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KiK und der Kampf gegen Armut in Deutschland

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Mittwoch, 1.7.2015. Eifel. Ja – ich habe es nun verstanden. Wurde mir ja oft gepredigt: Kauft nicht bei KiK, denn da stimmt einiges nicht. Mein Kopf versteht das sofort: ich kenne die Berichte der staatstragenden Medien sehr gut: Kinderarbeit, schlechte Arbeitsbedingungen, Druck, scharfe Kontrollen, Tricksereien: das Erste hat oft genug darüber berichtet. Man kann ja auch gar nicht oft genug darüber berichten, was in der Welt der Wirtschaft so an Missständen vorhanden ist: mit der Ausbeutung von Schwächeren läßt sich halt gut Geld machen. Nehmen wir zum Beispiel Disney. Ja – die, die die beliebten Kinderfilme drehen und einen riesigen Reibach damit machen. Sie haben sicher auch schon ein paar Dutzend Disneyfilme gesehen – Sie, der sie nicht bei KiK einkaufen müssen, können sich Kinobesuche ja auch noch leisten. Darf ich Ihnen dazu mal etwas erzählen, was seltsamerweise nicht im Ersten oder auf RTL gesendet wird?

„Im Herbst 2002 wurde durch eine Untersuchung der International Transport Workers Association bekannt unter welchen Bedingungen die Angestellten luxuriöser Walt-Disney-Kreuzfahrtschiffe wie etwa „Disney Magic“ arbeiten müssen: Sie haben extrem lange Arbeitszeiten – bis zu 16 Stunden täglich, sieben Tage in der Woche – und sind unterbezahlt“ (aus: Klaus Werner/Hans Weiss, Das neue Schwarzbuch Markenfirmen, 5. Auflage 2009, Seite 295).

Was bei Disney „unterbezahlt“ heißt, kann man ebenfalls nachlesen:

18 Stunden Arbeitszeit täglich, durchgehend an sieben Tagen die Woche, viele Monate lang. Sechzehnjährige Frauen erhielten pro Monat zwischen 38 und 63 Euro. (Werner/Weiss, a.a.O.)

Und – gibt es eine große Kampagne gegen Disney? „Schaut keine Disneyfilme!!!“ – suche ich vergebens in den deutschen Medien, aber ein „kauft nicht bei KiK“ höre ich schon in den Eifeldörfern.

Wissen Sie, wer noch alles an Kinderarbeit gut verdient hat? Nestle zum Beispiel: hier findet man sogar Kindersklaverei (Werner/Weiss, a.a.O., Seite 334), McDonalds (hier gab es Kinderarbeit sogar in England, siehe Werner/Weiss a.a.O, Seite 328). Nike (Werner/Weiss a.a.O, Seite 336), Adidas (Werner/Weiss a.a.O, Seite 264). Coca Cola (Werner/Weiss a.a.O, Seite 284), die neben der Kinderarbeit auch die Aussendung von Todesschwadronen gegen Gewerkschafter zu verantworten haben. Die Auflistung ließe sich endlos fortsetzen … aber wer ruft schon zum Boykott gegen Adidas, Nike oder Coca Cola auf?

Doch wir wollen uns heute gar nicht mit den endlosen Verfehlungen von Großkonzernen beschäftigen, die in der einen oder anderen Form tagtäglich laufen und auch laufen müssen: Konzerne sind gesetzlich zur Maximierung der Rendite verpflichtet, nicht zur Maximierung der Lebensqualität von Mitmenschen – und das Management hat nur noch die Aufgabe, so viel Rendite wie möglich bei möglichst wenig auffälliger Ausbeutung der Mitmenschen zu erwirtschaften. Die Schuld an dieser Misere tragen ganz allein SIE. Sie sind der Souverän des Landes, Sie machen die Gesetze … bzw. lassen sie machen.

Kommt Ihnen nicht so vor? Na – einfach mal weniger „shoppen“, weniger Disney gucken, weniger Cola trinken und mehr über die politischen Wirklichkeiten im Land erfahren, dann würden Sie sehen, dass letztendlich der Souverän des Landes die Verantwortung trägt.

