Ole Nymoen

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Die Zerstörung der INSM – WOHLSTAND FÜR ALLE Ep. 97

Es war das bislang absurdeste Ereignis in diesem Wahlkampf: In diversen Zeitungen wurde eine ganzseitige Anzeige geschaltet, die die grüne Kanzlerkandidaten Annalena Baerbock als Moses verkleidet, mit zwei Gesetzestafeln in der Hand, zeigte. Die Fotomontage warnte vor den 10 Verboten, die angeblich durch einen grünen Wahlsieg umgesetzt würden. Geschaltet wurde die Hetzkampagne von der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM). Der Aufschrei war groß, doch leider wurde viel zu wenig darüber berichtet, was die INSM genau ist und welche Interessen sie vertritt.

Fest steht, diese Lobbyorganisation setzt sich für die Belange des Kapitals ein und wirbt immer wieder medienwirksam dafür, den sozialen Kahlschlag voranzutreiben und dafür die Reichen weiter zu entlasten. Die Vorgehensweise dieser Propagandaorganisation des Neoliberalismus ist manchmal laut auftrumpfend, bisweilen aber geht man perfide subtil vor, um gewisse Positionen in der Öffentlichkeit zu lancieren. Auch Prominente lassen sich gern vor den Karren der Initiative spannen, die 1999 gegründet wurde und mit ihren Anzeigenkampagnen auch viele Zeitungsverleger glücklich macht.

In der neuen Folge von „Wohlstand für Alle“ sprechen Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt über den Einfluss der INSM.

Literatur:

 

Lobby Control: “INSM und Marienhof – Eine kritische Bewertung“, online verfügbar unter:

https://www.lobbycontrol.de/wp-conten…

 

Rudolf Speth/Thomas Leif: “Lobbying und PR am Beispiel der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft”, in:

Die fünfte Gewalt. Lobbyismus in Deutschland, Verlag für Sozialwissenschaften.

 

Norbert Walter-Borjans:

Steuern. Der große Bluff, Kiepenheuer & Witsch.

 

Der Aufstieg von Alibaba – WOHLSTAND FÜR ALLE Ep. 95

Der Plattform-Kapitalismus gedeiht nicht nur im Westen, auch China ist davon geprägt. Vor allem durch das 1999 von Jack Ma gegründete Unternehmen Alibaba, das nicht nur eine Plattform ist, sondern mit der #AntGroup, mit #Taobao, #TMall etc. gleich mehrere Plattformen unter einem Dach versammelt.
Häufig wird der Konzern mit #Amazon verglichen, das aber greift zu kurz und ist auch nicht sonderlich präzise. Während Amazon von Anfang an den Endkunden im Visier hatte und selbst Produkte verschickte und die meisten davon zuvor lagern musste, verstand sich Alibaba als schlanke Plattform, die nur Unternehmen beziehungsweise Kunden miteinander vernetzt. Zunächst ging es um ein Business-to-Business Modell, im Mai 2003 gründete Ma die Plattform #Taobao, ein Consumer-to-Consumer-Geschäft, das heute mehr als eine halbe Milliarde Nutzer hat.

Dabei war der Anfang keineswegs leicht: Ebay versuchte zu Beginn der Nuller-Jahre, den chinesischen Markt zu erobern. Doch der Konzern verstand nicht, dass China völlig anders als westliche Länder funktionierte. Vor allem der Handel mit Second-Hand-Produkten interessierte die Chinesen wenig. Taobao schaffte es nach kurzer Zeit, sich durchzusetzen, wie auch Alipay später den ausländischen Konkurrenten Paypal in die Schranken wies.

Jack Ma, der seine berufliche Laufbahn als Englischlehrer begann, hat wie kaum ein anderer die Zukunft des Internets begriffen, doch im Vergleich zu seinen US-Kollegen ist seine Macht viel stärker begrenzt – und zwar durch die KP, die im vergangenen November den Börsengang der Ant Group im letzten Augenblick verhinderte.

In der neuen Folge von „Wohlstand für Alle“ stellen Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt die Plattform Alibaba vor und analysieren das Geschäftsmodell.

Literatur:

Duncan Clark: Alibaba. The House That Jack Ma Built. Ecco

Ming Zeng: Smart Business. Alibabas Strategie-Geheimnis. Campus.

