Novalis

This tag is associated with 2 posts

Flug in den Tod mit ausgeschalteter Gehirnhälfte …

175 pixaby_wild-geese-1149699_1280

Eine riesige Population an weißen Gänsen ist vor Kurzem verendet. Bei ihrem alljährlichen Zug in ihr Winterquartier sind die Tiere in einem See zwischengelandet. Der See war vergiftet, ein dort ansässiger Konzern hatte gewinnschonend darauf verzichtet, seine Altlasten zu bereinigen. Äußerlich war der See idyllisch anzusehen, doch sein Wasser hatte sich mit hochtoxischen Substanzen aus einem stillgelegten Bergwerk angereichert.

Augenzeugen berichten von einem erschütternden Anblick. „Der ganze See war bedeckt mit toten weißen Vögeln wie mit herabgefallenen Blüten“. Ich finde den Zeitungsbericht nicht mehr, will ihn auch gar nicht suchen, ebenso wie ich darauf verzichte, weitere Links und Statistiken über das alljährliche Gemetzel an unseren Zugvögeln anzuführen, sie wären zu deprimierend.

Jedes Jahr verlassen alleine in Deutschland  ca. 50 Millionen Zugvögel ihre Brutgebiete und machen sich auf einen Weg, der laut Schätzungen von Ornithologen für mehr als die Hälfte der Tiere den Tod bedeuten wird. Es ist meist kein natürlicher Tod, es sind industrielle und vom Menschen geschaffene Einrichtungen, die den gefiederten Freunden zum Verhängnis werden. In deutschen Windrädern en masse verhäckselt, in kilometerlangen Fangnetzen in Ägypten oder in Klebefallen an Zweigen in Zypern gefangen, finden sie ihr schnelles oder qualvolles Ende.

Sie fliegen schon seit undenklichen Zeiten, die Vögel. Warum sie jedes Jahr unter Aufbietung aller Kräfte und unter großen Verlusten Kontinente und Meere überqueren, wir wissen es in Wirklichkeit immer noch nicht. Vielleicht sind sie interkontinentale Botschafter, die etwas Wichtigeres vermitteln als unsere Leitmedien. Auch welche grandiose Aufgabe sie im Haushalt unseres Ökosystems erfüllen, ist den wenigsten von uns bewusst. Ihr Orientierungs- und Durchhaltevermögen sind uns kaum begreiflich. Flüge von tausenden Kilometern, mitunter über hohe Gebirge, durch Regen, Schnee und Eis, bewältigen manche Enten- und Gänsearten, indem ihre beiden Gehirnhälften während des Marathonfluges abwechselnd schlafen und wachen. Ohne Nahrungsaufnahme und unter Verlust eines großen Teils ihres Körpergewichts landen die Tiere dann schließlich ohne Kompass an der Destination, zu der ihnen die große Vogelseele den Weg gewiesen hat. Von der Evolution über Millionen von Jahren mit faszinierenden Fähigkeiten ausgestattet, um den herben Bedingungen der Elemente zu trotzen und ganze Meere überqueren zu können, stehen sie allerdings den technischen Errungenschaften, auf die wir heute so stolz sind, vollkommen hilflos gegenüber. Ihr Manko: Sie haben schlichtweg kein Sensorium für diese evolutionär gänzlich neuartigen Gefahren.

Da ja laut Novalis für uns Menschen „alles äußerlich Sichtbare nur ein Gleichnis“ ist, frage ich mich gerade, wieviele von uns den Zug, den wir gerade unternehmen, wohl schaffen werden. Und wie viele von uns und unseren Kindern in einem der unzähligen Netze und Klebefallen enden werden, die für uns ausgelegt wurden. Oder in einem scheinbar idyllischen See, in dem man Spaß haben kann, der aber hochtoxisch ist und den niemand, der von seinem Wasser getrunken hat, wieder verlassen kann. Er mag zwar physisch weiterleben, aber trotzdem an „Mentalvergiftung“ (Prof. Mausfeld) und innerer Vermorschung zugrunde gehen.

