Oberschichtsjournalismus

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Der Tod des bundesdeutschen Journalismus

Der Tod des bundesdeutschen Journalismus

Samstag, 17.5.2014. Eifel. Mal wieder Zeit für eine traurige Nachricht – die Nachricht vom Tod des unabhängigen Journalismus in Deutschland. Offiziell wurde er noch nicht zu Grabe getragen, aber der Leichenduft erfüllt die ganze Republik. Aktuell tritt er etwas deutlicher zutage und erfüllt die Kommentarspalten im Internet mit Spott und Hohn über eine außerordentlich einseitige Berichterstattung zum Thema Ukraine, zudem  erleben wir Erscheinungen in der deutschen Presselandschaft, die man sonst nur in autokratischen Ländern gewohnt ist … wie zum Beispiel Russland.

Die Gleichschaltung der deutschen Presse – und damit der Tod des bundesdeutschen Journalismus und das Ende der „Vierten Gewalt“ – ist öffentlich bestätigt worden: hätte es noch eine freie, unabhängige Presse gegeben, wäre ein Aufschrei durch die Republik gegangen: wie ein russischer Autokrat hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel die Chefs des deutschen – bezahlten – Journalismus zusammengerufen und sie auf eine gemeinsame Linie eingeschworen. Ähnliches erlebt man sonst in Bananenrepubliken, wenn Putschisten die Radiosender besetzen, um IHRE Wahrheit unters Volk zu bringen. Anstatt eines Aufschreis deutscher Journalisten gab es jedoch … nur Stille und regierungskonforme Berichterstattung. Erinnern wir uns noch mal daran, wie der Skandal nebenbei erwähnt wurde, siehe Jakob Augstein im Freitag:

Ein paar Monate zuvor, am 8. Oktober 2008, hatte es ein sonderbares Treffen gegeben, das in diesem Zusammenhang Erwähnung finden soll. Die Bundeskanzlerin hatte an jenem Tag die bedeutenden Chefredakteure der bedeutenden Medien eingeladen. Es war die Zeit, in die der Ausbruch der großen Finanzkrise fiel. Man findet keinen ausführlichen Bericht über dieses Treffen, der veröffentlicht worden wäre und überhaupt nur wenige Erwähnungen in den Archiven, nur hin und wieder einen Nebensatz, eine knappe Bemerkung. An einer Stelle liest man in dürren Worten, worum es an diesem Abend im Kanzleramt ging: Merkel bat die Journalisten, zurückhaltend über die Krise zu berichten und keine Panik zu schüren.

Was geschah? Die Chefs der Presse folgten der Kanzlerin. An einem einzigen Tag zerschmetterte Angela Merkel den freien Journalismus (nach ihren eigenen Worten – siehe Freitag – das „Lebenselixier der Demokratie“) und degradierte ihn zum ausführenden Organ einer – verlogenen – Regierungspolitik. Warum die Chefs – und ihre Stiftebüttel – folgten, ist klar ersichtlich:

Der soziale Aufstieg hat die Journalisten selber in die herrschende Klasse gespült: Ihre Kinder besuchen die selben Schulen, sie wohnen in den selben Vierteln, sie gehören zu den selben Clubs: „Es gibt zwischen den Medien und der Macht heute eine Verwandtschaft, die es früher nicht gab. Einen Mangel an Skeptizismus.“

Jakob Augstein zitiert hier Gay Talese, der ganz besondere Vorstellungen von einem Journalisten hatte:

Talese hat ein eindringliches Bild dafür gefunden, was Journalisten sein sollen, wie sie arbeiten sollen: „Wir Journalisten sollten eine Religion der Ungläubigkeit predigen! Ein Heiliger Orden  der Ungläubigen, das sollten wir sein. Wir sollten unseren Dienst in Klöstern der Wahrheit tun, über die Schriften gebeugt. Und diese Klöster sollten weit, weit weg sein von den Palästen.“

Gleich einem Mönch muss der Journalist das Gelöbnis der ewigen Armut ablegen, gleich einem Philosophen muss er so weit wie möglich hinaustreten aus der Gesellschaft sie von weitem – oder von oben – betrachten. Will er seine Arbeit korrekt machen, dann sitzt er weit draußen allein in seiner Blockhüte, um unabhängig zu bleiben. Unterwirft er sich einem Chefredakteur, kann er den Begriff „Journalist“ gleich an der Pforte abgegeben. Besucht der dann noch den „Bundespresseball“, kann man ihn zurecht als Regierungsagenten bezeichnen.

