Nihilismus

This tag is associated with 4 posts

United into Great(a) Desaster

Fröhlich auf der Rutsche in eine Faschiermaschine …

Möchte ja nun wirklich nicht auch noch eine Latte vom bereits glühend heißen Klimawandel-Diskussionszaun reißen. Hoffe insbesondere, dass dieses 16jährige schwedische Mädchen, das da in eine Megamaschine hineingeschickt wird, an der bisher jede ernsthaft gemeinte humanitäre oder ökologische Ambition der Zivilgesellschaft abgeprallt ist und die auf hochprofessionelle Weise nicht nur Meinung machen, sondern auch ganze Länder im Handumdrehen plattmachen kann, gesund bleibt. Bitte auch nicht unnötig auf die Kinder einhacken. An sich wäre es doch erfreulich, dass Generation Touchdisplay endlich aus dem Gaming-Modus aufwacht und was bewegen will. Dass es mächtige Thinktanks, Konzerne und Global Player gibt, die diese Dynamik missbrauchen wollen? Ja, warum sollten die das nicht machen, die Manufacturing Consent-Experten dort müssen ja was für ihr Geld tun. Die haben klare Interessen und klare Aufträge.

Aber auch wir älteren Semester aus der Zivilgesellschaft hätten einen klaren Auftrag: Den Jüngeren unter die Arme zu greifen und vor eben solcher Manipulation zu bewahren, sodass die ganze Dynamik nicht in die falsche Richtung abgesaugt wird. Das geht aber nicht, indem an ihnen nur sagt, wie doof sie sind. Bitte bei dieser Gelegenheit einmal kurz nachdenken, wie wir selbst als 30, 40  oder 50-Jährige noch gewaltigen Illusionen aufgesessen sind und wie schmerzhaft es war, über gewisse Dinge, Parteien, Politiker, Programme etc. enttäuscht zu werden, sodass es einem sogar als erwachsenem Menschen mehrmals wie Schuppen von den Augen gefallen ist: „Wie dumm war ich denn eigentlich, mich so verarschen zu lassen?“ Aber von 14jährigen Kindern will man erwarten, dass die schon voll souverän den Durchblick haben und gegen Manipulation immun sind? Wie kommt es überhaupt dazu, dass die Kinder, heute weitgehend ohne echte Bildung, also praktisch waffenlos, jetzt den Notaufstand proben müssen, während wir Erwachsenen in nach scharfen Lösemitteln stinkenden Hochglanzprospekten nach dem neuen SUV unserer Wahl gustieren? Und auch die Generation der Studenten – bisher immer ein Hort revolutionärer Veränderungen – heute voll auslässt bzw. lieber an der eigenen „Karriere“ bastelt und Gratis-Praktika bei Bayer & Co. sammelt? Sollten wir uns nicht in Grund und Boden schämen, dass jetzt von Kindern unser von allen Seiten gefracktes und vergiftetes Ökosystem gerettet werden soll? Zumindest einen Ausspruch Gretas werden ihre Skeptiker ebenso wie ihre Follower nicht in Abrede stellen können (wenn man einmal von der nicht für jedermann leicht verdaulichen emotionalen Art, wie sie das sagt, absieht) – an die erwachsene Welt bei ihrer jüngsten UN Rede: „Wie könnt ihr es wagen, jetzt zu uns jungen Leuten zu kommen, um Hoffnung zu schöpfen?“

Kann man es also Kindern im Schulalter wirklich übelnehmen, wenn sie nun Gefahr laufen, sich auf eine Rutsche zu setzen, auf der sie in linearer Bahn in eine ganz bestimmte Richtung gelenkt werden? In einer Zeit, in der Kinder in den Schulen (laut dem Präsidenten der Europäischen Akademie der Wissenschaften: „reine Vertrottelungsanstalten“) von klein auf zu nichts anderem dressiert werden als „Malen nach Zahlen“ bzw. sich eben auf eine Rutsche zu setzen, die andere gelegt haben? Wir selbst haben es achselzuckend hingenommen, dass Kinder keine echte Bildung mehr bekommen, sondern nur noch eine AUSbildung. Doch hören wir auf, über unsere Versäumnisse zu lamentieren. Das bringt nicht viel, ich weiß. Jetzt müssen wir in die Gänge kommen, denn es brennt der Hut. Die bisherigen Rutschen, die uns die neoliberale Polit-/Medien-/Meinungsmaschinerie gelegt hat, haben in ein Schlammbad geführt. Das war zwar unangenehm, aber – zumindest für uns hier in Mitteleuropa – noch nicht existenzbedrohlich. Was aber, wenn die Rutschen eines immer unersättlicher werdenden Profitmolochs nun nicht in ein Schlammbad, sondern in eine Knochenmühle führen? Der neoliberale Moloch hat nämlich gewaltigen Hunger und es gibt für ihn auf dem globalen Weideland kaum noch saftige Wiesen, die er kahlfressen kann. Während hier im angeblich wohlhabendsten und wirtschaftsbrummendsten Land Europas immer noch relativ viele gut gemästete Kühe und Suvs herumstehen. Kann sich nach über 70 Jahren Frieden und Wohlstand kaum noch jemand vorstellen, dass diese Kühe geschlachtet werden und es womöglich gar keine „Wies’n“ mehr geben wird, ich weiß.

Solange KANN sich die Welt nicht ändern …

Ich merke, ich muss mich am Riemen reißen. Da Texte, die über Twitterformat hinausgehen, von vielen ja kaum noch gelesen werden, zumindest diesen Gedanken gleich am Anfang: Diese Welt kann sich nicht verändern, wenn die substanziellen Gedanken dazu fehlen! Da wird alles noch so laute Protestieren nicht viel helfen. Es bräuchte eine ganz neue Demonstrationskultur. Nicht immer nur gegen das Desaströse protestieren und notdürftig das Schlimmste verhindern wollen, damit hinken wir ja hinter all den Schweinereien doch nur hinterher. Viel wirksamer wäre es, wenn wir ein positives, würdevolles Bild von Mensch und Umwelt aufbauen und dann von Politik und Wirtschaft die Rahmenbedingungen fordern, damit sich dieses entfalten kann. Und jeder alternativlose Politiker, der das verweigert, was eigentlich kein gesunder Mensch verweigern kann, z.B. nachhaltigen Frieden anstatt fortwährender Eskalation, disqualifiziert sich demgegenüber ganz von selbst und muss schmelzen wie ein Schneemann in der Sonne.

Gleich vorneweg: Nein, das wird leider nicht gehen, indem man Grün wählt. Glaubt mir, ich habe das als Youngster damals auch schon probiert mit dem Grün-Wählen. Rausgekommnen ist das genaue Gegenteil von dem Erhofften: Verwicklung des Souveräns in NATO-Angriffskriege, Zerstörung der Europäischen Friedensordnung durch von Grünen gezeichnete „Assoziierungsverträge“ mit Ukraine etc., mittlerweile ans Suizidale grenzende Kriegstrommelei gegen Russland, Panzer auf ehemals sowjetischem Gebiet, sogar direkter Ausverkauf der Umwelt durch Glyphosat- und Pestizidlobbying, Fracking etc. (siehe z.B. Artikel von Jens Bernert: „Die Umwelt-Verräter“). Die Veränderung, die wir uns wünschen, wird auch nicht kommen, indem wir auf unserem Smartphone auf den METOO-Button drücken, sondern nur, indem sich jeder individuell aufrichtet und verantwortlich fühlt.

In eurer Hölle kann ich nicht atmen!

Ich möchte inmitten des Minenfeldes an widerstreitenden Interessen, in dem sich gerade selbst unsere vermeintlich klügsten Köpfe hoffnungslos aufreiben, nicht noch weiter polarisieren, sondern nur eine kleine – unparteiische – Randnotiz anmerken. Vielleicht ist die Vehemenz, mit der sich gerade die Kontroversen entladen, auch etwas ganz Natürliches, wenn man bedenkt in welch gigantischem Maßstab die Massen heute manipuliert und mittels perfektionierter manufacturing consent-Techniken in eine für den neoliberalen Moloch ungefährliche Richtung gegängelt werden, und wie sich mit jeder nicht erkannten Lüge und Manipulation innerlich eine kaum erklärbare Spannung aufbaut, die dann natürlich nach einem Blitzableiter sucht. Man sollte sich nur fragen, ob die Richtung, in der man den Blitz dann einschlagen lässt, wirklich die richtige Adresse ist, während sich diejenigen, dank deren gigantomanischer Hochspannungs-Generatoren wir alle unter solch mittlerweile fast unerträglichen Spannungen leiden, sich ins Fäustchen lachen. In einer von Manipulation und Lüge aufgeladenen Atmosphäre, die unter anderen Vorzeichen durchaus wieder an dunkelste geschichtliche Zeiten erinnert, in denen wache Köpfe wie Juri Galanskow ausrufen mussten: „In eurer Hölle kann ich nicht atmen!“.

Hier also nicht noch mehr Senf, sondern ein bisschen Wasser, das ich nicht einmal direkt in den infowars-Brand schütten möchte, sondern das ich einfach so nebenher auf den Tisch stelle. Niemand muss davon trinken, es steht jedem frei, zu hochprozentigeren Spirituosen zu greifen. Auch den japanischen Kamikaze-Piloten hat man ja ein Gläschen Schnaps gereicht und nicht Wasser, damit sie unbeirrt die feindliche Fregatte versenken konnten.

Da ich mit einem Gläschen Wasser gegen ein Gläschen Schnaps naturgemäß nicht ankomme, daher nachfolgend gleich drei kleine Gläschen Wasser – die zwar wiewohl auf einer zur Rotglut erhitzten Ofenplatte vermutlich ebenso im Nu verpuffen werden, aber man soll ja nichts unversucht lassen. Die Gläschen Wasser sind auch nicht dazu gedacht, um den derzeitigen Flächenbrand zu löschen (soweit bin ich Realist, um zu wissen, dass das vergeblich wäre), sie können aber demjenigen, der zugreift, ein bisschen zur Ausnüchterung dienen und zumindest die Alkoholkonzentration, die uns derzeit in den Adern zirkuliert, etwas verdünnen. Denn wenn wir bei der Geschwindigkeit, mit der wir gerade auf der transatlantischen Autobahn unterwegs sind, zuviel Promille im Blut haben, dann könnte es leicht sein, dass wir eine Massenkarambolage verursachen.

Gläschen #1:
Wer leben will, sollte nicht den Tod wählen

Also, nur so nebenbei und ganz frei, Gläschen Nr.1:

Der Slogan „UNITE BEHIND THE SCIENCE“, unter welchem die Fridays for Future Bewegung und Gretas transatlantischer Segelturn gelabelt wurden, klingt zwar zweifellos besser als „UNITE BEHIND THE ECONOMY“ oder „UNITE BEHIND THE POWER“, meint aber leider im Prinzip dasselbe.