Doch nicht nur der geistige Tod droht, sondern auch ganz schnöde gesundheitliche Fatalismen. Dabei sind es nicht nur fremde Hände, die uns zum Verhängnis werden können, sondern vor allem auch unsere eigenen. Denn gleich den Gänsen haben in Wirklichkeit auch wir für viele der technischen Errungenschaften, als deren Herren wir uns dünken, noch kein rechtes Sensorium ausgebildet. Was deren Gefährlichkeit bzw. deren langfristige Folgen für unsere Gesundheit und unsere Psyche anbelangt, stellen wir derzeit eine grenzenlose Naivität unter Beweis. Als jemand, der als Produktentwickler selbst im Hurrikanauge des R&D steht, könnte ich jetzt Bände erzählen, was hinter vielen Produkten und Technologien, die uns von einer Hochleistungs-Marketingindustrie täglich schmackhaft gemacht werden, so alles an desaströsen Nebenwirkungen steckt, über die man in den oberen Etagen Bescheid weiß, aber nicht darüber spricht. Alleine die zum Teil unveröffentlichten Studien über die gesundheitlichen Nebenwirkungen der heute unseren Alltag prägenden Drahtlostechnologien und LED-Beleuchtung, in die ich bisher Einblick hatte, würden jedem Gutbürger der glaubt, mit diesen Techniken Spaß zu haben, die Haare zu Berge stehen lassen.

Zurück aber zu den Gänsen und Vögeln. Diesmal also keine schlimmen Bilder und keine verstörenden Links, stattdessen ein poetisch-berührendes Video von Mike Oldfield, eine Hommage an das Luftelement und unsere zarten gefiederten Freunde, die jetzt gerade auf Messers Schneide ihren Weg durch Sturm und Schnee suchen. Jahr für Jahr kehren weniger von ihnen zurück und in manchen Landstrichen ist es im Frühjahr bereits bedrückend still. Fröhliches Gezwitscher und Gesänge, die unser Herz  beschwingen, sind selten geworden.  Jeder, der sich schon einmal näher mit einem Vogel angefreundet bzw. ihn aufgezogen hat, kann nur staunen über das Faszinosum seines Wesens, das langsam heranwachsende Wunderwerk jeder einzelnen Feder, die sich zusammenfügt zu einem farbenprächtigen und mit unglaublicher Liebe zum Detail gezeichneten Kleid, mit dem die Lufttiere – sogar ihre Knochen sind mit Luft gefüllt -, von der Natur in ihrem Großmut eingekleidet werden. Wie ein kostbarer, filigraner Juwel kann einem solch ein gefiederter Geselle erscheinen, der sich da seinen gefahrvollen Weg durch Schnee und Sturm bahnen muss. Und wie leicht kann dieser Juwel zerschellen.

Obwohl die Bilder und die Musik Oldfields im untigen Video keinerlei Grausamkeiten andeuten, sondern nur eine feine Poesie verströmen, mögen bei einem empfindsamen Gemüt dabei womöglich mehr Tränen zutage treten als bei einer noch so erschreckenden Zeitungsreportage über den alljährlichen Todesflug. Er braucht sich dabei keine falsche Scham antun. Das, was uns ein zynisches System heute mit aller Gewalt abzutrainieren versucht: unsere Empathie und Mitfühlensfähigkeit, darf sich ruhig auch einmal regen. Wer diese nicht bewusst kultiviert, den wird sie womöglich unbewusst einholen und ihren Tribut fordern … denn in Wirklichkeit geht die gewaltige Zerstörung an menschlicher und zivilisatorischer Substanz, die gleich der Vernichtung der Vogelmassen bei ihrem jahreszeitlichen Zug für uns Menschen jeden einzelnen Tag stattfindet, nicht spurlos an uns vorüber. Auch wenn wir alles tun, um diese Zerstörung nicht wahrhaben zu müssen.