MMT: Irrweg oder Chance? – WOHLSTAND FÜR ALLE Ep. 94

Joe Biden pumpt sehr viel Geld in die Wirtschaft, um Arbeitsplätze zu schaffen und um den grünen Wandel zu vollziehen. Manche vergleichen die Maßnahmen bereits mit Roosevelts „New Deal“ der 1930er-Jahre. Die Biden-Administration wird von Vertretern der Modern Monetary Theory beraten, was die Debatte auch hierzulande weiter befeuert: Ist die MMT ein Allheilmittel für die westlichen kapitalistischen Systeme, in denen man zu lange gespart und zu wenig investiert hat? Konservative und neoliberale Politiker bezweifeln das freilich, aber auch von linken, marxistisch geprägten Theoretikern gibt es Kritik an der MMT.

Ein Vorwurf lautet: Die MMT fokussiere sich zu sehr auf den Staat und seine Ausgaben, während die privatwirtschaftliche Produktion und ihre Funktion weitgehend ausgeklammert werden. In der Privatwirtschaft wird Geld investiert, um noch mehr Geld zu bekommen – der Weg dorthin führt über die Produktion und den Verkauf von Waren. In erster Linie wird also produziert, um einen Profit zu erwirtschaften – nicht um Bedürfnisse zu stillen.

Somit sind auch staatliche Maßnahmen begrenzter, als manche MMTler annehmen. Der Staat ist auf die Kooperation von Unternehmen und Investoren angewiesen, sonst kann er zwar beliebig Geld drucken, aber es wird keinen Effekt für die Wirtschaft haben bzw. auch eine Kapitalflucht ist durchaus denkbar.

In der neuen Folge von „Wohlstand für Alle“ stellen Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt die Kritikpunkte an der MMT vor.

 

Literatur:

Ingo Schmidt: Geldspeicher, Gelddrucker und die Fantastillionen der MMT, online verfügbar unter: https://oxiblog.de/mmt-geldspeicher-g….

 

Steinbrück/Stoiber-Papier online verfügbar unter: https://www.sueddeutsche.de/wirtschaf….

 

Ingo Stützle: „Money makes the world go green? Eine Kritik der Modern Monetary Theory als geldtheoretisches Konzept“, in: PROKLA. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft, Nr. 202.

 

NFTs: Wenn Memes Millionen wert sind – WOHLSTAND FÜR ALLE Ep. 93

Nicht nur diverse Kryptowährungen erleben derzeit einen Hype, auch die NFTs, die non-fungible Tokens, erfreuen sich größter Beliebtheit. Musiker wie Fynn Kliemann bringen Jingles als NFTs heraus, Künstler erzielen mit digitalen Kunstwerken in konventionellen Auktionshäusern oder auf neuen Auktionsplattformen Rekorde, und plötzlich können mit den Smart Contracts und dank der Blockchain sogar alte Memes monetarisiert werden – zum Beispiel das #Meme #DisasterGirl.

Es mutet absurd an: Obwohl im digitalen Zeitalter alles unendlich und ohne Qualitätsverluste reproduzierbar ist, gibt es immer mehr Menschen, die etwas besitzen wollen, was schon unzählige Male kopiert wurde. Von #Ownership ist vermehrt die Rede. Digitale Dateien können eigentlich nicht knapp sein, es sei denn, man verknappt sie künstlich. Das ist durchaus eine gängige Praxis im Kapitalismus, auch wenn wir das häufig vergessen haben. Und was knapp ist, kann auch zum begehrten Spekulationsobjekt werden – wie gegenwärtig die NFT-Kunst.

Was aber sagt das über den Kunstmarkt? Von der Idee der Originalität hat man sich in der Kunst schon vor Jahrzehnten weit entfernt, serielle Arbeiten gab es auch schon in der analogen Welt, gleichzeitig aber wird der Name des Künstlers, der als Label fungiert, immer wichtiger.

In der neuen Folge von „Wohlstand für Alle“ sprechen Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt über die non-fungible Tokens und den möglichen Wandel in der Kunstwelt.

Literatur:

Marie Fazio: “The World Knows Her as ‘Disaster Girl.’ She Just Made $500,000 Off the Meme.”, in: New York Times, online verfügbar unter: https://www.nytimes.com/2021/04/29/ar….

 

Jan-Philipp Matthewes: “NFT: Vom Hype zur ernsthaften Assetklasse?”, in: Wirtschaftswoche, online verfügbar unter: https://www.wiwo.de/finanzen/geldanla…

 

Sabine Nuss: Copyright und Copyriot. Aneignungskonflikte um geistiges Eigentum im informationellen Kapitalismus, Westfälisches Dampfboot, online verfügbar unter: https://nuss.in-berlin.de/buecher/cop….

 

Hanno Rauterberg: Die Kunst der Zukunft. Über den Traum von der kreativen Maschine, Suhrkamp.

