Lumpenproletariat

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Dokumente deutscher Dämlichkeit: Hetzjagd auf Arbeitslose aktuell – Lumpenproletariat im Einsatz

Dokumente deutscher Dämlichkeit: Hetzjagd auf Arbeitslose aktuell - Lumpenproletariat im Einsatz

Samstag, 10.8.2013. Eifel. Ich bin ja nun schon seit einigen Monaten bei Facebook. Ich gebe zu: ich mochte es nicht. Bin auch jetzt noch kein großer Freund davon – habe aber dort nette Leute kennen gelernt. Im deutschen  Zombieland ist man ja froh über jede Seele, die noch einen Ausdruck von Lebendigkeit, Menschlichkeit und sozialer gemeinschaftsfreundlicher Gesinnung besitzt. Menschen die innerlich schon tot sind aber trotzdem noch über die Düsseldorfer Kö wanken, haben wir genug. Manche versuchen sich auch, eine politische Meinung zu bilden – so wie diese hier, gefunden bei Facebook:

Sabine Ulrich

Ohne Worte……aber leider traurige Wahrheit.
Natalie Kemeter
Vor ein paar Minuten im TV: 2 Hartz 4 Empfänger Heiraten und ziehen logischerweise in einer gemeinsamen Wohnung. Der eine Partner davon hat schon ein Kind.

Natalie Kemeter – offenbar schwer beschäftigt – hat Zeit sich wirklich jeden Unfug unkritisch im Fernsehen anzuschauen und umgehend einen gedankenlosen Kommentar dazu abzulassen. Arbeitslose können das nicht, die suchen nach Jobs.

So jetzt kommts:

Sie beziehen beide noch Hartz 4…..jeweils ca 350 EURO entspricht 700 € + 180 € Kindergeld + 300 Mutteschaftsgeld. Der Mann will nur ein Minijob ausüben und bekommt im Monat 150 €. Das sind ingesamt Netto am Monatsende 1330 €. Miete , Nebenkosten usw übernehmen ja wir Bürger die sich den Arsch aufreisen und Arbeiten gehn.

Das Verb arbeiten wird hier klein geschrieben – aber die Frau kann nicht nur nicht rechnen, sie kann auch nicht schreiben. „Ingesamt“  sollte wohl insgesamt heißen. Das richtige Wort für „gehn“ in der deutschen Sprache heißt „gehen“ und der Mann will natürlich „einen“ Minijob ausüben.

Kindergeld und Mutterschaftsgeld sind Einkommen und werden (soweit ich mich in einschlägigen Foren informieren konnte) angerechnet, d.h. die beiden Eltern haben 700 Euro plus Regelsatz des Kindes, der deutlich unter 430 Euro liegt. Von den 150 Euro darf der Mann 100 Euro behalten. Die kommen so also nicht auf 1330 Euro, sondern nur auf 800 – plus den Regelsatz für ein Kleinkind, das sind 224 Euro. Nun rechnet unsere Legasthenikerin weiter:

So: Arbeitslohn von einem Verheirateten Mann mit Kind in Stuttgart…Mutter Hausfrau. 

„Verheiratet“ ist hier ein Adjektiv und wird klein geschrieben – nur mal nebenbei bemerkt. Hausfrau ist in Deutschland schon lange keine Arbeit mehr – wie die Familie schnell merken würde, wenn der Verdienst des Mannes weiter sinkt und das Jobcenter anfängt, durchzuregieren.

Nettolohn: 1900 €
Kindergeld 180 €
Insgesamt Netto 2080 €
Jetzt ziehen wir ab:
Miete: 700 €
Nebenkosten : 300 €
KFZ Kosten weil der Mann ja zur Arbeit fährt c.a 300€ durch Spritkosten, Verschleiß usw.
Bleiben unterm Strich 780 €..davon muss die Familie leben und natürlich eventuelle Vereine wie zb..schwimmen, turnen usw finanzieren…..Hartz 4 Empfänger bekommen dies natürlich von den Steuerzahler finanziert….das heisst, auch von dieser Familie die am Monatsende 600 € weniger am Monatsende hat trotz Arbeit im gegensatz zu den Hartz 4 Empfänger.

Zum Beispiel wird z.B. abgekürzt, weil das Beispiel groß geschrieben wird. Heißt schreibt man mit ß, allerdings wird Gegensatz groß geschrieben. Der Sozialhilfeempfänger mit Kind braucht ebenfalls ein Auto – für Kind und Minijob. Also ziehen wir dem auch mal 300 Euro ab. Bleiben also 724 Euro gegenüber 780 Euro. Diese Familie hat also … mehr. Arbeit lohnt sich noch – und die Frau kann ohne Job einfach so zu Hause bleiben.