 

(Foto: pixabay/CCo)

Adler oder Axolotl

AxolotlBE

Axolotl, Foto: Th1098 CC BY SA 3.0 Quellenlink

Kennen Sie schon den Axolotl? Das ist ein molchartiger Lurch, beheimatet in lichtarmen, unterirdischen Grotten nahe Mexico. Er weist die Besonderheit auf, dass er nie richtig erwachsen wird, sondern sein ganzes Leben lang in einem Zwischenzustand bleibt. Er erreicht zwar die Geschlechtsreife, aber behält seinen Larvenzustand bei. Das Tier ist hochflexibel und anpassungsfähig, abgebissene Körperteile, sogar Herz und Gehirn, wachsen in kurzer Zeit wieder nach. Lt. Enzyklopädie ernähren sich Axolotl als „Lauerjäger“.

Von Novalis wissen wir, dass alles in der Natur Sichtbare „nur ein Gleichnis ist“ – für etwas, was mit dem seelischen Dasein des Menschen zu tun hat (Tip aus der Angewandten Eifelphilosophie: mit diesem Motto im Sinn die Natur zu durchwandern, ist übrigens ein ganz anderes Erlebnis, als wenn man bloß glotzend durch die Gegend stelzt).

Viele dieser Natur-Gleichnisse sind uns vertraut und umgangssprachlich verankert: die Rose steht z.B. für Liebe, der Fuchs für Schlauheit, das Lamm für Sanftmut, der Hund für Treue, der Wolf für Gefräßigkeit, die Schlange für Unehrlichkeit, der Löwe für Mut etc. Und wenn wir genau hinschauen, können wir all diese Eigenschaften bzw. das gesamte Tierreich zumindest als latente Eigenschaften auch in unserer eigenen inneren Landschaft entdecken.

Was zum Teufel bedeutet uns aber dieser Axolotl?

Nun, der Axolotl ist nichts weniger als DER Prototyp für den zukünftigen Menschen schlechthin, der nun in den Jahren nach der Milleniumswende auf Hochdampf gezüchtet wird. Das Humankapital, das derzeit vom Förderband läuft, nachdem es in der Fertigungsstraße von Schule, Uni und Medien geformt, genormt, gefärbt, geschweißt, elektronisch verkabelt, geteert und gefedert wurde, entspricht im Wesentlichen dem Axolotl:

Einem hochflexiblen, schmiegsam in trüben Gewässern dahingrundelnden Lurch mit weichem Rückgrat und eher unglücklichem Gesichtsausdruck, der niemals seine Reife erreicht, sondern bis an sein Lebensende infantil bleibt und am Konsumschnuller nuckelt. Der blind jeden Dreck schluckt und jedem Rattenköder nachschwimmt, den man ihm hinhält.

Neil Postman hat diesen infantilen, im Polit- und Tagesgeschehen bereits omnipräsenten Typus als „adult-child“ bezeichnet. Auch Götz Eisenberg sieht zwischen heutigen Säuglingen und Greisen nur noch graduelle Unterschiede:

„Die Konsumgesellschaft bringt einen gefräßigen, ungeduldigen, auf seinen Spaß bedachten ewigen Säugling hervor, der sich genüsslich die Flasche geben lässt und für den die kleinste Verzichtsleistung zur Quelle eines tiefen Unbehagens oder einer immensen Wut werden kann.“

Man darf sich also freuen auf die Zustände, die demnächst auf unseren Straßen herrschen werden, wenn die Konsumwaren, auf welche die Teletubbies schon ab Kindergartenalter täglich medial programmiert werden, nicht mehr gratis und im derzeitigen Überfluss vorhanden sind, sondern zur Mangelware werden. Wenn sie losziehen um sich zu holen, was sie haben wollen.