Das Ganze ist gleichermaßen perfide wie perfekt. Während sich der ganze Wust an Sympathie und Antipathie auf eine unbedarfte Galeonsfigur fokussiert, wird im Hintergrund die eigentliche Nummer durchgezogen, die jetzt auf der Agenda steht. Und der fast alle – Gretas und Rezos Kritiker ebenso wie ihre Verteidiger – einen Bärendienst erweisen: Die Installation der „Global Governance“-Agenda, wie sie aktuell vom World Economic Forum (der Lobbyorganisation der 1000 größten globalen Konzerne) gefordert wird: Konzernwirtschaftliche Experten bzw. die „Wissenschaft“ sollen jetzt unter Umgehung demokratischer und rechtsstaatlicher Mechanismen alles regeln und die Politiker sollen es nur noch dem Volk verkaufen. Eventuell diese beiden Artikel lesen+sickern lassen, dann ahnt man, was gerade hinter den streng wissenschaftlichen Kulissen abläuft bzw. was noch kommen soll:

„Der Griff der Großkonzerne nach der Weltherrschaft“ (Norbert Häring)

und

„Terror und Technokratie“ (Matthias Burchardt)

Auch die 90 Super-Youtuber rund um Rezo (ja, allesamt pfiffig, cool und mit anerkennenswertem jugendlichen Elan, keine Frage) schwören gerade ihre Millionenschaften an Followern auf das ein, was jetzt das alternativlos „Vernünftige“ sei: Sich „auf die Seite der Experten stellen“. – Derjenigen Experten, dank deren „streng wissenschaftlicher“ Denkweise und unbestreitbar effizienter Agenda unser Planet jetzt kurz vorm Ökozid und wir auch auf praktisch allen anderen Ebenen des Lebens am Rande des Abgrunds stehen. Mit einer zwar gut gemeinten Absicht, aber unglaublich naiven Weltsicht erwartet man nun von denjenigen Experten des etablierten Systems, das Jean Ziegler als kannibalisch und deren akademisch akkreditierte Wissenschaftler Noam Chomsky als „säkulare Hohepriester der Machtelite, die uns verkünden, was wir glauben sollen“ bezeichnet, allen Ernstes die Lösung und man möchte sich „auf deren Seite stellen“. – Auf die Seite derjenigen „wissenschaftlichen“ Experten, die schon bisher an der Kurbel dieses Systems gedreht haben, das uns mittlerweile an den Rande des Ökozids geführt hat. Experten einer Wissenschaft, die im Grunde immer noch auf der tödlichen Denkweise ihres Ahnvaters Francis Bacon beruht (siehe „Warum überhaupt noch denken?“). Wenn wir dem derzeitigen Credo der sogenannten Wissenschaft, die in vielerlei Hinsicht eher eine Nichtwissenwollenschaft verkörpert, weiter folgen, dann war’s das. Dieses Credo bzw. Basisaxiom lautet:

„Mensch und Welt sind nur geistlose Kohlenstoffzusammenballungen,
ergo ist alles Wurst,
ergo können Mensch und Umwelt nach reinen Effizienzkriterien ausgeschlachtet werden.“

Dazu ein andernmal mehr, hier nur in short: Liebe Kids: Wenn Ihr leben wollt, dann solltet Ihr nicht den Tod wählen!

Noam Chomsky, ein Professor, der selbst fast sein ganzes Leben am Campus (wörtlich übersetzt: am „Schlachtfeld“) der Wissenschaft verbracht hat, bezeichnet die Akteure derjenigen heutigen „Wissenschaft“, hinter die sich die soeben aus dem Gaming-Modus erwachte Generation Instagram bedingungslos stellen möchte, als „Wachhunde der Machtelite“ und als „deeply indoctrinated“. Und hinter Wachhunde, die von einem System, das Jean Ziegler als „kannibalisch“ bezeichnet, nach neoliberaler Doktrin indoktriniert wurden, will man sich nun allen Ernstes stellen? (siehe auch Interview mit Prof. Christian Kreiß über „Gekaufte Wissenschaft“ und „Missbrauchte Wissenschaft im Dienst der Konzerne“ auf heise.de).

Das mag für unsereins‘ tagesschauguckende Bürger, die wir von Kindesbeinen an von einem technokratischen Schul- und Ausbildungssystem ebenfalls im Sinne dieses Systems „deeply indoctrinated“  (zu deutsch: zutiefst gehirngewaschen) werden, jetzt vielleicht wie reine Häresie klingen, bei der wir zuerst einen hochroten Kopf bekommen und dann eine innere Implosion verspüren werden, aber ich meine es trotzdem ernst: Wenn wir eine reale Chance auf ein Überleben haben wollen und um die Megamaschine zu stoppen, die alle noch verbliebenen Umwelt- und Humaressourcen verschlingen möchte, dann müsste man den Spieß geradewegs umdrehen:

DESTROY THIS SCIENCE!

Um das System in Frage zu stellen, müsste sich die FFF-Bewegung das Motto „DESTROY THIS SCIENCE!“ auf die Fahnen schreiben. Mit „UNITE BEHIND THE SCIENCE“, so wie das auch der Millionen-Influencer Rezo und die 90+Super-Youtuber propagieren, werden sie hingegen Ökozid hoch 3 bekommen, auch wenn sie es noch so gut meinen.

Denn bei aller hybrider Intelligenz und  akademischer Eloquenz sind es überwiegend astreine Nihilisten, die derzeit im Namen der „Wissenschaft“ am großen konzernwirtschaftlichen/militärischen/politischen Rad drehen. Nicht dass es nicht denkbar wäre, dass wir einmal eine wirkliche, der Wahrheit und dem Menschen verpflichtete Wissenschaft hätten, aber derzeit sind wir davon noch weit entfernt. Wer das als Schmähung der ach so ehrenwerten Wissenschaft auffasst, der nehme mich ruhig beim Wort: Auch wenn mancher Wissenschaftsgläubige darüber noch lachen wird, aber wenn er aufmerksam und ehrlich beobachtet, wird er sehen: Jede einzelne (politische, soziale, ökonomische, „ökologische“) Maßnahme, die aus der derzeit vorherrschenden, bloß „evidenzbasierten, streng wissenschaftlichen“ Denkweise hervorgeht, wird sich nur als Bewegung im Treibsand erweisen, in dem der ohnehin bereits bis zur Brust eingesunkene Mensch nur noch weiter versinkt. Die „evidenzbasierten“ Argumente der „Experten“ mögen dabei noch so neunmalschlau, naturwissenschaftlich, empirisch, vernünftig, fortschrittlich und alternativlos klingen … merkt euch diese einfache Formel, über die man als aufgeklärter Freund von Sheldon Coopers Big Bang Theory heute zwar noch lachen mag: Jeder einzelne Schritt aus „evidenzbasierten“ (=szientistisch-technizistisch-nihilistischen) Motivgründen ist ein Schritt Richtung Untergang. Denn wie Burchardt in seinem oben verlinkten Essay ganz richtig anmerkt, ist diese Ausrichtung im Grunde „zutiefst nihilistisch und deshalb unfähig ist, eine Sinnfigur hervorzubringen“. Sie mache uns zu „Insassen einer apolitischen, technokratisch-ökonomistischen Untertanenfabrik und Sachzwangdiktatur“ und würde letztlich in nichts anderem enden als in einem barbarischen „Kampf Jeder gegen Jeden“.

Es ist also nicht CO2, Greta,die Klimaleugner, Rainer Rupp, die Rechten, die Linken,  etc., die wir stoppen müssen, sondern was wir schlicht und ergreifend stoppen bzw. überwinden müssen, um zu überleben und wieder eine hoffnungsvolle Zukunft aufbauen zu können, ist: DER NIHILISMUS mit seinem o.a. Credo, dass ungeachtet aller schönen Worte von Umwelt und Menschlichkeit  (in deren Formulierung sie Meister sind) im Grunde alles Wurst ist und daher der reinen Nützlichkeitsmaxime unterworfen werden kann. Gerade den Nihilismus wollen die neoliberalen Eliten aber gerade mit Brachialgewalt etablieren, denn nur er gewährt die vollendete Ausschlachtung der noch verbliebenen Umwelt- und Humanressourcen. Aufgrund dieses Mindsets der derzeitigen „Wissenschaft“ wird bei der aktuellen Klimadiskussion auch nicht viel anderes rauskommen als wieder neue Geschäftsmodelle, Steuerlasten, Zertifikatehandel mit CO2 etc., die der Umwelt noch mehr den Garaus machen und so nebenbei auch noch armen Menschen vollends das Wasser abgraben, indem diese die Lebenshaltungskosten nicht mehr stemmen können.

Der Politologe Hermann Ploppa formuliert in einem jüngsten Artikel („The Licence to Kill“) einen noch wenig realisierten Gedanken, der aber nicht ganz von der Hand zu weisen ist: Dass CO2- und Schadstoff-Zertifikate ja eigentlich nichts anderes sind als Lizenzen,  um die Umwelt zu versauen. So wie auch das wirtschaftlich schwache Griechenland seine ihm zugeteilten Verschmutzungsrechte an andere, finanzkräftige Länder verkauft hat, die damit dann guten Gewissens und mit öko-zertifiziertem Grünem Daumen aus vollen Rohren Dreck in die Luft blasen konnten. Ploppa: „Mal im Ernst: solange alle, aber wirklich alle Protagonisten der augenblicklichen Klimadebatte diesem marktradikalen Schwindel aufsitzen, können sich die Konzernlenker mit ihren Zigarren und ihren Zylinderhüten bequem zurücklehnen, ihren Bourbon schlürfen und über das dumme Volk grinsen.“

Gläschen #2:
Wake up Tweet

Abgesehen davon, dass die junge Aktivistin, über die da getwittert wird, nicht ganz im Kontext zu CO2 steht, mag dieser Tweet trotzdem zum Nachdenken geben. Auch ich habe  bisher bei ausnahmslos allen ökologischen, humanitären oder sonstigen Initiativen, die ernsthaft  die herrschenden Machtstrukturen und das System hinterfragt haben, nichts anderes erlebt, als dass diesen sofort ein eisiger Wind ins Gesicht geschlagen hat, sie blockiert und verhindert wurden, wo nur geht. Wenn nun eine Bewegung den vollen Rückenwind und das Wohlwollen mächtiger transatlantischer Thinktanks genießt, deren profitabelstes Business eigentlich Death and Destruction ist, und wenn sogar die gigantische, den Finanz-/Konzern-/Politmächten zur Verfügung stehende Medienmaschinerie das Ganze noch aufbläst – eine Medienmaschinerie, die abweichende, dem neoliberalen System gefährliche Meinungen ansonsten umgehend diffamiert und ausgrenzt oder noch effektiver: einfach totschweigt (was bei einem kleinen Mädchen, das irgendwo in Buxtehude in Schweden begonnen hat, mit einem Pappschild für Klima herumzustehen, wohl kein Problem gewesen wäre), dann muss man leider auch als argloser Mensch Schlimmes befürchten. Was ja nun auch bereits in Form des ersten Groko-Klimasteuerpakets zumindest teilweise eingetreten ist. Und wenn man die bereits offen formulierten Absichten der konzernwirtschaftlichen Global Governance Lobbyisten ansieht, ist das erst der Anfang und ist noch weitaus Schlimmeres im Anrollen.

Ganz von ungefähr kommt der im Netz gerade die Runde gehende Tweet von „Syrian Girl“ also vielleicht doch nicht:

„The difference between establishment created child activists like #GretaThunberg and organic ones like Rachel Corrie is, real symbols of rebellion are crushed by the elites, run over by bulldozers. They’re not given Nobel prizes, yacht rides & book deals.“


Quelle: Twitter/Syrian Girl/https://twitter.com/Partisangirl/status/1176672254265982976 (24.09.2019)

Gläschen #3:
George Carlin mal wieder

Zuletzt auch noch zu Gläschen Nr.3, in dem, ich gebe es zu, nicht nur Wasser, sondern auch ein gehöriger Schuss Scotch drin ist. Man könnte das, was der Satiriker George Carlin da sagt, natürlich auch arg missverstehen, aber was kann man denn eigentlich nicht missverstehen, wenn man sich nicht die Zeit nimmt, den Kern einer Sache in Ruhe zu reflektieren, anstatt nur sofort aus dem Bauch heraus und gemäß seiner bisher gefassten Meinungen zu reagieren?

