Prof.Dr. Rainer Mausfeld

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Fernsehterror – die Einbahnstraße in die Diktatur – von allen gern gesehen.

Digital StillCamera

Samstag, 18.7.2015. Eifel. In den letzten Tagen ist mir vor allem eins eingefallen: es lohnt sich nicht mehr, die politische Realität zu beschreiben. Mit einem Gefühl des Mitleids habe ich erleben müssen, dass ein Bloggerkollege – viel bekannter als meine Wenigkeit – nach über 4000 Artikeln zusammengebrochen ist: keiner kauft seine Bücher, keiner gibt ihm etwas zurück von dem, was er seinen Mitmenschen schenkt. Sollte ich in einigen Jahren ebenso enden – verbrannt an kalter Unmenschlichkeit – oder vom eigenen Idealismus? In Spanien – so berichtete das Schweizmagazin – gelten Blogger schon als Terroristen, wenn sie „den Frieden“ stören … also auf deutsch: die Regierung oder die Wirtschaft kritisieren – sie landen direkt im Gefängnis. Würde sich lohnen, diesen Gerüchten nach zu gehen, denn: was heute am Rande Europas Realität wird, wird morgen zur Norm für alle: wir wollen ja Rechtsgleichheit in Europa. Ich hadere ein wenig mit mir, diesen Weg weiter zu gehen, denn ich merke: ich gehe diesen Weg allein – für viele, die am Rande klatschen und in Windeseile fort sind, sobald es ernst wird – mal von einer Hand voll Unbeirrbarer abgesehen. Für meinen persönlichen Sitz im Leben eine strategisch ziemlich dämliche Ausrichtung – und erst recht für meine Kinder.

Dann kam der gestrige Tag und ich war eingeladen, etwas „Fernsehen“ zu schauen. „Fernsehen“ habe ich zum Schutz meiner Kinder vor über 10 Jahren abgeschafft – als erste Notmaßnahme. Es gibt noch einen Bildschirm, Spielgeräte, ein Filmabspielgerät – und ein begrenztes Zeitvolumen zur Nutzung dieser Weltfluchtmöglichkeiten. Nein – die liegen informationsmäßig nicht hinterher, im Gegenteil: sie liefern erstklassige Zeugnisse – und überspringen auch schon mal eine Klasse, trotz ihrer zweifellos vorhandenen Handicaps. Sie fühlen sich nur oft von Blöden umgeben – eine normale Erfahrung, wenn man sich unter Menschen begibt, die sich einer fragmentierten Wirklichkeit hilflos ergeben. Fragmentierte Wirklichkeit? Ja – ich beziehe mich hier auf einen Vortrag von Professor Rainer Mausfeld über „Techniken des Meinungs- und Empörungsmanagement“ (bitte mal selber Dr. Google fragen, Fräulein you tube weiß da Antwort), bzw. auf die kognitiven Techniken, die zur Anwendung kommen: durch Fragmentierung der Daten werden sie aus ihrem „Sinnzusammenhang“ gerissen, bzw. verlieren ihre Stellung im Kontext der Ereignisse, die Dekontextualisierung sorgt dafür, dass sie als isolierte Einzelfälle dastehen, während die Rekontextualisierung ihnen neue Bezugsrahmen zuweist – ein Beispiel wäre hier die Ermordung von 4 Millionen Muslimen im „Kampf gegen den Terror“, die wir gelassen hinnehmen, während wir 6 Millionen ermordete Juden, Roma, Kommunisten und harmlose Nachbarn, deren Grundstück man sich aneignen wollte, mit größtem (und angemessenem) Entsetzen betrachten. Ja – wir erleben gerade einen Massenmord an Muslimen – und denken, dass ist auch gut so: Stichwort Pegida.