Habe vor kurzem ein Interview mit einem Sozialarbeiter einer Berliner Jugendeinrichtung gelesen. Neben der Aussage, dass über 40% der Kinder in Berlin von Harz IV abhängig sind, ein Großteil der Kinder emotional verwahrlost und vollkommen wertbefreit ist, dafür aber im Schlaf die Texte der Pornorapper auswendig aufsagen kann, hat mich vor allem die Aussage eines Konzernchefs nachdenklich gemacht, der die Jugendeinrichtung sponsert. Als ihn der Sozialarbeiter gefragt hat, warum er denn freiwillig so viel Geld in die Einrichtung steckt, hat der Konzernchef ganz pragmatisch geantwortet: Weil er keine Lust habe, dass er in 10 Jahren sein Haus mit Stacheldraht einzäunen muss.

Zurück zum Axolotl. Er hat zwei Knopfaugen, aber diese sind eigentlich nur zur Verzierung da. Sie können nur grob zwischen Hell und Dunkel unterscheiden, aber sind vollkommen unfähig zu einer differenzierten Betrachtung.

Ebenso besitzt der vom Förderband gelaufene Konsumbürger vielfach kein wirkliches Unterscheidungsvermögen mehr, sondern folgt ausschließlich seinen in Sympathie und Antipathie eingeteilten Instinkten und Bedürfnissen.

Etwas Sympathisches taucht auf: „Will habähn!“

Etwas Unsympathisches/Herausforderndes taucht auf: „Bääh, weg damit!“

Ganz einfach nach dem Like-/Dislike System auf Facebook und YouTube. – Brauchbar oder Unbrauchbar. Fressen oder Verschrotten. Da gibt’s keine Abstufung dazwischen. So wie in der römischen Arena: Daumen rauf oder runter heißt Leben oder Tod.

Dass im schwammigen Körper des Axolotl-Bürgers ein streng „wissenschaftlich“ tickender Intellekt gezüchtet wurde, ist nur ein scheinbarer Widerspruch zur vorbezeichneten Infantilität/Amoralität. Wie die tägliche Realität zeigt, bildet der szientistische Intellekt nicht das geringste Hindernis für ebendiese Infantilität/Amoralität.

Im Gegenteil, das szientistisch geprägte Weltbild fördert sogar geradewegs die maßlose Infantilisierung und moralische Destruktion des Menschen. Denn wenn lt. wissenschaftlichem Credo Mensch und Umwelt nur geistlose Kohlenstoffzusammenballungen und grausame Produkte des Zufalls sind, dann ist ja alles Wurst und bar jeder Moral und Verantwortung. Wer in diesem amoralischen Wurstsalat nicht wie ein egomanischer Reißwolf agiert und nach den Prinzipien von Profit und Sch(p)aßmaximierung wirtschaftet, der ist ja in Konsequenz der szientistischen Logik dumm.

Jede Anwandlung von menschlicher Reife oder Erwachsenwerden würde da einen Strich durch diese szientistische Schlussrechnung machen und außerdem den Konsum reduzieren. Denn ein reifer, glücklicher Mensch, der den Sinnzusammenhang des Lebens und die geistige Existenz des Menschseins auch nur geringfügig ahnt, der reduziert unnötigen Konsum drastisch und nimmt so dem wuchernden Kommerz den Wind aus dem Segeln. Auch würde er fortan nach moralischen und humanen Kriterien leben und wirtschaften.

Und das darf auf keinen Fall Platz greifen, sonst misslingt der bereits in Reichweite befindliche Endsieg des Mammon womöglich doch noch. Das wäre Sand im Getriebe der mörderischen Humanressourcen-Faschiermaschine und gewährte nicht genügend Cash-Flow.

Also lautet die Devise: Voll einheizen den Heizkessel unserer Schulen, Universitäten und Medien mit „Wissenschaftlichkeits-“ und UNTERhaltungs-Kohle! Damit die Hammerwerke der Ausbildungsmaschine den jungen Menschen, der die Gesenkschmiede der Fertigungsstraße durchläuft, restlos in die Zweidimensionalität platt hämmern.

