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Warum der Untergang naht … und warum wir uns jetzt trotzdem entspannen können

Vergiftete Brunnen und Influencer mit Morbus Science

Manchmal schafft es auch ein Bericht in die Massenmedien, der nicht der Banalität oder der Desinformation dient, sondern durchaus lesenswert ist. So etwa ein gestern in der NZZ erschienenes Essay einer promovierten Historikerin, die es wagt, die Käseglocke anzuheben, unter welcher die Welt der akademischen Lehre gerade vor sich hinschimmelt.

Die Historikerin beschenkt uns in ihrer Betrachtung auch mit einem historisch denkwürdigen Begriff, den wir uns merken sollten, um dasjenige zu verstehen, wo der gesunde Hausverstand derzeit kapitulieren muss: „Agendawissenschaft“. Wissenschaftlern dieser neuen, sich epidemisch ausbreitenden Zunft ginge es nicht mehr um ergebnisoffene Forschung und Erkenntnis, sondern darum, „mithilfe von Forschung und Lehre ein ideologisch verbrämtes gesellschaftspolitisches Programm voranzubringen“. Inzwischen habe sich in der wissenschaftlichen Welt ein regelrechter Widerwille etabliert, sich mit <<falschen Positionen>> zu befassen“.

Wer in dieser Nichtwissenwollenschaft den Kopf über den Tellerrand heben – oder eigentlich nur die Augen für die unmittelbare Realität öffnen möchte, der muss mit Disziplinierungsmaßnahmen rechnen. Disziplinierungsmaßnahmen, an denen sich bereits Erstsemestrige eifrig beteiligen, um Lehrende, die nicht auf Linie sind, zu diskreditieren und aus dem öffentlichen Diskurs zu verdrängen.

In Zeiten von Social Media geht das per Knopfdruck und in Echtzeit. Auf Phasen der Reflexion über Gehörtes und allenfalls verflogene Wut nach einem  Heimspaziergang kann heute nicht mehr gerechnet werden. „Daumen runter“ gibt’s sofort, wenn einem eine Ansicht begegnet, welche der persönlichen Kompassnadel widerspricht. Dass diese persönliche Kompassnadel nur deswegen in eine bestimmte Richtung zeigt, weil „Manufacturing Consent“-Spezialisten einen kleinen Magneten installiert haben, der eine freie Bewegung der Kompassnadel nicht zulässt, wird nicht in Betracht gezogen.

Nach Beobachtung der Historikerin werde stattdessen „die enorme Komplexität des Wissens, mit der sich Studenten vor allem in den ersten Semestern konfrontiert sehen, auf ein leicht verstehbares und durch Aneignung der «richtigen» Sprache schnell anwendbares Schema“ reduziert, mit dem die Welt in Gruppen aufgeteilt werden könne. Alles natürlich, um dem Guten und Gernen Leben zu dienen. Um ein auf Andersdenkende disziplinierend wirkendes Klima zu erzeugen, bedürfe es einer kritischen Masse solcher Agendawissenschaftler in jeweiligen Forschungsfeldern. Nach Ansicht der Historikerin habe der Marsch durch die Institutionen vor allem in den Kultur-, Sozial- und Geisteswissenschaften dazu geführt, dass diese kritische Masse vielfach bereits erreicht wurde.

Wer nachfolgenden Artikel liest, wird verstehen, wie der Brunnen der herrschenden Lehre gerade sukzessive vergiftet wird und wie es dazu kommen konnte, dass wir im gesellschaftlichen Diskurs derzeit regelrecht wahnhaften Vorstellungen folgen. Denn aus besagtem Brunnen der herrschenden Lehre der (Agenda-)Wissenschaft schöpfen auch alle Influencer, die derzeit ihre Millionenschaften an Followern und fast eine ganze Generation mit dieser Influenza influenzieren: All die Junk Science „Bildungskanäle“ wie maiLab (bereits bedacht mit dem Grimme Online Award für Wissen und Bildung), Rezo, Porno-Katja & die 90 Super Youtuber etc.

Da die WHO den Virus von Morbus Science immer noch nicht in seiner letalen Auswirkung erkannt hat, hat sich diese bislang nur in bestimmten Thinktanks und Universitätsinstituten grassierende Krankheit mittlerweile zur Pandemie ausgeweitet.