Jetzt zu euch Liebe Arbeitskollegen die Morgens um 2.30 Uhr in der Früh zur Arbeit Fahren um die Familie zu ernähren, aber natürlich auch alle andere Beschäftigte, die total gestresst sind, Schlafstörungen haben, Essstörungen usw , trotzdem arbeiten gehen Steuern zahlen, die Kinder kaum aufwachsen sehn und eventuell die Rente nicht erreichen oder erkrankt erreichen.

Liebe ist hier ein Adjektiv und wird klein geschrieben, fahren ist ein Verb und wird klein geschrieben, es sind „alle anderen“ Beschäftigten und aus „sehn“ machen wir lieber „sehen“. Für die miserablen Arbeitsbedingungen ist zudem kein Arbeitsloser verantwortlich.

Was haltet ihr davon…postet das weiter, so dass das alle sehn…..
Einfach unter aller Sau…echt traurig

Ja, in der Tat. Unter aller Sau und traurig: das deutsche Bildungsproletariat rechnet sich die Welt schön anstatt Deutsch zu lernen. Ja, ich weiß: Rechtschreibfehler suchen ist gemein. Mache ich auch sonst nicht, weil ich selbst genug Flüchtigkeitsfehler mache – nur diese Frau hat ein großes Problem mit der Groß- und Kleinschreibung … und das ist wohl auch der Grund, warum sie so wenig verdient. Sichere Beherrschung der deutschen Sprache ist in allen Jobs Voraussetzung, wo viel Geld fließt. Ob man sich mit lumpigen 1900 Netto unbedingt ein Auto und eine superteure Wohnung leisten muss, ist jedem selbst überlassen, wohnt man billiger und fährt mit der Bahn, dann hat man auch mehr Geld.

Natürlich könnte unser Stuttgarter Vater auch einfach mal mehr verdienen. Warum soll der Arbeitslose jetzt dafür herhalten, dass dieser Vater mit seinen Luxusansprüchen seine Arbeitskraft auf dem Markt nicht besser verkaufen kann? Oder dass ein Mitglied der Bedarfsgemeinschaft (die „Hausfrau“) kein Einkommen erzielt, dass die Finanzlage der Gemeinschaft aufbessert? Ist „Hausfrau“ ein ordentlicher Job, dann gilt das auch für die „Schmarotzer“: die Arbeitsleistung einer Mutter in einer Bedarfsgemeinschaft ist mindestens ebenso groß wie die einer Mutter in einer „Beschäftigtenfamilie“.

So sieht das unser „fleißiger“ Staatsbürger leider nie, er ist mit seiner Minderleistung immer perfekt – und damit das so bleibt, muss die Sozialhilfe weg. Er könnte sich ja nicht mehr als der unangefochtene König der Straße fühlen, wenn alle wüssten, dass er für seine Plackerei nur 56 Euro mehr als der Sozialhilfeempfänger bekommt.

Dieses üble Posting wurde knapp 100 000 Mal geteilt – das geht nur in Zombieland. Aber es kommt noch besser: unser Freund „Grilleau de Marigny“ hat einige Kommentare zu dem Posting gesammelt – Worte aus der deutschen Unterschicht:

Benjamin W: So ist das leider in Deutschland, als Arbeiter wirst du eh von vorne bis hinten verarscht und die Hartz4 Assies bekommen alles in ihren Ärschen geschoben–> kotz würg usw.

Nun – da hat das Fernsehen ja vollen Erfolg mit seiner Propaganda gehabt. Wer aber ist Schuld an der Verarschungssituation? Nun – der, der es tut … und der, der es sich gefallen lässt. Seltsam – an die denkt Benjamin gar nicht.

Kai S: Daran krankt unser Land!!! Und eine PS3 haben die auch alle, irgendwie müssen die ja den Tag rumkriegen während wir für die arbeiten!!!!!! Das stinkt doch zum Himmel……..

In der Tat brauchen „die“ eine PS3. Die müssen jede Sekunde erreichbar sein und dürfen den Wohnort nicht verlassen. Wenn man nun nicht nur die Rauhfasertapete anstarren möchte oder sich hemmungslos „DummTV“ ausliefern will, muss man sich schon mal was einfallen lassen. Videospiele werden auch im Rahmen der Traumatherapie empfohlen um einen „sicheren Raum für die verletzte Seele“  zu schaffen – ich denke, man kann davon ausgehen, dass Arbeitslose angesichts dieser Hetzpropaganda extrem verletzlich sind und sich nicht mehr auf die Straße trauen.

