Narzissmus

This tag is associated with 5 posts

Endzeit-Poesie 4.0: Narziss

Endzeit-Poesie 4.0: Narziss


Foto: Heidi Klum/WEBN-TV/ flickr/CC BY-ND 2.0

>>Ich<<-Lust hat einen Zug von Feinschmeckertum, für den unserer Sprache der rechte Tonfall fehlt: Mon cher moi – âme et corps – tu me fais un grand plaisir!
Die Lust an dir selbst blüht nicht ohne Schutz. Die Gebote sind einfach: Binde dich an keinen und lass niemanden an dich heran. Einfach und schicksalsbestimmend. Die Lust an sich selbst schlägt um das Ich einen eisigen Ring, der sich langsam an den Kern heranfrisst …

(Dag Hammarskjöld)

Wer nicht stirbt
bevor er stirbt,
der verdirbt,
wenn er stirbt.

(Angelus Silesius)


Allgemeines zur Kolumne „Endzeitpoesie 4.0 – Brennholz gegen Robotisierung und drohenden Erfrierungstod“:

Da in unserer aus den Fugen geratenden Welt vieles nicht mehr rational verstehbar und auch kaum noch ertragbar ist, brauchen wir dringend ein Gegengewicht aus dem Reich der Poesie … mit diesem geistigen Gegengift in den Adern wird vieles Unverständliche plötzlich wieder verständlich und Unerträgliches wieder ertragbar – oder noch besser: gestaltbar!

Denn die größte Lüge, die uns heute beigebracht wird, ist: dass der Einzelne ohnehin nichts tun kann. – Das genaue Gegenteil davon ist wahr: Es kommt auf jeden einzelnen an und das mehr als jemals zuvor. Und wie uns schon Dostojewskij erklärt hat, ist im Leben auch niemals etwas umsonst, selbst wenn eine Bemühung keinen sichtbaren Erfolg zeigt: „Alles ist wie ein Ozean, alles fließt und berührt sich; rührst du an ein Ende der Welt, so zuckt es am anderen.“

Gerade unsere geistlose Zeit braucht philosophische Gedanken wie eine Wüste das Wasser. Dieses Wasser – die Gedanken der großen Geister der Menschheit – gibt es schon lange. Aber die scheinbar alten – in Wirklichkeit ewig jungen – Gedanken bleiben nicht dieselben: Jeder, der sie aufgreift und verinnerlicht, färbt sie mit seiner individuellen Persönlichkeitsnote ein und bringt dadurch wieder ganz neue Farben in die Welt, die bisher noch nicht existiert haben. Und solche Farben braucht unsere grau gewordene Welt (siehe 1000 Gestalten.de) heute dringend – sie saugt sie auf wie ein trockener Schwamm das Wasser … damit wieder Neues, Kreatives, Menschliches entstehen kann.

In diesem Sinne wollen wir der pseudopragmatischen Alternativlosigkeit (siehe „Der Führer 4.0 – Er ist schon längst da“) die Gefolgschaft in den Grand Canyon verweigern und es lieber mit Ilija Trojanow halten: „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“. – Dann kann die scheinbare Endzeit zu einem neuen Anfang werden.

Wunderkinder am Catwalk – Wenn Heidi Klums Grau-Samen aufgehen …

In seinen Memorien berichtet der blinde Franzose Jacques Lusseyran davon, wie er an abendlichen Tanzveranstaltungen bei Frauen, die ihm seine Kameraden als besonders „geil“ beschrieben, im vis-à-vis beim Tanzen nur „Grausamkeit“ und Kälte wahrnahm. Hingegen erlebte er, der sich nicht auf seine Augen, dafür aber auf einen ausgeprägten inneren Sinn verlassen konnte, bei eher unscheinbaren bzw. unbeachteten Frauen oft wirkliche menschliche Schönheit.

Diesen inneren Sinn, den in Wirklichkeit nicht nur Blinde besitzen, haben wir in den letzten Jahren allerdings konsequent zugeschottert und asphaltiert. Was zählt, ist der narzisstische Glanz der Oberfläche, auch wenn das dahinterliegende menschliche Wesen bereits darbt wie in einem Kerker, der vor jeglichem Sonnenlicht abgeschottet ist.

Krankheit als Kult

In seinem Buch „Die Narzissmusfalle“ berichtet der Kriminalpsychiater Reinhard Haller über eine eklatante Zunahme narzisstischer Persönlichkeitsstörungen, die schließlich im Sadismus endeten. Das Heischen der Narzissten nach ständiger Aufmerksamkeit durch ihre Umgebung vergleicht Haller mit dem Durst eines infantilen Kindes nach Muttermilch:

„Die narzisstische Epidemie ist aus- und das Zeitalter des Narzissmus angebrochen. Der Narzissmus steht an der Schwelle von der problematischen und krankhaften Störung zur geltenden Lebensauffassung … auf Schritt und Tritt begegnen wir narzisstischen Persönlichkeiten, im Job, in der Politik, in der Partnerschaft, Narzissmus ist zum Mainstream, ist zum Kult geworden. Wir befinden uns in einer Zeit zwischenmenschlicher Verrohung.

… Zum vollen Störungsbild des Narzissmus kommt neben Egozentrik, Empfindlichkeit und Empathiemangel noch ein viertes E: Entwertung und Erniedrigung des anderen. Ist vor allem dieses Element vordergründig, schöpft eine Person vor allem daraus ihren Selbstwert und versucht sich selbst aufzuwerten, indem sie andere Menschen stets erniedrigt und klein macht, liegt die schlimmste Art, der bösartige Narzissmus vor.“ (Quelle: diepresse)

Obwohl nicht nur Kriminologen, Psychologen und Pädagogen Alarm schlagen, sondern auch groß angelegte wissenschaftliche Studien bei Kindern und Jugendlichen einen exponentiellen Anstieg von Narzissmus nachweisen (siehe huffingtonpost), so beeifrigt sich zumindest der Spiegel, kritische Stimmen umgehend zu entkräften. So etwa den Praxisbericht der Psychotherapeutin Martina Leibovici-Mühlberger, die in ihrem Buch „Wenn die Tyrannenkinder erwachsen werden“ nichts weniger auf uns zukommen sieht als eine gesellschaftliche Katastrophe: eine nächste Generation, auf die man schlicht nicht mehr zählen könne, da unsere (Nicht-)Erziehung immer mehr Tyrannen und lebensuntüchtige Narzissten hervorbringe, die am Einstieg ins Berufsleben scheiterten und damit ein Heer an zukünftigen Sozialfällen. Ein vom Spiegel konsultierter Experte gibt sich über die These der Psychotherapeutin empört: „Ich kenne keine tyrannischen Kinder, nur verzweifelte, aggressive oder verwahrloste. Das Wort tyrannisch ist schlimm.“ Man solle Eltern damit nicht Angst machen oder sie beschimpfen (siehe Spiegel). Wie gut, dass wir den Spiegel haben, Deutschlands „Sturmgeschütz der Demokratie“, das zwar nicht müde wird, eine russische Bedrohung herbeizukonstruieren, aber das von realen Abgründen nichts wissen will.

Wie ist es möglich, dass der Narzissmus heute obenauf ist? War Narzissmus doch bisher in praktischen allen philosophischen Schulen der Menschheitsgeschichte zutiefst geächtet, vielfach sogar als noch gefährlichere Krankheit als die Pest angesehen und musste ein Anwärter, der in eine solche Schule aufgenommen werden wollte, mitunter tödliche Prüfungen bestehen, um seinen Lehrern zu beweisen, dass er gewillt war, den lebenslangen Kampf  gegen diese der menschlichen Seele anhaftende Krankheit aufzunehmen und sich zu Wahrheit und Authentizität zu entwickeln, so ist heute alles upside down und geradewegs umgekehrt: junge Anwärter müssen vor einer Promi-Jury unter Beweis stellen, dass sie willig sind, ihre innere Wahrheit und Authentizität restlos unterm Deckel zu halten und sich ganz dem narzisstischen Glanz der Oberfläche preiszugeben.