 

 

Wann platzt die Lieferblase? – WOHLSTAND FÜR ALLE Ep. 92

2016 diagnostizierte Christoph Bartmann eine „Rückkehr der Diener“, fünf Jahre später ist diese Entwicklung noch weiter fortgeschritten. Das zeigt sich nicht allein am Boom des Online-Handels, sondern auch am Hype um die Lieferdienste. Immer mehr Menschen lassen sich Essen und Einkäufe direkt und bequem nach Hause liefern. Start-ups wie das Berliner Unternehmen Gorillas versprechen Lieferungen binnen 10 Minuten, und kaum ein Restaurant kann mehr darauf verzichten, mit Unternehmen wie Lieferando oder Delivery Hero zu kollaborieren, die sich wiederum proprietäre Märkte aufbauen.

Vor allem in Großstädten boomt das Geschäft mit den Lieferdiensten, doch die Leid- und Lasttragenden sind meist die Fahrer, die unter schlechten Arbeitsbedingungen und für niedrige Löhne bei Wind und Wetter schuften müssen. Die Unternehmen schreiben dennoch keine schwarzen Zahlen, was Anleger und Investoren nicht davon abhält, die Börsenkurse der Lieferdienste in die Höhe zu treiben.

Im Exit-Kapitalismus kann das sehr lukrativ sein, auch wenn schon heute klar ist, dass viele Firmen niemals solide wirtschaften werden. Derzeit beobachten wir in den Städten einen knallharten Konkurrenzkampf, von dem kurzzeitig die Kunden profitieren.

In der neuen Folge von „Wohlstand für Alle“ fragen Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt, ob die Lieferdienste eine Zukunft haben.

Literatur:

Stephan Knieps, Melanie Bergermann, Jacqueline Goebel, Teresa Stiens und Sascha Zastiral: „Endet der Lieferboom als Milliardengrab?“, in: Wirtschaftswoche 16/2021.

Jonas Rest: „Futterneid“, in: Manager Magazin 5/2021.

Philipp Staab: Falsche Versprechen, Hamburger Edition.

Michel Houellebecq: Plattform – Literatur #5

Michel Houellebecq gehört zweifellos zu den bedeutendsten Schriftstellern unserer Zeit. Seine Werke sind mehr als geniale Gegenwartsdiagnosen, Houellebecq denkt Ideen konsequent weiter und lässt auf diese Weise die Blindflecke der liberal-demokratischen Gesellschaft sichtbar werden.
So auch in seinem 2001 erschienenen Skandalroman „Plattform“, in dem der Protagonist Michel den globalen Tourismus weiterentwickelt. Michels Idee: Wenn im Westen die Libido nicht mehr befriedigt werden kann, an anderen Orten aber Not, Attraktivität und Jungendlichkeit groß sind – warum nicht einfach die Globalisierung ernstnehmen und eine Arbeitsteilung in der Lust einführen? Würden davon nicht alle profitieren?

Der französische Schriftsteller bezieht sich in seinem von Roman auf ökonomische und soziologische Theorien, er zertrümmert bürgerliche Wertevorstellungen ebenso wie er sich keine linksliberalen Hemmschuhe anzieht.

In der neuen Folge von „Wohlstand für Alle“-Literatur sprechen Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt über diesen bitterbösen und sehr witzigen Roman, der der Freihandelsideologie die Krone aufsetzt.

Literatur:

Michel Houellebecq: Plattform, Dumont.

Joe Biden und die Trickle-Down-Theorie

Joe Biden ist erst 100 Tage im Amt und hat bereits viel erreicht: Während in Deutschland erst jetzt ein wenig schneller geimpft wird, hat der US-Präsident sich selbst übertroffen. Anfangs versprach er 100 Millionen Impfungen in den ersten 100 Tagen, doch ihm gelang es, dass nun sogar mehr als 200 Millionen Impfdosen verspritzt sind. Außerdem werden 85 Prozent der Haushalte mit Schecks unterstützt. Bei seiner einstündigen Rede im Kongress machte Biden Ende April weitere große Schritte nach vorn: 2,3 Billionen Dollar werden für die Infrastruktur und die Transformation der Wirtschaft versprochen. Biden will viele neue Jobs, nicht nur für Akademiker, sondern vor allem im Blue-Collar-Sektor. Der Kampf gegen den Klimawandel sei für Amerika eine große Chance für mehr

Wirtschaftswachstum. Straßen, Leitungen, Kommunikationsnetzwerk müssen erneuert werden, die E-Mobilität soll mit hohem Tempo ausgebaut werden, auch möchte Biden mehr in grüne Forschung und Technologien investieren. Und Biden löst sich auch von der neoliberalen Ideologie, die nicht nur von Reagan, sondern auch von Clinton und Obama vertreten wurde. In seiner Rede erklärte er unmissverständlich, dass der Trickle-Down-Effekt nie funktioniert habe.
Über Bidens Wirtschaftspolitik sprechen Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt in einer neuen Folge von „Wohlstand für Alle“.

