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Gut und Böse – letzte Worte eines Ketzers vor seiner Enthauptung

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pixabay/CC0

In einem jüngsten Artikel schildert Bernhard Trautvetter, wie sich die Menschheit gerade mit Siebenmeilenstiefeln dem Abgrund nähert, während kostbare Zeit zum Handeln mit fruchtlosen politischen Debatten vergeudet wird. Der von Trautvetter zitierte Cub-of-Rome-Autor Dennis Meadows meinte bereits 17 Jahre nach seinem apokalyptischen Report in einem Spiegel-Interview: „Außerdem verhält sich die Menschheit wie ein Selbstmörder, und es hat keinen Sinn mehr, mit einem Selbstmörder zu argumentieren, wenn er bereits aus dem Fenster gesprungen ist.“

Man könnte zu den von Trautvetter und Meadows geschilderten apokalyptischen Szenarien und Möglichkeiten zu ihrer Entschärfung nun Vieles mehr oder weniger Kluges sagen. Es wird aber alles nichts nützen, solange wir nicht ein grundlegendes Paradigma ändern, mit dem wir gerade fröhlich jubelnd in den Grand Canyon sausen.

Da wir laut Denis Meadows sowieso Kopf und Kragen einbüßen werden, wenn wir weitermachen wie bisher, brauche ich mich also nicht zu scheuen, dass mir von den Inquisitoren der herrschenden Lehre gleich der Kopf abgehackt wird, wenn ich dieses Paradigma, auf das wir ja als aufgeklärte, fortschrittsgläubige Bürger so stolz sind, einmal ganz ketzerisch auf den Kopf stelle. Dieses Paradigma betrifft: Unsere Technik- und Wissenschaftsgläubigkeit.

Die nicht nur naive, sondern regelrecht infantile Begeisterung, mit der uns unsere Politiker, Industrielobbyisten und ihre medialen Claqueure gerade die ‚digitale Transformation‘ und die totale Automatisierung schmackhaft machen wollen (siehe „Der Führer 4.0 – Er ist schon längst da“), ändert nämlich rein gar nichts an der abgründigen Gefahr, die auf uns zurollt und uns schon demnächst Kopf und Kragen kosten könnte. Denn wenn wir die uns gerade über den Kopf wachsende technisch-wissenschaftliche Entwicklung nicht in ein anderes Fahrwasser bringen und humanen Kriterien unterstellen, dann wird sich der Mensch schlichtweg obsolet machen (siehe dazu auch Matthias Burchardts Essay „Orwell 3.0“).

Währenddessen wird einer ganzen Generation von klein auf beigebracht, dass alles, was Technik und Wissenschaft entspringt, ja bedingungslos GUT ist. In einem Interview mit Jean Ziegler, in dem dieser auf die verheerende ideologische, finanzielle, wirtschaftliche und politische Macht hinweist, mit der sich die 500 größten transkontinentalen Konzerne jeder sozialen, staatlichen und gewerkschaftlichen Kontrolle entziehen und den „wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt“ vorantreiben, antwortet sogar der an sich kritische Soziologe Marcus Klöckner: „Das zuletzt Genannte muss nicht negativ sein. Warum sagen Sie das in einem Ton, als ob großes Unheil droht?“ (Ziegler dazu: „Das Unheil ist doch schon längst eingetreten.“)

Gemäß der herrschenden Lehre sehen daher viele junge Menschen in dem, was durch nuklear-, digital-, gen-, nano- und biotechnologische Hochrisikotechnologien mit Mensch und Lebensumwelt gemacht werden kann, etwas Fortschrittliches und grundsätzlich Gutes. Wenn sogar kritische, alternative Denker diese herrschende Lehre verinnerlicht haben und ihr das Wort reden, können wir es dann jungen Menschen verübeln? Wenn wir überleben wollen, dann müsste man die Argumentation jedoch einmal umdrehen, auch wenn das die fortschrittsgläubigen Freunde Sheldon Coopers natürlich voll uncool finden und einen sofort zu beißen und zu kratzen beginnen werden:

Das, was der derzeitigen technizistischen und ’naturwissenschaftlichen‘ Denkweise entspringt ist nicht grundsätzlich gut, sondern – wenn man diesen Begriff einmal ganz wertfrei im Sinne von „destruktiv“ bzw. „fatalistisch“ verwendet: es ist grundsätzlich BÖSE. Es wird erst dann gut, wenn der Mensch es mit humanen Kriterien in die Hand nimmt und verantwortlich führt – keinesfalls jedoch wird es gut, wenn der Mensch seine Verantwortung abgibt und sich von den Effizienzkriterien der Algorithmen führen – und damit entmündigen – lässt.

Wenn wir diese 180°-Kurve in unserer Vorstellung hinkriegen (Trautvetter spricht in seinem Artikel von einem „gordischen Knoten“), dann könnte sich vieles sehr schnell wieder zum Konstruktiven wenden. Dann könnte das scheinbare Ende zu einem neuen Anfang werden. Die angesprochene Klarheit über Gut und Böse ist dabei allerdings eine conditio-sine-qua-non. Bei dieser Behauptung bleibe ich, auch wenn man mir den Kopf dafür nehmen will. Solange wir Gut und Böse auf den Kopf stellen oder diese Kriterien in unserem hybriden Rausch der Nichtwissenwollenschaft sogar vollständig für obsolet erklären wollen (siehe Dostojewskijs Traum von der szientistischen Pest), wird der Sinkflug unseres Jumbos rasant weitergehen. Der Aufprall wird dann allerdings weit weniger amüsant sein als der Geschwindigkeitsrausch, den wir gerade bei vollem Bordservice genießen. Und bei Amazon werden wir die Bluetooth-Headsets, die es uns dabei aus den Ohren fetzen wird, womöglich nicht mehr nachbestellen können.

Endzeit-Poesie 4.0: Der verlorene Faden zum Goldenen Schnitt


(Foto: cc by Parkwaechter/Nachrichtenspiegel)

Noch heute steht man oft staunend vor den Resten alter Kulturen, wo die Menschen trotz aller Widrigkeiten ihrer Zeit scheinbar noch eine unglaublich treffsichere Intuition besessen haben. Nicht nur konnten sie die Heilwirkung bestimmter Pflanzen und mineralischer Substanzen ohne Laborapparaturen und Rasterelektronenmikroskope ganz instinktiv erfassen. Sie hatten auch einen unfehlbaren Sinn für Maß und Harmonie. Wie der US-ungarische Architekt György Doczi in seinem Buch „Die Kraft der Grenzen“ nachweist, waren praktisch alle Bauwerke ebenso wie die profanen Gebrauchsgegenstände wie Hüte und Keramikkrüge vergangener Kulturen nach geradezu genialen mathematischen Harmonien und Proportionen gestaltet. Dabei hatte der Mensch damals noch gar keine Taschenrechner und smarte Apps zur Hand. Mit anderen Worten: Der „Goldene Schnitt“ ist uns damals noch im Blut gelegen. Dieser Goldene Schnitt, der sich im Übrigen in fast allen Lebensprozessen und in der Geometrie des Pflanzenwachstums (Phyllotaxis) ebenso wiederfinden lässt wie in der Anatomie des Menschen, wäre eigentlich ein schönes Gleichnis dafür, dass im Leben nichts fragmentarisch und isoliert, sondern alles aufeinander bezogen ist: „Das Kleine verhält sich zum Großen so wie das Große zum Gesamten“ (a:b = b:[a+b] = 0,618)

Es wird das Verdienst kommender Historiker sein, herauszufinden, wann dieser goldene Faden durchtrennt wurde bzw. wann unsere Umpolung stattgefunden hat. Denn nicht nur unsere Wohn- und Gewerbegebäude (allesamt streng im Tankstellenklo-Kubus-Stil gehalten) künden heute vom Verlust jedweder Harmonie und erscheinen wie eine Hommage an Sigmund Freuds Todestrieb „Thanatos“. Auch unsere innere Sicherheit im Erkennen von uns Schädlichem und Hilfreichem ist uns abhanden gekommen bzw. hat sich auf den Kopf gestellt. Mit schlafwandlerischer Selbstverständlichkeit ergreifen wir in unserem Leben das Desaströse, während wir das Konstruktive versickern lassen. Die Tore, durch die wir etwas Menschlich-Substanzielles erhalten könnten, haben wir verriegelt, während die Tore, durch die wir alles verlieren können, sperrangelweit offen sind.

Obwohl wir einen intellektuellen Zenit beschritten haben wie noch keine andere Kultur vor uns, sehen wir scheinbar den Wald vor lauter virtuellen Bäumen nicht mehr. Mit jedem Mal, wo man in eine Zeitung oder in einen Flachbildschirm blickt, erhärtet sich der grausame Verdacht, dass „Aufklärung“ offensichtlich nicht im Geringsten vor Ignoranz bewahrt und dass strenge Wissenschaftlichkeit überhaupt kein Widerspruch zu vollkommener Perversion sein muss. Der ehem. New York Times-Journalist und Pulitzer-Preisträger Chris Hedges versucht dieses Paradoxon in Worte zu fassen:

„Wir leben in einer Nation,
in der die Ärzte die Gesundheit zerstören,
Anwälte die Gerechtigkeit,
Universitäten das Wissen,
Regierungen die Freiheit,
die Presse die Information,
Religion die Moral,
und unsere Banken zerstören die Wirtschaft.“

 


Allgemeines zur Kolumne „Endzeitpoesie 4.0 – Brennholz gegen Robotisierung und drohenden Erfrierungstod“:

Da in unserer aus den Fugen geratenden Welt vieles nicht mehr rational verstehbar und auch kaum noch ertragbar ist, brauchen wir dringend ein Gegengewicht aus dem Reich der Poesie … mit diesem geistigen Gegengift in den Adern wird vieles Unverständliche plötzlich wieder verständlich und Unerträgliches wieder ertragbar – oder noch besser: gestaltbar!

Denn die größte Lüge, die uns heute beigebracht wird, ist: dass der Einzelne ohnehin nichts tun kann. – Das genaue Gegenteil davon ist wahr: Es kommt auf jeden einzelnen an und das mehr als jemals zuvor. Und wie uns schon Dostojewskij erklärt hat, ist im Leben auch niemals etwas umsonst, selbst wenn eine Bemühung keinen sichtbaren Erfolg zeigt: „Alles ist wie ein Ozean, alles fließt und berührt sich; rührst du an ein Ende der Welt, so zuckt es am anderen.“

Gerade unsere geistlose Zeit braucht philosophische Gedanken wie eine Wüste das Wasser. Dieses Wasser – die Gedanken der großen Geister der Menschheit – gibt es schon lange. Aber die scheinbar alten – in Wirklichkeit ewig jungen – Gedanken bleiben nicht dieselben: Jeder, der sie aufgreift und verinnerlicht, färbt sie mit seiner individuellen Persönlichkeitsnote ein und bringt dadurch wieder ganz neue Farben in die Welt, die bisher noch nicht existiert haben. Und solche Farben braucht unsere grau gewordene Welt (siehe 1000 Gestalten.de) heute dringend – sie saugt sie auf wie ein trockener Schwamm das Wasser … damit wieder Neues, Kreatives, Menschliches entstehen kann.

In diesem Sinne wollen wir der pseudopragmatischen Alternativlosigkeit (siehe „Der Führer 4.0 – Er ist schon längst da“) die Gefolgschaft in den Grand Canyon verweigern und es lieber mit Ilija Trojanow halten: „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“. – Dann kann die scheinbare Endzeit zu einem neuen Anfang werden.

Endzeit-Poesie 4.0: „Wer vom Ziel nicht weiß …“ – Über Sinn und Unsinn des Lebens

Labyrinth von Chartres (cc by Parkwaechter)

Viele Menschen fragen sich, warum sie immer unglücklicher werden, obwohl sie in ihrem Leben doch genau dem folgen, was ihnen von klein auf durch Werbung, Medien und Schule beigebracht wurde.

Man wagt einen solch ketzerischen Gedanken fast gar nicht zu denken, aber: Könnte es etwa sein, dass die wissenschaftlichen Experten, denen wir heute bedingungslos Folge leisten (von Noam Chomsky bezeichnet als „säkulare Priesterschaft der Machtelite“) trotz ihrer umwerfenden Intelligenzbestialität keine Ahnung vom Sinn des Lebens haben und uns deswegen einen Weg weisen, der immer mehr ins Unmenschliche führt? Nicht, dass sie uns absichtlich in den Grand Canyon führen wollten – wer so etwas behauptete, begibt sich in den Bereich von Verschwörungstheorien. Da uns diese streng verboten wurden, müssen wir also nach anderen Theorien suchen, um das Absurde, das uns heute von allen Seiten her angrinst und in den Würgegriff nimmt, erklärlich zu machen. Vielleicht ist es ja schlicht und ergreifend nur ein Defizit, an dem unsere akademische Jurisprudenz krankt … ein zwar fundamentales, aber eben nur ein Defizit.

Ein Defizit, das jedenfalls zu Zeiten von Aristoteles noch nicht toleriert wurde. Definierte doch Aristoteles einen unmoralischen Menschen als jemanden, der nicht nach Weisheit („sophia“) strebt, sondern bloß in „techne“ (pragmatischem Können) und „episteme“ (wissenschaftlicher Erkenntnis) steckenbleibt – und sich somit von „nous“ (der geistigen Existenz) abschneidet.

Dass das Streben nach Weisheit bzw. der Sinn des Lebens heute in Schule und Uni nicht gelehrt wird – obwohl wir als Land der Dichter und Denker diesbezüglich aus dem Vollen schöpfen könnten – mag aber auch den Grund haben, dass es für jeden Menschen einen individuellen Sinn und eine ganz spezielle Lebensberechtigung gibt, die nicht normierbar sind und daher für eine rein auf Verwertungslogik und Massenproduktion ausgerichtete Ökonomie nur störend wären. Konsequenterweise wird diese von Viktor Frankl als „spezifisch human“ bezeichnete noetische Dimension unseres Menschseins durch ein perfekt eingespieltes Räderwerk an Aus-Bildung und Unter-Haltung möglichst schon im frühkindlichen Stadium zugeschottert und zugeteert. Der Mensch folgt dann in seinem Leben einem weitgehend fremdbestimmten Lebensstil mit unzähligen Surrogaten und kommerziell erzeugten Illusionen (siehe auch: „Über Mercedes neue ‚Grow up‘-Kampagne und Chomskys Dressur zu Habsucht, Passivität und Unterwerfung“), die ihn jedoch sukzessive aushöhlen und schließlich leer zurücklassen. Nicht nur, dass der medial suggerierte Lifestyle mit dem  innersten Lebensanliegen des Menschen nichts zu tun hat – er ist diesem sogar diametral entgegengesetzt. Das heißt, der Abstand zum eigentlichen Anliegen nach „nous“ (von griech. nous=Sinn), das man als Mensch verwirklichen möchte, wird immer größer, je mehr man den Direktiven  der „Grow up“-Werbung folgt. Dementsprechend steigt auch der Grad an innerer Verzweiflung, von Frankl bezeichnet als „existenzielle Frustration“, sodass Depression laut WHO-Prognose schon demnächst  zur Volkskrankheit Nr. 1 avancieren wird (siehe Ärztezeitung).

Die zähe Teerschicht aufzustemmen und den Schotter abzuschaufeln, unter denen unsere ursprünglichen Lebensambitionen vergraben sind, ist keine Kleinigkeit und dauert mitunter viele Jahre. Kein Wunder also, dass sich viele Menschen diese Mühe erst gar nicht antun wollen und stattdessen lieber im Beat der ‚Grow up‘-Werbung in einem unterirdischen Lebensstil dahinvegetieren. Wer sich die Mühe zur Ergründung des Lebenssinns nicht machen will (Anm.: der zwar ein individueller ist, jedoch immer auch aufs Gesamte bzw. aufs Gemeinwohl hin orientiert ist, insofern praktisch gar nichts mit dem zu tun hat, was üblicherweise als „Selbstverwirklichung“ propagiert wird) , der gleicht allerdings Helmut Qualtingers „Wildem auf seiner Maschin‘ “, der auf die Frage, wohin er denn auf seinem Motorrad rase, antwortet: „I waaß zwar net, wohin i foahr … aber dafür bin i g‘schwinder durt! “

Der Dichter Christian Morgenstern schlägt daher eine ganz andere Orientierung vor. Seiner Ansicht nach ist im Leben alles für die Katz‘ und verläuft man sich nur in einem ausweglosen Labyrinth, wenn man „das Ziel“ (den Sinn des Lebens und der Menschwerdung) nicht kennt. Den „Weg“ des Menschen, von dem Dag Hammarskjöld meinte, dass man ihn keinesfalls verspielen dürfe (siehe „Weine, wenn du kannst …“), könne man demnach nur finden, wenn man von diesem Ziel weiß.

Wer vom Ziel nicht weiß (Christian Morgenstern)

Wer vom Ziel nicht weiß,
kann den Weg nicht haben,
wird im selben Kreis
all sein Leben traben;
kommt am Ende hin,
wo er hergerückt,
hat der Menge Sinn
nur noch mehr zerstückt.

Wer vom Ziel nichts kennt,
kann’s doch heut erfahren;
wenn es ihn nur brennt
nach dem Göttlich-Wahren;
wenn in Eitelkeit
er nicht ganz versunken
und vom Wein der Zeit
nicht bis oben trunken.

Denn zu fragen ist
nach den stillen Dingen,
und zu wagen ist,
will man Licht erringen;
wer nicht suchen kann,
wie nur je ein Freier,
bleibt im Trugesbann
siebenfacher Schleier.


(Biographie + weitere Gedichte Christian Morgensterns siehe oppisworld.de)


Allgemeines zur Kolumne „Endzeitpoesie 4.0 – Brennholz gegen Robotisierung und drohenden Erfrierungstod“:

Da in unserer aus den Fugen geratenden Welt vieles nicht mehr rational verstehbar und auch kaum noch ertragbar ist, brauchen wir dringend ein Gegengewicht aus dem Reich der Poesie … mit diesem geistigen Gegengift in den Adern wird vieles Unverständliche plötzlich wieder verständlich und Unerträgliches wieder ertragbar – oder noch besser: gestaltbar!

Denn die größte Lüge, die uns heute beigebracht wird, ist: dass der Einzelne ohnehin nichts tun kann. – Das genaue Gegenteil davon ist wahr: Es kommt auf jeden einzelnen an und das mehr als jemals zuvor. Und wie uns schon Dostojewskij erklärt hat, ist im Leben auch niemals etwas umsonst, selbst wenn eine Bemühung keinen sichtbaren Erfolg zeigt: „Alles ist wie ein Ozean, alles fließt und berührt sich; rührst du an ein Ende der Welt, so zuckt es am anderen.“

Gerade unsere geistlose Zeit braucht philosophische Gedanken wie eine Wüste das Wasser. Dieses Wasser – die Gedanken der großen Geister der Menschheit – gibt es schon lange. Aber die scheinbar alten – in Wirklichkeit ewig jungen – Gedanken bleiben nicht dieselben: Jeder, der sie aufgreift und verinnerlicht, färbt sie mit seiner individuellen Persönlichkeitsnote ein und bringt dadurch wieder ganz neue Farben in die Welt, die bisher noch nicht existiert haben. Und solche Farben braucht unsere grau gewordene Welt (siehe 1000 Gestalten.de) heute dringend – sie saugt sie auf wie ein trockener Schwamm das Wasser … damit wieder Neues, Kreatives, Menschliches entstehen kann.

In diesem Sinne wollen wir der pseudopragmatischen Alternativlosigkeit (siehe „Der Führer 4.0 – Er ist schon längst da“) die Gefolgschaft in den Grand Canyon verweigern und es lieber mit Ilija Trojanow halten: „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“. – Dann kann die scheinbare Endzeit zu einem neuen Anfang werden.

 

Endzeit-Poesie 4.0: „Weine, wenn Du kannst, doch klage nicht …“

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Foto: Dag_Hammarskjold.jpg /UN/DPI derivative work: Bff

Trotz seines stillen Naturells gilt der UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld (siehe Biographie ) als einer der wohl legendärsten Politiker der Neuzeit. Schier unlösbaren internationalen Konflikten begegnete er stets mit einer auf dem heutigen politischen Parkett kaum noch vorstellbaren Empathie und Menschlichkeit, die er nicht einmal den scheinbar schlimmsten afrikanischen Despoten versagte. Die Menschen, die ihm am Verhandlungstisch gegenübersaßen, spürten dies. So kam es vor, dass afrikanische Herrscher einen umkämpften politischen Gefangenen, den die Welt schon verloren glaubte, am Geburtstag Hammarskjölds unerwartet freigaben – mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass sie diese Amnestie niemals aufgrund des westlichen politischen Druckes ausgesprochen hätten, sondern einzig aus Liebe und Wertschätzung zu Dag Hammarskjöld als Person.

Obwohl Hammarskjöld fast Tag und Nacht an seiner Friedensmission arbeitete, so behielt er selbst in Zeiten der aufreibendsten Konflikte seine Regel bei, sich zumindest eine Stunde am Tag vollkommen vom äußeren Treiben herauszunehmen und sich der innerlichen Betrachtung oder dem Studium geistig erbaulicher Literatur zu widmen. Mit der Kraft, die er daraus zu schöpfen wusste, vollbrachte er weitreichende weltpolitische Fortschritte, die sogar seine Gegner nicht für möglich gehalten hätten. Am Höhepunkt des Kalten Krieges gelang es ihm, die Vereinten Nationen neben den beiden Supermächten als dritte Kraft zu etablieren, die Sowjets wieder in die UN-Beschlussfassung einzubinden und die Suez-Krise zwischen Israel und Ägypten zu entschärfen. Dass es heute UN-Friedenstruppen, die sogenannten Blauhelme gibt, ist ebenfalls das Werk Hammarskjölds. Er glaubte an das Wunder der Vereinten Nationen und die Möglichkeit, Völker und Polaritäten durch übergeordnete Ideale zu versöhnen. Gegen Machenschaften der Geheimdienste, z.B. gegen von der CIA unterstütze Regierungsputsche in Südamerika verwehrte er sich mit aller Entschiedenheit. – Was würde Hammarskjöld wohl zu PolitikerInnen heutigen Zuschnitts sagen, die diese Geheimdienste als „unsere verlässlichen Freunde“ bezeichnen und selbst die halsbrecherischsten militärischen Konfrontationen achselzuckend abnicken?

Hammarskjöld wusste, dass die Bedrohung des nuklearen Zeitalters nur durch Kooperation auf Basis humanitärer Ideale und die Einrichtung einer nachhaltigen Friedensordnung abgewendet werden kann und widmete sich diesem Ziel mit aller ihm zu Gebote stehenden Kraft. Er war sich bewusst, dass er mit diesem Anliegen im diametralen Widerspruch zu den geostrategischen Plänen des militärisch-industriellen Komplexes arbeitete, vor dem uns bereits Eisenhower eindringlich gewarnt hat („Gott schütze dieses Land, wenn einmal jemand US-Präsident ist, der den militärisch-industriellen Komplex nicht so gut kennt wie ich.“ – siehe Abschiedsrede auf YouTube). Wer Hammarskjölds Tagebuch studiert, merkt, wie er den Tod als seinen ständigen Begleiter sieht und sich gewahr ist, dass jeder Tag sein letzter sein und er von der Bildfläche verschwinden könnte. Mit umso größerer Intensität trieb er seine Friedensarbeit voran, verzichtete bewusst auf Partnerschaft und Familie, um sich ganz seiner Aufgabe widmen zu können. In der Tat gilt seine sechsjährige Amtszeit heute als nicht mehr erreichte Hochblüte der UN und des internationalen Friedensprozesses, die allerdings schon kurz nach seinem unerwarteten Tod wieder jäh zurückgeworfen wurden.

