  bzw. Randgruppe, die sich anmaßt, der Gesellschaft eine intolerante szientistische Weltanschauung für verbindlich zu erklären. Mit dem gleichen Gewicht könnte genausogut der Mistelbacher Swingerverein fordern, dass seine Weltsicht zum Maß der Dinge erklärt und Monogamie endlich als rückständiges Ketzertum und verwerfliche Sektiererei geächtet und verboten wird.

Mindestens ebenso anmaßend ist es eigentlich, dass die Skeptiker/GWUPerianer so auftreten, als ob sie die Vertreter der offiziellen Wissenschaft wären. Dabei könnte man die Skeptiker im wissenschaftlichen Diskurs allenfalls als Randgruppe, sogar als extremistische Randgruppe bezeichnen. Denn das Weltbild, auf das sie insistieren, ist ein selektiv retardierendes und überholtes. Leben und Materie mit konventionell rubrizierbaren physischen und chemischen Wirkungen zu erklären, gilt durch die moderne Wissenschaftstheorie ebenso wie durch die Teilchen- und Quantenphysik in Wirklichkeit längst als überholt. Aufgrund aktueller Erkenntnisse über die Beschaffenheit der Materie deutet alles darauf hin,  dass Platon mit seiner „lebendigen Urbildebene“, die Stoiker mit ihrem „Pneuma“ als beseelendem Weltenprinzip ebenso wie Novalis und Goethe mit ihrem Ausspruch „Alles Sichtbare ist nur ein Gleichnis für ein dahinterliegendes Unsichtbares“ doch recht gehabt haben: Unser Dasein beruht auf einem unwägbaren, also metaphysischen Seinszustand, von dem unsere sicht-und greifbare Welt nur eine Art geronnener Abklatsch, noch dazu ein äußerst trügerischer und instabiler Abklatsch ist. Für Physiker wie Albert Einstein, Max Planck oder Hans-Peter Dürr, von denen man sagen kann, dass sie sich doch einigermaßen profund mit dem Wesen der Materie und des Daseins auseinandergesetzt haben, war Materie nur „die Kruste des Geistes“ oder „geronnener Geist“, der durch „unwägbare Entitäten“ in seine optisch sichtbaren Formzustände gebracht wird. Über die Ambitionen der GWUP zur Wegrationalisierung dieses Geistes hätten sie nur milde gelächelt.

Dass sich die „Skeptiker“ das Mäntelchen der Wissenschaft umhängen, um ihre eigentlich abgespaltene, also im wörtlichen Sinne sektiererische Sonderweltsicht zu propagieren und für allgemeinverbindlich zu erklären, beweist schon ganz besondere Chuzpe.  Ebenso wie es ziemliche Dreistigkeit braucht, um sich des Namens von Giordano Bruno als Flagge für einen neu aufgebrühten Materialismus zu bedienen, obwohl auch in Wikipedia jedermann klipp und klar nachlesen kann, dass „die Vorstellungen Giordano Brunos im Gegensatz zum materialistischen Weltbild stehen“.

Über diese Chuzpe könnte man natürlich lächeln, wäre in unserer Gesellschaft nicht der Wurmfraß zunehmender verbaler Radikalisierung, Intoleranz und Hass so weit vorangeschritten, dass er bereits in Beseitigungsforderungen gegenüber Menschen mit abweichender Weltanschauung mündet. Auf Landesparlamentsebene agieren mittlerweile Politiker, die sogar in der Erteilung von Schießbefehlen auf Zivilisten bekanntlich kein besonderes Tabu mehr sehen. Dass Hass und Gewaltbereitschaft nicht nur im Netz anschwellen, das bekommen z.B. Menschen mit Behinderungen am eigenen Leib zu spüren. Eine querschnittsgelähmte Freundin hat mir etwa vor kurzem berichtet, dass sich die Situation einer Rollstuhlfahrerin im öffentlichen Leben in den letzten Jahrzehnten radikal verändert hat. Seien ihr früher bei jeder Gelegenheit Bekundungen der Rücksichtnahme und tätige Hilfe zuteil geworden, so erfahre sie heute auf der Straße regelmäßige Feinseligkeiten bis hin zu grundlosen wüsten Beschimpfungen. Menschen, die anders sind, stören anscheinend. Die Bereitschaft, andersartige Menschen von unserem Highway des Fortschritts zu beseitigen, steigt.

