politischer Veganismus

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Vegetarismus, Veganismus: Verantwortung und die Frage nach Macht

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Donnerstag, 14.3.2016. Eifel. Bevor wir heute zum eigentlichen Thema kommen, müssen wir ein wenig weiter ausholen: jedoch – dies sei versprochen – mit großem Gewinn für andere Themen. Dies ist wichtig um einen großen Schritt zu verstehen, den wir im 19. Jahrhundert gemacht haben. Kommen wir zum Anfang zu der Frage: was wissen wir von der Welt? Nein – ich frage nicht Google, die mir nur Teile der aktuellen (immer jederzeit für absolut wahr gehaltenen) Theorienbildungen nahebringen könnnen: ich frage SIE! Keine Sorge: ich liefere die Antwort sofort nach, sie ist einfach … wir wissen gar nichts. Ja, wir haben gigantische Theoriengebilde zu allem und jedem im Reiche der sinnlichen Wahrnehmung und können – vielleicht – zum Mond fliegen (mit Nebenwirkungen die unseren ganzen Planeten unbewohnbar machen und unsere Lebensqualität ständig weiter sinken lassen): aber ich sprach ja nicht davon, was mir machen können (ohne auch nur die geringste Ahnung von unserer Umwelt zu haben), sondern was wir WISSEN.

Der Grund dafür, dass wir gerade die Erde vernichten, liegt genau daran, dass wir viel machen – aber nichts wissen, deshalb sterben unendlich viele Arten, entstehen unbesiegbare Krankheiten, Luft und Wasser werden ungenießbar. Wir sind wie ein Kleinkind in der Küche … das auch schon alle Knöpfe bedienen kann – man weiß aber, wie das in der Regel endet.

Wir haben da ein großes Problem, das seit 2500 Jahren bekannt ist. Platon (428 vor Christus – 348 vor Christus) hat das durch sein Höhlengleichnis beschrieben: wir sitzen vor einer Höhlenwand und bewundern die Schatten (und rechnen sie inzwischen perfekt aus), doch die Wirklichkeit liegt im Licht ausserhalb der Höhle. Kant (1724 – 1804) hat das dann konkreter formuliert (wie alles andere auch): wir haben keinen direkten Zugang zur Welt (auch wenn wir uns das noch so sehr einbilden – wie aktuell), wir sind abhängig von a): den beschränkten Sinnen und b): den Kategorien des Geistes. Wir wissen heute schon, dass wir vieles nicht wahrnehmen können, doch das unser Denken uns ebensolche Schranken auferlegt, wird langsam vergessen. Würde unser Gehirn unsere Sinneseindrücke nicht beständig korrigieren: die Welt stünde Kopf (weil das Auge eine Kamera Obscura ist). Somit ist der Geist des Menschen gefangen in einem Käfig – ohne Zugang zur Wirklichkeit.

Soweit: die Geschichte der Philosophie bis … Arthur Schopenhauer (1788 – 1860). Sie glauben, diese Sicht ist unfug? Nun – hätten wir sie nicht vergessen, wäre Umweltzerstörung kein Problem für uns. Wir würden auch auf das Töten von Menschen verzichten – oder ihre Ausbeutung, hätten Respekt davor, Gast in einem Milliarden Jahre alten System zu sein, das ohne uns gut leben kann – wir aber nicht ohne das System. Und Atomkerne würden wir auf keinen Fall spalten. Wir sind aber lieber das zweijährige Kind in Mutters Küche, das sich freut, dass die Herdplatten so schön glühen und die Trockentücher daneben so fein qualmen.