Versau‘ mir nicht die Show!

Wer zu wenig Sexappeal hat und nicht so wie Heidi Klum bereit ist, schon wenige Tage nach der Entbindung wieder ein Unterhosenshooting zu machen und lasziv die Beine zu spreizen, der ist draußen. In unzähligen Castingshows wird dem jungen Publikum breitenwirksam gezeigt, was denjenigen erwartet, der nicht alles gibt und den Joopbohlenklumshoot nicht schluckt: Er/sie kann einpacken und nach Hause gehen. Ausrangiert am Subprime-Markt, kann er/sie sich dann ins Katzenfutter faschieren lassen oder findet allenfalls noch eine Rolle als Statistin bei Stirb Langsam–Episode 4 („Hartz IV“).  So wie die junge Aminata, der während eines Castings am Laufsteg plötzlich dämmert, bei was für einer seelenlosen Kacke sie da eigentlich mitmacht und sich das gequälte menschliche Wesen hinter der glitzernden Fassade plötzlich in Form von Tränen Raum verschafft (siehe GNTM – Minute 2:00) – worauf die verdutzten Juroren zunächst mit geheucheltem Mitgefühl, dann aber sogleich mit handfester Empörung reagieren (Wolfgang Joop, die Faust ballend: „Damit hättest du mir jetzt meine Show versaut!“)

Mancher mag sich über solche TV-Formate amüsieren und sie eben als Entertainment abtun. Die grauen Samen der von Lusseyran verorteten Grausamkeit bzw. die daraus ersprießenden Disteln werden allerdings auch für sie Früchte tragen. Denn die Saat, die von einer perfektionierten Entertainment-Maschinerie in den letzten Jahren eifrig gegossen, mit Kunstdünger gedüngt und mit Glyphosat sortenrein gehalten wurde, beginnt nun millionenfach aufzusprießen. Über unsere Massenmedien breitenwirksam in die Herzen gestreut, ist jetzt eine ganze Generation bereit für „Roundup ready“ und das finale Blitzlichtgewitter-Shooting am Catwalk der digitalen Transformation.

Abgeschminkt

Allerdings werden die wenigsten der jungen Menschen, die gerade von Klum & Co. gecastet werden oder diese Ausbildung per Fernlehrgang am Flachbildschirm mitvollziehen, ein Rennen als Topmodel – oder als Gutverdiener im Großraumbüro – machen, so wie sich das derzeit viele Mode- und MINT-Studenten ausmalen und es ihnen in bewegten Bildern schmackhaft gemacht wird (siehe „Mercedes neue „Grow up“-Kampagne und Chomskys Dressur zu Habsucht, Passivität und Unterwerfung“). Die meisten werden auf den Boden der Realität zurückgeschmettert werden und unterbezahlte Hilfsdienste verrichten. Viele werden in unserer überalternden Gesellschaft auch in sozialen und Pflege-Berufen landen, wo sie uns dann mit ihren „Round up ready“-Qualitäten beglücken werden. Freudestrahlende und grinsekatzige Zeiten werden also anbrechen, wenn von Dieter Bohlen zu Egomanen gecastete Krankenpfleger und Ärzte unsere Altenpflege übernehmen und von Heidi Klum zu narzisstischen Erbsenprinzessinen gecoachten Lehrerinnen und Kindergärtnerinnen die Erziehung unserer Kinder in die Hände gegeben wird. Schon jetzt wird immer öfter darüber berichtet, wie Krankenpfleger es leid sind, unschmucke hilfsbedürftige Alte zu pflegen. Um sich diese unleidliche Arbeit vom Hals schaffen, kommen sie schon mal auf die Idee, dem Abgang der Alten nachzuhelfen (siehe swr). Oder der jüngste Fall des Krankenpflegers Nils H., der Intensivpatienten zum Herzversagen gebracht hat, um sie anschließend wiederzubeleben – und damit die Anerkennung seiner Kollegen zu erheischen. Mindestens 106 Menschen überlebten diese narzisstische Selbstinszenierung nicht (siehe Spiegel).

Zumindest wer das Glück hat, bei einer Krankenpflegerin zu landen, die in die Schule von Wolfgang Joop gegangen ist, der braucht diese Angst nicht zu haben. Ungezogenen Laufmädchen, die Joops Label durchlaufen, das er ganz unbescheiden „WUNDERKIND“ nennt,  zieht er unbarmherzig die Löffel zurecht. Auch wenn der Maestro im u.a. Video darüber flucht, dass er in seinem Pariser Wunderladen eine „Erziehungsanstalt abgeben muss“, den verzogenen jungen Frauen in ihrer bisherigen Schulausbildung also scheinbar noch nichts Ordentliches beigebracht wurde, Wolfang Joop macht es nicht so wie das Gros der heutigen Pädagogen und kapituliert einfach, sondern er biegt zurecht, was noch zu retten ist und schminkt ihnen ihre Verzogenheit wieder ab. Eine kurz vor der Erfüllung ihrer Träume am Pariser Wunderkind-Laufsteg stehende junge Dame, die sich nicht abschminken wollte, schickt er gnadenlos wieder nach Hause (siehe Youtube Minute 6:38 – 9:00), auch durch Tränen und späte Reue lässt sich der strenge Schulmeister nicht erweichen. Da nützt es auch nichts, dass sich der Engel, dem er nun die Tür weist, noch kurz zuvor ganz zu Füßen des Modegotts bzw. sich ihm in rosa Unterhose um den Hals gelegt hat (siehe Youtube).

Aber was soll’s, warum an einem Programm herumkritteln, das doch einfach nur zu unser aller Beglückung angesagt ist? Sogar altbackene Politiker wie Altbundespräsident Joachim Gauck, die selbst aus undatierbaren fossilen Zeiten stammen, haben kein Problem mit der postmodernen Glüxsucht und der Lust am narzisstischen Schein, sondern finden diese prima. „Die jungen Menschen in Deutschland sind einfach glückssüchtig“, meinte Gauck verklärt lächelnd.

Angesichts der rosigen Zeiten, die uns also bevorstehen, wäre es nun wirklich an der Zeit, dass all die sauertöpfischen Crash-Propheten und Verschwörungstheoretiker endlich einpacken … das Paradies der digitalen Gesellschaftstransformation und des Axolotl-Bürgers naht. Wer in diesem Paradies Dantes Eishölle zu erkennen vermeint und nicht bereit ist, sich seine Individualität abzuschminken und eine „weiße Leinwand“ für die Chefdesigner abzugeben (Joop im o.a. Video), hat am Wunderkind-Laufsteg nichts verloren.

Epilog zum Thema Narzissmus: siehe Endzeitpoesie 4.0

 


Fotos:
(li.) Dieter Bohlen / Blecmen / English Wikipedia / CC BY-SA 3.0
(mi.) Heidi Klum / Hytok / flickr / CC BY
(re.) Wolfgang Joop / StagiaireMGIMO / Wikipedia / CC BY-SA 4.0  

Der ferngesteuerte Hass der Arbeitslosen … und Ausländerfeinde…

Digital StillCamera

Mittwoch, 22.6.2016. Eifel. Ja, wir haben merkwürdige Phänomene in unserer Zeit zu beobachten. Jedenfalls – sagen das die Medien. Oder – sagen wir mal so: sie tasten sich vorsichtig heran wie Margarete Stokowski (siehe Spiegel): sie hat eine ganze Reihe von Fragen, die sie wohl nicht wirklich beantwortet haben möchte. Nun – es gibt trotzdem Menschen, die das tun – in den Leserkommentaren. Es geht bei Frau Stokowski um Kritik, Hetze und Hass – und sie möchte die Leser mit ihren Fragen wohl irgendwo hinführen, wie ich den Kommentaren entnehme, gab es auch welche, die standen nach der Fragendusche völlig verwirrt im Wörterwald herum, hilflos und verlassen.

