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Die unteilbare Welt von Prof.Hans Peter Dürr Quantenphysiker, Mitarbeiter von Nobelpreisträger Werner Heisenberg

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Bild:pixabyay.CC0

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24 Minuten Lesezeit

Die unteilbare Welt

Wir alle sind dazu aufgerufen, die Zukunft der Menschheit mitzugestalten. Exklusivabdruck aus dem Buch „Verbundenheit“.

von Rubikons Mutmach-Redaktion

 

Der deutsche Physiker und Essayist Hans-Peter Dürr erklärt seine verblüffenden Erkenntnisse nach fünfzig Jahren Forschung in einem fesselnden Kapitel des Buches „Verbundenheit. Warum wir ein neues Weltbild brauchen“, das unter anderem von Rubikon-Beiratsmitglied Gerald Hüther herausgegeben wurde.

Wir können diese Weltkrise der Gegenwart als eine Zukunftschance begreifen. Unsere zentrale Aufgabe und die gesellschaftliche Herausforderung in dieser entscheidenden Zeit ist die Frage der Zukunftsfähigkeit, die sich mittlerweile als eine Frage des Überlebens der Menschheit herauskristallisiert.

Zukunftsfähigkeit erwächst uns jedoch nur, wenn wir zu einer neuen und erweiterten Betrachtungsweise der Welt finden und die Fesseln eines mechanistischen Weltbildes abstreifen, in dem wir uns als willenlose Rädchen einer großen Maschine verstanden haben.

Wir haben uns eine falsche Vorstellung von der Welt gemacht und uns in ein enges Weltbild hineinmanövriert, aus dem uns keine Lösungen erwachsen. Wir haben uns gleichsam selbst gefesselt. Nun ist es an uns, diese Fesseln abzustreifen. Hierfür brauchen wir die Bereitschaft, neue Impulse und Inspirationen in dieses verknöcherte und veraltete Denken hineinzubringen.

Es ist an der Zeit, unserem Leben wieder die Lebendigkeit zurückzugeben, die diesem zueigen ist. Das heißt auch, dass wir die geistige Dimension unserer Existenz wieder erkennen müssen, die wir verdrängt haben, denn deren Verlust in der modernen Welt wiegt schwer.

Der moderne Mensch erfährt sich als etwas von der Natur Getrenntes, als gleichsam außerhalb der Natur lebend. Wir können diesen Zustand „Naturvergessenheit“ nennen. Der Mensch hat sich zum Herrscher über die Natur aufgeschwungen und dabei die Natur erniedrigt. Um zu überleben, so dachte er, müsse er seine eigene Natürlichkeit aufgeben und leugnen, dass er selbst Teil der ihn umgebenden Natur ist.

Das ist der folgenschwere Denkfehler der Neuzeit. In deren anthropozentrischem Weltbild dient die Natur dem Menschen nur mehr als Baustein und Werkzeug zur Erfüllung seiner Bedürfnisse. Darüber hat der Mensch vergessen, dass er selbst zutiefst in diese Natur eingebettet und gänzlich abhängig von ihr ist. Die Illusion der Trennung führte dazu, dass wir einerseits das Machbare heillos überschätzen und andererseits unterschätzen, was für Möglichkeiten der Teilhabe wir tatsächlich haben.

Das neue Weltbild der Quantenphysik trägt hingegen das Eingeständnis in sich, dass dem menschlichen Wissen und Allmachtstreben Grenzen gesetzt sind. Freiheit ist nicht etwas, das wir beliebig ausdehnen könnten. Wir leben auf einem Planeten, dessen Reichtum wir nicht verschleudern und dessen Rohstoffe wir nicht ungestraft ausbeuten können. Dieser Planet ist nicht beliebig, und deshalb können wir uns auch nicht beliebig verhalten.

Wir haben uns weit von einer friedlichen und gerechten Welt entfernt, so weit, dass viele Menschen mittlerweile Gerechtigkeit und Frieden für eine Utopie halten. Sie glauben, dass die Wirklichkeit so ist, wie sie sich derzeit darstellt, und dass es in dieser Welt immer unfriedlich und ungerecht zugehen wird. Das aber sind Annahmen, denen ein falsches Menschen- und Weltbild zugrunde liegt.

Wir tragen die Verantwortung für diese Welt. Wir können nicht weiterhin russisches Roulette mit dem Leben unserer Kinder und Enkelkinder spielen. Es ist an der Zeit, unsere schöpferischen und kreativen Fähigkeiten zu begreifen und verantwortlich zu gebrauchen. Wenn wir weiterhin die natürlichen Lebensgrundlagen der Erde zerstören, sind wir die Ersten, die dabei abstürzen werden.

Neue Physik — altes Weltbild

Die Entstehung der Quantentheorie zu Beginn des 20. Jahrhunderts führte nicht nur zu einer Revolution innerhalb der Physik, sondern zugleich zu einer radikalen Veränderung des bis dahin gültigen klassischen Weltbildes. Dessen Fundament wurde durch die Aufklärung im 17. Jahrhundert gelegt, die ihrerseits das Ergebnis eines mit der Renaissance einsetzenden beispiellosen Triumphzuges des menschlichen Forscherwillens war, der den vernunftbegabten Menschen in den Mittelpunkt des Weltgeschehens hob.

Diesem Weltbild lag die Vorstellung einer streng determinierten Natur zugrunde, die sich von dem mit Geist begabten und mit vielfältigen Fertigkeiten ausgestatteten Menschen manipulieren und in den Griff bekommen ließe. Je mehr Wissen der Mensch sich dabei aneignete, desto größer erschien seine Macht über das von ihm vermeintlich Beherrschbare.

Mit den Entdeckungen der neuen Physik erfuhr der Glaube der Wissenschaft, dass wir die Welt im Griff hätten, jedoch eine grundlegende Erschütterung. Bis dahin galt die Welt als von unumstößlichen Gesetzmäßigkeiten bestimmt.

Es herrschte die Überzeugung, dass es der Naturwissenschaft möglich wäre, die Welt durch die Zerlegung in ihre Bestandteile zu analysieren, und dass sich der Wissenschaftler mittels einer objektiven Betrachtung gleichsam von der Welt trennen und diese von außen betrachten könnte. Lange glaubte die Wissenschaft, dass der Beobachter unabhängig vom Beobachteten existiere. Dies jedoch war ein folgenschwerer Irrtum. Denn mit der Trennung von Subjekt und Objekt verlor die Wissenschaft das Wesentliche aus dem Blickfeld — das Lebendige.

Die neue Physik hingegen macht deutlich, dass der Forscher selbst Teil dessen ist, was er erforscht, und dass die Welt weit mehr ist als die Summe ihrer Teile. Mit dem Blick auf das Ganze fördert sie eine gänzlich neue Betrachtungsweise der Welt zutage, die zugleich das Eingeständnis in sich trägt, dass es dem menschlichen Verstand nicht möglich ist, die Wirklichkeit zu begreifen.

Damit markiert die Quantenphysik den Abschied von einem aristotelischen Weltbild, in dem noch alles erklärbar schien, und knüpft an eine heraklitische Weltsicht an, in der alles im Fluss ist.

Die Wirklichkeit wird nicht mehr als Realität, sondern vielmehr als Potenzialität begriffen, und damit die Prozesshaftigkeit alles Bestehenden erkannt. Alles steht in Beziehung zueinander. Das Quantenfeld kreiert ein Meer aus Möglichkeiten, ein lebendiges Erwartungsfeld, aus dem heraus sich unablässig Neues gebiert.

Während unsere heutige Technik auf den Errungenschaften der neuen Physik basiert, wird die Gesellschaft immer noch vom Weltbild der klassisch-materialistischen Physik dominiert, die weiterhin an den Schulen und Universitäten gelehrt wird. Diese Sicht auf die Welt führt dazu, dass der Mensch das, was er sieht, als Realität (vom lateinischen res, das Ding) wahrnimmt. Die Welt besteht für ihn aus Dingen, aus Materie und wird als greifbar und damit begreifbar wahrgenommen.

Dies ist die Grundlage unserer materialistischen Sichtweise der Welt, in der es dann letzten Endes nur noch darum geht, möglichst viel materiellen Reichtum anzuhäufen. Denn alles, was man greifen und festhalten und gegen andere verteidigen kann, erscheint dieser Weltsicht als real.

