Peter Hahne

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Dominik Brunner, Peter Hahne und die Bestialität von Gutmenschen

Nein, was waren wir froh in jenen Tagen. Deutschland hatte wieder einen Held und eine Heldengeschichte. Ein klassisches Drama … Stoff, wie es einem Homer oder einem Shakespeare kaum besser hätte einfallen können, doch diesmal: alles ganz real.

Da haben wir erstmal die Opfer: vier unschuldige Kinder (vielleicht sogar blauäugig und mit blonden Locken, wer kann das schon wissen). Unschuldig sind sie auf der Reise n der S-Bahn, ich nehme mal an, auf dem Weg zu ihrer Großmutter.  Doch da naht schon der Wolf: drei Jugendliche (zum Bedauern des neofaschistischen Arbeitskreises „Wer ersetzt uns nun die Juden in Deutschland?“ OHNE Migrationshintergrund) mit finsteren Absichten. Wir hatten ja in den Medien gelernt: Jugendliche haben heutzutage meistens finstere Absichten. Sie sind oft fürchterlich böse, es sei denn, sie laufen Amok, dann ist es ein unverständliches Versehen über das nicht weiter nachgedacht wird.

Die Bösen brauchen wir, sie sind ein unverzichtbarer Bestandteil des Dramas.  Kein richtiger Krimi, kein Western, kein Kriegsfilm, ja noch nicht einmal ein Familiendrama a´ la Lindenstraße würde ohne den Bösen auskommen, denn nur im Kampf gegen die richtig Bösen können die Guten so richtig gut werden, man darf sich sogar die Freiheit herausnehmen und sagen: um so böser der Böse, umso besser ist der Gute. Hätte Harry Potter nur Ärger mit dem Hausmeister seiner Schule, dann wäre alles halb so wild, müßte Frodo Beutlin nur die Kartoffeln des Nachbarn stehlen … niemand würde ihn kennen, wären die Siedler im Wilden Westen nur einfach so ohne Indianer unterwegs und ihr Problem würde darin bestehen, das sich zwei Frauen um Kochrezepte streiten, so hätte das Eintreffen der US-Kavallerie keine so große Wirkung.

Jetzt: Auftritt des Helden: Dominik Brunner. Ein Leistungsträger, wie ihn die Medien nicht besser hätten stricken können:

Dominik Brunner entstammte einer Unternehmerfamilie. Er wuchs als Einzelkind in Ergoldsbach auf. Sein Vater Oscar Brunner stand ab Anfang der 1960er Jahre in leitender Position beim Dachziegelhersteller Erlus AG. Nach dem Abitur in Landshut studierte Brunner Rechtswissenschaften an der Universität München und arbeitete nach dem Examen bei Kanzleien in San Francisco und Paris.[2] Anschließend folgte er beruflich seinem Vater bei der Erlus AG. 1994 stieg er in die Unternehmensleitung auf und war dort für die Bereiche Finanzen, Organisation, Personal, Recht und Beschaffung zuständig.

(Quelle: Wikipedia)

Und natürlich verdient er sein Geld ordentlich wie andere Leistungsträger auch:

http://www.erlus.de/adhoc/

Im Kartellverfahren gegen führende Dachziegelhersteller hat die Erlus AG am 22. Dezember 2008 einen Bußgeldbescheid des Bundeskartellamtes über 10,2 Mio. EUR erhalten.

Der Erlus AG wird zur Last gelegt, sich vorsätzlich an zwei selbständigen Vereinbarungen zwischen Unternehmen beteiligt zu haben, welche den Handel zwischen Mitgliedsstaaten zu beeinträchtigen geeignet gewesen sein sollen und eine Beschränkung des Wettbewerbs innerhalb des gemeinsamen Marktes bezweckt oder bewirkt haben sollen.

Darüber hinaus hatte der Herr Brunner noch mehr Sorgen. Hören wir ihm selbst zu:

http://erlus-server.de/userfiles/allgemein/pdf/Jahresabschluss_2008.pdf

Als Frühindikator für die wirtschaftliche Gesamtentwicklung bekam die Bauindustrie das

nachlassende Wachstum frühzeitig zu spüren. Die Baugenehmigungs- und

Fertigstellungszahlen von Ein- und Zweifamilienhäusern haben sich im Vergleich zum

Vorjahr nochmals reduziert und sanken damit auf den niedrigsten Stand seit der

Wiedervereinigung. So wurden zum Beispiel im Jahr 1993 etwa viermal so viele Wohnungen

genehmigt als 2008.