Michaela W: So ist unser Staat…nichts gegen 1950…da gab es noch Regelung….und Strafe an die Faulen….

Was diese Frau mit „1950“ meint, ist mir nicht klar. Offensichtlich lebt sie in einem Paralleluniversum, in dem die Aktion „Arbeitsscheu Reich“ weiter fortlebte. Dem Gedanken, dass „Faulheit“ (was immer das nun sein soll) „bestraft“ werden müsse, hatten viele Deutsche damals Bombenteppiche, Feuerstürme und völlig zerstörte Innenstädte zu verdanken: die Gemeinschaft der Demokraten hatte diesen Ungeist mit Feuer und Schwert ausgerottet.

Antje Z: Super da fragt man sich doch warum man so blöd ist u arbeitet. ..

Die Antwort ist einfach: weil die Rechnung falsch ist und jeder alles Mögliche an Erniedrigung und Hungerlohn akzeptiert, um bloß nicht in Hartz IV zu landen.

Wil MA: Armes Deutschland. .. solche Leute sollen sich echt in Grund und Boden schämen

Ja – in Grund und Boden sollten sich hier wirklich viele schämen – aber nicht die, die durch Staat und Medien sozial hingerichtet wurden. Was diese Strategie angerichtet hat, sehen wir ja jetzt: neue Juden braucht das Land – und hat sie auch bekommen.

Monika P: Alles streichen solchen faulen asozialem Abschaum ich könnte kotzen…..

Ja – da ist er wieder, der Geist, der die zivilisierten Nationen der Welt gegen die Deutschen aufgebracht hat – so sehr, dass sie nur die völlige Vernichtung dieses Ungeistes akzeptieren konnten, der in seinem hasserfüllten Wahn alle Träume einer aufgeklärten Welt mit einem Schlag vernichtet hatte. Das ist der Aufruf zum Mord durch Hunger – kann man inzwischen einfach wieder so sagen in diesem Land.

Tim B: Ist leider so…. Da schwillt mir echt der Kamm ! Wie sagt einer unser Baulummen mit versteinerter Mine : Hartz 4 und der Tag gehört Dir ! SCHÄMEN SOLLTET IHR EUCH ! ( auch wenn manchmal auch traurige Schicksale dahinter stehn, dass will ich ja gar nicht sagen ! )

Es wäre schön, wenn mehr Niedriglöhner eine solche Meinung hätten – dann würde niemand mehr diese Drecksjobs machen und man könnte über ordentliche Gehälter reden. Aber der typisch feige Deutsche hat da mal wieder keine Eier in der Hose. Judenhatz ist ihm da wirklich lieber – die hatten eine Religion, die Gegenwehr schwierig machte: „Du sollst nicht töten“. Solche Feinde sind dem Lumpenproletariat lieb.

Benny S Wiederlich!!!

Schreibt man mit einfachem i: widerlich.

Pidi B: Hartz 4 = sofortige Abschaffung.Grundgesetzverletzung hoch 3,jetzt sind wir dran und die Wende selbst in die Hand nehmen.Macht euer Kreuz im September an der richtigen Stelle,damit dieser Wahnsinn ein Ende hat.

Alle Deutsche werden am September ihrer Meinung nach das Kreuz an der richtigen Stelle machen. In der Tat habe ich den Verdacht, das Hartz IV eine Grundgesetzverletzung hoch drei ist, aber: in dem Kontext die Abschaffung fordern, ist erstmal Aufruf zum Massenmord an Aussortierten – und die allermeisten von ihnen haben sich nicht selber aussortiert. Das hat ein „Arbeitgeber“ getan, nachdem sie zu alt, zu krank oder einfach  zu teuer geworden sind.