Literatur:

Lisa Herzog: „The Normative Stakes of Economic Growth; Or, Why Adam Smith Does Not Rely on ‚Trickle Down‘“, online: Literatur: Lisa Herzog: „The Normative Stakes of Economic Growth; Or, Why Adam Smith Does Not Rely on ‚Trickle Down‘“, online: https://www.journals.uchicago.edu/doi…

 

Adam Smith: Der Wohlstand der Nationen. Dtv.

 

Unsere Lesung aus Hannover könnt ihr hier sehen: https://youtu.be/dtDJPD23FN8

Adam Smith: Der Wohlstand der Nationen. Dtv.

 

Allendes Cyber-Sozialismus – WOHLSTAND FÜR ALLE Ep. 90

Liberale und Konservative spotten häufig über die sozialistische Planwirtschaft, gern verweisen sie darauf, dass diese noch nirgends bislang funktioniert habe. Dabei schweigen sie in der Regel aber von Chile, dort nämlich versuchte Präsident Salvador Allende Anfang der 1970er-Jahre mit Hilfe eines kybernetischen Modells eine funktionierende, hochmoderne Planwirtschaft umzusetzen. Ob dies tatsächlich gelungen wäre, darüber können wir heute leider nur spekulieren, da die Vision brutal niedergeknüppelt wurde.

Durch einen von der CIA und US-Präsident Nixon unterstützten Militärputsch kam der Diktator Augusto Pinochet an die Macht und stoppte kurzerhand den ehrgeizigen Plan, der Chile zu wirtschaftlicher Unabhängigkeit verhelfen sollte. Dennoch lohnt es sich, diese unterbelichtete Episode der Geschichte einmal genauer zu betrachten: Chile wurde von einem Kybernetik-Experten beraten, man setzte auf einen Computer, um Lieferengpässe zu verhindern.

Manche sehen darin die Avantgarde des digitalen Zeitalters. Ist die logistische Grundidee von Versandhäusern wie Amazon vielleicht gar nicht so anders?

In der neuen Folge von „Wohlstand für Alle“ stellen Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt das Projekt Cybersyn vor.

Literatur:

Eden Medina: Cybernetic Revolutionaries. Technology and Politics in Allende’s Chile, MIT Press.

Stafford Beer: Kybernetik und Management, Fischer.

Anna-Verena Nosthoff/Felix Maschewski: Zwischen Science-Fiction und Science Fact. Die Kybernetisierung des Politischen, in: Timo Daum/Sabine Nuss (Hrsg.): Die unsichtbare Hand des Plans. Koordination und Kalkül im digitalen Kapitalismus, Dietz.

Schaum schlagen mit Frank Thelen – WOHLSTAND FÜR ALLE Ep. 89

Frank Thelen und das deutsche Fernsehen – kann es eine größere Liebe geben? Der Unternehmer und Investor, der auch die Bundesregierung berät, ist ständig im TV zu Gast. Ob Frühstücksfernsehen, „Höhle der Löwen“ oder Polit-Talkshows – wann immer es um die Digitalisierung und die Zukunft unserer Wirtschaft geht, darf Thelen zu Wort kommen, auch wenn er meist nichts Neues oder gar Originelles zu berichten hat.

In der Regel feiert er dann die Innovationskraft eines Jeff Bezos oder Steve Jobs, oder er verklärt Elon Musk zu einem edlen Weltretter, der im Alleingang den Klimawandel stoppen will. Auch auf Konferenzen ist Thelen ein gern gesehener Gast, der sich als Visionär inszeniert, auch wenn er eigentlich nur Plattitüden und Binsenweisheiten von sich gibt.

Und Thelen ist von den Bestsellerlisten nicht mehr wegzudenken, sein neuestes Buch „10xDNA. Das Mindset der Zukunft“ ist wieder ein Verkaufserfolg, bei dem man sich vor allem fragt: Warum nur? Altbekanntes wird neu arrangiert, dazu wird ein primitiver Fortschrittsoptimismus propagiert, der uns alle fit machen soll für die Zukunft.

In der neuen Folge von „Wohlstand für Alle“ sprechen Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt über das Frank-Thelen-Prinzip.