Hammarskjöld starb am 17. September 1961 auf dem Höhepunkt der Kongokrise bei einem Flugzeugabsturz, dessen Umstände bis heute nicht geklärt sind. Im Zuge jüngster Recherchen (siehe Zeit) wurden starke Indizien zutage gefördert, dass Hammarskjöld einem Attentat westlicher Geheimdienste zum Opfer gefallen ist. Die zusammengetragenen Rechercheergebnisse waren immerhin so überzeugend, dass sich die UN-Vollversammlung am 29. Dezember 2014 für neue Untersuchungen aussprach.

Sein ursprünglich nicht zur Veröffentlichung bestimmtes Tagebuch inspiriert jedenfalls auch heute noch zahlreiche Menschen. UN-Generalsekretär Kofi Annan bekundete, dass er dann, wenn er in der internationalen Politik nicht mehr weiterwusste, sich an einen stillen Ort begab und sich innerlich fragte, wie wohl Dag Hammarskjöld jetzt an seiner Stelle handeln würde. Die im Tagebuch enthaltenen Verse sind von radikaler Ehrlichkeit, poetischer Kraft und philosophischer Tiefe, wie man sie sonst nur von Marc Aurels „Selbstbetrachtungen“ kennt.

„Wie ermüdend, in der Rolle, die die unsere ist, zu einer Rolle gezwungen zu werden, die nicht die unsere ist: als den, der du im Innersten sein musst, um deine Aufgabe zu erfüllen, darfst du dich nicht zeigen – damit man dir gestattet, sie zu erfüllen.“

und einige Seiten weiter:

„Noch einige Jahre, und dann? Das Leben hat Wert nur durch seinen Inhalt – für andere. Mein Leben ohne Wert für andere ist schlimmer als der Tod.“

Zwei Monate vor seinem plötzlichen Tod verfasste Hammarskjöld das folgende Gedicht über den Weg und die individuelle Verantwortung des Menschen:

„Müde
und einsam.
Müde
bis der Verstand schmerzt.
Von den Klippen
rinnt Schmelzwasser.
Taub die Finger,
bebend die Knie.
Jetzt gilt es,
jetzt darfst du nicht loslassen.

Anderer Weg
hat Rastplätze
in der Sonne,
sich zu begegnen.
Aber dieser Weg
ist der Deine,
und es gilt jetzt,
jetzt darfst Du nicht versagen.

Weine,
wenn du kannst,
weine,
doch klage nicht.
Dich wählte der Weg –
und du sollst danken.“

(aus: Dag Hammarskjöld, „Zeichen am Weg – Das spirituelle Tagebuch des UN Generalsekretärs“, Pattloch Verlag 2001, S.176 f.)

Update 16.01.2019: Der Mord an Dag Hammarskjöld ist aufgeklärt – siehe KenFM und TheGuardian.

Allgemeines zur Kolumne „Endzeitpoesie 4.0 – Brennholz gegen Robotisierung und drohenden Erfrierungstod“:

Da in unserer aus den Fugen geratenden Welt vieles nicht mehr rational verstehbar und auch kaum noch ertragbar ist, brauchen wir dringend ein Gegengewicht aus dem Reich der Poesie … mit diesem geistigen Gegengift in den Adern wird vieles Unverständliche plötzlich wieder verständlich und Unerträgliches wieder ertragbar – oder noch besser: gestaltbar!

Denn die größte Lüge, die uns heute beigebracht wird, ist: dass der Einzelne ohnehin nichts tun kann. – Das genaue Gegenteil davon ist wahr: Es kommt auf jeden einzelnen an und das mehr als jemals zuvor. Und wie uns schon Dostojewskij erklärt hat, ist im Leben auch niemals etwas umsonst, selbst wenn eine Bemühung keinen sichtbaren Erfolg zeigt: „Alles ist wie ein Ozean, alles fließt und berührt sich; rührst du an ein Ende der Welt, so zuckt es am anderen.“

Gerade unsere geistlose Zeit braucht philosophische Gedanken wie eine Wüste das Wasser. Dieses Wasser – die Gedanken der großen Geister der Menschheit – gibt es schon lange. Aber die scheinbar alten – in Wirklichkeit ewig jungen – Gedanken bleiben nicht dieselben: Jeder, der sie aufgreift und verinnerlicht, färbt sie mit seiner individuellen Persönlichkeitsnote ein und bringt dadurch wieder ganz neue Farben in die Welt, die bisher noch nicht existiert haben. Und solche Farben braucht unsere grau gewordene Welt (siehe 1000 Gestalten.de) heute dringend – sie saugt sie auf wie ein trockener Schwamm das Wasser … damit wieder Neues, Kreatives, Menschliches entstehen kann.

In diesem Sinne wollen wir der pseudopragmatischen Alternativlosigkeit (siehe „Der Führer 4.0 – Er ist schon längst da“) die Gefolgschaft in den Grand Canyon verweigern und es lieber mit Ilija Trojanow halten: „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“. – Dann kann die scheinbare Endzeit zu einem neuen Anfang werden.

Eingesperrt in einem verkackten Gartenhaus: Frischluft und Sonne? – Nein, danke!

Trägt Robber Williams bei seiner neuen Konzerttournee Unterhosen von Bruno Banani oder doch welche von Giorgio Armani? Über solche tiefschürfenden Fragen liefern unsere Medien täglich erschöpfende Antworten. Da soll noch jemand behaupten, der investigative Journalismus wäre tot.

Als ich vor Kurzem von einer Auslandsreise nach Hause kam, bin ich erschrocken. Das Glashaus, in das ich meine Enten vorübergehend eingesperrt hatte, war komplett versaut:  der Boden mit einer dicken Schicht Enten-Dung bedeckt, die Atemluft zum Schneiden dick, im Wasserbecken nur noch eine braune Brühe, aus der die Enten trotzdem unverdrossen tranken und sich darin suhlten. Hätte der Tierschutz Wind davon bekommen – ich bekäme wohl Probleme.

Da Enten von Natur aus sehr reinliche Tiere sind und den Großteil des Tages mit Gefiederpflege verbringen, dachte ich, sie würden nun sofort wie die Raketen aus der Hütte starten, wenn ich ihnen die Tür in die Freiheit aufmache. Doch was passierte? – Die Tiere ducksten herum, erschraken richtig vor dem geöffneten Tor Richtung Freiheit. Als ich sie von hinten aus der Hütte treiben wollte, flatterten sie mir entgegen und an mir vorbei (in Richtung der Sackgasse). Nachdem ich die Gruppe schließlich zu ihrem Glück gezwungen und in die Freiheit getrieben habe, gelang es einer Ente, sich in der Hütte zu verkriechen. Ich ließ sie gewähren, um zu beobachten, wie lange es wohl dauern würde, bis Lallobeh freiwillig nach draußen kam. Die sah aber keinen Grund dazu, machte zwar manchmal einen langen Hals, den sie aus der offenen Tür hinausstreckte, aber über die Schwelle wagte sie sich nicht, sondern blieb wie magisch angewurzelt im Mist stehen. Stattdessen schrie sie kläglich nach den anderen Mitgliedern der Entenschar, dass sie zu ihr zurückkommen sollten – die anderen Enten hatten jedoch in der neuen Freiheit bereits Witterung aufgenommen und erfreuten sich an einem Bad in frischem Quellwasser, während Lallobeh noch im Morast umherwatete. Irgendwann hat sich die Nachzüglerin dann doch ein Herz genommen und die Schwelle zur Freiheit überschritten. Als sie endlich draußen war, blickte sie allerdings zaghaft und verschüchtert um sich, so als ob ihr die Sonne, der Wind und das weite Firmament, das sich nun über ihr eröffnete, Angst machten.

Ich musste schmunzeln über das, was man sprichwörtlich „Gewohnheitstiere“ nennt. Wobei mir die erlebte Szenerie durchaus wie eine Analogie zur heutigen Situation unserer humanoiden Spezies anmutete. Denn im Gegensatz zu den Tieren besitzen wir Menschen zwar kein horizontales, sondern ein vertikal aufgerichtetes Rückgrat,  aber auch wir haben ein Gewohnheitstier in uns, das sich mit erstaunlicher Beharrlichkeit an herrschende Umstände gewöhnen kann, selbst wenn diese zum Himmel stinken und kaum noch erträglich sind.

Inmitten unserer alternativlosen politischen Tristesse wird dabei vielfach vergessen, dass es nicht nur – wie von Karl Marx behauptet – das Umfeld  ist, das den Menschen bestimmt, sondern dass vielmehr der Mensch selbst in der Lage ist, das Umfeld bzw. die soziale Realität zu gestalten. Vereinfacht gesagt: Der Mensch selbst ist der primäre Ausgangspunkt aller Entwicklungen und nicht, wie uns im tagespolitischen Diskurs von Merkels Flachmannschaft ständig glauben gemacht wird, die inzwischen unüberschaubaren Sachzwänge und katastrophalen ökologischen, ökonomischen, militärischen und technologischen Entwicklungen, denen wir anscheinend nur noch hoffnungslos hinterherhinken können und eventuell da und dort ein bisschen herumdoktoren und notdürftig einige Löcher flicken dürfen, damit der zur Normalität erklärte Wahnsinn dann wie gewohnt weitergehen kann. Stattdessen wäre der Mensch fähig, ganz unabhängig von den in Wirklichkeit morschen und unhaltbaren Strukturen des vorigen Jahrhunderts neue, menschengerechtere Verhältnisse zu erschaffen. Um sie in die Realität umzusetzen, muss er solche Möglichkeiten nicht nur denken, sondern sie auch, beseelt durch ein inneres Ideal, bis zu einer fast schon greifbaren Empfindung bringen. Empfindung ist hierbei nicht zu verwechseln mit Emotion, die das glatte Gegenteil einer aufbauenden, verbindenden Empfindung ist: Während menschliche Empfindungen, die von humanen Idealen ausgehen, eine große verbindende Kraft haben, so wirken schnell hochgekochte Emotionen in der Regel spaltend (was im Übrigen auch der Grund ist, warum Beziehungen, die hauptsächlich auf Emotionen beruhen, so schnell wieder auseinanderbrechen).

Ebenso fundamental unterschiedlich wie in ihrer Auswirkung ist auch der Ursprung von Emotion und Empfindung: Während die Emotion quasi tief in unseren Körper- und Persönlichkeitsstrukturen abgespeichert, also etwas Altes ist, so ist die Empfindung etwas Neu zum jeweiligen Erb- und Erfahrungsgut Hinzugebildetes. Schafft man es, solcherart Neues / gesunde Empfindungen zu seinem bisherigen Gefühlsrepertoire hinzuzubilden, dann kann Altes / Verkrustetes / längst nicht mehr Brauchbares abfallen. Auch gegen Depressionen wird man solcherart weitgehend immun. – Mit neu errungenen Empfindungen fühlt man sich dann in etwa so wie die Enten, die endlich aus dem Morast ihres total verdreckten Stalles wieder hinaus in die sonnendurchflutete, frische Luft gehen können.

Emotion und Empfindung sind also in Wirklichkeit regelrechte Antagonisten, wobei die Emotion ein sehr lauter und polternder Weggenosse ist, während sich die Empfindung vergleichsweise leise und bescheiden gebärdet. Andererseits ist die Empfindung fähig, tief zu dringen und im Inneren Wurzeln zu schlagen, während die Emotion an der Oberfläche bleiben muss und schnell wieder verpufft, also etwas sehr Kurzlebiges ist.

Die besondere Krux: Emotion ist bereits fertig im Körper bzw. in unserem Unterbewussten  abgespeichert und kann durch simple Knopfdrücke in Form einschlägiger Reize oder vorurteilsbeladener Schlagwörter jederzeit aufgerufen und hochgekocht werden (Werbe- und Marketingexperten beherrschen diese Klaviatur inzwischen perfekt). Die neue Empfindung ist hingegen noch ungeboren und muss durch bewusste Bemühung herangebildet und kultiviert werden wie ein zartes junges Pflänzchen. Um eine gute Empfindung heranzubilden, braucht es einen substanziellen Gedanken bzw. ein Ideal. Ein Ideal bzw. ein Gedanke ist dann substanziell, wenn er objektiv gültig, d.h. aus dem Fundus universeller humaner Werte geschöpft ist und nicht nur aus dem Requisitenkasten subjektiver Wertvorstellungen oder Gruppenzugehörigkeiten. Nicht umsonst haben auch die Verfasser der Allgemeinen Menschenrechtscharta wie Stephane Hessel die in der Charta verankerten Rechte als „universell“ bezeichnet. Das Grundaxiom bildete dabei die Würde des Menschen bzw. das Bestreben, diese zu wahren, und zwar unabhängig von der Zugehörigkeit des Menschen zu Parteien, Ländern und Weltanschauungen.

Leider sind uns Ideale heute etwas unheimlich geworden, wir verwechseln sie zu schnell mit Ideologie, mit der wir ja bekanntlich in der Geschichte sehr schmerzvolle Erfahrungen gemacht haben. Dabei wird etwas nur dann zur Ideologie, wenn es rein intellektuell ist und wenn wirkliche humane Ideale und Empfindungen abwesend sind. In Wirklichkeit haben wir es daher heute ohnehin bereits überall mit Ideologien zu tun: Der Neoliberalismus, unser wachstums- und profitorientiertes Wirtschaftsmodell, unsere naive Technikgläubigkeit, die Industrie 4.0 / Schule 4.0-Propaganda, der Ost- West Konflikt mit seinem mittlerweile wieder brandgefährlich gewordenen  Säbelrasseln  (siehe „Wenn der russische Bär eine Anakonda am Hals und der Hund die Hausaufgaben gefressen hat“) – alles dies basiert auf einseitigen, verhärteten Sichtweisen und unnötigen Polarisierungen, die mit etwas gutem Willen längst überwunden sein könnten.

Damit ein wirkliches Ideal die Kraft hat, Polaritäten, soziale und weltpolitische Gräben zu überwinden, muss es einen über jeweilige Partikularinteressen der Konfliktparteien hinausgehenden Inhalt haben. Und nun der springende Punkt: Der große Irrtum ist es, zu glauben, dass man solche Inhalte aus der technokratisch-materiellen Ebene, also aus der Welt der Polaritäten schöpfen könnte. Nein, besagte polare Erscheinungen der Welt brauchen ihrerseits stets einen Zustrom von neuen, gesunden Gedanken aus der Welt des menschlichen Geistes, sonst geht alles den Bach runter und in die Degeneration über. Selbst der verschlafenste Fernsehbürger kann dies heute beobachten: Egal, welche noch so intellektuellen Politköpfe scheinbar noch so vernünftige und effiziente Strukturmaßnahmen in die Wege leiten (siehe „Bodenständige Politiker im Maulwurfspelz und AFX-Parteien“) – es kommt mit jeder Maßnahme, die nur auf technokratischen und ökonomischen Erwägungen basiert, zu noch mehr ausuferndem Chaos und Niedergang, so wie in einem Treibsand, der einen mit jeder zusätzlichen Körperbewegung nur noch schneller erbarmungslos nach unten zieht.

Schaffte man es hingegen, einen universell gültigen Gedanken in das Polit- und Wirtschaftsgeschehen zu führen, der nicht bloß auf die materielle Ebene fokussiert ist – obwohl er sich auch auf diese günstig auswirken wird -, sondern auf die seelische (=die persönlich menschliche) und auf die geistige (=die individuelle, eigentlich überpersönliche und unwägbare, von Viktor Frankl als „spezifisch-humane“ bezeichnete) Ebene des menschlichen Daseins bezieht, dann würde man sich wundern, wie schnell sich die derzeit abgründig erscheinenden Dinge um uns herum plötzlich wieder zum Besseren wenden und eine Aufwärtsentwicklung sichtbar wird.

Die Gretchenfrage dabei ist natürlich: Wo schöpft man substanzielle, universell gültige Gedanken?

Aus dem akademischen Betrieb unserer Universitäten scheinbar nur schwer. Nach Aussage des Jenaer Soziologie-Professor Hartmut  Rosa sind die Universitäten heute zu „Entfremdungszonen“ geworden, in denen schon unter Jungstudenten Burn-Out und Angsterkrankungen grassieren und in unserer hochtechnisierten Welt jede der Nacht mehr Menschen schweißgebadet aufwachen als in totalitären Regimen (Quelle: Zeit).

Doch lassen wir uns von diesen Zeiterscheinungen nicht allzu sehr ablenken. Bei all den schwarzen Rauchschwaden, die heute unsere Sicht vernebeln, übersehen wir nämlich leicht die großen Möglichkeiten, die jeder einzelne von uns hat bzw. individuell entwickeln kann. Denn wir werden vergeblich warten, dass eine neue Partei, ein neuer Kennedy oder ein neuer Schulz unseren Karren aus dem Dreck zieht. Der substanzielle Inhalt kommt heute nicht mehr von äußeren Autoritäten und Institutionen – diese sind in unserem Zeitalter zu leeren Hüllen, bloßen Vehikeln des schnöden Erwerbs und Kahlfraßes geworden. Heute ist jeder einzelne Mensch selbst für die inhaltliche Bereicherung des Lebens verantwortlich – auf ganz individuelle Weise entsprechend seinem Arbeits-, Freundes-, Familien- und Interessensumfeld.

Es ist natürlich grotesk: Einerseits sind die Zeiten heute so verrückt wie noch nie (unser geschätzter Leser Firefox sprach unlängst von einem „Kopfstand der Realität“), andererseits stehen uns trotz aller äußeren Bedrückung individuelle Möglichkeiten offen, die es noch niemals zuvor gegeben hat. Zum Beispiel philosophisches Wissen zu erwerben bzw. in eine Philosophenschule wie die von Platon oder Pythagoras einzutreten – diese Möglichkeit wurde früher nur einer Handvoll Menschen gewährt, und das auch nur unter extrem schwierigen Auflagen, Todeseiden und tödlichen Prüfungen. Heute steht es theoretisch jedem von uns offen, sich tiefstes philosophisches Wissen, Verständnis über Mensch, Welt und den Sinn des Daseins und damit substanzielle universelle Werte anzueignen. Die Literatur des Abendlandes ist voll davon. Nur liegt es eben in jedermanns freier Wahl, womit er seine Zeit verbringt – viele entscheiden sich, lieber einen toxischen Illustriertenpudding über Robbie Williams und Paris Hilton zu löffeln (siehe Steve Cutts: „Are You Lost In The World Like Me?“) oder ihre Eingeweide mit einer fetttriefenden Dschungelcamp-Pizza zu füllen. Dabei gäbe es klares Gebirgswasser, wunderbare Früchte und für den, der sich die Mühe macht, sich als Eisbergsteiger durch die neoliberal-szientistisch vergletscherten Regionen bis über die Nebel-/Blendgranatenwolken durchzuarbeiten sogar: … strahlenden Sonnenschein!

In diesem Sinne: Nur Mut und vor allem keine falsche Bescheidenheit. Wenn sich sogar Lallobeh, die lahmste Ente in meinem Stall, schließlich durchgerungen hat, die Schwelle des verdreckten alten Stalls zu überschreiten und hinaus an die Sonne und in frisches Wasser zu wackeln, dann bin ich zuversichtlich, dass auch wir das noch schaffen werden …

Das gute Leben – das gelungene Leben

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Freitag, 17.6.2016. Eifel. Gönnen wir uns heute mal eine Pause von der Politik – obwohl die Brisanz der tobenden Degeneration der demokratischen Zivilgesellschaft solche Pausen eigentlich nicht erlaubt. Da werden sozial gesinnte Politiker auf offener Straße erschossen, da werden Massenmorde an Anderslebenden verübt, Kriege von Demokratien vom Zaun gebrochen, in deren Folge Millionen Kinder sterben – alles Taten von Menschen, die sich selbst für bedingunglos „gut“ halten würden, wenn man sie fragen würde. Meine eigene Fragestellung für heute ist jedoch nicht die nach der Moral, nach dem moralischen Leben, sondern eher die Fragen nach dem gelungenen Leben, nach dem vollkommenen Leben, nach dem Leben, wo am am Sterbebett überzeugt sagt: „Na, das hat sich mal richtig gelohnt“.

Eine blöde Frage, ich weiß: aber Philosophen werden speziell an Universitäten zum Stellen blöder Fragen ausgebildet – bis hin zu saublöden Fragen. Wir in Deutschland haben es einfach, hier hat die Regierung angeordnet „Deutschland geht es gut“ – und somit muss sich jeder erstmal rechtfertigen, dem es nicht gut geht (siehe zum Beispiel FAZ). Ja – diesen Terror erleben wir doch alle im Alltag, wagen Sie es doch mal, auf die Frage „Wie geht´s“ nicht – wie vorgeschrieben – mit „gut“ zu antworten, sondern mit „schlecht“: Sie sind gleich ein Abtrünniger, ein Ketzer, ein Ausgestossener … und bald auch ein Arbeitsloser, weil Ihnen der „Teamgeist“ fehlt, womit heute die beständig fortschreitende Maximierung des vorauseilenden Gehorsams gemeint ist. Ach – wir sind jetzt wieder politisch geworden. Wollte ich gar nicht.

Fangen wir ganz von vorne an – mit Diogenes. Dem Diogenes von Sinope natürlich, von dem Peter Sloterdijk meinte, er hätte „die ursprüngliche Verbindung zwischen Glück, Bedürfnislosigkeit und Intelligenz“ in die Philosophie eingebracht (siehe Süddeutsche). Von diesem Diogenes kann man einiges lernen, ist er ja bekannt dadurch, dass er sehr reich war – nicht, weil er viel hatte (im Gegenteil, er suchte die Armut, wo er sie nur fand), sondern weil er Alexander (den Großen, wohlgemerkt), bat, dass er bitte aus der Sonne treten möge – obwohl der ihm gerade Millionen schenken wollte.

Nun – wir wollen uns nicht lange mit Diogenes aufhalten, der masturbierte auch in der Öffentlichkeit und lehnte die Maslow´sche Bedürfsnispyramide schon vor 2500 Jahren ab – jene Pyramdie, die wir heute so inbrünstig anbeten.

Kommen wir zu Epikur, dem wir die „Lustphilosophie“ verdanken. Bevor nun alle aufstöhnen und sagen: „Yeah, der ist cool“ lassen wir ihn lieber selbst zu Wort kommen (siehe Wikipedia)

„Daher ist die Einsicht sogar wertvoller als die Philosophie: ihr entstammen alle übrigen Tugenden, weil sie lehrt, dass es nicht möglich ist, lustvoll zu leben, ohne einsichtsvoll, vollkommen und gerecht zu leben, ebenso wenig, einsichtsvoll, vollkommen und gerecht zu leben, ohne lustvoll zu leben.“

„Einsicht“ … hat wieder etwas mit Intelligenz zu tun. Da wird allen gleich unheimlich. Geht „gutes Leben“ nur mit „Intelligenz“? Lustphilosophie hörte sich doch so gut an – „Bumsen und besoffen sein: des kleinen Mannes Sonnenschein“ – so versuchten mir einst Burschenschaftler ihre Überlegenheit über den „kleinen Mann“ zu demonstrieren, während ich ihnen die „Lust“ des Epikur nahelegte: die ganze Woche trockenes, verschimmeltes Brot essen, und dann am Wochenende ein Stück alten Käse gönnen: das ist der wahre Himmel. „Lust“ – eine lang vergessene Erkenntnis – ist steuerbar wie andere Bedürfnisse. Wirklich frei, wirklich mächtig, wirklich reich werden wir nur dann, wenn wir so stark geworden sind, dass wir die Gier bezwingen können wie Herkules den Löwen bezwang.