In dieser Situation bereitet das Ausgrenzen von Menschen mit abweichender Weltanschauung den Boden für die Pogrome der Zukunft. Wir kennen es aus der Geschichte eigentlich zur Genüge, wie durch gezielt aufgebaute Reizworte Feindbilder geschürt wurden, auf die sich dann irgendwann der diffuse, aufgestaute Hass der Bevölkerung entladen konnte. Am Höhepunkt der kollektiven Hysterie reichte es dann, den unliebsamen Nachbarn mit dem bloßen Reizwort  (Kommunist … Jude … Hexe … Ketzer … Sekte … Asozialer … Sozialschmarotzer etc.) zu denunzieren, um ihn ins Umerziehungslager oder auf den Scheiterhaufen zu befördern. In seinem oben erwähnten Artikel gemahnt auch FAZ-Autor Reinhard Bingener daran, dass es Vertreter des atheistischen Monismus wie Ernst Haeckel waren, die durch ihre „fortschrittlich aufklärende“ Tätigkeit die wichtigen Wegbereiter der Rassenhygiene und des Gedankens vom „lebensunwerten Leben“ waren (hier übrigens eine lesenswerte Betrachtung zum aktuellen Jahrestag der Novemberpogrome auf ORF: „Vom Volkszorn zum industriellen Massenmord“: „… ab Sommer waren Betriebe mit jüdischen Eigentümern nach außen hin als solche kenntlich zu machen: Die „Vorarbeit“ dafür, dass sie am 9. November abgebrannt werden konnten … Die Passivität der Bevölkerung und noch mehr die aktive Beteiligung überraschte sogar die Nazis selbst – und daran vor allem, dass selbst jene mittaten, die sich gar nicht selbst bereichern konnten …“)

Angesichts von zunehmendem Opportunismus und verbaler Radikalisierung täten wir eventuell gut daran, Tom Schimmecks eingangs zitierten Alarmruf (siehe taz: „Arschlochalarm unter der Berliner Käseglocke“) als Flugblätter zu drucken und in allen Straßen und Universitäts-Aulen ausstreuen wie seinerzeit die Essays der Weißen Rose, bevor es zu spät und das gesellschaftliche Klima vollends vergiftet ist. „Wir haben heute auf fast allen Sendern eine Gehässigkeitskultur, die darauf basiert, andere herunterzumachen und schnelle Lacher zu kriegen“, resümiert Anne Weiss, Co-Autorin des Buches „Generation Doof“.

Wenn wir also nicht bald neue Initiativen der Toleranz und Humanität in die Geburt bringen, dann steht zu befürchten, dass das „neue Zeitalter der Barbarei“, vor dem uns Hermann Scheer kurz vor seinem Tod gewarnt hat, reale Gestalt annimmt. Insofern hätte sich Roland Düringer für seinen unermüdlichen Einsatz für mehr Mitmenschlichkeit und kritisches Denken (die Gage seiner Puls4-Fernsehshow spendet er übrigens für gemeinnützige Initiativen) in der Tat ein Stück goldenes Brett verdient. Nachdem 1 kg Gold derzeit 35.000 € wert ist und Düringers  gleichermaßen heitere wie treffsichere Aufklärungsarbeit in heutigen nebelschwangeren, präapokalyptischen Zeiten tatsächlich mit Gold aufzuwiegen sind, stünde ihm eine Schnitte Gold wirklich zu.

Wer im Internet ins Fadenkreuz der GWUP-Science Busters gerät, der soll sich übrigens nicht grämen sondern das durchaus als ein Ehrenprädikat empfinden. So wie es Noam Chomsky bei einer Ansprache am Universitätscampus seinen Studenten mit auf den Weg gab: „Wenn ich mit dem, was ich sage, in den heutigen geisteskorrumpierten Verhältnissen nicht auf vehemente Kritik stoßen würde, dann wüsste ich, dass ich etwas falsch gemacht habe.“

In diesem Sinne … wünsche ich nach diesem wieder einmal viel zu lang gewordenen Artikel allen Lesern noch einen angenehmen Abend und frohen Mut trotz allem Gegenwind der aktuellen Großwetterlage. Da wir hier nicht nur philosophieren, sondern auch praktische Menschen sein wollen, möchte ich den Abend jedoch nicht beschließen, ohne dem Leser noch eine Ampulle mit wirksamem Gegengift zur Immunisierung gegen das Gift des Science Edutainments und die derzeit grassierende Epidemie von Hass, Intoleranz und Ausgrenzung mit auf den Weg zu geben – in Form eines Gedichts von Lothar Zanetti (siehe unten auch in einer Vertonung von Konstantin Wecker):

Was keiner wagt, das sollt ihr wagen

was keiner sagt, das sagt heraus

was keiner denkt, das wagt zu denken

was keiner anfängt, das führt aus.