Und weiter:

Die anhaltend hohe Verunsicherung über den Verlauf des Geschäftsjahres 2009 lässt heuteeine seriöse Prognose für die Geschäftsentwicklung nicht zu. Diese Unsicherheit zeigen

auch die fast täglich revidierten Prognosen der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute.

Aufgrund der prognostizierten Kaufkraftverluste rechnen wir derzeit nicht mit einer Erholung

der für uns relevanten Märkte.

Es ging ihm also nicht ganz so gut, dem Herrn Brunner. Erstmal durch Preisabsprachen so richtig erfolgreich geworden, dann kamen Kartellamt und Wirtschaftskrise und brachten all das ergaunerte Vermögen in Gefahr. Ergaunert? Klar:

http://www.ddh.de/ddh_newsarchiv.html

Preisabsprachen. Sechs marktbeherrschende Produzenten von Tondachziegeln haben im Juli 2006 eine Preiserhöhung wegen angeblicher „Energiekosten“ vereinbart.

Das ist die Aushebelung der Marktwirtschaft, Verschwörung zum Schaden des Verbrauchers und der Allgemeinheit. Vor solchen Bösen schützt uns nur noch das Kartellamt – gelegentlich. Man kann das sogar „verfassungsfeindlich“ nennen – denn unsere Verfassung sieht Marktwirtschaft vor, Monopolwirtschaft wollen wir nicht …sie läßt sich mit Demokratie nicht vereinbaren: das interessiert aber einen echten Leistungsträger nicht.

Dieser Leistungsträger ist nun unser Held.

Am 12. September 2009 wurden vier 13- bis 15-jährige Kinder von zwei 17- und einem 18-Jährigen[3] am S-Bahnhof Donnersbergerbrücke und in einem S-Bahn-Zug der Linie S7 bedroht. Sie verlangten 15 Euro, ansonsten würden sie Gewalt anwenden. Um der Forderung Nachdruck zu verleihen, schlug einer der Jugendlichen einem Kind ins Gesicht. Brunner schritt ein und alarmierte die Polizei, worauf einer der 17-Jährigen den Zug verließ. Brunner stieg zusammen mit den Kindern am S-Bahnhof Solln aus.

(Quelle: Wikipedia)

Soweit, so gut. Das Drama war abgeschlossen … doch nahm nun einen noch viel häßlicheren Verlauf, nach dessen Ende der Held tot war.

Das Magazin „Focus“ schildert die Tat eindrücklich nach den Erzählungen eines dreizehnjährigen Mädchens.

http://www.focus.de/panorama/vermischtes/s-bahn-mord-13-jaehrige-zeugin-spricht-ueber-die-tat_aid_437322.html

Nebenbei erfährt man hier, das es noch eine weitere Heldin gab:

Daraufhin habe Brunner die beiden Jugendlichen aufgefordert, die Kinder in Ruhe zu lassen, auch eine Frau habe Zivilcourage gezeigt.

Diese Frau wurde jedoch vom Nebel der Geschichte verschlungen. Vielleicht paßte sie nicht so richtig ins Drama, war arbeitslos, hatte Migrationshintergrund: wer kann das schon wissen.

Der Held jedoch … ist am Ende tot. Das Drama wurdeTragödie. Er bekam Orden, er bekam sogar eine Stiftung. Den Heldentod gestorben im Kampf gegen das Böse.

Doch nun … wird es richtig häßlich. Deutschland hatte den Fall eigentlich schon zu den Akten gelegt, man brauchte jetzt nur noch auf die Hinrichtung der Täter zu warten, alles andere war abgearbeitet. Doch dann … der erste Haken. Der Held war an den Folgen eines Herzanfalles gestorben, nicht untypisch für Menschen seines Alters und seines Standes. Der klassische A-Streß-Typ. Die fallen mit fünfzig einfach schon mal so um….auch ohne Schlägerei.

Und dann wird es noch haariger: aus dem Retter wird … ein Angreifer.

http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,707593,00.html

Als Dominik Brunner tot war, pries man ihn öffentlich und allseits. Er habe sich vorbildlich verhalten, alles richtig gemacht. Die Wahrheit sieht vermutlich anders aus: Der Manager beschützte zwar vier Kinder vor S-Bahn-Rowdys – doch er begann offenbar auch die Schlägerei, die ihn das Leben kostete.