Hört sich sehr anstrengend an – „Spaß“ geht da doch leichter, oder? Das führt uns zu den Stoikern, die Spaß absichtlich mieden und Gelassenheit als höchstes Gut priesen. Nun – über die Kosmologie der Stoiker könnte man Romane schreiben, ich mache es lieber kurz: ihnen ging es um die Herrschaft über die „Affekte“ – weil das intensive Erleben von „Spaß“ immer auch das Erleben von „Leid“ mit sich bringt … mit gleicher Intensität. Das Erleben von „Spaß“ wird täglich rund um die Uhr auf allen Kanälen der Gegenwart gepriesen, doch verschweigt man den Preis, den man zahlen muss: Leid in jeder Form wird ebenso intensiv erlebt (das die „Spaßgesellschaft“ auch eine „Burn out“ Gesellschaft mit Schwerpunkt auf „Depressionen“ ist, belegt diese Erkenntnis hinreichend) Stoiker wie Seneca und Mark Aurel fanden das doof und erlebten, dass das Leid verschwand, wenn man sich vom Spaß abwandte, sie zogen die Stille am See dem Jubel beim Metallicakonzert vor und meinten: unterm Strich hätten sie da einen enormen Gewinn eingefahren. Marc Aurel war – nebenbei bemerkt – fast zwanzig Jahre Kaiser des römischen Imperiums (also: Ultra High Neth Worth Individual der Super-Plus-Ultra-Klasse, kurz: reichster und mächtigster Mensch des bekannten Universums) … er hätte ganz andere Möglichkeiten gehabt. Und unserer Kanzlerin – der hätte er ordentlich was erzählt über das „gut gehen“.

Doch da … kommen wir auch langsam in den Bereich der Moral. Den … wollte ich ja meiden, weil er sehr beliebig ist und für jeden Menschen verschieden, abhängig von der Lehre, die über ihn (also: den Menschen) herrscht. Der überzeugte Nationalsozialist führt ein moralisch gutes Leben, wenn er der arischen Rasse die Herrschaft über die Welt besorgt und das unwerte Leben (und vor allem seinen großen, ewigen Widersacher: den Juden) vom Angesicht des Planeten tilgt (neben den Slawen und … später … den roten, schwarzen und gelben Menschen), der überzeugte Islamist sieht das ähnlich (auch das mit den Juden), ihm reicht es aber, die Ungläubigen zu köpfen und ihre Frauen zu verkaufen, er muss nicht gleich den ganzen Planeten entvölkern: sind alle gläubig, reicht es ihm schon. Der amerikanische Geldsack gibt erst dann Ruhe, wenn jeder Dollar, Euro, Rubel, Yen und Renmimbi auf seinem Konto liegt und hält alles für gut, was diesem Ziele dient, der gute Soldat bekommt dann einen Orden und fühlt sich göttlich, wenn er möglichst viele, ihm persönlich völlig unbekannte „Feinde“ getötet hat, was wir – bei leicht geänderten Zusammenhängen – als Mord bezeichnen dürfen.

Wird kompliziert, oder? Aber warten Sie, gehen Sie noch nicht, bleiben Sie noch eine Weile: wir sind fertig mit der Philosophie.

Das Urteil, dass „gutes Leben“ völlig beliebig sei und allein vom Auge des Betrachters abhängig ist, passt zwar in eine Konsumgesellschaft, die Philosophie zum Konsumgut machen will, ist aber nicht haltbar.

Nun – da springen jetzt ganze Scharen von Staatsphilosophen auf und zücken die Degen zum Duell: will da jemand wirklich absolute Werte in unsere wertlose Welt tragen? Will da jemand unsere lange Arbeit zunichte machen, für die wir so fürstlich bezahlt werden?

Ja. Das will er – und ruft dazu nur einfache Menschen an, keine großen Philosophen. Mir geht es ja auch um das gelungene Leben einfacher Menschen, ein gelungenes Leben muss für JEDERMANN lebbar sein: nicht nur für den Zögling der Reichen, der sich in Askese übt, weil er Angst vor dem Leid hat (eine andere Definition stoischer Weltanschauung, die wir auch im Buddhismus finden). Es geht nicht um die Befolgung möglichst vieler moralischer Ansprüche der Umwelt, sondern darum, am Sterbebett sagen zu können: ja, das hat sich voll gelohnt.

Wir wissen genau, was dieses gute Leben ist: ein Eigenheim, einen überdurchschnittlich bezahlten Job, einen SUV „anerkannter“ Marke, zwei Kinder (Gymnasium – minimal als Klassensprecher, Fernziel Kieferchirurg oder Fachanwalt für internationales Vertragsrecht), Markenkleidung, drei Fernreisen im Jahr, ein „curved UHD“ TV (oder einen „Zeus“ von der Firma „Titan“ für eine Millione Pfund). Das jedenfalls … ist die Botschaft der Konzerne für uns, dafür predigen sie Maslows Bedürfnispyramide, die … scheitert, weil sie nicht auf alle Menschen zutrifft: der Wikinger stellte Abenteuerlust über Sicherheit, der Künstler pfeift auf Essen, Schlafen, Trinken, wenn nur das Werk gedeiht, der Mönch meidet Wertschätzung und Anerkennung, weil sie nur die Eitelkeit fördern und einen von Gott entfremden – wie wollen wir eine „Psychologie“ ernst nehmen, die nur auf einen kleinen Teil von künstlich gezüchteten Konsumzombies zutrifft – nicht aber auf den Menschen an sich. Wären wir alle Maslowzombies … wir würden heute noch auf den Bäumen sitzen, weil unser Sicherheitsbedürfnis uns den Boden fürchten läßt, wo der Löwe haust.

Was aber viel schlimmer ist: dieses Leben, das uns die „Werbung“ (und – seit einiger Zeit – sehr raffiniert die unsichtbaren Kohorten der „Unternehmensberater“, die zunehmen am Umbau der Gesellschaft arbeiten) predigt … das ist DEREN Leben – nicht Ihres. Leben Sie dieses Leben – dann haben Sie gar keins. Sicher, Sie können sich im Gefühl (klitzekleiner) Macht baden: jeder Quadratzentimeter ihres Gartens ist IHREM WILLEN unterworfen, alles wächst nur dort, wo Sie es erlauben, ebenso definieren Sie jeden Quadratzentimeter ihres eigenen Heims selber – ihr eigener Tempel soll dies sein, dort, wo Sie sich selbst anbeten und verehren, begeistert sind von dem, was Sie alles an Ansprüchen anderer erfüllt haben … denn, ehrlich gesagt, machen Sie nichts anderes, auch wenn Sie noch so toll konsumieren, ein Haus – innen wie außen rosa gestrichen, voller rosa Blüten im Garten – werden Sie nicht durchsetzen können … um nur mal ein Beispiel zu nennen.

Ja, das ist das „gute Leben“ der Frau Merkel und ihrer reichen Freunde: die Freiheit, allen Ansprüchen zu genügen, die die Wirtschaft durch die Politik an Sie stellt. Leben Sie dieses Leben und ich verspreche Ihnen: die Angst vor dem Tod wird von Jahr zu Jahr panischere, wahnhaftere Züge annehmen … einfach, weil das nicht IHR LEBEN IST!

Jetzt denken Sie sicher: „Pass auf, jetzt kommt der auch noch mit Gott“.

Nein. Damit komme ich nicht. Ein gelungenes Leben sollte auch für Atheisten lebbar sein. Ich komme Ihnen mit etwas ganz anderem: der materialistischen Naturwissenschaft, die wir als Gottersatz anbeten und klaglos als Religionsersatzstoff akzeptiert haben, weil es so vorgeschrieben wurde.

Der Mensch ist demnach … Körper samt Funktion. Richtig? Gut, denn mehr … brauchen wir nicht.

Dieser Körper ist von der Natur speziell geschaffen worden (nein: hier ist „Natur“ noch nicht „Gott“, sondern nur eine Umschreibung für Prozesse, die nicht der menschlichen Steuerung unterliegen), um sich nahtlos in die vorgefertigte Umwelt einfügen zu können. Ebenso sind seine Sinne von der Natur geschaffen worden, um in ihr optimal leben zu können: Klang, Gerüche, Licht, Druck – alles sinnvolle Elemente menschlichen Seins. Kinder benutzen sie optimal, erst später wird unser Geist in der „Matrix“ der Erwachsenen eingefangen – während hingegen Naturvölker noch voller kindlicher Freude sind (Freude – nicht „Spaß“ … der auch sehr dunkel werden kann, wenn er sich an Schmerz und Qual ergötzt).

„Schön“ finden wir das, was natürlich ist: das hatte die Wissenschaft schon vor Jahrzehnten erkannt – deshalb fing man an, die Krankenhäuser bunt anzumalen. Die weißen Flächen waren unnatürlich (es war nie das Weiß der Blüten oder des frisch gefallenen Schnees, durch den das Erlebnis von „Licht“ noch intensiver werden kann) und machten den Geist trübe und krank, die Natur hat unser Auge so geschaffen, dass es den wogenden Blätterwald schön findet, den hellen, gelben Sonnenschein, das tiefe Blau des ruhigen Sees, den frischen Duft des blühenden Mai – weshalb wir diese Orte im „Urlaub“ aufsuchen und nicht etwa in Gelsenkirchen, Bottrop oder Bielefeld zu finden sind.

Was merken wir – ganz ohne Moral, ohne hohe Intelligenz, ohne Verstand – das „Tier“ Mensch ist für den Wald geschaffen – bzw. für das Leben in der Natur. Das ist artgerecht. Also ist der der „Gewinner“, der die größte Zeit seines Lebens in freier Natur verbringen kann, denn für dieses Leben ist der Mensch geschaffen worden. Den Mangel an Fell, Klauen, Muskeln können wir durch „Hirn“ gut ausgleichen, schnell ist eine Hütte gebaut, das Feuer geschürt, der Speer geschärft – das reicht an Sicherheit. Wir brauchen … Wärme, Wasser, Nahrung – in dieser Reihenfolge. Und Gemeinschaft, falls wir uns mal bei der Jagd ein Bein brechen und drei Wochen lang nicht zur Wasserstelle kommen oder Brennholz besorgen können: wir können drei Tage ohne Wasser auskommen … aber nur einen Tag ohne Wärme. Ja, hat mich auch überrascht, habe ich beim Survialtraining gelernt.

Das gelungene Leben der biologischen Entität „Mensch“ ist jenes, welches der Mensch aus freien Stücken seit Jahrtausenden wählt: das Leben mit seinem „Stamm“ unter freiem Himmel, dort finden seine Sinne den meisten Genuss, weil sie dort jene Umwelt finden, an die sie sich optimal angepasst haben. Das Leben mit Anzug und Krawatte im kalten, nüchternen Büro unter dem Neonhimmel der Industrieleuchten … kann nie gelungen sein, egal wie viel Sondermüll wir als Ausgleich dafür erhalten. Sondermüll? Ja – unser Elektroschrott, mit dem wir unseren Selbstherrlichkeitstempel garnieren, ist so hochgiftig wie unser Auto, das an sich nur Sondermüll auf vier Rädern ist (wir berichteten), mal abgesehen davon, dass jede Form von „Eigenheim“ ein Höchstmaß an Energieverbrauch und Landfraß darstellt. Jenes Leben, das unsere Industriepolitiker als „gut“ beschreiben, ist umso besser, je größer der Schaden ist, den es an unsere Umwelt (dem einzigen Aspekt des Universums, den wir gerechterweise als „Gott“ akzeptieren können … und müssen, wenn wir als Art überleben wollen) anrichtet – so lautet die einfache, nüchterne Formel, mit der sich unsere Gegenwart beschreiben läßt. Wir beschreiben das natürlich anders, so wie auch kein Soldat sich selbst als Mörder bezeichnen würde – und kein Faschist sich als Verbrecher.

Kurz gefasst: nackig am sonnigen Strand (damit die Sonne möglichst viel Haut erwärmt und der sanfte Wind möglichst viel Haut streicheln kann), funkelndes Licht auf tanzenden Wellen, eine frische Brise Meeresluft in der Nase, warme Sand oder feuchtes Gras unter den Füßen, das seichte Rauschen der Blätter im Ohr, frische Früchte zur Speise – das ist gelungenes Leben, gutes Leben, echtes Leben. Nicht aus Gründen der Moral, sondern aus Gründen unserer … biologischen Ausstattung. Nennen wir dies „gut“ (weil es uns einfach „gut tut“), so haben wir auch eine Vorstellung von … „böse“.

Wieviel Ressourcen brauchen wir für „gutes Leben“? Ganz ganz wenig. Ist noch genug für fünf weitere Milliarden Menschen da. Und wieviel für das, was die Industriepolitiker für „gut“ erklären? Unendlich viele, aktuell mehr, als der ganze Planet zur Verfügung stellen kann – was, ehrlich gesagt, ziemlich dumm ist, obwohl wir doch angeblich so vernünftige Wesen sind.

Der Gipfel echten menschlichen Reichtums findet sich also … bei den Naturvölkern, die mir ihren von der Natur geschaffenen Körpern in der opitmalen Umgebung und der Fülle des Lebens selbst leben. Wem da gleich schaudert, weil die kein Fernsehen haben: wir sind denen nicht so fremd, wenn wir uns anschauen, welche Ort wir aufsuchen, wenn wir „frei“ haben … was selten genug ist und worüber sich in einer sich als „frei“ verstehenden Gesellschaft viel zu wenige wundern. Und die Natur selbst bietet eine Bild- und Tonqualität, die weit über Ultra-Super-Extra HD liegt und sogar Dolby-Sorround-Sound mit Bassreflexboxen weit übertrifft.

Leben Sie ein solches Leben, so können Sie ein Gefühl erfahren, dass unsere Gesellschaft Ihnen nicht mehr bieten kann (aber zum Beispiel dem alttestamentarischen Menschen noch sehr bewusst war, wie viele Textstellen belegen): Sie können satt am Leben werden – lebenssatt, ein Begriff, der schon unglaublich fremd für uns geworden sind, weil wir nur Ersatzstoffe konsumieren, nicht aber das echte, wahre Leben.  Und wer satt des Lebens ist … kann ruhig sterben.

Wer aber ruhig sterben kann … hat wohl ein gelungenes Leben gelebt.

Oder irre ich da?

Und wieder – sind wir in der Politik … also der Frage danach, welche Entscheidungen wir für unsere Zukunft treffen sollen.

Die Antwort darauf ist einfach: so leben, wie es unseren Körpern gemäß ist. Alles andere … führt zu Ungemach. Bis hin zu Weltkrieg und Völkermord. Schauen wir aber auf das, wo wir leben, wie wir leben, so müssen wir leider eingestehen: die Rahmenbedingungen für ein gutes Leben sind gerade äußerst schlecht. Ob wir hier Adorno folgen wollen, wonach ein „gutes Leben im schlechten“ (oder ein richtiges Leben im falschen) nicht möglich ist?

Wollen wir dem Adorno lieber sagen: „Widerstand ist machbar, Herr Nachbar!“.

Und er kann mit der einfachen Forderung nach einem Leben beginnen, welches unsere sinnlichen Ausstattung angemessen ist – weit ab von Lärm, Gestank, Hässlichkeit und Unmenschlichkeit der modernen Zivilisation – wobei ich vermute, dass der Lärm, der Gestank, die Hässlichkeit und die Hektik viel zur Unmenschlichkeit beitragen … und auch zu dem für die Umwelt tödlichen Wunsch, sich eine eigene kleine, heile Selbstversorgereigenheimwelt mit staatlich subventionierten Sonnenkollektoren und Biogarten zu erschaffen.

Wem dies zu düster ist, dem sei als Trost gesagt: die größte Stärke des Menschen ist, sich allen widrigen Lebensumständen anpassen und selbst in kältesten Eiszeiten Oasen des Lebens schaffen zu können.

Mehr – ist aktuell nicht drin. Aber schon das ist ziemlich viel – und besser als alles, was die Staatsphilosophen der Industrieregierung zu bieten haben.

 

 

 

 

 

Über multiresistente Keime, Kulturtod und emotionale Vulkanausbrüche in neoliberaler Gletscherlandschaft – und Enten, die an Nacktschnecken ersticken

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Foto: Nacktschneckenpaarung CC-BY-SA-3.0 BY rupp.de/wikimedia commons (Quellenlink)   

Jedes Jahr infizieren sich in Deutschland rund eine Million Menschen mit multiresistenten Krankenhaus-Keimen / MRSA, gegen die kein Antibiotikum mehr hilft (siehe ARD-Doku „Operation gelungen – Patient tot“). Nach Schätzung der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene sterben daran ca. 40.000 Patienten. Falls wir Antibiotika in der Tier- und Menschenmast weiterhin so unbedarft einsetzen wie bisher, werden laut neuesten Berechnungen  demnächst mehr Menschen an multiresistenten Keimen sterben als an Krebs (siehe Spiegel). Laut dem „Review on Antimicrobial Resistance“ könnten bis 2050 weltweit zehn Millionen Menschen pro Jahr an nicht mehr behandelbaren Infektionen sterben. „Wenn wir das Problem nicht lösen, steuern wir auf Zeiten wie im Mittelalter zu. Viele Menschen werden sterben“, warnt der Ökonom Jim O’Neill, der die Recherchen zu dem Bericht leitete, gegenüber der BBC (siehe Bericht). Sogar die eisern in neoliberalen Traumgefilden schlafende CDU-Fraktion schlägt inzwischen Alarm.

Als ob diese Art von Infektionen noch nicht schrecklich genug wäre, naht sich uns eine noch viel abgründigere, wenngleich unsichtbare und daher wenig thematisierte Gefahr: Die innere Vermorschung bzw. der geistige Tod. Wenn man die derzeitige Sachlage einige Jahre in die Zukunft extrapoliert, dann wird diese Art des Todes wohl weitaus mehr Menschen dahinraffen als MRSA und die Pest im Mittelalter zusammen.

Eine Vorstufe zum geistigen Tod ist der soziale Tod, wenngleich, wie wir sogleich ausführen werden, der soziale Tod gleichzeitig eine große Chance ist, dem geistigen Tod zu entrinnen –insofern kann das Hartzer-Schicksal bei aller bekämpfenswerten Dramatik womöglich eine großartige Chance darstellen, um der endgültigen Auslöschung seines Menschseins zu entgehen.

Aber alles schön der Reihe nach. Im jüngsten Artikel des Eifelphilosophen (Der soziale Tod – Triumph der Elite, Wille der Regierung, Ende der Gerechtigkeit) wird bereits das drohende Schicksal des fernsehenden Reihenhaus-Sparschweinbürgers skizziert: der soziale Tod. Indem sich bei stagnierenden Haushaltseinkommen und gleichzeitig rasant steigenden Wohnungs- und Lebenshaltungskosten immer weniger Menschen, nicht nur Hartzer,  den Eintritt in eine Theater-, Konzert- oder Sporthalle leisten können – oft sprengt schon der Cafe- und Eissalonbesuch das Familienbudget -, verlieren sie den Anschluss an Kultur und Gesellschaft.

Ohne Zweifel ist das Herausdrängen aus der Kulturteilhabe bzw. die Gefahr des sozialen Tods etwas ungemein Schmerzvolles und zeugt von einem Totalversagen unseres Polit- und Wirtschaftssystems. Das soll jetzt nicht zynisch klingen, aber: Diejenigen, die sich Kulturteilhabe noch leisten können und aus dem Vollen schöpfen, befinden sich ohne dass sie es wissen, in noch viel größerer Gefahr – der Gefahr, dem geistigen Tod bzw. einer Art innerer Vermorschung entgegenzugehen. Denn war die Teilhabe an der herrschenden Kultur in früheren Zeitepochen i.d.R. der Garant und Wegweiser für eine angemessene menschliche Entwicklung, so ist es heute andersrum: Kultur muss individuell begründet werden. Schwimmt man nur mit dem mit, was einem von außen als „Kulturleben“ zugefüttert wird, dann wird man von einem Vakuum angesaugt, geht man langsam aber sicher unter und erleidet eine Art inneren Erfrierungstod (heute salopp als „Burn-out“ bezeichnet – was zunächst flammend und heldenhaft klingt, aber schon bei wörtlicher Interpretation zeigt, dass dieser Zustand gar nichts Flammendes oder Wärmehaftes mehr in sich hat, sondern eben: „Flamme-aus“, also: Kälte).

Die Sache ist leider umso tückischer als diesem geistigen Erfrierungstod jede Menge feuriger Eruptionen und Emotionsfeuerwerke vorangehen, die den Eindruck von wohliger Wärme und Vitalität erwecken. Da diese jedoch den Menschen in Wirklichkeit leer ausgehen lassen, muss die Dosis ständig gesteigert und noch mehr Treibstoff verbrannt werden. Der Designer Ken Garland bringt es auf den Punkt: „Unsere Überflussgesellschaft hat einen Punkt der Sättigung erreicht, an dem der schrille Schrei der Konsumpropaganda nichts weiter ist als bloßer Lärm.“  

Auch wenn das unmittelbare Schicksal hart erscheint: Wer in die Einkaufs- und Wellnesstempel dieser Überflussgesellschaft nicht mehr eintreten kann, sondern notgedrungen daheimbleiben und sich mit karger, aber substanzieller und vitaminreicher Diät in Form von klassischer Philosophie zufriedengeben muss – Marc Aurel, Seneca und Goethe gibt’s beim Trödler schon ab € 1.-, also zum Gegenwert einer Vanilleeiskugel, und der Kenner kann ein ganzes Jahr von einem einzigen solchen Büchlein zehren -, der hat die Chance, die heranrollende kulturelle Pestepidemie zu überstehen und geistig gesund zu bleiben (sofern er auch das Ernährungs- und Heizungsproblem löst, ich weiß).

Ein Hartzer in der Eifel oder im Schwarzwald hat also womöglich weitaus bessere Überlebenschancen, um die kommende geistige Pandemie zu überstehen als ein urbaner Karrierist im SUV. Man nehme nur den Eifelphilosophen: Wäre er nicht geharzt worden, dann triebe er weiterhin in wortmächtiger und überzeugungskräftiger Weise für einen Pharmakonzern sein Unwesen, der aktuell mit Monsanto fusionieren will (demnächst vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt / siehe Netzfauen.org). So aber nutzt er seine Wortmacht und Intelligenz nun dazu, um gerade denjenigen aufgeblasenen Gummikrokodilen einen Stich zu verpassen, denen er früher gedient hat – und hilft damit unzähligen Menschen, in einer zunehmend vergletscherten Gesellschaft nicht an sich zu zweifeln, sondern dem zur Normalität erklärten Wahnsinn die Stirn zu bieten (Hallo Eifel, möchte deinen guten Namen hier nicht verhunzen, aber du bist da einfach ein Paradebeispiel).

Viktor Frankl denkt die aktuelle Situation zu Ende und spricht vom „existenziellen Vakuum“ als größter Herausforderung unserer Zeit:

„Fragen wir uns doch nur, was das Resultat wäre, wenn ein menschliches Wesen sämtliche Bedürfnisse, die es im Zeitquerschnitt haben mag, voll befriedigen vermöchte – was wäre das Resultat: das Erlebnis der Erfüllung? Oder vielmehr das Gegenteil, nämlich die Erfahrung einer abgründigen Langeweile – einer bodenlosen Leere – eben des existenziellen Vakuums? Mit diesem Vakuum werden wir Neurologen ja alltäglich und sprechstündlich konfrontiert …“

Gleichzeitig weist Frankl auch auf den goldenen Mittelweg hin, der gelungenes Leben ermöglicht (und den er zwischen den beiden ebenfalls in uns immanenten Tendenzen nach bloßer Macht und nach bloßer Lust lokalisiert): die Ergründung – und schließlich das aktive Schaffen – von immer mehr Sinn.

 „Aber der ‚Mensch auf der Suche nach Sinn‘ wird unter den gesellschaftlichen Bedingungen von heute eigentlich nur frustriert! Und das rührt daher, dass die Wohlstandsgesellschaft bzw. der Wohlfahrtsstaat praktisch alle Bedürfnisse des Menschen zu befriedigen imstande ist, ja, einzelne Bedürfnisse werden von der Konsumgesellschaft überhaupt erst erzeugt. Nur ein Bedürfnis geht leer aus, und das ist das Sinnbedürfnis des Menschen – das ist sein „Wille zum Sinn“, wie ich ihn nenne, das heißt, das dem Menschen zutiefst innewohnende Bedürfnis, in seinem Leben oder vielleicht besser gesagt in jeder einzelnen Lebenssituation einen Sinn zu finden – und hinzugehen und ihn zu erfüllen.“

Wird der Sinn des Lebens und des Menschseins geleugnet und werden Mensch und Welt nur als geistlose, kommerziell verwertbare Kohlenstoffhaufen angesehen, so wie dies derzeit in Schulen und Universitäten de facto gelehrt wird, dann gerät der Mensch in innere Verzweiflung.