Es ist nur eine kleine Anekdote über einen kleinen Artikel, und doch stört daran etwas – eine unterschwellige Botschaft, die im Titel steckt: „Kritik“ wird automatisch gleich gesetzt mit Hetze und Hass. Ja – da sind wir im Jahre 2016 angekommen: wer die rechte Bundeskanzlerin aus der rechten CDU kritisiert, ist ein hetzender, hassender rechter Nazi. „Links“ gibt es in dieser Republik nicht mehr, für „Links“ schämt man sich im Lande des perfektionierten Turbokapitalismus – und was an offiziell „linker“ Kultur geduldet wird, sind Frauen wie Jutta Ditfurth, die mit ihrer hasserfüllten Rhetorik an die schlimmsten Eiferer des Dritten Reiches erinnern, Hand in Hand mit der Amadeu-Antonio-Stiftung, die ebenso kräftig an der „Nazifizierung“ elementarer kapitalismuskritischer Themen arbeitet oder eine (angebliche) „Antifa“, die mit Methoden aus dem Baukasten der SA und SS weit jenseits des jahrhundertealten linken, pazifistischen und dialogorientierten Selbstverständnisses für eine Kultur der Angst und des Schreckens im Land sorgen (und so nebenbei für den Ruf nach noch mehr „Sicherheit“ verantwortlich sind).

Es ist eine interessante kleine Welt, in der diese „Restlinken“ leben: sie besteht nur noch aus dem, was früher mal das „Establishment“ genannt wurde und Nazis in allen Farbschattierungen, vor denen sie das Establishment mit aller zur Verfügung stehenden Kraft schützen wollen, um dem Jobcenter zu entkommen – oder noch mehr Bücher verkaufen zu können. Aber – huch: ich äußere ja gerade Kritik – am herrschenden System. Das wird mir wieder den Titel „Nazi“ einbringen.

Dieses System hat natürlich mehr Angst vor „Rechten“ als vor „Linken“. Linke sind von Natur aus sehr friedliche, soziale, humanistisch gesinnte Gesellen, die nichts am Hut haben mit planmäßigen, militärisch geführten Feldzügen gegen staatliche oder gesellschaftliche Institutionen, Linke diskutieren gerne, bilden Konsens, suchen nach friedlichen Alternativen – Rechte schlagen gerne zu … gehen deshalb mit großer Begeisterung zur Bundeswehr. Oft: weil sie gar nichts anderes können, nie weitere Formen der Kommunikation gelernt haben noch zur Einsicht fähig sind, warum diese für alle einen Gewinn bilden. Was Rechte damit auch tun: sie greifen die Säule des Staatswesens an: das staatliche Gewaltmonopol – was letztlich dazu führen kann, dass das Personal der Plutonomie (der internationalen Wirtschaftsform der Superreichen, wir berichteten) nicht pünklich zur Arbeit kommt. Rechte meinen es Ernst mit ihrem Hass, ja: mir dünkt sogar, dass Hass ihre elementare Triebkraft ist, die – so mein Eindruck – oft aus mangelnder oder übertriebener Selbstliebe kommt. Es ist gerade ihr Hass, der Angst macht: Hass will schaden – schnell ist das geliebte Eigenheim des Herrn Direktors angezündet, der hoch geschätzte SUV zu Sondermüll gemacht, der Weg zum Arbeitsplatz mit Bomben gesäumt, die Ehefrau oder die Kinder entführt: Rechte kennen da keine Hemmungen. Ich meine: deshalb sind Nazis ja böse, oder? Weil sie ihre politischen Ziele hemmungslos mit Gewalt durchsetzen – aber noch nicht mal damit aufhören, wenn sie gewonnen haben, ihr Hass trachtet nach der völligen Vernichtung des „Feindes“.

Ja – der Hass. Verantwortlich für so viel Leid und Elend – und doch kaum erforscht. Woher stammt eigentlich dieses Gefühl? Woher stammt eigentlich diese neumodische Kultur, die von uns verlangt, jedes Gefühl sofort ausleben zu müssen? Wo ist eigentlich die Kultur geblieben, die uns zeigte, wie wir uns vom Tier unterscheiden – jene Kultur, die uns lehrte, Herrscher unserer Gefühle zu werden – und nicht ihr Opfer zu bleiben? Nun – im Rahmen der gezielten Züchtung des Konsummenschen brauchten wir ein Klima das „alles jetzt sofort – und zwar schleunigst“, und zur Produktion dieses Klimas brauchten wir einen Menschentypus, der von oberflächlichen Gefühlen durchs Leben getrieben wird, ohne selbst jemals ein eigenes Leben zu entwickeln … und der lebt seine Lust auf Kaffee, Sportwagen, Sex und Menschenhass gleichermaßen offen und sofort aus, so wie der es gelernt hat.

Hass – war meine erste philosophische Arbeit mit 17 Jahren im Rahmen einer privaten Philosophie AG, die ein junger Referendar für Recklinghäuser Schüler eingerichtet hatte, weil seine Erfahrungen zeigten, dass man Philosophie nicht in staatlichen Schulen lehren kann – sehr bezeichnend für des Land der Dichter und Denker (viel später merkte ich, wie sehr er recht hatte – doch das ist eine andere Geschichte). Ich horchte zu dem Thema in mich hinein – und erkannte, dass Hass etwas Reaktives ist, immer und überall (und lernte gleichzeitig, dass alle „All-Quanten“ unsinnig sind – doch das ist auch ein anderes Thema). Mir stand klar vor Augen: Hass entsteht dann, wenn etwas, dass man liebt, verletzt wird – und zwar dauernd. Lese ich heute philosophische Texte zum Thema Hass, so merke ich: die Wissenschaft ist immer noch nicht weiter (außer in Sonderfällen, wo Krankheiten definiert wurden, Psychopathen und Soziopathen, deren Hass gegen alles und jeden direkt aus ihrem Charakter entspringt).

Testen wir doch mal diese These. Warum wurden Juden gehasst? Weil sie für Reichtum standen (zudem für den Reichtum einer äußerlich solidarisch erscheinenden Elite), während das Volk sein geliebtes Leben in krasser Armut und erdrückender Verachtung ertragen musste (dafür waren Juden zwar nicht selbst verantwortlich, aber es gab genug interessierte Kreise, die von sich selbst ablenken wollten – und das bis heute erfolgreich tun). Warum werden Kinderschänder gehasst? Weil sie das verletzen, was Menschen am meisten lieben: ihre Kinder. Warum werden Arbeitslose gehasst? Weil sie die auf zwei Beinen daherkommende Anklage sind, dass in Deutschland wirklich nicht alles „gut“ ist, so, wie es die übersatten Schlipsträger gerne hätten – oder weil sie die Realität von schmerzvollen Zuständen zeigen, die einem selbst drohen könnten.

Auch heute noch würde ich die gerade aktuelle öffentliche Definition von Hass (siehe z.B. Zeno.org) auf dieses Problem des Liebesmangel zurückführen – man muss nur berücksichtigen, dass Eifersucht, gekränkte Ehre, Neid, Eigensucht Reaktionen eines narzisstischen Charakters sind – der ebenfalls von der allmächtigen Werbeindustrie mit großer Gewalt gefördert wird und sich großer Zuwachsraten erfreut.

