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Aus alt mach neu: Goethe

Goethe im Lorbeerkranz
Goethe im Lorbeerkranz

Wer sich heute (noch) mit Goethe befasst, genießt für gewöhnlich den Ruf des langweiligen Spießers – und das meist, weil ein Goetheleser wohl kaum ein BILD-Leser ist, und die sind nunmal deutlich in der Überzahl.

Dabei ist Goethe ungemein spannend.

Er ist ein unglaublich starkes Stück deutscher Kultur und auf dieses Stück Deutschland dürfen wir mal so richtig vorbehaltlos einfach mal stolz sein. Einfach so.

Natürlich ist er nicht „einfach“. Nein, er bietet keine leichtverdauliche Kurzweil wie irgendein „Bestseller“ vom Bahnhofskioskgrabbeltisch, den man nach seiner Fahrt zwischen zwei (Vor-) Orten bedenkenlos und ohne schlechtes Gewissen wie eine leere Eispackung auch in die Tonne kloppen könnte. Nein, Goethe ist schwierig.

Er selbst schließlich entstammte einer kulturell spannenden Zeit und formte sie kräftig mit; vieles was er schrieb, ist bis heute von einem sehr modern anscheinenden Freiheitswillen beseelt. Im Grunde kann man ihn für einen regelrechten Freiheitskämpfer halten, er hielt große Stücke auf andere, ja konkurrierende Meinungen und kannte nur eine ultimative Forderung an sie: sie mussten begründet sein. Und somit konnte echte Freiheit für Goethe nur aus Können und Wissen entstehen; ein Gebot, dem er sich selbst Zeit seines Lebens unterworfen hatte. Er versuchte stets, alles selbst gründlich zu erlernen und auch zu beherrschen, worüber er sich eine Meinung erlaubte. Dazu rang er sich eine teilweise harte Disziplin ab und so galt für ihn, dass freie Meinung nur durch Disziplin zu erarbeiten sei. Die Verachtung Goethes als literarischem Donnergott zog sich zu, wer anders handelte und so sparte er nicht mit beißendem Spott über die, die ihn mit ihrem Unvermögen langweilten, aber fragen wir ihn selbst:

Sie peitschen den Quark, ob nicht etwa Crème daraus werden wolle.

(Zitat: „Über Kunst und Altertum, Zweites Bandes drittes Heft“, 1820)

Johann Wolfgang von Goethe zählte schon früh als etablierter Literat zur Avantgarde einer damals völlig neuen („Sturm und Drang“-) Strömung, die anarchistisch mit überkommenem Kunst- und Literaturverständnis hart ins Gericht ging. Bestehende Konventionen schubste er mühelos um und benutzte beliebte Gestalten der Poesie wie etwa altgriechische Götter ganz nach seinem Geschmack. Obschon sein Hauptwerk ein sehr hohes Maß an Vollkommenheit in der Anwendung der deutschen Sprache enthält, beherrschte er in anderen Stücken jedoch auch durchaus das damals bekannte „Gassendeutsch“,  schaute dem einfachen Menschen draußen auf der Straße aufs Maul und verarbeitete diese Spracheindrücke in seinen Texten.

Er war ein regelrechter Tausendsassa, Hansdampf in allen Gassen, als Künstler unduldsamer, unruhiger Revolutionär. Wenn wir ihn uns heute als gemütlichen, aber arroganten Spießeropa in einsamer Kemenate mit ständig heruntergezogenen Mundwinkeln vorstellen, so irren wir uns gewaltig. Vielleicht erinnert ein Marcel Reich-Ranicki unserer Tage ein wenig an ihn, wenn ersterer auch das entschieden schwerere Pfund war. Immerhin war Goethe längst nicht nur als Poet, sondern auch als Wissenschaftler mit riesigem, stets produktiven und richtungsweisenden Output bekannt und anerkannt. Die einzige echte Pleite und Fehlleistung seines Lebens, die ihn allerdings bis zu seinem Tode empfindlich getroffen hatte, war seine mangelhafte „Farbenlehre“, die zum Spott seiner Zeitgenossen genüsslich auseinandergenommen worden war.

Der Verfasser dieses Textes gibt gern zu, auch in anderer Hinsicht als unsterblicher Fan Goethes zu gelten: immerhin pflegte Goethe den Verdacht gegen ihn, Muslim zu sein, selbst immer wieder zu nähren. Er hat sich allerdings mit erstaunlich starken Stücken, Worten, Handlungen, Briefen und harten Redegefechten extrem um den Islam verdient gemacht; streckenweise sind seine schriftlichen Hinterlassenschaften harsche Attacken gegen das Christentum und seine Hinwendung zum Islam gipfelt in zwei ganz besonders bemerkenswerten Punkten.

Als wieder einmal anlässlich der Veröffentlichung eines seiner Texte öffentlich darüber nachgedacht wurde, ob Goethe eigentlich überhaupt (noch) Christ sei, da schrieb er mit eigener Hand auf eine Ausgabe seines Buches: „Der Verfasser lehnt den Verdacht nicht ab, selbst Muslim zu sein.“

In einem privaten Brief, den er anlässlich einer grassierenden Krankheit in seinem Heimatort schrieb, ist die Textzeile zu finden: „Wir halten uns hier im Islam so gut es geht“

Neben Geistesakrobaten aber bediente Goehte auch den deutschsprachigen Verbalerotiker aufs Beste.  Seine Wortbilder zählen ganz sicher zu dem Vollendedsten, wozu unsere Muttersprache fähig ist (Reich-Ranicki würde begeistert nicken, läse er das jetzt!). Tempo, Semantik und Geschmack finden so oft in eine Harmonie, die sich kaum erdenken lässt. So textete er zum Beispiel angesichts eines Mannes, der abends in großer Erregung nach Hause kommt:

Der Major, als er in sein Zimmer trat, fühlte sich wirklich in einer Art von Taumel, von Unsicherheit seiner selbst wie es denen geht, die schnell aus einem Zustande in den entgegengesetzten übertreten. Die Erde scheint sich für den zu bewegen, der aus dem Schiffe steigt und das Licht zittert noch im Auge dessen, der auf einmal ins Finstere tritt.

(Zitat: „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ ,1829)

Goethe hasste Ausgrenzung, er hasste Herabsetzung, er hasste Diskriminierung. Ziel seines Denkens war Zeit seines Lebens immer der Mensch, von ihm erwartete er unterschiedslos und ihm widmete er grundsätzlich sein ganzes Schaffen. Selbst kleinliches Zuordnen und Wegsortieren von Menschen konnte er nicht leiden:

Es hat mit Euch eine Beschaffenheit wie mit dem Meer, dem man unterschiedliche Namen gibt und es ist doch endlich alles gesalzenes Wasser.

(Zitat: „Zu Lebzeiten gedruckte Maximen und Reflexionen“)

Der Verfasser wirbt mit ganzem Herzen für das kantige Stück deutscher Kultur – denn Goethe verkörpert bis heute ein gutes und starkes Stück Deutschland. Er selbst warb immer für die Hinwendung zur Hochantike und für die intensive Beschäftigung damit. Seiner unerschütterlichen Auffassung nach gibt es kein Jetzt ohne das Gestern und für ihn lag eine große Gefahr darin, bereits errungene Leistungen einfach dem Vergessen zu überantworten. Sie waren oftmals moderner, aktueller als man denkt und so sollten wir uns heute mit ihm befassen.

© 2010 Echsenwut.

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