Ein anderes Beispiel: Griechenland – das da Schulden gemacht wurden, um eine große Armee aufzubauen, die sich in erster Linie gegen den Natopartner Türkei wehrt, dass Deutschland an dieser Armee super verdient hat, dass die Nato darauf besteht, dass diese Armee ihre Stärke beibehält, erzählt man uns nicht so oft und deutlich. Wir bleiben bei dem fragmentierten Teil „die Griechen haben unser Geld“ – schon ist der Zorn des Volkes vorprogrammiert. Ja – ich war gestern zu Gast in dem Raumschiffcockpit der „Tagesthemen“, wo mir eine hübsche junge Frau die Wirklichkeit in Fragmente zerlegte. Ein kurzer Blick nach hier, ein kurzer Blick nach da: ich hatte die Illusion der Informiertheit. Alexis Tsipras baut das Parlament um …. dass er de fakto das NEIN des griechischen Volkes in ein JA umgewandelt hat, erklärt mir die griechische Parlamentspräsidentin (siehe Spiegel), dass somit erwiesen ist, dass selbst linkeste Linke nur noch Büttel nicht näher erwähnter Geldgeber sind, muss ich mir selber denken – dabei ist diese Entwicklung das deutliche Zeichen dafür, dass die Demokratie sich in Europa verabschiedet hat. Kein Wunder: Prof. Mausfeld hatte mich ja auch darüber aufgeklärt, dass der Neoliberalismus niemals Demokratie dulden darf, sie ist sein erklärter Feind. Das wir auch in Deutschland eine starke außerparlamentarische Opposition bräuchten, um überhaupt nur eine minimale Chance zu haben, uns dem Griff des Finanzadels zu entziehen, sollte Thema in jeder Schule, Universität, Berufsschule, Parteischule, jeder Gewerkschaftsfortbildung und auch in allen Kirchentagen sein – doch auch hier irren die Zuschauer nur noch in einer fragmentierten Wirklichkeit umher.

Beispiel? Ein angeblich lustiges Drama über „Almut und irgendwen“ flimmerte über den Bildschirm, die tragische Begegnung einer Oberschichtsfrau (Zahnärztin) mit ihrer Putzfrau. Ich traute meinen Augen kaum, als die Botschaft sich völlig entfaltete: wie die arme Putzfrau durch ihre „Emotionen“ über die reiche Zahnärztin triumphierte. Was bleibt als Botschaft fürs Prekariat? „Lass´ denen doch die Millionen, Hauptsache, wir haben uns lieb“. Das die Putzfrau als Kind das gleiche Potential (wenn nicht sogar mehr) als die Oberschichtsfee hatte, muss ich mir selber mühsam erschließen, dass allein die Existenz solcher „Klassen“ der Vergangenheit angehören sollte, ist wohl schon sehr lange in Vergessenheit geraten. Gruselig, wie selbstverständlich der neue deutsche Junkerstaat das Bewusstsein besetzt hat – auch das der Autoren.

Im nächsten Krimi begegne ich ihm wieder. Überraschung: die Kameraführung hat sich im deutschen Film der letzten zehn Jahre wohl deutlich verbessert. Keine Überraschung: die gleichen Mythen vom Herrenvolk und seinen Untermenschen, die hauptsächlich ängstlich hinter ihren Gardinen hervorlugen. Am Menschlichsten? Die Polizei, die singend und feiernd auf dem Revier einen Dachs jagt: eine lustige Kinderbande. Draußen … der unsichtbare Untermensch und die durchweg finsteren Herrenmenschen: eine Gutsherrin, ein Ingenieur, ein Tierschützer. Durch Werbung erfuhr ich, dass es noch mehr dieser Krimis gibt, dass sie mehrfach täglich über den Bildschirm wandern – und welche Botschaft verbreiten sie? Bleib als kleiner Mann hinter der Gardine, da draußen ist nur der Teufel los. Das ist die bewusste Inszenierung von „Hobbes“ Krieg „aller gegen alle“ – die als deutscher, gesellschaftlicher Normalzustand beschrieben wird – äh … „vorgeschrieben“ wird. Ich denke mir, wenn man sich dieser Schwachsinnsplörre täglich ausliefert, traut man sich bald wirklich nicht mehr vor die Tür.