Ritter*Innen der Kokosnuss

Natürlich gebietet es das Selbstverständnis eines im akademischen Leben verankerten Nichtwissenwollenschaftlers, dass er nicht untätig bleibt. Das Schul- und Universitätssystem hat ihm einen aufs Höchstmaß zugespitzten Intellekt aufgesetzt, mit dem er jetzt nicht ganz tatenlos zusehen kann, wie rundherum in der Welt alles den Bach runtergeht. Er muss diesen Intellekt auch schon aus Gründen der reinen Selbsterhaltung in irgendeine Richtung einsetzen. Denn würde er sich  mit einem mit 400 U/min vor sich hinrotierenden hybriden Intellekt nicht irgendwo einkuppeln sondern nur im Leerlauf drehen, dann würden sich die Zahnräder seines Getriebes selbst zerreiben. Doch wo darf man ihn in Zeiten wissenschaftlichen Prekariats noch einkuppeln, diesen Intellekt? Für irgendetwas möchte man kämpfen, damit man sich nicht ganz wertlos vorkommt. Aber die von Regierung und Medien vorgegebene Linie lässt kaum noch etwas zu, gegen das man kämpfen bzw. für das man sich engagieren darf. Nur zwei mickrige Ventile werden der Masse angeboten, über die sie ihren Überdruck abpfeifen lassen darf. Angesichts des massiven Überdrucks, der sich jetzt über diese beiden Ventile Ausdruck verschaffen möchte, hat es die Ventilsitze samt den Adaptern allerdings bereits vollkommen durchgerissen, sodass nun der ganze Reifen plattmacht.

pixabay/CC0

Diese beiden, mittlerweile ausgeleierten Ventile sind jedem bekannt: Einerseits der „Kampf gegen Rechts“ (laut Prof. Mausfeld ein „Fake-Kampf“, der vor der Konfrontation mit den wirklich anstehenden Problemen ablenken soll) und andererseits der Kampf für Geschlechterneutralität. Wer also nach Schulende seinen vorgeschriebenen Grundwehrdienst als Infanterist im Kampf gegen Rechts schon abgeleistet hat und der Gesellschaft besonders progressiven Fortschritt bescheren möchte, der darf beim Orden der Ritter*Innen der Kokosnuss seine Lanzen brechen. Nach sechs Semestern Gender Studies kann er dann als Bätschelor mit evidenzbasierten Studien die drängende Frage abarbeiten, ob es noch Inklusion oder bereits Diskriminierung ist, wenn man Mushroom Mermaids als Reinigungskräfte einsetzt, um das Stehurinal zu putzen, in dem Wombat Cockster und Hustler Hedgehogs ihre Notdurft verrichten.

Relax, don’t do it!

Wer den nzz-Artikel liest (der in Wirklichkeit nur die Spitze eines von hunderten Eisbergen zeigt und der sehr zurückhaltend geschrieben ist, da die Autorin ansonsten ja ihre eigene Position als Masterstudiengangs-Leiterin gefährden würde), der wird auch etwas sehr Ernüchterndes realisieren: Dass es angesichts des bereits vorangeschrittenen Grades an neoliberaler Indoktrination wohl nur eine relativ kleine Anzahl an Menschen sein wird, die sich der Vermassung entziehen und ein gesundes, eigenständiges Denken ausbilden wird können.

Diese an sich fatale Tatsache einzusehen, hat aber auch etwas Entspannendes: Man ist dann nicht mehr versucht, die gesamte Gesellschaft zu retten bzw. dem kollektiven Wahnsinn eine Wende geben zu müssen (dazu ist dieser Wahnsinn bereits zu weit vorangeschritten bzw. in das Innere der Menschen hineingedrungen).

Auch wenn es also nur vergleichsweise Wenige sein werden, die nicht Opfer des Wahnsinns  werden (siehe Dostojewskijs Traum von der szientistischen Pest), so kommt es aber gerade darauf an, dass es sie gibt. Wie sie in einer weitgehend irre gewordenen Welt leben werden können, ich vermag es auch nicht zu sagen. Man kann nur darauf hoffen, dass sich schon irgendwie Möglichkeiten ergeben werden. So wie auch nach einem Vulkanausbruch am aschebedeckten Umfeld wieder vereinzelt Samen aufgehen und zu Bäumen heranwachsen, die Anderen Schatten spenden können.