In diesem Zusammenhang sei daran erinnert, dass der Kapitalismus — ebenso wie der Marxismus — ein Denkmuster aus dem 19. Jahrhundert ist. Als der Marxismus unterging, hätte man eigentlich erwarten können, dass der Kapitalismus ebenfalls von der Landkarte verschwinden würde, weil er die Welt in ähnlich begrenzter Weise versteht.

Leider ist das bislang nicht geschehen. Vielmehr glauben die Anhänger des Kapitalismus nun, weil sie übrig geblieben sind, im Besitz der einzig gültigen Wahrheit zu sein. Und die Menschen glauben ihrerseits — übrigens völlig zu Unrecht —, dass es keine Alternative zu der kapitalistisch-neoliberalen Wirtschaftsform gäbe, in der wir leben, und dass wir diese einfach so akzeptieren müssten, wie sie ist.

Das aber ist reiner Fatalismus, dem wir entschieden entgegentreten müssen. Fatalismus bedeutet Phantasielosigkeit und Unverständnis dessen, was wirklich hinter dieser Welt steht.

Wir Menschen hängen an diesem veralteten materialistischen Denkgebäude, weil es uns die Illusion vermittelt, dass es mit unseren Händen greifbar und daher für unseren Verstand zu begreifen sei. Wir können ein Stück dieser Welt in der Hand halten und behaupten, dass es uns gehöre. Und dann können wir mit anderen das Streiten darüber beginnen, weshalb es uns und nicht ihnen gehört.

Ständig treibt uns der Ehrgeiz um, ein noch größeres Stück der Welt in Händen halten zu können. Das ist das Grundprinzip der Wettbewerbsfähigkeit. So konnten Konkurrenz- und Wettbewerbsdenken zum Leitmotiv unserer Zeit werden. Wettbewerb heißt, wir müssten schneller sein als die anderen. Die Richtung, in die wir dabei rennen, ist sekundär, Hauptsache, wir kommen als Erster dort an. Derzeit rennen wir auf den Abgrund zu.

Was die Welt im Innersten zusammenhält

Ich bin Kernphysiker geworden, weil ich herausfinden wollte, was die Welt im Innersten zusammenhält. Mein ganzes Forscherleben habe ich damit verbracht zu untersuchen, was tatsächlich hinter der Materie steckt. Das Endergebnis ist ganz einfach — wenn auch überraschend:

Es gibt gar keine Materie! Ich habe somit fünfzig Jahre nach etwas gesucht, was es gar nicht gibt.

„Der arme Kerl“, denken Sie jetzt vielleicht, „hat fünfzig Jahre seines Lebens an etwas drangegeben, was es gar nicht gibt.“ Doch ich kann Ihnen versichern, dass es sich gelohnt hat, den weiten Weg zu gehen. Zu sehen, dass das, von dessen Wirklichkeit alle überzeugt sind, am Ende gar nicht existiert, ist eine erstaunliche, geradezu phantastische Erkenntnis.

Was aber macht ein Naturwissenschaftler, wenn er plötzlich erkennt, dass es das, was als die Grundlage der Naturwissenschaft gilt — nämlich Materie, die wir alle greifen können — gar nicht gibt? Wenn er erkennen muss, dass die Wirklichkeit eine völlig andere ist, als er bislang annahm? Dass von der Materie, je weiter man sie auseinander nimmt, am Ende gar nichts mehr übrig bleibt, was an Materie erinnert?

Die neue Physik hat erkannt, dass die Materie nicht das Fundament unserer Wirklichkeit ist. Bildlich ausgedrückt bedeutet dies: Am Anfang gibt es gar keine Hardware, sondern nur Software. Eine Software, die man nicht begreifen kann, die nur eine Gestalt, aber keine Existenz im ursprünglichen Sinne des Wortes hat. Materie besteht also nicht aus Materie. Am Ende finden wir etwas, das weit mehr dem Geistigen ähnelt, eine Art „verkrusteter Geist“.

Der entscheidende Punkt, an dem uns Physikern die Materie abhanden gekommen ist, hat mit der Struktur des Atoms zu tun. Durch die Erforschung der Atome erhoffte sich die Naturwissenschaft, die Welt endgültig in den Griff zu bekommen. Dies konnte jedoch nur gelingen, wenn es möglich wäre, die Materie von der Form abzulösen. Doch wie sollte dies gehen?

Die traditionelle Methode der Wissenschaft besteht darin, das Ganze auseinander zu nehmen und in Einzelteile zu zerlegen. Wissenschaftler glauben, dass sie so die Welt verstehen könnten. Wir nahmen also ein Beil und zerschlugen erst einmal den Tisch. Damit war seine ursprüngliche Form zwar kaputt, doch es entstanden neue Teile, die wiederum eine Form hatten. Daher schlugen wir mit dem Beil weiter auf diese Teile ein, in der Hoffnung, ihre Form zu beseitigen. Wenn man dies lange genug tut, wird man schließlich zum Atomphysiker.

Beim Atom angekommen meinten wir endlich, am Ziel zu sein. Jetzt hatten wir das a-tomos gefunden: Das, was sich nicht mehr spalten lässt — reine Materie ohne Form. Doch dann wies der Experimentalphysiker Lord Rutherford nach, dass auch dieses Atom noch eine Struktur hat.

Wieder mussten wir das Beil nehmen und nachsehen, wie es im Inneren des Atoms ausschaut. Und was fanden wir? Eine Struktur, die einem Planetensystem glich mit einem schweren Kern, umkreist von leichteren Elektronen und zusammengehalten durch elektrische Kräfte.

Es erschien naheliegend, dieses in Analogie zu unserem bekannten, durch die Gravitation zusammengehaltenen Planetensystem zu verstehen und mechanistisch zu erklären. Doch auch dies misslang, als wir erkennen mussten, dass es instabil ist und damit den bislang geltenden Naturgesetzen widerspricht.

Es blieb also nur noch die Folgerung: Die bisherigen Naturgesetze entsprechen nicht der Wirklichkeit.

Denn letzten Endes gibt es nur eine Art Schwingung. Es gibt streng genommen keine Elektronen, es gibt keinen Atomkern, sie sind eigentlich nur Schwingungsfiguren. An diesem Punkt hatten wir die Materie verloren. Denn was wir am Ende allen Zerteilens vorfanden, waren keine unzerstörbaren Teilchen, die mit sich selbst identisch bleiben, sondern ein feuriges Brodeln, ein ständiges Entstehen und Vergehen, etwas, das mehr dem Geistigen ähnelt — ganzheitlich, offen, lebendig.

Im Grunde, so müssen wir nun sagen, gibt es nur Geist. Die Materie ist gleichsam die Schlacke des Geistigen. In unserer begrenzten menschlichen Wahrnehmung nehmen wir diese Schlacke, da wir sie mit Händen greifen können, jedoch weit wichtiger als das geistig Lebendige.

Tatsächlich aber gilt es zu erkennen: Es gibt letztlich gar nichts Seiendes, nichts, was aus sich heraus existiert. Es gibt nur Veränderung, Wandel, Prozesse. Vor diesem Hintergrund können wir sagen: In jedem Augenblick wird die Welt neu geschaffen.

Das Eine und Ganze

Wenn die Frage nach der Materie keinen Sinn mehr macht, dann droht es uns erst einmal die Sprache zu verschlagen. Mit den Erkenntnissen der modernen Physik ist die Naturwissenschaft an einen Punkt gekommen, an dem sie sich von der Vorstellung verabschieden muss, dass sie alles erklären könnte.

Gerade die Naturwissenschaftler waren immer stolz darauf, zu der Gattung zu gehören, die weiß, was exakt berechenbar und damit richtig ist. Jetzt aber müssen wir erkennen, dass auch die Wissenschaft nur in Gleichnissen sprechen kann. Mit unserer begrenzten Sprache werden wir der Wirklichkeit nicht gerecht.

Wir haben eine Sprache, die nur die äußere Welt abzubilden vermag und gänzlich unbrauchbar dafür ist, das zu benennen, was im Hintergrund existiert. Daher haben wir die Wirklichkeit bislang so geformt, dass wir ihr mit unserer Sprache beikommen konnten.

Die Herausforderung aber liegt darin, zu einer neuen Sprache zu finden, die der Wirklichkeit gerecht wird. Damit gelangen wir an einen Punkt, an dem wir Physiker uns mit den Mystikern treffen. Wir erkennen einen Zusammenhang, den wir vorher gar nicht sehen konnten.

Dachten wir früher noch, alles sei getrennt, sehen wir nun, dass alles von Anfang an und unauflösbar miteinander verbunden ist.