Was wird der gesellschaftliche Effekt dieser Berieselung mit der fragmentierten Realität eines Thomas Hobbes´ sein? Nun – das war schon vor Jahrhunderten klar: der absolute Monarch muss her, der Polizeistaat unter dem Kommando des Diktators, der endlich aufräumt … so räumt man den Weg für einen neuen Hitler frei, der für den Junkerstaat den Dreck wegräumt und die Straßen für die SUV`s freimacht, frei von den rostigen Blecheimern und überfüllten Bussen der Untermenschen. Die Entsolidarisierung der Gesellschaft (siehe Heitmeyer) wird täglich durch 4 Stunden unterhaltsamer Gehirnwäsche brachial vorangetrieben – wobei ich mich der Speerspitze des Wahns – der Werbung – noch gar nicht genähert habe.

Wir könnten auch eine andere Realität darstellen, eine Realität, die das Deutschland Goethes wiederspiegelt anstatt dass zerbrochene Junkerdeutschland Bismarks wieder aufleben zu lassen … doch dafür geben die Geldgeber keine Gelder, wer Geschichten von Solidarität, Liebe, Mitgefühl, Empathie erzählen möchte, landet mit der Diagnose „Sozialromantik“ in der Heilanstalt – für immer.

Welche Folgen das für unsere Zukunft haben wird? Nun – das ist nicht schwer zu erraten. Die deutsche Vergangenheit zeigt uns genug darüber – der Junkerstaat Bismarks ging nahtlos (und ohne Besitzverlust) in den Junkerstaat Hitlers über, der wiederum ohne Probleme – mit nur kurzen Irritationen 1968 – in den Junkerstaat a´la Kohl, Schroeder und Merkel überging. Darf man nun sagen, dass wir uns vielleicht zuallererst einmal mit dem „Junkertum“ in Deutschland beschäftigen sollten … nicht mit den jungen Adeligen, sondern mit den Krautjunkern: den Großgrundbesitzern und ihrem Dienstadel. Doch über die … wissen wir ja nichts. Außer dass sie Deutschland regieren.

Es wäre eine Riesenarbeit, ihnen auf die Spur zu kommen – und mir dünkt, auf diesem Wege drohen Lungenembolien, Autounfälle und tödliche Badewannen. Also bleiben wir lieber in unseren Fernsehträumen, wo lustige Polizisten die Konsumameise vor dem bösen Wolf schützen, der jederzeit und überall lauern kann. Immer mehr werden wir im Alltag zu diesen asozialen Dummschafen, die uns im Fernsehen als allgemeingültige Wahrheit menschlichen Seins präsentiert werden – und wir werden immer mehr nach starker Führung rufen, nach einer Angela Merkel im Pickelhaube. Ach – das ist ja schon geschehen.

Doch ist es wirklich ratsam, sich durch dauernde Defragmentierung der Wirklichkeit, durch dauerndes Zusammensetzen der geteilten Fragmente zu einer überraschend anderen Wirklichkeit bei den neuen Junkern, der neuen unsichtbaren Adelspartei unbeliebt zu machen? Wichtig ist die Arbeit der Defragmentierung schon – doch besser ist, man überläßt sie jenen, die wohl versorgt in sicheren Gefilden hausen – wie Professor Mausfeld – denke ich mir. Mensch – überlegt doch mal, was man alles leisten muss, um diesem Moloch erfolgreich entgegentreten zu können: man braucht eigene Fernsehstudios, eigene Zeitungen, eigene Geschäfte – und eigentlich auch eigenes Geld … und eigene Polizei.

Dann doch lieber im Sessel sitzen, ein Bier trinken und davon träumen, wie die singende Kinderpolizei die bösen Menschen einsperrt – auch wenn die Rechnungen für dieses „Vergnügen“ immer höher anstatt niedriger werden und immer mehr Menschen aus dem Pseudo-Paradies der Maschinenmenschen vertrieben werden.

 

 

 

 

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