Endlich hat der Gutmensch mal jemanden, auf den er richtig eindreschen kann, immerhin ist der ja bewiesenermaßen Böse – anders kann ich mir diese Aktion nicht mehr erklären. Hören wir den Zeugen selbst:

„Für mich war er der Angreifer“, beschreibt der Zeuge die Situation. Dann habe Brunner gerufen: „Das klären wir jetzt mit der Polizei.“

Nach dem Faustschlag – „getroffen hat er sehr gut“ – sei laut diskutiert worden zwischen Brunner und den Angeklagten. „Klang Herr Brunner ängstlich?“, will eine der beisitzenden Richterinnen wissen.

„Nee, ängstlich klang das nicht. Eher nach einer lauten Mitteilung.“

„Und wie war die Situation nach dem Schlag?“, fragt die Staatsanwaltschaft.

„Die Angeklagten waren völlig überrascht – wie ich auch. Für mich war Herr Brunner der Angreifer. Und wenn der Aggressor sagt, er holt die Polizei, dann war das für mich okay“, antwortet der Zeuge.

Noch einmal die Staatsanwaltschaft: „Haben die beiden Jugendlichen etwas gemacht?“

Wieder verneint der Lokführer.

Dominik Brunner, Held der Republik, erteilt dem Prekariat eine Lektion. Das wollten doch viele der edlen Gutmenschen schon immer mal tun. Tagaus tagein hört man von den Asozialen, die auf anderer Leute Kosten leben, den Sozialschmarotzern, die das Geld einfach so vom Staat bekommen, anstatt es dem Bürger durch Preisabsprachen aus der Tasche zu ziehen. Da war es doch einfach mal an der Zeit, dem Prekariat mal anständig aufs Maul zu hauen.

Und was tut die Staatsanwaltschaft in einem solchen Fall? Erstmal den Zeugen einschüchtern:

„Hat man überprüft, ob arbeitsrechtliche Konsequenzen bei Ihnen zu ziehen seien?“, fragt eine der Staatsanwältinnen etwas spitz.

Das Drama ist in Gefahr, die Tragödie droht entzaubert zu werden: das darf nicht sein. Wie hatte damals noch die FAZ gejubelt ob dieser Geschichte:

http://www.faz.net/s/RubFC06D389EE76479E9E76425072B196C3/Doc~E163DC2265DF544FAAEE53BD01C42116C~ATpl~Ecommon~Scontent.html

Dominik F. Brunner hat sein Leben hingegeben, um vier Kinder in der Münchner S-Bahn vor jungen Gewalttätern zu schützen. Er steht dafür, wozu der Mensch mit seinen hellsten Eigenschaften in der Lage ist – zu selbstloser Fürsorge und zu großem Mut. Sein Tod ist ein Fanal für Deutschland.

Das ist heute, am 21.7.2010, schon mal alles großer Mumpitz und ich will gar nicht wissen, wie viele Gutmenschen damals losgezogen sind um die S-Bahnhöfe jetzt endgültig vom Prekariat zu befreien….wenn der GUTE ein OPFER und einen BÖSEN hat, dann ist er ja nicht mehr zu bremsen. Wir gut, das wir in Deutschland Gesetz und Ordnung haben, um diese Form der Selbstjustiz (die für uns BÖSE ist) zu bremsen.

Die Täter? Es ist nur einer. Und aus seiner Sicht sieht alles fürchterlich anders aus:

http://www.br-online.de/aktuell/toedlicher-ueberfall-am-s-bahnhof-DID1253088646036/dominik-brunner-solln-prozess-ID1279093944530.xml

Am S-Bahnhof Solln sei er von Brunner plötzlich angegriffen und ins Gesicht geschlagen worden. „Der ältere Mann tänzelte mit erhobenen Fäusten vor uns“, sagte S. Er selbst habe einen Fausthieb ins Gesicht bekommen. „Der Schlag war echt heftig und tat voll weh. Ich weiß nur noch, wie ich richtig wütend wurde. Ich bin dann wohl auf den Mann zugegangen und habe auf ihn eingeschlagen.“ An den genauen Tathergang könne er sich nicht mehr erinnern: „Ich muss voll einen Blackout gehabt haben.“ Den Tod von Brunner habe er jedoch auf keinen Fall gewollt.

Schwer zu sagen, was da wirklich los war. Hat der Täter Recht … und danach sieht es momentan aus … dann gehört Dominik Brunner auf die Anklagebank. Körperverletzung. Und er Täter ist kein Mörder noch ein Totschläger, sondern hat aus Notwehr heraus gehandelt.