 

Wenn keiner ja sagt, sollt ihr’s sagen

wenn keiner nein sagt, sagt doch nein

wenn alle zweifeln, wagt zu glauben

wenn alle mittun, steht allein.

 

Wo alle loben, habt Bedenken

wo alle spotten, spottet nicht

wo alle geizen, wagt zu schenken

wo alles dunkel ist, macht Licht.

 

 

Nachsatz:

Nicht dass die Szientisten/Skeptiker/GWUP-Anhänger besonders verwerfliche Menschen wären, die meisten von ihnen sind persönlich vermutlich ganz umgängliche Typen, mit denen man sich bei einem Bier nett unterhalten könnte. Sie realisieren jedoch trotz ihrer hochgradigen akademischen Intelligenz nicht, welchen Bärendienst sie mit ihrer Hetzjagd auf alternative Denker im gesellschaftlichen Diskurs gerade leisten. Mir ist bei dieser Einschätzung voll bewusst, dass sie geradewegs in der Austilgung des vermeintlich Irrationalen einen Fortschritt der Gesellschaft sehen und ihre Hetzjagd nicht bloß aus böser Willkür betreiben. Genau an dieser Stelle scheiden sich aber die Geister. Denn obwohl sich ein Szientist mit Händen und Füßen gegen diese Vorstellung verwehren wird, so liegt doch das Paradox vor, dass es geradewegs die vermeintliche Wissenschaftlichkeit bzw. Intellektualität ist – zumindest diejenige Intellektualität in der derzeitigen, szientistisch-technokratisch-nihilistischen Ausprägung -,  die den gerade aus der Kurve fliegenden Menschen und unsere gesamte Zivilisation in den Abgrund befördert. Denn wenn der Mensch nur auf seine physisch-chemischen Funktionsmechanismen reduziert wird, dann wird man ihn nicht anders handhaben als eben auch all die anderen physischen und chemischen Ressourcen, die auf unserem blauen Planeten vorzufinden sind und an denen wir gerade hemmungslosen Raubbau betreiben. Gegen die Zeiten, die dann anbrechen (Hermann Scheer warnt im Falle des Verlusts der menschlichen Würde vor einem „neuen Zeitalter der Barbarei“), gekoppelt mit noch nie dagewesenen technischen Möglichkeiten zu lückenloser Bürgerüberwachung, Repression und Biomodifikation, werden uns bisher erlebte Faschismen womöglich als noch vergleichsweise sozialromantische Zeiten vorkommen (siehe den bereits oben erwähnten  offenen Brief ehemaliger CIA-/NSA-Offiziere „Wir errichten gerade schlüsselfertige Tyranneien!“)

Hierbei lehne ich Wissenschaft keineswegs ab, ganz im Gegenteil: wir brauchen heute dringend Wissenschaft, aber eine wirkliche, den Menschen samt Sinn und Verantwortung unseres Daseins einbeziehende Wissenschaft und nicht eine der bloßen Verwertungslogik unterworfene, szientistisch verhärtete Wissenschaft wie sie derzeit etabliert ist, für die es in der Tat  kaum eine treffendere Bezeichnung gibt als „Entfremdungszone“ (Hartmut Rosa / Zeit).