Schopenhauer sah dieses Gefängnis auch – aber er sah auch den Ausweg, wobei er viele Anleihen bei den damals kaum bekannten asiatischen Religionen nahm. Wenn wir ein gequältes Tier sehen – einen Hund, zum Beispiel – dann haben wir die Chance, das Leid des Tieres in uns selbst zu spüren: wir verstehen den Schmerz, als wäre es unserer. Der Schmerz springt geradezu vom Tier über (was Nitzsche dann dazu brachte, das Leid zu meiden: es ist seiner Meinung nach ansteckend) … was uns aus unserer weltanschaulichen Isolation herausholt, weil wir hier einen unmittelbaren Zugang zur unbekannten „Außenwelt“ haben: durch das MITLEID. Durch ein Gefühl. Aus der Erkenntnis, dass Gefühle Wahrheiten fabrizieren können, Gedanken jedoch nur Theorien, haben wir bislang noch nichts gemacht – wo kämen wir auch hin, wenn wir Mystik über Physik setzen würden (was wir bald machen werden, die Physik braucht nicht mehr viel, dann ist sie im Bereich der Mystik angekommen)?

Mitleid ist der große Sinn menschlichen Lebens – soweit wir mit unserem beschränkten Verstand erkennen können. Schade, dass Sie davon noch nicht viel gehört haben. Schade, das Mitleid heute Sozialromantik ist und Mangel an Empathie erwünschtes Leistungsmerkmal. Kein Wunder, dass wir in künstlichen Welten leben, fernab unserer natürlichen Umwelt, die wir nur noch aufsuchen, wenn wir Heilung (also: Urlaub) brauchen, ohne zu erkennen, dass das „Heilige“ (also: das Leben in der Natur) unsere Heimat ist, von der wir mitten in New York, Los Angeles oder Gummersbach am weitesten entfernt sind.

Wundersamerweise kommt aber gerade von dort – aus den denaturierten Städten – eine neue Glaubensrichtung auf uns zu: also, seltsamerweise aus jenen Gebieten, in denen man kaum Begegnung mit wilden Tieren hat: dort tragen die Tiere Menschennamen, wohnen – ganz gegen ihre Natur – in Menschenwohnungen, dienen als Spaßfahrzeuge für Reiter oder in Käfigen als private Sänger für einsame Herzen, der Konzern Disney versorgt uns sogar rund um die Uhr mit völlig vermenschlichten Tierdarstellungen, Tiere, die Auto fahren, Zeitung lesen, Häuser bauen und Debatten führen – schon allein aus diesem Grund wäre erkennbar, warum niemand mehr Donald Duck essen möchte: Disney hat uns gelehrt, dass Tiere unsere Brüder sind, mehr noch – der reichste Mensch der Welt ist eine Ente.

Nun – neu ist die Glaubensrichtung nicht. Sie entstand immer wieder in den Städten der Reichen – die Armen hatten oft nicht die Freiheit der Wahl: sie mussten essen, was gerade da war. Oft genug diente es ja auch der Belustigung der Reichen, Armen Essen vorzuwerfen und sich daran zu ergötzen, wie die pure Gier sie ihn bloße Tiere verwandelte, die schnell fraßen und in sich hineinschlangen, um dem Vernichtungsschmerz des Hungers zu entgehen. Ja, „Tafeln“ gab es schon immer, und immer erfüllten sie den gleichen Zweck: der Reiche wollte demonstrieren, um wie viel besser er ist als der Arme – und da wurde auch Vegetarismus zur Waffe, um die unendliche ethische Überlegenheit des Bessermenschen über den Untermensch zu demonstrieren.

