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Ukraine und Deutschland im Informationskrieg: Kriegstreiber im Einsatz

Ukraine und Deutschland im Informationskrieg: Kriegstreiber im Einsatz

Donnerstag, 6.3.2014. Eifel. Wieder einmal befinden wir uns mitten im Krieg. Im Informationskrieg. Er wird derzeit mit außerordentlicher Härte geführt – vorbei die Zeit, in der man ausgewogene Berichte in den Medien antreffen konnte. Ein Beispiel?

Nehmen wir die Tagesschau vom 5.3.2014. Dort gab es einen Kommentar zum Verhältnis Merkel-Putin, der auch Zuschauer entsetzt hat:

Putin habe den Bezug zur Wirklichkeit verloren, soll sie US-Präsident Barack Obama gegenüber am Telefon geäußert haben. Früher hätte Regierungssprecher Steffen Seibert dazu nur gesagt, dass er interne Telefongespräche nicht kommentiere. Heute sagt er das auch. Aber dann halt noch ein bisschen mehr: „Es ist allerdings unbestritten, dass Präsident Putin eine ganz andere Sicht auf die Ereignisse in der Krim hat als die Bundesregierung und als auch unsere westlichen Partner.“

Im Klartext: Ein Fall für den Psychologen. Das ist Merkels neue Antwort auf die Frage: Wie geht man mit so einem um?

Zur Erinnerung: die Tagesschau ist das Flagschiff der deutschen Medienlandschaft. Viele Menschen verlassen sich auf sie, da sie nicht die Zeit und die gedanklichen Ressourcen haben, sich selbst eine Meinung bilden zu können. Dieses Flaggschiff der deutschen Medien erklärt nun den russischen Präsidenten Putin öffentlich für geisteskrank.
Die Ursprungsdiagnose soll von Angela Merkel stammen … deren Ausbildung eine solche Diagnose überhaupt nicht zuläßt.
Macht nichts – man kann sie ja trotzdem mal stellen.
Der Eindruck beim Zuschauer: man hat es mit einem geisteskranken Staatsführer zu tun. Mit dem Mann kann man nicht reden, der Mann ist einfach nur durchgeknallt – den sollte man sofort einsperren.

Kommentar des Zuschauers Realist999:

Gibt es in der Redaktion vielleicht auch noch eine zweite Meinung? Oder eine neutrale, die Putin nicht zum Psychiater schicken will?
Oder war eine Gruppensitzung zusammen mit der deutschen Regierung angedacht ?
Verursacht hat die Situation in der Ukraine die BRD mit einigen EU Chargen. Durch einseitige Einflussnahme und Unterstützung des Mobs um Klitschko. Mal schön ehrlich bleiben. Regierungsfunk gibts wohl nicht nur in Nordkorea.

Der Mann gehört sofort als Redaktionsleitung eingestellt. Immerhin ist er auf dem neuesten Stand, hat auch mitbekommen, dass der Herr Klitschko seltsame E-Mails an seine politischen Freunde schickte (wir berichteten) – und dass die diagnostische Kompetenz der ARD gegen Null läuft. Normalerweise würde man in einem solch´ delikaten Fall auch eine Zweitmeinung einholen. Vielleicht eine aus den USA? Wie es aussieht, hält man Putin dort für einen „starken Mann“, der zupacken kann(siehe Spiegel).
In der NSA-Affäre hat sich sicherlich auch manch´ Bundesbürger so einen starken Menschen gewünscht, der mal ein paar Dinge zu seinen Gunsten regelt. Statt dessen gab es Diätenerhöhungen.
Natürlich muss man noch einen draufsetzen.
Zu einem richtigen Krieg gehört ein richtiger Bösewicht – und für Bösewichter gibt es einen internationalen Standard: sie werden in „Hitler“ gemessen. Saddam Hussein war ein Hitler, Syriens Assad war ein Hitler – und Putin ist jetzt auch einer, siehe Spiegel:

Die ehemalige US-Außenministerin ist bei der Beurteilung der Krim-Krise nicht vor einer fragwürdigen Parallele zurückgeschreckt: Hillary Clinton hat den russischen Präsidenten mit Adolf Hitler verglichen. Applaus kommt vom republikanischen Senator McCain.