Hans-Jochen Vogel und die Bodenspekulation – WOHLSTAND FÜR ALLE Ep. 88

Das Fundament des Wohnens ist notwendigerweise der Boden: Hans-Jochen Vogel war SPD-Vorsitzender, Bürgermeister von München und Berlin, und er war einer der wichtigsten SPD-Politiker der vergangenen Jahrzehnte. Er widmete einen beträchtlichen Teil seiner politischen Karriere dem Thema Bodenpreise – schon Ende der 1960er-Jahre konnte er in München beobachten, wie Grundstückspreise rasant anzogen und das Bauen von Wohnungen immer unerschwinglicher wurde.

Wer über zu hohe Mieten spricht, darf von der Bodenspekulation nicht schweigen. Zwar erleben wir in vielen Landstrichen, dass Häuser und zum Teil ganze Straßenzüge leerstehen, doch die Realität in den Großstädten ist eine völlig andere. Mit dem Buch „Mehr Gerechtigkeit!“ mischte sich Vogel im Alter von 93 Jahren erneut in die brisante Debatte ein, griff Reformvorschläge aus den 1960er- und 70er-Jahren auf, um einer weiteren Verteuerung des Bodens in Städten und Ballungszentren entgegenzuwirken.
Vogel will vor allem den Kommunen mehr Macht zukommen lassen, damit sie die Gesetze des Marktes unterminieren können. In der neuen Folge von „Wohlstand für Alle“ sprechen Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt über eine neue Bodenordnung.

Literatur:

Alexander Mitscherlich: Die Unwirtlichkeit unserer Städte. Anstiftung zum Unfrieden, Suhrkamp.

Hans-Jochen Vogel: Mehr Gerechtigkeit! Wir brauchen eine neue Bodenordnung – nur dann wird auch Wohnen wieder bezahlbar, Herder.

Bartleby, der Schreiber – Literatur #4

„I would prefer not to“ – dieser Satz aus Herman Melvilles Erzählung „Bartleby, der Schreiber“ ist weltberühmt geworden. Bartleby ist bei einem Anwalt an der Wall Street angestellt und arbeitet als Kopist, doch von einem Tag auf den anderen weigert er sich, die ihm zugedachten Arbeiten auszuführen. Was können wir von diesem passiven Protest lernen, ist er vielleicht sogar revolutionärer als manche Aktivität? Darüber sprechen Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt in der vierten Ausgabe von WfA-Literatur.

Herman Meville: Bartleby, der Schreiber. Eine Geschichte aus der Wall-Street, Insel.

Joris-Karl Huysmans: Monsieur Bougran in Pension, Friedenauer Presse.

David Graeber: Bullshit Jobs. Vom wahren Sinn der Arbeit, Klett-Cotta.

Hayek und das Hufeisen – WOHLSTAND FÜR ALLE Ep. 87

chon Hayek schmiedete kräftig an der Hufeisen-Theorie: In seinem 1944 erschienenen Werk „Der Weg zur Knechtschaft“ sieht er im NS-Staat ein sozialistisches System und versucht nachzuweisen, inwieweit Sozialisten die NS-Ideologie geprägt haben. Wissenschaftliche Redlichkeit und differenzierte Analyse aber sind Hayeks Sache nicht, vielmehr gleicht sein Buch an diesen Stellen einem Pamphlet.
Das aber ist nicht das einzige Thema seines Werks, weniger polemisch ist seine Kritik an der #Planwirtschaft​. Freiheit und #Marktwirtschaft​ denkt Hayek dabei zusammen, garantieren kann dies allein ein funktionierender Rechtsstaat.

„Es ist leider vollkommen unbegründet, wenn Leute sich von dem Glauben in Sicherheit wiegen lassen, daß die Beherrschung des Wirtschaftssektors nur von untergeordneter Bedeutung sei, einem Glauben, der sie die Gefährdung unserer wirtschaftlichen Freiheit leicht nehmen lässt“, erklärt er. Tatsächlich bietet der moderne #Kapitalismus​ den Bürgern Möglichkeiten der Emanzipation und Selbstverwirklichung, vorausgesetzt, dass man sich diese Freiheit auch leisten kann.

Hayek sieht aber in der Ungleichheit kein wesentliches Problem, grundsätzlich müsse nur der Rechtsstaat einen Rahmen bieten, der allen die gleichen Chancen ermöglicht. An reines Laissez-Faire glaubt Hayek dennoch nicht.

In der neuen Folge von „Wohlstand für Alle“ sprechen Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt über Hayeks durchaus bedenkenswerte Kritik an der Planwirtschaft.

Literatur:

Friedrich August von Hayek: Der Weg zur Knechtschaft, Mohr Siebeck.

Adam Tooze: Die Ökonomie der Zerstörung, Pantheon.