Leider wurde eine lange Diskussion mit einem solchen „Edeltarier“ und dem Autor dieser Zielen gelöscht – wohl von eben jenem, denn der Autor dieser Zeilen – in einem selbst schlachtenden Haushalt am Rande des Ruhrgebietes groß geworden – springt nicht sogleich auf jeden Zug auf, der aus den Penthäusern und Luxuslofts der Innenstädte kommt – oft als Mode, die schnell wieder verschwindet. Was mich stutzig macht – immer wieder neu – ist der ausgemachte Menschenhass, der oft mit dieser Bewegung einhergeht. Er ist nicht unverständlich – wir sind schon eine etwas seltsame Spezies – aber oft einseitig, als wäre der böse Mensch in einem ultimativen Endkampf mit dem guten Tier … einen Kampf, den dieses verliert. Diese Haltung ist so unterschiedlich von jenen Tierfreunden, die ich aus dem Buddhismus und Hinduismus kenne: sie fegen den Weg vor sich, um ja kein Insekt zu zertreten – wäre ganz schlecht für das Karma, schätzen aber den Menschen gleich hoch. Es ist weniger Mitleid, was hier die Handlung anleitet, sondern das Ego, dass auf eine bessere Widergeburt hofft – doch egal: die Tat scheint ehrenwert. Ich wage auch nicht, jenen eifrigen Mönchen zu erzählen, dass sie Millionenfach tierisches Leben vernichten, weil sie ein Immunsystem haben, das Bazillen gnadenlos auslöscht, die uns schaden wollen (wie wir die Raubtiere der Natur ausgerottet haben) und nur jene am Leben lassen, die einen gewissen Nutzen (wie Nutztiere) bringen.

Erst Recht wird es schwierig – vor allem mit dem Bessermenschentum – wenn wir einen konkreten Blick auf die Pflanzenwelt richten: einen Blick, den wir uns kaum erlauben dürfen (siehe Deutschlandradio):

„Forscher vermuten, dass die Wurzeln der Pflanzen ein riesiges, erdumspannendes Kommunikationsnetz bilden. Auch über der Erde können sie weit mehr, als man vermutet: Pflanzen wehren sich sehr geschickt und locken sogar Helfer herbei, wenn ein Tier sie aufzufressen droht.“

Es war Schopenhauer, der als erster das Reiz-Reaktionsschema bei Pflanzen beschrieben hatte – und so nachwies, dass sie nicht nur „Dinge“ waren.

„Lange Zeit sahen Forscher in Pflanzen nicht viel mehr als lebende Roboter, einem sturen Wachstumsprogramm unterworfen. Doch allmählich nimmt die moderne Biologie Abschied vom Bild der Pflanze als passivem Organismus. Grünzeug kann sprechen! Das zeigt das Beispiel der Akazie. Pflanzen verständigen sich allerdings nicht mit Lauten, sondern chemisch, per „Ethylen“.“

Wir stehen hier am Beginn einer neuen Ära: (siehe de.sott.net):

„Blatt für Blatt zupft er den Salat auseinander, schält die Zwiebel und schneidet sie in feine Streifen, die Tomaten werden in grobe Stücke geschnitten…

Was für uns nach einer leckeren Beilage klingt, ist für eine Pflanze womöglich das reinste Horror Szenario. Das lassen zumindest die Forschungsergebnisse der Universität Missouri-Columbia (MU) vermuten. Diese haben die Vibrationen einer Raupe beim Fressen von Blättern mit einem Lasermikrofon aufgezeichnet und eine Acker-Schmalwand, auch Schotenkresse genannt, mit diesen Schallwellen bestrahlt, noch bevor eine Raupe in den Raum gebracht wurde. Die Pflanze reagierte mit Ausscheidungen, welche für die Raupe giftig sind. Diese Erkenntnisse eröffnen ganz neue Welten für die Schädlingsbekämpfung und führen uns auf unbekannte Wege des Verständnisses der Welt, in der wir leben“

Nicht mehr lange und wir müssen uns der seit Jahrtausenden bekannten Erkenntnis stellen: Pflanzen sind lebendig. Haben einen eigenen Geist. Womöglich sogar schon seit Urzeiten weltweites Internet. Und wir können damit kommunizieren (siehe lebensart-magazin):

„Im Wald trifft das kommunikationsfähige Immunsystem des Menschen auf die kommunizierenden Pflanzen. Sie können sich ausmalen, dass dies nicht ohne Folgen bleibt. Das gesundheitliche Potenzial, das bei diesem Zusammentreffen entsteht, ist so groß, dass im Jahr 2012 an japanischen Universitäten ein eigener medizinischer Forschungszweig gegründet wurde: »Forest Medicine « oder »Waldmedizin«. Innerhalb kurzer Zeit begannen Wissenschaftler überall auf der Erde, sich an dieser Forschung zu beteiligen.“

