Lybien

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Bundeswehr in Lybien und die Evolutionsbiologie: zwei Schritte zum Umbau der Demokratie

Schritt für Schritt schreitet die Degeneration der politischen Wirklichkeiten voran und wir gewöhnen uns daran. Das ist das Unangenehme dabei. Wir empören uns zu wenig und schlucken zuviel. Kein Wunder, das alle schlecht drauf sind. Dabei brauchen wir nichts mehr zu schlucken, wir leben offiziell noch in einer  Demokratie (auch wenn das für viele nicht mehr der erfahrbaren Lebenswirklichkeit im Alltag entspricht) – noch können wir uns versammeln, noch können wir unsere Meinung frei äußern. Vieles aber … lassen wir einfach so mit uns machen. Gefährlichere und ungefährlichere Dinge.

Nehmen wir erstmal die ungefährlicheren. Man stelle sich einfach mal vor, da gäbe es einen Chemiker, der Bücher darüber schreibt, das Germanisten alle geisteskrank sind, das ihre Gedichte nicht den Erkenntnissen der Naturwissenschaft genügen und schlichtweg falsch sind: wir würden uns über den Hansel kaputtlachen – offensichtlich hat er nicht mehr alle Tassen im Schrank. Oder denken wir uns einen Physiker, der sich für ein Verbot von Musik ausspricht, weil er sie für unsinnig hält, einen Biologen, der sich gegen Geschichtsbücher ausspricht, weil sowieso alles Zufall ist – wir kämen aus dem Staunen gar nicht mehr heraus. Das würden wir noch merken.

Was wir nicht mehr merken ist, was wir mitlerweile schon widerstandslos schlucken ist, wenn ein Evolutionsbiologe einen Kreuzzug gegen Religion startet, wie jetzt wieder im Spiegel.

Der Biologe erkennt seine Grenzen eigentlich selber und bekennt sich sofort dazu, das es ihm egal ist:

Wissenschaftsphilosophen werden sagen, dass alles nur Hypothesen sind, die niemals endgültig bestätigt werden können, und dass wir alle aufwachen könnten und entdecken, dass alles nur ein Traum war. Aber in dem Sinne, wie wir alle normalerweise das Wort Tatsache benutzen, ist Evolution eine.

In dem Sinne, in dem wir normalerweise das Wort Tatsache benutzen, ist die Erde eine Scheibe, wurde die Welt vor 6000 Jahren erschaffen und war Hitler der gottgewollte Führer des deutschen Volkes. Philosophen merken das schnell, Biologen scheinbar noch nicht mal, wenn sie es selber sagen.

Naturwissenschaftler haben ein Problem mit dem menschlichen Geist – sie können ihn nicht erfassen, nicht wiegen, nicht messen, nicht einpacken oder umbauen, sind aber ohne ihn selber nichts. Darum haben wir Geisteswissenschaften erschaffen – einen riesengroßen Komplex Geisteswissenschaften, die vor allem eins sollen: Kriege verhindern, die Selbstvernichtung der Menschheit aufhalten. Der Angriff der Naturwissenschaften auf die Religion ist deshalb keine Kleinigkeit – und an dieser kleinen oben zitierten Sequenz merkt man, das es nicht nur ein Angriff auf die Religion ist, sondern vielmehr: ein Angriff auf alle Geisteswissenschaften, deren Erkenntnisse über die naturgegebenen Grenzen menschlicher Erkenntnis uns egal sein sollen.

Wenn uns diese Grenzen aber egal sein sollen, dann … ist ein neuer Hitler wieder jederzeit möglich. Mit Formeln, Reagenzgläsern oder Erlenmeyerkolben hält man keine politische Bewegung auf – sogar Gedichte sind da schon nachhaltiger. Man kann unglaubliche Waffen erschaffen, das stimmt, aber … die Hand, die diese Waffen bedient, folgt mehr ihrem Herzen als naturwissenschaftlichen Erkenntnissen.

Darum ist es wichtig, zu sehen, wo „Naturwissenschaft“ (so nennt die Bewegung sich in diesem Moment selber) versucht, nach politischer Macht zu greifen – und im Konfliktfeld Evolutionsbiologie versus Kreationisten (als dem Kampf des Chemikers gegen Gedichte, des Physikers gegen Musik, des Biologen gegen Geschichtsschreibung)  sogar nach religiöser Macht, denn was dort konkret geschieht (aus der Perspektive des  Religionsphilosophen) ist die Etablierung einer neuen Religion, eines neuen Gottes: eines blinden, gleichgültigen, grausamen Gottes, der eine brutale Welt voller Lieblosigkeit, Ungerechtigkeit und sinnloser Qual geschaffen hat: eine Hölle auf Erden.