Doch „Liebe“ – kann in unserer Zeit gar nicht mehr diskutiert werden. Das ist vielen bewusst – doch wird nicht mehr darüber gesprochen. Wer über Liebe reden will, dem wird ein Pornofilm gereicht, was als erschöpfende Beschreibung von „Liebe“ gilt … Liebe zur Landschaft, zu Kindern, zu Eltern, zur Musik, zur Malerei, zu Wolken, Bäumen, Blumen und Tieren, zu Idealen oder zur Arbeit – nicht mehr vorhanden, außer bei „sozialromantischen“ Spinnern. Reste davon finden sich noch im Fußball, wenn man sein Nationalfähnchen schwenkt – doch „Nation“ ist ein zufälliges, inhaltsleeres Liebesobjekt, nur wichtig für jene, die sich ihrer Selbst nicht hinreichend bewusst sind und deshalb „Deutscher“ sein müssen, weil es zum Menschsein nicht reicht und man sich ungern allein fühlen möchte.

Reden wir also nicht über die Liebe, reden wir über den Hass. Reden wir – über die Quelle des Hasses: die lieblose, willkürliche, systematische Ungerechtigkeit. Hierin ist Deutschland gerade wieder Weltmeister (siehe Huffington-Post):

„Denn obwohl es dem Land so gut wie lange nicht geht, wird die Ungerechtigkeit immer größer. In den vergangenen 20 Jahren hat sich das Geld immer ungleicher verteilt. Sehr, sehr wenige Deutsche haben mehr als die Hälfte davon. Und ALLE anderen müssen mit dem Rest auskommen.

Diese Entwicklung ist laut einer internationalen Studie von 2011 sogar so stark wie in keinem anderen der 34 untersuchten Länder. Das muss man sich einmal vorstellen! Diese Ergebnisse sind seit Jahren bekannt und trotzdem spricht kaum jemand davon. Und eine aktuelle Untersuchung von 2015 zeigt, dass es noch schlimmer geworden ist.

Die Experten haben anhand ihrer Studien eine ganze Reihe an Katastrophen in Deutschland entdeckt, die ignoriert werden. Politiker und Wirtschaftsbosse sprechen nur davon, wie fortschrittlich und stark Deutschland ist. Natürlich tun sie das, denn sie werden immer reicher und mächtiger.

Doch wie kann es einem Land gut gehen, in dem jedes fünfte Kind unter der Armutsgrenze lebt? Das sind 2,1 Millionen (!) Mädchen und Jungen. Damit ist die Kinderarmut laut den Experten größer als in Ungarn und Tschechien.“

Wissen Sie, was sie da gerade lesen? Das ist „Hetze“. Versteht man aber nur, wenn man zu jenen gehört, die an den deutschen Zuständen gut verdienen – was die gesamte, angestellte Medienwelt betrifft. Hetze ist geeignet, „Hass“ zu produzieren – zum Beispiel bei jenen, die Kinder haben und wissen, was die Kinderarmut kostet: letztlich unser ganze Zukunft. Verinnerlichen Sie dann, dass man gerade eine Million junger Menschen aus dem Ausland importieren möchte, damit sie die Lücken füllen, die durch die Kinderarmut entsteht, dann können Sie auch verstehen, warum Heime für Asylbewerber brennen. Die Rechten reagieren so – während die Linken noch debatieren. Aber – die tun was. „Mach´, was zählt“ – so wirbt die Bundeswehr um Nachwuchs und erklärt nebenbei, dass Stalin und Mao recht hatten: es zählen nur Gewehre, nicht Worte. Gewinner ist, wer die Gewehre am besten einsetzt.

Hoffentlich noch nicht zu kompliziert? Erklärt und nämlich ein Phänomen, dass seit den letzten Wahlen die Republik umtreibt: Arbeitslose – selbst Ziel von Hass, Verachtung und Ausgrenzung durch sogenannte „gutbürgerlicher“ Schichten – laufen in Scharen zur AfD über (siehe Zeit), obwohl deren Politik nicht gerade ihren Interesssen dient. Früher wurden in der AfD sogar Professoren toleriert, die Arbeitslosen empfahlen, ihre Organe zu verkaufen, um Überleben zu können – so weit sind wir schon wieder, soviel Verachtung herrscht in den Köpfen der vom Steuerzahler fürstlich honorierten „Elite“.

Nun – früher (vor zehn Jahren) wurde ich dafür angegriffen, als ich sagte: Hartz IV wird den Rechtsradikalismus stärken. „Du kannst doch nicht allen Arbeitslosen unterstellen, dass sie rechtsradikal sind“ – hies es, und der Vorwurf war berechtigt. Ich kann aber vielen Arbeitslosen unterstellen, dass sie die Zustände und Verantwortlichen hassen werden, die sie in diese lieblosen Realitäten versetzt haben, schließe ich dann, dass „Rechte“ schnell „machen, was zählt“, so weiß ich, wem sie für eine Weile folgen werden – weil erstmal alles zerschlagen werden muss, was schmerzt, damit es besser werden kann.

Der Hass wird sich auch noch mehr ausbreiten. Moderne, junge, smarte, erfolgreiche Unternehmer arbeiten mit Hochdruck daran – wie Jeff Bezos von Amazon. Bei ihm klingen Kündigungen jetzt ganz frisch und „positiv“ (siehe Watson.ch):

„Wird jemand gefeuert, dann verschickt der Gruppenchef ein Mail mit folgendem Inhalt: «Team, wir wollen euch bloss mitteilen, dass Person X soeben erfolgreich abgeschlossen hat und wir sehr erfreut sind, dass sie nun ihre Superpower beim nächsten grossen Abenteuer anwenden wird.» “

Trifft dies einen 22-jährigen, mag man das noch gelassen hinnehmen – für Ältere hingegen ist es das soziale Todesurteil. Hören wir noch ein wenig hinein in die Sprache der Menschenfeinde, die sich immer offener ans Tageslicht trauen:

„Wie widerlich dieses Vorgehen sein kann, zeigt Lyons am Beispiel einer 35-jährigen Kollegin auf. Sie war vier Jahre lang für das Unternehmen tätig. Eines Tages erklärte ihr 28-jähriger Vorgesetzter, sie hätte zwei Wochen, um zu verschwinden. Am letzten Tag organisierte er eine Abschiedsparty für sie und verabschiedete sie mit Worten wie «Wir sind alle Rockstars» und «Wir werden die Welt verändern». “

Wenn jetzt Hass bei Ihnen hochkommt: nur zu, das ist eine natürliche Reaktion: hier wird die Wahrheit brutal vergewaltigt. Und „Liebe zur Wahrheit“ ist ein sehr edler Charakterzug, bringt Sie in die Nähe großer Philosophen. Wir merken schnell: nicht der Hass an sich scheint schlimm, sondern die Ursache, die ihn in die Welt setzt. Wer nur den Hass bekämpft, die Ursachen aber missachtet, der ist schnell in einer Situation, wo er Schmerzmittel bringt anstatt die Krankheit zu heilen.