Carlin (zu einer bereits vor Jahrzehnten stattgefundenen, in ähnlicher Weise medial-emotional gepushten Bewegung / Fundstück in einem Artikel von Berhard Loyen):

„Also die Arroganz der Leute – Rettet den Planeten! Wie bitte, wollt ihr mich verarschen? Wir müssen doch erstmal mit uns selbst klarkommen (…) aber bevor wir aufeinander aufpassen, müssen wir natürlich erstmal den fuckin’ planet retten (…). Ich werde langsam müde von diesem Scheiß. Müde, echt müde von diesem Scheiß.“

Er wird dann etwas deutlicher, was er von diesen Leuten hält, wie sie leben, was sie denken um dann folgenden Satz zu vorzutragen, Zitat: „Der Planet ist eigentlich soweit in Ordnung. Die Leute sind am Arsch. Der Unterschied sei, dem Planeten geht es doch soweit okay, der kommt schon irgendwie alleine klar, mit seinem Alter von etwa 4,6 Milliarden Jahren. Das eigentliche Problem, der Mensch nehme sich da etwas wichtiger, für das, was er darstelle. Wie lange gibt es den modernen Menschen? 200 oder 300000 Jahre? Wann war doch gleich die industrielle Revolution? Vor gut 250 Jahren. Also, 250 gegen 4,6 Milliarden Jahre… und WIR wollen allen Ernstes den fuckin’ planet retten?
(Video im Original: siehe Twitter)

 

Nachsatz:

Wir können trotzdem dafür sorgen, dass die gelenkte Klimawandel-Diskussion  für die neoliberalen Strippenzieher ein Schuss nach hinten wird. An uns liegt es, die bereits entfachte FFF-Dynamik so gut wie möglich in eine konstruktive Richtung zu führen bzw. vor totaler Vereinnahmung der Global Governance Lobbyisten bewahren. Wie im nachfolgenden Video zu sehen, fängt es schon zu wirken an, dass FFF auch mit substanziellen Informationen beliefert wird. Womit die von der Klimawandeldiskussion bisher wohl am meisten profitierenden Grünen nicht gerechnet haben: Bei der Klimastreik-Demo in Berlin sind die Grünen selbst zur Zielscheibe der Kritik und aufgrund ihrer heuchlerischen und kriegstreiberischen Politik praktisch als Nobrainer-Partei angeprangert worden. Wenn sich das unter Generation Instagram rumspricht, könnte der Rezo-Effekt schnell wieder abflauen und auch Habeck wäre als Merkelnachfolger womöglich abgesagt. In diesem Sinne: Weiter so! Diese Stoßrichtung stimmt. Wir dürfen den drohenden Ökozid nicht bloß auf die drei Buchstaben CO2 reduzieren lassen, sondern wir müssen ganz grundlegend die Systemfrage stellen. Und von diesem von Jean Ziegler als „kannibalisch“ bezeichneten System sind die sogenannten Grünen längst ein fest embeddeder und sogar besonders virulenter Teil, also eigentlich genauso ein Fall für die Tonne wie die CDU. Da darf man sich von der Farbe des Anstrichs und hip designten PR-Kampagnen nicht täuschen lassen.

P.P.S.:

Und an die Adresse der Klimadiskussions-Kritiker, die meinen, dass Deutschland angesichts seines marginalen Anteils am weltweiten Schadstoffausstoße für die globale Situation ohnehin keine Rolle spiele: Das mag zwar hinsichtlich CO2 gelten, aber in sehr viel weitergehender Hinsicht ist diese Haltung falsch: Deutschland hätte als Kulturnation und wirtschaftlich gewichtigstes Land Europas sogar eine sehr große Bedeutung für die Zukunft, wäre gewissermaßen sogar für das Gleichgewicht zwischen Ost und West und damit für Frieden und Weiterexistenz schlechthin verantwortlich. Die derzeitige Merkel-Maas-Regierung versagt in dieser Hinsicht leider VOLLSTÄNDIG.

Dabei kommt es nicht nur auf faktische Knebelungen durch transatlantische Pressure-Groups an, es ist schon so wie Polit-Urgestein Willy Wimmer in einem Interview schildert: Auf dem Parkett der internationalen Diplomatie kommt es vor allem auch auf die Haltung an, die man einnimmt bzw. das Rückgrat, das man beweist. Auf diese Weise konnten deutsche Spitzenpolitiker zu seiner Amtszeit auch gegenüber den immer noch mit ihrer Militärpräsenz im Land anwesenden ‚Siegermächten‘ selbstbewusst für das eintreten, was die Humanität und Vernunft gebietet und Unverschämtes bzw. die eigene Existenz bedrohende Ambitionen – die es schon damals gab und wohl immer geben wird – ganz klar zurückweisen. In der Ära Merkel wurde nun erstmals rein gar nichts von den unverschämten Ambitionen derjenigen Hochfinanzinteressen, die sich gerne als „der Markt“ bezeichnen, zurückgewiesen, sondern wurde deren neoliberaler Plünderungsraubzug samt eskalierender nuklear Bedrohung auf der eurasischen Festplatte entgegen aller eigener vitaler Interessen und der Friedenssicherung willfährig abgenickt, so wie das ein Land noch niemals zuvor erlebt hat.

Und wenn Habeck an die Macht käme, würde dieses „Prinzip Merkel“ 1:1 weitergehen (lt. Roger Willemsen, der das „Prinzip Merkel“ als Zuschauer im Bundestag ein ganzes Jahr lang aufmerksam beobachtet und darüber ein Buch geschrieben hat, bedeutet dieses Prinzip: „Betäubungszonen ausbreiten“), während alles wie gewohnt weiter den Bach runtergeht und die noch verbliebenen Umwelt- und Humanressourcen abgewickelt werden.

Mit anderen Worten: Habeck als Kanzler bzw. die Grünen in der nächsten Regierung wären der endgültige Sargnagel für unsere Umwelt und den Frieden in Europa. Da darf man sich vom grünen Anstrich nicht täuschen lassen. Und da hilft es auch wenig, dass die Habecktruppe in der unteren Körperregion mit 60 Geschlechtern aufwartet, wenn im Oberstübchen nur gähnende Leere herrscht und man eigentlich ideologischen Bankrott anmelden müsste.

 

Titelfoto: Stencil Greta Thunberg/Flickr/Ersteller: Carsten Smithby (CC BY-NC-ND 2.0)

Fotos Wasserglas: pixabay/CC0

Endzeit-Poesie 4.0: Über die Evakuierung des eigenen Ich auf der sinkenden Titanic

14_gebirge_sloterdijk_med

Als Überlebensmaßnahme Nr. 1 in einer Zeit, in der wir nonstop mit Bullshit-Entertainment bzw. Infotainment bombardiert werden und sich die politische Vernunft im Bemühen erschöpft, „Arbeitsplätze auf der Titanic zu erhalten“ (Peter Sloterdijk), empfiehlt Sloterdijk die „Evakuierung des Innenraums durch Ausräumung des Nichteigenen“:

„Von nun an soll in der Welt sein heißen suum tantum curare: Sich gegen alle Zerstreuung ins Nicht-Eigene um das Eigene kümmern und nur um dieses.“

Also sich nicht mehr passiv mit medialer Gülle abfüllen lassen, sondern selbst einen Gedanken wählen, der dann für eine Zeitlang der persönliche Leitstern sein darf und den man aktiv von mehreren Seiten betrachtet. „Einen guten Satz für die Nacht und einen für den Tagesbeginn auswählen“, lautet Sloterdijks Antidot gegen die drohende Vermassung (P. Sloterdijk in „Du musst dein Leben ändern, Frankfurt 2009).

Was sich bei der Betrachtung dieses gewählten Gedankens herausbildet, verhilft uns zu einer profunden Ich-Bildung, gibt uns ein Zentrum, um das sich in der Folge alles Weitere drehen kann, was uns im Leben begegnet. Hat man ein solches individuelles Zentrum bzw. ein echtes Ich ausgebildet, dann brauche man nicht mehr „Fahnenflucht aus der gescheiterten Ich-Bildung betreiben“, die lt. Sloterdijk „geradewegs in die Besessenheit durch den Großen Anderen führt“. Dieser Große Andere, in dessen allwissende, allmächtige, nur leider nicht allgütige Arme sich derzeit viele an der Ich-Bildung gescheiterte Zeitgenossen flüchten möchten – mitunter auch unsere scheinbar intellektuellsten Köpfe – bietet sich uns heute insbesondere als „Künstliche Intelligenz“ bzw. als „Digitale Transformation“ an.

Dazu aber ein andernmal mehr. Lassen wir die Maschinenintelligenz vorerst beiseite, bleiben wir bei der Menschenintelligenz bzw. beim inneren Zentrum des Menschen. Hat man dieses Zentrum bzw. diesen selbst gewählten Gedanken nicht (der irgendwann zur Empfindung und damit dann erst zum authentischen Teil der eigenen Persönlichkeit werden soll), dann bleibt man an der Peripherie. Und in dieser Peripherie ist man wie in einer Drehtrommel im Rummelpark: Die Fliehkraft setzt dort am stärksten an. Ist man nicht angeschnallt, schmeißt es einen hoffnungslos hin und her. Steht man hingegen im Mittelpunkt einer solchen Trommel, direkt an der Drehachse, greifen fast keine Fliehkräfte an, man kann ruhig stehen.

Da man solch einen Gedanken auch leicht falsch verstehen lann, ein kurzer Disclaimer: Eigentlich kann man einen Gedanken bzw. ein Zentrum nie „haben“. Ein wirkliches persönliches Zentrum entsteht paradoxerweise nicht dann, wenn man sich auf die persönlichen Belange und die eigene Befindlichkeit fixiert, sondern immer nur dann, wenn man zu einem Gedanken, der noch außerhalb von einem selbst liegt bzw. einem neu ist, in Beziehung tritt.

Die Wahl eines solchen Gedankens „für die Nacht und für den Tag“ ist scheinbar nichts Spektakuläres. Deswegen praktiziert es in einer Gesellschaft, die im Essen Glutamate braucht, um überhaupt noch etwas zu schmecken (wie mir eine Restaurantbesitzerin vor Kurzem erzählt hat, gibt es praktisch kein Restaurant, in dem Geschmacksverstärker nicht verwendet würden), auch kaum jemand. Man hat kein unmittelbares Erfolgserlebnis dabei, wenn man einen Gedanken aufbaut, keinen „Kick“, so wie man ihn beim Kippen eines Espresso, eines Energydrinks oder beim Gucken einer Sitcom-Soap spürt. Der Erfolg der Betrachtung eines Gedankens – oder eines Objekts – ist also, dass man zunächst keinen Erfolg hat.