Das Fundament der Wirklichkeit enthüllt sich als etwas zutiefst Spirituelles. Und selbst der Ausdruck Fundament weist bereits in die verkehrte Richtung, denn er ist an die Vorstellung von einer Substanz gebunden.

Unsere Aufgabe ist es aber, die Lebendigkeit zu erkennen und ihr Ausdruck zu verleihen. Das Lebendige ist nichts, was wir greifen und festhalten könnten, sondern das, was sich unserem Zugriff immer wieder entzieht und sich unablässig verändert.

Der Bruch, den die neue Physik einfordert, ist tief. Denn in einer Welt, in der es keine Objekte mehr gibt und alles Beziehung ist, kann die Frage nach dem, was ist, letztlich nicht mehr gestellt werden. In einer solchen Welt können wir nur mehr die Frage stellen: Was passiert?

Wirklichkeit ist für die moderne Physik keine Realität, sondern eine Potenzialität. Wirklichkeit ist das, was wirkt und sich daher andauernd verändert. Sie ist die Möglichkeit, die sich energetisch und materiell irgendwo und überall manifestieren kann, etwas noch nicht Entschiedenes, Schwebendes.

Potenzialität ist räumlich nicht lokalisiert. Sie ist gleichsam über die ganze Welt ausgebreitet. Es gibt nur diese einzige Gestalt, und die ist die Welt der potenziellen Wirklichkeit. Sie ist das Eine und Ganze. Und dieses Ganze kann man weder zerstückeln noch aufteilen. Die Welt zeigt sich somit als etwas Nicht-Teilbares und Ganzheitliches.

Wir müssen sie uns als etwas vorstellen, das man überhaupt nicht zerlegen kann. Denn das Ganze ist weit mehr als seine Teile. Wir müssen als Mensch unsere Fähigkeit schulen, das Ganze anzuschauen. Nur so können wir den Zusammenhang erkennen. Das setzt eine holistische Betrachtungsweise der Welt voraus.

Die neue Physik bestätigt, was die mystischen Wege der Religionen immer schon wussten: Es gibt nur das EINE. Im Sanskrit gibt es hierfür den Begriff des Advaita, des Nicht-Dualen, Nicht-Zerlegbaren. Auch die Quantenphysik sagt uns heute, dass es keine getrennten Teile gibt. Alles ist ins Unendliche ausgestreckt und im Hintergrund miteinander verbunden. Jedes Atom ist mit jedem Atom in diesem Universum verbunden.

Alles kann mit allem kommunizieren. Das hat weitreichende, geradezu phantastische Konsequenzen. Das heißt für uns Menschen, die wir in diesem Ganzen aufgehoben sind, dass wir zwar unterschiedlich und unterscheidbar, nicht aber getrennt sind. Wir befinden uns alle sozusagen in dieser Gemeinsamkeit, die wesentliche Voraussetzung dafür ist, dass wir überhaupt miteinander kommunizieren können.

Es gibt nur wenige Wörter in unserer Sprache, die diese Verbundenheit zum Ausdruck bringen können. Für mich sind diese Liebe, Geist, Leben. Die Verben sind hierfür noch weit besser geeignet: leben, lieben, fühlen, wirken, sein.

Was wir in jedem Falle sagen können ist, dass hinter allem eine Verbundenheit steht, die eine Offenheit aufweist und damit ungeahnte Möglichkeiten der Entwicklung bietet. Wir Menschen sind Teilhabende an einer unteilbaren Welt, integrierter Bestandteil eines lebendigen und kreativen Kosmos. Kreativität ist eine Eigenschaft, die wir mit allem Lebendigen in der Welt teilen.

Wir befinden uns damit in einer Situation, die für uns weit günstiger ist, als bisher angenommen wurde.

Wir haben einerseits stabilisierende Gesetzmäßigkeiten, zugleich aber unendlich viele potenzielle Möglichkeiten, die wir nützen können, um selbst Einfluss zu nehmen. Wenn wir erkennen, dass wir integriertes und gestaltendes Element eines dynamischen Kosmos sind, erfahren wir unsere Verbundenheit mit allem, das uns umgibt.

Aus der Erfahrung der Teilhabe erwächst uns die Verantwortung für die Bewahrung der Welt. Als Teilhabende dieses Feldes wirken wir zugleich kreativ auf dieses ein und indem wir diese unsere kreativen Eigenschaften nutzen, dann tragen wir aktiv zur Gestaltung der Zukunft bei.

Das Lebendige inmitten des Lebendigen

Wir alle wollen leben, und wir alle wollen eine Zukunft. Für uns selbst, für unsere Kinder und Enkelkinder, für die Generationen nach uns. Es gibt so viele wunderbare Menschen in dieser Welt, und wegen der paar Verrückten, die derzeit die Geschicke der Welt lenken, werden wir doch nicht bereit sein, die Zukunft der Menschheit zu opfern.

Wer ihnen jetzt noch glaubt und diese unsinnigen Dinge mit- und nachmacht, weiß es einfach noch nicht besser. Wir alle haben die Veranlagung zum Homo sapiens sapiens — zum Menschen, der weiß, dass er weiß.

Wir haben uns bislang einfach noch zu wenig Mühe gegeben, diesen zu verwirklichen. Dabei ist doch jeder von uns einmalig und vermag einen einzigartigen Beitrag zur Gestaltung der Welt zu leisten. Was wir hierfür brauchen ist wechselseitige Rücksichtnahme und die Einsicht in die gegenseitige Abhängigkeit.

Es ist wichtig, sich immer wieder in Situationen zu begeben, in denen wir die Verbundenheit auch spüren können. Das tun wir, indem wir mit anderen Menschen in Kontakt gehen, uns in Gruppen zusammenfinden, in die wir unsere individuellen Fähigkeiten einbringen, kooperieren, uns ergänzen und gemeinsam Probleme lösen, die wir alleine nicht zu lösen imstande wären, und uns Geschichten erzählen, die neue Zusammenhänge herstellen.

Im kreativen und kooperativen Zusammenspiel bringen wir ungeahnte Möglichkeiten zur Entfaltung. Unsere Aufgabe ist es, unser Talent und unsere Kreativität in das Leben einzuspeisen, das Potenzial der Möglichkeiten zu mehren und wahres Wachstum zu ermöglichen.

Als Albert Schweitzer in Afrika einmal in seinem Boot von Nilpferden gefährlich bedrängt wurde und nicht wusste, ob er aus dieser Situation heil herauskommen würde, gelangte er zu seiner oft zitierten Erkenntnis: „Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, was leben will.“ Damit brachte er das zum Ausdruck, was auch ich hier auszudrücken versuche.

Es geht darum, die eigene Lebendigkeit in all dem Lebendigen um uns herum zu erkennen. Das ist es, was unter dem etwas nichtssagenden Begriff Nachhaltigkeit zu verstehen ist: Unsere Aufgabe ist es, das zu erhalten, was ist und zugleich Vitalität, Produktivität, Elastizität und Kreativität in das Bestehende einzuspeisen.

Durch das Zusammenspiel aller Kräfte wird das Leben reicher. Das Biosystem der Erde ist in einem Schwebezustand, in einer Balance, die wir bewahren, zugleich aber auch beständig wiederherstellen müssen. Es geht daher nicht nur um Bewahrung, sondern auch darum, das Lebende noch lebendiger werden zu lassen.

Dies ist ein Prozess, eine Dynamik, in allem, was wir tun, es nicht bei dem zu belassen, was wir vorfinden. Stattdessen müssen wir dafür sorgen, dass es noch lebendiger wird, als es anfangs war, ohne dabei der Versuchung zu erliegen, uns mit unserer Lebendigkeit auf Kosten des Lebens um uns herum behaupten zu wollen.

Wie also können wir miteinander leben und zu einem neuen Ganzen finden? Für diese wichtigen Fragen, die unser Überleben betreffen, brauchen wir nicht auf die Antworten der Experten zu hoffen. Die sitzen meist in ihrem kleinen Gefängnis des eigenen Wissens fest und bemerken gar nicht, dass die Welt eine ganz andere ist, als sie in ihrer Zelle sehen können.

Für diese weitreichenden Fragen braucht es Menschen, die mit beiden Beinen im Leben stehen, die um den Reichtum der Welt wissen und das Wissen von der Kostbarkeit des Lebens in sich tragen und nähren. Menschen, die genau hinsehen und hinhören, was in der Welt geschieht. Menschen, die sich einen Überblick verschaffen, indem sie auf das Ganze blicken und dadurch die Zusammenhänge erkennen können.