Hass – kann man gezielt züchten. Man muss nur schauen, was die Menschen lieben (viele lieben „ihr Land“, was wir ja durch den Kult um unsere Nationalmannschaft gezielt fördern), und dies dann gezielt verletzen: schon bekommt man seinen Hass. Die Förderung dieses Hasses geschieht aber schon längst auf hochindustrielle Art und Weise, das haben – wie vieles andere auch – schon längst Roboter übernommen (siehe Zeit):

„Immer mehr Roboter wie Tay, sogenannte Social Bots, greifen mit Hetzkommentaren in die Leserdebatten der sozialen Netzwerke ein und lenken die Diskussionen im Auftrag obskurer Auftraggeber in eine bestimmte Richtung. Ganze Nutzerprofile werden von Computerprogrammen angelegt und mit Menschlichkeit und damit zugleich mit Glaubwürdigkeit erfüllt: Die Roboter-User posten erst von einem erfundenen Frühstück, dann etwas Belangloses über ihre „Freunde“ und schließlich Hetzkommentare etwa zur Flüchtlingskrise.“

Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit noch ein wenig auf diese Problematik lenken – damit Sie sehen, welche Dimensionen der künstlich gesteuerte Hass annimmt:

„Wie viele Bots genau in den sozialen Netzwerken unterwegs sind, weiß niemand, ihre Zahl dürfte aber gigantisch sein. Bis zu 20 Prozent aller Twitter-Nutzer, schätzt Hegelich, könnten Social Bots sein – mit stark wachsender Tendenz. Facebook schätzt die Zahl der Bot-Accounts weltweit auf rund 15 Millionen – eine enorme Zahl, die die sozialen Netzwerke zum fruchtbaren Nährboden für staatliche und terroristische Propaganda macht. Hegelich fand bei einer Auswertung von Twitter-Daten „gesicherte Erkenntnisse“ für 15.000 ukrainische Twitter-Bots.“

Ein spannender Artikel. Man würde sich wünschen, dass man mehr über die Konstrukteure und Auftraggeber erfährt, denn … es verunsichert etwas, in diesem Zusammenhang über „staatliche Propaganda“ zu hören.

Soll ich etwa den Verdacht bekommen, dass „Hass“gezielt gesät wird? Dass der Hass der „Arbeitslosen“, der sie zur AfD treibt, gezielt gesät wird (das der Hass auf Arbeitslose gezielt entfacht wurde, hatte andere Studien schon hinreichend bewiesen)?

Warum nicht: nach Noam Chomsky habe wir hier nur die Erscheinungsformen von Strategie Nr. 5 und 8 im Blitzkrieg der Lumpenelite gegen die Demokratie (siehe Nachrichtenspiegel) … und somit einen hinreichenden Anfangsverdacht, wer denn die ominösen Bots mit ihren präzise berechneten Hassbotschaften in die Welt sendet.

Und wir sehen, dass wir gar nicht beim endlosen Fragen stellen bleiben müssen – wir finden ganz leicht auch unangenehme Antworten.

 

 

Rotary und der Antichrist: eine Frage der Moral

Sonntag ist, Deutschland im April 2011. Kürzlich haben wir die Rotarier kennengelernt, eine wundersame Verschwörung anständiger Menschen. Wie anständig die wirklich sind, konnten wir später im Detail betrachten. Es muß schon merkwürdig sein, einer Gesellschaft anzugehören, wo alle Freunde von ... Augusto Pinochet sind und sich verpflichten, noch mehr Freundschaften für diesen Menschenschlächter dazu zu gewinnen. Zumindest Angela Merkel und Christian Wulff, momentan Kanzlerin bzw. Präsident der Bundesrepublik Deutschland, scheinen kein Problem mit diese Freundschaft zu haben. Beide sind Rotarier und fühlen sich wohl dabei.

Sonntag ist, Deutschland im April 2011. Kürzlich haben wir die Rotarier kennengelernt, eine wundersame Verschwörung anständiger Menschen. Wie anständig die wirklich sind, konnten wir später im Detail betrachten. Es muß schon merkwürdig sein, einer Gesellschaft anzugehören, wo alle Freunde von … Augusto Pinochet sind und sich verpflichten, noch mehr Freundschaften für diesen Menschenschlächter dazu zu gewinnen. Zumindest Angela Merkel und Christian Wulff, momentan Kanzlerin bzw. Präsident der Bundesrepublik Deutschland, scheinen kein Problem mit diese Freundschaft zu haben. Beide sind Rotarier und fühlen sich wohl dabei.

Nebenher jedoch gab es auch andere Töne: Rotarier als fünfte Kolonne des Antichristen, wobei im Falle unseres Bundespräsidenten der Antichrist gleich mehrfach auftrat – nicht nur durch die Rotarier, sondern auch durch den Einfluß des Sektenpredigers Billy Graham auf „Pro Christ“ in Deutschland, wofür sich unser Präsident ja auch sehr stark macht.

Da gerade Sonntag ist und viele Geistliche gerade vor leeren Kirchenbänken predigen, vielleicht einfach mal eine Gelegenheit, diesen Aspekt näher zu betrachten. Wir finden schon etwas zu diesem Thema im Internet, ein Pfarrer im Ruhestand bei aktion-leben-fulda:

Aus der Bibel wissen wir, daß zuvor der Antichrist kommt und seine Schreckensherrschaft aufrichtet. Seine
Wegbereiter sind jahrhundertealte Geheimorganisationen, zwielichtige Hintergrundmächte und zersetzende
Strömungen. Gemeinsam arbeiten sie nicht nur im atheistischen Sinn, nicht nur ohne Gott oder mit einem fraglichen
Gottesbegriff, sondern oft auch im antitheistischen Sinn: gegen Gott und daher besonders erbittert gegen Jesus Christus.
Sie planen einen Welt-Staat und eine Welt-Kirche als ihren Herrschaftsraum und als das Mittel, die Menschheit zu
verblenden und auszuplündern, sie dem kommenden Antichristen gefügig zu machen.
Wie ein roter Faden zieht sich durch die endzeitlichen widerchristlichen Bewegungen die Verehrung Luzifers (Lichtbringer, ein gefallener Engel, eine besondere Bezeichnung für den Satan), und damit der Versuch, ihn auf den Thron zu
setzen. In ihm haben wir das Haupt aller Verführer und Verführungsmächten zu sehen, den Verführer. In der Bibel wird
er Satan oder Teufel genannt.

Es wird natürlich schwer, mit Herrn Wulff über den Teufel zu sprechen – und das nicht, weil Herr Wulff auch vor einer Freundschaft mit Carsten Maschmeyer nicht zurückschreckt, dessen Organisation tausende von Menschen in Hartz IV getrieben hat, sondern weil wir uns in Deutschland einer besonderen Form von Christentum gegenübersehen, die mit der eigentlichen christlichen Botschaft nichts mehr zu tun hat. Theologisch korrekt wurde der Teufel als Widersacher Gottes aus dem Denken eleminiert – auch wenn die Quelle des christlichen Glaubens, das Neue Testament – voll ist von Teufeln, Dämonen und einem obersten Feind.

Umso schwerer dürfte es sein, die Vorwürfe an die Rotarier aufrecht zu erhalten, die sie in Verbindung mit antichristlichen Umtrieben bringen. Ich möchte mich aber auch gar nicht in die theologischen Debatten einmischen, die sowieso nur Eingeweihte nachvollziehen können. Ich möchte mich nur im Rahmen der Werte der christlichen Leitkultur bewegen, die der Rotarier Friedrich Merz so schön ins Gespräch gebracht hat – auch ohne zu wissen, wovon er da eigentlich redet.

Wer nun an christliche Werte denkt, wird sofort Moses und seine Gebotstafeln in Erinnerung haben … jedenfalls ihre zweite Version. Die erste hat er ja vernichtet, nachdem er gesehen hat, das das Volk lieber wieder ums goldene Kalb tanzt. Mich hat schon immer interessiert, was denn in der Erstausgabe stand, aber das werden wir wohl nicht erfahren. Findige Theologen haben mir versichert, das die zweite Version aus zwei verschiedenen Quellen stammt, sozusagen vom Volk Israel ausgeliehen wurde. Ganz normale Gebote für Nomadenvölker, die – wie oft bei Nomaden – ein einen Himmelsgott glauben.