Der Horrorschriftsteller Howard Phillip Lovecraft hat solche Gottheiten in seinen düstersten Kunstmythen beschrieben. Das sich in den Zeiten der aufklärerischen Gesellschaft unglaubliche Gräuel entfalten können, wird auf einmal – aus dieser Perspektive – recht plausibel, weil wir eben nicht in der Gelassenheit altgriechischer lebenspraktischer Philosophie einen pragmatischen Atheismus leben, sondern unbemerkt im Hintergrund eine finsterste Religion wirken lassen, die aber wiederum die wachsende Akzeptanz „satanischer“ (sprich inhumaner, menschenfeindlicher, asozialer) Werte in der bundesdeutschen Gesellschaft hinreichend erklärt.

Das war nun ein weiter Bogen. Man muß dem Leser zwischendurch mal dafür danken, das er den Weg mitgegangen ist. Um sich empören zu können, um sich erfolgreich mit aller Kraft wehren zu können, sind solche Bögen manchmal notwendig, damit man sieht, wohin die Reise geht, woher der Kurs stammt, auf den die Bevölkerung – alternativlos – zugetrieben wird. Wenn wir uns nicht gegen die politische Machtergreifung naturwissenschaftlichen Denkens mit aller Kraft wehren, dann werden wir irgendwann wieder vor Konzentrationslagern stehen, in denen aus purer „Alternativlosigkeit“ Türken verbrannt werden, denn „Alternativlosigkeit“ ist ein direktes Produkt des mechanistischen naturwissenschaftlichen Denkens des 19. Jahrhunderts, das gerade in seiner primitiven, unreflektierten Form Religion wird.

Vor diesem Hintergrund ist es verständlich, das gewisse Absonderlichkeiten der politischen Wirklichkeit einfach so hingenommen werden – womit wir nun zu den gefährlicheren Aspekten der Degeneration der politischen Wirklichkeiten kommen – zum Beispiel der Einmarsch der Bundeswehr in Lybien, der kam, während ich noch scherzhaft davor warnte, siehe Spiegel:

In einer geheimen Mission haben Bundeswehr und britische Royal Air Force 132 Europäer aus Libyen gerettet, darunter 22 Deutsche. Die Transall-Maschinen landeten mitten im Krisengebiet. Trotz des hohen Risikos sah die Bundesregierung keine Alternative.

Eine Alternative gäbe es schon: „Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um!“ Wo kommen wir dahin, wenn wir jedesmal die Bundeswehr losschicken, wenn deutsche Touristen und Beutemacher sich weltweit in Lebensgefahr begeben? Die Antwort ist einfach: in einen neuen Kolonialismus. Das Prinzip der „Selbstverantwortung“, das man jedem Arbeitslosen mit der Hungerpistole auf der Brust aufdrückt, existiert außerhalb der deutschen Grenzen scheinbar nicht. Deshalb ist diese Aktion politisch eine Katastrophe … trotz allem Verständnis für die menschliche Dimension der in Lybien gestrandeten Deutschen. Ich würde mir nur das gleiche Verständnis innerhalb Deutschlands für jene Menschen wünschen, die in Armut und Arbeitslosigkeit gestrandet sind … und auch den gleichen finanziellen Aufwand, um sie zu retten. Dort versagt dann aber auf einmal die international gern so offen und dynamisch demonstrierte Mitmenschlichkeit.

Die schnelle Entscheidung stellt durchaus eine neue Qualität für zukünftige Krisenfälle dar. Einsätze der Bundeswehr oder gar der Spezialeinheiten sind in Deutschland stets ein schwieriges Thema. Oft überwiegen im Krisenstab die Zweifler, die fürchten, bei einem Fehlschlag könnten sie politisch verantwortlich gemacht werden.

Nun haben wir sie, die „neue Qualität„, weshalb zu erwarten ist, das in Zukunft die Einsätze der Bundeswehr im Ausland problemlos durchgewunken werden können, zumal wir ja bald dort nur noch unsere Arbeitslosen verheizen.

Für alternativlose politische Wirklichkeiten braucht man ein enges, naturwissenschaftlich dogmatisches Weltbild jenseits der Geisteswissenschaften – dann bekommt man auch eine Welt jenseits von Frieden, Humantität, Freiheit und Selbstbestimmung – und jenseits der Demokratie. So erklären sich die Gräuel des 20. Jahrhunderts.

