Permenides

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SEIN oder NICHTSEIN – eine Frage über Fortbestand oder Untergang unserer Spezies und ein Lanzenbruch für Permenides

Michelangelo_permenides

Foto: Vincent Garcia (Flickr Creative Commons) CC BY SA 3.0 Quellenlink

Da in der Kürze oft die Würze liegt, diesmal heute kein elegischer Aufsatz wie gewohnt, sondern nur eine kleine geistige Handgranate, in der Hoffnung, das bisherige Weltbild des fernsehenden Dosenbierbürgers ein bisschen anzukratzen. Genauer gesagt, um die Käseglocke, unter der man ihn dahinvegetieren lässt, ein wenig aufzusprengen und ihm wieder etwas Frischluft zum Durchatmen zu verschaffen.

Also: Es geht um nichts weniger als die Frage nach „Sein“ oder „Nichtsein“. Hat bestimmt jeder schon gehört, diese naive Frage, nicht nur die Shakespeare- und Klassikfans. Diese Frage, der alle Philosophen und großen Geister der Menschheit ihr gesamtes Leben und all ihre Kraft gewidmet haben, sie gilt doch heute als gelöst, jeder fernsehende Bürger kann sie im Handumdrehen beantworten. Was gibt’s da also noch blöd zu fragen?

Nun, wir leben ja angeblich immer noch in einem Rechtsstaat. Und in einem Rechtsstaat besteht das gerichtlich verfügbare Recht, in der Tageszeitung eine Richtigstellung zu begehren, wenn in der Öffentlichkeit eine grobe Verleumdung, Rufmord oder Lüge verbreitet wurde, jemand gegen ein Urheberrecht verstoßen hat etc.

Die grundsätzliche Unterscheidung zwischen „Sein“ und „Nichtsein“ wurde bereits von Permenides um 500 v. Chr. getroffen. Er besitzt somit das geistige Urheberrecht. Da der alte Grieche nicht mehr lebt und sich auch kein Staatsanwalt findet, der amtswegig gegen die unverschämte Verdrehung der Realität vorgeht, unter der die Menschen heute bereits fast zugrundegehen, muss halt ein Parkwächter diesen Job übernehmen und die Richtigstellung einer fundamentalen Lüge begehren.

Also: Für Permenides war der Fall noch klar:

  • Alles, was vergänglich ist, also alles Materielle, zählt logischerweise zur Welt des „Nichtseins“ (z.B. werden der Stuhl, auf dem der Leser gerade sitzt oder der Körper aus Fleisch und Blut, in dem er sich bewegt, in ca. 200 Jahren, vielleicht auch schon in 2 Wochen, Staub sein).
  • Während alles Ideelle (z.B. die Idee der Gerechtigkeit, alle sonstigen menschlichen Tugenden, seine geistig-seelische Entwicklung etc.) der Welt des „Seins“ angehört, also unvergänglich ist.

Noch vor 2000 Jahren zählten deshalb die „Geldwechsler und Zöllner“, die ihre gesamte Lebenszeit mit dem Raffen einer möglichst großen Menge pekuniären Profits verbrachten, zur meist verachteten Gesellschaftsschicht.

Heute wurde das auf den Kopf gestellt. Der ipodbestöpselte Schäublebürger hält das, was er mit Händen greifen kann, für „Sein“ und das Ideelle (=das eigentlich Menschliche / Geist und Seele von Mensch und Natur, das platonische Reich der Ideen und Urbilder) für „Nichtsein“, also für unwirklich. Er hat Angst, dass ihm das Haus abbrennt und sein Auto versichert ist, aber seine Seele schickt er achselzuckend auf den Weg in Dantes Eishölle.

Auch sind die „Geldwechsler und Zöllner“ heute nicht mehr die meistverachteten, sondern die meistbewunderten und bestdotierten Personen.

Dass wir heute auf allen Ebenen des Lebens solch katastrophale Zustände haben und einem dunklen Abgrund entgegengehen, hat in Wirklichkeit einzig den Grund, dass in unseren Schulen und Unis genau diese Verdrehung von Sein und Nichtsein gelehrt wird.

Leider ist die eingangs gestellte Frage nach Sein und Nichtsein heute nicht nur eine philosophische, sondern eine höchst existenzielle. Denn wenn wir die gegenständliche Verdrehung nicht richtigstellen, sondern weiterhin das Nichtsein über das Sein triumphieren lassen, dann landen wir demnächst mit derselben Gewissheit, wie Zwei und Zwei gleich Vier ist, in einer mechatronischen Borg-Realität, wie bereits hier kurz skizziert. So nebenbei erwähnt, wäre das gleichbedeutend mit Sendeschluss für den Homo Sapiens und dem endgültigen Scheitern des als Projekt der Freiheit gedachten Evolutionsexperiments „Mensch“.

Gleichzeitig läge in der Richtigstellung dieser Verdrehung aber auch die Lösung unseres gerade eskalierenden, globalen Fiaskos.

Heureka? – Nun, vielleicht für einige, aber wohl nicht für alle. Denn wie hat Goethe schon gesagt: „Es ist leicht, doch ist das Leichte schwer…“ Vor allem ist es für unsereins‘ Zeitgenossen, die wir geteert und gefedert vom Förderband von Schule und Uni rollen, nicht gerade leicht, ebendiese (Kunststoff-)Federn, die man uns auf den Kopf geteert hat, wieder abzustreifen und sich auf Permenides und das Bleibende inmitten des Vergänglichen zu besinnen…

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