Aktuell konstatiert Regisseur David Schalko „Perversion als letzten Ausdruck der inneren Verzweiflung“. Plattformen und Übertragungsstätten der inneren Verzweiflung sind nicht nur unsere urbanen Kulturstätten, Arbeitsplätze und Medien, sondern zunehmend auch unsere Bildungsseinrichtungen und Universitäten. In einem jüngsten Interview beklagt der Jenaer Soziologie-Professor Hartmut  Rosa unter Verweis auf die stark zunehmenden Burn-out-Raten und Angsterkrankungen schon unter Studenten, dass die Universität immer mehr zu einer „Entfremdungszone“ werde.  Jede Nacht wachten in unserer beschleunigten, spätkapitalistischen westlichen Welt mehr Menschen schweißgebadet auf als in totalitären Regimen (Quelle: Zeit).

Natürlich wäre es nun keine Lösung, sich von allen diesen entfremdeten Orten gesellschaftlichen Geschehens fernzuhalten. Im Gegenteil, es geht darum, mutig und gut gerüstet mit Humor in diese Räume einzutreten und sie wieder in menschengerechte Lebensumfelder zu verwandeln.

Zurück aber zu unserem eigentlichen Thema, dem drohenden geistigen Tod. Um an die Wurzeln des Virus zu gelangen, der zu dieser Art Tod führt, müssten wir weiter ausholen. Da das Hamsterrad, in dem ich selbst laufe, mir dazu gerade nicht genug Atem lässt, müssen wir ein andernmal darauf zurückkommen. Die nachfolgenden Streiflichter sind in Wirklichkeit vollkommen unwichtige Randerscheinungen, eigentlich gar nicht wert, sie zu erwähnen. Niemand möge sich daher an den Beispielen festbeißen. Sie sind nur oberflächliche Symptome und womöglich sogar autoimmune Heilungsversuche und Rettungsschreie eines zutiefst kranken und daher fiebernden menschlichen Organismus. Wem die Beispiele dekadent vorkommen, dem sei gesagt: Das ist noch gar nichts. Gegen das, was noch auf uns zukommt, sind das nur humoreske Kinkerlitzchen, quasi nur das Wetterleuchten eines Hurrikans, der sich noch hinter dem Horizont verbirgt. So ähnlich wie eine tödliche Infektion sich zunächst als leichte Kopfschmerzen oder Magenkrämpfe äußern kann. Trotz ihres Seifenblasen-Charakters können besagte Symptome aber als erste Annäherung an den eigentlichen Leviathan dienen, der unsere Gesellschaft derzeit durchlöchert wie ein Bandwurm einen Schweizer Käse.

Nachdem Politik und Wissenschaft sich bisher als vollkommen unfähig erwiesen haben, diesen aalglatten und obendrein unsichtbaren Bandwurm zu erfassen, bleibt uns als Barometer des Zeitgeschehens wieder einmal nur die Kunst. Noch der griechische Mensch fühlte sich nur deshalb gesund, weil er regelmäßig durch Kunst und Drama eine Katharsis, eine innere Reinigung erfuhr und sich ihm während des Schauspiels die Perspektive auf begeisternde menschliche Ideale eröffnete. Obwohl sich unsere Kunstszene längst von diesen ihren eigentlichen Möglichkeiten verabschiedet hat (bereits 1972 konstatierte der Nobelpreisträger Oktavio Paz das „Ende der Kunst“), so ist die Funktion der Kunst heute zumindest die eines präzisen Spiegels des herrschenden Zeitgeistes.

Was spiegelt uns also aktuell die Kunst? Auf der Documenta in Kassel, der weltweit bedeutendsten Ausstellung für zeitgenössische Kunst, erfährt man etwa von der früheren künstlerischen Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev (vom Magazin „ArtReview“ zur einflussreichsten Person im internationalen Kunstbetrieb gewählt): „Ich habe kein Konzept.“ – setzt jedoch nach, dass die Documenta immerhin eine „Choreographie“ habe: „Sie ist unharmonisch und frenetisch“; außerdem: „Ich halte Verwirrung für eine sehr gesunde Position.“

Vor einigen Jahren habe ich aus dem Kulturteil einer Tageszeitung folgenden Artikel der Kunstjournalistin Andrea Heinz herausgerissen, weil ich ihn als Kunstliebhaber so ungemein treffend fand:  „Überhaupt scheinen es in dieser zeitgenössischen ‚Crossover-Kunst‘ Selbstbezogenheit und der Rückzug auf das Ich zu sein, die aus der Auseinandersetzung mit der Umwelt resultieren. Die klassische Dreieinigkeit vom Schönen-Wahren-Guten ist ohnehin passe, es geht jetzt maximal um individuelle Wahrheiten. […]  es ist, wenn man so will, die Kunst der Krise. Es sind Kunst-Fluchten, die sich die hochqualifizierte und -gezüchtete Kunstelite von morgen erschafft.“

Der Artikel stammt aus 2011. Inzwischen ist wieder einiges Wasser den Bach hinuntergeflossen und der Kessel, in dem wir sitzen, um ein paar weitere Grad Celsius erhitzt worden. Als ich vorgestern das Programm einer der international anerkanntesten, seit 1927 etablierten Kunstveranstaltungen, der „Wiener Festwochen“ las, wehte mir bereits ein ganz anderer Wind entgegen. Folgender Bericht findet sich dazu als oberster  Leitartikel der Tagesnachrichten im österreichischen Rundfunk ORF (Anliegen der Wiener Festwochen ist es lt. Wikipedia, „Kulturereignisse selbst zu schaffen oder mitzugestalten, die höchstes künstlerisches Niveau mit gesellschaftsrelevanten Inhalten und Zielen verbinden“. Sie verstehen sich als „Angebot zur Offenheit gegenüber anderen Kulturen und Welten“; ebenso besitzt der ORF einen gesetzlich verankerten Bildungsauftrag). Highlight der Festwochen  ist diesmal eine Inszenierung des Regisseurs Jan Fabre „Mount Olympus“ (siehe Volltext mit Bildern auf orf.at):

„…Diese Akkuratesse braucht es auch, wenn auf der Bühne gekotzt wird, wenn Frauen stehend in Glasgefäße urinieren, Pornoszenen nachgestellt werden und 20 Personen wild um sich schlagen, kreischen und schluchzen, wenn rohes Fleisch und Eingeweide geworfen werden, wenn echtes menschliches Blut fließt … Denn 24 Stunden Chaos – das würde rasch langweilig. Es braucht also eine strenge Dramaturgie – und höchste Konzentration.

… 24 Stunden, in denen Fabre sein Publikum gemeinsam mit den Darstellern immer weiter bergab führt in die Untiefen des Unbewussten, wo Tagesreste, Ängste, Begierden und Traumfetzen einen wabernden Morast bilden.

… Dem Zuschauer wird gleich zu Beginn empfohlen, sich auf das Geschehen einzulassen und dabei nicht rational zu denken. Den körperlichen Einstieg macht Regisseur Fabre leicht: Während einer Drum-and-Bass-Nummer mit halbnackt twerkenden Darstellern fahren einem die Beats in alle Glieder. Ein überdrehter Dionysos schüttelt als „Master of Ceremony“ die üppig vorhandenen Speckfalten und verspricht, den ganzen Saal in den Wahnsinn zu treiben.

… Im Laufe der Nacht stellte sich, wie geplant, kollektive Trance ein, die sich im Lauf des Sonntags noch steigerte. Langsame, behutsame Bewegungen im Zuschauerraum, eine eingeschworene Community bildete sich hinter, auf und vor der Bühne. Es breitete sich ein wohliges Gefühl der Verbundenheit aus. Ein Erfahrungsraum war geöffnet, in dem nichts obszön wirkte oder flach. Jetzt hatte Fabre das Publikum dort, wo er es wollte, und konnte sein Bestiarium in all seiner Brutalität, Geilheit, Verzweiflung und Lächerlichkeit vorführen.

… Das Publikum dankte dem Regisseur und den Darstellern für diese intensiven Erfahrungen mit einem intensiven 15-minütigen Applaus.

… Fabre teilt seine körperliche Interpretation dessen, was dem menschlichen Handeln zugrunde liegt: Status wollen. Bestimmen wollen. Und gleichzeitig: alle Zügel fahren lassen wollen, mit jedem ficken wollen, vor Schmerz losschreien wollen, jemandem die Gedärme herausreißen wollen, mit dem man eine Rechnung offen hat. Er zeigt das ganze Spektrum des Scheiterns und Reüssierens in einer Welt, die nur vermeintlich auf Vernunft aufgebaut ist.“

Fabre drückt durch seine Kunst in Wirklichkeit exakt das Gleiche aus, was heute auch von streng wissenschaftlicher Seite konstatiert wird: Dass der Mensch nur ein geistloser, nervendurchzuckter Kohlenstoffhaufen, ergo alles Wurst und daher nach Willkür des Geschäftstüchtigen verwertbar ist. Laut neuester Erkenntnis der Biotechnologen (unwiderlegbar ersichtlich im Rasterelektronenmikroskop) ist der Mensch nur eine Art Ratte (siehe Nachrichtenspiegel: Rat Race and Rape Culure Club Köln). Mit einem Wort: Die humanistische und grundgesetzlich verankerte Auffassung, dass der Mensch eine Würde und damit ein Schutzbedürfnis besitzt, befindet sich in akuter Erosion. Der entsprechende Paragraph des Grundgesetzes wird im Falle einer vollendeten Durchsetzung des technokratisch-naturwissenschaftlichen Weltbildes womöglich nicht mehr lange haltbar sein. Und während wir heute nur Ratte spielen und uns auf Festspielen am Rattenleben ergötzen, so werden die Kinder, denen wir beibringen, dass der Mensch nur eine etwas raffiniertere Ratte ist, schon bald beginnen, mit dieser Weltanschauung Ernst zu machen und auch ihr gemäß zu leben.

Um sich auf diese neue Realität einzustimmen, bedarf es einer fachmännischen Konditionierung und Taktung des Bürgers. Regisseur Fabre macht uns den Gefallen, dass er in einem Interview ausspricht, wie diese Konditionierung abläuft (im täglichen Fernsehprogramm, mit dem der Bürger allabendlich abgefüllt wird, läuft übrigens exakt dieselbe Konditionierung ab, ohne dass es ausdrücklich erklärt wird; womit auch selbstredend klar ist, dass diejenigen Ausgebooteten und Harzer, die ihre Ausgrenzung von der kulturellen Teilhabe nicht für die Lektüre von Marc Aurel & Co. nutzen, sondern für „Fernsehen“, in keiner Weise vor der kommenden Pandemie bzw. dem geistigen Tod geschützt sind):

>> In „Mount Olympus“ will er … eine Art programmierter Überforderung erzeugen, das betrifft sowohl Publikum als auch Ensemble. „Es ist sehr, sehr fordernd für alle Beteiligten. Nach jeder Vorstellung sind wir für ungefähr eine Woche völlig aus dem Takt. Die biologische Uhr ist völlig durcheinander.“ Er habe schon oft von Zuschauern gehört, dass sich im Laufe der Performance die Perspektiven verschieben: Wenn man zwischendurch hinausgeht und zurückkommt, empfinde man die Vorstellung als Realität.<<

Ich blättere weiter im Kulturteil der Nachrichten und stoße auf ein Megakonzert, das letzten Donnerstag trotz miserablem Wetter 50.000 Menschen in ein Fußballstadion der Festspielstadt lockte: Die Rockband AC/DC gab ein Stelldichein. Da man heute gesteinigt wird, wenn man gegenüber Rockheiligenikonen wie Angus Young & Co. nicht bedingungslose Wertschätzung bezeugt, vorneweg mein Disclaimer: Es geht mir überhaupt nicht um AC/DC oder sonst irgendeine bestimmte Band,  die AC/DC Leute haben sich für ihre Verdienste als Bahnbrecher des Heavy Metal nach ihrem Ableben  wohl zweifellos den Eintritt in den siebenten Hardrockhimmel gesichert. Auch die Motive der unzähligen Fans, die in solche Konzerte strömen, kann ich vollständig nachvollziehen. In einer Arbeits- und Alltagswelt, die inzwischen trotz Dauerbespaßung weitgehend unlustig geworden ist, sind Gelegenheiten, sich den Dynamoeffekt und die 100.000 Volt Hochspannung eines Konzertkessels zunutze zu machen um die vergletscherte Kruste des schnöden technokratischen Alltagsfaschismus zumindest kurzfristig zu sprengen, natürlich sehr willkommen.

Der Name der stadionfüllenden Band sei an dieser Stelle also vollkommen egal, es gibt deren unzählige für jeden Geschmack. Es soll damit nur ein weiteres, in Wirklichkeit vollkommen nebensächliches Kultur-Streiflicht angeführt sein, man könnte sicher dasselbe Szenario anhand eines Konzertes von Madonna, den Stones oder Bushido berichten. Auch in einem Bierzelt mit Heino, den Original Fidelen Uasprung Spatzen Brunnzer Buahm oder sonstigen Globetrottern  könnte man im Prinzip genau dasselbe gespiegelt finden wie beim jüngsten AC/DC Konzert. Ein Ausschnitt dazu aus dem Konzertbericht des öffentlichen Rundfunks (siehe orf.at):

„Teufelshörner dominierten nicht nur die bombastische Bühne mit den zwei Videowalls. Man möchte jene Person sein, die den Gewinn des Verkaufs von Plastikteufelshörnchen an diesem Abend einstreifen durfte. Das ganze fast restlos gefüllte Stadion blinkte und leuchtete rot. (…)

„If You Want Blood You’ve Got It“ („Highway to Hell“, 1979) – die Bühne wurde rot beleuchtet, das Blut war allerorten in Wallung, vor allem bei Angus Young. Er schüttelte seine letzten Locken und war in seiner Angus-Young-Trance, der Mund beim Gitarrespielen weit offen. Rose und er interagierten auf der Bühne nicht wirklich. Hier war jeder in seinem eigenen Film der Hauptdarsteller. Die Bühne war groß. Da war Platz für zwei Egos, selbst von dieser Dimension (…)

Das Publikum war bester Laune und jubelte frenetisch mit (…) „I gonna take ya to hell“ – und jeder wollte sich allzu gerne mitnehmen lassen. Angus Young führte die Pilgerschar Richtung Hölle im Trippelschritt an (…)

Angus Young stellte seine Ohren auf und bekam, was er wollte: ein lautes Liebesgrölen von 50.000 Menschen, die sich gerade sehr wild und sehr böse fühlten und jede Menge Spaß dabei hatten.

Auch der FM4-Redakteur Boris Jordan war live dabei. Am Ende seines im Wesentlichen gleichlautenden Konzertberichts zieht er sein persönliches Resümee: „Irgendwie hat das dann etwas von einer selbstvergrößernden, lebenströstenden Macht, einem unernsten Stück Scheißegal-Zuversicht, das man nicht ohne weiteres überall bekommt.“

So wie im Leben nie etwas umsonst ist und man überall etwas Nützliches lernen kann, hatte ich spätestens hier ein Aha-Erlebnis. Vielleicht ist ja gerade das das missing link, das uns Philosophen fehlt, damit wir nicht zu sauertöpfisch werden: ein unernstes Stück Scheißegal-Zuversicht. Angesichts der momentanen Weltlage gehört diese Ingredienz eigentlich in jeden Wanderrucksack, oder noch besser: als App aufs Smartphone.  Auch unseren Kindern würde solch ein unernstes Stück Scheißegal-Zuversicht womöglich nicht schaden, man könnte z.B. den unnützen Bastelunterricht streichen und stattdessen eine Stunde Hardrock mit Headbangen einführen.

So, genug für heute, es ist schon dunkel. Höchste Zeit, dass ich meine Enten einsperre, bevor der Marder kommt. Überhaupt werde ich auf meine Enten dieses Jahr gut aufpassen und ihnen reichlich frisches Wasser bereitstellen müssen. Die alljährliche Nacktschneckeninvasion beginnt wieder. Letztes Jahr habe ich im Sommer die Hälfte meiner Jungenten verloren. Die Tiere hatten einen solch unbändigen Appetit auf Nacktschnecken, dass sie den Hals nicht voll davon kriegen konnten. Sie sind an den schleimigen Kriechtieren elend erstickt.

 

Was wir heute brauchen wie ein Loch im Knie: „Bodenständige“ Politiker im Maulwurfspelz und AFX-Parteien

31 Maulwurf

Foto:[Copyrighted free use] v. Sir Boris, Quelle   

Die Gänsehaut steht dem Politologen Philipp Ruch noch am Rücken wie nach einer Geisterbahnfahrt durch ein Mumienkabinett:

„Ich war kürzlich wieder im Bundestag – das war grausam, ein Armutszeugnis. Wer den Nährboden für Kleingeistigkeit sucht, sollte genau dorthin gehen. Die Mitglieder der Bundesregierung sind Verwalter des Status quo. Keiner von denen ist es gewohnt, unkonventionell zu denken oder seine Fantasie anzuschmeißen. Keiner von denen hat eine Vorstellung davon, wie unsere Gesellschaft in Zukunft aussehen könnte. […] Die derzeitige politische Führung ist die reinste Provokation. Diese Gleichgültigkeit im Land ist grauenvoll und gefährlich. […] Aber unsere Politiker verteilen Schlaftabletten.“ (Interview in Telepolis, 07.01.2016)

Peter Sloterdijk hat dazu einen weniger emotionalen, sondern mehr philosophischen Zugang. Wir leben, so Sloterdijk, längst in einer „Lethargokratie“ – „Wo Politik war, wird betreutes Dahindämmern“ (siehe Handelsblatt). Auch Merkel kommt in seiner Betrachtung nicht gut weg – er bezeichnet sie wenig schmeichelhaft als „Hohlraumfigur“.  Während Sloterdijk den „Lügenäther heute so dicht wie zu Zeiten des Kalten Krieges“ einschätzt, hält er hingegen den EU Kommissionspräsidenten  Jean-Claude Juncker mit seinem Ausspruch „Wenn es ernst wird, musst du lügen“ durchaus für keinen Zyniker: „Juncker ist kein Zyniker. Er ist ein redlicher Arbeiter in der wahrheitslosen Sphäre, die man Politik nennt. Insofern fast ein Journalist.“

Mit einem Wort also: In besagter wahrheitsloser Sphäre der Politik haben heute Pragmatiker das Sagen. Sie wollen die fernsehenden Bürger mit noch mehr Wohlschand und Wirtschaftwachsdumm beglücken, obwohl uns diese Schande und Dummheit bereits in jeder Hinsicht an den Rand des Abgrunds gebracht haben. Aber macht nichts, die Losung lautet: Wir brauchen einfach nur noch mehr davon, dann wird’s schon wieder aufwärts gehen. So wie es auch Donald Trump verspricht, der robuste Unternehmer, der weiß wie man sich in einem Krokodilteich das Recht des Stärkeren zunutze macht und der „America great again“ machen will.

Was ist übrigens so „great“ am American Lifestyle? Nicht einmal die Chefapologeten wissen es so richtig. In seinem Buch „Die einzige Weltmacht“ spricht US Präsidentenberater Zbigniew Brzezinski vom „nicht genauer bestimmbaren, aber erheblichen kulturellen Reiz des american way of life“, den er neben „der Fähigkeit, riesige wirtschaftliche und technologische Ressourcen umgehend für militärische Zwecke einzusetzen“ als die beiden Hauptfaktoren bezeichnete, auf der „Amerikas imperiale Macht beruht“.

Nachdem der frenetische Applaus, den Trump für sein Wahlversprechen erntet, verebbt ist, kommen dem ein oder anderen vielleicht auch die Worte von Christian Morgenstern in den Sinn:

„Wozu, so fragt man sich, Reichtum, Wohlstand, Macht,
wenn alles dies den Menschen nur verflacht?“

Und in der Tat ist die frühere Begeisterung über den American Way of Life bei den meisten Menschen, inklusive den Amerikanern selbst, mittlerweile stark abgeflacht. Ernüchterung, sogar Untergangsstimmung hat sich breitgemacht, auch wenn es nicht jedermann so radikal formuliert wie  Georges Clemenceau: „Amerika – das ist die Entwicklung von der Barbarei zur Dekadenz ohne den Umweg über die Kultur“.

Aber wir brauchen gar nicht zu unseren transatlantischen Freunden gucken, vor unserer eigenen Tür gibt es genauso viel zu kehren. Unsere TTIP Politiker haben inzwischen den gleichen rosa Hasen im Programm, den sie auf der Showbühne medienwirksam aus dem Zauberhut ziehen: ein frisch geföhntes, strahlrosa Vieh mit Duracell-Batterien im Hintern, LED-Blinklichtern in den Augen und Bluetooth-Stöpseln in den Ohren, das solange blind im Takt trommelt bis die Batterien alle sind – ein Synonym quasi für den uniformen, leistungsbereiten Wettbewerbsbürger, wie er heute en masse an den Schulen und Unis gezüchtet wird (siehe Züchtung zum Axolotl-Bürger).

„Visionen? Wer Visionen hat, braucht einen Arzt!“, meinte schon Altbundeskanzler Schmidt auf die naive Frage der Jugend nach menschengerechten politischen Perspektiven. Er erntete damit ebensolch sattes Gelächter wie Berlusconi, als er in einer TV-Show einer verzweifelten jungen Italienerin die Frage beantwortete, wie sie als working poor ihre Existenz bestreiten solle. Der Cavaliere schmunzelnd: „Nun, Sie könnten doch einen der Söhne Berlusconis heiraten.“

Unsere Politiker geben sich stattdessen gerne als Pragmatiker, als Realos – als „bodenständig“ … dabei ist der Stand bzw. das Menschenbild, das sie haben, bereits so unterirdisch und sub-zero, dass man nicht einmal mehr ihre Ohrenspitzen aus dem Boden herausragen sieht.

Aber da der Wähler bisher mit Vorliebe solch „bodenständigen“ Typen das Mandat gegeben hat, haben wir heute die groteske Situation, dass unsere Parlamente randvoll besetzt sind mit Personen, die die Welt aus einer Maulwurfsperspektive betrachten. Und es ist eben eine dunkle und feuchte Welt, in der es darum geht, sich durch die Erde zu graben und nach Würmern zu schürfen. Nicht, dass diese Weltsicht falsch wäre – aus der Sicht eines Maulwurfs ist sie die einzig richtige Realität. Und der Maulwurf kann auch gar nicht anders, als dieser Realität gemäß zu handeln. Auch liegt es in seiner Natur, jede darüber hinausgehende Realität zu leugnen. Wenn man ihm erzählte, dass es da oben noch eine ganz andere Welt gibt, mit Sonne, Sternen, Regenbögen, Blitzen und Hurrikans – der Maulwurf würde das große Zittern bekommen und vor Aufregung in die Nähe eines Herzinfarkts geraten. Schon alleine die Vorstellung, dass seine ans Dunkel gewöhnten Augen der strahlenden Sonne ausgesetzt werden, bereitet ihm Schmerz. Er muss eine solche Realität also schon aus reinem Selbstschutz abwehren.

Das Problem ist nur: Indem die Maulwürfe die Maulwurfsrealität zur einzig gültigen und möglichen Realität erklären, bleibt diese auch für den Rest der Bevölkerung alternativlos.