In einem mechanischen Universum gibt es sowenig Freiheit, wie es in einer Welt der Alternativlosigkeiten noch Demokratie gibt. Man braucht dann nur noch Manager, die die „alternativlosen“ (aber in Wirklichkeit völlig beliebigen)  Entscheidungen durchwinken … und schon kann man eine Vorstellung davon haben, warum die Religion (oder Philosophie) der Evolutionsbiologie kritiklos durchgewunken wird … obwohl man auf Seiten der Kreationisten ebenso Naturwissenschaftler findet, hier bei creationwiki:

Dr. Ken Ham ist der Präsident von Answers in Genesis USA. Er ist ein bekannter Redner und Autor zum Thema des Junge-Erde-Kreationismus. Er hat einen Bachelorabschluss in angewandten Wissenschaften mit dem Schwerpunkt Umweltbiologie vom Queensland Institute of Technology

Junge-Erde-Kreationismus?

Der Junge-Erde-Kreationismus (auch „Kurzzeitkreationismus“ oder „24-Stunden-Tag-Theorie“) ist der hauptsächlich von evangelikalen und fundamentalistischen Christen, aber auch von ultraorthodoxen Juden vertretene Glaube, dass die Erde von Gott vor wenigen tausend Jahren erschaffen wurde. Anhänger vertreten eine wörtliche Auslegung der Bibel und interpretieren den Schöpfungsbericht in der Bibel als Tatsachenschilderung.

Das passiert, wenn Naturwissenschaftler die Bibel (oder überhaupt Literatur) lesen. Gedichte von Ingenieuren sind häufig ähnlich grausam.

Und so wurde die Erde vor 6000 Jahren geschaffen … in dem Sinne, in dem wir normalerweise das Wort Tatsachen benutzen.  Meinen jedenfalls Naturwissenschaftler.

Und ja –  ich gestehe: ich benutzte für diese Artikel die geisteswissenschaftlichen Methoden des Naturwissenschaftlers Dawkins … damit man sieht, was dabei herauskommt.

 

 

 

 

 

Lybien: Bundeswehr rettet Aufschwung vor Bin Laden!

So langsam stellt sich mir die Frage, was denn eigentlich gerade los ist in der Welt. Lybien zum Beispiel – da scheint es fürchterliche Massaker zu geben. Ich habe in den Weiten des Internet Fotos der friedlichen Demonstranten gefunden – bewaffnet bis an die Zähne. Facebook machts möglich. Solche Fotos sagen allerdings wenig aus – darum verbreite ich sie auch nicht weiter.

Fragt man den Diktator – der erst kürzlich noch von Berlusconi demütigst empfangen wurde und gerne junge hübsche Frauen zum Islam bekehrt – selbst, so taucht ein gefälliges Gespenst auf, das auch im Westen gerne gebraucht wird, um Rätsel zu lösen. So erwähnt die Tagesschau:

Libyens Machthaber Muammar al Gaddafi hat erneut eine über weite Strecken wirre Rede ans Volk gehalten. In einer Ansprache per Telefon, die vom staatlichen Fernsehen ausgestrahlt wurde, machte er die Terrororganisation Al Kaida für den Aufstand in seinem Land verantwortlich.

Al Kaida wars. Das scheint ein direkter Hilferuf Gaddafis an die USA zu sein. „Schaut her, die Mörder eurer Brüder greifen auch mich an! Rettet mich vor Bin Laden!!!

Dabei haben die USA alle Hände voll zu tun, nicht selbst ins Visier der unheimlichen Gegenkräfte des Weltgeschehens zu kommen. So zitiert Antikrieg.com einen Aufruf:

Es ist eine Tatsache: diese Völker hassen die Tyrannen. Es ist auch eine Tatsache, dass es „unsere“ Tyrannen sind. Deren bloße Existenz bringt die totale Scheinheiligkeit der Außenpolitik der Vereinigten Staaten von Amerika ans Licht.

Gott segne diese Demonstranten. Diese verlieren ihre Ketten. Sie verändern die arabische Welt – und die ganze Welt – indem sie die Diktatoren destabilisieren und stürzen. Sie machen das nicht nur ohne die Hilfe der Vereinigten Staaten von Amerika. Sie machen das ungeachtet der Unterstützung der Vereinigten Staaten von Amerika für die Diktatoren, die sie bekämpfen. Insgesamt können diese Revolutionen mehr bedeuten als den Sturz von Despoten; sie können zum Sturz der despotischen Politik und des Imperiums führen, das in Washington, DC., seinen Sitz hat.

Gehen Sie mit mir auf die Straße?