Ich weiß, diese Befundaufnahme ist für einen jungen Menschen, der in einer Zeit existenzieller Auflösung gewohnter Lebensgrundlagen im technokratischen Szientismus seine neue Religion gefunden hat, eine eiskalte Ernüchterung, aber ich muss es aus tiefster eigener Erfahrung trotzdem einmal sagen: Der Bandwurm, der gerade das gesamte Fundament unserer Zukunft wie einen Schweizer Käse durchlöchert, kann niemals durch den Szientismus gefangen werden, sondern der Wurm IST geradewegs der Szientismus bzw. unser hybrider Intellekt. Denn die glänzenden Zeiten des Intellektualismus sind vorbei. Gemäß der unbeugsamen Gesetzmäßigkeit des Kondrattjeff-Zyklus, wonach ausnahmslos alles im Leben zuerst seine aufstrebende Entwicklung, dann seine Hochblüte und schließlich seine Niedergangs- und Dekadenzphase aufweist, so ist auch die Entwicklung des menschlichen Intellekts nun wieder im Niedergang begriffen und mündet in die Dekadenz ein. Wenn wir trotz des mittlerweile offenkundigen Versagens der szientistischen Denkweise ungeachtet weiterhin auf das Pferd des erstarrenden Intellektualismus setzen, wird es uns wiehernd in den Abgrund des Grand Canyon reiten. Eigentlich bräuchte es zur Verifikation dieser Tatsache gar keine akademischen Theorien wie die von Kondrattjeff & Co., sondern einer bloßen nüchternen Sichtung des politisch-ökonomischen Tagesgeschehens. Obwohl alle Belange betreffend Politik, Wirtschaft, Finanz, Militär, Soziales und Umwelt praktisch ausnahmslos von akademisch-intellektuell höchstgradig ausgebildeten Personen bestimmt werden, die rein nach wissenschaftlich-technokratischen Kriterien agieren, so lacht einen heute fast von allen Seiten der nackte Wahnsinn an und verdunkelt den Horizont der Zukunft. Und während GWUP-Youngsters wie Martin Moder die Wellen der Wissenschaft, auf der sie gerade surfen, „voll geil“ finden (siehe „Helden von heute“), sehen sogar die führenden Wirtschaftskapitäne der Weltkonzerne in der derzeitigen Art des wissenschaftlichen Denkens und Wirtschaftens keine Zukunft. In einer Studie des US-Unternehmensberaters Jeremy Rifkin wurde die Frage an 150 führende Manager der internationalen Konzerne, ob sie die Welt, die sie gerade durch ihre Arbeit mitgestalten, für ihre Enkel als lebenswert ansehen, ausnahmslos verneint. UN-Menschenrechtskommissar Jean Ziegler spricht ganz unverblümt von einer „kannibalistischen Weltordnung“ mit der wir unsere Überlebensgrundlagen vernichten. Solange wir weiterhin die eigentlich schon von Permenides erläuterten Unterscheid zwischen Sein und Nichtsein auf den Kopf stellen (siehe Nachrichtenspiegel: „SEIN oder NICHTSEIN – eine Frage über Fortbestand oder Untergang unserer Spezies und ein Lanzenbruch für Permenides“), wird das von Ziegler konstatierte Kannibalisieren entgegen aller anderslautenden Beteuerungen ungehemmt weitergehen.

Jetzt werden viele GWUPs/Skeptiker/Pastafaris einen hochroten Kopf bekommen, was der da daherschwurbelt von tiefster eigener Erfahrung und solchem Zeugs. Warum man mir die haarsträubende, aller akademischen Würde widerstrebende These vom szientistischen Bandwurm und der Dekadenz des Intellektualismus glauben sollte? Nun, wenn alles, was ich bisher und in vorangegangenen Artikeln angeführt und verlinkt habe, vergeblich war, dann weiß ich, werden auch alle weiteren Argumente vollkommen umsonst sein. Ich will und kann auch niemandem etwas einreden und ihm seine Entscheidung abnehmen, sondern möchte nur darauf hinweisen, dass die Entscheidung zwischen Adler und Axolotl nicht bloß eine banale Wahl wie zwischen einem Apple- und einem Samsung-Smartphone ist, sondern eine eminent schicksalhafte Entscheidung, die letztlich das gesamte Lebensglück des individuellen Menschen bestimmen wird.

Meine Bemühung richtet sich daher auch nicht an die szientistischen Hardliner, bei denen beiße ich auf Granit, ich weiß. Meine Bemühung richtet sich stattdessen in genau dieselbe Richtung wie die des oben schon zitierten und vor Kurzem abgeschiedenen GWUP/Science Busters Oberhummer: „an diejenige nicht geringe Zahl von Unentschlossenen, die nicht recht wissen, was sie von Homöopathie etc. halten sollen“.

Anstatt weitere Argumente aus der schnöden Welt der hard facts zu bringen, möchte ich zur Darstellung meiner persönlichen Sicht lieber einen bildhaften, vollkommen unwissenschaftlichen Vergleich aus dem Genre des Science Fiction in die Waage legen, die hochrationalen Wissenschaftshüter der Science Busters erlauben sich das ja auch. Also:

Immerhin bin ich selbst bis in die innersten Strukturen des szientistischen Labyrinths hinabgetaucht und dort dem MINT-Minotaurus begegnet. Dabei  habe ich das gleiche Schicksal erlitten wie seinerzeit schon Captain Picard von der Enterprise, mein Kopf ist dort im first contact von den Borgs infiltriert und mechatronisch verkabelt worden (hier eine Aurafotografie aus meinem Burschenschafts-Album). Nur um Haaresbreite und mit tiefen Brand- bzw. Erfrierungswunden konnte ich mich aus dem Traktorstrahl der Borg lösen und dem endgültigen Verschlungenwerden im technokratischen Abgrund entrinnen. Die Wege im Borg-Kubus waren allerdings mit sklerotisierten Leichen und mumifizierten Kollegen gepflastert, denen es nicht gelungen ist, rechtzeitig wieder nach oben zu kommen und sich ihr Menschsein wiederzuerringen (siehe Steve Cutts: „In the fall“). Mein Kopf ist heute nicht mehr verkabelt, aber ich weiß nun bis ins Detail, wie das Räderwerk des Borg-Kubus tickt – und kann daher sagen, dass der vielgepriesene Borg-Kubus keineswegs das effizient-rationale Kommerzparadies ist, als das er von außen erscheint (siehe auch „Der glitzernde Deckmantel des Wahnsinns“). Der Gwup-, pardon … der Borg-Kubus ist vielmehr genau das, was wohl Dante mit seiner Eishölle gemeint haben muss, in den Worten der Science Busters: eigentlich eine „Scheißgegend“.

Zwar sind die ersten Etagen auf der Liftfahrt nach unten in den mit faszinierend spiegelnder Staffage ausgestatteten Moloch durchaus amüsant und kurzweilig – leicht wähnt man sich dabei am Beginn der Job-Rotation einer glänzenden Karriere. Ab einer gewissen Etage gibt es dann jedoch kein Zurück mehr, der Szientismus erweist sich als Treibsand, der einen unbarmherzig nach unten in die mechatronische Vermassung und intellektuelle Sklerotisierung zieht. Das besonders Tückische: Ab einer gewissen Tiefe packt einen der Tiefenrausch, eine Art ekstatisch-narzisstische Illusion, die einen den Sinn und das Ziel guten menschlichen Lebens vollständig vergessen lässt, sodass man mit offenem Mund illusorischen Seejungfrauen folgt. Es verhält sich wirklich wie bei einem vom Tauchpionier Jacques-Yves Cousteau beschriebenen Tiefenrausch (siehe Spiegel):

„Das erste Stadium ist eine leichte Anästhesie, nach der sich der Taucher wie ein Gott fühlt. Wenn er glaubt, ein vorbeischwimmender Fisch brauche dringend Luft, ist er in seinem Wahnsinn imstande, sich die Luftleitung aus dem Munde zu reißen und sie ihm großmütig anzubieten (…)

Der Vorgang selber ist undurchsichtig und wird noch immer von den Tauchphysiologen diskutiert. Ich liebe ihn und fürchte ihn zugleich wie das schlimmste Verhängnis. Er zerstört den Lebensinstinkt. Mein Kopf steckte voll eitler und grotesk übermütiger Gedanken (…)

Das entfernte Surren des Dieselmotors legte sich mir aufs Gemüt, schwoll zu einem gewaltigen Dröhnen an und klang mir in den Ohren wie der Herzschlag der Welt (…)

Ich hing ohne Sinn und Verstand an dem Tau. Neben mir stand ein lächelnder Mann, mein zweites Ich, das sich völlig in der Gewalt hatte und teuflisch über den armen Taucher grinste. Als so die Sekunden verrannen, versuchte dieser muntere Mann, sich an meine Stelle zu versetzen, und befahl mir, das Tau loszulassen und weiter hinabzugehen (…)

Doch was ich in neunzig Meter Tiefe wirklich fühlte, konnte ich nicht aufschreiben. Ich war der tiefste unabhängige Taucher. In meinem zweigeteilten Hirn war diese Genugtuung durch eine satirische Selbstverachtung gedämpft.“

Cousteaus deutscher Kollege Hans Hass hat daher bei seinen Tauchexpeditionen stets eine ToDo-Liste mit dabei gehabt. Darin waren alle Arbeiten aufgelistet, die er sich für den jeweiligen Tauchgang vorgenommen hatte: 1.) Korallenproben nehmen, 2.) Schwertfische fotografieren, 3.) Seetang sammeln etc. – aber als letzten Punkt hatte er sich stets dazugeschrieben: AUFTAUCHEN! Denn er wusste sehr gut, dass man auf dieses Auftauchen vollkommen vergessen kann, wenn einen in lichtlosen Untiefen der Tiefenrausch packt. Er wusste von Kollegen zu erzählen, denen in diesem pseudo-euphorischen Zustand schleichend der Sauerstoff ausging und die der Meeresgrund für immer verschluckt hat.