Die wollen Sie doch auch gerne den Kunden von KIK aufbürden, oder? Jenem Geschäft, das in seinem Namen „Kunde ist König“ trägt. Es ist ja auch leicht, den KiK-Kunden die Verantwortung zu übertragen: es ist nicht sonderlich „hip“ noch sonderlich modisch, was man dort findet – aber es reicht aus, um nicht nackt oder in Fetzen durch die Gegend laufen zu müssen. KiK – ist preiswert … was auch meiner persönlichen Börse sehr entgegenkommt.

Es ist leicht, zu fordern „kauft nicht bei KiK“, leicht, das „Prekariat“, die überhaupt erst durch staatlichen Willen und staatliche Zwangsmaßnahmen sowie großer Mediengewalt gestaltete und geformte Unterschicht wegen ihres Kaufverhaltens zu verfolgen, während man mit seinen Nike-Schuhen im Kino Disney-Filme guckt und dabei eine kühle Coke schlürft. Es ist auch verständlich, dass man sich gegen Kinderarbeit und Ausbeutung wehrt – doch vergisst man schnell, dass es nicht der Konsument ist, der hier die Hauptlast der Verantwortung tragen sollte: die gesetzlichen Rahmenbedingungen sowie die Unarten des Neokapitalismus, die durch mangelnde Staatsgewalt grenzenlos ausufern können, sind die Ursache sämtlicher Verwerfungen: allein ein Importverbot von Schmuddelware könnte hier schon Wunder wirken – auch auf dem heimischen Arbeitsmarkt. Aber das will der Souverän ja gar nicht: ein solches Importverbot würde ja die Gewinne der Globalisierungsfreunde schmälern, die EXTRA dort produzieren, wo für Arbeit nichts gezahlt wird – oder jedenfalls nichts, was einem hilft, ein souveränes, selbstbestimmtes Leben zu leben.

Doch bleiben wir bei der Verfolgung der KiK-Kunden, denen man implizit eine aus Armut geborene Unmoral vorwirft – obwohl sie eigentlich nur preiswerte T-Shirts und Unterhosen für ihre Kinder kaufen wollten, ohne damit gleich einen  Auftrag zur Massenvernichtung durch Arbeit zu erteilen. Was sollten sie auch tun?

Nun – der Adidas-Blockwart weiß sofort Bescheid: mehr Geld verdienen, damit sie ordentlich einkaufen können – zum Beispiel bei Otto, Reebock oder H&M – alles Firmen, die im Schwarbuch Markenfirmen wegen ausbeuterischer Maßnahmen angeklagt wurden (Werner/Weiss a.a.O, Stichwort: „Firmenportraits).

Doch wie sollen sie das machen?

Nun – ganz einfach: wir verdienen Unsummen im Export, letztes Jahr waren es 1,13 Billionen Euro – als 1130 Milliarden – die wir als Erlös von Verkäufen im Ausland eingenommen haben. Dort kann man noch richtig verdienen. Was sind unsere Hauptexportschlager?

Autos – 202 Milliarden

Maschinen – 165 Milliarden

Chemische Erzeugnisse – 107 Milliarden (Quelle zum Export: Statista).

Nun raten Sie mal, wer unsere teuren Autos kauft?

Sie wissen es nicht?

Ich kann es Ihnen sagen: wer in der Pyramide der Ausbeutungskette ganz oben sitzt, fern von den Betrieben, in denen Arbeiterinnen barfuß in  Chemiebrühe stehen müssen ( wie z.B. bei Deichmann, Werner/Weiss a.a.O, Seite 289). Gibt es eigentlich Kampagnen gegen die Produktion in China – oder den Verkauf von Luxusgütern in Ausbeuterländern? Nein? Wie verblüffend – aber wenn arme Menschen bei KiK einkaufen, da brüllt der Mob auf einmal.

Man merkt ja auch, warum. Die, die am meisten Dreck am Stecken haben, schreien immer am Lautesten „haltet den Dieb!“. Autos zum Beispiel – sind giftiger Sondermüll auf vier Rädern. Doch, bitte: lesen Sie in einem älteren Spiegel nach (siehe Spiegel, Ausgabe 37/1989)

„Allmählich erst erschließt sich Politikern und Umweltschützern, daß jedes Auto, genaugenommen, ein Stück Sondermüll auf Rädern ist. Zu gut einem Drittel bestehen Kraftfahrzeuge aus Umweltgiften oder anderen schwer zu entsorgenden Materialien.