Da jedoch der Großteil von uns Zweibeinern in Wirklichkeit gar nicht der Spezies der Maulwürfe zugehörig ist, man uns aber trotzdem ein Dahinvegetieren in einer lichtlosen und kalten Umgebung aufnötigt, verwundert es nicht, dass mittlerweile Vitamin-D-Mangel und seelischer Rheumatismus epidemisch zunehmen und wir in dieser vermeintlich alternativlosen Welt zugrunde zu gehen drohen. So werden Depressionen lt. WHO-Statistik innerhalb der nächsten 15 Jahre die Volkskrankheit Nr.1 sein (siehe Ärztezeitung).

„We have elections, but we have no choice“, schrien wütende junge Menschen seinerzeit während der Unruhen in den Vororten von Paris in die Kameras – sie hatten damals die Wahl zwischen Nicolas Sarkozy und Segolene Royal, Kandidaten verschiedener Parteien, aber Absolventen der gleichen Schulen und Universitäten, also aus denselben ideologischen Kaderschmieden kommend. Eine akademische Schicht, von der Noam Chomsky sagt, dass sie „deeply indoctrinated“ (zu deutsch: zutiefst gehirngewaschen) ist.

In der Tat ist es in unserem Zeitalter der Postdemokratie relativ einerlei, welche drei Buchstaben eine Partei trägt. Da alle Köpfe dieser Parteien vom Förderband desselben Schul- und Universitätssystems gelaufen sind und daher im gleichen (szientistisch-technokratisch-nihilistischen) Takt ticken, ist es auch relativ bedeutungslos, welche Partei gerade an der Macht ist – nach kurzer Zeit wird auch eine neugewählte Partei „auf Linie“ sein und nur noch ökonomische Direktiven ausführen, egal ob sie sich AFD, AFX, oder SOS nennt.

Dass hinter der „AFD“ übrigens nichts anderes wartet als ein knallhartes neoliberales Programm, hat der Eifelphilosoph ja schon kurz abgehandelt (siehe AfD – Alternative für Deutschland?). Die übliche transatlantisch verkrückte Melange mit Aussicht auf mehr Effizienz, schärferen Wettbewerb und „vernünftiges“ Wirtschaften – überaus verlockende Worthülsen also,  mit denen auch die FDP unter dem kürzlich abgeschiedenen Guido Westerwelle zumindest kurzfristig reüssieren und satte Wahlergebnisse einfahren konnte, bevor dann die Maulwurfsmilch ranzig wurde und sich die Wähler wieder ernüchtert an dem Ort wiederfanden, den sie ohnehin schon gewohnt waren: im Bockshorn.

In Wirklichkeit brauchen wir keine strukturellen/wirtschaftlichen/technokratischen Verbesserungsvorschläge, sondern eine grundlegend andere Sicht von Welt, Mensch und dem Sinn unseres Daseins im Sinne von Platons Höhlengleichnis (das heute übrigens im Schulunterricht geflissentlich verschwiegen wird). Solange ein Politiker das nicht als Motiv hat, sondern nur so tickt, wie er vom Förderband von Schule und Uni gelaufen ist – szientistisch-technokratisch-nihilistisch eben, ist das was er bringt, vollständig für die Katz‘.  Sogar der Strom fürs Mikrophon und die Beleuchtung, mit dem die Frauken und Manneken solcher Parteien in Szene gesetzt werden und mit dem sie ihre technokratischen Verschlimmbesserungen in den Raum trompeten, ist reine Verschwendung. Ebenso die Tonnen an giftiger Druckerfarbe, mit der man die Litfasssäulen unserer Städte mit den Konterfeis besagter Frauken und Manneken zukleistert.

Solche „bodenständigen“ Politiker brauchen wir heute in Wirklichkeit genauso wie einen 35. Maulwurf in einem Garten, in dem bereits 34 andere Maulwürfe am Werk sind, um den Radieschen die Wurzeln abzufressen.

31 Steve Geshwister_Im Wahlkreisbüro

Bild: „Zu Besuch im Wahlkreisbüro“ von Steve Geshwister (Quelle)

Ich habe daher schon zuletzt vorgeschlagen, dass die großen Parteien ihre heiße Luft lieber dem Fernwärmeheizwerk spendieren und sich stattdessen das Talent von Steve Geshwister, dem Zeichner des obigen Bildes (siehe auch: Galerie) zunutze machen sollten. Er hat die geniale Gabe, dasjenige darzustellen, zu was man die menschliche Realität heute reduziert hat: zu bloßer Wirtschaftlichkeit bzw. was das ganze Drumherum heute ist: nur noch eine hohle Phrase.

Würden wir statt der heuchlerischen Imagewahlwerbung flächendeckend die Cartoons von Steve Geshwister plakatieren, dann wäre endlich einmal das Bekenntnis am Tisch, was denn eigentlich noch der Inhalt all unserer hochtrabenden Phrasen ist: nämlich nackte Wirtschaftlichkeit.

Dann könnten wir endlich neu anfangen und am Aufbau einer wirklich humanen Gesellschaft, an der Verwirklichung von Sinn etc. zu arbeiten. Solange dieses Eingeständnis jedoch nicht am Tisch ist (dass wir unsere Intelligenz für bloße Bedürfnisbefriedigung prostituieren, wie es die Ratte übrigens auch ganz ohne den Luxus menschlicher Intelligenz und Freiheit, sondern rein aus ihrem Instinkt schafft), solange wird es weiter abwärts gehen und die Zustände werden immer unerträglicher werden.

Wenn wir das Malheur, in dem wir heute stecken, rein menschheitsgeschichtlich betrachten, dann braucht es keineswegs Anlass zu Resignation geben. Ganz im Gegenteil, dass alle Begriffe, die früher einmal Substanz hatten, heute leer und zur Farce geworden sind, musste unweigerlich so kommen. Denn nur indem unsere Kultur vollkommen leer von allem geworden ist, was früher einmal Bedeutung hatte, ist nun der notwendige Platz vorhanden, der mit einer ganz neuen Art von Humanität und Sinnhaftigkeit gefüllt werden kann, die dem eigentlichen Potenzial des Menschen entspricht.

Dass wir als Kinder des 20./21. Jahrhunderts uns nicht mehr der gleichen Illusion wie unsere Eltern und Großeltern hingeben können – dass dann, wenn wir uns ein Zweitauto, eine Waschmaschine und einen großen Farbfernseher erarbeiten, alles besser sein wird – ist zwar bitter, aber das ist eben unser Schicksal. Natürlich ist die Sehnsucht nach solchen Illusionen riesengroß – und wird nicht nur von der Politik, sondern auch von der Werbeindustrie weidlich ausgenützt, indem sie uns vorgaukelt, dass wir dieses und jenes Produkt unbedingt haben müssten, dann würden wir so grinseglücklich sein wie das Model im Werbespot. Wie gerne würden wir uns solchen Illusionen wie anno dazumal hingeben, als die Welt noch einfältig und saftig war und man auf vermeintlich festem Boden stehen konnte!

Um uns zumindest noch ein paar Jährchen in solch nostalgischen Gefühlen zu wiegen, sind wir sogar bereit, blechernen Pappkameraden wie Trump und Berlusconi das Steuerrad in die Hand zu geben. Die erzählen uns faustdicke und mittlerweile abgründig gefährliche Lügen, aber egal, man kann dank ihnen kurz nochmal die Augen vom Ernst der Stunde, die heute geschlagen hat, abwenden und ein bisschen dahindösen. In diesem Zusammenhang nennt Sloterdijk Angela Merkel auch deshalb eine Hohlraumfigur, „weil in ihr zahllose Menschen etwas von ihren Hoffnungen, ihren Ärgernissen, ihren Träumen, ihren Niederlagen, ihren Sorgen, ihren Müdigkeiten“ ablegen könnten.

Natürlich sind all diese Illusionen zum Platzen verurteilt wie Seifenblasen. Denn die Wahrheit ist: Der menschheitsgeschichtliche Frühling und Sommer sind vorbei, wir sind nun in die kalte Jahreszeit des Frostes (Herbst/Winter) eingetreten, in der die Vegetation, die früher üppig geblüht hat, sterben muss. So wie nächste Woche Ostern ist, könnte man sagen, dass das, was wir als Zeitzeugen und Akteure des 20./21. Jahrhunderts  miterleben dürfen, eigentlich ein einziges ausgedehntes Ostern ist: Eine Phase des Absterbens von allem, was früher einmal gehaltvoll und angemessen war, einhergehend mit der Möglichkeit eines Neuerstehens. Vermutlich ist das die entscheidendste Phase in der gesamten Geschichte überhaupt. Und wie die Geschichte ausgehen wird, ist keinesfalls festgeschrieben sondern liegt in der Freiheit jedes einzelnen. Es wird auch keine kollektive Entscheidung sein, sondern eine höchst individuelle, die jeder für sich treffen darf.

Zwei Wege stehen uns offen:

Wir können das tun, was uns die Trumps, Merkels & Maulwurfskollegen vorschlagen: alle Ressourcen einsetzen, um den faulen, morschen Baum unseres alten Systems noch einmal in Beton zu gießen, mit Stahlkonstruktionen zu stützen und zu mechatronisieren. Das wäre allerdings gleichbedeutend mit dem sicheren Untergang unserer gesamten Zivilisation.

Wir können aber auch die faule, morsche Substanz der sterbenden Kultur einfach als Humus benutzen, um darin ganz neue Keime zu setzen – und jeder von uns, der sich der Spezies homo sapiens zuzählt und nicht zu den Borgs, trägt einen ganz individuellen Keim in sich, den er nur ausfindig  machen und am richtigen Ort einsetzen muss. Er ist oft schwer zu finden, ich weiß. Meist wurde er durch Schule, Uni und Medien zugeschottert und zugeteert. Aber es gibt ihn, jeder von uns hat ihn und in Wirklichkeit ist dieser individuelle Keim unser Lebensatem. Wenn viele Menschen diesen individuellen Keim zum Leben bringen, dann könnte unser Globus mit einer neuen, wunderbaren Vegetation erfüllt werden. Die Welt könnte ein empathischer, lebenswerter Ort werden, in dem der Mensch nicht mehr dem Wahnsinn dient, sondern dem Sinn – wo er an sinnvollem Aufbau und an einer Entwicklung arbeitet, die auch allen anderen zugute kommt.

Damit dieser neue Keim zum Leben erwacht und sich entfaltet, muss er allerdings vorher durch eine Art Todesprozess gehen – er muss die alte Hülle, die ihn umgibt, auflösen. Nur dann ist der Umschlag zum neuen Leben möglich.

Mit Goethes Worten:

“Und so lang du das nicht hast,

Dieses: Stirb und Werde!

Bist du nur ein trüber Gast

Auf der dunklen Erde.”

 

***

Ach ja, wie das Foto unten beweist, treiben da und dort ja schon einige Keime durch die eisige Kruste …

in diesem Sinne: Frohe Ostern! – der Schnee wird bald schmelzen.

31 Krokusse im März

Update – 20.März 2016:

31_Krokusse_update

Intelligent Design

obsoleszenz

Scheideweg

Es ist in Worten nicht mehr zu beschreiben, wie Europa und allen voran Deutschland zerstört wird. Mir fallen jedenfalls keine straffreien Begriffe mehr ein. Einzig was ich noch spüre bei dem ganzen Desaster ist zuerst Wut und dann eine grosse Traurigkeit. Es tut weh wie Jahrhunderte an Erfahrung, Bildung, Kultur und menschliches Miteinander aufgrund krimineller Machenschaften seitens der Politik und Wirtschaft Stück um Stück demontiert wird. Und es geht weiter. Ich habe den Glauben an eine Wandlung zum Guten oder sonst ein Wunder verloren. Da nützen auch die vielen Optimisten, wahren Muslime, ehrbare Ausländer und staatsloyale Einheimische nichts mehr. Der Zug ist abgefahren. Das trojanische Pferd platziert. Mir bleibt nur noch zu entscheiden, bleibe ich hier und schaue mir den ganzen Untergang der zentraleuropäischen Kultur aus der ersten Reihe an, packe ich meine sieben Sachen und suche mir ein schönes Plätzchen weit weg von Europa oder mache ich gleich ganz Schluss da, egal wo ich hingehe, mich überall ein anderes Desaster erwartet. Entweder verstrahlte Erde, Wasser und Luft oder schleichende Verseuchung durch Glyphosat, Frack-Fluid oder einfach nur durch inhaltslose, krankmachende Nahrungsmittel.

Wir können wirklich Stolz sein auf unsere Fähigkeit, jegliches langfristiges und nachhaltiges Agieren komplett aus unseren Hirnen verbannt zu haben. Die paar Oekos, welche sich ihre Umweltverträglichkeit mit kiloweise Tofu erkaufen, sind genauso erbärmlich wie diejenigen, die den ganzen Mist produzieren und dafür über Leichen gehen. Ich hab‘ so die Schnauze voll.

Täglich muss ich meinen inneren Moralapostel zurechtrücken, damit ich nicht selber auf die Pauschalisierung gegen Unschuldige reinfalle. Und der ganze Scheiss braucht verbraucht wahnsinnig viel Energie, menschliche Energie. Wenn ich heute einen Tag durchlebe und laufend mit Meldungen, Bildern und Geräuschen von Brutalität, Erniedrigung, Tot, Misshandlung und so weiter bombardiert werde, bin ich am Abend entweder Traurig, demoralisiert oder stinksauer. Kommt ganz drauf an, welche mediale Würzmischung menschlicher Perversionen meine Gedankengänge erreichen und vor allem in welcher Zusammensetzung, respektive Konzentration.

Meine Leistungsfähigkeit zum Aufrechterhalten eines gesunden Menschenverstandes kommt jedenfalls in letzter Zeit immer öfter an seine Grenzen. Und daher, aus reinem Selbstschutz mache ich mir Gedanken, wo ich meine Zukunft sehe, in einem kriegerischen Umfeld, an einem verseuchten Sandstrand oder im Himmel. Ich habe, ehrlich gesagt, keine Lust meine Hirnwindungen mit traumatischen Kriegserlebnissen zu füttern. Ich habe den Tsunami in Asien erlebt, ich war damals Tauchlehrer in Khao Lak, und nage noch heute an den Erlebnissen. Von daher habe ich keine Lust, mehr desgleichen zu erleben. Egal wie Menschen zu Tode kommen oder traumatisiert werden, das zu sehen, zu spüren und leider auch zu riechen ist etwas vom Schlimmsten, was einem Menschen widerfahren kann. Auch diese Tatsache ist wenig ermutigend wenn man bedenkt, wie viele traumatisierte Menschen in dieser Zeit auf der Welt Leben und es werden täglich mehr. So viele Sozialarbeiter hat vermutlich nicht mal unsere Galaxis.

Einzig die Fähigkeit des Menschen bleibt, sich aus dem Chaos erstärkt zu erheben und alles wieder aufzubauen, was er in seiner Dummheit zerstört hat. Aber auch hier bekommt die Hoffnung einen Dämpfer. Der Mensch steht zwar wieder auf, aber er macht die gleichen Fehler immer wieder, solange bis keiner mehr übrig bleibt, seine Dummheit genetisch zu verschleudern. Erst dann wird Ruhe herrschen.

Es wird heute wirklich immer schwieriger einen Weg zu finden, der mir einen Glauben und Hoffnung lässt. Das Einzige was mich noch aufrecht gehen lässt ist die Ueberzeugung, dass ich meinen gesunden Menschverstand,, mein Gerechtigkeitsempfinden und mein Mitgefühl bis jetzt bewahren konnte. Und ich hoffe, dass viele andere das auch noch können.

Ich denke, wir alle stehen am Scheideweg der menschlichen Zivilisation. Bin gespannt wo sich die Menschen wieder mit einem Lächeln begegnen können…hier, am Sandstrand oder im Himmel.

 

Offener Brief und eindringlicher Appell an den Eifelphilosophen – Nach 5 Jahren Schaffen: 3 Gründe zum Weitermachen

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Infiltrierter Borg, vormals „Homo sapiens“ / CC BY SA 3.0 by Marcin Wichary/Wikimedia Fotolink

Beim Lesen des letzten Artikels des Eifelphilosophen („Die Zombiefizierung der Gesellschaft“) haben wohl viele Leser kurz den Atem angehalten. Nicht wegen der erschreckenden Bestandsaufnahme der Realität – dieser ins Auge zu blicken sind wir ja schon durchaus gewohnt -, sondern auch angesichts seiner zwischen den Zeilen mitschwingenden Frage nach der Sinnhaftigkeit des Schreibens und der Ankündigung, dass seine Schreiberei womöglich nicht bis in alle Ewigkeit weitergehen wird.

Im Namen vieler treuer Leser und Fans des Nachrichtenspiegels sei an dieser Stelle daher ein offener Brief erlaubt – an denjenigen, der bisher mit über 2600 Artikeln unverdrossen gegen den Wahnsinn, den man uns heute zur Normalität erklären möchte, angekämpft hat.

Ja, dass es einigermaßen frustrierend ist, wenn nach fünf Jahren Nachrichtenspiegel, zig Millionen Klicks und zigtausenden Stunden Schreib- und Administrationsarbeit (übrigens: Hallo und Dank auch an den Regenbogenbieger – ohne ihn würde sich das Rad hier wohl auch nicht drehen) immer noch der Wahnsinn triumphiert und man beim morgendlichen Lesen der Tageszeitung ständig nur verheerende Niederlagen von den Fronten des Endkampfes um die Menschlichkeit entgegennehmen muss, das kann man nachvollziehen.

Und wenn man dann auch noch E-Mails von Trollen bzw. Orcs bekommt, die die Wahrheit gar nicht hören wollen, da sie diese schmerzt wie die Sonnenstrahlen jemanden, der jahrelang nur in einem dunklen Keller dahinvegetiert und in das trübe LED-Licht seines Smartphones geglotzt hat – dass man da manchmal am liebsten den Hut draufhauen möchte, wer könnte es einem verübeln? Auch darf man nicht unterschätzen, welche Anforderung an die geistige Verdauungstätigkeit es stellt, wenn jemand täglich die Moraste der Mainstream-Medien und der „Lügenpresse“ durchwatet und dort nach ein paar Perlen fischt, die zunehmend seltener werden.

Wie Nietzsche schon festgestellt hat, muss der, der in einen dunklen Brunnen blickt, aufpassen, dass er nicht selbst hineinfällt. Und wenn man die fast schon bewundernswerte Raffinesse ansieht, mit der Meinung heute gemacht wird und wie eine ganze Generation grausam verarscht, um alle ihre Zukunft betrogen wird, wie dieser Generation durch Schule, Uni und Medien ein menschenverachtendes, technokratisch-szientistisches Weltbild aufgeprägt wird, dann kann es leicht sein, dass man zwischenzeitlich kurz die Fassung verliert und selbst Gefahr läuft, in den Schacht des (ausgetrockneten) Brunnens hinabgezogen zu werden.

Wie z.B. Noam Chomsky und Fabian Scheidler bereits herausgearbeitet haben, wird Meinung heute höchst professionell „gemacht“ und in Form eines selbstkontrollierenden Automatismus etabliert. Ist Meinung erst einmal gemacht, dann können sich die Meinungsmacher getrost zurücklehnen und sogar demokratisch abstimmen lassen.

Die Presse als ehemalige vierte Säule der Demokratie ist dabei nur noch rückgratloser Handlanger in diesem Spiel des „manufacturing consent“.

„Der Clou dabei ist: Wenn die Presse einfach der Logik des Marktes ausgeliefert wird, dann braucht es kaum noch offizielle Zensur, um das Spektrum der öffentlichen Diskussion auf systemkompatible Positionen einzuengen. Die Eigentümerstruktur, die Abhängigkeit von Anzeigen, die Auswahl der Quellen und der vorauseilende Gehorsam gegenüber mächtigen Interessengruppen filtern unbequeme, nicht systemkonforme Positionen effektiv heraus.“ (aus: F. Scheidler, Das Ende der Mega-Maschine)

(siehe auch These von Noam Chomsky über die Wissenschaft als „säkulare Priesterschaft“ der Neuzeit und als Handlanger der etablierten Macht)

Daher braucht es in Wissenschaft und Politik in Zukunft gar keine Schmiergeldzahlungen und dergleichen mehr. Indem den Nachwuchskräften schon von klein auf ein rein technokratisch-kommerziell-szientistisches Welt- und Menschenbild eingeprägt wird, dann werden sie automatisch willfährige Exekutoren des alternativlosen Wahn-Sinns sein. Und uns immer tiefer in den Abgrund führen, obwohl jeder gesunde Menschenverstand an sich sagt, dass wir da unten definitiv zugrunde gehen werden.

Aber mit der Logik des in den Deckmantel der „Wissenschaftlichkeit“ gekleideten Sachzwang-Nihilismus lässt sich alles, wirklich ausnahmslos alles argumentieren, von der Ausmerzung allen Privatlebens durch Bürgerüberwachung bis hin zur automatisierten Ausmerzung „unwerten“ Lebens mittels Drohnen.

Aus „streng wissenschaftlicher“ Sicht kann unwiderlegbar nachgewiesen werden, dass Schuhpasta den gleichen Lichtabsorptionskoeffizienten besitzt wie schwarzer Kaviar. Genauso weisen die Wissenschaftler evident nach, dass in Bio-Lebensmitteln auch nichts anderes drin ist als in pestizidgespritzten und genmanipulierten Lebensmitteln. Und egal ob Meere mit Erdöl verseucht werden, die Erde gefrackt oder Kernkraftwerke in die Luft fliegen. Was man von den akkreditierten Wissenschaftlern bei solchen Anlässen, die uns an sich zum Aufwachen aus unserer naiven Fortschrittsgläubigkeit bringen sollten, jedesmal zu hören bekommt, ist der bekannte Stehsatz: „Es besteht keine Gefahr für den Menschen.“

Das ist auf den Kern reduziert auch die wesentlichste Aufgabe des akkreditierten Wissenschaftlers: Dafür zu sorgen, dass neue, profitable Technologien und Geschäftsmodelle ungehemmt expandieren können. Vergiftung von Luft, Wasser, Erde, Fracking, Nuklearverseuchung, irreversible Verhunzung des Erbguts („Gentechnik“), irreversible Verhunzung der Materiestruktur zu z.T. asbestartiger, kanzerogener Reizstruktur („Nanotechnologie“), Verschmelzung des Menschen mit Computerprozessoren, täglich fünf Stunden Inhalation astreinen Wahnsinns („Medienkonsum“) schon für Kleinkinder, denen angesichts des Tarantino‘schen medialen Gemetzels nur dank Schnuller nicht der Mund offen bleibt – alles kein Problem!

Was sollte ein „Wissenschaftler“, ein Doktor der Physik oder Chemie, ein MSc der Nuklearforschung, ein Mag. der Pädagogik oder ein Dippl. der Biotechnologie sonst sagen? Etwa die abgründige Gefahr, die unsere Umwelt und Lebenssysteme mit irreversibler Zerstörung bedroht, anprangern? Dann wäre er bereits morgen seinen Job los, sein wirtschaftskooperativ drittmittelfinanziertes Universitätsinstitut erhielte keine Mittel mehr von seinen Geldgebern aus der „freien Wirtschaft“ und außerdem hätte er eine Klage wegen Geschäftsschädigung im Postkasten. Wie soll er dann seinen Studienkredit und die 2.500.- Euro monatliche Kreditrate zurückzahlen, die er für die Errichtung seines borgkubusförmigen Einfamilienhäuschens samt standesgemäßem SUV vorm Gartenzaun von der Bank aufgenommen hat?

Welcher Mensch, der szientistisch erzogen wurde, ist schon so dumm bzw. so intelligent wie Edward Snowden, der einen gutbezahlten Job hat, in dem er ein leistungsfreies oder zumindest leistungsträges Einkommen bezieht und dann seine kleinbürgerliche Existenz opfert, um einen drohenden Überwachungs-SuperGAU zu verhindern?