In diesem Sinne …wünsche ich allen ein rechtzeitiges Auftauchen. Und zum Schluss die gute Nachricht: Das Universum ist gar keine Scheissgegend. Die Welt, in der wir leben, ist ein wunderbarer, empathisch-intelligent vernetzter Organismus. Wer das in Schule/Uni nicht gelernt hat, kann als erste Annäherung an das Wunder das Daseins eventuell im Buch des Försters Peter Wohlleben „Das geheime Leben der Bäume“ schmökern, in dem er schildert, wie sogar Bäume höchst empathische, regelrecht freundschaftlich miteinander interagiernde Wesen sind, die sich gegenseitig stützen, wenn es einmal einem Kollegen schlecht geht … In noch sehr viel komplexerer und vielschichtigerer Weise als die Bäume ist erst der Mensch ein empathisches, in vielerlei Weise mit Umwelt und Mitmensch verbundenes Wesen. Der Mensch hat ungemein kreative Fähigkeiten, dank derer er sogar eine trostlose „Scheißgegend“ wieder zum Blühen bringen kann, er muss sie nur nutzen. Als einziges Wesen auf diesem Globus ist es der Mensch, der einen freien Willen hat, alle anderen Zwei-, Vier- und Mehrbeiner leben mehr oder weniger unter Determination. Dies impliziert auch, dass niemand allgemeingültig sagen kann, was der Mensch „ist“. Viktor Frankl hat aus diesem Grunde den Menschen so definiert: „Der Mensch ist das Wesen, das immer entscheidet. Und was entscheidet es? Was es im nächsten Augenblick sein wird.“ Dabei machen wir uns jedesmal ein Stück weit mehr zu dem, was dem Wesen unserer Entscheidung entspricht. Z.B. wenn ich täglich lüge, mache ich mich sukzessive zum Lügner. Wenn ich täglich stehle, mache ich mich immer mehr zum Dieb. Wenn ich täglich etwas Hilfreiches tue, werde ich zum Wohltäter. Wenn ich mich täglich mit Philosophie oder Musik beschäftige, werde ich zum Philosophen / zum Musiker etc.

Es ist also ganz in unseren freien Willen gegeben, wozu wir uns individuell entwickeln wollen. Wer sich nur mit technokratischem Szientismus – der ja, wie wir auch aus wissenschaftstheoretisch berufenem Mund gehört haben (siehe Nachdenkseiten), zutiefst nihilistisch ist -, der wird eine Art Vakuum ausbilden, auch wenn er äußerlich noch so viel Reichtum und Titel anhäuft. Und in dieses Vakuum werden dann Dinge hereingesogen, die alles andere als menschlich sind.

Umgekehrt kann der, der sich mit substanzieller Philosophie beschäftigt, ein ungemein reiches Innenleben ausbilden, selbst wenn er in kargen äußeren Umständen zu leben hat. Der eingangs zitierte Stephane Hessel trug in seinem Inneren – in das weder Moders Mikroskop noch Freistetters Sterngucker hinreicht – etwa einen Schatz aus über 100 Gedichten der Weltliteratur, insbesondere von Rilke und Hölderlin, die er auswendig konnte und die ihm buchstäblich zum »Lebensmittel« geworden sind. Diese nach eigenen Worten »mit dem Herzen gelernte« Poesie war in seinem Leben eine ganz konkrete Realität, dank derer er sogar der Folter im Keller der Pariser Gestapo widerstehen konnte und das KZ Buchenwald überlebt hat. Gleichermaßen spendeten ihm diese inneren Realitäten bis ins hohe Alter seinen unermüdlichen Elan, beflügelten ihn später als UN-Diplomat zur Formulierung der Allgemeinen Menschenrechtscharta  und machten ihn zum unermüdlich flammenden Kosmopoliten und Streiter für Humanität, Zivilcourage und Verantwortung, stets unterwegs zwischen Paris, New York und Burkina Faso im Ringen um Versöhnung und Toleranz.

stephanehessel_flickr-m Stephane Hessel  (Foto: flickr/CC BY SA 2.0/Abderrahman Bouirabdane)

Sogar noch als über 90jähriger Greis übte er durch sein reiches geistiges Innenleben eine inspirierende Faszination auf seine Mitmenschen aus. Auf der Leipziger Buchmesse blieb eine junge ntv-Journalistin nach dem Interview mit Stephane Hessel verdattert sitzen und sagte: „Nun habe ich mich verliebt.“

 

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