Sabrina B: Der Hammer ich merke es mom immer wieder das alle die das Geld beziehen überall die Sachen in den Hintern geschoben bekommen und ich als Arbeitnehmerin voll bezahlen darf…würden gerne nen zweites Kind haben geht aber nicht da die finanziellen Möglichkeiten nicht da sind…unfassbar sowas macht mich wütend und dann sin se noch am jammern

Na, Sabrina – dann arbeite an deiner Sprache, dann bekommst Du vielleicht auch noch mehr Geld. Oder kündige Deinen Job, um auch ins Hartz-Paradies zu kommen. Merke: auch noch so viel Arbeitslosenhatz beschert Dir keine Gehaltserhöhung. Die kriegen auch nicht „alles reingeschoben“ sondern müssen das in einem unwürdigen und in Europa einzigartig demütigendem Prozess beantragen, haben Lebensbedingungen wie ein Verbrecher auf Hafturlaub und müssen beständig mit der Drohung leben, dass ihnen dieser kleine Rest aufgrund einer Laune des Sachbearbeiters ebenfalls gestrichen wird. Im Übrigen: Kinder bekommen ist noch umsonst in Deutschland. Viele Hartz IV-Bedarfsgemeinschaften bekommen das auch gut hin – trotz erbärmlich niedriger Regelsätze für Kinder. Sie können halt wirtschaften. Kann man das nicht, hilft auch noch so viel Geld nicht.

Marcel S: Drecks Schmarotzer !!!

Schreibt man zusammen. Arbeitslosengeld ist die effektivste Wirtschaftsförderung, die man machen kann: alles, was man dort hineinsteckt, kommt der Gesamtwirtschaft zugute. Wir geben es aber lieber den Reichen, die es gewinnbringend im Ausland anlegen, während die Binnenwirtschaft darbt. Jeder zusätzliche Euro Arbeitslosengeld fördert Konsum und Arbeitsplätze, die an diesem Konsum dranhängen. Dieses Fluchwort sollte also lieber an die gerichtet werden, die ihren Porsche auf Kosten des Steuerzahlers fahren – was auf 70% aller neu zugelassenen Porsche zutrifft. Fördervolumen im Jahr: Knapp 165 Milliarden Euro – mehr, als der gesamte Sozialstaat (inkl. Rente und Gesundheit) kostet.

Pit B: arbeite schon dreißig jahre als alleinverdiener musste mir alles schwer erkämpfen….und die…bekommen es in ihren Arsch geschoben Armes Deutschland

Ich denke, der wird noch glücklich sein, dass hier in den Dingens geschoben wird, wenn seine Firma pleite macht. Bei den Rechtschreibfehlern wird eine Anschlussbeschäftigung schwer.

Die Krönung ist natürlich der Kommentar von „Sarah von Kackafurz“ (der Name scheint Programm zu sein – hat sich aktuell umbenannt), die auch Probleme  mit der deutschen Sprache hat:

Am besten bei 40 Grad Hitze auf´n Ackerfeld  schicken und foltern. Und den Gehalt an die Menschen verschenken, die es wirklich brauchen … damit solche Hartzer mal wissen, wie es wirklich ist. 

Man merkt schon ein wenig, was sich da zusammenbraut, oder?

Doch bevor nun die Hasskeule kommt: ich habe mir ein paar Stunden Zeit genommen, um mich mit diesen Menschen zu beschäftigen. Facebook macht es möglich.

Was wir dort vorfinden, ist ein neues Proletariat (nicht zu verwechseln mit dem Prekariat, welches Staat und Wirtschaft zur Rettung der Zinsgewinne geschaffen haben). Marx hatte es schon mal im Visier – als Lumpenproletariat. Niedrige Bildung, schlecht bezahlte Jobs, asoziale Einstellung zur Gemeinschaft – und von Soziologen völlig ignoriert, weil sie einfach zu uninteressant sind.

Knapp 100 000 von ihnen haben den obigen Lügentext gedankenlos verbreitet und gedankenlos kommentiert (mal von Tim B abgesehen, der Ansätze zur Differenzierungsfähigkeit zeigt).

Die sind nicht abgrundtief böse, das merkt man, wenn man sich mit ihren Alltagssorgen beschäftigt.  Sie sind auch schon seit hundert Jahren gut bekannt, siehe Wikipedia:

Dass das in seiner Zusammensetzung sehr heterogene „Lumpenproletariat“ sich nicht wie die Industriearbeiterschaft organisieren lasse, ein geringes Bewusstsein seiner Interessenlage habe und offen für Bestechung durch den Klassengegner sei, sah man in der Arbeiterbewegung als Problem. Es schied wegen seiner Unzuverlässigkeit und seiner Unfähigkeit zur Entwicklung eines proletarischen Klassenbewusstseins als Bündnispartner der Arbeiterklasse aus. Polit-ökonomisch bestimmt wird das Lumpenproletariat (Vagabunden, Verbrecher, Prostituierte) im marxschen Kapital als Teil des „tiefsten Niederschlags“ der relativen Überbevölkerung (der industriellen Reservearmee), die das Kapital produziert.