Das führt zu einer holistischen Wahrnehmung der Welt. Das Expertenwissen hingegen ist nicht nur Vereinfachung und Spaltung, sondern allzu oft auch Verstümmelung. Es tendiert dazu, den Bezug zum Lebendigen zu verlieren. Nicht von ungefähr hat die Physik sich bevorzugt am Unbelebten erprobt. Das Belebte erschien ihr als viel zu kompliziert.

Doch nur wer sich abtrennt vom Leben, kann etwas so Ungeheuerliches wie eine Atombombe bauen. Ich selbst bin ja von Haus aus Kernphysiker — doch ein Kernphysiker, der gegen die Nutzung der Kernenergie ist. Mit der Entwicklung der Atombombe hat die Physik für immer ihre Unschuld verloren. Auch ihr kompensatorischer Versuch einer friedlichen Nutzung der Kernenergie war von Anfang an zum Scheitern verurteilt, wie Tschernobyl und Fukushima schließlich der ganzen Welt vor Augen führten.

Das Paradigma des Lebendigen

Wir sind bewegte Wesen in einer bewegten Welt. Trotz aller Gemeinsamkeit sind wir verschiedenartig. Und wir müssen sogar zunehmend verschieden werden, damit wir immer mehr Stützfunktionen übernehmen können, die immer mehr dynamische Stabilisierungen und Entwicklungen ermöglichen.

Dies erfordert ein Plus-Summen-Spiel, in dem niemand seine spezielle Eigenart aufgeben muss, sondern jeder seine Unterschiedlichkeit behalten kann. Wie bei einem Orchester ein Konzert nur dann gelingt, wenn verschiedene Instrumente konstruktiv zusammenspielen und so das Ganze mehr wird als die Summe der Teile. Das ist das Paradigma des Lebendigen.

Der erste Prozess dahingehend ist die Individualisierung des Menschen und seine Emanzipation, die es zu unterstützen gilt. Erst dann können wir jeder auf unsere eigene und einzigartige Weise durch die Welt gehen, ohne zu fallen.

Das Wesentliche alles Lebendigen ist in seiner Bereitschaft zur Instabilität zu finden. Das Leben ist die instabilste und damit verletzlichste Situation, die es gibt. Instabilität ist geradezu das bestimmende Kennzeichen alles Lebendigen. Denn nur aus einem instabilen Zustand, der kurzfristig zusammenbricht, können sich neue hochentwickelte Strukturen bilden.

Es ist daher immer der verletzlichste Moment, der uns voranbringt und neue Dimensionen erschließt.

Das praktizieren wir selbst Tag für Tag, wenn wir auf unseren beiden Beinen vorankommen wollen. Jeder Schritt, den wir vorwärts gehen, ist nur durch die Preisgabe von Stabilität möglich. Wir wechseln von einer Instabilität in die andere, denn um vorwärts zu kommen, müssen wir kurzfristig auf einem Bein stehen, was statisch betrachtet ein äußerst instabiler Zustand ist.

Einzig durch das Vertrauen in die Kooperation aller Teile unseres Körpers und deren erneutes Wiederherstellen der Balance kommen wir voran. Der Moment der größten Instabilität markiert zugleich den Punkt der höchsten Sensibilität und Offenheit.

Wir müssen dabei nur an ein Kind denken, das Rad fahren lernt. Das Fahrrad ist eine äußerst instabile Angelegenheit. Das Kind fällt anfangs einige Male hin, doch bald schon ist es so geschickt, dass es alleine losfährt. Es hat gelernt, sich in der Instabilität eine neue Dimension in der Welt zu erschließen. Das ist der Prozess der Evolution des Lebendigen. Aber diese Beherrschung einer neuen Stabilität in der Instabilität verlangt Übung und braucht Zeit — die Kreativität des Verschiedenen ist dabei ebenso wichtig wie die Bereitschaft zum kooperativen Zusammenspiel.

Das ist gar nicht so unmöglich, wie wir oft meinen, wenn wir uns bewusst werden, dass wir trotz aller Differenzierung zutiefst miteinander verbunden sind und es auch immer bleiben werden. Wir haben als Menschheit bereits eine lange gemeinsame Entwicklung hinter uns, auf der wir aufbauen können.

Der Heilungsprozess der Welt erfordert daher die beständige Kooperation und Ausbalancierung von instabilen Systemen. Unsere Aufgabe als Mensch ist es, deren Zusammenwirken unablässig zu erproben und immer wieder aufs Neue zu wagen.

Gelingt uns dieser kreative Akt, das Leben in seiner Vielfalt und Unterschiedlichkeit mit all seinen dynamischen Kräften und Gegenkräften auszubalancieren, dann bewahren wir nicht nur das Leben, sondern bringen zugleich die Evolution des Lebendigen einen Schritt voran. Die Höherentwicklung des Lebendigen durch die Kombination aus Differenzierung und dem kooperativen Zusammenspiel von Verschiedenartigem ergibt eine neue Ganzheit, ein neues Holon.

Globalisierung ist ja an sich nichts Schlechtes, im Gegenteil, sie ist eine Notwendigkeit, um eine höhere Entwicklungsstufe zu erklimmen. Das bedeutet jedoch zwingend, dass die Verschiedenartigkeiten in einem Plus-Summen-Spiel zusammenkommen müssen.

Es geht also nicht an, dass eine Gruppe von Menschen darüber entscheidet, welche Eigenschaften als wichtiger oder wertvoller gelten und daher globalisiert werden, während alle übrigen Eigenschaften unterdrückt und ausgebeutet werden.

Wir müssen dafür sorgen, dass alle Kulturen dieser Welt in ihrer Substanz bestehen bleiben und in eine alles überwölbende Weltkultur hineingenommen werden. Denn nur die Summe aller dieser Kulturen kann in einem kooperativen und konstruktiven Zusammenspiel ein neues Holon und damit eine Weltkultur auf einer höheren Entwicklungsstufe bilden.

Die Bewahrung der Welt

Das sich langsam herauskristallisierende, neue naturwissenschaftliche Weltbild ist in hohem Maße dafür geeignet, die verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen der Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften wieder enger zusammenzuführen und darüber hinaus Brücken zu den Religionen zu schlagen.

Aus Sicht der Quantenphysik ist die Wirklichkeit kreativ, hat keine Grenzen, ist offen, dynamisch, instabil, das unauftrennbare Ganze. Die Grundlage der Welt ist nicht materiell, sondern geistig. Als ein nicht-auftrennbares immaterielles Beziehungsgefüge ist die Wirklichkeit eine Art Erwartungsfeld für zukünftig mögliche energetisch-materielle Manifestationen.

Die Zukunft ist dabei wesentlich offen, was jedoch nicht heißen soll, dass sie beliebig offen, sondern durch gewisse allgemeine Bedingungen strukturiert ist, die mit den so genannten Erhaltungssätzen zusammenhängen und aus Symmetrieeigenschaften der Dynamik resultieren.

In dieser Wirklichkeit sind Unbelebtes und Belebtes nicht mehr grundsätzlich unterschiedlich, sondern erscheinen als Artikulationen des Ganz-Einen. Mensch und Natur sind — wie alles — in dieser Sichtweise nicht getrennt. Die prinzipielle Offenheit der Zukunft hat wesentliche Folgen für unser Verständnis der Welt, ihrer Entwicklung und unserer Beziehung zu ihr.

Stellten sich die Wissenschaftler der klassischen Physik den Anfang der Welt noch als einen Urknall vor, der die ganze Wirklichkeit bereits enthielt und bei dem alles, was fortan geschah, nur eine Entfaltung dessen war, was bereits von Beginn an angelegt war, so vertritt die neue Physik die Auffassung, dass die Schöpfung keinesfalls abgeschlossen ist. Sie ereignet sich in jedem Augenblick neu.

Wir alle sind als Teilhabende eines kreativen Kosmos am fortlaufenden Schöpfungsprozess beteiligt. Diese Sichtweise von einem lebendigen Kosmos hat weitreichende Konsequenzen für unser Leben. Wir erkennen, dass wir integriertes und gestaltendes Element dieses dynamischen Kosmos sind, und erfahren unsere Verbundenheit mit allem, was ist. Jeder Einzelne von uns ist Teilhabender dieses Feldes und wirkt gestaltend auf dieses ein.