Ein Auto enthält nicht nur – in Armaturen, Blinkleuchten, Fußmatten, Polstern, Isoliermatten oder Karosserieteilen – bis zu 30 Kunststoffarten, sondern auch gefährliche Batteriesäuren, Bremsflüssigkeiten und Getriebeöle, Schmierfette, Metallic-Lacke und Elektronikteile.“

Wir verseuchen weltweit die Umwelt mit Sondermüll auf Rädern – und verdienen uns dumm und dämlich daran, sind sogar Meister der weltweiten Umweltzerstörung und Ressourcenvernichtung infolge von … „Fahrspaß“.  Das ist dann „gut“ – und wer gut ist, darf auch Kinderarbeit von Adidas, Nike und Disney konsumieren. Wer böse ist, kauft bei KiK. Noch ein Sonderblick auf unseren SUV-Wahn: je größer das Auto, umso mehr Müll bleibt letztlich in der Landschaft liegen, wenn der Wagen „durch“ ist. Aber wer denkt schon so weit von diesen „guten“ Menschen.

Zurück zu KiK. Zurück zu den Kunden, die sich entschlossen haben (oder dazu verurteilt wurden), ihr Leben auf niedrigstem Ressourcenverbrauch (sprich: Geld) zu gestalten, zurück zu einem Unternehmen, dass in Deutschland etwas ganz Besonderes macht: sich aktiv in den Kampf gegen Armut zu engagieren, in dem sie Ware anbieten, die es auch ärmsten Menschen erlaubt, nicht in Lumpen herumlaufen zu müssen – was anderen sicher gut gefallen würde, da man dann die Unterschicht deutlicher erkennen könnte.

Ja – das ist die andere Seite von KiK, eine Seite, die Bessermenschen nicht sehen brauchen. Sie richten ihren Blick auf die Kinderarbeit (die bei ihren Lieblingskonzernen zwecks Sicherung der eigenen Überversorgung mit Tauschmitteln selbstverständlich völlig aktzeptabel ist) und sehen nicht, dass KiK mehr zur Linderung der Folgen der Armut in Deutschland beiträgt als die „Nobelmarken“, die die Ausbeuter, Anlagebetrüger, Steuerhinterzieher, Menschenhändler, Drogenbarone und Waffenschieber mit Luxusautos und anderen Statussymbolen aussttatten und damit sogar den Zielen der rot-grünen Bundesregierung zuwiderhandelt: sie vermindern den „Druck“, den Politik gezielt auf Arme ausüben wollte und will, in dem sie Preise bieten, die Arme nicht überfordern.

Wer sich im Übrigen auch noch im Kampf gegen die Armut in Deutschland auszeichnet, sind die Konzerne E-Bay und Amazon – ebenfalls viel und gern gescholtene Bösewichter … während man über die Verfehlungen von Siemens, Exxon, Ford, Shell, Tommy Hilfiger, Unilever, Aldi, C&A, Daimler-Chrysler, Knoll, Kraft, Levi Strauss und Triumph gerne verständnisvoll hinwegsieht, damit sich noble Bessermenschenmythen nicht in Rauch auflösen und man erkennen muss, dass die ganze Maschine schlecht ist, die gerade den Planeten auffrisst – und nicht nur jener Teil von ihr, der hilft, die Folgen der Armut zu lindern.

Wer nun entsetzt ist über diese Worte, der sei daran erinnert, dass dies ein Nachdenkmagazin ist – und keine Bessermenschenpropagandaschleuder. Klar sind die Arbeitsbedingungen bei KiK schlecht – aber wo finden wir denn heutzutage noch richtig gute Arbeitsbedingungen? Sicher beuten Zulieferbetriebe Menschen aus – aber was meinen Sie denn, warum ALLE in Billigländern produzieren und sich dabei eine goldene Nase verdienen, die hierzulande dann der Firma Porsche enorme Gewinne beschert, von denen die Mitarbeiter dann in der Karibik den dicken Mann machen können?