Aber wie wir aus den Neurowissenschaften wissen, findet die Bildung neuer Strukturen bzw. Verknüpfung von Synapsen, also der eigentliche Erkenntniszuwachs erst in der Nacht statt, d.h. tagsüber kapieren wir eigentlich noch recht wenig von dem, womit wir uns beschäftigen. Tagsüber berühren wir den Gegenstand unserer Betrachtung nur an seiner alleräußersten Oberfläche. Obwohl es für das Geschehen in der Nacht bzw. für den Zustand, in dem wir wieder aufwachen, entscheidend ist, womit wir uns tagsüber beschäftigt haben. Dass wir zumeist im Trüben fischen und nur an der Oberfläche bleiben, ist  auch ein wesentlicher Grund, warum wir so unzufrieden sind und uns „unrund“ fühlen. Denn wir gehen bei dem, was wir im Job als „Multi-Tasker“ und ebenso in der Freizeit zur Unterhaltung tun, weitgehend leer aus. Die unendliche Fülle und Tiefe, die sich hinter jedem Ding, jeder Pflanze, jedem Tier, jedem Menschen … auch hinter jedem Farb- oder Klangeindruck verbirgt, bleibt uns verborgen.

Wir fühlen uns daher getrieben, diese Leere zu kompensieren, indem wir ständig zu neuen Eindrücken hasten, die Dinge und Partner um uns in immer kürzeren Zeitabständen auswechseln, unbedingt das neue Woop-Babalooba-Ajax konsumieren müssen, das uns diese weißgezahnten Strahlemänner und Strahlefrauen im Werbeblock vor der Tagesschau präsentieren. Das ist gut für das Kommerzleben des Neoliberalismus, aber schlecht für uns als Menschen. In Wirklichkeit höhlen wir uns dabei nur noch mehr aus, denn wir sind Beziehungswesen, deren Beziehungen auf diese Weise immer oberflächlicher, dürftiger und wurzelloser werden. Ein solcher oberflächlicher, dürftiger und wurzelloser Zustand spielt natürlich dem Neoliberalismus in die Hände und ist sogar geradewegs die Grundbedingung für seine Existenzfähigkeit, genauso wie Schwarzschimmel zu seiner Ausbreitung ein feuchtes, warmes und dunkles Milieu braucht. In der Sonne hätte er keine Chance, zu wachsen und Sporen auszubilden.

Die politisch-mediale-konzernwirtschaftliche Megamaschine des Neoliberalismus tut daher alles, um uns zu oberflächlichen, dürftigen und wurzellosen Menschen zu machen. Wie Mathias Burchardt schon festgestellt hat, „geht es dem Neoliberalismus und seiner Ideologie um die Atomisierung sozialer Zusammenhänge und des Kampfes Jeder gegen Jeden. Alles soll „Markt“ werden, nichts mehr so bleiben, wie es einst war“, um uns „zu Insassen einer apolitischen, technokratisch-ökonomistischen Untertanenfabrik“ zu machen (Quelle: Burchardt,  “Terror und Technokratie”).

Gleichzeitig liegt darin aber auch der Lösungsweg aus dem derzeitigen Dilemma: Je mehr ein Mensch es verhindert, zu einem oberflächlichen, dürftigen und wurzellosen Menschen gemacht zu werden und stattdessen tiefgründiger, substanzieller und wurzelreicher wird, umsomehr trocknet er auch den Neoliberalismus aus.

Die größte Ketzerei, die man dem Moloch des Neoliberalismus in heutiger Zeit entgegensetzen kann – und die daher von diesem Moloch bzw. seinen Schergen der Inquisition auf allen Ebenen des Bildungswesens wütend bekämpft wird – ist es also, an die reale Existenz des Gedankens zu glauben. Und zwar nicht des Gedankens als Produkt des Gehirns, sondern so wie ihn Plato, Heraklit und alle echten Philosophen verstanden haben: Als frei verfügbare Entität, die sich im Gehirn des Menschen bloß widerspiegelt so wie die Sonne am Mond, aber nicht Produkt des Gehirns selbst ist.

Behalten Sie diesen Gedanken über die Natur des Gedankens ruhig eine Zeit für sich im Geheimen. Sprechen Sie nicht darüber. Die Inquisition schläft nicht und würde Sie umgehend auf die Streckbank spannen, wenn sie Menschen mit solch einem ketzerischen Gedankenverständnis in die Finger bekäme. Denn die „digitale Transformation“ und die Smart City Gesellschaft 4.0 wären dann abgesagt – kein gesunder Mensch, der ganz bei Trost ist, würde sich und seine Lebensumwelt einer solchen Transformation unterziehen. Würde er doch erkennen, dass dem Menschen damit das Wertvollste geraubt wird, was er besitzt. Die neoliberale Inquisition setzt daher alles daran, den Menschen so früh wie möglich in die Zweidimensionalität plattzuhämmern und ihm das Credo des Nihilismus einzupläuen („Mensch und Welt sind nur geistlose Kohlenstoffzusammenballungen. Ergo ist alles wurst. Ergo können die verbliebenen Umwelt- und Humanressourcen nach rein betriebswirtschaftlichen Kriterien ausgeschlachtet werden.“)

Ein Ketzer, der den Gedanken als etwas Freies, Lebendiges, sich ständig metamorphosierendes im Sinne einer platonischen Urbildekraft ansieht, wird die tatsächliche Ketzerei bzw. das kapitale Verbrechen unserer Zeit ganz anderswo verorten. So wie Sloterdijk, für den „die abscheulichste Ketzerei“ nichts anderes ist als „die Trivialität des rein äußerlichen Lebens“ (a.a.O.). Um aus dieser Abscheulichkeit zu entkommen, brauche es eine Abkehr von der Massenkultur und „anspruchsvolle Rückzugsformen“, die allerdings nichts mit Flucht vor der Realität zu tun haben, sondern die den Menschen geradewegs die Kraft geben, sich sozial wirksam mit ebendieser ansonsten fast schon unerträglichen Realität auseinanderzusetzen.

Zu seiner inneren Kernung bzw. Ich-Werdung führt allerdings nur der enge Weg und nicht der breite. Und diesen finde der Mensch nur  „durch die Abkehr von der Massenkultur, weil die alles infiltrierende Massenkultur aufgrund ihrer siegreichen Mischung aus Simplifikation, Respektlosigkeit und Unduldsamkeit jeder normalen Vorstellung von Höhe abgeneigt ist, erst recht von Höhen, an denen sie sich messen sollte“. Voraussetzung dieser Abkehr von der Massenkultur sei „der zeitweise kürzere oder längere Rückzug in eine selbst gewählte Einsamkeit. Dieser Rückzug allein bewirkt schon Wunder … Es gilt, einen guten Satz für die Nacht und einen für den Tagesbeginn auszuwählen, Gedanken und Ereignisse, die es wert sind, mögen notiert werden, das Nachsinnen über ein Gedicht oder die ruhige Betrachtung eines schönen Gegenstandes, eines Edelsteines, einer Blüte, einer Figur, schließen die innere Welt auf. Aber auch die Arbeit in Haus und Garten, wenn sie nicht als lästig empfunden, sondern als sinnvolle Ausformung der Lebenszeit angesehen wird, erzeugt einen spirituellen Mehrwert.“ (Sloterdijk, P., „Du musst dein Leben ändern“, Frankfurt a.M. 2009).

Foto:pw/nachrichtenspiegel.de


Allgemeines zur Kolumne „Endzeitpoesie 4.0 – Brennholz gegen Robotisierung und drohenden Erfrierungstod“:

Da in unserer aus den Fugen geratenden Welt vieles nicht mehr rational verstehbar und auch kaum noch ertragbar ist, brauchen wir dringend ein Gegengewicht aus dem Reich der Poesie … mit diesem geistigen Gegengift in den Adern wird vieles Unverständliche plötzlich wieder verständlich und Unerträgliches wieder ertragbar – oder noch besser: gestaltbar!

Denn die größte Lüge, die uns heute beigebracht wird, ist: dass der Einzelne ohnehin nichts tun kann. – Das genaue Gegenteil davon ist wahr: Es kommt auf jeden einzelnen an und das mehr als jemals zuvor. Und wie uns schon Dostojewskij erklärt hat, ist im Leben auch niemals etwas umsonst, selbst wenn eine Bemühung keinen sichtbaren Erfolg zeigt: „Alles ist wie ein Ozean, alles fließt und berührt sich; rührst du an ein Ende der Welt, so zuckt es am anderen.“

Gerade unsere geistlose Zeit braucht philosophische Gedanken wie eine Wüste das Wasser. Dieses Wasser – die Gedanken der großen Geister der Menschheit – gibt es schon lange. Aber die scheinbar alten – in Wirklichkeit ewig jungen – Gedanken bleiben nicht dieselben: Jeder, der sie aufgreift und verinnerlicht, färbt sie mit seiner individuellen Persönlichkeitsnote ein und bringt dadurch wieder ganz neue Farben in die Welt, die bisher noch nicht existiert haben. Und solche Farben braucht unsere grau gewordene Welt (siehe 1000 Gestalten.de) heute dringend – sie saugt sie auf wie ein trockener Schwamm das Wasser … damit wieder Neues, Kreatives, Menschliches entstehen kann.

In diesem Sinne wollen wir der pseudopragmatischen Alternativlosigkeit (siehe „Der Führer 4.0 – Er ist schon längst da“) die Gefolgschaft in den Grand Canyon verweigern und es lieber mit Ilija Trojanow halten: „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“. – Dann kann die scheinbare Endzeit zu einem neuen Anfang werden.

„Last Christmas“ – Jahresende und Ausblick auf 2019

gänse_prilleau_line3

Bilder: Jürgen Plechinger / nachrichtenspiegel.de

Muppets

Inmitten der nun angebrochenen Merkeldämmerung kaprizieren sich unsere Leitmedien ja gerade mit ausführlicher Berichterstattung über die Figuren, die der Dauerkanzlerin nachfolgen wollen. Als ob es im Grunde nicht vollkommen einerlei wäre, wer das sein wird: Der BlackRock/Atlantikbrücken-Mann Merz, der Pharmalobbyist Jens Spahn oder die im Vogelkäfig der Kanzlerin persönlich herangezüchtete Annegret Ichkrieg’nenmerkelkrampf-Karrenbauer – der transatlantische Overkill kann jedenfalls weitergehen.

Ersparen wir uns also müßige Analysen des Gekrächzes – pardon: der programmatischen Ansagen und Fortschrittsbekundungen der Spitzenkandidaten. Erheitern wir uns lieber an ein paar Bildern, bevor wir dann weiter unten zu einem eher düsteren Ausblick auf das kommende Jahr 2019 kommen. Unser aus der marktkonformen Asche wiederauferstandene Colorist Jürgen Plechinger, ohne dessen Feder der Nachrichtenspiegel deutlich farbloser daherkommen würde, hat schon vor einiger Zeit eine Serie an Gänsen gemalt. Sie stehen da wie Synonyme für die angebliche Alternativlosigkeit, die uns heute von Expertenseite suggeriert wird:  Alle irgendwie gleich, mit ausdruckslosen, wie erloschenen Knopfaugen – Augen, anhand derer man den Tierchen ansieht, dass sie die digitale Transformation in vorauseilendem Fortschrittsgehorsam bereits durchlaufen haben. Ein abgewürgter Hals trägt einen abgehobenen, scheinbar über die Niederungen hinausgehobenen Kopf, der jedoch im Verhältnis zum massigen, gesäßförmigen Unterkörper weitgehend unbedeutend und vor allem nichtssagend erscheint.