Zu diesem „Auswurf, Abfall, Abhub aller Klassen“ zählte Marx die „zerrütteten Lebeherren mit zweideutigen Subsistenzmitteln und von zweideutiger Herkunft, verkommene und abenteuerliche Ableger der Bourgeoisie, Vagabunden, entlassene Soldaten, entlassene Zuchthaussträflinge, entlaufene Galeerensklaven, Gauner, Gaukler, Tagediebe, Taschendiebe, Taschenspieler, Spieler, Zuhälter, Bordellhalter, Lastträger, Literaten, Orgeldreher, Lumpensammler, Scherenschleifer, Kesselflicker, Bettler, kurz, die ganze unbestimmte, aufgelöste, hin- und hergeworfene Masse, die die Franzosen ‚la bohème‘ nennen“

Heutzutage können wir noch weitere Berufsklasse hinzufügen: all jene, die mit ihren mittelmäßigen Jobs gerade so über die Runden kommen, die aufgrund ihrer beruflichen Qualifikation und ihres Bildungsgrades jederzeit durch jedermann ersetzbar sind – und dieses auch wissen. Sie sind sich auch ihrer Schwäche bewusst – und erst recht ihrer Ersetzbarkeit.

Der Zorn, die Angst, die Hilflosigkeit führen zu Aggressionen, die Politik, Wirtschaft und Medien gezielt gegen das künstlich dafür geschaffene Prekariat lenken – mit Erfolg, wie diese Dokumente deutscher Dämlichkeit belegen.

Wer nun meint, dieses Urteil sei zu hart, der sollte überlegen, dass uns die geforderte „Flexibilität“ am Arbeitsmarkt alle zu Vagabunden macht, das Steuerhinterzieher durch die Bank Verbrecher sind und wir uns alle prostituieren sollen, um überhaupt Arbeit zu finden – einer der Hauptgründe für die seit Jahren zunehmende Konformität.  Was übrig bleibt?

Ein paar Beamte.

Mir scheint, die fortschreitende Industrialisierung der Gesellschaft hat ein neues Lumpenproletariat geschaffen, das die Mehrheit des Wahlvolkes darstellt. Offen für Bestechung, unfähig zur Erlangung eines politischen Bewusstseins, unzuverlässig als Teil einer solidarischen Wertegemeinschaft und unfähig, sich auch nur ein Minimum an Allgemeinbildung anzueignen.

Früher erschien dieses Lumpenproletariat nur am Rande einer arbeitenden Gesellschaft, heute macht es die Mehrheit einer Gesellschaft aus, deren Arbeit fortschreitend durch Maschinen ersetzt wird, die es einfach besser können.

Und das alles kann man erkennen, wenn man nur ein kleine Zeit bei Facebook verweilt.

Schon spannend, oder?

Denkt man aber darüber nach, welche Zukunft eine Gesellschaft haben soll, die überwiegend aus Lumpenproletariat besteht, kann einem schon schnell mulmig werden.

 

Das alternativlose Ende des Kapitalismus … oder der Demokratie

Wirtschaftlich gesehen ist der momentane Zustand des Landes eigentlich erbärmlich – eigentlich, weil die Aufschwungjubelchöre alles überdecken. So berichtet heute die „Welt“:

Harte Arbeitswelt: Laut einer neuen Studie hat sich die Zahl der Erwerbstätigen mit einem Zweitjob vervierfacht – innerhalb von nur zwei Jahren.

Da merkt so langsam jeder, was es heißt, nur noch für die Rendite anderer zu arbeiten: es bleibt für einen selber nichts mehr übrig, laut Frankfurter Rundschau noch nicht mal für die Autowartung:

Immer mehr Autofahrer vernachlässigen die Wartung ihres Autos. Dahinter steckt laut Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer der Mangel an Geld: Die schlecht gewarteten Autos seien ein Spiegel der Einkommensverteilung.

Man merkt: viele arbeiten bald nur noch, um sich das Auto leisten zu können, das sie für die Fahrt zu Arbeit brauchen. Und der Traum vom endgültigen Ende der Qual – die Rente – rückt laut FAZ in weite Ferne:

Die Älteren haben Schulden von 1,8 Billionen Euro für Bund, Länder und Gemeinden aufgetürmt. Werden die Jüngeren irgendwann fragen, warum sie diese Schulden bedienen sollen? Vielleicht können die nach Köpfen halbierten Kohorten nachwachsender Jahrgänge später sogar für die Rente der Babyboomer nicht mehr aufkommen.