Selbst wenn der Akademiker unterbewusst weiß, dass er auf dieser Welt eigentlich in eine andere Richtung arbeiten sollte und der Preis für die widersinnige Hamsterradtätigkeit in der Wirtschaftskratzlei, für die er sich verdingt, über kurz oder lang in die Erschöpfungsdepression (Burnout) führt und ihm obendrauf im Jenseits Dantes Eishölle blüht, weil er durch seine Profitgier unzählige Menschen auf der anderen Seite des Globus in Elend und Tod gestürzt hat und hingegen das, was die griechischen Stoiker als das „Notwendige“ bezeichnet haben, nicht getan hat.

Aus „wissenschaftlicher Sicht“ lässt sich eben alles stringent argumentieren und kann der Mensch in eine Richtung getrieben werden, wozu keine, wirklich keine Ideologie und Philosophie in der Lage wäre. Der Szientismus ist also das Mittel der Wahl, mit dem heute auf allen Ebenen, ökologisch, ökonomisch, sozial, technisch und allgemeinmenschlich der reine Wahnsinn auf Schiene gebracht und alles der restlosen Verwertung unterworfen werden kann.

Denn das Geheimnis des heute herrschenden Szientismus ist es ja, dass er geradewegs die vollkommene Abwesenheit jedweder Ideologie, Humanität, Moral und damit jedweden Geistes darstellt, also in philosophisch-existenzieller Hinsicht ein Vakuum bzw. ein schwarzes Loch ist. In dieses schrankenlose Vakuum können nun alle bösen Geister aus der Büchse der Pandora einziehen, ohne dass jemand auf die Idee kommt, sie zu verscheuchen. Denn das wäre ja fortschrittsfeindlich und ketzerisch. Sodass wir also heute das Paradox vor uns haben, dass unsere scheinbare akademische „Aufklärung“ und intellektuelle Brillanz auf allen Ebenen zu den denkbar ignorantesten, unerträglichsten und zerstörerischsten Zuständen führt.

Mit einem Wort: der Szientismus ist die perfekte Religion des Neoliberalismus und das genuine Mittel zur ökonomischen Verwertung von Mensch und Umwelt. An dem jedes Argument der Menschlichkeit und Moral abprallt wie eine Entenfeder an einem Stahlharnisch. Eine bessere Rüstung als den Szientismus kann sich der Neoliberalismus gar nicht zulegen. Wobei wir uns bei Gelegenheit vielleicht einmal ein anderes Wort für „Neoliberalismus“ überlegen sollten. Denn Neoliberalismus, das klingt ja richtig smart und fortschrittlich. Viel eher würde da ein Substantiv aus dem Jargon des Eifelphilosophen passen, z.B. Neokannibalismus, Mammon-Technokratie  oder eben Zombiefikation – mag unpopulär klingen, aber träfe den Nagel auf den Kopf. Um beim Wort „Zombie“ zu bleiben: Was ist eigentlich ein Zombie? – Nun, nichts anderes als das, was eben übrig bleibt, wenn der Geist des Menschen ausgezogen ist: ein verwesender Kadaver ohne Menschlichkeit, nur noch getrieben von einem dunklen Sachzwang.

Über diese Zombiefikation und ihr ungehemmtes Metastasieren in Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Medien – über die man sich bei nüchterner Betrachtung eigentlich nur noch die Haare raufen kann, wie soll man da nicht trübsinnig werden? Der man mit Intellektualität nicht beikommen kann, sondern deren Lanze geradewegs die Intellektualität ist. Also wer darüber 2600 Artikel schreiben kann und dabei bei aller Tragik trotzdem Humor und Frohmut durchblitzen lässt, vor dem darf man angesichts des fünfjährigen Jubiläums schon mal kurz den Hut ziehen.

Zu diesem Anlass 3 Gründe, warum du nicht aufgeben darfst:

1.) Würden wir das, was wir tun, in quantitativen Kategorien messen, dann müssten wir in der Tat verzweifeln. Denn zehn Millionen Klicks in fünf Jahren ist schon nett. Aber was ist das zahlenmäßig gegen die Milliarden geistloser (zombifizierter) Mainstream-Artikel, die täglich in die Köpfe der Menschen gefüllt werden? – Wenn man hingegen nach dem homöopathischen Prinzip arbeitet, dann weiß man, dass auch kleinste Mengen einer Substanz oft ungeahnte Wirkungen auf den Gesamtorganismus haben und ihn von quälenden Leiden befreien können.

Und wer weiß, wieviele Menschen durch Lesen der Artikel hier gegen den zur Normalität erklärten Wahnsinn immunisiert wurden? Genauso, wie es eine womöglich erschreckende Anzahl an Impf-/Pharmaopfern gibt, so gibt es womöglich eine erstaunliche Anzahl an Menschen, die sich hier eine geistige „Schluckimpfung“ geholt haben, mit der sie dem Wahnsinn, der sie im Alltag angrinst, die Stirn bieten können. Der Wahnsinn klopft zwar täglich bei ihnen an, kostet auch durchaus Kraft und frustriert – aber er muss in den Außenschichten des individuellen Dasein bleiben, der Zugang zum humanen Kern des Menschen ist ihm verwehrt. Während der Wahnsinn bei Menschen, die der Vermassung erliegen, täglich die Gurgel runtergluckert wie das abendliche Dosenbier bei einem Fernsehsportler.

Viele Menschen haben heute das Gefühl, nicht normal zu sein, da sie sich mit dem zur Normalität erklärten Wahnsinn nicht mehr einverstanden erklären können. Nach dem Lesen deiner Artikel hier wird dieses verdrehte Bild vielfach wieder zurechtgerückt und man kann als Mensch wieder Selbstvertrauen schöpfen. Der Zweifel wird an den richtigen Ort gerückt: weg von sich selbst, hin zu den herrschenden Denk- und Handlungsweisen unserer Gesellschaft (ich habe jetzt bewusst nicht gesagt: hin zur herrschenden Politik und Wirtschaft, denn die Politiker und die Wirtschaft sind nur ein Produkt der herrschenden, unbewusst akzeptierten Denkweise).

Wären wir in dieser Hinsicht ganz bei Trost, dann würde es uns nicht im Traum einfallen, das höchste Regierungsamt einer Physikerin in die Hände zu geben, die schon in der DDR kein Problem damit hatte, sich schmiegsam in ein Repressionssystem einzufügen, ohne anzuecken und dort „wissenschaftliche“ Karriere zu machen. Oder einem beinharten Industrieoptimierer und VW-Manager die Sozial- und Arbeitsgesetzgebung. Ebenso befinden sich auch alle anderen Ressorts wie Pädagogik, Umwelt, Gesundheit etc. in der Hand stahlhart tickender Szientisten. Und die können natürlich keine andere Realität herbeiführen als sie selbst kennen: eine mechanische.

Es ist also zuallererst die Realität im Kopf des Menschen, die zu ändern ist. Die Medizin, um da wieder zu gesunden, ist manchmal bitter. Ebenso wie die Artikel im Nachrichtenspiegel. Aber sie wirkt.

2.) Dass wir, wie du in deinem letzten Artikel beklagst, nicht ins Handeln kommen, obwohl wir doch bereits so viel verstehen, ist natürlich schlimm, zumal uns momentan die Zeit davonläuft und die Zustände bereits zu eskalieren beginnen.

Trotzdem darf man darauf vertrauen, dass wir auch dann, wenn wir äußerlich nicht handeln, immer eine Wirkung auf andere / auf die Umwelt haben – einfach durch die spezifische Qualität und Atmosphäre, die wir ausstrahlen. Und diese hängt maßgeblich von den Gedanken und Empfindungen ab, die ein Mensch in sich trägt.

Jeder kennt das Erlebnis: Genauso wie einem eine Begegnung mit einem unwirschen Menschen den ganzen Tag vermiesen kann, so kann einem auch eine nur wenige Sekunden dauernde Begegnung oder Beobachtung eines Menschen, der eine besondere Freundlichkeit, Ruhe, Aufrichtigkeit oder sonstige Qualität ausstrahlt, oft bis am Abend in Erinnerung bleiben.

Joseph Beuys hat das „soziale Plastik“ genannt (plastik kommt von „formen“, unsere Gesellschaft ist von jedem einzelnen in nicht zu unterschätzendem Maße formbar, egal ob er Manager oder „arbeitslos“ ist; in humaner Hinsicht ist man nie arbeitslos, man wirkt immer): Egal ob im Alltag, im Büro oder wenn man in einer Schlange an der Supermarktkasse stehe – man könne durch die Art, WIE (mit welcher Gesinnung) man dort stehe, alle umgebenden Menschen nachhaltig beeinflussen und dadurch Gesellschaft ganz real ändern.

Es wird vielfach erzählt, dass Menschen sogar den Gedanken an einen Suizid wieder verworfen haben, nachdem ihnen auf der Straße ein Mensch entgegengekommen ist, der etwas Aufrechtes und Hoffnungsvolles ausgestrahlt hat.

3.) Und als letzten Grund den gewichtigsten: Ganz einfach, weil es momentan ums Ganze geht.

Wenn sich der oben beschrieben Teufelskreis aus Wissenschaft/Szientismus, Meinungsmache, Technikwahn und die erbarmungslose Verwertungslogik von Politik und Wirtschaft einfach linear fortsetzen, dann ist bald Sendeschluss. Nicht nur für den Nachrichtenspiegel, sondern für die gesamte Spezies des homo sapiens überhaupt.

Jeder, der 1+1 zusammenzählen kann, weiß, was dann zur Realität wird: eine vollkommen durchtechnisierte, entseelte und bürgerüberwachte Kommerzgesellschaft, in der alle menschliche Würde und Moral ausgemerzt sind. Im Vergleich zu dem irreversiblen Umbau und der Vernichtung an Mensch und Umwelt, die dann stattfindet, wird uns sogar die NS-Schreckensherrschaft als regelrecht sozialromantische Zeit erscheinen. Mit den Worten von SPD-Bundestagsabgeordneten Hermann Scheer: „Wenn wir es nicht schaffen, wieder die Würde des Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, dann beginnt ein neues Zeitalter der Barbarei.“

Würde kann man dem Menschen freilich nur zuschreiben, wenn man ihn als individuelle Personalität anerkennt und nicht nur als geistlosen Topfenklumpen. Denn was gibt es an einem Menschen ohne Geist, in einer Welt ohne Geist, schon großartig zu respektieren? Man wird ihn behandeln und ausschlachten wie ein Stück Vieh. Und wenn es nicht mehr nützlich ist, hat es eben ausgedient und endet als Katzenfutter in der Dose. Wozu altes, krankes und minderleistendes Vieh durchfüttern, wo doch der Sinn des menschlichen Daseins nicht mehr die von allen Hochkulturen und Philosophien konstatierte ethische (geistig-seelische) Entwicklung ist, sondern laut herrschender (szientistischer) Staatsdoktrin nur noch die kommerziell verwertbare Leistungsfähigkeit als Daseinsberechtigung anerkannt wird?

Die Voraussetzungen zur restlosen Verwertung der Humanressourcen werden ja bereits geschaffen, indem alle mühevoll über die Jahrhunderte errungenen Grundrechte, die den Menschen in seiner Würde und in seinem Privatleben vor Willkür und Ausschlachtung schützen, nun der Reihe nach niedergerissen werden.

Wenn wir fortfahren, die geistige Würde des Menschen weiterhin mit Füßen zu treten und nur dem technokratischen Szientismus huldigen, dann wird sich – und das schon in relativ naher Zukunft, exakt das verwirklichen, was die Star Trek Autoren in absolut visionärer Weise mit der Spezies der „Borgs“ skizziert haben: Die technische Infiltration und Robotisierung des Menschen. Bio-, Gen- und Nanotechnologie werden es in absehbarer Zeit ermöglichen, Mensch und Prozessor miteinander zu verschmelzen und damit den Menschen zu mechanisieren.

Die Forschungen dazu laufen bereits auf Hochtouren und erhalten Milliardenetats von staatlichen Seiten, um das Ziel der künstlichen Intelligenz und der Robotisierung des Menschen zu erreichen. Auch diverse Milliardäre und Oligarchen sponsern das Unterfangen der Mensch-Maschine Kopplung mit Unsummen, in der Hoffnung, sich als biotechnologisch mechanisierte Zombies das ewige Leben zu sichern. Diese Verschmelzung von Mensch und Maschine nennen die Wissenschaftler „Singularität“ oder „Transhumanismus“, einer ihrer Vordenker ist Ray Kurzweil (zur inzwischen millionenstarken Anhängerschaft und Werberührern, die sich von Ray Kurzweil das ewige mechatronische Leben versprechen, gehört übrigens auch der ehemalige Captain Kirk-Darsteller William Shatner. In einem Interview erklärt er plausibel, warum er Kurzweil folgt: „Yeah, I don’t wanna die, I like to live. That’s the reason why I join the work of Ray.”)

Und der Hohepriester des Szientismus persönlich, seines Zeichens Erfinder, Director of Engineering bei Google und Träger von 19 Ehrendoktortiteln:

„Die Singularität ist eine Zukunft, in der das Tempo des technologischen Wandels so schnell und weitreichend voranschreitet, dass die menschliche Existenz auf diesem Planeten irreversibel verändert wird. Wir werden die Macht unserer Gehirne, all die Kenntnisse, Fähigkeiten und persönlichen Merkmale, die uns zu Menschen machen, mit unserer Computer-Macht kombinieren, um auf eine Art zu denken, zu kommunizieren und zu erschaffen, wie wir uns heute noch nicht vorstellen können.

Diese Verschmelzung von Mensch und Maschine, mit der plötzlichen Explosion der Maschinen-Intelligenz wird, im Verbund mit rasend schneller Innovation in den Bereichen der Gen-Forschung sowie der Nanotechnologie, zu einer Welt führen, wo es keine Unterscheidung mehr zwischen dem biologischen und dem mechanischen Leben oder zwischen physischer und virtueller Realität gibt.“ (Ray Kurzweil)

Auch der renommierte Soziologe Hartmut Rosa meint, dass es keinen Grund gäbe anzunehmen, dass Menschen von der bald ins Haus stehenden Möglichkeit, ihre Leistungsfähigkeit durch die Kopplung ihres Nervensystems mit Computern und Nanobots zu steigern, NICHT Gebrauch machen würden.

Wem das wie Science Fiction vorkommt, der hat leider keine Ahnung vom aktuellen Stand der Technik. Vielleicht gibt’s dazu mal einen eigenen Artikel, hier nur soviel: Da ich selbst an vorderer Front der technischen Entwicklung tätig bin, kann ich sagen: Wenn das, was momentan im Backrohr der Nanotechnolgie und Kybernetik steckt, einmal ausgebacken ist, dann ist die Welt, wie wir sie kennen, Geschichte. Und zwar irreversibel. Und das Zeitfenster, um das zu verhindern, ist bereits ein relativ knappes. Derzeit gibt es allerdings keine ernsthaften Bemühungen, die Robotisierung des Menschen zu verhindern.

Was mich verwundert ist, dass wir über alle möglichen Krisenszenarien diskutieren (CO2/Klimakollaps, Umweltvergiftung, Nuklearunfälle, Pandemien, Terrorstaaten, Arbeitslosigkeit etc.), aber dass die bereits offenkundigen Möglichkeiten zur Robotisierung von Mensch und Umwelt praktisch nicht diskutiert werden, obwohl die exponentiell anschwellende Innovationswelle  kurz davor ist, uns in Form eines technologischen SuperGAUs zu überrollen. Der Mensch schafft sich dabei selbst ab. Siehe auch die ARTE Doku „Welt ohne Menschen“.

Die Endstation des Gleises, auf dem wir momentan rollen, heißt also „Borg“ (siehe Wiki-Eintrag). Den „Borgs“ ist alles, was irgendwie mit Menschlichkeit, Kultur, Empathie, Seele oder Kunst zu tun hat, verhasst. Sie wollen es eliminieren, da diese Dinge nur lästige, irrationale Hindernisse gegenüber ihrem Ideal einer großen, hocheffizienten Technikmaschinerie sind. Der Hass auf die vorgenannten – eigentlich spezifisch menschlichen – Dinge, ist heute bereits unübersehbar. Er wird sich noch weiter steigern.

Denn je mehr wir uns der Technokratie und Robotisierung verschreiben, umso größer wird die Angst vor der eigentlich menschlichen Realität bzw. seinem Geist und dem Sinn des Daseins. Also wird die Losung lauten: Ausmerzen dieses lästigen menschlichen Potenzials, es reicht, wenn man eine neue, mechanistische Evolution sich selbst reproduzierender Nanobots und Cyber-Intelligenzen etabliert.

Die eigentliche Evolution der Menschheit bzw. das, was wir hätten werden können, ist dann gescheitert. Der menschliche Geist ist eliminiert, die reine Mechatronik bestimmt das Dasein und wird eine neue, sich selbst replizierende Maschinenwelt begründen.

Die erste, heute schon bedrohlich vorangeschrittene Vorstufe zur Eliminierung des menschlichen Geistes ist der vom Eifelphilosophen treffend angesprochene Verlust der Unterscheidungs- und selbständigen Denkfähigkeit. Wohin man auch blickt, alles wird auf den Kopf gestellt: Wahnsinn gilt als Sinn, Rückschritt als Fortschritt, Gutes als Böses, Krankes als Gesund und vice versa. Die von George Orwell eigentlich als Satire gemeinten Parolen „Krieg ist Frieden“, „Freiheit ist Sklaverei“ und „Unwissenheit ist Stärke“ sind tatsächlich führende Dogmen unserer Gesellschaft geworden.

Bisheriges politisches und gesellschaftliches Versagen hat in der Geschichte zu durchaus tragischen Katastrophen geführt, 30jährigen Kriegen, Partherkriegen, Hussitenkriegen, Türkenkriegen etc. Der Fortbestand der Menschheit war dadurch bei aller Tragik trotzdem nicht gefährdet. Während es angesichts der technologischen Möglichkeiten heute erstmals möglich ist, die menschliche Evolution wirklich zu beenden bzw. in besagte „Borg“-Realität einmünden zu lassen.

Aus diesem Grund müssen wir allen philosophischen „Most“, den wir im Keller haben, nach oben holen. Das Ausschenken dieses Apfelmosts wird uns vor dem grassierenden Wahn-Sinn schützen und wieder zur Besinnung bringen. – Und wir haben sehr guten Most im Keller. Die ganze Geschichte des mitteleuropäischen Abendlandes ist voll von großartigen Mostbrauern. Die uns nicht nur eindringlich vor dem Wahn-Sinn gewarnt haben, der momentan auf uns zurollt, sondern die uns auch jede Menge Potenzial und Geistesgut gegeben haben, auf dem wir eine menschengerechte, lebenswerte Gesellschaft aufbauen können.

Schon vergessen ? Wir sind doch das „Volk der Dichter und Denker“ und keine „Borgs“.

Aus diesem Grund: Mach weiter, lieber Eifelphilosoph, gibt nicht auf, Most aus dem Keller zu holen. Der Durst danach ist groß. Denn immer mehr Menschen wachen aus der Unterhaltungsnarkose auf und ahnen, dass es eigentlich scheisse ist, samt Familie zu „Borgs“ umgebaut zu werden.

Home

Möchte hier einen Film empfehlen, den ich im Web gefunden habe. Will auch gar nicht viel dazu sagen. Nur, 2 Std. Zeit haben, wunderbare Bilder geniessen und die Botschaft annehmen.  Für mich ist er einer der schönsten Film-Dokus der letzten Zeit.

Wünsche ein eindrückliches Filmerlebnis.

home

Update:

Aus rechtlichen Gründen ist diese Version des Filmes NUR bei youtube sichtbar, die Anzeige auf anderen Webseites wurde deaktiviert. Daher, bitte aufs Bild oder hier klicken:

https://www.youtube.com/watch?v=TIYikJKTyb0

Aus der Beschreibung:

HOME deutsch ist ein freier Dokumentarfilm des französischen Fotografen und Journalisten Yann Arthus-Bertrand. Nach Angaben des Filmemachers Arthus-Bertrand (geistiger Eigentümer) darf HOME von Jedermann auch ohne Genehmigung der Rechteinhaber verbreitet und öffentlich vorgeführt werden.

Wenn einer auszog, den Frieden zu finden…

Der Frieden auf der Welt besteht bald nur noch in der Erinnerung des Einzelnen. Überall wo man hinschaut nur Hass, Neid, Lüge und Gier. Der Mensch hat es weit gebracht in seiner Entwicklung. Das Blöde ist nur, sie verlief rückwärts. Dasselbe mit der Fähigkeit zu Denken. Hatten früher die Menschen noch ihr Gehirn benutzt, überlassen sie es heute irgendwelchen technischen Geräten und sollte gerade mal keines zur Verfügung stehen, ist er schon überfordert. Selbständiges Denken findet man nur noch im Museum, begraben unter einer dicken Staubschicht des Vergessens.

150113                                                  Baustelle des Friedens, von Zigorio

Wenn schon das kritische Denken leider ins embryonale Stadium zurückgekehrt ist, dann kann doch der Frieden nicht weit sein. Abgestumpfte, hirnlose Individuen müssten eigentlich völlig friedlich sein, da es ja keine Substanz mehr gibt, mit der es sich zu denken lohnt. Daher müsste die Welt mit gleichgeschalteten, meinungslosen Stromschwimmern überschwemmt sein. Ein genauer Blick in die Zeitungen bestätigt diese Vermutung. Was hier an millionenfacher Heuchelei, stumpfsinniger Nachplapperei und medialen Allesfressern zu finden ist, macht sprachlos.

Um dem ganzen Wahnsinn auf Erden mit etwas Positivem zu begegnen, wollte ich gestern an einer Friedensmahnwache teilnehmen, Fotos und Filme machen, Interviews führen und das Ganze als kleiner friedlicher Lichtblick ins Netz stellen. Also packte ich meine Utensilien zusammen, mich warm ein und fuhr nach St. Gallen, die Hauptstadt des gleichnamigen Kantons im Nord-Osten der Schweiz. Im Internet hatte ich zuvor recherchiert, wann und wo diese Veranstaltung durchgeführt wird. Ein Leser hatte mir Links und Infos zukommen lassen und ich versuchte diese im Netz zu finden. Leider war die Suche nach aussagekräftigen Daten gleichbedeutend mit der Suche nach dem weltlichen Frieden. So ziemlich unauffindbar. Das machte mich schon etwas stutzig, aber als hoffnungsloser Optimist liess ich mich nicht von meinem Vorhaben abbringen.

Nach meinen Recherchen gab es zwei Orte in St. Gallen, wo die Mahnwache stattfinden könnte. Mit angekündigter Bühne, Kerzen und vielen friedliebenden Menschen. Tja, ich fand viele Menschen, die hatten aber alle Feierabend und wollten so schnell wie möglich nach Hause. Ich marschierte regelrecht gegen den Strom der Heimsuchenden. Kurz darauf stand ich auf dem „Friedensplatz“. Das Einzige, was ich vorfand war eine Baustelle. Es standen grosse Maschinen rum, die für den Frieden brummten, aber keinen einzigen Menschen, der das Gleiche machte. Da stand ich nun, alleine auf dem Platz mit Stativ und Kamera und konnte es nicht richtig verstehen. Hatte man die Aktion verlegt? Abgesagt?

Da ich nun schon mal hier war, befragte ich einige Passanten zu der Friedensmahnwache, ob sie davon wussten und wo diese sonst noch stattfinden konnte. Kein Einziger besass Kenntnis davon und manche hochgezogenen Augenbrauen bezweifelten meinen gesunden Menschenverstand. Da sucht einer mit medialer Ausrüstung den Frieden im kalten Januar. Der hat sie doch nicht alle.
Nachdem ich keine brauchbaren Auskünfte erhielt, machte ich mich auf den Weg und klapperte alle Plätze in der Stadt ab, von denen ich wusste, dass hier ab und an etwas stattfand. Aber nichts, keine Menschen, keine Friedensmahnwache und viele Plätze in trauriger Dunkelheit. Langsam machte sich in mir ein Frust breit. Nach zwei Stunden vergeblichen Suchens nach dem Frieden, gab ich auf. Enttäuscht und um eine Erfahrung reicher befab ich mich wieder auf den Heimweg.