Was sehen wir aber noch an dieser Aufgabenbeschreibung des Journalismus? Was ist diese „Religion der Ungläubigen“?

Ich möchte mal einen modernen Begriff dafür nehmen: „Verschwörungstheorien“.

NICHTS ANDERES ist die heilige Aufgabe des „Journalisten“: beständig GEGEN Wirtschaft und Politik Theorien zu entwickeln, die GEGEN die PR-Agenten von Konzern und Partei angehen. NUR DAS macht sie zur VIERTEN MACHT im Staate – und nur so können sie Regierungshandeln KONTROLLIEREN. Ohne Theorien, die beständig und immerdar „amtliche“ Wahrheiten in Frage stellen, lassen sie keine Lügen der Regierung  aufdecken.

Jetzt frage ich Sie als Leser: was würden Sie von Journalisten halten, die Ihnen beständig Verschwörungstheorien liefern? Richtig – im Jahre 2014 würden sie diese Menschen, die „in den Klöstern der Wahrheit“ „die Religion der Ungläubigen predigen“ als „rechtsradikale Spinner“ gesellschaftlich isoliert werden. Orwells 1984 hat schon lange Gestalt angenommen, die deutsche Bundeskanzlerin hat den Oberbefehl über das Nachrichtenwesen an sich gerissen – und ohne Jakob Augstein (Mitbesitzer des „Spiegel“) hätten wir von diesm Tag, der das Ende des Journalismus in Deutschland bedeutete, nie etwas erfahren.

Wir dulden sehr seltsame Erscheinungen in unserem Lande, die wir – würden sie in Russland stattfinden – als Beweis für Putins Autokratismus anprangern würden. Obwohl der Beruf des Journalisten – nach den Erfahrungen im Dritten Reich – absichtlich keinen Namensschutz hat, was seine Freiheit und Unabhängigkeit jederzeit garantiert … und jederzeit die Möglichkeit beeinhaltet, dass er sich neu definiert … haben wir in Deutschland „Anstalten“ für die gezielte Züchtung von Journalisten – „Oberschichtsjournalisten“, um es genau zu sagen. Für einen Beruf, der absichtlich keinen Namensschutz genießt, ist es schon verwunderlich, dass hier – im Anschluss an ein Hochschulstudium, das allein schon zur Berichterstattung qualifiziert – eine „Zusatzausbildung“ angeboten wird, in der man „richtiger“ Journalist werden kann.

Journalismus.com – das „Portal für Medienprofis“ – beschreibt deutlich, warum kein Weg an diesen Schulen vorbeigeht:

Die meisten Journalistenschulen in Deutschland genießen einen exzellenten Ruf. Hier lernen Journalisten das Handwerk von der Pike auf. Wer Absolvent einer Journalistenschule ist, findet in den meisten Fällen einen Job.

Der letzte Satz ist wichtig – das „Handwerk“ des Schreibens beherrscht jeder Geisteswissenschaftler. Aber das „besondere“ Handwerk … bedarf spezieller Ausbildung, über die auch ganz offen gesprochen wird – zum Beispiel bei der Kölner Journalistenschule:

Das Sponsoringkonzept der Kölner Journalistenschule gibt Unternehmen die Möglichkeit,

  • schon während der Ausbildung Kontakt zu den angehenden Politik- und Wirtschaftsjournalisten der Kölner Journalistenschule zu knüpfen;
  • ihre Öffentlichkeitsarbeit, die Entwicklung ihrer Branche und ihre Unternehmensstrategie den Kölner Journalistenschülern vorzustellen;
  • die Ausbildung, einzelne Ausbildungselemente oder die technische Ausstattung der Kölner Journalistenschule finanziell zu unterstützen.

Hier können sich Unternehmen schon während der Ausbildung genehme Journalisten kaufen, mieten oder warm halten, hier kann man angehende Meinungsbildner in Deutschland „von der Pike auf“ formen, damit es später keine bösen Überraschungen gibt. Den Service nehmen folgende Unternehmen in Anspruch: Bayer, Ergo, RWE, Henkel, Telekom, BP und einige andere hochrangige Konzerne in Deutschland. Der Fettdruck wurde von der Schule selbst vorgenommen – und sagt genug aus. Hier kauft man sich als Konzern Politik- und Wirtschaftsmeinung.