Alles, was wir tun oder auch nicht tun, hat Auswirkungen auf das Ganze.

Denn wir alle sind Mitschöpfer. Wir können natürlich die Welt nicht beliebig ändern, aber wir tragen mit unseren Entscheidungen immer zum Gesamten bei. Aus dieser Erfahrung der Teilhabe erwächst uns die unverbrüchliche Verantwortung für die Bewahrung der Welt. Es ist offensichtlich: Die zukünftige Entwicklung hängt von uns ab.

Für mich erübrigt sich damit auch die Frage nach einem Schöpfergott. Wenn Menschen mich fragen, „Glaubst du an Gott?“, dann sage ich oft: „Ich bin ein Atheist.“ Hierbei bedeutet aber die Vorsilbe A-, so wie im Sanskrit, nicht eine Verneinung, sondern erklärt das Ziel der Frage für ungültig.

Anders ausgedrückt: Gott ist für mich, was nicht gezählt werden kann, weil es das Ganz-Eine meint, nämlich Advaita, das Unauftrennbare. Nur in diesem Sinne bin ich ein A-theist. Aber ich bin kein Atheist im Sinne eines Ungläubigen, denn ich zweifle keineswegs an einem über unser Verständnis hinausgehenden Zusammenhang: eines Beziehungsgefüges, das viele Namen hat. Wir können es Geist oder Liebe nennen.

Die Liebe ist das, was für mich am besten zum Ausdruck bringt, was wir als Verbundenheit erfahren und als Empathie empfinden. Um diese Liebe zum Wirken zu bringen, müssen wir alles dafür tun, dass jeder Mensch sich angemessen entfalten kann. Jeder Mensch ist einzigartig und verschieden von allen anderen Menschen.

Es geht darum, diese Einzigartigkeit zur vollen Blüte zu bringen und in das gemeinsame Netzwerk aller Wesen einzuspeisen. Es geht darum, den Menschen zur optimalen Entfaltung zu bringen, um dadurch das Lebendige lebendiger zu machen.

Als Teilhabende der Biosphäre ist es an uns, die Instabilität alles Lebendigen zu erkennen und dessen dynamische Balance zu fördern. Denn die Wirklichkeit ist keine unveränderliche Realität, sie ist vielmehr voller Möglichkeiten, und unsere Aufgabe ist es, diese Wirklichkeit zu gestalten und an der Vision einer wahrhaft lebendigen Welt mitzuwirken.

„Der fallende Baum macht Krach. Der Wald wächst lautlos“, besagt ein altes tibetisches Sprichwort, das mir selbst immer wieder Mut macht, mein Vertrauen in das Leben und in den kreativen Prozess der Evolution in einer bedrohten Welt zu bewahren.

Anstatt immer nur gebannt auf die Schreckensnachrichten unserer Zeit zu blicken und auf die wenigen Menschen, die am meisten Lärm machen, sollten wir unseren Blick öffnen für die unzähligen Menschen in dieser Welt, die Tag für Tag dafür sorgen, dass das Leben weitergeht und weiter besteht.

Der Wald wächst leise, aber unaufhaltsam. Und wir alle sind dazu aufgerufen, in dieses Feld Mensch, das bereits seit vielen Jahrtausenden überlebt hat, Weisheit und Liebe einzuspeisen und damit unseren Beitrag zur Bewahrung der Schöpfung zu leisten.



Prof. Dr. Dr. h. c. Hans-Peter Dürr, 1929 bis 2014, war einer der bekanntesten Vordenker und Querdenker unserer Zeit. Nach seiner Promotion und Habilitation in Physik war er von 1958 bist 1976 wissenschaftlicher Mitarbeiter des Physiknobelpreisträgers und Mitbegründers der Quantenphysik Werner Heisenberg, als dessen Nachfolger er bis 1997 das Max-Planck-Institut für Physik sowie das Werner-Heisenberg-Institut in München leitete. Mehrere Gastprofessuren führten ihn nach Berkeley, Kalifornien, China und Indien. Bereits seit den 1980er Jahren engagierte sich der Kernphysiker in der Umwelt- und Friedensbewegung und warnte vor der militärischen ebenso wie vor der friedlichen Nutzung der Atomenergie.

Wir erleben in der heutigen Zeit einen Paradigmenwechsel. Die Welt, so wie wir sie kennen, wird es nicht mehr lange geben. Zerstörung und Orientierungslosigkeit greifen mitten in unseren Alltag hinein. Wie können wir uns in ihm zurechtfinden? Wie nicht den Mut verlieren und Zugang bekommen zu dem, was im Dunkel hell und unbeschwert ist? Um diese Fragen und Antworten hierauf geht es der von Elisa Gratias geleiteten Mutmach-Redaktion.

Dieses Werk ist unter einer Creative Commons-Lizenz (Namensnennung – Nicht kommerziell – Keine Bearbeitungen 4.0 International) lizenziert. Unter Einhaltung der Lizenzbedingungen dürfen Sie es verbreiten und vervielfältigen.

Vom Wissen der Menschen und dem satanischen Glauben der Übermenschen

Montag, 9.10.2017. Eifel. Es ist Zeit zu reden. Über Sie. Ganz persönlich. Keine Sorge, wir sind ganz unter uns, hier hört niemand zu. Es ist aber sehr wichtig, dass wir mal über Sie reden anstatt immer nur über die anderen, denn: wir brauchen eine Revolution. Dazu muss ich mich mal selbst zitieren:

„Ich denke nicht, dass wir ohne Radikalität die Gesellschaft noch ändern können. Damit meine ich keine Gewaltakte, sondern eine radikale Kritik an den bestehenden Verhältnissen, die für die Menschheit keine Zukunft mehr bieten. Radikale Kritik an einer hochkomplexen Struktur ist kaum möglich – und erst recht nicht bei der Generation Doof, für die alles über 144 Zeichen „Geschwurbel“ ist, weil es ihren Verständnishorizont weit – unendlich weit – übersteigt.“

Muss ich noch beweisen, dass für die Menschheit keine Zukunft besteht? Denke, ich habe es oft genug aufgezeigt und Experten zitiert. Sehen Sie hin, wo sie wollen: Wirtschaft, Staat, internationale Politik, Familie, Freundschaften, innere Werte – alles im freien Fall. Nun – vielleicht gehören Sie zu denen, die glauben: Deutschland geht es gut und das ist ein Grund zur Freude. Das dürfen Sie auch glauben, dem Glauben sind keine Grenzen gesetzt. Sie dürfen sich aber auch fragen, warum Sie gerade das glauben. Ja: glauben dürfen Sie noch recht willkürlich, je nach Geschmack, was immer sie gerade wollen. Nun – jedenfalls im Prinzip. Im politischen Bereich wird Ihnen das, was sie glauben dürfen, gerade vorgesetzt. Putin ist böse. Trump ist doof. Nine-eleven wurde von Osama bin Laden organisiert. Saddam Hussein hatte Massenvernichtungswaffen. Der Markt regelt alles zum Besten. Impfen schützt vor Krankheiten. Merkel ist alternativlos für Deutschland. Verschwörungstheorien sind alles böse Lügen. Die irakischen Truppen sind so bestialisch, dass sie sogar Babys aus Brutkästen schmeißen. Marc Detroux war ein Einzeltäter, die 27 toten Zeugen (von einem fand man nur einen Fuß) in diesem Fall haben so wenig zu bedeuten wie die sechs toten Zeugen im NSU-Prozess.

Merke gerade: wir werden zu politisch. Wir wollen uns ja heute nicht aufregen. Wenden wir uns erstmal den vier kardinalen Fragen der alten griechischen Philosophie zu, die auch für Sie von existentieller Bedeutung sind. Fragen Sie sich mal, warum Sie von denen eigentlich noch nie gehört haben. Ich zitiere sie aus einem Artikel über Lebenssinn und Humanismus (siehe Humanistische Aktion):

Was können wir wissen?
Was dürfen wir glauben?
Was können wir hoffen?
Wie sollen wir leben?    

Die Frage, was wir wissen können, ist für den politischen Bereich von zentraler Bedeutung – Wissen lenkt unsere Taten, Wissen … ist Macht!

Was können wir nun wirklich wissen?

Sie werden erstaunt sein: gar nichts. Wieso?