Dieses Erlebnis unterstrich meine Meinung über die Ostschweizer Mentalität. Engstirnig, zugeknöpft und langweilig! Das hatten die Ostschweizer schon bei anderen Anlässen bewiesen. Wenn es nichts zu saufen oder kiffen gab, interessiert’s keine Sau. An dieser Einstellung haben sich schon manche Veranstalter die Zähne ausgebissen. Wenn das Ganze noch mit Fehlinformationen im Web gepaart ist, kann sowas nur in die Hose gehen. Vermutlich haben die Verantwortlichen der Mahnwache geschnallt, dass das Dschungelcamp im Fernsehen läuft, dann muss der Frieden halt warten.

Die Webseite der Organisatoren zeigt die gleiche verstaubte Mentalität und glänzte mit unbrauchbaren Angaben. Um der Unglaubwürdigkeit einen draufzusetzen, muss man sich dem Zuckerberg’schen Schwachsinn aussetzen. Ohne Facebook-Account bekommt man keine Infos. Da haben die Macher der Webseite ihre Unfähigkeit vollends bewiesen. Sie nötigen Interessierte sich dort anzumelden, posten alle Infos auf diesem amerikanischen Schrott und realisieren nicht, dass sie ihre „Friedensbemühungen“ beim grössten Friedensvernichter der Welt reinstellen. Die sind genau gleich realitätsfremd wie die unzähligen „Wir sind Charlie“-Zombies, die den grössten aktuellen Massenmördern und Freiheitskillern in der ersten Reihe nachlaufen. Mein Traum, dass die Riesenmasse endlich die eigentlich Verantwortlichen des Massakers mit ihrer menschvernichtenden Politik zur Verantwortung ziehen, wurde nicht erfüllt. Die Chance haben sie verpasst. Eine Million Bürger kuschen wegen einer Handvoll Politiker. Aus diesem Grund habe ich nur noch Verachtung für die Charlieianer übrig.

Die nächsten unschuldigen Opfer stehen schon bereit, auch wenn sie es jetzt noch nicht realisieren, dass sie zum nächsten strategischen Kollateralschaden befördert werden. Die Politiker betreiben weiterhin Kriegshetze, wiegeln die Bevölkerung gegeneinander auf, schrauben weiter am Überwachungsstaat und nehmen billigend die zukünftigen tausenden von Toten in Kauf.

Der Frieden auf der Welt wird grundsätzlich missverstanden. Der neue Slogan für das Volk heisst:

„Ruhe in Frieden!“

Spüren Sie auch was?

Die Welt ist voller Menschen und daher voller Gefühle. Jede Kultur, jedes Land, jede Rasse hat ihre eigenen Bezeichnungen für Gefühle. Oft aber erstickt der Versuch, ein Gefühl zu beschreiben schon in Ansatz, weil das treffende Wort dafür fehlt. Die deutsche Sprache ist in diesem Bezug ziemlich unterentwickelt. Es ist oft sehr schwierig bis unmöglich gewisse Gefühle exakt mit Worten zu umschreiben. Das habe ich gestern wieder erlebt und möchte versuchen, es zu beschreiben.

141119

Wir schrieben den 18. November 2014. Der Morgen zeigte sich durch und durch herbstlich mit Nebel, Nieselregen und einer unangenehmen Temperatur. In dieser Nacht schlief ich sehr unruhig, hatte wilde Träume. Vage kann ich mich an einzelne „Szenen“ erinnern. Ein grosser, schlacksiger Mann in dunklem Anzug erklärte mir eine Stradivari-Geige und spielte mir ein Stück vor – 3 stimmig. Ich wunderte mich noch, wie man mit einer Hand dreistimmig spielen kann. Grundsätzlich kann ich mit einer Geige wenig anfangen. Im Rudel tönen sie ja noch, aber einzeln erinnert es mich an eine jaulende Katze. Ich habe also nichts mit einer Geige am Hut und muss mir im Traum das Geleiere anhören. Soviel dazu.

Das Aufstehen gestaltete sich wie jeden Morgen. Ich bin ein Morgenmensch und somit zeitig aus den Federn. Aber irgendwie war etwas anders. Im Haus war alles so, wie ich es vom Vorabend in Erinnerung hatte, da wurde nichts verändert. Aber das seltsame Gefühl wich nicht von meiner Seite, im Gegenteil es verstärkte sich noch. Ich konnte den Verursacher nicht in meiner unmittelbaren Umgebung ausfindig machen, hatte auch nicht den Glauben ihn in meiner Nähe zu finden. Das Gefühl war „grösser“, umfassender. Es hatte auf mich den Eindruck, als betreffe es die ganze Welt. Sozusagen weltumspannend. Wenn ich mich selber versuchte mit dem Gefühl zu verbinden, kam ich mir sehr klein und unwichtig vor. Also hatte dieses Spüren nichts mit meiner Person zu tun, sondern war eher globaler Natur.

Der Tag zog sich träge dahin. Mein Rücken machte sich bemerkbar und ich zog es vor, diesen Tag eher ein körperliches Schonprogramm zu fahren. Das heisst, immer wieder liegende Ruhepausen um den Rücken zu entlasten. Während so einer Pause geschah etwas Seltsames. Ich lag gerade auf dem Sofa und blätterte im Medienwald durch die Gazetten. Plötzlich erfasste mich ein Schwindel, der so anfühlte, als wenn man mit zu viel Alkohol ins Bett liegt und sobald man die Augen schliesst das Karussell beginnt. Nur, ich hatte die Augen offen, keinen Alkohol im Blut und der Schwindel dauerte 3 bis 4 Sekunden, Das wiederholte sich in der nächsten Viertelstunde ein paarmal. Ich kam mir vor, als würde jemand in meinem Kopf einen Radiosender suchen. Jedes Mal wenn ich das Gefühl hatte, jetzt „rastet“ die Frequenz ein, kam der Schwindel für ein paar Sekunden zurück. Das „globale Gefühl“ wurde nach jedem „Frequenzwechsel“ stärker.

Nachdem ich diese seltsamen Gefühlsregungen ein paar Mal durchlebt hatte, kam es mir langsam komisch vor und ich sprach mit meiner Frau darüber. Ich erzählte ihr, was ich spürte, berichtete ihr vom Schwindel und von meinem Traum. Sie hörte mir geduldig zu und erklärte mir, dass sie auch so ein Gefühl hatte, dass sie sich nicht erklären kann und sich irgendwie sehr gross anfühlt. Ich war paff. Bei der Deutung von Gefühlen ist die Grenze zwischen Wahrnehmung und Einbildung manchmal fliessend und daher schwer richtig zu interpretieren. Diese Möglichkeit habe ich für mich auch in Betracht gezogen. Bekomme ich die Grippe, Fieberträume, verschwommene Wahrnehmung und dergleichen? Aber nein ,ich bin körperlich und geistig fit. Und wenn meine Frau vom gleichen Gefühl redet, dann könnte wirklich was Grösseres am Laufen sein. Nur was?

Nun möchte ich die Leser fragen. Haben Sie gestern auch etwas gespürt, dass Sie nicht so recht erklären können? Kennen Sie andere Personen, die ebenfalls über so was berichtet haben? Hätten Sie eventuell sogar eine Erklärung für das „globale Gefühl“? Haben Sie das schon einmal erlebt?

Ich habe meine eigene Theorie darüber und versuche mal sie zu erklären. Jeder Mensch hat seine eigene Energie/Schwingung. Wenn mehrere Menschen zusammen meditieren, kalibrieren sie ihre Energien, bringen sie in einen Gleichtakt. Das wurde schon in einem Experiment nachgewiesen. In Los Angeles haben sich 3500 Menschen in einem Stadion versammelt und zusammen meditiert. Ziel war es, eine positive Schwingung zu erreichen. Der Polizeichef, der von dieser Aktion nichts wusste, wunderte sich, wie ruhig es in dieser Nacht war. Die Verbrechensrate ging in der Stadt um die Hälfte zurück. Später wurde er von den Organisatoren der Meditationsveranstaltung über den Anlass informiert.

Ich vermute, der gleiche Schwingungsprozess, einfach in einem anderen Kontext, hat bei mir und meiner Frau dieses seltsame Gefühl ausgelöst. Irgend Etwas ist auf der Welt passiert, wo viele Menschen gleichzeitig daran gedacht oder sonst was haben und diese Energie hüllte die Welt ein. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, ob es gut oder schlecht ist, aber wenn ich auf meinen Bauch achte, tendiere ich eher ins Schlechte. Also meine These ist, gestern hat sich auf der Welt irgendwas ereignet, dass in seiner Auswirkung global ist. Ob es menschlich, irdisch oder sonst was ist, kann ich nicht sagen. Daher wäre es interessant zu wissen, ob andere Menschen dieselbe Erfahrung gemacht haben.

Wie bereits gesagt, Gefühle können sehr verfänglich sein. Sie zu interpretieren ist aufgrund der beschränkten deutschen Gefühlssprache sehr schwierig. Ich möchte hier einfach mal das Experiment starten und fragen/wissen, wer sonst noch was gespürt hat und vor allem wie. Ich glaube der Mensch erfühlt viel mehr, als er sich selber zugestehen will. Man erklärt schnell Empfindungen mit körperlichen Eigenschaften oder übersieht sie ganz einfach, respektive schenkt ihnen keine Beachtung.

Deshalb wäre es zu begrüssen, wenn wir wieder mehr über Gefühle sprechen würden und so im Gebrauch der umschreibenden Worte routinierter werden. Ich denke viele Missverständnisse, Interpretationsversuche und Deutungen könnten vermieden respektive verständlicher kommuniziert werden, wenn wir vermehrt auf unsere Gefühle achten und beschreiben würden. Sie steuern uns durch’s Leben, verhindern oder ermöglichen Begebenheiten und vor allem, sie lassen uns verlieben, was meiner Ansicht nach die „Königsklasse“ der Gefühlswelt ist.
Sie sind Botschafter, also hören wir ihnen zu.

Dümmer geht nümmer!

Letzthin schrieb ich über den Mann und die Frau. Jetzt stand dieser Artikel in der Zeitung: „Weltweiter Protest gegen Aufreiss-Guru!“

Na ist das eine freudige Entwicklung. Schade nur, dass es so Personen braucht, um die Leute auf die Palme zu bringen. Was hat der Julien Blanc denn verbrochen, dass die Welt so entrüstet ist? Er bietet Flirtkurse an. Ist soweit nichts schlimmes, aber dann las ich einen Spruch, mit dem er die Damenwelt gefügig machen will (Bitte erst lesen wenn Sie 18 Jahre alt sind und die filigrane Morgenstimmung gefestigt ist):

„Wenn du als weisser Mann in Tokio bist, kannst du tun, was du willst. Ruf‘ einfach Pokémon, Pikachu oder Tamagotchi, schnapp‘ sie dir und sie wird nur kichern. Ich lief durch die Strassen und zog ihre Köpfe zu meinem Schwanz. Kopf zum Schwanz, Kopf zum Schwanz. Es ist grossartig.“

Sein Repertoire reicht bis in die bizarre Ecke:

«Geh‘ auf die Knie, nenn‘ mich Meister und flehe mich an, dich zu küssen.»

Um diese Aussagen zu unterstreichen, dürfen sich Hartgesottene das Vidoe dazu anschauen.

Dieser Herr Blanc scheint nur mit dem rudimentären Reptilienhirn zu funktionieren oder zieht die grösste Show seines Lebens ab und kassiert dafür viel Geld. Ich tippe mal auf Ersteres. Als Satire kommt er zu plump rüber und im Video ist, soweit ich es erkennen konnte, nur männliches Publikum. Also muss dieser 25-jährige Zuchthengst es wirklich so meinen, wie er es sagt.

Was ist hier falsch gelaufen. Was muss passieren, damit ein Mann auf so ein Frauenbild kommt. Soziale Verwahrlosung? Mutterkomplex? Da könnte viel passiert sein, bis man sich so eine frauenverachtende „Flirt-Methode“ ausdenkt. Was mich an der Sache mehr schockiert ist die Tatsache, dass dieser Spinner regen Zulauf hat. Seine Kurse sind angeblich voll und er jettet um die Welt um seinen Schwachsinn zu verbreiten. Es reicht nicht, dass es täglich Millionen von Männern gibt, die von sich aus, sozusagen „Naturtalente“, ihre Frauen verprügeln, nötigen oder sonst was mit ihnen anstellen. Nein, jetzt glaubt noch so ein schnöseliger Diskriminierungs-Prophet seinen verbalen Müll in die männlichen Hirne pflanzen zu müssen. Jetzt wird also Frauen-Diskriminierung geschult, ganz offiziell, vermutlich sogar mit Diplom. Was ist man dann? Qualifizierter Vergewaltiger? Oder einfach nur ein asoziales A…

Aber leider passt es in die Zeit. In den Medien wird die Frau als Sexobjekt vermarktet, als Schaufensterpuppe dekoriert, in den Musik-Videos als immer willige Gesangskulisse präsentiert und bei nichtpassender Körpernorm als Ausschuss entwertet. Da hat man es als Frau wirklich nicht leicht, sich in ein respektvolles Licht zu rücken. Der diskriminierende Gegenwind solcher Zuchthengste reicht bis in höchsten Etagen. Selbst im Schweizer Bundeshaus gibt es ein internes Ranking, wer den schmutzigsten Witz erzählen kann. Sogar der Bundesrat macht dabei mit. In anderen Regierungen wird es nicht anders sein. Ein Bild von Seehofers Blickrichtung lässt das vermuten.

Wie könnte man so einen überpotenten Jungspunt wie diesen Mister Blanc helfen? Eine amüsante Vorstellung wäre die, wenn Frauen seine Kurse buchen würden, nur Frauen. Mal sehen, wie er dann seinen Wortschatz anwenden würde. Die härtere Methode wäre das eigene Erleben seiner propagierten Entwürdigungsmethoden. Eine Sado-Maso-Party wäre dafür geeignet. Er spielt den Sklaven.

Aber das wird leider alles Wunschvorstellung bleiben. Diese personifizierte Schande der männlichen Spezies wird weiter seinen Schrott von sich geben und die Medien unterstützen ihn dabei kräftig. Bei so einer Person wäre die Zwangseinweisung in eine psychiatrische Klinik anzuraten. Ein sogenannter „Fürsorglicher Freiheitsentzug“. Fürsorglich für die Frauenwelt, denn auf solche Grossmäuler kann sie getrost verzichten, die Meisten jedenfalls.

Immerhin ist die Sozialkompetenz der Bürger und mancher Journalisten doch noch vorhanden und, oh Wunder, sie gehen sogar auf die Strasse und protestieren gegen diesen Vergewaltigungs-Fetischisten. Alle Achtung. Dazu die Schlagzeile aus „die Welt“:
Er braucht keine Bühne, sondern einen Therapeuten schrieb die Autorin Julia Friese. Deren Artikel ich empfehlen kann. Sie schrieb es genau richtig. Der Mann hat ein Frauenproblem. Er hat Angst vor ihnen, er traut sich nicht gefühlvoll, sofern er das überhaupt noch kann, mit dem weiblichen Geschlecht umzugehen. Ich sag’s mal in seinem Niveau. Er ist ein emotionaler Schlappschwanz. Ein Feigling, der seine soziale Inkompetenz hinter seinen Genitalien versteckt.

Also liebe Männer, alle die einen Kurs bei diesem beziehungsunfähigen Versager buchen, befördern sich gleich selber auf das niedrigste Niveau, dass ein Mann erreichen kann. Wenn ihr glaubt, euch so in der Frauenwelt behaupten zu können, dann habt ihr gewaltig einen an der Waffel und euer Hirn ist nie über die eigene Eichelgrösse hinaus gewachsen. Füllt eure leere Hirnschale mit etwas Sinnvollem. Platz hat es ja genug. Vielleicht erfahrt ihr dann plötzlich ein Gefühl von Liebe. Keine Panik, das tut nicht weh und wenn, ist es ein süsser Schmerz. Aber sogar vor dem habt ihr Weicheier Angst. Gibt es überhaupt etwas auf dieser Welt, dass ihr selbständig zustande bringt? Könnt ihr eine Frau ansprechen ohne euch gleich in die Hosen zu machen, wenn nicht ein Kumpel dauernd im Hintergrund sexistische Parolen grölt? Hier fängt euer asoziales Problem bereits an. Alleine seit ihr sowas von feige, nichtssagend, langweilig und generell abstossend durch euer Gebaren, dass ihr euch nur in der Gruppe behaupten könnt. So etwas nenn‘ ich Versager. Alleine unfähig sich im Leben zu beweisen. Dabei haltet ihr euch für die Grössten, dass der Wahn in euren Hirnen schon krankhafte Ausmasse annimmt. Nur eure Dummheit kann den Grössenwahn noch toppen.

Aber ihr straft euch selber. Mit dieser Einstellung Frauen gegenüber, eigentlich allen Mitmenschen. Ihr werdet nie wirkliche Liebe erfahren, nie wirkliches Vertrauen haben, nie das Gefühl von partnerschaftlicher Geborgenheit spüren, nie richtige Freunde finden, auf die Verlass ist, nie die Genüsse gegenseitiger Zärtlichkeiten erleben und so weiter und so fort. Ihr wisst gar nicht, was ihr alles verpasst. Ihr seit so mit euren Egomanen-Denken beschäftigt, dass das Leben an euch vorbeizieht und ihr euch irgendwann wundert, wo es geblieben ist. Aber dann ist es zu spät.

Ich habe kein Mitleid mit euch. Es bleibt zu hoffen, dass ihr realisiert, wie ein gesellschaftliches Miteinander funktioniert und ihr euch entsprechend positiv integrieren könnt. Jeder verdient es Liebe zu erfahren, auch wenn er mal mit seiner Lebenseinstellung voll daneben lag. Aber den ersten Schritt müsst ihr tun. Sobald ihr Zuneigung mit Respekt verbinden könnt, werdet ihr die Freuden menschlichen Zusammenseins erleben dürfen. Wenn ihr das nicht schafft, wird euer Frust euch innerlich zerfressen, bis nur noch ein Häufchen Elend übrig bleibt.

Ein Held unserer Tage

141110

Kennen Sie Raphael Fellmer? Nein, der singt keine Schlagerschnulzen, aber seine Worte hallen in meinen Hirnwindungen nach wie ein Gassenhauer. Raphael Fellmer ist Idealist, Gutmensch, Familienvater und irgendwie erinnert er mich an Ghandi. Nicht dass er sich primär für eine unabhängige Menschheit einsetzt, er ist der Ghandi von Mutter Natur. Sein Lachen, sein Einstellung zum Menschen, sein Enthusiasmus und seine Zielstrebigkeit haben mich zutiefst beeindruckt. Er schafft etwas, dass ich selbst für eigentlich fast unmöglich gehalten habe.

141110

Er lebt ohne Geld. Tönt lapidar ist aber, wenn man es sich genau überlegt, eine sehr respektable Leistung in der heutigen materialistischen Gesellschaft. Ich habe selber längere Zeit in einer Höhle gelebt, mitten in en Natur oder war einfach mit meinen Habseligkeiten im Rucksack durch die Landschaften gezogen und habe hier und dort für etwas Proviant oder Schlafmöglichkeit jemanden geholfen. Dabei durfte ich viele, sehr schöne Bekanntschaften machen und das respektvolle Miteinander, dass uns Menschen auszeichnet, erleben. Ich schaffte es aber nicht komplett ohne Geld auszukommen. Die Schweizer Gesetzgebung hat hier ein paar ganz schön dicke Knüppel parat. Deshalb meine Hochachtung für ihn, wie er es schafft, trotz der indoktrinierten Zahlungspflicht, ohne Geld auszukommen.

Das alleine ist schon eine Meisterleistung, aber er setzt noch einen drauf. Er klappert die Abfallcontainer der Lebensmittelverteiler ab und nimmt alles raus, was noch zu verwerten ist. Eigentlich macht er sich damit strafbar. Das muss man sich mal im Hirn zergehen lassen. Essbare, frische Lebensmittel dürfen straflos weggeschmissen werden, aber die Verwertung des „Abfalls“ wird unter Strafe gestellt. Wieder ein Paradebeispiel, wie die Politiker am Volk vorbei reGIERen. Raphael Fellmer kümmert das wenig. Er findet es sträflicher, bei über 1 Milliarde hungernden Menschen etwas Essbares wegzuschmeissen. Recht hat er.

Aber auch hier ist das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht. Er bietet seine Fundstücke anderen Menschen an, welche selber mittellos sind. In einer Markthalle in Berlin hat er einen kleinen Stand errichten dürfen mit Kühlschrank und dort füllt er jeden Tag die Regale mit weggeworfenen Lebensmitteln auf. Er nennt das einen „Fairteiler“. Treffender kann man es nicht beschreiben. Die Lebensmittel gibt er gratis weiter. Das heisst, die ganze Arbeit vom Sammeln bis hin zum Regal macht er alles ohne Lohn. Seine Dankbarkeit für gratis Lebensmittel gibt er augenblicklich weiter, in dem andere Menschen von seinem Angebot unentgeltlich profitieren können.

Um die ganze Sache effizienter zu gestalten, notiert er die Fundstücke im Internet. Dort kann jeder schauen, wo es was hat. Viele Ladenbesitzer sind von der Idee begeistert und haben selber Mühe mit der Wegwerfmentalität. Sie sammeln die übrig gebliebenen Lebensmittel und geben sie ihm ab. Es bleibt zu wünschen, dass sich noch viel mehr Geschäfte dieser Idee anschliessen. Ich habe aber Bedenken, dass, wenn die Politiker schnallen wie sich das Volk selber organisiert, sie den Aktivisten irgendwelche Steine in den Weg legen. Beim Couch-Surfen ist es ja schon passiert. Nachdem viele Berliner ein freies Bett oder Zimmer für andere zur Verfügung stellen und sich mit dieser Idee international im Netz verknüpften ging es nicht lange und die Hotelier-Lobby puderte den Politikern den Hintern. Resultat: es wurde in Windeseile ein Gesetz erlassen, dass die private Übernachtungsvermittlung unter Strafe stellt. Wenn das Gratis-Lebensmittelnetzwerk zu erfolgreich wird, passiert das Gleiche. Es kommen dann die hirnlosen, uniformierten Lemminge und machen das, was sie am besten können. Das Volk nötigen, verprügeln und einsperren.

Aber selbst hier traue ich Raphael Fellmer Unglaubliches zu. Sollte es soweit kommen, dass er mit dem Gesetz in Konflikt gebracht wird, dann besticht er durch seinen Respekt und Freundlichkeit. Die Herzlichkeit, die in der Dokumentation rüberkommt ist beeindruckend. Er wird von den portraitierten Ladenbesitzer nicht nur toleriert sondern freundschaftlich empfangen und unterstützt. Ebenso von vielen Mitmenschen, die seiner Familie ein Dach über dem Kopf ermöglichen oder sonst unter die Arme greifen. Sie revanchieren sich mit gemeinschaftlicher Arbeit und machen die Sachen, welche gerne liegenbleiben. Selbst hier beeindruckte er mich. Er macht jede Arbeit mit einem Lächeln.

Raphael Fellmer zeigt eindrücklich, wie man ressourcenschonend und mit Teilen ein erfülltes Leben haben kann. Er selbst praktiziert diesen Lebensstil seit mehreren Jahren und lebt es vor, wie man es machen kann. Ich finde ihn sehr inspirierend und kam selber schnell ins Grübeln. Bei uns in der reichen Schweiz, wachsen die Kühe auf den Bäumen und in den Flüssen hat es Milch. Schön wär’s. Obwohl die Schweiz als eine der grössten Kapitalhuren der Welt gilt, lebt jeder zehnte Bewohner unter der Armutsgrenze. Bei einer Bevölkerungszahl von 8 Millionen sind das 800’000 Menschen, die ums tägliche Überleben kämpfen müssen. Und das in der ach so reichen Schweiz.