Realos

Es ist wohl ein Zeichen der Zeit, dass die Menschen heute Hoffnung in etwas (z.B. die „digitale Transformation“) oder jemanden setzen, wo es nichts zu erhoffen gibt. Im Gegenzug wird die Möglichkeit wirklicher systemischer Alternativen, die den drohenden Ökozid und die Robotisierung des Menschen abwenden könnten, in den Bereich des Denkunmöglichen verwiesen. Wer Alternativen in Zeiten marktkonformer Demokratie dennoch denkt bzw. laut ausspricht, wird hart abgestraft und von „Skeptikern“ auf die mediale Streckbank gespannt. Gemeinwohl-Ökonomie? – auf Betreiben von Gwup & Co. wegen „Unwissenschaftlichkeit“ und mangelnder Reputation wieder aus den Schulbüchern und damit aus dem Bewusstsein der nachfolgenden Generation gestrichen (siehe norberthaering.de).

Zugelassen sind im öffentlichen Diskurs derzeit nur „Realos“. Ein großes Vergessen über die Möglichkeiten der Gestaltungskraft, mit der der von Idealen beflügelte menschliche Geist seine Lebensumwelt und die sozialpolitische Realität ändern könnte, macht sich breit. Sogar die Studenten kommen nicht mehr auf die Idee, zu revoltieren, sondern „pfeifen sich leistungssteigernde Medikamente rein und trinken auf dem Weg zur Uni einen Coffee to go“ (Götz Eisenberg):

 „… Die Erinnerung daran, dass eine menschliche Welt möglich ist, soll getilgt werden. Ein großes Vergessen soll sich breitmachen und jede Alternative schon im Ansatz erstickt werden. Ein Blick auf den Zustand der jüngeren Generation zeigt, dass dieses Vorhaben bereits weit vorangekommen ist. Das gilt leider auch für das Gros der heutigen Studierenden. (…) Sie pfeifen sich leistungssteigernde Medikamente rein, vergöttern Markt und Effizienz, rennen wie Somnambule hinter ihren Smartphones her und trinken auf dem Weg zur Uni einen Coffee to Go.
Statt sich in den Kampf zu stürzen, jagen sie Pokémons und tanzen nach der digitalen Pfeife. Insgeheim ahnen oder wissen sie, dass sie keine Perspektiven haben. Das macht sie latent wütend und gereizt. Deswegen besaufen sie sich regelmäßig und trinken oder kiffen sich weg aus einer frustrierenden Realität. Dass sie diese ändern könnten, ist ein Gedanke, der ihnen fremd ist.“ (ganzer Artikel siehe nachdenkseiten)  

Was ist passiert? Warum haben wir uns alle Ideale ausreden lassen, uns vom MÖGLICHEN verabschiedet und sind nur noch auf das TATSÄCHLICHE (=das Gewordene, also das bereits wieder Absterbende) fixiert? Warum sind wir zu regelrechten Tatsachenfanatikern geworden und haben zugelassen, dass uns unser Fußball der Ideale nicht nur ins Abseits, sondern weit über den Stadionzaun hinausgeschossen wurde? – Sodass wir nun am grünen Rasen da stehen wie die begossenen Pudel und in einem vom marktkonformen Regen durchnässtem Trikot zumindest ein paar Selfies knipsen, während wir im vorgegebenen Takt der Stadionlautsprecher-Bässe Hampelmannsprünge machen. Dabei merken wir innerhalb des mit gleißenden LED-Scheinwerfern ausgeleuchteten Stadions nicht, wie am Horizont gerade ein Orkan herannaht, der die gesamte Entertainment-Kulisse schon demnächst wegfegen wird.

Leere Flaschen, voll mit Ungeziefer

Wir täten also eventuell gut daran, den „streng wissenschaftlichen“ Spinnwebschleier der Alternativlosigkeit, den die Hohepriester der herrschenden Lehre um uns herumgewebt haben, wieder abzustreifen. Viel Zeit haben wir dazu allerdings nicht mehr. Denn die Zukunft bzw. Science Fiction holt uns gerade mit Riesenschritten ein und droht unsere ehemals sozial und freiheitlich veranlagte Zivilisation in Dantes Eishölle zu verwandeln. Eine Eishölle, in der Wohl und Wehe der Menschen von Algorithmen beherrscht werden (siehe auch ein lesenswertes Essay von Byung Chul Han: „Die smarte Macht“). Und diese von uns vergötterten, allwissenden, allmächtigen, aber leider nicht allgütigen Algoritmen machen das, als was uns die Skeptizisten definieren (als bloßen Biocomputer), ungleich schneller und effizienter. Menschliche Kriterien wie Verantwortung, Gewissen und Individualität – sind dann obsolet. Und solange uns kein Solar Max oder ein Asteroid streift, wird Dantes Eishölle auch für sehr lange Zeit nicht aufzutauen sein. Denn organisierter Widerstand wird in einer totalüberwachten Welt, in der künstliche Intelligenz früher über eigene Gedanken und Gefühle Bescheid weiß als man selbst, weitgehend unmöglich sein.

Noch ist jedoch nicht aller Tage Abend. Im Grunde ist es gar nicht schwer, die technokratisch-skeptizistisch-nihilistischen Spinnweben, in die wir von Kindesbeinen an eingewickelt wurden, wieder abzustreifen. Man muss zunächst nur die Gewohnheit überwinden, bloß immer vom TATSÄCHLICHEN auszugehen und stattdessen den Blick auf das MÖGLICHE, also auf ein Ideal richten, bevor man zur Tat bzw. in den Alltag schreitet. Wer ein Ideal bzw. ein individuell gewähltes (d.h. nicht von Zeitung, Fernsehen und Uni vorgegebenes) Ziel mit sich trägt, und an diesem jeden Tag weiterbastelt, es modifiziert und unbeirrt von allen Misserfolgen und äußerlich entmutigenden Tatsachen immerzu neu aufbaut, der ist gegen praktisch alle Spasmen des Wahnsinns, die sich heute des Menschen bemächtigen wollen, gefeit.

Hat jemand kein solches Ideal, dann ist er nicht mehr als das, was der Psychotherapeut V.E. Frankl als leere Flasche an einem Sandstrand charakterisiert: Ein hohles Behältnis, in das alle möglichen Tierchen – Einsiedlerkrebse, Würmer, Skorpione und diverses Ungeziefer – hineinkrabbeln, sich darin einnisten und ausgiebig Mist machen können. Ist die Flasche hingegen mit einem substanziellen Inhalt bzw. einem Ideal gefüllt, dann können die Krabbeltierchen nicht hinein.

Von den Skeptizisten darf man sich diese Möglichkeit, im Leben ein Ideal aufzubauen (das immer dialogischer Art ist, also nicht nur mit einem selbst, sondern mit Mitmensch und Umwelt zu tun hat), nicht madig machen lassen. Denn die Skeptizisten, die derzeit die Meinungshoheit beanspruchen, haben die Pforte zu Dantes Eishölle innerlich bereits überschritten und an dieser Pforte heißt es schließlich: „Wer hier eintritt, der lasse alle Hoffnung fahren.“ Mit anderen Worten: Von denen, die bereits so tief hinuntergestiegen sind, dass sie die Möglichkeiten des menschlichen Geistes aufgegeben haben und sich nur noch als Biocomputer sehen, kommt nicht mehr viel, ist nichts mehr zu erwarten. Man verschwendet nur wertvolle Zeit, wenn man sich deren missionarische Machwerke und „Manifeste“ zu Gemüte führt, mit denen sie alle noch verbliebenen Reste an menschlichem Geist (=das laut Prof. Hubertus Mynarek im Kreise der „Skeptiker“-Bewegung meistgehasste Wort) aus der Welt austreiben wollen, um endlich einer „rein säkularen“, Industrie 4.0-kompatiblen Effizienzgesellschaft im Sinne der Borgs den Weg zu ebnen.

Mensch und Welt: Nur Matsch

Niemand soll bei der ganzen Horrorclown-Chose glauben, dass es den eifernden Rittern der „Skeptiker“-Bewegung wirklich um Aufklärung ihrer unwissenden Mitbürger  geht. Der Grund ihrer Missionierungsarbeit ist vielmehr ein ganz schnöder: Sie haben Angst vor dem menschlichen Geist, vor dem, was Viktor Frankl als „spezifisch humanen Faktor“ bezeichnet hat. – Zurecht, denn ihr derzeitiger Lifestyle, der trotz aller fortschrittlicher und krampfhaft durchspaßter Bekundungen ein zutiefst nihilistischer ist, ist dem, was der „spezifisch humane Faktor“ in einem fordern würde, diametral entgegengesetzt. Die „Skeptiker“ müssen sich also über diese Realität des menschlichen Geistes betäuben und wollen diese Ignoranz zu einer pluralistischen, auch für ihre Mitmenschen verbindlichen Geisteshaltung (welch Anachronismus!) machen.

Dass sie im Zuge ihres verbissenen Kampfes gegen allen Geist selbst einem bestimmten Geist huldigen, kommt ihnen inmitten ihres Fortschrittstaumels nicht zu Bewusstsein. Dieser (Un-)Geist ist aus Goethes Faust eigentlich hinlänglich bekannt: „Ich bin der Geist, der stets verneint.“ Dass ein Geist, der alles, was das Menschsein ausmacht bzw. wertvoll macht (und nichts davon lässt sich mit Messgeräten „empirisch“ beweisen) , verneint, ein das Leben destruierender Geist und eigentlich unser innerer Feind ist (Sigmund Freud sprach vom uns innewohnenden Todestrieb Thanatos), realisieren die Skeptiker nicht. Denn dieser Geist des Todes eröffnet uns nicht nur den scheinbar grandiosesten intellektuellen Scharfsinn zum Ersinnen neuer Technologien zur Beherrschung der Natur, sondern er lässt uns vor allem in unaussprechlicher Verzückung über unsere eigene Großartigkeit schwelgen (siehe Steve Cutts kleine Videosequenz „Man“).

Überlassen wir die Skeptiker also ruhig ihrem Schicksal, sie haben es so gewählt. Alles andere als gleichgültig sollten wir jedoch gegenüber dem Ansinnen der Skeptiker sein, auch uns ihre Geistlosigkeit überzustülpen und uns ebenfalls zum Gänsemarsch in den Grand Canyon zu zwingen. Wer dieses Ansinnen in seiner vollen Tragweite und Bedeutung für unsere Zukunft erkennt, der wird sich dagegen genauso vehement verwehren wie gegen einen Sittenstrolch, der einem in die Unterhose greifen will oder gegen einen IS Fundamentalisten, der uns einen Kopf kürzer machen möchte.

In der Tat darf das pseudowissenschaftliche und pseudosatirische Auftreten der Skeptiker nicht darüber hinwegtäuschen, was dieses Ansinnen ist: Die Möglichkeit des individuellen menschlichen Geistes in seiner Gestaltungskraft gegenüber den „nackten Tatsachen“ soll wie vollkommen vergessen gemacht, zugeschottert und nie wieder zugänglich sein. So wie der französische Widerstandskämpfer Jacques Lusseyran feststellt: Man führt heute Krieg gegen das Ich, man will diesen Faktor, dieses zu Inspiration und Idealen begabte individuelle Ich im Menschen „endgültig verjagen“ (siehe „Unser Ich – Staatsfeind Nr.1“). Anstelle des homo sapiens will man nur noch die schiere Physis, den „Trockennasenaffen mit Haarausfall“ gelten lassen, als den sich der Gwup-Vordenker Michael Schmidt-Salomon in seiner Skeptizisten-Bibel „Manifest des evolutionären Humanismus“ selbst bezeichnet. Mit einem Wort: Man will nicht mehr Mensch sein, will die Last von Bewusstsein, Gewissen und damit einhergehender Moral nicht mehr tragen, ersehnt daher die transhumanistische Robotisierung. Oder um auf das Bild von Jürgens Gänsen zurückzukommen: Man will den ohnehin nur noch an einem dünnen Faden hängenden Kopf vollends loswerden und nur noch gesäßförmiges Vegetativum sein, das im digital durchzuckten Urschlamm vor sich hinsumpft.