Es ist der Sinn von Globalisierung, die Armen der Welt auszuplündern – und wir machen da ganz vorne mit. Wir alle. Und wer ressourcengierig mit dem SUV vor dem Bioladen posiert, gebräunt von vier Wochen Urlaub in Neuseeland, gehört zu der Spitze der Weltvernichter – und nicht die arme Mutter, die bei KiK einkauft, damit ihre Kinder von Arschlochkindern in der Schule etwas weniger Häme bekommen, weil sie wenigstens mal was „Neues“ anhaben.

Insofern: Danke KiK für den engagierten Kampf gegen die Folgen der Armut in Deutschland.

PS: wenn Sie sich gegen Kinderarbeit engagieren wollen – gern! Ich empfehle da ganz oben anzufangen – bei der Kinderarbeit in den USA (siehe Huffingtonpost). Wie man der dem Artikel dort beiliegenden Karte entnehmen kann … ist Kinderarbeit Standard in der Welt.  Deshalb produzieren unsere Arbeitgeber dort auch gern.

 

 

Revolution in Deutschland? Eher Versailles 2010….und die Sucht nach Freiheit

Es gibt einfache Wege sich sehr unbeliebt zu machen: einfach mal zur Revolution aufrufen – oder zur friedlichen Änderung der Verhältnisse.  Sicher … Gemecker über die Verhältnisse gibt es viel. Sehr viel, an allen Ecken. Das Volk wagt es sogar schon in einigen wichtigen Fragen wie soziale Gerechtigkeit und Einsatz der Bundeswehr im Ausland völlig anderer Meinung zu sein als die Abgeordneten … dabei sollte das Volk doch wissen, das es genau diese Abgeordnete in den Bundestag gewählt hat. Na ja, ich kenne Rentner, die wählen Politiker nach ihrem Aussehen, weil sie gerne mal ein hübsches Gesicht im Fernsehen sehen würden, wenn über Politik berichtet wird. Darf man ja auch – ist freie und geheime Wahl.

Man kriegt natürlich sofort Ärger mit jenen die meinen: es ist doch alles in Ordnung. Wir werden von den fähigsten Experten regiert, die die unsichtbare Hand des Marktes hergibt.  Von jenen Exemplaren dürfte es nur noch wenig geben uns sie sind eine ständig schrumpfende Minderheit, aber es gibt sie noch, die Darwinisten unter den Wählern: der Fähigste wird sich schon durchgesetzt haben.

Dann gibt es natürlich noch jene, die Nutznießer des Systems sind. Mit ihnen kriegt man später Ärger. Viel später, dafür immer mehr.

Nehmen wir zum Beispiel die BRD. Hier läuft einiges schief. Wer nichts hat, kriegt immer weniger, wer viel hat, bekommt via Kapitalmarkt ein leistungsloses Luxuseinkommen auf Kosten der restlichen Welt – was vielerorts zu Hunger und Kriegen führt. Andere kriegen sogar die Menschenrechte gekürzt – siehe Hartz IV, das ja bald Basisgeld heißen soll. Das gibt es dann für alle, die jetzt noch unter Fünfzig sind auch als Rente … das und noch zwanzig Jahre lang Versprechungen, das es nie soweit kommen wird, obendrauf.

Käme man jetzt aber auf die verruchte Idee, etwas ändern zu wollen … merkt im selben Augenblick jeder, wieviel er eigentlich noch hat. Das will man dann auch nicht aufs Spiel setzen – so als Hartz IV-Abhängiger.  Das ist auch in Ordnung, zeigen uns doch friedliche und unfriedliche Revolutionen der letzten tausend Jahre, das man nichts anderes ändert als die Farbe der Unterdrückung. Selbst Gottes Sohn persönlich hat das nicht ändern können, sein Erscheinen und seine Predigt für mehr ganz normale Menschlichkeit führte zur katholischen Kirche, dem direkten Gegensatz zur Botschaft Christi – aber auch diese offensichtlichste aller Kröten schluckt man ja gern, wenn man dafür ins Himmelreich kommt.