Es spricht ja auch weltweit nichts dagegen, nicht zu töten, zu lügen, zu stehlen oder seinen Nächsten mit übler Nachrede zu überziehen. So was gilt von Kapstadt bis zum Nordkap. Das ist noch keine kulturelle Glanzleistung – obwohl manch ein anständiger christlicher Rotarier schon mit diesen einfachen Anforderungen überfordert scheint.

Das Christentum selbst – in der Person des Jesus Christus – gibt hier nur eine Regel: „Lieben Deinen Nächsten wie Dich selbst“. Und es gibt auch einen zentralen Gegenwert vor, einen „Antiwert“, der dazu führte, das (der Legende nach) der höchste, hellste, strahlendste Engel auf die Erde geworfen wurde: Hochmut.

Meint man mit „Selbstüberschätzung“ eine Überbewertung eigenen Könnens, so zielen Hochmut und Arroganz auf soziale Distanz. In Haltung und Umgangsform werden sie durch Anstand und Höflichkeit gezügelt. Den Hochmut begünstigende Ursachen sind Eitelkeit und Narzissmus.

So definiert es Wikipedia.

Hochmut ist nicht nur eine der sieben Todsünden, sondern es ist DIE Sünde, die überhaupt erst einen Widersacher in die Schöpfung hineingebracht hat. Das wird gerne übersehen – und die Kirchen passen sich hier auch gerne an. Hochmut führt zur schlimmsten Sünde, selbst für die besten Engel: den Abfall von Gott.

Die Eindeutigkeit christlicher Wertvorstellung bzgl. des Hochmuts wird von einem ambivalentenBegriff abgelöst, der diesen (in Ermangelung eines allgemeinverbindlich anerkannten Wertekanons) unauflösbaren Konflikt zwischen der grundlegenden Gleichheitsforderung und der mehr oder minder realitätsgerechten oder angemaßten persönlichen Überlegenheit (vgl. Coolness als zeitgemäßes Persönlichkeitsideal) eines Einzelnen allenfalls pathologisieren und ihm als Narzissmus therapeutisch begegnen kann: Der Narzissmus des Einen (war und) ist die Arroganz (der Hochmut) des Anderen.

Wir als moderne Menschen kennen „Hochmut“ kaum noch, dafür feiern wir unsere Form umso deutlicher: den Narzissmus, eine Form des Verhaltens, die nicht weniger teuflisch ist als der Hochmut, den sie ersetzt hat, siehe „Die narzistische Gesellschaft“, zitiert bei gesundheit-heines

Maßlosigkeit sowie eine ausbeuterische Haltung sich selbst und anderen gegenüber prägen das Lebensgefühl unserer Gesellschaft – beides sind typische Kennzeichen eines krankhaften Narzißmus. Dazu gehören auch der rücksichtslose und selbstsüchtige Umgang mit den Rohstoffen der Erde, die Zerstörung der Umwelt und der exzessive Abbau von Rohstoffen.Leere und Langeweile nannten wir als weitere Symptome. Um sie zu überwinden und umsich selbst zu spüren, werden zunehmend stärkere Reize gesucht. Durch das Leben in Extremen, durch Perfektionismus und Vollkommenheitswahn entfernt sich der ‚angepaßte’ Mensch immer weiter von seinen wahren Gefühlen.

Auf einmal sind wir weit entfernt von theologischen Debatten, weit entfernt von der Existenz eines Teufels (oder eines Gottes), dafür aber mitten drin in der „modernen Gesellschaft“ – jener Gülle, die sich vor unserer Tür ausbreitet.  Die Wurzel jedoch, die Ursache – ist die Gleiche. Früher nannte man sie Hochmut.

Wie fühlt sich nun ein Rotarier, ein christlicher, anständiger Mensch, der nach folgendem Motto lebt, nochmal Peter Wendlich, Die Macht der Geheimbünde, Bassermann 2006, Seite 151:

“Das Zahnrad auf blauem Grund hat sich aus einem einfachen Sechs-Speichen-Rad entwickelt uns soll das offizielle Rotationsprinzip symbolisieren. Im Knopfloch getragen, weist es den Träger als Zugehörigen zu einem “besseren Kreis” aus, der die Entwicklungsstufe zum Menschen nach dem Motto “Affe-Mensch-Rotarier” erfolgreich hinter sich gelassen hat. ”

Da wird aus dem Rotarier ein Rot – Arier. Arier haben wir schon kennengelernt – in einem der dunkelsten Kapitel der menschlichen Zivilisation und in DEM dunkelsten Kapitel des deutschen Volkes. Sie sind auch wieder unterwegs, predigen ganz offen ihre Arbeitslosenvernichtungsphantasien, die genau des Gegenteil von „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“ darstellen: hier durchdringen antichristliche Werte schon so banale Themenfelder wie „Beschäftigungspolitik“.

Nun den gleichen Schluß zu ziehen wie der Eingangs zitierte Pfarrer würde in meinen Augen zu weit führen. Ich kann nicht über den Wahrheitsgehalt von Verschwörungstheorien urteilen, warne nur davor, zu einfach zu denken. Schnell ist man bei Goebbels angelangt, der 1926 in sein Tagebuch folgenden Satz schrieb, siehe Wikipedia.

„Der Jude ist wohl der Antichrist der Weltgeschichte.“

Später war es seine Bewegung selbst, die Formen annahm, die deutliche Züge einer antichristlichen Hölle annahm. Heute wird immer noch der Jude als Antichrist an den Pranger gestellt – oder Bill Gates, Barrack Obama sowie der Papst selbst. Diskussionen dieser Art kann man getrost den jeweiligen Sekten überlassen, die dort ihre Fähigkeit zum Bau gigantischer Hypothesenkomplexe demonstrieren, die – nebenbei erwähnt – trotzdem wahr sein könnten. Wir bleiben lieber bei der Psyche des Menschen, seiner Seele, seinem Charakter. Um die Nähe des Rotariers zum Antichristen zu belegen – und zwar so, das auch gestandene Rotarier selbst verstehen können, auf welchem Weg sie sich dort befingen – brauchen wir nicht in die Kiste der christlichen Legenden zu greifen. Es reicht, wenn wir auf das Reich der Werte verweisen, auf die Folgen des Hochmutes und die Gefahren, die in ihm stecken.

Hieraus allein ergibt sich schon eine teuflische Dimension, die Deutschland in der Person Adolf Hitlers erleben durfte, siehe Deutschlandradio in einer Reflexion über Hitlers „Religion“:

Die Münchener studentische Widerstandsgruppe „Weiße Rose“ um die Geschwister Scholl wollte den verblendeten Zeitgenossen die Augen öffnen:
Jedes Wort, das aus Hitlers Munde kommt, ist Lüge. Wenn er Frieden sagt, meint er Krieg, und wenn er in frevelhaftester Weise den Namen des Allmächtigen nennt, meint er die Macht des Bösen, den gefallenen Engel, den Satan.

So kann man werden, wenn der Hochmut die Vorstellung von der Wirklichkeit bestimmt. Hält man sich selber für den Besten und Größten, zur einsamen Elite, ist es bis zum Hochmut nicht mehr weit – und vielleicht ist es in einer narzisstischen Gesellschaft auch gerade der Hochmut, der Voraussetzung für eine steile „Karriere“ ist. Demut (siehe Wikipedia) … scheint da nicht so nützlich zu sein:

Die Demut spielt im jüdischen und christlichen Denken eine besondere Rolle. Im Alten wie im Neuen Testament ist Demut eine wesentliche Eigenschaft des wahren Gläubigen, desjenigen, der mit Gott im Reinen ist. Die Wurzel des verwendeten hebräischen Wortes enthält die Bedeutungen von „sich beugen“ oder „herabbeugen“. Demut wird im Alten Testament dem Hochmut entgegengesetzt (Sprüche 29, 23).