Interessiert es jemanden, was wirklich war? Nein, dafür ist die Geschichte zu schön….und wir lieben doch solche Geschichten.

Es wäre ja auch  zu peinlich, wenn der Prekariatsdisziplinator im schlechten Licht dasteht. Er hat ein Bundesverdientskreuz, einen bayrischen Verdientsorden und kriegt – laut Wikipedia – sogar ein Denkmal.

Ergoldsbach, die niederbayrische Heimatgemeinde von Brunner, will ihm ein Denkmal setzen. Das 2,20 Meter große Denkmal soll einen Mann darstellen, der sich schützend vor einen Jungen stellt. Laut den Plänen wird der Bronzeguss vor einem Neubau mit dem Namen Dominik-Brunner-Haus aufgestellt. Darin werde ein Schülerhort und ein Kindergarten untergebracht. Aufgestellt wird das Denkmal am 18. September 2010.[21]   

http://www.dominik-brunner-stiftung.de/userfiles/hahne.pdf 

Ich will selbstverständlich dem Gericht nicht vorgreifen. Doch mich empört, dass dies alles

plötzlich wesentlich sein soll und Brunners Bild in der Öffentlichkeit verändern kann.

Mir persönlich ist es schlichtweg egal, ob es Mord oder Totschlag war.

Mit dieser Frage sollen sich Juristen auseinandersetzen, das ist deren Aufgabe.

Wer am 12. September 2009 auf dem S-Bahnsteig in München-Solln zuerst geschlagen hat, und

ob Brunner vorsätzlich ermordet, nach einem Handgemenge zusammengeschlagen worden ist,

oder ein im medizinischen Sinne schwaches Herz hatte, ändert für mich nichts an der Tatsache,

dass dieser Dominik Brunner das einzige Opfer ist.

Er wollte helfen und hat dafür sein Leben eingesetzt, das ist die Tat eines Helden, die kein

Gericht der Welt wegurteilen kann.

Die Schläger haben seinen Tod in Kauf genommen, er wurde erschlagen, als er am Boden lag.

Alle anderen schauten zu oder gingen weiter – das ist der Skandal.

Wenn jetzt auch noch vor Gericht um Mord oder Totschlag gefeilscht wird und Argumente

gesammelt werden, wie die Täter möglichst milde wegkommen, widerspricht das meinem

Rechtsempfinden.

Es darf nicht sein, dass es bald überhaupt keine Zivilcourage mehr gibt, weil im

Nachhinein Täter zu Opfern gemacht werden.

Wenn es denn ein Denkmal gibt und Orden gab, dann ist natürlich völlig egal, was das Gericht letztendlich sagt. Dem Gutmenschen ist immer egal, was die Gerichte sagen, er WEIß einfach genau, was wahr und alles andere stört nur, bringt seinen einfachen Geist durcheinander.  Mord, Totschlag … oder Notwehr … egal. Täter dürfen nicht zu Opfern gemacht werden, aber wenn – wie im vorliegenden Fall – Opfer zu Tätern gemacht werden (denn das passierte dann durch die Medien mit den „Opfern“ Brunners) dann ist das in Ordnung.

Unsere Gesellschaft gibt ein weiteres Stück ihrer Identität preis, wenn Helden posthum zu

Deppen gemacht werden.

Gleiches gilt, wenn wirtschaftskriminelle Deppen zu Helden gemacht werden. Und ich kriege ein ganz mulmiges Gefühl, wenn ich dem Peter Hahne weiter lausche, wenn er von einem „unwürdigen Gerichtsschauspiel“ spricht. Gerichte sind niemals unwürdig und wer dies behauptet, will eine andere Republik. Eine ganz andere Republik, in der wieder einmal die Bestialität der Gutmenschen fürchterlich wütet – wie bei den Hexenverbrennungen, der Judenhatz oder allen anderen Formen der Lynchjustiz.

Was man mit den Orden machen soll, weiß ich nicht. Aber für das Denkmal hätte ich schon eine Verwendung.

Nennt das Kind „Bürger“ und den Mann „Kartellamt“, dann paßt das wieder.

Wie gut, das wir noch in einer Demokratie leben, wo Kartellamt und Gerichte über Fairnis und Gerechtigkeit wachen … und wie schlimm, wie viele Menschen mitlerweile eine ganz andere Republik haben wollen.

 

 

 

 

 

 

Hätte Brunner wie alle anderen weggeschaut, würde er noch leben, und es gäbe dieses

 

 

 

 

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