Zwischen unseren Hartz-IV-Abhängigen, unseren Minilohnempfängern, unseren Minirentnern und den Angestellten von erfolgreichen Weltkonzernen in Indonesien besteht in der Tat noch ein Unterschied: jene schuften zwölf Stunden am Tag unter entwürdigensten Bedingungen, um anschließend in einem fensterlosen Betonloch zu wohnen, das westliche Konzerne für sie als Unterkunft konstruiert haben. Nach Abzug der Horrormiete müssen zwei Hände voll gesalzenem Reis pro Tag  reichen. Urlaub gibt´s nach Kündigung, wer krank wird, darf sterben, Rente ist ein Mythos aus dem Westen – das ist aus unseren sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätzen geworden aber auch unsere Kinder wollen ja gerne bezahlbare Schuhe von NIKE tragen.  Viele dieser entwürdigenden Arbeitsplätze haben wir mit unseren Steuergeldern bezahlt – und gleichzeitig müssen wir mit ihnen konkurrieren.

Im Vergleich zu jenen, die nun unsere Arbeitsplätze haben, ist das Basisgeld purer Luxus. Man wohnt in einem geheizten Raum mit Fenstern, hat genug zu essen (vorausgesetzt, man kann mit dem Geld haushalten), es gibt fließend warmes Wasser und elektrischen Strom. Für die absolute Mehrheit der Menschheit ist das Luxus pur – und ich habe ein wenig Verständnis dafür, das Menschen, die die Armut in Afrika, Amerika und Asien erlebt haben und dann die Klagen unserer Frührenter hören, das das größte Unrecht der Welt ist, das sie nur alle drei Tage mal zwei Industrieschnitzel auf einmal essen können nur noch voller Abscheu und Verachtung auf diese Anspruchswelt reagieren können.

Verständnis – weil es menschlich ist so zu reagieren. Politisch gesehen ist es unmenschlich, aber dafür muß man weit über den Tellerrand hinausschauen. Politisch gesehen sollte man den Konzernen nicht auf den Leim gehen, die die Armut in Asien zum Standard für die Bürger der Welt machen wollen, damit für sie mehr übrig bleibt.

Politisch gesehen, sollte man das Elend der Welt tagtäglich in den Nachrichtensendungen bringen … solange, bis es abgeschafft ist. Dann wäre Zeit für Musikantenstadel, für Big Brother und die Supernanny. Aber wer würde das schon sehen wollen? Unsere zarten Seelchen flüchten sich deshalb lieber professionell in Ignoranz … zumal sie ja auch wissen, das das wenige, das sie haben, ganz schnell auch noch fort sein kann.

Ich höre manchmal die Klagen, warum sich denn der Deutsche angesichts der Ungerechtigkeit nicht erhebt, einer Ungerechtigkeit, die ihm selbst jedes Jahr weiter zusetzt. Millionen von Menschen leben in prekären Verhältnissen …. wieso erheben die sich nicht.

Nun, vielleicht hilft eine Geschichte aus der Vergangenheit. Das Schloß Versailles, gebaut zur Verherrlichung des „Sonnenkönigs“,  ist sicher bekannt.

Am Ende des Ancien Régime umfasste der Hofstaat rund 10.000 Personen, von denen bis zu 5.000 direkt im Schloss lebten.[51][55] Die eigentlichen Höflinge machten davon rund 1.000 Personen aus, hinzu kamen Kammerfrauen, Köche, Leibwachen und andere Bedienstete. Der Palast war eine Stadt unter einem großen Dach, mit Wohnungen, Arbeitsräumen und Vergnügungsstätten. Auf den Gängen und Höfen ließen sich Händler nieder.[56] Das Schloss war fast ständig überbelegt[55][57], und die Aristokratie, so sie nicht zur königlichen Familie gehörte, war zum Teil verarmt und hauste sogar in den engen Dachkammern der oberen Geschosse.[57] Victor Hugobezeichnete das Gebäude später als eine einzige Höflingskaserne.[39]