Nun – schauen Sie sich doch mal an, wie „Wissen“ zustande kommen soll – wie Ihr „Wissen“ zustande kommt … welchen Zugang zur Ihrer Lebensumwelt Sie überhaupt haben: Sie besitzen fünf Sinne. Manche sogar einen sechsten (den wir Intuition nennen wollen), einige wenige noch einen siebten – doch wenn Sie diese Sinne nicht selbst erfahren und im Einsatz erlebt haben, können Sie darüber nicht urteilen … und wenn Sie sie kennen würden, würden wir dieses Gespräch gar nicht führen. Sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen – das sind die fünf Kanäle, die Sie mit Eindrücken von der Umwelt versehen – und sie sind alle trügerisch. Allein das Auge: Sie sollten froh sein, dass sie nicht so sehen, wie ihr Auge sieht: das Auge ist eine camera obskura – und zwar eine schlechte (siehe das Erste):

Ein Bild, so wie es unsere Netzhaut wahrnimmt, stünde nicht nur auf dem Kopf, es sähe auch viel schlechter aus als jedes Foto: schwarz-weiß und unscharf am Rand, zur Mitte hin zwar immer schärfer und farbintensiver, aber dafür mit einem blinden Fleck nahe dem Zentrum.

Wäre scheußlich, wenn wir wirklich nur unseren Sehsinn hätten. Es bedarf eines fiesen Tricks, der die von außen kommenden Lichtwellen erstmal manipuliert, bevor sie in das Gehirn weitergeleitet werden:

„Unsere Augen sehen also gar nicht so gut, wie wir denken. Die Bilder die wir sehen, entstehen vielmehr in unserem Gehirn als auf unserer Netzhaut. Das Gehirn interpretiert die „Daten“ die der Sehnerv liefert auf Grund von Erfahrungen. Das ist übrigens auch der Grund, warum wir für optische Täuschungen so anfällig sind. Gleichzeitig steuert es die Bewegung der Augen ganz im Wortsinne „augenblicklich“ so, dass wir immer genau das scharf sehen, was gerade wichtig ist.“

All´ unsere Wahrnehmung: nur blasse Theorie. Schrecklich, oder? All´ das, was wir zu wissen glaubten – ein Zaubertrick des Gehirns, das Ihnen vorgaukelt, sie könnten wirklich Licht pur begegnen. Gleiches gilt übrigens auch für die anderen Sinne, der Theorie, dass unser Geruchssinn noch der Ehrlichste ist, muss ich später nochmal weiter nachgehen.

Nein- ich will Sie nicht hinters Licht führen, keine Sorge. Nehme ja auch kein Geld dafür. Mir ist an Radikalität gelegen, weshalb wir eine Quelle von „Wahrheitsfindung“ – das Auge – mal kurz unter die Lupe genommen haben und feststellen konnten: da gibt es ein miserables Ergebnis. Gott sei Dank haben wir ja noch ein anderes Erkenntnisinstrument: den Verstand. Er sammelt die ganzen schlechten Daten und fügt sie zu einem Bild zusammen, wohl wissend, dass Objekte, die außerhalb der eingeschränkten Wahrnehmung unserer Sensoren existieren, neben uns stehen könnten, ohne das wir je eine Chance hätten, sie wahr zu nehmen. Soviel zu Geistergeschichten. Doch der Verstand … funktioniert selbst nur sehr eingeschränkt. Er hat eine Reihe von Kategorien, außerhalb derer er überhaupt nicht funktioniert – selektiert also neben dem Auge nochmal die Wirklichkeit. Vier Kategorien mit jeweils drei Unterkategorien beschreiben seine Grenzen (siehe: Schlüsseltexte Geist und Gehirn)

Quantität (Einheit, Vielheit, Allheit)

Qualität (Realität, Negation, Limitation)

Relation (Inhärenz und Subsistenz, Kausalität und Dependenz, Gemeinschaft als Wechselwirkung zwischen Handelndem und Leidendem)

Modalität (Möglichkeit – Unmöglichkeit, Dasein – Nichtsein, Notwendigkeit – Zufälligkeit).

Wird jetzt kompliziert, oder? Niemand hat gesagt, dass Philosophie einfach ist. Es reicht aber, zu verstehen, dass Sie wie Sie da so jetzt sitzen eher dem Kapitän eines U-Bootes ohne Sonar gleichen, der tief unter Wasser von allen Sinnen abgeschnitten ist und die Welt um sich herum nicht direkt wahrnehmen kann, sondern auf Schlussfolgerungen eines begrenzten Verstandes angewiesen ist … eines Verstandes, der sich das Funktionieren der Welt ohne Gott nicht vorstellen kann. Ja – das ist die Grundlage der rationalen Gottesbeweise … und stellt Sie jetzt natürlich vor großen Herausforderungen. Auf einmal ist Gott in ihrem Leben – wo doch die ganze „Moderne“ ihn doch so sehr für tot erklärt hat. Unheimlich, oder? Schauen Sie sich die Gottesbeweise ruhig mal in Ruhe an (siehe Wikipedia) – die haben schon was für sich. Und gleichzeitig gilt für sie: Theorien schaffen keine Wahrheiten, sondern nur Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten. Selbst wenn sie von der amerikanischen Regierung kommen.

Damit kommen wir vom Wissen zum Glauben. Ein harter Schnitt, aber ein notwendiger, denn wie jedes Tier müssen wir uns mit unseren mangelhaften Möglichkeiten in dieser Welt das Überleben sichern und können uns nicht jederzeit leisten, den Tag mit philosophischer Reflexion zu verbringen.

Was können wir nun wirklich glauben?

Im Prinzip alles, wenn es Ihrem Überleben nützt. Wir wir gesehen haben, lassen uns unsere Sinne bei der Wahrheitsfindung ziemlich im Stich, wir haben nur einen äußerst begrenzten Zugang zu unserer Umwelt und deuten die Daten mit einem beschränkten Verstand – der zwar gigantische Hypothesenkomplexe schaffen kann (wie die katholische Lehre oder das naturwissenschaftliche Weltbild – zwei Seiten derselben Medaille), die aber an sich keine Wahrheit begründen. Glauben jedoch – ist nicht nur die Fähigkeit, sich aufgrund von Annahmen und Wahrscheinlichkeiten Wirklichkeiten auszudenken, sondern … die Kraft des Geistes, Wahrheiten zu setzen – mit so einer Wucht, dass der Verstand sie nicht mehr hinterfragen darf. Nehmen wir mal ein Beispiel – um zu sehen, wie Wissenschaft und Religion funktionieren. Sie entschließen sich ab morgen, die Farbe Rot als Nichtexistent zu definieren. Sie glauben einfach nicht mehr an die Farbe Rot. Konsequenz? Alle Menschen, die die Existenz der Farbe Rot beschreiben und ihre Erfahrungen davon berichten, unterliegen (für Sie) entweder Täuschungen ihrer Sinne – oder einem kulturell unangemessenem Wahn.

Albern?

Ersetzen Sie „Farbe Rot“ durch „Gott“ – und es wird sehr politisch. Sogar blutig. Ebenso gilt das Gegenteil: der Atheismus oder Antitheismus arbeitet ebenfalls mit so einer willkürlichen Setzung. Wer über einen sechsten oder siebten Sinn verfügt, hat es hier leichter: er hat die Möglichkeit, außerhalb der begrenzten Sinne ebenso begrenzte Indizien zu sammeln, die seine Anfangsthese (die umgangssprachlich fälschlicherweise schon als „glauben“ bezeichnet wird) stützen können.

Unwichtiges philosophisches Geschwurbel?

Ok – anderes Beispiel, das Ihnen sehr an die Nieren gehen wird: wenn Sie glauben, den Partner fürs Leben gefunden zu haben, setzen Sie so eine Wahrheit – und besiegeln die Entscheidung mit der Hochzeit. Sie vertrauen bei diesem Akt kaum verstandesmäßiger oder sinnlicher Erkenntnis, sondern … einem Gefühl, Liebe genannt. Wäre schön … wenn diese Liebe ewig erhalten bliebe, oder? Könnte sie auch – wenn beide wüßten, was der Glaube an den jeweils anderen wirklich bedeutet. Die Scheidungsraten belegen, dass … da vieles ins Wanken gerät, was unsere innersten Lebenskreise ausmacht, für große Qual sorgt und für die Zerstörung von Kindern. Der Grund ist immer derselbe: man beginnt an seinem Glauben zu zweifeln, die Entscheidung hatte zu wenig Wucht. Übel, weil … die ganze Zukunft der Menschheit entspringt aus den Kindern dieser zerstörten Beziehungen … ebenso wie viele Leichen davon zeugen, wie tödlich Glaube werden kann.