Die Big Bang Theory der Skeptiker

Leben in all seinen hochgradig intelligent geformten und vernetzten Erscheinungsformen soll sich nach Ansicht der Skeptiker völlig konzeptlos einfach so aus dem Nichts gebildet haben. – So wie plötzlich ein Pizzabote, ohne dass er sich zuvor wie ausgemacht mit einem SMS angekündigt hätte, in Sheldon Coopers WG anläutet, während die streng wissenschaftsgläubigen Nerds vor dem Flachbildschirm sitzen und onanieren.

Das Geistige, das übrigens nicht nur laut allen großen Geistern der menschlichen Kulturgeschichte von Plato bis Goethe die determinierende Konstante allen Lebens ist, sondern das auch die großen Physiker wie Einstein, Heisenberg und Planck als zwar unwägbare, aber evidente Realität ansahen, nach der sich alles was sichtbar ist, gegliedert hat und auch weiterhin metamorphosiert, ist den Skeptikern ein Gräuel. Obwohl sie auf ihrer Edutainment-Bühne darüber lachen, haben sie in Wirklich zutiefst Angst davor. Was man ihnen auch nicht verdenken kann. Denn wenn ich einer fundamentalistischen Weltanschauung des 19. Jahrhunderts anhängen würde (die nach heutigen Erkenntnissen der Teilchenphysik in Wirklichkeit längst widerlegt ist), deren „Wissenschaft“ nicht einmal die Entstehung von Leben erklären kann, geschweige denn die Entstehung von Bewusstsein, dann hätte ich auch eine Heidenangst … und würde um einen Eimer Sand betteln, in den ich meinen Kopf hineinstecken kann.

Damit nun niemand enttäuscht ist, wenn er sich von den Gwup-Skeptizisten abwendet und wieder die Möglichkeit des menschlichen Geistes in Erwägung zieht (letzterer Weg ist mühsam wie eine Bergtour, ersterer Weg ist scheinbar bequem, man braucht sich nur fallenlassen wie bei einem Bungee-Jump ohne Seil, ein kurzer Geschwindigkeitsrausch ist dabei garantiert, bis zum Aufprall hat man die Gravitationskraft ganz auf seiner Seite und echt Spaß, das lässt sich nicht bestreiten): Wie im Werk von Erich Fromm nachzulesen, gehört der Geist der Welt des „Seins“ an und nicht der des „Habens“. Man kann Geist also nicht so „haben“ wie einen Bachelor of Arts oder einen Master of Science – letztere Titel kann jeder erwerben, der nur genügend Sitzfleisch und finanzielle Ressourcen hat, selbst der verbockteste Kopf mit „Brett vorm Kopf“ – siehe die in endlosen Kolonnen inflationär durch die Gegend watschelnden akademischen Gänse, die derzeit das politische, kommerzielle, finanzwirtschaftliche, mediale, militärische, ökologische und soziale Leben auf allen Ebenen bestimmen. Geist muss man sich hingegen täglich neu erringen, wenn er lebendig bleiben soll. Das Schöne an einem geistvollen, sinnerfüllten Leben ist allerdings: Er wirkt bereits in homöopathischen Dosen. Selbst wenn man sich nur einen kleinen Aspekt davon erarbeitet und  nur ein bescheidenes Ideal im Leben verwirklicht, fühlt man sich trotz allem Gegenwind – und zeitweise unvermeidlichen Gefühlen der Einsamkeit inmitten der umgebenden Dschungelcamp-Party – im Grunde ungemein zufrieden und erfüllt.


Nachsatz + Ausblick auf das Jahr 2019

Mancher mag sich fragen, warum wir uns überhaupt so viel Mühe machen, um über das Treiben der „Skeptiker“-Bewegung aufzuklären. Nun, weil die Sumpfdotterblüten, die diese Gruppierung auf medial wirksame Weise treibt, symptomatisch für das sind, was schlichtweg die Wurzel aller desaströsen Entwicklungen ist, die wir heute auf politischem, ökonomischem, ökologischem und sozialem Gebiet beobachten können: Den technokratischen Nihilismus, der die Realität und Potenz des menschlichen Geistes verneint und sich damit dem Ansinnen des Neoliberalismus nach vollendeter Ausschlachtung der noch verbliebenen Umwelt- und Humanressourcen ergibt.

Solange wir diesem heute fast allerortens – meist stillschweigend – prädominierenden Nihilismus (Goethes „Geist, der stets verneint“) keine Absage erteilt haben, wird es weiter munter abwärts gehen, und zwar im forcierten Schweinsgalopp. Jede einzelne politische, ökonomische und technologische Maßnahme, die nicht den „spezifisch menschlichen Faktor“ bzw. den menschlichen Geist berücksichtigt, so scharfsinnig, fortschrittlich und effizient sie auch von „Experten“ präsentiert wird, wird sich nur als Treibsand erweisen, in dem wir immerzu tiefer versinken. Es ist daher ein Trugschluss und weitgehend verschwendete Zeit, sich mit in industrieller Mast herangezüchteten Gänsen und ihren programmatischen Erklärungen zu befassen oder von politischer bzw. Experten-Ebene eine Verbesserung der eskalierenden Probleme zu erwarten. Ob Merz, Spahn oder AKK, es werden im Gänsemarsch immerzu ähnliche Figuren nachkommen, so wie ein Spielmann Luftballons aus dem Sack zieht und nacheinander aufbläst, selbst wenn man einer besonders renitenten Gans nach 13 Jahren endlich mühevoll die Luft abgelassen hat.

Freddy Krueger kommt

Lassen wir die Gänse aber wieder beiseite. Da ich die Fortsetzung zu meinem Jahresausblick für 2018 („Freddy Krueger kommt! … und keiner merkelt’s “) immer noch schuldig geblieben bin – ja, so schnell vergeht ein Jahr, eben war noch Silvester, jetzt kommt schon wieder Advent und man hört das erbarmungslose „Last Christmas“ aus den Kaufhauslautsprechern heranwimmern – hier zumindest ein verkürzter Ausblick auf 2019. Mit einem Wort: Wer vorhin genannte Ideale nicht hat und wer sich aus dem Spinnwebgeflecht von Noam Chomskys „manufacturing consent“ nicht mutig zu eigenständigem Denken emanzipiert, dem wird es im kommenden Jahr vollkommen den Teppich unter den Füßen wegziehen. Er wird vom rülpsenden Konsensmoloch (© Wolf Reiser) komplett verschluckt werden und im Rachen dieses Molochs der Mentalvergiftung (© Reiner Mausfeld) erliegen.

Diese schleichende, durch die psychische Immunabwehr kaum noch zu bewältigende Vergiftung führt im Endstadium schließlich zu er einer vollständigen Fossilisierung noch vorhandener geistiger Beweglichkeit und innerer Vermorschung. Auch Medikamente, Drogen, exzessives Fernsehen und sonstige Kompensationen werden nicht mehr helfen, den Deckel auf dem Topf zu halten, der Wahnsinn wird überquabbeln. In diesem Stadium der Sklerose angekommen, werden sich die Skeptizisten in ihrem Menschenbild aber nur noch bestätigt fühlen. Können sie dann nämlich mit Fug und Recht behaupten, dass der Mensch ja wirklich nur ein geistloser Trockennasenaffe und ein „aufrecht gehender Depp“ sei (M. Schmidt-Salomon).


Angela Merkel / Freddy Krueger (Flickr-European People’s Party-CC BY 2.0 / Wikimedia-Pat Loika-CC BY 2.0)

Als notorischer Zweckoptimist würde ich gerne ein freudigeres Bild malen, aber ich glaube, wir tun gut daran, die kommende Zeit nüchtern zu betrachten und uns innerlich auf das gefasst machen, was nun kommt … nachdem am Baum der Humanität jahrzehntelang mit immer wirkungsvollerer technischer Gerätschaft intensiv gesägt wurde und es nur noch ein schmaler Rindensteg ist, der diesen Baum in der Vertikalen hält. Dass die im vollendeten Profit- und Wachstumsrausch befindlichen Finanz- und Politmächte die Motorsägen abstellen, kurz bevor unser Baum endgültig umkracht, ist ein naiver Wunschtraum, den uns der Weihnachtsmann nicht erfüllen wird. Sprechen wir also Klartext. Industrie 4.0, digitale Transformation und die Ausschlachtung noch verbliebener Umwelt- und Humanressourcen sind beschlossene Sache. Ebenso eine menschenverachtende Migrationsagenda, die aus den armen Ländern noch die wirtschaftlich verwertbaren Facharbeitskräfte und medizinisches Personal abschöpfen will (siehe ein bereits 2013 veröffentlichtes Agenda-Dokument des World Economic Forums: „The Business Case for Migration“ bzw. einen Kommentar des Wirtschaftsjournalisten Norbert Häring zum UN-Migrationspakt). Diese Agenda wird globalpolitisch-ökonomische Missstände zementieren und für alle Beteiligten einen noch nie dagewesenen Strudel an menschlicher Verelendung und Entwurzelung nach sich ziehen. Der existenzielle Kampf und die Perversionen, die in diesem Zustand des streng wissenschaftlichen Overkills herrschen werden, werden alles in den Schatten stellen, was wir als Zivilisationsbürger bisher gekannt haben. 

Failed state Germany

Der Grund, warum wir in der heutigen Situation gelandet sind, ist dabei nicht bloß, weil wir so doof waren, in entscheidender Zeit bei den Wahlen eben dumme Gänse zu wählen, sondern ist die finale Konsequenz von Entscheidungen, die wir – vielleicht vielfach unbewusst, aber eben doch mit überwiegender Mehrheit getroffen haben: bloßer Oktoberfestbürger zu sein, der nicht mehr will als „gut und gerne leben“ und ein bisschen Spaß haben.

Die konstruktiven, menschenwürdigen Optionen, die uns ebenfalls offenstanden, haben wir hingegen in den Wind geschlagen. Wir haben eine Absage an alles geleistet, was uns an nachhaltigen Möglichkeiten geboten wurde – und uns wurde sehr viel geboten. Wir sitzen auf gewaltigen Kulturschätzen von Hegel bis Goethe, mit denen wir das mitteleuropäische Modell zu einem wahren Exportschlager für die ganze Welt hätten ausbauen können. Das Kunststück, uns angesichts solcher Schätze für ordinären Ganstarap zu entscheiden und uns darin zu gefallen, als vollkommen entblößte und staatlich subventionierte Exhibitionisten auf der Straße „Deutschland verrecke!“ zu schreien (siehe #wirsindmerkel #unterallersau), muss uns erst einmal jemand nachmachen.

Auch wenn sich Deutschland damit für den Niedergang entschieden hat, die gute Nachricht ist: Es wird weitergehen: Andere Länder und andere Menschen werden die Aufgabe, vor der Deutschland versagt hat, übernehmen und das Beste aus dem verfahrenen Scherbenhaufen, den das Schlamerkelland hinterlassen hat, machen. Soweit ich aus mehreren asiatischen Ländern gehört habe, die ich selbst bereise und zu denen ich regen Austausch pflege, schätzt man Goethe dort als außerordentliche Geistesgröße, kultiviert seine Gedanken und schüttelt nur den Kopf darüber, wie man hier in seiner Heimat einen auf „Fack ju Göhte“ macht und auf den Schulhöfen stattdessen lieber Gangstarap-Plörre schlürft. Laut Bericht im Focus ist ja „Du Goethe!“ neben „Du Opfer!“ und „Du Wichser!“ heute zu einem der gängigen Schimpfwörter unter Jugendlichen avanciert.