Die Ukrainekrise hat gezeigt, wie erfolgreich die Züchtung von „Systemjournalisten“ betrieben worden ist: 2014 ist es gar nicht mehr notwendig, das die Kanzlerin die Chefredakteure zur Befehlsausgabe ruft – das Meinungsbildungspersonal wird gezielt geschult und schon im Vorfeld selektiert.

Es kommt auch zu gezielten „Säuberungen“ – wie bei Zeit-online, wo freie Journalisten diszipliniert („gefeuert“) werden, die früher mal für „den Feind“ geschrieben haben (siehe den aktuellen Fall von Alisa Bauchina bei Heise, – oder den Fall Moritz Gathmann, ebenfalls bei Heise) …. obwohl es im Prinzip zum „Lebenselixier der Demokratie“ gehört, bei jeder Art von Konflikt die Interessen BEIDER SEITEN herauszuarbeiten.

Kennzeichnend für den Tod des deutschen Journalismus mag ein Artikel sein, der nun in der „Jungen Welt“ erschien – einem Presseorgan, das als ehemaliges FDJ-Blatt mit 50000 Lesern (siehe Süddeutsche) noch eine kapitalunabhängige Berichterstattung leistet. Nur hier traut sich ein bezeichnenderweise „anonymer“ Redakteuer der „Deutschen Welle“ über unheimliche Erscheinungen in diesem Sender zu berichten (siehe JungeWelt vom 15.5.2014):

Immer konform mit dem Kanzleramt: Bei der Deutschen Welle dürfen nur »geeignete« Journalisten Kommentare schreiben. Aktuell ist z.B. die Vorgabe, den Begriff »Referendum« – gemeint ist die Abstimmung in der Ost­ukraine – immer in Anführungszeichen zu schreiben oder mit dem Zusatz »illegal« oder »sogenannt«. Dieser unsinnige Eingriff in unser journalistisches Vokabular ist ein Beispiel für direkte Zensur.

Ähnlich wie die meisten Medien in Deutschland; die Kommentare dürfen nur Redakteure schreiben, die als dafür »geeignet« gelten.

Wir finden auch ein offenes Bekenntnis des Redakteurs zu seiner eigenen Unabhängigkeit:

Es ist halt ein fruchtbarer Boden für die Zensur, wenn man als Journalist eine Familie mit zwei Kindern ernähren muß und auf Basis von Zeitverträgen arbeitet. Irgendwann ertappt man sich bei der Selbstzensur – weil man seinen Job behalten will, schreibt man so, daß es keinen Anstoß erregt.

Darum favorisiert wohl Gay Tanese die religiöse Terminologie, den „Heiligen Orden der Ungläubigen“, der in Deutschland gezielt ausgerottet wurde. Spätestens am 8.10.2008 hat Bundeskanzlerin Angela Merkel die Hoheit über die Chefredakteure übernommen. Die Folgen der fortschreitenden Gleichschaltung der Medien lassen sich sehr gut an der Alltagswirklichkeit des Redakteurs erkennen, der sich erkennbar vor den Folgen fürchtet, die er zu erleiden hätte, wenn er sich nicht an die „offizielle Sprachregelung“ halten würde: eine Überstellung ans örtliche „Jobcenter“ zwecks „Sonderbehandlung“ scheint sicher zu ein.

Und so erlebt der deutsche Bürger im 21. Jahrhundert den Tod des Journalismus, der ganz eng an die Paläste angebunden wurde, um das Volk dirigieren zu können, wie man es gerade möchte. Gleichzeitig wissen wir aber auch, wie wir uns als Bürger dagegen wehren können: wir brauchen wieder den „Heiligen Orden der Ungläubigen„, der „weit weit weg von den Palästen“ „Dienst in den Klöstern der Wahrheit“ leistet.  Im Gegensatz zu den Definitionen des deutschen Journalismusverbandes wird man jedoch nicht damit rechnen können, das man seinen Lebensunterhalt damit bestreiten kann – ganz im Gegenteil: das Geld vernichtet die Heiligkeit des Berufsstandes.

 

 

 

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