Mit ‚Entspannen‘ meine ich natürlich nicht, dass man jetzt die Füße auf den Tisch legen und Dschungelcamp gucken soll. Ganz im Gegenteil: Man muss jetzt äußerste Kraft aufwenden und in Bewegung bleiben, damit man im neoliberal vergletschertem Lebensumfeld nicht erfriert. Wer gesund bleiben und verhindern will, dass einen der Wahnsinn packt, der muss geistig rege sein wie noch niemals zuvor. Insofern ist es auch nicht umsonst, dass es Einzelkämpfer gibt, die mit ihren kleinen Piratensendern die Stellung halten, obwohl der Wind des Wahrheitsministeriums mit aller Kraft versucht, sie von der Bildfläche zu blasen (was dank Zensur und Shadowbanning-Techniken in den sozialen Medien auch durchaus erfolgreich vorangetrieben wird). Denn diejenigen, die noch geistig gesund sind, brauchen auch gesunden, nicht mit dem Virus des Wahnsinns influenzierten Input von anderen, sonst müssten auch sie mehr oder weniger verzweifeln.

Mit ‚Entspannen‘ meine ich vielmehr, dass man es sich weitgehend abschminken kann, andere überzeugen zu wollen, die ihre Wahl vorerst bereits getroffen haben, obwohl man ihnen die Worte von Max Jacob zurufen möchte: „Ich weine vor Euch, weil ich weiß zu welchen Schlünden ihr wandert.“ Das heißt nicht, dass man nicht den ein oder anderen bei Gelegenheit doch davon abhalten könnte, in den Abgrund zu marschieren. Doch wer sich dies für die Gesellschaft als Ganzes erwartet, der würde sich hoffnungslos verausgaben. Die Verpflichtung, die jeder noch gesund denken könnende Mensch hat, ist jedoch: sich selbst und diejenigen, die sich ebenfalls dem Wahnsinn verweigern, geistig gesund zu erhalten bzw. aus dem medial verordneten Eintopf der Ignoranz zu emanzipieren und jetzt vollkommen unabhängig  denken zu lernen. Auch vollkommen unabhängig von denjenigen Autoritäten, die sich in schönen Gewändern als Wissenschaft bezeichnen, aber meist nur eine Nichtwissenwollenschaft verkörpern. Ebenso unabhängig von Intellektuellen, von denen derzeit ja viele enttäuscht sind, da sie sich in mancherlei Hinsicht ebenfalls der Agenda des Mainstream ergeben haben. Mit dem Erlangen und Bewahren dieses unabhängigen Denkens ist das Notwendige getan. Was dann kommt, wird sich schon ergeben.

Aufgrund verschärften Zitaterechts diesmal nur ein schlichter Link zum vorgenannten Artikel:

Wenn Wissenschafter eine Agenda verfolgen: wie Macht und Moral an den Hochschulen die Erkenntnis ersetzen (nzz)

 

P.S.:
Was an diesem nzz-Artikel eventuell zu bemängeln wäre, ist die Verwendung des Wortes „Moral“, mit welcher die besagte Disziplinierung neben „Macht“ erfolge. Um wohl klingende Wörter sind wir ja heute nicht verlegen, um unsere Lebenslüge zu rechtfertigen, obwohl das Motiv der Agendawissenschaftler eher mit dem Wort „Moralisieren“ zu charakterisieren wäre – wobei „Moralisieren“  ja geradewegs das Gegenteil von wirklicher Moral und eigentlich eine Amoral oder sogar Antimoral ist.

Auch wird im nzz-Artikel die Frage, wer denn eine solche Agenda der Agendawissenschaften überhaupt ausgibt, nicht einmal berührt. Wer sich darüber kundig machen möchte, der wird eventuell bei Noam Chomsky (siehe „Die Wachhunde der Machtelite“), bei Edward Bernays oder bei Bertrand Russel fündig:

>> Ich denke, das Thema, das politisch am wichtigsten sein wird, ist die Massenpsychologie. … obwohl diese Wissenschaft sorgfältig studiert wird, wird sie starr auf die regierende Klasse beschränkt sein. Die Bevölkerung wird nicht wissen dürfen, wie ihre Überzeugungen entstanden sind. Wenn die Technik perfektioniert ist, wird jede Regierung, die für die Erziehung einer Generation verantwortlich ist, in der Lage sein, ihre Untertanen sicher zu kontrollieren, ohne dass Armeen oder Polizisten benötigt werden … Bald werden verschiedene Ergebnisse erzielt werden: dass der Einfluss der Heimat hinderlich ist … Erziehungs-Propaganda könnte mit Hilfe der Regierung dieses Ergebnis in einer Generation erreichen. Es gibt jedoch zwei mächtige Kräfte, die gegen eine solche Politik sind: die eine ist die Religion, die andere der Nationalismus. … Eine wissenschaftliche Weltgesellschaft kann nicht stabil sein, wenn es keine Weltregierung gibt. <<  (Bertrand Russell, Der Einfluss der Wissenschaft auf die Gesellschaft, 1953)

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