Den letzten Schliff erhalten die vom Förderband gelaufenen Axolotln dann in der Job-Rotation der Konzerne, wie es die Filmemacherin Carmen Loosmann in ihrer Doku „Work Hard,Play Hard“ recht anschaulich ins Bild gebracht hat: https://www.youtube.com/watch?v=TE0JKY5w9rM

(Warnung: Lt. Filmkritik der Frankfurter Rundschau erfasst einen beim Ansehen dieser Doku „zugleich Kälte und Angst.“)

Mit einem Wort also: Die Zukunft gehört dem Axolotl. Er wird das bisherige Wappentier, den Adler -symbolisierend den souveränen Staat aus freien, visionären demokratischen Bürgern-, demnächst ablösen. Eigentlich müsste jetzt schon ein stilisierter Axolotl auf dem Hintergrund der gerahmten Nationalfarben in allen Schulen, Universitäten und Amtsstuben prangen.

Auch das Parlament sollte seine heuchlerische Haltung aufgeben und nicht mehr unter dem stählernen Bundesadler tagen. Die Regierung soll sich endlich zum alternativlosen Modell des fortschritts-/frackinggläubigen Kommerzbürgers bekennen: zum Axolotl. Gerüchten zufolge wurde bereits einer örtlichen Schlosserei der Auftrag erteilt, einen großen Lurch aus poliertem Chromstahl zu schweißen und am Plenum des Bundestags zu installieren. Der stolze Stahladler aus anno dazumal wird abmontiert und in einem Requisitenraum im Keller kopfüber an die Wand gehängt.

Dorthin wird man in der Zukunft dann Kinder von Schulexkursionen führen und ihnen zeigen, wie naiv die Menschen in den Zeiten waren, als sie noch Visionen einer freien und menschenwürdigen Gesellschaft hatten und sich daher einen Adler als Sinnbild wählten. Man wird Altbundeskanzler Schmidt zitieren, der auf die Frage der Jugend, ob seine Partei denn keine Visionen habe, ebenso wie sein österreichischer Amtskollege Vranitzky schon seinerzeit den Zug der Zeit erfasst und geantwortet hat: „Visionen? Wer Visionen hat, braucht einen Arzt!“

Man wird ihn in einer Bildergalerie neben Schröder, Merkel und anderen Murkseln als Geburtshelfer des Axolotl-Bürgers bzw. der Axolotl-Republik würdigen – einer Gesellschaft, deren äußeres Erscheinungsbild im Wesentlichen dem entsprechen wird, was die Star-Trek Autoren bereits als Borg-Kubus skizziert haben: ein komplett durchtechnisiertes, spinnenartig vernetztes und bürgerüberwachtes Panoptikum, das endlich von allen lästigen menschlichen Attributen und Gutmenschen-Phantasien befreit ist.

Zurück aber aus dieser dystopischen Zukunft in die Gegenwart. Zum Glück ist noch nicht aller Tage Abend. Obwohl der Wahnsinn bereits mit voller Wucht auf uns zurollt und wir die Schienen schon vibrieren hören, haben wir immer noch die Wahl und könnten die Richtung unserer Reise ändern (auch wenn das Zeitfenster dafür bereits knapp wird). Zwei Wege stehen uns offen:

Wir können uns für den Weg des Axolotl entscheiden. Dazu müssten wir genau gar nix tun, sondern einfach den zur Normalität erklärten Wahnsinn so weiterlaufen lassen, wie er derzeit eben läuft. Die Füße auf den Tisch schlagen und weiter in den Flachbildschirm glotzen. Wir bräuchten uns nur passiv treiben lassen, hätten dabei den vollen Rückenwind des Zeitgeists und durchaus einigen Sch(p)aß an der rasanten UNTERhaltungs-Geisterbahnfahrt.

Wenn wir dann am Ende der lustigen Rutschpartie im Hafen von Triest aus dem Mündungsrohr des Kanals gespuckt werden und in einer schwabbeligen Industriemüllbrühe unser Dasein fristen müssen, nimmt der Spaß zwar ein abruptes Ende, aber was soll’s. Wenn die amtierenden Hohepriester unseres Zeitalters (die Szientisten) Recht behalten, und alles Wurst ist, dann ist auch das Wurst und die Menschheitsevolution ist eben gescheitert. So what.