Auch in besagten asiatischen Ländern herrscht heute ein starker Fokus auf Ökonomie, steht traditionelle Lebensart unter Druck und gibt es viele Missstände. Die Menschen dort sind jedoch nicht so dumm, im Zuge des Wirtschaftswachstums das Kind mit dem Bade auszuschütten und alle ihre Werte über Bord zu werfen. Während wir uns hierzulande besonders schlau und fortschrittlich vorkommen, Werte und Traditionen möglichst restlos zu zerfleischen, so pflegen viele Asiaten ihre Werte. Sie tragen bei allem Leid, das ihre Länder zu ertragen haben, immer noch die intuitive Gewissheit in sich, dass das gesamte Wohl und Wehe nicht nur ihres Landes, sondern auch ihres individuellen Schicksals von diesen Werten abhängen wird, die sie daher als ihren innersten Schatz betrachten.

Wenn ich dortigen Freunden und Geschäftspartnern, die Europa nicht oder nur selten bereisen, von dem erzähle, was im heutigen Deutschland marktkonform-merkelscher Prägung vor sich geht, dann können diese Menschen das kaum fassen, da es das bisherige Bild, das sie von Deutschland hatten, vollkommen auf den Kopf stellt. Inzwischen halte ich es daher ähnlich wie der Welt-Kolumnist Henryk Broder, der während seiner vielen Reisen gar nicht mehr erzählt, in welchem Zustand sich Deutschland heute befindet, sondern seine Gesprächspartner lieber in gutem Glauben an das Good old Germany lasse. Er erspare es ihnen, zu erklären, dass Deutschland heute in Wirklichkeit ein „failed state“ sei (Quelle: Broders Spiegel). 

Überleben im Smog

Dass wir auf kollektiver Ebene gerade mitten im Scheitern sind, darf uns aber nicht daran hindern, auf individueller Ebene mit aller Kraft um Kultur und Humanität zu kämpfen. In Wirklichkeit ist die individuelle Ebene ja sogar die einzige, die wir wirklich in der Hand haben. Und in Wirklichkeit entscheidet sich unser Schicksal nicht bei Wahlen, sondern geradewegs auf dieser individuellen Ebene. Egal, was man uns äußerlich auch zumuten mag und wie sehr die Dekadenz auch voranschreiten wird: Ich kann als individuelles „Ich“ immer Stellung beziehen, wenn auch nur stillschweigend. Selbst wenn es zu einem schlimmen Repressions-/Bürgerüberwachungssystem kommen sollte (nach Meinung hochrangiger CIA-Experten errichten wir ja gerade „schlüsselfertige Tyranneien“ / Quelle: The Guardian), dann kann der Mensch von seinem Ich aus trotzdem innerlich entscheiden, wie er sich moralisch zu diesem System positioniert, selbst wenn ihn dieses System äußerlich zunächst zur Anpassung zwingt.

Wichtig ist nur, dass man sich nicht dem ergibt, was der Dichter und tschechische Präsident Vaclav Havel als „Lebenslüge“ bezeichnet hat (Havel: „Die Tragik des modernen Menschen ist nicht, dass er immer weniger über den Sinn des eigenen Lebens weiß, sondern dass ihn das immer weniger stört.“)  Gerade im kommenden Jahr 2019 wird sich diese systematische Lebenslüge zu dermaßen dunklen Wolken geballt haben (Sloterdijk nennt diese Wolken „Lügenäther“, der heute so dicht sei wie zu Zeiten des kalten Krieges nicht mehr), dass nur noch diejenigen ihr gesundes Menschsein aufrechterhalten werden können, die ein substanzielles, persönlich gewähltes Ideal pflegen. Wer kein solches Ideal hat, wird die Lebenslüge bzw. den Lügenäther internalisieren und diesen dann aktiv von sich geben, so wie man dies jetzt schon in besonders anschaulicher Form bei den Reden der Bundeskanzlerin beobachten kann: Man schwimmt einfach mit dem mit, was Kommerz und neoliberaler Zeitgeist fordern und memmelt irgendwelche schöntuerischen, aber eigentlich nichtssagenden Worte vor sich hin. Auf diese Weise stürzt man das eigene Leben in eine tiefe Tragik. Für eine Handvoll „needful things“ verpasst man den Anschluss an die menschliche Entwicklung und versäumt es, Stellung zu beziehen. Indem man als Mensch keine reifliche Stellung und damit keine Verantwortung bezieht, zu der man aufgefordert wäre, macht man das Gleiche wie Merkel: Man tut nichts und führt geradewegs damit schlimmeres Unheil herbei als es jeder Despot durch offenkundig destruktives Handeln vermochte.

Im Gegensatz dazu braucht derjenige, der sich mutig aus der herrschenden Meinung des „manufacturing consent“ emanzipiert und eigene Gedanken und Ideale pflegt (siehe „Warum überhaupt noch denken? – Ein Survival-Kit für die Apokalypse“ ), keine Angst vor der Zukunft haben. Auch wenn äußerlich alles zusammenbrechen sollte – und was die wenigsten gewahr haben: unser Leben in der aktuellen  Filmepisode währt sowieso nur eine sehr begrenzte Zeitspanne  –, aber das Wertvollste, das er als Mensch besitzt, hat er vor der Zersetzung gerettet: sein individuelles Ich.

 

Ein rabenschwarzer Jahrestag: Der 11. September … 1973 – und die für 24. September 2017 prognostizierte totale Sonnenfinsternis

Salvador Allende (Foto: Che Mella / CC BY-SA 3.0)  

Wieder einmal jährt sich ein unseliger Jahrestag, der wie eine Zäsur in der Geschichte der rechtsstaatlichen Demokratien dasteht. Doch wir wollen diesmal nicht von jenem 11. September sprechen, der kurz nach der Milleniumswende Anlass gab, um einen „Krieg gegen den Terror“ auszurufen, der auf Seiten potentiell terroristischer Länder mittlerweile über 1,5 Millionen Todesopfer gefordert und den Nahen Osten sowie zentrale Teile Afrikas in Brand gesetzt hat, – jenen 11. September, seit dem die Uhren wieder rückwärts gehen, die UN-Antifolterkonvention de facto ebenso außer Kraft gesetzt wurde wie das verfassungsmäßig verbürgte Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung, – jenen 11. September, an dem ein paar Terrorakrobaten das Kunststück zustande gebracht haben, mit zwei Jets gleich drei große Wolkenkratzer zu pulverisieren und dessen Bilder als Paukenschlag benutzt wurde, um ein globales Bürgerüberwachungssystem zu etablieren, von dem Honecker oder Ceaucescu nicht einmal in ihren kühnsten Vorstellungen zu träumen gewagt hätten.

Nein, wir gehen heute für ein paar Augenblicke zurück in das Jahr 1973, nach Chile, das ebenfalls am 11. September in eine lang andauernde Katastrophe gestürzt wurde. Wer sich etwas näher mit den Hintergründen auseinandersetzt, wird schnell merken, dass die beiden 9/11-Ereignisse, genauer gesagt: ihre Folgewirkungen für die Zivilbevölkerung, trotz ihres räumlich und zeitlich weit auseinanderliegenden Kontextes eine frappante Ähnlichkeit besitzen … und wir daher einiges daraus lernen können.

Regime Change

Bevor wir uns gleich einigen höchst dramatischen Szenen aus den letzten Minuten des Lebens von Chiles sozialistischem Präsidenten Salvador Allende widmen, kommen wir leider nicht darum herum, zuerst die naive Frage aufzuwerfen, warum denn Angela Merkels „verlässliche Freunde“ um Gottes Willen entgegen aller menschlichen Vernunft und entgegen allen Geboten der Humanität Milliardenbeträge aufwenden, um in fremden Ländern Regierungsputsche, sogenannte ‚Regime Changes‘ durchzuführen und dadurch ganze Völkerschaften in auswegloses Elend und Chaos stürzen, jüngst sogar eine nukleare Konfrontation und damit Game Over für uns alle riskieren (siehe „Angela Merkel und das namenlose Grauen“).

Oskar Lafontaine gibt darauf in einem jüngsten Kommentar (siehe Facebook) eine schnöde Antwort: Seiner Ansicht nach hat die Außenpolitik unserer verlässlichen Freunde schlichtweg das Ziel, „Rohstoffe und Absatzmärkte für Rüstungsindustrie, Finanzindustrie und Energiekonzerne zu erobern“. Er erinnert dabei an die Worte von US-Präsident Theodore Roosevelt, also von jemandem, der gewiss kein Verschwörungstheoretiker war, sondern der selbst unmittelbar im Brennpunkt  des militärisch-industriellen Komplexes stand und daher wusste wovon er sprach – von einem Machtkomplex, vor dessen desaströsem Machtzuwachs uns sein Präsidentenkollege Dwight D. Eisenhower gleichermaßen eindringlich gewarnt hat (siehe Abschiedsrede auf YouTube). Roosevelt spricht hierbei von einer Interessensgemeinschaft an kapitalistischen Oligarchen, die hinter der Bühne die Fäden ziehen: „Hinter der angeblichen Regierung thront eine unsichtbare Regierung, die die Menschen nicht anerkennt, ihnen gegenüber nicht verpflichtet ist und keinerlei Verantwortung übernimmt.“

Die Liste der von US Geheimdiensten durchgeführten verdeckten Umstürze, jeweils gefolgt von einer Kaskade an Privatisierungen (von lat. privare = berauben) ehemals staatlichen Vermögens, ist erschreckend lang. Diese Liste wurde vor Kurzem auf Wikipedia gelöscht. Nur im Internetarchiv der  Wayback Machine ist sie noch einsehbar: siehe „Covert United States foreign regime change actions“).

Unsere Gedankenpolizei

Zum Glück sitzen heute hinter Wikipedia ebenso wie hinter Facebook messerscharfe Gedankenpolizisten, die rein der naturwissenschaftlichen Rationalität verpflichtet sind und die politisch nicht korrekte Beiträge umgehend löschen. -Wie in Markus Fiedlers Film „Zensur“ aufgedeckt, wird Wikipedia von bestens vernetzten Administratoren der GWUP-/Skeptiker-/Brights-Bewegung dominiert;  seit Anfang 2017 sind die GWUP-/Ruhrbarone rund um David Schraven, Stefan Laurin & Co. auch auf Facebook die Herren über Sein oder Nichtsein und dürfen dort über „correctiv.ruhr“ als Teil des Zensurbüros „Correctiv“ alles löschen, was nicht streng wissenschaftlich ist.

Gut, dass es diese Gedankenpolizisten gibt, sonst käme unter der Bevölkerung womöglich wieder der Glaube an Verschwörungen auf – dabei weiß ja heute jeder aufgeklärte Bürger, dass es Verschwörungen allenfalls noch zu Cäsars Zeiten gab, aber keinesfalls mehr im 21. Jahrhundert, wo doch jeder, der den Fernseher aufdreht, mit eigenen Augen sehen kann, dass unsere Politiker, Militärs und sonstigen Machthaber heute über alle Machtallüren, Korruptionen und destruktiven Vorteilsnahmen längst erhaben sind und nur noch dem Fortschritt und der reinen Effizienz huldigen.