Hayek und die Planwirtschaft – WOHLSTAND FÜR ALLE Ep. 86

Friedrich August von Hayek ist einer der wichtigsten neoliberalen Theoretiker. In den letzten Jahren seines Lebens war er besonders einflussreich, neokonservative Politiker wie Margaret Thatcher, Ronald Reagan und George Bush senior schätzten seine Ideen zu einer Wirtschaftspolitik, die vor allem darauf hinauslaufen, dass der Staat sich aus der Sphäre der Ökonomie heraushalten soll.
Der Markt, so Hayeks These, sei viel zu komplex, zu undurchschaubar und unvorhersehbar, als dass ihn ein einzelner Akteur oder ein Staat sinnvoll lenken könne. Als Hayek 1974 mit dem Alfred-Nobel-Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften geehrt wurde, war diese Lehre keineswegs schon überall vertreten. Noch war die Politik der westlichen Welt stark durch #Keynes​ geprägt, wenngleich die Wirtschaft in die Krise geraten war.

Ein günstiger Moment für Hayek, um in seiner #Nobelpreisrede​ „Die Anmaßung von Wissen“ gegen den Keynesianismus Stellung zu beziehen, doch auch Milton Friedman dürfte das Ziel dieser Angriffe gewesen sein.

In der neuen Folge von „Wohlstand für Alle“ sprechen Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt über Hayeks Ausführungen zur Begrenztheit des Wissens sowie der Wissenschaft und über seine Ablehnung einer geplanten Wirtschaft.

Literatur:

Theodor W. Adorno: Einleitung in die Soziologie, Suhrkamp.

Hans Jörg Hennecke: Friedrich August von Hayek zur Einführung, Junius.

Friedrich August von Hayek: „Die Anmaßung von Wissen“, in: Die Anmaßung von Wissen. Neue Freiburger Studien, Mohr Siebeck.

Quinn Slobodian: Globalisten. Das Ende der Imperien und die Geburt des Neoliberalismus, Suhrkamp.

Kapitalismus und Rassismus – WOHLSTAND FÜR ALLE Ep. 83 + Buchvorstellung

Kapitalismus und Rassismus

Der Markt regelt – so lautet das Motto der Neoliberalen. Und so wundert es nicht, dass viele neoliberale Theoretiker glaubten und glauben, dass der Markt auch gesellschaftliche Fortschritte befeuern wird, ja, dass er sogar dazu entscheidend beitragen kann, den Rassismus zu überwinden.
Fest steht: Es gab und gibt Rassismus in kapitalistischen Ländern, aber auch sozialistische und vor-kapitalistische Systeme können rassistisch sein. Der Rassismus ist also nichts, was exklusiv im Kapitalismus vorkommt. Doch Milton Friedman betont die anti-rassistische Seite des Kapitalismus.
Wenn sich nur der Staat weitgehend aus dem Marktgeschehen heraushält, also auch keine Gleichstellungs- und Antidiskriminierungsgesetze verabschiedet, wird über kurz oder lang der Markt die Ungerechtigkeit beseitigen, da dort am Ende nicht die Identität entscheidet, sondern nur Geld und Verträge etwas gelten. Diese Idee beruht auf der Annahme, dass der Mensch in erster Linie ein homo oeconomicus ist, jemand also, der allein an der Mehrung seines Nutzens (und besonders seines Reichtums) interessiert ist.

Rassismus aber, so die Schlussfolgerung von Friedman und Becker, schadet nicht nur den Opfern, sondern letztendlich auch den Tätern. Wie tragfähig ist diese Weltanschauung wirklich? Darüber sprechen Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt in einer neuen Folge von „Wohlstand für Alle“.

Literatur:
Gary S. Becker: Der ökonomische Ansatz zur Erklärung menschlichen Verhaltens, Mohr Siebeck.

Milton Friedman: Kapitalismus und Freiheit, Piper Verlag.

John Stuart Mill: Einige ungelöste Probleme der politischen Ökonomie, hrsg. v. Hans G. Nutzinger, Metropolis Verlag.

Unser Buch ist da: „Influencer. Die Ideologie der Werbekörper“

Sie legen sich in Badewannen voller Nutella, präsentieren bei der Morning-Routine immense Produktpaletten und propagieren vehement Konsum: Die Influencer sind symptomatische Sozialfiguren unserer Zeit. In der Abstiegsgesellschaft scheinen noch einmal Aufstiegsträume wahr zu werden, der Spätkapitalismus hübscht sein Gesicht mit Filtern und Photoshop auf, mit einer revolutionären Form der Werbung komplettieren Instagrammer und Youtuber das Geschäftsmodell des kommerziellen Internets. Bei aller ausgestellten Modernität beeinflussen die Influencer jedoch noch in einer weiteren Hinsicht den Zeitgeist: Indem sie rückwärtsgewandte Rollenbilder, Konsumismus und rigide Körpernormen propagieren, leisten sie einem konservativen Backlash Vorschub. In unserem Buch „Influencer. Die Ideologie der Werbekörper“ analysieren wir – nicht ohne Polemik – ein wichtiges Phänomen des digitalen Kapitalismus.