Die USA als Schuldigen haben auch andere ausgemacht. Fidel Castro … aber von dem hätte man ja auch wirklich nichts anderes erwartet, hier bei granma.cu:

Was für mich absolut klar ist, ist, dass es der Regierung der Vereinigten Staaten überhaupt nicht am Frieden in Libyen gelegen ist und sie nicht zögern wird, der NATO den Befehl zur Invasion in dieses reiche Landes zu geben, sei es in einigen Stunden oder in den nächsten Tagen.

Ich bin nun in einem Jahrgang, der aufgrund der Erfahrungen mit der US-Aussenpolitik schlecht leugnen kann, das da viel gemauschelt wurde. Iran, Vietnam, Argentinien, Chile, Nicaragua, Panama, Grenada, Irak, Afghanistan … eine lange Tradition von Staatsterror hinterläßt halt beim Leser seine Spuren.

Die Informationsstelle Militarisierung hat sich auch schon ein Szenario überlegt, das den Einsatz von Nato-Truppen in Lybien denkbar machen könnte:

Zunächst klingt alles sehr harmlos: Die UN richten eine Flugverbotszone ein. Doch die UN kann diese nicht durchsetzen, infrage käme hierzu eigentlich nur die NATO. Genau darin bestand auch Owens Vorschlag: die NATO solle – evtl. gemeinsam mit der ägyptischen Armee – diese Flugverbotszone durchsetzen, libysche Flugzeuge abschießen und Flugplätze bombardieren.

Dabei braucht man so etwas gar nicht künstlich zu konstruieren: unser Bundespräsident selber plant schon laut Welt in alter Afrika-Korps-Tradition den Einmarsch in Lybien:

Drei Kriegsschiffe der Bundeswehr sind unterwegs nach Libyen, um notfalls bei der Ausreise deutscher Staatsbürger zu helfen. Laut Verteidigungsministerium werden die zwei Fregatten und der Einsatzgruppenversorger ihr Ziel erst in den kommenden Tagen erreichen. Sie sollen die Große Syrte ansteuern, eine weite Bucht an der Nordküste. Um die noch bis zu 6000 Europäer aus Libyen herauszuholen, schließt die EU einen militärischen Einsatz nicht länger aus. Derzeit sei man aber noch weit von davon entfernt.

Bundespräsident Christian Wulff und Italiens Staatschef Giorgio Napolitano forderten ein einheitliches und mutiges Auftreten der EU gegen die Gewaltexzesse in Libyen. „Das ist Staatsterrorismus. Das ist offenkundig das Handeln, das als psychopathisch bezeichnet werden kann“, sagte Wulff. Napolitano sagte nach einem Gespräch mit Wulff, es gebe kein italienisches Veto gegen Sanktionen gegen Libyen.

„Erst kommen die Missionare, dann die Soldaten“ … eine Erkenntnis der Kolonialvölker über die Strategien der Kolonialisierung, die man heute umformulieren könnte: „Erst kommen Touristen und Geschäftsleute, dann die Söldner“.  Das Prinzip ist das Gleiche.

Nur gut das die LINKEZEITUNG ausschließen kann, das die USA diesmal wieder ihre Finger im Spiel haben:

Das (positive) Bild, das die meisten Autoren, Wissenschaftler und Journalisten von dem unbezwingbaren israelischen Mossad (s. http://de.wikipedia.org/wiki/Mossad ) und der all­mächtigen CIA entworfen haben, hat durch deren eingestandene Fehleinschätzungen schwer gelitten, weil beide weder den Umfang, die Tiefe noch die Intensität des mehrere Millionen Menschen mobilisierenden Aufstandes erkannten, der zum Sturz des Diktators Mubarak führte. Der Mossad, der schon in vielen Hollywood-Filmen einflussreicher zionis­tischer Produzenten als „Musterbeispiel für Effizienz“ dargestellt wurde, war noch nicht einmal im Stande, rechtzeitig das Anwachsen einer Massenbewegung in einem Nachbar­land zu entdecken.

Das hier wieder die altbekannte „jüdische Weltverschwörung“ hinter dem Ofen hervorgelockt wird, fällt wohl nur jenen auf, die sich umfassender mit der NS-Propaganda auseinandergesetzt haben. Aber das gehört ja zu den Wirren der heutigen Zeit, das sich umfassend die wirresten Fronten bilden und eigentlich so richtig keiner mehr weiß, wer hier eigentlich gerade gegen wen ist. So entstehen Meldungen wie diese hier aus der NZZ:

Im blutigen Ringen in Libyen schickt Machthaber Muammar al-Ghadhafi offenbar auch eine Art Jugend-Miliz auf seine Gegner los. Die französische Zeitung «Libération» berichtete am Donnerstag in einer Reportage aus der Region um die ostlibysche Stadt Benghasi über eine derartige Freiwilligen-Truppe, «Mourtazaqa» genannt. In einer Schule in Benghasi seien rund 200 dieser Milizionäre eingesperrt; sie waren nach eigenen Angaben im Süden des Landes für eine Demonstration in Tripolis angeworben worden. Stattdessen seien sie dann in die Kampfgebiete im Osten des Landes geflogen und dort gefangen genommen worden.