In anderen Ländern sieht es ebenfalls nicht besser aus: man friert laut News.at in Österreich:

Gerade in eisigen Zeiten wie diesen ist die Zahl wirklich schockierend: 330.000 Menschen in Österreich können sich eine beheizte Wohnung nicht leisten. Vier Prozent der heimischen Bevölkerung, davon 58.000 Kinder, müssen laut Armutskonferenz in den eigenen vier Wänden bitter frieren.

Und in den USA, der stärksten Volkswirtschaft der Welt, wandert laut Süddeutsche Zeitung eine ganze Generation in die Armut:

Besonders betroffen sind die Jüngsten: Über ein Fünftel aller Kinder lebt danach in Armut.

Kein Wunder, das  laut Karl Weiss bei der Berliner Umschau die Zustimmung  zum Kapitalismus langsam sinkt:

Nur 15% der Deutschen meinen, die Politiker würden ihren Aufgaben gerecht und bei den „Wirtschaftslenkern“ sind es 26%. Doch zu einem Desaster wurde das Ganze bei der Frage, ob sich das Wirtschaftssystem Kapitalismus (das natürlich nicht so genannt wird) bewährt habe. Vor 16 Jahren noch sagten da 73% „ja“, doch dann begann diese Zustimmung Jahr für Jahr zu bröckeln. Im April 2010 war die Zustimmung auf 54 % gesunken. Dann aber, in den letzten Monaten, brachen die Umfragewerte regelrecht weg: Nur 6 Monate später finden nur noch 48%, der Kapitalismus habe sich bewährt und damit spricht sich zum ersten Mal eine Mehrheit der Bevölkerung gegen das kapitalistische Wirtschaftssystem aus.

Als Lösung des Problems zieht nun Karl Weiss gleich ein besonderes Kaninchen aus der Tasche:

Wer jetzt noch nicht gemerkt hat, der Kapitalismus ist nicht „unser“ System, der sitzt immer noch der Gehirnwäsche von Fernsehen, Zeitungen und Magazinen auf. Und viele Menschen begnügen sich nicht mehr damit, das bestehende für schlecht zu erklären, sie suchen auch nach Alternativen. Und da kommt dann immer wieder der gute alte Karl Marx ins Blickfeld. Nicht umsonst hat er bei der großen Umfrage vor einiger Zeit nach dem „bedeutendsten Deutschen“ den zweiten Platz gemacht. Wer weiss, demnächst steht er auf dem ersten.

So ist es mit den Menschen: immer, wenn es nicht mehr weiter geht, suchen sie einen Despoten, der ihnen das heilige Utopia fertig gebacken vor die Füße legt, gerne sind es magische Gestalten, die im unaufhaltsamen mechanischen Lauf der Geschichte quasi von der Vorsehung ausgewählt worden sind, ihre historisch unabwendbare Rolle in der Weltgeschichte zu spielen. Das die Rhetorik von Feudalisten, Nationalisten und Kommunisten da sehr ähnlich ist, verwundert niemanden.  Die Diktatur der eigenen Bande ist immer „gut“, die anderen Banden sind immer böse. Dabei scheint Marx mit einfachen Worten laut Wikipedia zu überzeugen:

Klassenherrschaft ist demnach für Marx keine zufällige, sondern eine gesetzmäßige Folge von Ausbeutung. Diese sei aber kein böser Wille der Kapitalisten, sondern ein Zwang: Um auf dem vom Kapital beherrschten Markt konkurrieren zu können, müssen sie lebendige Arbeit, die den Mehrwert produziert, ausbeuten. Die Konkurrenz führe zu immer größerer Kapitalkonzentration (Monopol– und Kartellbildung) und damit zwangsläufig zu Absatzkrisen und Kriegen. Sie zwinge die Kapitaleigner dazu, die Arbeitskosten so gering wie möglich zu halten und den größtmöglichen Profit anzustreben, um diesen in technologische Neuerungen investieren zu können. Dies wiederum führe zu einer immer stärkeren Bewusstwerdung der Notwendigkeit eines Umsturzes. Die sozialistische Revolution ist also nach Marx in den kapitalistischen Strukturen selbst angelegt. Damit erscheint die bürgerliche Gesellschaftsform nicht als moralisch zu verurteilende, sondern als nüchtern zu durchschauende Klassenherrschaftsform. Deren Analyse will die realen Ansatzpunkte zur Umwälzung der Macht- und Besitzverhältnisse erkennbar machen.