Literatur:

Ole Nymoen, Wolfgang M. Schmitt: Influencer. Die Ideologie der Werbekörper, Suhrkamp.

Otto, der Großaktionär – Literatur #3

Gisela Elsner ist die große Außenseiterin des deutschen Literaturbetriebs: Nach ersten Erfolgen in den 1960er Jahren und Auftritten bei der legendären Gruppe 47 schrieb Elsner zwar immer weiter, doch das Publikum für diese bissige, grelle und radikallinke Literatur wuchs nicht.
Mehr und mehr zog sich Elsner aus der Öffentlichkeit zurück, immer bizarrer muteten ihre seltenen Auftritte an, bis sie 1992 in München ihrem Leben ein Ende setzte.

Einige Jahre zuvor versuchte sie literarisch noch einmal etwas Neues: Sie schrieb den Roman „Otto, der Großaktionär“, in dem sie nicht wie sonst die Perspektive der herrschende Klasse einnahm, sondern einen Arbeiter in den Mittelpunkt rückte, der immerhin ganze fünf Aktien an dem Konzern hält, für den er schuftet. Otto ist Arbeiter in einer Ungeziefervertilgungsmittelfabrik, aber er zählt sich nicht zur Arbeiterklasse, er meint der bürgerlichen Mitte anzugehören, denn schließlich fährt auch er wie seine Vorgesetzten einen Mercedes, wenn auch einen uralten, klapprigen.

Zudem hat er die liberale Ideologie – die erst später in Deutschland, in den 1980er Jahren aber bereits in Großbritannien und in Amerika propagiert wurde – völlig internalisiert: Jeder Bürger soll ein Aktionär sein, um am Erfolg der Unternehmen partizipieren zu können.

In der neuen Folge von „Wohlstand für Alle“-Literatur sprechen Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt über Gisela Elsners bitterböse Satire.

Die FDP-Aktienrente und die Demographie – WOHLSTAND FÜR ALLE Ep. 82

In den 1990er-Jahren versprach Norbert Blüm, der damalige Bundesminister für Arbeit, allen Bürgern: „Die Rente ist sicher.“ Schon damals aber kamen Zweifel auf, ob dem wirklich in Zukunft so sein wird, da immer weniger junge Menschen auf immer mehr alte kommen.

Der demographische Wandel darf in keiner Debatte über die Rente fehlen, weshalb es auch nicht verwunderlich ist, dass die FDP in ihrem neuen Konzeptpapier zur Aktienrente darauf verweist. Verbunden wird der Verweis auf die Demographie häufig mit dem Vorwurf, die junge Generation arbeite zunehmend für die Älteren und nicht für sich selbst. Dies wollen die Liberalen nun ändern, sie wollen das 3-Säulen-Modell reformieren. Ihr Plan: Die Rente soll zu einem kleinen Teil künftig auch an der #Börse​ angelegt werden, damit alle am Boom der #Aktienkurse​ profitieren können. Zwei Prozent der gesetzlichen #Rentenbeiträge​ sollen deshalb künftig direkt in Fonds fließen, das Vorbild ist Schweden. Aber ist der Weg tatsächlich so alternativlos, wie ihn die FDP darstellt? Oder gibt es auch andere Maßnahmen, mit denen das Rentenproblem gelöst werden könnte? In der neuen Folge von „Wohlstand für Alle“ sprechen Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt über den Vorschlag der FDP sowie über einige Mythen in der Rentendiskussion.

Literatur:

Gerhard Mackenroth: “Reform der Sozialpolitik durch einen deutschen Sozialplan”, in: Erik Boettcher (Hrsg.): Sozialpolitik und Sozialreform. Ein einführendes Lehr- und Handbuch der Sozialpolitik, Mohr Siebeck.