Überhaupt: der Wald – scheint auch nur ein Tier zu sein, ein edles Tier mit der Fähigkeit zu Mitleid(siehe Förster Peter Wohlleben):

„Erstaunliche Dinge geschehen im Wald: Bäume, die miteinander kommunizieren. Bäume, die ihren Nachwuchs, aber auch alte und kranke Nachbarn liebevoll umsorgen und pflegen. Bäume, die Empfindungen haben, Gefühle, ein Gedächtnis. Unglaublich? Aber wahr!“

Auf diese Erkenntnisse reagieren (nach meinen Erfahrungen die meisten) Veganer mit Wut, Zorn und Verachtung: ihr Bessermenschenkonzept ist in Gefahr, die willkürliche Aufteilung zwischen gut und böse zum Zwecke des Machtgewinns über andere Menschen funktioniert nicht mehr, wenn Pflanzen essen nicht mehr fraglos „gut“ ist. Manche jedoch reagieren mit Betroffenheit (und weichen streng logisch auf das Konzept der Lichtnahrung aus) ob der Ausweglosigkeit des Leidens in der Welt – und wieder sind wir bei Schopenhauer. Oder beim Hinduismus, beim Buddhismus, beim Christentum, die uns eine heute fast vergessene Botschaft lehren: entgegen der Anweisung der Bundeskanzlerin Angela Merkel geht es der Welt (und Deutschland) nicht gut, sondern schlecht. Sogar gravierend schlecht. Man hat schlichtweg keine Chance, „besser“ zu sein – es sei denn, man setzt willkürliche Dogmen in die Welt: „fühlende Tiere essen – schlecht; fühlende Pflanzen essen – gut“.

Wer will kann diese Dogmen auch durch „Tragen roter Hüte – gut, Tragen blauer Hüte – schlecht“ ersetzen. Mit viel Zeit und Muße kann man auch den Farben einen großen theoretischen Überbau verpassen – der aus Blauhütern schlechte Menschen macht, was allen sofort klar sein muss, die nicht im Verdacht stehen wollen, selber im Geheimen blaue Hüte zu tragen.

Etwas, was oft in der Debatte übersehen wird: wir Menschen essen – anders als Raubtiere – keine lebendigen Tiere. Wir sind eher Aasfresser. Schlimmer noch: in aller Regel denaturieren wir das Fleisch durch kochen oder braten. Wir sind also kultivierte Aasfresser – und erfüllen als Aasfresser eine wichtige Funktion im Kreislauf des Lebens, wie alle anderen Aasfresser auch. Das Problem ist nur: Aas ist selten geworden in unserer Zeit. Wir produzieren es also selber – und verwandeln uns in eine Kultur des Karnismus (siehe Spiegel), die als „soziale Norm“ definiert wird.

Nur: sie ist keine soziale Norm – sie ist Bestandteil einer Umwelt, die schon karnistisch war, bevor der Mensch auch nur angedacht wurde. Das Essen von Tieren haben wir von der Natur gelernt: die findet das ganz ok. Einfach mal den Wolf fragen – oder den Bären. Oder die Made. Auch der Hai hat dazu eine Meinung. Allerdings essen die wenigsten Tiere ihr eigene Art.

Es ist aber nun gestattet, ein höheres Bild in sich zu tragen, als die Natur vorgibt: soll – so meinen manche – ja geradezu die Aufgabe des Menschen sein, die Natur durch Geist zu überwinden. Aber wo wird dieses Bild durchdacht, dass es realisierbar wird – und nicht nur eine Forderung ist, die der Welt von Disney gerecht wird?