Anders als die Tagesschau überschätzt sie ihre diagnostischen Fähigkeiten nicht – und attestiert dem russischen Präsidenten geistige Gesundheit:

In ihrer Ansprache bei einer Benefizveranstaltung für den örtlichen Boys and Girls Club relativierte sie ihre Aussage später jedoch: Harry Saltzgaver, Chefredakteur des „Long Beach Press-Telegram“, zitierte sie mit den Worten, dass es keinen Hinweis darauf gebe, dass Putin „so irrational wie der Anstifter des Zweiten Weltkriegs“ sei. Dies berichtete die Webseite „Buzzfeed“.

Klar – auf internationalem Parkett geht man höflich und respektvoll miteinander um. Dämliche Laiendiagnosen gehören eigentlich nicht dazu – es sei denn, man will das Volk in Kriegsstimmung versetzen, will es mal so richtig anheizen gegen den wahnsinnigen Russen, der uns alle bei lebendigem Leibe fressen will … da kann man dann schon mal eine Ausnahme machen.
Können Sie sich noch an Benjamin Bidder erinnern?

Er ist Korrespondent des Spiegel und hat am 20.2.2014 etwas sehr interessantes berichtet – live aus der Ukraine:

Am Nachmittag rückten die Verteidiger des Maidan bis auf den Hügel am Rande des Platzes vor, auf dem das Hotel „Ukraina“ steht. Im Foyer legten sie erst ihre Toten ab, dann errichteten sie dort ein Lazarett für Verletzte. Das Hotel, in dem viele Journalisten wohnen, war auch von den Kämpfen betroffen. Es liegt an der Institutska-Straße, die ins Regierungsviertel führt. Mehrere Kugeln schlugen auch in Zimmern ein, in denen Reporter logieren. Männer vom Maidan bezogen in den oberen Etagen Position und feuerten auf Polizisten.

Männer vom Maidan feuern auf Polizisten – nicht umgekehrt. Und wer feuert eigentlich in Häuser hinein, die an einer Straße liegen, die zum Regierungsviertel führt? Die Polizei? Die schießt doch auf Demonstranten. Die sind auf der Straße.

Ein besonderes Dokument ist auch sein am gleichen Tage erschienenes Interview. Die von ihm geschilderten Umstände sind interessant, siehe Spiegel:

Auf dem Weg zum Interview mit Bondarenko stürmen plötzlich Männer der berüchtigten Berkut-Einheit an mir vorbei. Sie ziehen sich ungeordnet vom Maidan zurück, manche wirken panisch. Sie seien beschossen worden, sagt ein Kommandeur. Ein Polizist mit Kalaschnikow verscheucht Passanten mit vorgehaltener Waffe von der Institutska-Straße. Gleich werde hier geschossen, sagt er.

Die Polizei räumt Hals über Kopf das Regierungsviertel. Jelena Bondarenko springt in ihren Jeep, „aus Angst, dass die Banditen jetzt kommen“.

Passend, oder? Panisch auf der Flucht ist: die Polizei. Die „berüchtigte“ und jetzt aufgelöste Spezialeinheit „Berkut“. Sie flüchten, weil sie beschossen worden sind – und zwar nicht mit Gummigeschossen wie die Demonstranten. Erwähnt wurde natürlich beständig, dass der böse Diktator geschossen hat – beobachtet wurde etwas anderes. Aber: was man berichtet muss ja nicht immer das sein, was man beobachtet. Was man berichtet, muss den Auftraggebern gefallen.