Was können wir hoffen?

Alles, was Sie wollen – oder gar nichts, wenn Sie es wollen. Es darf Ihnen aber bewusst sein, dass es von Ihren Entscheidungen abhängt. Lesen Sie mal den Reisebericht von Ariane Kovac zu den Schmanen Perus – und wie sie lernte, an Geister zu glauben (siehe Reisedepeschen) – schon irre, oder? Wie eine Großstadtbevölkerung Geister in ihr Leben integriert, die dem von den Experten unserer Obrigkeit angeordneten Weltbild völlig widersprechen. Ja – wir haben ein angeordnetes Weltbild, das sich kaum von dem Prinzipien des römisch-katholischen Lehrgebäudes unterscheidet. Der dogmatische Materialismus erweist sich in vielen Bereichen als komplexes Spiegelbild des Katholizismus, bis hin zu der Einführung von Inquisitoren, die über die „wahre Lehre“ wachen (darunter sind auch solche selbsternannten Glaubenswächter wie Gwup oder Psiram zu verstehen, wobei letztere auch gerne mal von Panama aus außerhalb der Legalität arbeiten, allerdings noch von körperlichen Folterungen Abstand nehmen müssen – obwohl es ihnen wohl augenscheinlich sehr danach gelüstet … wenn sie nur könnten).

Es gibt für Kant drei Dinge, auf die wir hoffen dürfen: eine unsterbliche Seele (wobei die Nahtodesforschung im 21. Jahrhundert inzwischen so weit ist, dass wir in diesem Punkt bald von Wissen ausgehen werden können), die Existenz Gottes (wobei wir berücksichtigen dürfen, dass 99 Prozent der jemals lebenden Menschen wie selbstverständlich Elemente wie diese in ihr eigenes Weltbild integriert haben … wir also schon ein paar Indizien haben, dass jenseits unserer beschränkten Erkenntnismöglichkeiten noch Realitäten lauern; überraschenderweise werden Menschen, die mit Gott selbst sprechen, vom dogmatischen Materialismus wie von der katholischen Kirche gleichermaßen verfolgt) und … das wir einen freien Willen haben (den uns Werbung und Politik gerade abschwatzen wollen). Und – mal ehrlich: haben Sie wirklich was zu verlieren, wenn Sie die Existenz einer unsterblichen Seele als normal und gegeben voraussetzen? Sie werden nicht eine Millisekunde Zeit haben, sich zu ärgern, wenn Sie sich geirrt haben – aber wesentlich entspannter leben können.

Wie sollen wir leben?

Nun – das können Sie sich jetzt doch wohl selber denken? Wie lebt man mit anderen Menschen in einer Welt, in der sich jeder frei für Wahrheiten entscheiden muss – ohne je absolute Sicherheit über ihre Richtigkeit zu haben? Die Antwort scheint mit einfach: äußerst respektvoll vor der anderen Meinung – auch wenn sie einem noch so gegen den Strich geht, demütig und bescheiden, was den Umgang mit einer Welt angeht, in die man uns einfach hineingesetzt hat, liebevoll und verständnisvoll gegenüber jenen, die sich anders eingerichtet haben in der Welt … und ganz entschieden gegen jene stemmend, die diese Freiheit vernichten wollen, jene Un- und Übermenschen, die voll tönend die Wahrheit für sich beanspruchen, aber schon an einfachen Wirtschaftsprognosen scheitern, weil sie noch nicht einmal im Ansatz die Dynamik von Leben verstanden haben – aber so Millionenvölker dirigieren wollen. Jene … die vor 250 Jahren anfingen, im Kampf gegen die Kirche die Welt umzubauen und einen Moloch erschufen, der Artenvielfalt in nie dagewesener Größe vernichtete, den nuklearen Holocaust jederzeit möglich sein läßt, der das planetare Klima bis ins Mark erschütterte, die Welt mit neuen Giften, Seuchenwaffen und Unmengen an Müll überschüttete und aus menschlichen Wesen Maschinen machte, deren Leben von Uhren und Vorschriften diktiert wird und uns Arbeitszeiten verordneten, die weit über das natürlich notwendige hinausgehen und uns in die Nähe babylonischer Arbeitssklaven verorten – ausgestattet mir viel technischem Schnickschnack, für dessen Produktion die lebendige Vielfalt des Planeten ruiniert wird.

„Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst“ – wäre schon mal ein guter Anfang – weil die Würde des Menschen unantastbar ist.

Wozu nun dieser Exkurs?

Wir wollten radikal werden – und nur wenn wir im Denken radikal werden, können wir uns dem Trommelfeuer der Manipulation entziehen. Verlassen wir diesen radikalen Kurs, werden wir zum Spielball der Willkür von Experten, die uns hierhin und dorthin schubsen wollen. Wie Schopenhauer schon sagte: Philosophie bringt nichts – aber erspart einem vieles.

Auf dem Spiel steht … die Existenz der Menschheit selbst – und vielleicht des ganzen Planeten. Weshalb wir entschieden das Leben der Menschen gegen den Glauben der Übermenschen verteidigen müssen: einen Glauben, den wir – im westlichen Sprachkodex – mit gutem Recht satanisch nennen können, wenn er gegen das vorgeht, was wir wissen können, glauben und hoffen dürfen oder gegen jene Art, wie wir vernünftigerweise Leben sollten (siehe Zeit):

Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte.

Was dieser kategorische Imperativ nun praktisch bedeutet, können Sie sich selbst leicht ausrechnen: wenn 7,5 Milliarden Menschen eine eigene Yacht, einen Buggati, einen Privatflieger und eine Riesenvilla wollen … wird es eng.

Und äußerst unmoralisch.

 

 

Die Zerstörung von Familie, Liebe, Gesellschaft durch die kannibalistische Wirtschaftsordnung

Dienstag, 3.10.2017. Eifel. Wir müssen mal über die Familie reden. Nein, keine Sorge: nicht über Ihre. Damit haben Sie genug zu tun. Wir müssen generell über Familie reden, zuerst mal … über die besondere Bedeutung von Familie für jede Form menschlicher Gemeinschaft. Nun werden zuerst die ´68er kommen und deklarieren, die Familie sei Keimzelle des Faschismus und gehöre zerschlagen. Sie berufen sich auf die Studien Fromms über den „autoritären Charakter“, der die Kleinfamilie als Brutstätte allen Übels definierte. Die Gleichung war einfach und beruft sich auch auf die Forschungen von Wilhelm Reich: ist die Kleinfamilie Brutstätte der Autoritätshörigkeit, so züchtet sie in einer Art Sado-Maso-Zirkus Personal für den autoritären Staat. Merken Sie, wie es von Anfang an schief läuft? Wie üblich bei Hypothesenketten können wir alle übrigen, anhängenden Hypothesen (also: Theorien, Schlussfolgerungen, Vermutungen) wenn die Kernhypothese nicht hundertprozentig stimmt. Finden sie ein paar glückliche, sexuell ausgeglichene Familien, dann … bricht der Hypothesenkomplex in sich zusammen. Und – kennen Sie welche?

Lassen wir diesen Aspekt also einfach mal beiseite. Wir können ihn weiter im Hinterkopf behalten, weil … die 68´er überhaupt nicht so doof waren, wie man ihnen immer vorwirft – wobei die Hauptvorwürfe ja gerade jene betreffen, die die Werte der ´68er verraten und sich beim Marsch durch die Intitutionen dick und dämlich gefressen haben, wobei sie alle Anforderungen an kritischer Selbstreflexion und sozialer Verantwortung, die an das Individuum zwecks Errichtung einer sozialen Gesellschaft gestellt wurden, getrost ignorierten und durch ein hemmungsloses „Mensch, was bin ich gut, so richtig supergut“ ersetzt haben, das „gut sein“ aber durch ihren Kontostand belegten. Ja – es war die Generation, die das Wort „verdienen“ kritiklos übernommen hatten, auf einmal war von „gutem Geld“ die Rede … als ob Geld an und für sich eine moralische Qualität erlangen kann. Gemeint war auch was anderes: gemeint war „viel Geld“ – ebenso wie mit „verdienen“ die Zuteilung von Versorgungsmasse nach Gutdünken der Geldherren analog zur Nützlichkeit für diese beschrieben wird … was sich aber nicht gut anhört und einem bei entsprechend viel Geld normalerweise schnell die kritische Frage auslösen sollte: „inwiefern schade ich durch meine eigene Nützlichkeit für die Geldherren eigentlich der demokratischen Zivilgesellschaft, von der sich diese ausschließlich nähren?“.