Gesetzt den Fall, wir akzeptieren den Veganismus als politische Bewegung – und verleihen ihm die Macht, seine politischen Überzeugungen umzusetzen: was machen wir dann mit den Milliarden Nutztieren? Freilassen, natürlich. Sollte allerdings dann auch für alle Haustiere gelten. Mangels natürlicher Feinde vermehren die sich unaufhaltsam: Herden von Kühen, Schafen und Schweinen werden die Ernten vernichten (was heutzutage kaum ein Städter begreifen kann, weil veganes Essen ja vom Biomarkt kommt. Der wäre dann allerdings … leer.). Wir kommen dann wieder in eine Welt, die wir schon ziemlich weit hinter uns gelassen haben: in die Welt des Fressens und gefressen Werdens, die auch ohne den Menschen schon Bestand hatte – und die Kuh wird ihrem natürlichen Auftrag weiterhin nachkommen. Grasen, grasen, grasen – und sich pudelwohl dabei fühlen.

Die Menschheit – wird ausgelöscht. Zum größten Teil jedenfalls. Zuerst die Armen, zuallererst deren Kinder. Aber kein Preis ist zu hoch, wenn ein Bessermensch einmal gut sein will.

Irgendwann wird dann wieder ein Mensch kommen, der sagt: wir müssen Verantwortung übernehmen – und zu unserem eigenen Schutz eingreifen. Der wird dann wieder Tiere töten – und überrascht feststellen, dass er deren Materie verarbeiten – sprich: verdauen – kann. Wie nützlich – und gut für die Ernte. Und alles fängt von vorne an.

Wo sind wir nun gelandet? War nicht gerade noch „Mitleid“ gut, nein, sogar: supergut? Und jetzt müssen wir doch die Kuh töten, weil sie unsere Salatköpfe gnadenlos auffrisst? Willkommen in der Realität. Übrigens … kenne ich aus dem letzten Krieg auch Schweine, die Menschen gefressen haben. Also: die Leichen (siehe z.B. N-TV). Wir werden mit denen also ein besonderes Problem bekommen. Ebenso mit Hunden, die – in der Not – auch mal ihre Herrchen essen (siehe News.de). Auf die extreme Gefahr durch denaturierte Hunderudel, die sich nur den Menschen als Nahrung heraussuchen, wurde andernorts schon hingewiesen. Disney – ist halt keine Realität – auch wenn´s schön wäre.

Was schön ist, ist: dass der Mensch sich über die Natur erheben kann. Auch einige Tiere können das. Nur: er ist und bleibt auch Teil von ihr. Das ist unser Fluch – unsere „Vertreibung aus dem Paradies“.

Wollen Sie jetzt eine Antwort von mir darauf, ob Sie weiterhin Tiere essen dürfen? Das kommt ganz auf die Perspektive an – und die müssen SIE SELBST in EIGENER VERANTWORTUNG FREI WÄHLEN!

Sie dürfen sogar vegan leben, keine Frage. Sie dürfen sich allerdings nicht über andere Menschen stellen – und nicht naiv der Frage ausweichen, wer dann für Sie tötet. Ja: irgendwer muss die Ratten aus dem Kornspeicher heraushalten – sonst ist schnell Schluss mit dem veganen Leben. Grausame Welt, oder? Ja – aber nicht unsere. Wir tragen in uns das Bild einer besseren Welt – und das ist ein wertvoller Gewinn, der über die Welt der Materie hinausreicht – und sie im Prinzip bedeutungslos macht.

Viel wichtiger als die Frage danach, ob wir Tiere essen/töten dürfen oder nicht, scheint mir die Frage nach der Grausamkeit zu sein. Hier fand ich den Menschen, der sich unbemerkt an sein Opfer heranschleicht und es mit einem Minimum an Schmerzen tötet immer angenehmer als den Löwen, der die Beute zu Tode hetzt. Doch – bevor Sie jetzt herzhaft in ihr Schnitzel beißen: davon sind wir weit entfernt.