Rotarier scheinen offiziell der Demut verpflichtet. „Selbstloses Dienen“ ist ein hoher christlicher Wert – doch bis der Anruf kommt, der Ritterschlag, der einen über die normale Menschheit und den Affen erhebt, bis man in die Lage kommt, „selbstlos Dienen“ zu dürfen, muss man lange den Weg der narzisstischen Gesellschaft gegangen sein … außerordentlich erfolgreich auch gegen jede Form der Konkurrenz. Hitlers selbstloser Dienst am deutschen Volke mag ein warnendes Beispiel dafür sein, welche Formen diese Floskeln annehmen können, wenn sie vom Hochmut gespeist werden … oder aktuell wieder auftauchende Widerlichkeiten, siehe Welt:

„Das ist eine gängige Masche bei Menschenhandel, und das Gewerbe ist lukrativ, in Europa sitzen finanzkräftige Kunden, die Kinder als Sexsklaven kaufen“, sagte ein Ermittler.

Hochmut als Triebkraft des Bösen macht vor dem Kinde nicht halt. Der „bessere Mensch“ – auch in seiner Form als Rot-Arier – kann sich aufgrund seiner moralischen Sonderstellung über die Gesetze der niederen Menschen erheben, so wie die sich über das Regelwerk der Affenhorde hinwegsetzen. Hier gelten andere Gesetze, die Gesetze des Erfolges, der Leistung, des Reichtums … völlig unabhängig davon, mit welchen Methoden dieser Reichtum erworben und zu welchen Zwecken er missbraucht wird. Der Hochmut ist niemandem Rechenschaft schuldig, führt sogar bei höchsten Engeln dazu, das sie sich größer, mächtiger, wichtiger und hübscher fühlen als Gott selbst.

Warnungen jener Menschen, die Rotarier für eine fünfte Kolonne amerikanischer Satanisten halten, sind mit Vorsicht zu genießen. Schnell ist der Hochmut auf Seiten der Ankläger … wie auch „Grüne“ schnell zu hochmütigen „Edelmenschen“ verkommen, die sich über die bloße unökologische Masse souverän erheben. Der Hochmut selbst jedoch kann mit großer Sicherheit als teuflisch, satanisch beschrieben werden – oder einfach als asozial, wenn man die religiöse Begrifflichkeit meiden möchte.

Insofern ist der Vorwurf an die Freundschaftsbündnisse der Rotarier, sie würden eine gewisse Nähe zu antichristlichen Strömungen pflegen, gut begründet – nicht aus der Sicht des Sektenkundlers, aber aus der Sicht der Ethik und Moral. Es ist ein Verein zur Vereinigung von Menschen zur Pflege von Freundschaften von Menschen, die antichristliche, hochmütige Werte leben – im Mäntelchen des Gutmenschen, der selbst den Hochmut noch durch geheuchelte Fürsorge auf die Spitze treibt.

Somit wundert es nicht, das man im Kern kein Problem damit hat, „Freund“ von Augusto Pinochet zu werden. Man hat auch kein Problem damit, den Sozialstaat abzubauen (aber kräftig zuzugreifen, sofern das eigene Kapital auf der eigenen Bank in Gefahr ist), Atomkraft zu fördern (solange man nur selbst weit genug weg wohnt), Preise abzusprechen (sofern man sie selbst nicht bezahlen muss), Vermögen mit windigen Betrügereien anzuhäufen, Gammelfleisch zu vermarkten, die Weltwirtschaft durch verantwortungsloses Handeln an den Rand des Ruins zu bringen, die Umwelt großflächtig zu vernichten oder sich hemmungslos am Gemeinschaftseigentum oder an Kinderarbeit zu bereichern.

Und so bastelt man real und wirklich jenseits der freundlichen Bastelnachmittage für behinderte Kinder an einer menschlichen Zukunft, die jener ziemlich ähnlich ist, die sich der Teufel – wenn es ihn denn gäbe – nicht besser hätte ausmalen können.

Es sind die Menschen, die sich selbst für die Krone der Schöpfung halten, die kein Problem damit haben, unwertes Leben in Konzentrationslagern zu vernichten. Sie sind immerhin „gut“, womit all ihre Taten „heilig“ werden, wie bestialisch sie auch sein mögen.

Die Demütigen kommen erst gar nicht an die Macht – sie teilen ihr Vermögen frühzeitig.


 

Winnenden: Amokläufe, Lebensberechtigungsschein und eine verpasste Chance

Ich würde gerne mal „unter den Tisch“ gucken. Dorthin, wo alles gekehrt wird, was nicht paßt. Ich denke, dort wird man ein kleines Wunder erleben: ganz ganz viele Dinge auf ganz wenig Platz. Zum Beispiel die Tatsache, das es eine ganze Reihe von blutrünstigen Diktatoren in der Welt gibt, denen wir unsere Arbeitsplätze verdanken, das unser Kaffee mit Kinderblut gedüngt wird sowie eigentlich unser ganzer Lebensstil von der Ausbeutung von Frauen und Kindern abhängt, genau wie vor einhunderfünfzig Jahren. Nur wohnen die inzwischen so weit weg, das ihr Elend uns nicht mehr täglich in die parfümierte Nase steigt.

Was ganz neu unter dem Tisch zu finden ist – neben Kunduz, dem Verlust des Afghanistankrieges oder den sinkenden Aufträgen der deutschen Industrie ist … der Amoklauf von Winnenden.

Amokläufe sind neu für uns, Amokläufe in Schulen erst recht. In den USA sind sie schon seit langem fester Bestandteil der Kultur, gehören dazu wie der zerquetschte Industriearbeiter oder das zerfetzte Unfallopfer. Das ist halt der Preis, den man für eine bestimmte Kultur zahlen muß.

Wir kannten so etwas vorher nicht. Dann kamen McDonalds, Privatfernsehen, Hartz IV und … Amokläufe. Alles Erscheinungen, die in einem direkten Zusammenhang stehen, weil sie eine Kultur repräsentieren, die den „Lebensberechtigungsschein“ nur noch gegen Höchstleistung an Menschen unter vierzig vergibt. Wer nicht mithalten kann, kriegt die Bürgerrechte beschnitten.

In dieser Kultur wachsen Kinder auf.

„Ich reiße Dir ein Auge ´raus und zwinge es Dich zu essen, während Du mit dem anderen Auge zuschaust“. Ein Filmzitat von gestern. Zombie 4? Nein, Scooby Doo 2, Altersfreigabe ab 6 Jahren. Über Tom und Jerry möchte ich gar kein Wort mehr verlieren, der brutale Krieg zwischen Katze und Maus (Altersfreigabe: ab 6 Jahren) hat schon genug pädagogische Kommentare bekommen.

Es ist eine gigantische Industrie, die derartige Machwerke mir äußerster psychologischer Raffinesse auf ihr Publikum zuschneidet – so wurde aus Disney ein Weltkonzern, der bestimmt, was Unterhaltung ist – und noch viel mehr, was gesellschaftliche Mindestwohlstandsnorm zu sein hat: ohne eigenes Haus, eigenes Auto und Spitzenjob kommt man kaum als Filmfamilie auf die Leinwand.

Im Inneren ist diese Kultur hohl und leer … doch das wird nicht gezeigt. Auch das findet man nur unter den Tischen, wie heute in der Zeit:

Eine Gallup-Studie aus dem Jahr 2010 belegt, dass nur elf Prozent der deutschen Beschäftigten engagiert arbeiten. Ganze 66 Prozent spüren ihrem Arbeitgeber gegenüber keine Verpflichtung und machen Dienst nach Vorschrift.