Das Leben bei Hof bedeutete Verzicht auf Privatsphäre. Die Königsfamilie nahm selbst gewöhnliche Mahlzeiten vor Publikum ein[28] und auch die Niederkünfte der Königinnen waren innerhalb der Hofgesellschaft traditionell öffentliche Ereignisse − so sehr, dass Marie Antoinette während der Geburt ihres ersten Kindes in Lebensgefahr geriet, als sich zu viele Menschen in ihrem Schlafzimmer aufhielten. Trotz der prunkvollen Ausstattung war Versailles ein unkomfortables Schloss. Die en filade gereihten, zugigen und hohen Räume ließen sich schlecht heizen, und Madame de Maintenon beklagte, „man erträgt lieber die Zugluft durch die Türen […], man muss in Symmetrie zugrunde gehen“.[58] Im strengen Winter 1709 platzten sogar Likörflaschen durch die Kälte.[59]

Es gab, wie damals in ganz Europa üblich, im ganzen Schloss weder fließendes Wasser noch fest installierte Toiletten.

Das alles noch geregelt von strengsten Regeln, die sich kein Hartz – IV-Abhängiger vorstellen kann und die zu Ereignissen führte, über die wir uns zurecht zutiefst echauffieren würden:

„Das Lever der Königin vollzog sich analog dem Lever des Königs. Die Hofdame vom Dienst hatte das Recht, der Königin beim Ankleiden das Hemd zu reichen. Die Palastdame zog ihr den Unterrock und das Kleid an. Kam aber zufällig eine Prinzessin der königlichen Familie dazu, so stand dieser das Recht zu, der Königin das Hemd überzuwerfen. Einmal also war die Königin gerade von ihren Damen ganz ausgekleidet worden. Ihre Kammerfrau hielt das Hemd und hatte es soeben der Hofdame präsentiert, als die Herzogin von Orléans eintrat. Die Hofdame gab das Hemd der Kammerfrau zurück, die es gerade der Herzogin übergeben wollte, als die ranghöhere Gräfin von Provence dazukam. Nun wanderte das Hemd wieder zu der Kammerfrau zurück, und erst aus den Händen der Gräfin von Provence empfing es endlich die Köngin. Sie hatte die ganze Zeit nackt, wie Gott sie geschaffen hat, dabeistehen und zusehen müssen, wie die Damen sich mit ihrem Hemd überkomplimentierten.“

– Madame Campan[67]

Das was Versailles früher für Frankreich war, ist „der Westen“ heute für die Welt. Auch unser hauptsächliches Ziel ist: unterhalten zu werden. Wir wohnen im Schloß, wie die verarmten Adeligen unter dem Dach … aber wir kämen nie auf die Idee, Revolution zu machen. Das machen die Leute draußen, die, die wirklich nichts mehr zu verlieren haben und denen zur Not der Tod lieber ist als ein erbärmliches Leben.  Wir haben anderes im Sinn … und wollen doch wirklich von der Welt „dort draußen“ nichts wissen.

Der aufgabenlose Hofadel musste beschäftigt werden, und zum Programm von Versailles gehörten zu diesem Zweck prächtige Bälle, Feste und Turniere. Der König selbst veranstaltete regelmäßig Spieleabende in seinen Appartements.[71] Neben den ständigen Banketten, Maskenbällen und Opernaufführungen gab es verschiedene mehrtägige Feste, die durch ihren Prunk und die Anzahl der geladenen Gäste den Ruhm des Königs steigern sollten.

Quelle: Wikipedia

„Aufgabenlosen Hochadel“ haben wir genug, insofern, das in der Demokratie eigentlich jeder Souverän ist und JEDER zum Hochadel gehört. Die absolute Mehrheit des Volkes lebt aber arbeitslos vor sich hin, nur wenige kennen noch den 14-Stunden-Tag ohne Wochenende, Feiertage und Urlaub, den jeder Bauer hat, weil Kühe und Feld nicht pausieren. Konsequenterweise haben wir ja auch nicht ARBEIT als Ziel, sondern „BESCHÄFTIGUNG“. Das ist dann mal … sehr ehrlich.

Wir zahlen für diesen Wohlstand auch den Preis eines jeden Höflings (und zwar jeder in jeder Position): die absolute Abhängigkeit. Und nichts degeneriert den Menschen mehr als dies: zu wissen, das andere mit einem Federstrich die komplette eigene Existenz vernichten können. Das ist ein Sklavenleben, auch wenn der Luxus noch so groß ist, den man als Ersatz für seine Freiheit bekommt. Das ist im Rest der Welt etwas anders: dort, wo nicht jeder Quadratzentimeter Land irgendwie verteilt ist, lassen sich schnell eigene Häuser bauen, schnell ist ein kleiner Selbstversorgergarten angelegt … und man fühlt sich nicht mehr ganz so abhängig. Ein winzigkleiner Vorteil … aber ein Vorteil.