Es ist schön und tröstlich, wenn man als Junghegelianer christliche Heilserwartungen als automatischen Mechanismus auf die Geschichte überträgt – was jedoch, wenn Hegel falsch lag, was, wenn Ökonomie nicht alles ist, was das Handeln des Menschen bestimmt und was, wenn der Mensch an sich nicht so edel, gut und gerecht ist, wie er sein müßte, damit Marxismus funktioniert? Dann erleben wir, was wir erleben durften: der real existierende Sozialismus muß seine Bürger einsperren, damit sie nicht weglaufen, die Diktatur des Proletariats erzeugt Elend für alle, damit das Elend des Einzelnen nicht mehr so auffällt. Hebt man die Diktatur des Proletariats auf, blüht … unter anderem der Islam, nach sechzig Jahren Sowjeterziehung ein Phänomen, das viele für unmöglich gehalten haben.

Für Anhänger der marxistischen Theorie ist Geschichte nicht lebendig, sondern ein toter Mechanismus, in dem es keine Freiheit gibt und sich alles mit der Gesetzmäßigkeit von Automaten vollzieht.  Aus dieser Perpektive heraus ist Marxismus eine Lehre, die die Leblosigkeit der Welt verabsolutiert und als Dogma tyrannisch in die Massen preßt – obwohl es dazu keine Notwendigkeit gibt. Kommunismus und Religion paßten Jahrtausende lang gut zusammen:

Die beherrschende Produktionsweise der europäisch-vorderasiatischen Antike war die Sklavenhaltergesellschaft, die meist religiös begründet wurde. Ausnahme war im Vorderen Orient nur das frühe, als loserZwölfstämmebund organisierte Israel. Dessen Tora verlangt die regelmäßige Umverteilung des Bodenbesitzes zugunsten der Besitzlosen als Konsequenz des Glaubens an JHWH, den Sklavenbefreier (Lev 25). An dieses Recht erinnerten sozialkritische Propheten Israels bis hin zu Jesus von Nazaret (Lk 4,16 ff.), so dass die Jerusalemer Urgemeinde in Anknüpfung an jüdische Armenfürsorge eine urchristliche Gütergemeinschaft für ihre Mitglieder praktizierte.

Aber was von „den Juden“ kommt ist hierzulande nie gut angekommen – siehe Wikipedia:

Micha Brumlik schreibt unter Verweis auf Marx’ Briefe: „Marx war zeit seines Lebens – zumindest persönlich – ein glühender Antisemit.“ Jedoch fänden sich auch in seinem theoretischen Werk, so vor allem in Zur Judenfrage, antisemitische Thesen.[21]

Nun wird Marx mitlerweile auch sehr von Neoliberalen geschätzt, was manche nicht hindert, ihn bei jeder Gelegenheit als „Erlöser“ aus dem Hut zu zaubern. Was man ganz vergißt ist: der Klassenkampf selber existiert nicht mehr. Seine ökonomische Analyse des 19. Jahrhunderts greift nicht mehr, wenn es Rentenkassen und Versicherungen sind, die Kapitalbildung an vorderster Front betreiben und der idealisierte Herrenmenschentypus des „Proletariers“ einem landesweiten Bettlertum gewichen ist – Menschen, die von Sozialleistungen der Gemeinschaft abhängig sind.  War der Arbeiter noch ein Machtfaktor im Wirtschaftsprozess, so gehört er heute als „Arbeitsplatzbesitzer“ auf die andere Seite – die Seite der asozialen Ausbeuter und Egomanen. Seine Diktatur – deren Folgen vielen noch in deutlicher Erinnerung ist – verheißt nicht mehr Glück und Leben als die Diktatur des Kapitals. Die TAZ formuliert dies wie folgt:

Jene am Rand der Gesellschaft sind also angewiesen auf das politisch-solidarische Handeln institutioneller Akteure. Doch auf die war 2010 kein Verlass. Gerade die Gewerkschaften, die anlässlich des Sparprogramms der Bundesregierung einen heißen Herbst angekündigt hatten, haben ihre gesellschaftliche Aufgabe nicht wahrgenommen. Sie sind die Handelsvertreter der von der Bundesregierung vermeintlich verschonten Arbeitsplatzbesitzer.