Derweil gibt es – dank Spionage – neues Material, dass die Beobachtungen des Spiegel-Journalisten bestätigt, siehe Spiegel:

Das Verhalten Kiews sei „beunruhigend“, sagte Paet in dem Gespräch. Er bestätigte am Mittwoch die Echtheit des Mitschnitts. Der estnische Außenminister erwähnt darin den Verdacht einer ukrainischen Aktivistin, dass die Schüsse auf Demonstranten und Sicherheitskräfte von denselben Scharfschützen abgegeben worden seien. Es gebe demnach mehr und mehr Hinweise, dass hinter den Mördern „nicht (der entmachtete Präsident Wiktor) Janukowitsch, sondern jemand von der neuen Koalition“ stehe, sagte Paet in dem Telefonat.

Natürlich hat er seine Aussage sofort dementiert. Man will ja bei den Machthabern nicht in Ungnade fallen.

Haben wir eigentlich wirklich auch nur einen einzigen Beweis für die Existenz russischer Invasionstruppen gesehen? Gut – bei Saddam Hussein haben wir die Massenvernichtungswaffen auch nie gesehen – und später erfahren: es gab sie auch nie. Jeder „Entscheider“ wusste dies, nur das dämliche Volk sollte dran glauben – wie jetzt an einen „wahnsinnigen“ Putin.

Hören wir mal den Spiegel-Artikel zur Pressekonferenz des Herrn Putin:

Russlands Präsident ist in Hochform, er tritt auf wie ein leidlich begabter Schauspieler, der mit Pokermiene Bemerkungen macht, die für die internationale Gemeinschaft unglaublich klingen, für sein eigenes Politikverständnis allerdings durchaus logisch sind.

Würde man Angela Merkel so bezeichnen … als „leidlich begabte Schauspielerin“? Und wer ist eigentlich die „internationale Gemeinschaft“ … jenes ominöse „WIR“, als dessen Sprecher die Autoren des Artikels auftreten? Und wer klärt den Autor darüber auf, dass JEDE Aussage eines JEDEN Politikers abhängig ist vom jeweiligen Politikverständnis – auch seine eigenen Aussagen? Und wer ist eigentlich so blöde, dass er die unterschwellige Botschaft nicht versteht, die besagt, dass der Putin sowieso doof ist? Aber nicht nur doof, es ist auch noch falsch, verlogen, dumm und gemein zu Journalisten:

Putin gibt den Ahnungslosen, Putin gibt den Besorgten, Putin gibt den Strengen. Was in der Ukraine vor sich gegangen sei? „Ein verfassungswidriger Umsturz, eine Machtergreifung“, sagt Putin unmissverständlich. Er habe keine Ahnung, wer den Scharfschützen in Kiew den Schießbefehl erteilt habe. Vermutlich seien es Provokateure oppositioneller Gruppen gewesen.

Vielleicht gibt er nichts … sondern ist einfach so? Ahnungslos, was die Schüsse angeht … die vielleicht ja doch von Provokateueren abgegeben wurden? Besorgt um seine Militärbasis und die russisch sprechende Bevölkerung, die mit dem gewaltsamen Regierungssturz in Kiew nicht einverstanden ist?

Einmal treibt er die posenhafte Bescheidenheit auf die Spitze, wenn der Kreml-Herrscher etwa erklärt, in bestimmten Fragen gar nicht autorisiert zu sein, etwas zu sagen.

Nun – entgegen den Deutungen der journalistischen „Wahrsager“ des Spiegel ist Putin kein Diktator, sondern „nur“ Präsident. Er wäre „posenhaft bescheiden“, wenn er Militärdiktator wäre – ist er aber nicht. Er ist der gewählte Präsident eines nicht mit uns verfeindeten Landes, der auf sein Parlament hören muss – wie alle anderen Präsidenten und Kanzler auch (ausgenommen natürlich unsere Kanzler und Kanzleusen, die eher dem Parlament vorschreiben, wie was zu sehen ist: siehe Schröder bei der Hartz IV-Reform, Merkel beim ESM-Schirm … um nur zwei Beispiele von vielen zu nennen. Doch das ist eine andere Geschichte).