Und als armer aber freier Mensch läßt sich auch leichter Revolution machen: man hat den ganzen Ballast nicht, den Höflinge mit sich herumschleppen, die ganzen Eitelkeiten, den Hochmut, die Unfähigkeit zu Loyalität, die kleinliche Sucht nach dem kleinsten eigenen Vorteil und die Unfähigkeit sich zu bremsen, wenn der Vorteil risikolos vor einem liegt … alle jene Höflingsattitüden (die wir ja schon „normal“ nennen würden, weil wir uns so sehr daran gewöhnt haben), mit denen man sich selbst sehr erfolgreich im Weg herum steht und mit denen man zu einem absolut nutzlosen Individuum wird – und eine Gefahr für jede Art von Gemeinschaftsunternehmen.

Man stelle sich mal vor, es würde sich jemand auf die Straße stellen und zur Revolution aufrufen, es würde ihm gelingen, die Vision einer Utopie zu erwecken, wo Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit lebendige Wirklichkeit werden und ein freies, glückliches Leben winkt … und dann würde er verkünden, das mehr als vier Euro am Tag für jeden Bürger auf der Welt nicht machbar wären, da die Ressourcen begrenzt sind.  Und Schnitzel gibt es nur noch zu Weihnachten, weil der Verbrauch an Essen zur Produktion von einem einzigen Schnitzel andere Menschen tagelang ernähren kann.

Unser Revolutionär würde … sehr lange alleine dort stehen.

Einzig die Sucht nach Freiheit könnte uns noch dazu antreiben, etwas ändern zu wollen, weil Freiheit glücklicher macht als Reichtum – doch es sind wohl nur eine Handvoll, die wissen, was das ist.

Freiheit ist …. solange schlafen zu dürfen, wie es der Körper verlangt.

Freiheit ist … die Arbeiten zu tun, für die man sich gerade am Besten geeignet fühlt.

Freheit ist … schlafen zu gehen, wenn man Müde ist.

….um nur einige Beispiele zu nennen.

Wer nennt sich jetzt noch frei in diesem Land?

Aber eine Änderung der Verhältnisse … wer sollte daran Interesse haben? Und wer will schon sein Leben riskieren, damit andere garantiert mindestens  zwei Ökoschnitzel am Tag anstatt vier Industrieschnitzel die Woche essen können?

Letztlich kann man vielleicht einen Satz Schopenhauers  auf Revolutionen ummüntzen: alle Versuche, den Regierungsterror abzuschütteln, führen nur dazu, das er seine Farbe ändert. Also richtet man sich lieber im Schloß ein … und genießt das Leben, bis das Unvermeidliche eintritt: die Revolution fegt einen weg …  oder?

Vielleicht wird man auch erst sich selbst ändern müssen, bevor man sich daran wagen kann, die Verhältnisse zu ändern. Doch möglicherweise hat man dann … keine Interesse mehr daran, Arbeit in die Veränderung von Verhältnissen zu stecken, weil man sich dem neuen Faschismus kaum entziehen kann:

Es ist der „American Way of Life“, die einzige räuberische Ideologie, die bestreitet, eine Ideologie zu sein. Die mit mächtigen Fangarmen weltweit operierenden Konzerne, die diktatorisch nach eigenen Gesetzen herrschen, das Militär, das zu einem Staat im Staate geworden ist, die hinter der Fassade der (angeblich) besten Demokratie der Welt in Washington agierenden 35.000 Lobbyisten, die Politiker kaufen, und eine Popkultur, die nur ablenken und verdummen soll, prägen ein System, das es so bisher nicht gab.

Quelle: John Pilger bei der Geheimrätin

Und in diesem System haben wir alle … die Uniform der Partei an. Und außerhalb der Uniform … gibt es kein Leben. Schlau eingefädelt, oder?

Entweder man meuchelt mit – oder man verhungert.

Wie in Versailles.

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