Sollten die jetzt in Benghasi demonstrieren, sind aber von der Opposition erstmal eingesperrt worden, weil man ja so freiheitsliebend ist?

Auch die neue stimmungsvolle Meldung aus der Welt verheißt nichts Gutes:

Libyens Diktator Muammar al-Gaddafi soll eine Kopfprämie ausgesetzt haben. Söldner bekommen angeblich knapp 9000 Euro pro getötetem Gegner.

Ich sehe schon Lastwagen voller Leichen vor mir, die sich von Söldnern gesteuert zwecks Bonuszahlungen auf Tripolis zubewegen. Bei einem Volk von sechs Millionen bräuchte man also nur 54 Milliarden Euro, um … na ja. Ist auf jeden Fall billiger als eine deutsche Bank zu retten.

In diesem ganzen Chaos bleibt die Frage im Raum stehen: „Gehen Sie mit auf die Straße?“

Mit dieser Frage ist die arabische Revolution ist bei uns angekommen. Sie wird aber mit Sicherheit negativ beantwortet werden:

Sprit kostet 1.53 Euro. Zu teuer, um zum Aufruhr zu fahren. Außerdem haben wir ganz andere Sorgen, wie das Manager Magazin berichtet:

Alarm an den Ölmärkten, Sorge um den deutschen Aufschwung: Sollte der Ölpreis langfristig auf dem aktuellen Krisenniveau verharren, droht er unsere Wirtschaftserholung abzuwürgen. Erste Experten ziehen Parallelen zu einer Desasterphase der deutschen Wirtschaft – der Ölkrise der 70er Jahre.

Deshalb muß jetzt die Bundeswehr in Lybien den Aufschwung retten.

Und ich kriege irgendwie doch die Sorge nicht los, das Gaddafi richtig liegt: die Kräfte, die hinter dem panarabischen Aufstand stehen sind die gleichen, die auch hinter den Anschlägen von nine-eleven stehen und deshalb marschiert bald die Bundeswehr auf lybische Ölquellen zu.

Schon eine verrückte Welt, oder?

 

 

 

Die Vernichtung des Islam und der große Satan: Gedanken zum Tode deutscher Soldaten

Es kommt auf die Perspektive an – eigentlich immer. Der „Westen“ hat seine Perspektive, die anderen haben andere Perspektiven. Der Westen will seine Konsummaschine weiterfüttern, die Rohstoffe in Müll verwandelt und den gesamten Planeten verschandelt, die anderen … werden überrollt. Das zum Beispiel ist eine Perspektive. Diese Perspektive könnte man auch die „satanische“ Perspektive nennen. Nicht, das man jetzt an den Teufel glauben muß und schnell in den „Gelben Seiten“ nach dem nächsten Exorzisten forschen sollte – es geht hier nur um Werte. Der Kontrapunkt zu einer christlichen Gesellschaft der Nächstenliebe ist … eine satanische Gesellschaft des Nächstenhasses, des Kampfes aller gegen alle.

Die Arbeit mit religiöser Begrifflichkeit ist nicht unkompliziert. Schnell steht man in einer gemeinsamen Ecke mit dem „Wachturmmann“. Andererseits aber ist die religiöse Terminologie viel einfacher als die marxistische Terminologie der Kapitalismuskritik, die man ohne acht Semester Marxismus in Leipzig studiert zu haben kaum formulieren geschweige denn verstehen kann.  Da ist es viel verständlicher für alle Beteiligten (und herrlich unpolitisch … unparteipolitisch) wenn man einfach mal sagen kann:  „Diese Gesellschaft geht zum Teufel“.

Und das tut sie … nicht nur in den Augen der Religionswissenschaftler, die belegen, das „satanische“ Werte die Menschenrechte in der realen Alltagswirklichkeit Deutschlands verdrängen – einfach mal Hartz IV-Abhängige fragen, die leiden da an vorderster Front, ebenso wie Leiharbeiter, Minirentner, Behinderte oder Kinder. All jene können ein Lied singen von der Präsenz christlicher Werte im christlichen Alltag – ein Lied des Mangels, der Entwürdigung und der Qual.