89 Prozent der deutschen Beschäftigen machen eine miesen Job – aber sind dabei total gut drauf, weil das eben total „in“ ist und man sich die Beschallung durch den Motivationscoach ersparen möchte, der häufig das Niveau des Nachtmittagsfernsehens nur mit Mühe erreicht.

Und so … macht sich langsam eine Spaltung im deutschen Leben breit: man jubelt die dunkle Wirklichkeit weg, anstatt sie fortzujagen. Dabei wäre es einfach gewesen, nun eine Chance wahrzunehmen, die selten kommt: die Chance zur Umkehr. Die Chance, zu erkennen, das wir gezielt in eine narzistische Gesellschaft hineingetrieben werden, deren Straßen mit Leichen gepflastert sein werden. Narzisitische Gesellschaft? Findet man sogar schon bei Wikipedia:

Auf der kulturellen Ebene werden in einer narzisstischen Gesellschaft Werte des Eigennutzes propagiert unter Vernachlässigung von Werten des Gemeinnutzes. Die in dieser narzisstischen Kultur lebenden Menschen brauchen eine willentliche Entscheidung oder alternative Vorbilder, um nach Werten zu handeln, die nicht im Rahmen gesellschaftlich akzeptierter Verhaltensnormen und Werte liegen. Sie müssen dann oft auf Privilegien verzichten.

Eine komplexe Formulierung, die man auch anders ausdrücken kann: die Helden einer narzistischen Kultur sind arm, müssen arm sein und arm bleiben. Das ist der Preis, den man für Gemeinnutz zahlen muß. Man kann ihn aber auch gut zahlen, wenn man weiß, das Kinderblut an all den bunten Waren klebt.

Wer will, kann auch den kulturellen Selbsttest machen und die Diagnosekriterien mit der Selbstdarstellung unserer Kultur in den Medien vergleichen … Wetten Dass … man fündig wird?

(Anmerkung des Übersetzers: Die folgende Auflistung entspricht im englischen Original (bis auf allergeringste Abweichungen) wörtlich dem entsprechenden Text der DSM-IV.)

  1. hat ein grandioses Verständnis der eigenen Wichtigkeit (übertreibt etwa Leistungen und Talente, erwartet ohne entsprechende Leistungen als überlegen anerkannt zu werden)
  2. ist stark eingenommen von Phantasien grenzenlosen Erfolgs, Macht, Brillanz, Schönheit oder idealer Liebe
  3. glaubt von sich, „besonders“ und einzigartig zu sein und nur von anderen besonderen oder hochgestellten Menschen (oder Institutionen) verstanden zu werden oder mit diesen verkehren zu müssen
  4. benötigt exzessive Bewunderung
  5. legt ein Anspruchsdenken an den Tag, d. h. hat übertriebene Erwartungen auf eine besonders günstige Behandlung oder automatisches Eingehen auf die eigenen Erwartungen
  6. ist in zwischenmenschlichen Beziehungen ausbeuterisch, d. h. zieht Nutzen aus anderen, um eigene Ziele zu erreichen
  7. zeigt einen Mangel an Empathie: ist nicht bereit, die Gefühle oder Bedürfnisse anderer zu erkennen / anzuerkennen oder sich mit ihnen zu identifizieren
  8. ist häufig neidisch auf andere oder glaubt, andere seien neidisch auf ihn / sie
  9. zeigt arrogante, hochmütige Verhaltensweisen oder Ansichten

Die gesamte Agenda 2010, die gesamte Berliner Sozialpolitik findet sich in diesen Vorraussetzungen wieder und unsere ganze Kultur wird in diese Richtung gepreßt, eine Richtung, wo auf einmal wieder – wie schon in der Steinzeit – nur noch der Fitteste überleben kann.

Wo da der Fortschritt sein soll, erschließt sich mir noch nicht so ganz.

Einer der Amokläufe kommt ja gerade nochmal in den Medien hoch. Das hätte eine Chance werden können. 89 % der Deutschen finden das System und seine Entwicklungen mies. Jetzt hat es nochmal Tote gegeben – und die Täter kommen gerade aus dem Kreise jener Menschen, die „alles richtig gemacht haben“, wie die Welt zitiert:

Amoktäter kommen häufig aus Elternhäusern, die unauffällig wirken. „Es sind in keiner Weise ‚broken homes‘, sondern kleinbürgerliche Elternhäuser oder Mittelschichtfamilien, in denen ein gemeinsames Familienleben mit geregelten Mahlzeiten und Sorge um das Wohlergehen des Kindes festzustellen ist“, schreibt die Gießener Strafrechtlerin Britta Bannenberg im Buch „Amok“.

Und man findet auch noch eine gemeinsame Ursache:

Neuere Untersuchungen zeigen, dass es bei jugendlichen Tätern tatsächlich viele Parallelen gibt. Praktisch alle litten unter einer narzisstischen Störung.

Da produzieren angepaßte Eltern in einer narzistischen Kultur Kinder narzistische Störungen bekommen. Wo ist da das Wunder, wo kann man da Staunen?

Eher gibt es etwas zu fürchten, weil man damit rechnen muß, das der Amokläufer ein Standardmodell des Deutschen Alltags wird. Jeder weiß es. Wir laufen offenen Auges ins Messer, produzieren eine selbstzerstörerische asoziale Leistungsgesellschaft … und tun dann so, als kämen die Amokläufer vom Mars. Es geht ja noch weiter:

Auffällig war das Verhältnis zum Vater. In einigen Familien wird er als eher abwesend beschrieben. Die Folge ist laut Psychologen ein gestörtes Männlichkeitsbild.

Der Vater will halt kein Hartz IV und arbeitet die karrierefreundliche 60-Stunden-Woche. Ein wahrer hochgelobter Leistungsträger, der alles richtig macht … bis er merkt, das es zu spät ist.  Dann merkt man, das Adorno recht hatte: Es gibt kein richtiges Leben im falschen.  Manchmal ist Hartz IV der richtige Weg, um seine Kinder vom Amoklauf abzuhalten und ein anderes Leben zu leben. Anstelle von „Ich bin arbeitslos“ könnte man auch sagen: „Ich arbeite im Amokschutzprogramm“ …. oder im Widerstand gegen eine Kultur, die mit Vollgas in die Hölle rauscht.

Warum das Amokschutzprogramm finanziell so gering ausgestattet wird … sollte man die Politik fragen. Die werden immerhin dafür bezahlt, eine Kultur zu erhalten, in der Frieden herrscht und wo man sich als Lehrer nicht vor den Schülern fürchten muß. Aber offensichtlich verrichten die ihre Arbeit wie 89 % der anderen Deutschen: Dienst nach Vorschrift. Pflichtübungen. Die Kür bezahlt dann der Lobbyist für ein gewisses … geringes … Entgegenkommen.

Die Chance ist verpaßt, man hat wieder den bequemen Weg genommen: der Vater wars. Der hatte die Waffe nicht weggeschlossen. Wären als Mordwerkzeuge Molotowcoctails mit Muttis Milchflaschen benutzt worden, wäre es halt Mutti gewesen. Mutti und der Narzissmus … ist für Analytiker ein bequemes Thema.

Das Kinder auch Produkte der Umwelt sind … ist eine Erkenntnis, die schon lange unterm Tisch bei den anderen unbequemen Wahrheiten liegt.

Also wird es weiter knallen. Zwei Tage – so das Gerücht in der Eifel – brauchen Jugendlich mitlerweile, um sich eine Waffe zu besorgen. Der Vertrieb läuft über die normalen Drogenkanäle – jene Kanäle, aus denen auch das Kokain für die Prominenz kommt.

Die letzten 100 Artikel