Mietpreisbremse

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Bleifuß auf der Mietpreisbremse – oder warum selbst Herkules am Wohnungswahnsinn nichts ändern kann

153 Rauchschwalbe JP


„Rauchschwalbe“ (©Jürgen Plechinger)

Ich kann ja verstehen, dass es harter Tobak ist, wenn die eigene 70 m2 Wohnung statt 450 Euro nun 1400 Euro – kalt – kostet (siehe z.B. hier in Berlin). Vieles ist jetzt in Aufruhr, Menschen gehen in Demozügen empört auf die Straßen und fordern günstiges Wohnen. Um im Land, in dem wir Gut und Gerne leben, weiterhin existieren zu können, wird nun sogar der Ruf nach Enteignungen von Immobilien laut (siehe z.B. jungewelt). Man darf gespannt sein, wie die unsichtbare Hand des Marktes bzw. der marktkonformen Demokratie wohl auf diesen Ruf reagieren wird.

Die Idee der Enteignung ist eigentlich durchaus pragmatisch und entspringt der immanenten Logik einer marktkonformen Demokratie. Warum sollte man es mit Immobilien nicht anders machen als mit Geld, das bekanntlich dann, wenn es die einen verlieren, nicht weg ist – es hat dann eben nur jemand anders.

Doch wem soll man die Wohnungen wegnehmen und wem soll man sie geben? Der Jurist Wolfgang Bittner hat dazu bereits ein paar praktikable Vorschläge gemacht. In seinem Essay „Friedhofsgemüse – Rentner zugunsten der zukunftswürdigen Jungen entsorgen!“ hält er ein flammendes Plädoyer zur Rettung urbaner Hipster und Astroturfer aus ihrer prekären Lebenslage:

„Rentner gebt das Wahlrecht ab!“, fordert die Leiterin des Ressorts „Unmensch + Indoktrination“ bei der taz. Und den Führerschein sollen diese Kretins mit den eingetrockneten Gehirnen gleich mit abgeben. „Denn für beides gilt: Die Alten gefährden die Jungen. Was wir brauchen, ist eine Epistokratie der Jugend.“ Hatte der griechische Philosoph Platon noch die Ansicht vertreten, ein Staat könne nur unter der Herrschaft von Philosophen gedeihen, herrscht heute bei den Wissenden zwischen vierzehn und dreißig Jahren die Meinung vor, sie seien dazu auserlesen, zu regieren und die Welt zu retten. Richtig! Ergreift endlich die Macht!

Dem kann doch jeder Mensch, der diesen Namen verdient und noch im Vollbewusstsein seiner geistigen Kräfte ist, nur anstandslos zustimmen. „Anderer Leben gefährden ist das eine. Das andere: anderer Zukunft gefährden“ – dieser Meinung sind bekanntlich viele junge Menschen. Die Zustimmung für die Olivgrünen, auch bei künftigen Wahlen, könnte auf demokratischem Wege vieles regeln.

Wir alle kennen die Unfallmeldungen: „Seniorin kracht in Schaufenster“, „Rentner fährt in Menschenmenge“. Brettern diese Greisinnen und Greise mit ihren Automatiklimousinen nicht täglich mit 222 Stundenkilometern über die Autobahnen und gefährden damit die künftige Elite der Nation? Bedrohen nicht wenige von ihnen durch ihr unmäßiges Konsumverhalten die Existenz von Millionen? Und was dann, wenn in der Fußgängerzone plötzlich das Gaspedal dort sitzt, wo gerade noch die Handbremse war?

Hätte es nicht einen aus früheren Zeiten herrührenden leichten Beigeschmack, müsste die Forderung eigentlich lauten: Entsorgt die über Sechzigjährigen! Schläfert sie ein, selbstverständlich in humaner Weise, oder konzentriert sie in Lagern mit mäßiger Versorgung, so dass sich die Probleme mit ihnen auf ganz natürliche Weise von allein lösen.

Wie könnte die junge Generation, geführt von Hoffnungsträgern wie Greta Thunberg, Philipp Amthor oder der jungen, altruistischen taz-Redakteurin, dann dastehen? Sie hätte das, was die geistesstarke Redakteurin einfordert: „Auch gerne was von diesem Wohlstand“, mühsam erarbeitet von wem auch immer, den sie sich verständlicherweise erhalten möchte.

Mit einem Schlag gäbe es Millionen Wohnungen für junge Menschen und Geflüchtete; Pflegenotstand sowie die Vergreisung mit den dazugehörenden Krankheiten wie Alzheimer und Parkinson wäre kein Thema mehr; Milliarden, die sonst in die Rentenkassen fließen, stünden für die von der US-Regierung geforderte Aufrüstung und gegebenenfalls für einen Krieg gegen Russland zur Verfügung.

Ich frage alle noch nicht hirngeschrumpften Menschen: Ist denn das keine Perspektive, für die es sich zu kämpfen lohnt?“
(Quelle: nachdenkseiten)

In postfaktischen Zeiten sind die Übergänge zwischen Satire und Realpolitik bekanntlich fließend. Es ist daher auch nicht ganz ungefährlich, solche Gedanken in den Raum zu stellen wie die von Wolfgang Bittner. Manche könnten darin womöglich ein Patentrezept erblicken und es zügig umsetzen – was in der Geschichte auch nicht das erste Mal wäre.

Aber kommen wir vorerst wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Das elementare Gesetz von Angebot und Nachfrage bekommt ja jeder von uns schon in der Grundschule gefüttert und lässt sich leider genauso wenig umgehen wie die Gravitation. Und jenem zufolge bewirkt eine exponentiell steigende Nachfrage nach Wohnungen eben auch exponentiell steigende Preise. Da kann selbst Herkules versuchen, auf die Mietpreisbremse zu steigen und wird nicht das Geringste ausrichten.

„It’s market-conform democracy, stupid.“ – Und wie unsere Wahlergebnisse in Serie zeigen, ist diese marktkonforme Demokratie für Bürger, die einfach nur Gut und Gerne leben wollen: einfach alternativlos.

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