In der leblosen Welt des Materialismus ist die Mechanisierung der Gesellschaft logische Konsequenz gesellschaftlicher Entwicklung und der Mensch wird zum „Kostenfaktor auf zwei Beinen“. Es ist betrüblich zu sehen, das – liest man die Kommentare zu dem TAZ-Artikel – immer noch Dogmen und Tabus das Denken beherrschen und Gewerkschaftskritik als solche schon gleich einen Platz auf der nachrevolutionären schwarzen Liste besorgt.

Dabei gibt es kein revolutionäres Potential mehr, das der kleinen Elite pseudolinker Führer einen sicheren Posten an den Fleischtöpfen der Maschinenwelt sichert – da gibt es nur noch „Lumpenproletariat“, das sich irgendwie über Wasser halten muß (zitiert bei Wikipedia):

Zu diesem „Auswurf, Abfall, Abhub aller Klassen“ zählte Marx „Vagabunden, entlassene Soldaten, entlassene Zuchthaussträflinge, entlaufene Galeerensklaven, Gauner, Gaukler, Tagediebe, Taschendiebe, Taschenspieler, Spieler, Zuhälter, Bordellhalter, Lastträger, Literaten, Orgeldreher, Lumpensammler, Scherenschleifer, Kesselflicker, Bettler, kurz, die ganze unbestimmte, aufgelöste, hin- und hergeworfene Masse, die die Franzosen la bohème nennen“ (MEW 8, 160f). Im Kommunistischen Manifest beschrieben Marx/Engels die subproletarischen Gruppen als „passive Verfaulung der untersten Schichten der alten Gesellschaft“.

Es ist kaum zu glauben, mit welcher Abscheu hier über Menschen gesprochen wird. Dort, wo der heilige Vollzeitarbeitsplatz abgeschafft wird, werden wir aber alle zu „Lumpenproletariat“ – und man bekommt eine Ahnung davon, das damals schon die Grundlage für den „Prolet-Arier“ geschaffen wurde, der sich von dem National-Arier in seiner Verachtung für Schwächere kaum unterschied. Was Marx früher „Lumpenproletariat“ nannte, nennt man heute „Hartz IV“. Es wird mit der gleichen Verachtung überzogen … und da wundert es nicht mehr, das in Wirklichkeit niemand sich für diese „Schicht“ interessiert, einer Schicht, der man gerne Marx als Opium (oder Karotte) vor die Nase hält.  Dabei wartet da auch nur kostenminimierende Lagerhaltung für menschlichen Sondermüll.

Der Ausdruck „Asoziale“ war hauptsächlich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine politisch genutzte Sammelbezeichnung für als minderwertig eingeschätzte Menschen aus der sozialen Unterschicht. Als „Asoziale“ wurden und werden teilweise bis heute insbesondere BettlerLandstreicherObdachloseProstituierteZuhälterFürsorgeempfängerSuchtkranke (z. B. Alkoholiker), HomosexuelleZigeuner und andere Unangepasste bezeichnet. (siehe Wikipedia)

Das Ende des Kapitalismus ist alternativlos – in vielerlei Hinsicht. Einerseits ist er am Ende. Andererseits gibt es keine Alternative, solange man an den Grundparametern des Denkens nichts ändert: die Lagerhaltung von Menschen in Plattenbauten ist die Konsequenz des Materialismus ebenso wie die kostengünstige Herrschaftsform des Absolutismus, wobei es für uns Lumpen einerlei ist, ob dort oben ein König oder ein Generalsekretär diktiert, wie wir unseren Alltag zu gestalten haben.

Sicherlich kann Religion als Nebenwirkung die Eliminierung revolutionären Potentials innehaben. Aber „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“ ist eine ethisch wertvollere Maxime als die Formulierung präfaschistischer Formate wie „Lumpenproletariat“ … eine Sichtweise, die in den Lagern des Dritten Reiches sehr häßliche Nebenwirkungen hatte und im Prinzip bis heute rechte wie linke politische Systeme infiziert.

Politische Utopien, die „Herrenmenschen“ – in welcher Form auch immer – „Untermenschen“ gegenüberstellen, sind niemals mit Menschenrechten kompatibel, auch wenn sie dieselben noch so groß auf ihre Fahnen schreiben.  Und wenn es nicht gelingt, konstruktive Alternativen zum Materialismus zu formulieren … dann wird der militante Islam die Alternative sein, die weltweit den dogmatischen Materialismus überwindet.

Demokratie jedoch … bleibt ein Traum aus dem alten Griechenland. Aber die waren ja auch schwul und somit asozial.



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