Legitimation ist das zweite Zauberwort. „Wenn ich die Entscheidung treffe, militärisch zu intervenieren, dann werde ich das auf legaler Basis tun“, so Putin. Das ist wenig beruhigend, denn schon die Entsendung von Truppen auf die Krim war völkerrechtlich nicht gedeckt – so sehen es zumindest einhellig Experten aus dem Westen.

Nun – die „Experten“ werden nicht näher zitiert – wozu auch? Jedem ist klar, dass der russische Präsident sofort zu salutieren und gehorchen hat, wenn der „Westen“ im einen „Experten“ präsentiert … während er selbst wohl noch das Votum der Experten vor und während der Wirtschaftskrise im Gedächtnis hat.

Derzeit gebe es jedoch keine Notwendigkeit für eine Entsendung von Truppen in die Ukraine, die er als „Bruderstaat“ bezeichnet. Ebenso wenig gebe es Pläne für eine Annexion der Krim. Er verweist auf das Recht auf Selbstbestimmung, das den Menschen auf der Halbinsel zustehe. In diesem Moment klingt er fast wie ein Demokrat.

Nun – möglicherweise meint es das auch so, wie er es sagt? Könnte ja sein, dass er in der Tat ein Demokrat ist, auch wenn Kriegstreiber aus dem Westen aus ihm einen wahnsinnigen Hitler machen wollen – mit allen rhetorischen Tricks, die man beim „Stürmer“ gelernt hat.

Jedenfalls würde eine ausgewogene Berichterstattung in einem demokratischen Land erstmal auch diese Option prüfen, bevor man einem Menschen unterstellt, er sei geistig krank, ein Lügner, Diktator, ein dummer Ignorant der Wahrheit und ein ganz schlechter Schauspieler.

Ziemlich viele Beleidigungen, die man dort gelassen ausspricht, oder?

Ich kann nur sagen: wäre Putin wirklich so, wie ihn die Medien darstellen … dann könnten die Rufmörder nicht mehr in Ruhe schlafen, dafür würde schon der wahnsinnige Diktator und sein Geheimdienst sorgen.

Ich denke aber: die wissen genau, dass es nicht so ist.

Lauschen wir auch hier dem Kommentar eines Spiegellesers, hier „Zaphod“ vom 4.3.2014:

Anstatt leicht herablassend über die Pressekonferenz zu schreiben, wäre es doch wichtiger, wenn versucht würde, Putin und seine Motive zu verstehen. Und so ganz schwierig ist dieses Verständnis auch nicht, er redet ja weder unlogisch noch unsinnig. Wichtig ist doch, dass letztendlich auf der Krim noch keinerlei Schüsse gefallen sind, es sind nur mehr Soldaten da. Wenn dieser Umstand ausreicht, um den Westen vollkommen aus dem Häuschen zu bringen, so stimmt etwas im Westen nicht. Die Völker des Westens sollten nun ihren Politikern klar machen, dass sie keinen Krieg und keine Konfrontation wollen. Daher müssen die westlichen Politiker wissen, dass sie Maßnahmen der Deeskalation ergreifen müssen und keine weiteren Drohungen aussprechen sollten!

In der Tat – es wurde ja noch gar nicht geschossen. Jedenfalls nicht auf der Krim. Hatte man versehentlich ganz übersehen. Und das man andere Menschen auch mal verstehen kann … akzeptieren wir bei jedem Prozess über Mörder, Zuhälter und Kinderschänder – aber nicht beim russischen Präsidenten Putin. Würden wir den verstehen wollen, wäre es ja vorbei mit Krieg und Säbelrasseln … und vorbei mit den schönen Börsengewinnen bei Rüstungsaktien.

Kann es eigentlich sein, dass in der Regel der deutsche Bürger generell intelligenter, weiser, gebildeter und friedliebender ist als der deutsche jugendliche Bezahljournalist?

 

 

 

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