Salvador Allendes Kampf gegen den Moloch

Zurück aber nach Chile. Mit seinem Linksbündnis „Unidad Popular“ hat Salavdor Allende in den 1970er Jahren versucht, mächtige US Unternehmen, die sich an den Bodenschätzen des Landes einseitig bereichert haben, rückzuverstaatlichen. Nicht nur Kupferminen und Teile der Industrie wurden verstaatlicht, sondern auch Banken. Im Zuge einer Agrarreform wurde eine Fläche von 20.000 km² von Großgrundbesitzern entzogen und an Bauern und kleine Arbeitskollektive übergeben. Allendes Linksbündnis begrenzte des Weiteren die Preise für Mieten und wichtige Grundbedarfsmittel. Schulbildung und Gesundheitsversorgung waren fortan gratis, jedes Kind bekam kostenfrei Schuhe sowie täglich einen halben Liter Milch. Allendes Wirtschaftspolitik mit großzügigen Investitionen in die Sozial- und Infrastruktur des Landes erwies sich bereits im ersten Jahr seiner Amtszeit als außerordentlich erfolgreich und führte zu einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts um 9% sowie steigenden Reallöhnen der Arbeiter und Angestellten.

Allerdings hatte Allende seine Rechnung ohne die USA gemacht, welche die chilenische Wirtschaft gemeinsam mit europäischen Partnerstaaten gezielt sabotierte und das Land durch massive Geheimdiensttätigkeit samt Terroranschlägen auf  Bahnlinien und Pipelines unter dem Projektnamen FUBELT zerrüttete. Richard Nixon verlangte vom CIA-Chef Richard Helms, dass er Chiles Wirtschaft an die Wand drücken und „zum Quietschen bringen“ solle („to make the Chilean economy scream“), einhergehend mit der Vorbereitung eines Putsches unter der Führung korrupter Militärbefehlshaber.

Der Rest ist bekanntlich Geschichte … wobei das Ausmaß der US-amerikanischen Verstrickungen in den Putsch zum Teil erst 30 Jahre später ans Tageslicht kam. So kam es etwa nur durch eine Anordnung von Bill Clinton im Jahre 1999 zutage, dass die CIA den deutschen BND bereits einige Tage vor dem Umsturz vom geplanten Putsch unterrichtet hatte, der damals bereits sehr eigenwillige Bundesnachrichtendienst es aber bewusst unterlassen hat, Bundeskanzler Willy Brandt über dieses Vorhaben zu informieren.

Nur wenige Monate nach Allendes berühmter Rede vor der UNO, in welcher er vor über 45 Jahren  – also im Zuge des allgemeinen Wirtschaftswundertaumels – bereits mit ganz klaren Worten das benannte, was uns erst heute so augenscheinlich vors Gesicht tritt: die zunehmende Aushöhlung der Staatengemeinschaft durch rein profitorientierte Konzerne, die sich keiner Instanz mehr verantwortlich fühlen (siehe Youtube), war es dann am 11. September soweit: Unterstützt von der CIA, übernahm General Augusto Pinochet die Macht, indem er das Regierungsgebäude Allendes bombardieren und stürmen ließ. Unter seiner Herrschaft setzte in der Folge ein beispielloses Morden und Foltern unter der Zivilbevölkerung ein, von dem sich das Land bis heute noch nicht richtig erholt hat. Pinochet ließ den Kongress auflösen und führte die Zensur ein. Im Gegensatz zu Allende setzte Pinochet ganz auf die Errichtung eines „kompetitiven Mehrparteiensystems“ – ist es an dieser Stelle Häresie, wenn man schlussfolgert, dass ein solches scheinbar fortschrittliches, „demokratisches“ System in der Tat die geeignetste Regierungsform ist, um die neoliberale Agenda zu institutionalisieren?

Die letzten Minuten

Wie auch immer. Gedenken wir heute an seinem Todestag für einen Moment Salvador Allendes, der zu seiner Zeit noch etwas aufbrachte, was PolitikerInnen heutigen Zuschnitts schier unzumutbar erscheint: Die Kraft, der „unsichtbaren Hand des Marktes“ zu trotzen und aus Liebe zu seinen Landsleuten die Vision einer gerechten, menschenwürdigen und hoffnungsvollen Zukunft aufrechtzuerhalten. Allende hat bis ganz zum Schluss Rückgrat behalten – einer Aufforderung zur bedingungslosen Kapitulation bei freiem Geleit ins Ausland verweigerte er sich und wählte stattdessen ganz bewusst den ehrenvollen Tod.

Nachdem Jagdflugzeuge das Regierungsgebäude bombardierten, fand Allende schließlich durch zwei Kugeln eines Sturmgewehres vom Typ AK-47 seinen Tod. Die Umstände des Todes sind umstritten. Nach Aussage eines Arztes und nach Durchführung wissenschaftlicher Erhebungen hat er angeblich Suizid begangen, wobei ein solcher unrühmlicher Abgang nur schwerlich zu Allendes couragierten Worten passt, die er noch wenige Minuten vor seinem Tod via Radio an die Nation gerichtet hatte. Jedenfalls steht es heute so in den Geschichtsbüchern, von denen bekanntlich schon Napoleon festgestellt hat, dass sie – immer von den Siegern geschrieben werden.

Nachfolgend ein bewegender Zusammenschnitt aus Allendes letzten Worten, die er via Radio an sein Volk richtet, während sein Büro bereits von den Putschisten bombardiert wird:

Bei den Worten Allendes kurz vor seinem Tod kann man durchaus Gänsehaut bekommen – nicht nur aufgrund der seinerzeitigen Tragik, sondern auch, weil man sich frappant – wenn auch unter anderen Vorzeichen und perfekter Maskerade (Jean Ziegler spricht von „simulativer Demokratie“) – an die derzeit stattfindende Enteignung, Entrechtung und den Kahlschlag an ehemals verbürgten Grundrechten und Meinungsfreiheit in unserer Gesellschaft erinnert fühlt. Dieser Kahlschlag lauft heute scheinbar leiser und unspektakulärer ab, wird aber in seinen Folgewirkungen womöglich noch viel dramatischer und tiefgreifender sein … wenn wir ihn nicht rechtzeitig abwenden.

Unser größter Feind: Sloterdijks Lethargokratie und der merkelanische Nihilismus

Der größte Feind, mit dem wir es diesbezüglich zu tun haben, ist aber womöglich weniger der nimmersatte Zugriff der neoliberalen Profitlogik bzw. ihrer Apologeten, sondern ein verheerender Nihilismus, der uns suggeriert, dass man ohnehin nichts machen könne und die bedingungslose Kapitulation vor dem technokratischen Wahnsinn eben alternativlos sei. Auf diese Weise wird jegliches kreative Potential im Keim erstickt und dem Menschen seine Fähigkeit zur aktiven Gestaltung der Zukunft abgesprochen – eine Gesinnung, aus der auch zwangsläufig nichts anderes entstehen kann als ein totales Bürgerüberwachungssystem (siehe auch „Breaking News – Die Maasmännchen haben übernommen“). Da die Zeit drängt und da angesichts der für die Bundestagswahl am 24. September 2017 prognostizierten totalen Sonnenfinsternis keine Zeit mehr für Schönrederei und political correctness ist – unzählige Blogger schreiben sich ja gerade die Finger wund, um die endgültige Selbstzerfleischung Deutschlands womöglich doch noch zu verhindern -, nenne ich diesen Nihilismus in Ermangelung passenderer Adjektive jetzt frecherweise einfach merkelanischen Nihilismus. Die große Zahl an Merkel-Fans auch unter den Jungwählern (siehe Bento: „Ich bin „Generation Merkel“ – und das ist auch gut so!“), möge mir das verzeihen. Mir geht es in Wirklichkeit auch gar nicht um die Person Merkel. Ich weiß nur zu gut, dass die Person Angela Merkel im Falle ihres Abdankens umgehend von einem Mausfried Meier, einem Knut Katzengruber oder einer Jutta Nilpferdh nahtlos ersetzt würde, die genausogut die transatlantische Raute machen. Es geht mir vielmehr um den erstickenden Nihilismus, der durch die derzeitige Bundeskanzlerin eben sehr bildhaft verkörpert wird. Peter Sloterdijk bezeichnet Angela Merkel in diesem Zusammenhang als bloße „Hohlraumfigur … in einer Lethargokratie  … Wo Politik war, wird betreutes Dahindämmern“ (siehe Handelsblatt).

Der derzeit bei führenden Personen des Gesellschaftslebens erlebbare und leider auch in die allgemeine Bevölkerung metastasierende Nihilismus, der es in pathologischer Weise fast schon herbeisehnt, dass alles in den Untergang gerissen wird, wenn man denn selbst schon keine Hoffnung, keinen Sinn und keine Ideale für das Leben mehr zu fassen bereit ist, kann jedoch im Handumdrehen abgewehrt werden, sobald man sich als Bürger wieder zu einer gesunden Mündigkeit und zu einer klaren Urteilsbildung gegenüber den manipulativen Strömen der Massenmedien aufrichtet.

Jean Ziegler ermutigt uns dazu mit unmissverständlichen Worten:

„Ich sage es nochmal: Es gibt keine Ohnmacht in der Demokratie. Das Grundgesetz gibt uns alle Waffen, die wir benötigen, in die Hand – wir müssen uns nur bücken und sie aufheben. Wir haben ein Streikrecht, wir haben Wahlen, wir haben ein Demonstrationsrecht und viele Rechte mehr. Wir können die Regierungen zwingen, diese Strukturreformen durchzuführen.

(…)

Sartre hat gesagt: „Den Feind erkennen, den Feind bekämpfen. Den Feind erkennen heißt also, die neoliberalen Globalisierungslügen zu erkennen, zu entlarven, das Ohnmachtsgefühl des Bürgers zu eliminieren, ihm zu zeigen, wo seine Waffen sind, also zu zeigen, wie die kannibalische Weltordnung funktioniert und bekämpft werden kann. Und das ist die Aufgabe der Intellektuellen: Sie müssen Ihre Stimme erheben für die, die keine Stimme haben und ohne Möglichkeit der Verteidigung zerstört werden.

Es gibt eine Gerechtigkeit, die das Bewusstsein einfordert. Und ich sage Ihnen, dieses Bewusstsein für die Gerechtigkeit, es steigt, es wächst.“

(gesamtes Interview siehe Nachdenkseiten)

Nachsatz:

Natürlich könnte man angesichts der scheinbaren Übermacht an medialer Manipulation (siehe Medien-Studie von Swiss Propaganda Research) und verdeckten Machenschaften, die gegenwärtig die Fundamente unserer bürgerlichen Gesellschaft unterminieren, leicht verzweifeln. Andererseits darf man nicht unterschätzen, welche Kraft man solchen Machenschaften mit offenem Dialog, klarer Urteilsbildung und substanziellen Idealen betreffend eine lebenswerte, menschengerechte Zukunft entgegensetzen kann. Mit diesen Mitteln ist es z.B. der venezoelanischen Regierung und Nicloas Maduro gelungen, den aktuellen, durch westliche Geheimdienste inszenierten Lügen-/Putsch-Tsunami erfolgreich zu überleben und den medialen Kampf gegen die scheinbar übermächtigen Gegner zu gewinnen. Siehe dazu einen ermutigenden Bericht aus Venezuela: „Warum ging Venezuela siegreich aus dem jüngsten Krieg der vierten Generation hervor?“

Die letzten 100 Artikel