Es gibt Dinge – auch für jene unter uns, die eher dem Raubtier als der Kuh nacheifern – die nicht gehen. Überhaupt nicht. Die sind von der Natur auch nicht vorgesehen  – und gelten als krank. Ich meine: die Grausamkeit. Das alte Geschäft des Tierzüchters „ich ernähre Dich zehn Jahre lang, schütze Dich vor Wolf und Tier, Kälte und böser Witterung – und dafür esse ich Dich dann anstatt dass der Löwe Dich erlegt“ gilt schon lange nicht mehr, denn: das, was Sie da essen, hatte schon lange kein Leben mehr. Wussten Sie, dass dieses Tier, dass Sie da zu sich nehmen wollen, bei lebendigem Leibe verbrüht wurde? Ja: viele überleben die Vergasungsmaschine – ein häßlich Ding, in dem mehrere Schweine wie in einer Dose aus Draht in eine finstere Grube voller Gas gesenkt werden, das sie töten soll – aber es nur selten tut. Anschließend geht es dann ins 60-Grad-Bad, wo das Schwein langsam zu  Tode gebrüht wird – aus Versehen, wie man mir versichert.

Die Züchtung von Grausamkeit bringt Grausamkeit hervor – die der eigentliche Feind der Menschheit ist.  Das ist die Frage, die wir zuerst angehen sollten, weil sie machbar ist. Wir kämen da sehr weit, voran in eine bessere Welt, in der Mitleid Renditewahn schlägt. Auch in eine reichere Welt, in der Pflanzen gleiche Rechte haben wie Tiere .. und wir mit ihnen reden können.  Allerdings auch – in eine Welt, die viel Überlegung und Verantwortung verlangt, weil wir sehen werden: auch wir sind Teil dieses Systems, dass aus der gegenseitigen Vertilgung von Substanz besteht. Wir können uns da nicht herausnehmen (es sei denn, mit der naiven, willkürlichen Art, dass wir aus Bambi einen Kumpel machen und aus dem Baum ein immer totes Ding) – und das ist eine große Herausforderung. Vielleicht die größte der Menschheit.

Jetzt haben wir eine weite Reise hinter uns, die uns gezeigt hat, welche vielen Wunder noch auf uns warten, während die „naturwissenschaftliche“ Industrie die Welt um uns herum vernichtet – und auch für viel größere Grausamkeit sorgt, als das reine, natürliche Essen von Fleisch bedeuten kann. Wir haben gelernt, dass „Gefühle“ Erkenntnisinstrumente sein können (was uns in eine märchenhafte Welt entführen wird – dazu später mehr) – sogar die wichtigsten und ehrlichsten, die wir haben. Wir haben gesehen, dass wir Teil eines Systems sind, in dem es normal ist, dass Fleisch des anderen zu essen – und gemerkt, dass uns das nicht zu gefallen braucht.

Nun will ich Sie mit meiner persönlichen Entscheidung konfrontieren: ich töte Tiere. Manche davon esse ich. Ich habe allein hunderte von Mäusen brutal (also: schnell und schmerzlos, die Fallen dazu waren recht teuer) erschlagen, die sich in den Kinderzimmern breit machten (Fachwerkhaus auf dem Land – die wohnten im Gebälk). Lebendfallen zeigten sich als moralisch wertvoll – und praktisch völlig unnütz.

Demnächst werde ich wohl auch größere Tiere töten müssen: niedliche Biber. Freundliche „Umweltschützer“ hatten sie in dem oben abgebildeten Moor ausgesetzt, wo sie keine natürlichen Feinde mehr haben … und meine Lieblingsbäume fällen. Einen nach dem Anderen. Unter anderem meine Lieblingsbirke, der ich immer gern begegnet bin. Wenn hier Freiwillige zur Biberjagd gesucht werden: ich bin dabei. Ganz vorne. Und ich denke: den sollte man dann auch essen, das währe sonst Verschwendung, die mir zuwieder ist. Die Bäume sind wehrlos gegen den gefrässigen Feind – und wird ihm nicht Einhalt geboten (oder er beschränkt sich selbst, was manchmal vorkommt), vernichtet er die Wälder der Eifel. Bis die Natur zum Schutz der Bäume das Raubtier neu erfindet: das kann dauern. Bis dahin muss ich halt das Erbe meiner Väter antreten – und selbst Verantwortung übernehmen. Da ich Bäume sehr mag, erledige ich das auch gerne.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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