 

Johannes Vogel/Christian Dürr: “Für eine erfolgreiche Bewältigung des demographischen Übergangs – durch eine gesetzliche Aktienrente und Fachkräfteeinwanderung”, online verfügbar unter: https://www.fdpbt.de/sites/default/fi…

 

 

Bitcoin, Dogecoin: das neue Gold? – WOHLSTAND FÜR ALLE Ep. 81

Vor einigen Jahren glaubten viele Experten, der Bitcoin habe keine Zukunft, sondern werde ebenso schnell verschwinden, wie er aufgestiegen ist. Sie irrten gewaltig, denn seit Monaten erklimmt der Bitcoin neue Höhen, vor wenigen Tagen erst knackte er die 50.000 Dollar-Marke – und inzwischen halten es viele Banker und Investoren sogar für denkbar, dass ein Bitcoin bald mehr als 100.000 Dollar Wert sein könnte. Was knapp und gefragt ist, steigt im Wert. Der Bitcoin ist nicht die einzige #Kryptowährung​, die derzeit begehrt ist. Generell gibt es einen Run auf das alternative Geld, was auch zu einigen Kuriositäten führt: So erlebte der Dogecoin, der als Schnapsidee, inspiriert von einem #Meme​, programmiert wurde, plötzlich einen Kurssprung. Und wie schon beim #GameStop​-Hype hat der ständig twitternde Elon Musk seine Finger mit im Spiel. Er ist mittlerweile der Guru der Krypto-Anhänger, die sich nun vermehrt auch über Reddit-Foren organisieren. Was aber bedeutet dieser Trend für die Finanzmärkte? Und ist der Bitcoin wirklich das digitale Gold? Darüber sprechen Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt in der neuen Folge von „Wohlstand für Alle“.

Tumult im Kanzleramt: Die Schuldenbremse wackelt! – WOHLSTAND FÜR ALLE Ep. 80

Vor wenigen Wochen versetzte Kanzleramtschef Helge Braun viele Konservative und Liberale in Panik: In einem Gastbeitrag im „Handelsblatt“ dachte er laut über die Zukunft der Schuldenbremse nach und plädierte für eine Modifikation, da auch in den nächsten Jahren der deutsche Staat viel Geld brauchen wird, um die Folgen der aktuellen Krise abzufedern. Braun sprach sich für eine Änderung der Verfassung aus.

Wenngleich Braun damit keineswegs grundsätzlich vom Konzept der Schuldbremse abrückte, genügte dieser eine Artikel bereits, um konservative und liberale Politiker und Ökonomen auf den Plan treten zu lassen, die in dramatischen Äußerungen schilderten, wie nahe Deutschland dem Untergang stünde, wenn man sich tatsächlich von der Schuldenbremse trennen würde. Von einem „Markenkern“ war dabei die Rede, wenngleich diese Marke relativ neu ist: Erst im Jahr 2009 beschloss eine Zweidrittel-Mehrheit im #Bundestag​, die Schuldenbremse in die Verfassung zu schreiben. Man reagierte damit auch auf die #Finanzkrise​ von 2008, wenngleich die Pläne für eine solche Bremse bis ins Jahr 2005 zurückgehen. Die Linken und die Grünen stimmten gegen die Einführung, doch die #GroKo​ ließ sich nicht beirren und schadete damit der Demokratie und jeder progressiven Politik nachhaltig. Es wird durch die benötigte Zweidrittel-Mehrheit sehr schwer sein, diesen verantwortungslosen Schritt wieder umzukehren.

In der neuen Folge von „Wohlstand für Alle“ gehen Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt auch auf die ideologische Implikation dieses konservativen Konstrukts ein.

Arm trotz Mindestlohn? – WOHLSTAND FÜR ALLE Ep. 79

Allen Warnungen vor Massenarbeitslosigkeit zum Trotz wurde am 1. Januar 2015 der Mindestlohn in Deutschland eingeführt – und plötzlich erhielten viele Angestellte mehr Lohn. Das führte aber weder zu mehr Arbeitslosigkeit noch wurde so der #Wirtschaftsstandort​ Deutschland nachhaltig geschwächt, zumal in Frankreich und Luxemburg ein weitaus höherer Mindestlohn gezahlt wird. Allerdings gibt es immer noch Arbeitnehmer, die von der Reform bislang nicht profitiert haben, sondern von dieser sozialen Errungenschaft dezidiert ausgeschlossen werden.

Auszubildende erhalten keinen Mindestlohn, auch Menschen mit Behinderung, die in sogenannten Werkstätten arbeiten, oder Arbeiter unter 18 Jahren, die keine Ausbildung haben, erhalten deutlich weniger Geld.
Auch Journalisten nehmen sich dieser Thematik lieber ungern kritisch an, da hier häufig gilt: Wess Brot ich ess, dess Lied ich sing. Es waren nämlich die Zeitungsverleger, denen es mit einem unheimlichen Lobbyismus gelang, dass der Mindestlohn für #Zeitungszusteller​ erst sehr viel später eingeführt wurde.
Mehr dazu von Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt in der neuen Folge von „Wohlstand für Alle“.

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