Untersuchen wir diese Perspektive, so finden wir uns in einer Reihe mit fundamentalistischen Idealisten, für die die USA seit dreissig Jahren der „große Satan“ ist – oder eben länger, wenn man die Vernichtung der iranischen Demokratie durch die USA ins Auge fasst.  In den Ölländern lebt man länger und  intensiver an der Front als in Paderborn oder im Hunsrück, allerdings ist der große Satan durch die Agenda 2010 auch in Deutschland eingezogen und verdrängt mit seiner Hungerpeitsche alte demokratische Strukturen. Noch ist seine Macht hier gering und versteckt sich hinter Schönrednerei („Neoliberalismus“), doch die Ärmsten der Armen sehen in ihrer Schultüte und in ihrem Schulranzen das Anwachsen seiner Macht, denn dort herrscht Leere, wo Fülle sein sollte, Hoffnungslosigkeit wo Zukunft wachsen muß, Angst wo Zuversicht sein sollte.

Aktuell schlägt der große Satan wieder zu, hier aus dem Hintergrund:

Die Volksaufstände in verschiedenen arabischen Staaten werden von der Staatsgewalt hart unterdrückt. Im Jemen, in Libyen und in Bahrein kam es in den vergangen Stunden zu regelrechten Blutbädern.
Ein Unbekannter soll am Freitag Presseberichten zufolge eine Handgranate in eine Menge demonstrierender Regierungsgegner in der jemenitischen Stadt Tais geworfen und dabei acht Menschen verletzt haben. „Mehrere Rettungswagen fuhren zum zentralen Hurrija-Platz in Tais, wo zehntausende Gegner und Anhänger von Präsident Ali Abdullah Saleh demonstrierten“, berichtete abendblatt.de. (1)  Im Jemen versuchen Oppositionsgruppen die autokratische Regierung zu stürzen
Noch dramatischer sind die Nachrichten aus Libyen. Dort  waren am Vortag nach Angaben aus Oppositionskreisen landesweit etwa 45 Menschen von den Sicherheitskräften getötet worden.

Plötzlich greift seuchenartig eine rebellische Bewegung in den ansonsten seit Jahrzehnten politisch stabilen arabischen Ländern um sich, eine Bewegung, die für den Westen äußerst positive Konsequenzen hat. Positive Konsequenzen? Nun … wenn man „den Westen“ eben nicht als das idealisierte Nato-Bündnis der christlichen Wertegemeinschaft begreift, sondern die politischen Strukturen nur als ausführende Organe einer aus dem Ruder laufenden Konzernherrschaft (Korporatokratie wäre hier der an sich eher unverständliche Fachtbegriff) ansieht, dann merkt man schnell: für die Kapitäne dieser Wirtschaftsriesen (oder die Priester jener neuen Götzen) läuft alles ganz hervorragend – die Macht der arabischen Autokraten war ihnen schon lange ein Dorn im Auge. „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben“ ist ein wichtiges Strukturelement in der Lebenswirklichkeit der Autokraten der Korporatokratie.

Man könnte nun – als Leser – kopfschüttelnd den Artikel beenden und für sich beschließen: „Das kann doch alles nicht sein!“. Das würde ich auch gerne machen … wenn nicht die Ausläufer der  Entwicklung auch in Deutschland Tote fabrizieren würden, wie der Spiegel heute berichtet:

Bei einer Schießerei in einem Außenposten in Nordafghanistan wurden drei Bundeswehrsoldaten getötet, sechs verletzt. Ein afghanischer Soldat hatte das Feuer auf die Truppe eröffnet. Der Vorfall wirft ein Schlaglicht auf die gefährliche Ausbildungsmission der Deutschen für die afghanische Armee.

Ob die toten deutschen Soldaten wohl verstehen würde, warum und wofür sie gestorben sind? Ob sie wirklich gerne weiterhin sterben, wenn sie verstehen würden, das sie in den Augen der Normalbürger dieser Welt bald als „Sturmtruppen Satans“ dastehen werden? „Sturmtruppen Satans“ … so formuliert, wird die „Friedensmission“ schnell demaskiert – aber genau das ist ihre Rolle, ihr Bild in den Augen gläubiger Moslems. Selbst würde man sich wohl nicht gerne so einsortieren … man würde mit dem Weihnachtsfest und der Familie schnell Probleme bekommen.