Oder wir können den Weg des Adlers wählen. – Ist anfangs allerdings extrem mühsam, fliegen zu lernen. Vor allem, weil uns durch szientistisch-visionslose Erziehung, Schule und Uni die Flügel gehörig gestutzt wurden und uns beigebracht wurde, dass wir nur Batteriehühner sind, die DIN-genormte Eier für die Bisquit-Industrie erzeugen sollen. Wir hätten auf dem Weg nach oben Richtung Sonne starken Gegenwind, das Wetter ist momentan ziemlich miserabel und wir müssten ständig aufpassen, da oben in den Lüften nicht mit herumschwirrenden Kampfjets, Drohnen und Hedgefonds-Heuschreckenschwärmen zu kollidieren. Auch rauben die von der Presse und den Rundfunkstationen in den Äther geblasenen, dickschwarzen Lügenwolken fast jede Sicht.

Der Weg zum Axolotl ist also eindeutig der Bequemere. Zumindest am Anfang. Mit zunehmender Wegstrecke (abwärts) wird dieser Weg halt immer elender.

Und vice versa. Der Weg zum Adler ist der Beschwerlichere. Zumindest am Anfang. Mit zunehmender Wegstrecke (aufwärts) wird dieser Weg aber immer lohnender und freudiger. Wir werden auf dem Weg nach oben Federn lassen und ordentlich schwitzen, Blitzgewitter werden uns durchbeuteln. Aber irgendwann werden wir die Wolken durchstoßen und wieder sonnendurchflutete Gefilde erreichen.

Ob wir Adler oder lieber Kriechlurch werden wollen, ist letztlich keine kollektive Entscheidung, sondern eine höchst individuelle. Es werden daher in Zukunft vermutlich beide Spezies unseren Globus bevölkern. Da der Mensch über einen freien Willen verfügt, kann man die Entscheidung, wozu man sich entwickeln will, auch niemandem vorschreiben, selbst wenn man noch so viele gute Gründe dafür oder dagegen hat. Wenn sich wache Köpfe wie Georg Schramm hier fast die Seele aus dem Leibe schreien, weil wir unsere Kinder gerade im großen Stil absaufen lassen bzw. zu Lurchen erziehen, dann ist das gut gemeint, aber vergeblich. Jeder Mensch muss bzw. darf alleine entscheiden, welcher Weg der für ihn angemessene ist:

Der Weg abwärts, der anfangs leicht (und gesellig) ist, dann aber immer elender (und einsam) wird.

Oder der Weg aufwärts, der anfangs sehr beschwerlich (und einsam) ist, dann aber immer leichter (und geselliger) wird.

Welche Entscheidung die richtige ist, weiß man leider oft erst im Nachhinein. So wie bei der Show „Eins, Zwei oder Drei“ von Michael Schanze. – Kennt die eigentlich noch jemand?

Blöde Frage für alle Kinder der 80er Jahre, klar kennen wir alle die Schanze-Show. Für die Youngsters unter uns kurz zum Ablauf des Spiels: Eine Wissensfrage wird gestellt. Um zu antworten, müssen sich die Kandidaten auf das richtige Symbolfeld stellen (für unsere Fragestellung heute wäre das also: Adler oder Axolotl). Um den Mitspielern durch das Positionieren aber nicht frühzeitig die eigene Entscheidung zu verraten, wechseln die Kandidaten so lange zwischen den bunt blinkenden Feldern hin und her, bis der Moderator „1, 2 oder 3, letzte Chance… vorbei!“ ruft. Erst beim Vorbei ist die Antwort endgültig, danach ist kein Wechsel mehr möglich. Mit den Worten „Ob ihr wirklich richtig steht, seht ihr wenn das Licht angeht“ wird das richtige Antwortfeld mit einem Feuerwerk erleuchtet und die Lösung verraten. Das falsche Antwortfeld bleibt dunkel, und alle, die darauf stehen, haben verloren.

Die letzten 100 Artikel