Also liebe Schweizer Leser, informieren Sie sich über das Projekt, kaufen bitte mit Bedacht ein und wenn etwas übrig bleibt, verteilen Sie es unter den Menschen. Egal ob Lebensmittel, Kleider oder sonstige Sachen. Alles was funktioniert oder irgendwie verwertbar ist, gehört in den Rohstoffkreislauf und nicht in den Abfallkübel. Dasselbe funktioniert mit Werkzeugen. Anstatt dass jeder seine eigenen Maschinen hat und die meist ungebraucht in den Kellern verstauben, teilen Sie die Werkzeuge mit anderen. Auch dafür gibt es bereits Webseiten, die sich mit dem Teilen von Gütern befassen. Car-Sharing beweist, dass solche ressourcenschonenden Ideen akzeptiert und genutzt werden. Es gibt noch unzählige Möglichkeiten, dem Konsumzwang zu entgehen. Es braucht dazu nur ein wenig Initiative, den Glauben an eine wertvolle Arbeit und die ansteckende Freundlichkeit eines Raphael Fellmers, die einem sofort selbst ein Lächeln auf die Lippen zaubert.

Ich wünsche ihm weiterhin viel Erfolg und schaue, wie ich im Land der Eidgenossen ebenfalls etwas zu diesem Projekt beitragen kann. Dazu lade ich jeden ein, sich selber ebenfalls Gedanken zu machen und welche Möglichkeiten man besitzt, die Welt mit Freundlichkeit, Liebe und Wohlwollen zu dem Paradies zu machen, das sie eigentlich für uns ist.

Hier der Link zu Raphael Fellmers Webseite: Raphael Fellmer

Der echte Herr der Ringe

Der Mensch ist zu so wunderbaren Leistungen fähig. Taiwans bekannter Straßenkünstler Isaac Hou verzaubert mit seinem Metallreif. Mir fallen nur die Begriffe Schönheit und Harmonie ein. Zurücklehnen und geniessen.

Gedanken von Mutter Natur

Frustriert beäugte sie den Planeten. Ihr Gesichtsfarbe verblasste immer mehr, als sie einzelne Orte genauer betrachtete. Was ihre Augen sahen, verhiess nichts Gutes. Ab und an entdeckte sie Gebiete, die wenigstens ein kleines Lächeln in ihre farblosen Gesichtszüge zaubern konnte. Aber diese Momente waren dünn gesät und gingen in der Menge der überall sonst anzutreffenden Katastrophen unter. Am liebsten wäre sie spurlos verschwunden, hätte den Planeten seinem unglücklichen Schicksal überlassen. Aber so einfach war das nicht. Sie war von Anfang an dabei gewesen und musste es nun auch weiterführen. Gesetz ist Gesetz. Vor allem wenn es sich um Naturgesetze handelt.

Mutter Natur seufzte. So hatte sie sich das nicht vorgestellt. Sie wollte ein Paradies schaffen, unterschätzte aber die Eigendynamik der Entwicklungen, die sich hier vollzogen. Geplant war ein blauer Planet, der eigentlich noch über zwei Milliarden Jahre den verschiedensten Spezies als Lebensgrundlage dienen sollte. Gleichzeitig war er als Arche Noah des galaktischen Lebens gedacht. Eine einsame Insel der Fruchtbarkeit im leeren, kalten Weltraum. In seiner gesamten Lebensspanne hätte er so viele neue Planeten mit seinen Keimlingen besiedeln können. Aber aus der Hegemonie des Lebens wird in diesem Teil der Milchstrasse wohl nichts, dachte sie sich. Wie es aussieht, endet jegliche Existenz auf diesem Planeten viel früher als erwartet und die Ausbreitung des Lebens hier wird um Milliarden Jahre zurückgeworfen.

Bei dieser Erkenntnis schüttelte sie traurig den Kopf. Gut, es waren noch zwei Monde in Reserve. Io und Europa. Aber die wurden sprichwörtlich auf Eis gelegt, denn die Erde stellte ein Glücksfall dar und bot optimalste Bedingungen. Es gibt zwar unzählige Planeten in der Milchstrasse und viele können und sind mit verschiedensten Lebensformen besiedelt, aber die Erde ist in dieser galaktischen Ecke ein Sonderfall. Eine gutmütige Sonne, die eine gemässigte Strahlung hat und eine lange Lebensdauer, ein Mond der für Strömungen sorgt, ein Magnetfeld und eine Atmosphäre, die wie ein schützender Mantel die Erde umhüllt und so vor kosmischer Strahlung bewahrt, eine Rotation, welche die Temperaturunterschiede  auf dem Planeten  moderat hält und so weiter und so weiter. Im Umkreis von vielen Lichtjahren gibt es keinen Zweiten, der so viele optimale Bedingungen für die Entwicklung von Leben vorweisen kann. Umso tragischer ist  die Tatsache, dass diese einzigartige Arche nun vorzeitig untergeht, bevor sich der Samen auf andere Welten verteilte. Aber wie konnte es überhaupt so weit kommen, wenn doch alle Voraussetzungen so erfolgsversprechend waren. Mutter Natur liess die irdische Entwicklung vor ihrem inneren Auge vorbeiziehen.

Alles lief gut, die Ursuppe wurde genährt von kosmischen Mitbringseln in Form von Kometen und Meteoriten. Die ersten Lebewesen hatten einen riesigen Spielplatz und konnten sich mit ihrer genetischen Vielfalt austoben. Mutter Natur sorgte dafür, dass jeder genug Ressourcen zum Ausprobieren hatte. Ab und an vermieste ein kometenhafter Reisender die Idylle und verbreitete Chaos. Oder ein irdischer Pickel platzte mit viel Asche und Rauch. Aber die zeitlichen Räume zwischen den Katastrophen reichten, um die Entwicklung des Lebens voranzutreiben. Irgendwann kam der Zeitpunkt, wo das Gesetz der natürlichen Auslese von einer Spezies ausgehebelt wurde. Dem Menschen. Er entwickelte ein Denken, dass sich von allen Lebewesen auf der Erde grundlegend unterschied.  Zeitgleich passte sich sein Hirn den zusätzlichen Anforderungen an. Er konnte kognitiv mehr verstehen als die Tiere und dieses Wissen seinen Artgenossen sprachlich in irgendeiner Form weitergeben.  Diese Fähigkeit katapultierte den Homo Sapiens Erectus vom Mittelfeld an die Spitze der Nahrungskette. Er ist die einzige Spezies auf dem Planeten, der schwächeren Mitbewohnern aufgrund seines Intellektes ein Überleben ermöglichen kann. Hätte er diese  Fähigkeit nicht, würde die halbe Menschheit als Futter dienen. Sie hätte nie den Entwicklungsstand erreicht, den sie heute besitzt.

Nachdenklich kratzt sich Mutter Natur am Kinn. Hätte sie hier einschreiten sollen? Nein, denn irgendeine Spezies sollte ja den Samen auf andere Planeten bringen und so für die Ausbreitung des Lebens sorgen. Der Mensch mit seiner intellektuellen Entwicklung schien dafür prädestiniert. Er war auch auf gutem Wege, hatte schon seinen Trabanten besucht und andere Planeten und Monde mit Sonden erforscht. Bei jeder Mission schafften es während der Konstruktionsphase immer wieder ein paar Mikroben in die Satelliten und die wurden im Sonnensystem verteilt. Diese genetischen, organischen Bausteine des Lebens warten jetzt nur auf eine weitere Ursuppe, um aktiv zu werden. Doch das dauert wieder sehr lange. Zeit ist nicht das Problem, sinnierte Mutter Natur, es ist nur bedauerlich, dass die Entwicklung unzähliger Arten von nur einer einzigen Lebensform wieder zerstört wird. Lange hatte sie die Hoffnung, dass die Kollegin von der Abteilung Evolution die menschliche Entwicklung entsprechend lenkte, was sie auch tat. Aber schlussendlich musste sie sich ebenfalls eingestehen, dass die Dinge nicht so liefen, wie es gedacht war. Der menschliche Intellekt wuchs derart schnell, dass keine Zeit blieb, die alten Urtriebe abzulegen. So kam es, wie es kommen musste. Seit sich die menschliche Intelligenz ihrer bewusst ist, findet ein Kampf statt zwischen den Urtrieben mit all seinen zerstörerischen Kräften und dem fürsorglichen Miteinander, welches auf Güte und Nächstenliebe aufbaut. Einzelne Völker hatten den Kampf bereits hinter sich gelassen. Sie lebten Jahrtausende im Einklang mit der Natur und wären sie nicht ausgerottet worden, könnten sich die heutigen Menschen an ihnen orientieren und lernen wie ein umweltverträgliches Miteinander funktionieren kann. Aber leider sind nur noch Scherben übrig. Wenn die Urtriebe das menschliche Handeln bestimmen, bleibt nichts verschont. Sie überwalzen alles, was sich in den Weg stellt. Aber vielleicht könnte man alle Scherben zusammentragen und versuchen den ursprünglichen Zustand wieder herzustellen. Hoffnung keimte in Mutter Natur auf. Aber im gleichen Moment erkannte sie, dass schon zu viel zerstört war, um es wieder aufzubauen. Der Mensch hat sich mittlerweile zu weit von der Natur entfernt. Er merkt nicht einmal mehr, wie er ihr mit seinem Handeln schadet. Innerhalb eines Jahrhunderts hat er es fertig gebracht, soviel zerstörerisches Potential zu entfesseln, dass die Erde mindestens für zehn Millionen Jahre damit beschäftigt ist, den ganzen Müll  wegzuräumen. Wenn der Mensch in absehbarer Zeit von der Bildfläche verschwindet, hinterlässt er ein strahlendes Erbe in Form von Atomruinen. Bis dahin hat er fast fünfhundert von den Reaktoren gebaut, obwohl er von Anfang an nicht wusste, wie man sich dem tödlichen Zeugs wieder entledigt. Er plante zwar Endlager, scheiterte aber an seinem Unvermögen, Zeiträume von Millionen von Jahren richtig einzuschätzen. In dieser Zeit wuchsen die Alpen kilometerweit in den Himmel. Solche Naturgewalten will der Mensch kontrollieren können? Mutter Natur schüttelte abermals den Kopf über so viel Grössenwahn. An die zehntausenden von Atombomben, die noch irgendwo rumstanden wollte sie gar nicht denken. Andere Arten waren da schlauer.

Mit Wehmut dachte sie an die schöne Zeit zurück. Vor vielen Millionen von Jahren entwickelten sich schon Hochkulturen. Sie lebten mit den Kräften der Natur, konnten mit ihr kommunizieren, waren mit dem Umgang verschiedenster Energieformen vertraut  und lebten mit dem natürlichen Einklang, dass man alles in gleichen Teilen gibt, wie man nimmt. So herrschte ein ausgeglichener Ressourcenhaushalt.  Leider beendeten Katastrophen kosmischen oder irdischen Ursprungs immer wieder den weiteren Aufstieg dieser Kulturen. Aber Mutter Natur war zuversichtlich, dass sich das Leben wieder erholte, diese positive Entwicklung sich fortsetzte  und so war es auch. Dank des umsichtigen Handelns der einzelnen Hochkulturen, waren die zig Millionen Jahre später folgenden neuen Lebensformen in der Lage, den Planeten weiter zu nutzen und zu gedeihen. Bis heute. Nach dem Menschen muss aber ein Entwicklungsstopp eingeschaltet werden. Erst wenn die letzte Verstrahlung und Verseuchung beseitigt ist, kann man der Abteilung Evolution wieder grünes Licht geben. Der Bauer pflanzt ja sein Saatgut auch auf gesunde Erde und nicht auf Müll. Eigentlich weiss der Mensch, wie es richtig gemacht wird, aber die Urtriebe gewinnen auch diese Schlacht.

Mutter Natur schaute wieder zur Erde hinab. Tränen füllten ihre gutmütigen Augen. Und jetzt bereitet der Mensch sein Finale vor. Auf der ganzen Welt injiziert er  Frack-Fluide in die Erde. Kilometertief. Presst giftige Substanzen in gesunden Boden, der in ernährt. Die Abscheulichkeit dieses Handelns lässt sie erschaudern. Ein Drittel der Oberfläche des blauen Planeten ist Land und dieses kleine Stückchen Erde, dass alle Landlebewesen beheimatet wird von einer einzelnen Lebensform so stark vergiftet, dass alle anderen auch daran zu Grunde gehen werden. Und nicht nur an der Oberfläche, sondern eben – kilometertief. Aber wie schon beim Atomproblem kann und will der Mensch die zukünftigen Konsequenzen seines Handelns nicht abschätzen. Wenn in zehn bis zwanzig Jahren die Gifte die Erdschichten durchwandert haben und alles Leben verseuchen, ist der letzte Akt irdischen Daseins eingeläutet. Wer nichts zu Essen hat, der verhungert. So wird es allen ergehen. Ein paar hartnäckige Überlebenskünstler werden sich gegenseitig auffressen aber das nützt trotzdem nichts. Sie vergiften sich mit der Beute und irgendwann sind auch  die alle weg.  Das war’s dann. Viren und Bakterien werden vermutlich als Letzte das irdische Lebenslicht ausknipsen, bevor auch sie die Bühne der Evolution verlassen. Dann herrscht Ruhe. Einzig die Abteilung Evolution arbeitet weiter auf Hochtouren. Sie versucht alle vom Menschen produzierten Substanzen und Strahlungen auf die neuen Lebensmodelle genetisch zu übertragen. Damit sollen den neuen Lebensformen grössere Chancen eingeräumt werden. Aber bei der Vielzahl von Schadstoffen ist es fast unmöglich einen Organismus zu kreieren, der resistent auf alles Schädliche ist, was der Mensch je hervorgebracht hat. Da stösst sogar die Schöpfung an ihre Grenzen. Wenn nichts funktioniert, muss die Erde ihre Generalreinigung arbeiten lassen und zwar so lange, bis alle jetzigen Landmassen zusammengeschmolzen wurden. Tektonische Bewegungen spielen sich im Millimeter bis Zentimeterbereich ab – pro Jahr.  Deshalb wird dieser Säuberungsprozess sicher hunderte Millionen Jahre dauern. Neu entstandene Landmassen sind dann sozusagen klinisch sauber und können wieder gefahrlos besiedelt werden.

Mutter Natur wurde wütend. Soviel Entwicklung in den letzten paar hundert Millionen Jahren und alles vergebens. Der Mensch entpuppt sich als grösster Fehlgriff in der Evolution und die Natur verzeiht keine Fehler. Zum Glück. Sonst würde diese Spezies noch andere Welten verseuchen und weitere Erfolge der Evolution mit seinem unnatürlichen Handeln zunichtemachen. Demzufolge wäre es besser, den Menschen zu entsorgen, bevor er noch grösseren Schaden anrichtet. Schadensbegrenzung eben. Mutter Natur dachte darüber nach, ob sie den Untergang der humanen Rasse forcieren sollte. Nach kurzem Überlegen kam sie zur Ansicht, dass es sogar sinnlos ist, Ressourcen für den Untergang zu mobilisieren, zu viel wurde für diese unfähige Gattung schon aufgewendet. Also übt sie sich in Geduld mit der Gewissheit, dass sich das Problem von selber erledigt. Er war bis anhin nicht in der Lage, sein Handeln ökologisch zu gestalten, also wird er es auch in der Zukunft nicht schaffen. Das Resultat liegt auf der Hand. Er zerstört seine eigene Lebensgrundlage und geht schlussendlich an seinen produzierten Giften und Müllbergen zugrunde. Und das wird nach dem Stand der Dinge nicht mehr lange dauern. Hundert Jahre hat er gebraucht, bis der Planet unrettbar verseucht war. In weiteren hundert Jahren wird er sich selber endgültig aus den Geschichtsbüchern löschen. Also muss sie nichts tun, ausser abwarten. Sie könnte in der Zwischenzeit der Evolutionsabteilung einen Besuch abstatten. Vielleicht sind Io und Europa doch bessere Kandidaten. Es ist zwar schwieriger  hier etwas Beständiges zu machen, aufgrund der Bedingungen, aber einen Versuch ist es sicher wert. Aber bevor sie sich einer anderen Baustelle widmet, sollte die Alte aufgeräumt werden.

Sie blickte auf das weite Blau der Ozeane. Hier hätte noch eine Möglichkeit bestanden, die Evolution voranzutreiben. Aber Gifte und Strahlung kennen keine Grenzen und so werden auch die Meere über kurz oder lang lebensfeindlich werden. Ein Wassertropfen braucht ungefähr tausend Jahre, bis er alle Meere mit all ihren Tiefen durchwandert hat. Somit haben die verbliebenen Meeresbewohner noch etwas länger Zeit. Aber bei den Unmengen an Abfall, die im Meer entsorgt wurden, könnte sich diese Zeitspanne erheblich verkürzen. Zudem kommt permanent tödliches Material vom Land her und beschleunigt die Ausrottung maritimen Lebens. Es nützt alles nichts.

Mutter Natur kann es drehen und wenden wie sie will. Es läuft immer auf das gleiche Resultat hinaus: die Erde stirbt. Eigentlich müsste der Mensch solange weiterexistieren und die ganze Tragödie miterleben. Das wäre eine entsprechende Strafe. Aber auch hier drückt er sich vor der Verantwortung und verschwindet als einer der Ersten von der Bildfläche.

Angewidert wendet sie sich ab. Das Experiment mit der Rasse Mensch dauert circa hunderttausend Jahre und verursacht einen Schaden von hunderten von Millionen, wenn nicht gar Milliarden von Jahren. Auf diese Leistung können die von der Evolutionsabteilung nicht gerade stolz sein. Aber wo gearbeitet wird, fallen bekanntlich Späne. Mutter Natur ist sich jedoch sicher, dass der Fehler nicht zweimal gemacht wird. Mit diesem hoffnungsvollen Gedanken widmet sie sich wieder ihrer Arbeit und umsorgt liebevoll all die Lebewesen im Universum, welche die Geschenke von Mutter Natur zu schätzen wissen und im Einklang mit ihr gedeihen.

…denn sie wissen schon, was sie tun!

Der Mensch wird  gerne als dummes, mainstream-blökendes Schaf dargestellt. Da tun wir den lieben Wollknäuel aber unrecht. Das Schaf frisst Gras und wenn dieses abgegrast wurde, zieht es weiter zum nächsten Büschel. Der Mensch hingegen frisst auch noch die Wurzeln und wundert sich, wenn es dann nicht mehr nachwächst. Ergo sind Schafe schlauer und wissen wie man eine Weide aberntet, ohne grossen Schaden zu hinterlassen. Der Mensch hingegen weiss das nicht – falsch, er weiss es, handelt aber nicht danach. Darum sind auch die vielen guten Kommentare und Artikel meist wirkungslos. Der Mensch ist schlichtweg zu blöd, um die einfachsten Dinge/Zusammenhänge zu erkennen.

Beispiele gibt es genug. Zuoberst ist das „geldene“ Kalb. Die meisten geifern nach Geld und scheren sich einen Dreck darum, was ihre Gier anrichtet. Dann hat es die Massen an Religionsfanatikern, die ihre Eigenverantwortung irgendeinem Gott übertragen, ihr Hirn dann gottseidank ausschalten können und alles als „gottgegeben“ ansehen. Die Störche bringen ja auch die Kinder. Eine weitere grosse Gruppe sind die selbstüberzeugten Weltverbesserer. Da wird demonstriert und mit den Fingern auf andere gezeigt. Zur Demo fährt man/frau mit dem Auto, macht Bildchen mit dem Smartphone, trinkt eingekauftes Wasser aus Petflaschen und hinterlässt nach der Demo seine nicht mehr gebrauchten Konsumartikel der Umwelt, respektive sch(m)eisst sie einfach weg…irgend jemand wird das dann schon wegräumen oder wenn nicht, dann wächst sicher wieder Gras über die Sache. Würde, wenn wir so schlau wie Schafe wären.

Irgendwie finde ich es schade, dass vergangene Woche ein X-Flare der Sonne (die höchste Klasse) auf die andere Seite losgegangen ist. Hätte er die Erde getroffen, gäbe es für die nächsten Monate oder Jahre keinen Strom. Man stelle sich vor: keine Handys, Autos, Computer, Fernsehen, Börse usw. usw.. Die Welt wäre dann sicher nicht besser, im Gegenteil. Die Welt wäre voll mit konsumgeschädigten Individuen, die nichts mit sich anzufangen wüssten, weil irgendein unsinniges elektronisches Teil fehlt, das einem vorgaukelt, wichtig oder überlebenswichtig zu sein. Am wenigsten geschädigt wären die Menschen, die jetzt schon nix haben ausser ihr nacktes Leben. Ein fünfjähriges Kind aus dem Urwald kann ohne Hilfe Feuer machen, Wasser und Nahrung suchen. Unsere Kleinen aus den Industrieländern würden einfach tot umfallen, weil sie ihren fetten Ärsche nicht lange genug bewegen könnten, bis sie etwas Geniessbares zum Überleben finden. Darum hier ein Lob an die Eltern, welche ihren Kindern zeigen, was man aus der Natur direkt essen, trinken oder sonst verwerten kann.

Ich will mich aber selber auch an der Nase nehmen. Schreibe am Computer, fahre Auto, kaufe im Supermarkt und konsumiere Unsinnigkeiten wie Filme, PC-Spiele, Handy und dergleichen. Aber wie Paracelsus schon sagte:“ Die Menge unterscheidet das Gift von der Medizin.“ Es hätte für alle genug, wenn jeder nur das nehmen würde, was er gerade benötigt. Also benutze ich den ganzen technischen Firlefanz mit gesundem Menschenverstand und schalte sie aus, wenn ich sie nicht mehr brauche. Dasselbe gilt für die wirtschaftlichen und staatlichen Kontrollmechanismen. Hier sind einige Beispiele, die meiner Ansicht nach mehr bewegen als eine Demo.

– alles Geld von der Bank holen

– bar zahlen, keine Kreditkarte verwenden

– in kleinen Geschäften mit Produkten aus der Region verstärkt einkaufen

– Sachversicherungen künden

– Tauschhandel benutzen und fördern

– respektvoller Umgang mit seinen Mitmenschen

– ab und zu mal etwas Weggeschmissenes aufheben und entsprechend entsorgen

– mindestens einmal pro Tag ein ehrliches Lächeln verschenken

undsoweiterundsofort.

Wenn tausend Menschen an eine Demo gehen, hinterlassen sie Müll von tausend Menschen. Dafür dürfen sie als Prügelknaben für die Exekutive hinhalten. Und, ehrlich gesagt, tausend Menschen reichen nicht für eine Veränderung im Denken der Verantwortlichen. Die Lächeln eher süffisant über den Pöbel und genehmigen sich  eine Linie vom staatlichen Klodeckel. Aber die gleiche Menge bewirkt sicher etwas, wenn sie die oberen Punkte so gut wie möglich umsetzen würde.

Leider zerbröselt der Gedanke an ein kollektives, gesundes Gesellschaftssystem schnell wieder mit der Erkenntniss, dass wir ja dümmer als Schafe sind. Da hilft alles blöken nichts. Also machen wir weiter wie bisher, weil wir das können. Die Anpassungsfähigkeit des Menschen erfolgt meist nur durch müssen, wenn er etwas nicht mehr hat respektive bekommt – und das dauert seine Zeit. Ausser es dient der Förderung seiner bequemen Dummheit oder dummen Bequemlichkeit…je nach dem. Dann erfolgt die Anpassung über Nacht. Was hat sich da die Evolution nur dabei gedacht, uns das Denken zu ermöglichen.  Auf den Bäumen war’s doch auch ganz nett.

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