Würde man wissen, welche „Rolle“ man in dem „Gastland“ in den Augen der „Gastgeber“ spielt, dann wüßte man schnell, wie gefährlich der Aufenthalt dort wirklich ist. Im Kampf gegen den Satan entfesseln gläubige Menschen unglaubliche Energien – es ist kaum ein edleres Motivationsprinzip konstruierbar. Das nutzte ja auch der Verfassungsschutz Baden-Würtemberg zwecks Konstruktion einer eigenen Terrorzelle, wie im Hintergrund zu lesen ist:

Die Radikalisierung der Sauerland-Gruppe begann in Neu-Ulm unter dem Einfluss des Predigers Dr. Yehia Yousif. Er galt als einflussreichster Rekrutierer für den „Heiligen Krieg“ in Deutschland. Laut FAZ war Yousif „Hirnwäscher für etliche Angehörige der Sauerland-Gruppe und für deren Dunstkreis von vierzig, fünfzig jungen Leuten“.(13) Der Spiegel zitierte einen anderen bekannten Islamisten: „Yousif hatte eine Gruppe von jungen Schülern um sich geschart, die er jede Woche unterrichtete, und Fritz war einer davon“. (14)  Als das bayerische Innenministerium 2005 den Verein Multi-Kultur-Haus Ulm e.V. verbot, der die dortige Moschee betrieb, die daher auch geschlossen wurde, wurde das vor allem mit den Hetzpredigten Yousifs begründet. In der Folge tauchte der Arzt aus Ägypten aus Deutschland ab.

Doch damit ist seine Geschichte noch nicht erzählt. Yousif predigte nicht im Auftrag Allahs, sondern im Auftrag des Verfassungsschutzes, für den der Chefideologe der Sauerland-Gruppe von 1996 bis mindestens 2002 als hauptamtlicher Zuträger arbeitete. Offizielle Akten der Behörde belegen dies. Ein Rechtsanwalt des verbotenen Ulmer Multi-Kultur-Hauses kommentierte: „Jeder zweite Satz in dem Verbotsantrag bezog sich auf verdächtige oder kriminelle Aktivitäten von Dr. Yousif. Ohne diesen Mann hätten sie gar nichts in der Hand gehabt. Dabei wurde vor Gericht zugegeben, dass Yousif damals für den Verfassungsschutz gearbeitet hat. Der V-Mann Yousif platzierte Beweise, die dann vom Staatsanwalt verwendet wurden.“

Aber Yousif war weitaus mehr als nur ein Zuträger und Informant. Ewald T. Riehtmüller, bis 2006 im Wirtschaftsrat der CDU, hatte über Yousifs Stellung innerhalb des Dienstes Folgendes zu sagen: „Ich war vor Jahren auf einer Islamkonferenz in London. Dort war Yehia Yousif der offizielle Vertreter des baden-württembergischen Landesamtes für Verfassungsschutz. Er war nicht irgendein Informant, er war DER Islamexperte der Stuttgarter Behörde. Kenner der Szene in Ulm/Neu-Ulm halten ihn außerdem für einen BND-Agenten.“ (16)

Wie würde man solche Strategien nennen? Teuflisch, ohne Zweifel. Wer kann schon ahnen, wieviele eigentlich unschuldige deutsche Jugendliche in Pakistan getötet werden, die ohne Mitarbeit deutscher Behörden gar nichts mit dem Islam zu tun gehabt hätten?

Mit solchen Methoden muß man rechnen, wenn man Weltpolitik beurteilen will – jedenfalls jene Politik, die aus dem „Westen“ kommt. Und hier finde ich (besten Dank an Sol Roth für das fehlende Puzzelstück, das ich eigentlich lieber nicht gefunden hätte) einen schrecklichen Verdacht bestätigt. So findet sich bei Islam-Projekte folgendes Interview, das uns über die Hintergründe der oben erwähnten Unruhen im arabischen Raum aufklärt:

Es geht darum, religiöse Prinzipien zu debattieren, um in der Lage zu sein, sie zu modifizieren. Das erklärte Ziel ist es, die Denkweisen der Muslime zu verändern, damit diese die politischen, ökonomischen und philosophischen Prinzipien übernehmen, die den Westen beherrschen. Ethnische Umstrukturierung und Umstrukturierung des religiösen Denkens der Bewohner des Nahen und Mittleren Ostens – das sind die beiden Waffen, die von den Führungsspitzen in Washington und Brüssel benutzt werden, um die gesamte Region umzustürzen.

Und wir Deutschen sind live ganz vorne mit dabei – und ganz öffentlich.

Die deutsche Politik spielt bei der Propagierung dieser Ideen eine große Rolle – nehmen Sie zum Beispiel die Bertelsmann-Stiftung, die im Rahmen der Kronberger Gespräche ganze Maßnahmenbündel ausarbeitet, um den Mittleren Osten umzugestalten. Der davon ausgehende Einfluss ist bedeutend, und zwar unabhängig davon, welche Regierungsmannschaft in Berlin gerade an der Macht ist. Die Berichte der Stiftung aus den Jahren 2002 und 2003 sind sehr lesenswert: „Europe, the mediterranean and the Middle East, strengthening responsibility for stability and development“ (Siebte Kronberger Gespräche) und „Die Zukunft der europäischen Politik im Nahen Osten nach dem Irak-Krieg“ (Achte Kronberger Gespräche). In diesen Ausführungen ist zu erkennen, dass man eine vollständige Umgestaltung der politischen, wirtschaftlichen und religiösen Institutionen der Länder des „Großen Mittleren Ostens“ will, um sie fest an die euro-atlantische Achse zu schweißen.

Ich denke mir – viele Menschen werden gerade jetzt nicht überrascht sein, das das auch passiert. Auf einmal merkt man, wie dankbar der „große Satan“ für die Anschläge vom 11.9.2001 sein muß, denn so wurden seine ärgsten Widersacher in dem Bereich der Ideen zu Kriminellen abgestempelt. Das dort, bei diesem ach so nützlichen Ereignis, vielleicht ähnliche Strukturen nachgeholfen haben wie bei den Sauerlandbombern … nun, darüber dürfen wir in diesem „freien“ Land noch nicht mal mehr nachdenken. So frei sind wir ja schon lange nicht mehr.

Ob unsere Soldaten, die immer gnadenloser in Afghanistan abgeschlachtet werden, wirklich noch genau wissen, warum und wofür sie ihr Leben dort geben? Dabei wäre ihr Einsatz in Deutschland sinnvoller … man weiß ja nie, wann dem Verfassungsschutz mal ein paar Zöglinge aus dem Ruder laufen.

Darf ich nochmal aus dem Abschluß der Kronenberger Gespräche von 2008 („Die Zukunft sichern“ – Europas Agenda für eine friedlichere Nachbarschaft) zitieren, hier beim Centrum für angewandte Politikforschung:

Die europäische Sicht auf den Nahen Osten hat sich aufgrund der Erfahrungen nach dem 11. September 2001, der terroristischen Angriffe auf europäischem Boden, des wachsenden Drucks illegaler Migration und eines verschärften Wettbewerbs um Energieressourcen gewandelt. Die optimistische Idee, die politischen und wirtschaftlichen Transformationsprozesse in den Staaten und Gesellschaften des Nahen Ostens im Rahmen der 1995 initiierten Euro-Mediterranen Partnerschaft („Barcelona-Prozess“) zu unterstützen, ist einer engeren sicherheitsfokussierten Sicht gewichen.

Schön formuliert, das versteht man auf Anhieb nicht. Man könnte auch sagen: Schluß mit dem demokratischen Firlefanz und der Schmusepolitik. Dazu paßt auch eine der Aufgaben für die EU-Politik:

Eine zukunftsorientierte und enge Agenda zur wirtschaftlichen und politischen Transformation, die Anreize sowohl für die europäischen Länder als auch für ihre Partner bereithält.

Diese Transformation, 2006 auf einer Armeelandkarte als Ziel erkennbar, 2008 als taktisches Ziel der EU-Aussenpolitik beschlossen, erleben wir gerade jeden Tag aufs Neue … in gigantischen unvorstellbaren Dimensionen. Am Ende dieser Entwicklung wird uns kein „Ölauge“ mehr den „Ölhahn“ zudrehen können – womit unsere „Anreize“ zur wirtschaftlichen und politischen Transformation schon erkennbar sind.

Angesichts dieser Ausmaße von Verschlagenheit und Niedertracht wundert mich das Bild des „großen Satan“ nicht mehr. Eine Religion, die gerade merkt, was es wirklich heißt den „großen Satan“ zum Feind zu haben, kann aus ihrer Begrifflichkeit heraus kaum eine andere als diese Beschreibung finden, da die politischen Handlungsmaximen jener Kräfte direkt aus der Gebrauchsanweisung für Menschenfeinde entstammen.

Und angesichts der Vorstellung, das es auch irgendwo Konferenzen gab, die die Agenda 2010 zwecks wirtschaftlicher und politischer Transformation Deutschlands initiiert und beschlossen haben, kann ich verstehen, das die Menschen den Glauben daran verloren haben, das Demonstrationen in Deutschland noch einen Sinn machen.

Erinnert irgendwie an einen Protestzug in der Hölle, eingezwängt zwischen Lavateichen, Glutfontänen und Feuerstürmen mit dem Transparent „Wir hätten´s gerne kühler, bitte“ in der Hand – nur fehlen bei diesem Bild noch völlig die Teufel und Dämonen.

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