Bleiben wir bei dem Begriff Familie, der heute ja unterschiedlichste Formen annimmt – wir hatten ja gerade die „Ehe für alle“ als wahlentscheidendes Megathema durch. Ich möchte mich jenem Begriff der Familie  zuwenden, der … mit Kindern zu tun hat – eine ganz archaische Betrachtungsweise also, die in nichts anderem begründet ist, als das unser Nachwuchs so fürchtlich lebensuntüchtig ist. Kennen Sie noch Kinder? Schon mal eins gesehen, wenn es geboren wird? Es dauert zum Teil Jahre, bis die überhaupt mal laufen können – oder sprechen. Die ersten Jahre ihres Lebens brauchen die eine absolut geschützte Umgebung, undenkbar, sie mit zur Jagd zu nehmen, sie taugen lange Zeit noch nicht mal zum Beeren sammeln. So etwas belastet natürlich eine Beziehung besonders, weshalb … nun ja: die Natur die Liebe erfunden hat, jenes unabdingbare Element, das Beziehungen so gut zusammenhält, dass die kleinen Würmchen sich super geborgen fühlen. Ja – ich rede momentan nicht über die kleinbürgerliche Familie des 19. Jahrhunderts, sondern über den Steinzeitmenschen, der uns heute ja noch bei der Partnerwahl dominieren soll (siehe Spiegel)

„Das sind die Kriterien, nach denen man sich einen Partner auswählt. Die sind bereits in der Steinzeit entstanden, prägen uns aber bis heute. Damals fielen die körperliche Größe und der Status des Mannes praktisch zusammen: Ein großer, starker Mann hatte einen hohen Status in der Sippe, und Frauen, die sich einen solchen „überlegenen“ Mann angeln konnten, hatten bessere Chancen, ihre Kinder durchzubringen.“

Ja, ich weiß: das ist eine Schwachsinnstheorie – sie stammt eben von Menschen, die geistig und gedanklich auch heute wieder dem Steinzeitmenschen nahestehen und seine Werte teilen:

„Das Paarungsverhalten hat sich über Hunderttausende von Jahren genetisch eingebrannt. Auch heute noch wählen Frauen zum Beispiel gern großgewachsene Männer, obwohl das inzwischen ja gar nicht mehr notwendig ist.“

„Damit sind wir wieder beim archaischen Beuteschema, das heute auf anderen Ebenen fortwirkt. Insbesondere Frauen, die eine Familie gründen wollen, neigen immer noch dazu, einen Versorger zu suchen, sprich: einen Mann, der beruflich erfolgreicher ist und mehr Geld nach Hause bringt als sie.“

So jedenfalls die Ansicht von materialistisch geprägten Therapeuten, für die Menschen eher geistlose Maschinen sind: Männer Killermaschinen und Frauen Gebärmaschinen. Aber selbst wenn sie so wären: große Männer sind auch gute, schwerfällige Ziele, machen in Wäldern gern viel Krach, verscheuchen das Wild … und wären von allen Frauen des Stammes heiß begehrt, so dass die Wahrscheinlichkeit, dass gerade dieser Mann mich bei der Aufzucht „meiner“ Kinder begleitet, als recht gering anzusetzen ist. Außerdem dürfen wir nicht vergessen, dass wir über Stämme reden: hier wird eher der friedliche weise Mann Häuptling, weil er Gerechtigkeit repräsentiert, die Frieden schafft – und jener Frieden sichert und erhöht die Versorgungsleistung der Gemeinschaft ungemein. Wir denken an andere Rollen des Mannes – den Heiler, den Seher (als ersten Philosophen der Urzeit) und den Lehrer (der den Stamm für die nächsten Generationen sichert), den Geschichtenerzähler und merken: damit ein Stamm funktioniert, braucht es mehr als Körpergröße. Intelligenz, Humor, Verantwortungsgefühl – das hilft einem Stamm weiter: im Extremfall landet die Horde großer, von sich selbst überzeugter Männer nur aufgespießt in der gut versteckten Mammutgrube, die die kleinen Nachbarn für ganz andere Beute geschaffen haben.

Es ist die Philosophie der kapitalistischen – und kannibalistischen – Wirtschaftsordnung die uns hier begegnet und uns wieder in die Steinzeit zurückführen will, indem sie uns vormacht, wir müssten immer noch nach Marktwert denken und jener Marktwert bestimme uns. Marktwert? Lesen Sie mal – wir lassen die Männer jetzt mal in Ruhe – über den Marktwert von Frauen … das Netz ist voll davon. Nehmen wir mal ein Beispiel (siehe Focus):

„Wenn Frauen Ende 20, Anfang 30 sich langfristig binden möchten, stellen sie fest, dass die große Masse von Männern, aus der sie in ihren ersten Uni-Jahren wählen konnten, verschwunden ist. Die Chancen, in ihrem Milieu einen zukünftigen Ehemann zu finden, sind gering.“

Man kann sogar einen Marktwerttest machen (siehe Jolie). Andererseits gibt es eine sichere Faustregel für den Marktwert von Frauen (siehe Spiegel):

„Männer gewinnen an Persönlichkeit und Souveränität, manche auch an Macht und Geld. Das tun Frauen auch, aber niemand rechnet es ihnen als Vorteil an. Bei Frauen wird ein Minus vor die Jahre gesetzt. Jedes Jahr bedeutet einen Abzug in der Gesamtnote. Die männlichen Jahre dagegen lädt die Gesellschaft positiv auf.“

Es gibt auch mathematische Kurven, wie so etwas für Männer und Frauen aussieht (siehe mgtow) – wobei hier der sexuelle Marktwert ohne Berücksichtigung der Versorgerqualitäten errechnet wird, denn die sind aus marktwirtschaftlicher Sicht nicht zu unterschätzen (siehe Zeit):

„Der Heiratsmarkt bezahlt Frauen nach wie vor besser als der Arbeitsmarkt. Wenn der Mann sterben würde, bekäme die Frau mehr Geld durch eine Witwenrente als durch die eigene Altersrente.“

Reicht Ihnen das als Wahnsinn?

Mit Sicherheit kennen Sie diese Welt, sie wurde Ihnen nur noch nie so dargestellt: es ist die Welt der Sklavenmärkte, deren Denken uns inzwischen von einer breiten Front von Publikationen und Medien eingehämmert wird: „habe Deinen eigenen Marktwert im Blick, schlafe Dich hoch, erhöhe Deinen Marktwert durch Heirat und Unterhalt, bleibe „fit for live“, arbeite hart an Dir, um vermarktbar zu bleiben“. Der Unterschied zu früheren Sklavenstaaten ist nur: wir bringen uns selbst zum Markt, stellen uns selbst auf die Bühne und heischen nach Geboten.

Und die Kinder?

Nun – da gibt es schon Modelle, die Lösungen für Kinderarmut anbieten, vor allem kommen hier Konzepte von Linken und Grünen in Betracht: Quintessenz ist – das beste Mittel gegen Kinderarmut ist, dass beide Eltern einer geregelten Vollzeitarbeit nachgehen (siehe Bundestag), d.h. dass Sklavenmama und Sklavenpapa die bestmöglichsten Ergebnisse für sich auf dem Markt erzielen, während die Kindererziehung von anderen Sklaven übernommen wird.

Familie? Geborgenheit? Liebe?

Dinge, für die der Sklave nicht gemacht ist.  Die Erfahrung, dass man Eltern hat, die sich für einen aufopfern, größte Gefahr für Leib und Leben eingehen, um ihren Nachwuchs zu beschützen, macht der Sklave nicht – und es wird auch kaum einer unter den schlecht bezahlten Kindergärtnerinnen dazu bereit sein. Die folgende Grundschule wird durch die Notengebung schnell einen Einführungskurs in „Marktwert“ liefern, der dem kleinen Menschen schon gleich zu Beginn zeigt, dass man seinen Wert auf zwei Stellen hinter dem Komma berechnen kann. Ja – die Aufseher der Sklavenherren erzählen uns gerne von „Partnerwahl im Steinzeitreich“ … aber sie vergessen dabei, auch andere Umstände zu beschreiben, unter denen die „Primitiven“ leben (siehe Zeit):

„Wir glauben heute gern, dass wir so wenig arbeiten wie noch keine Generation vor uns in der Geschichte. Dieser Eindruck scheint zu stimmen, wenn man nur einige Jahrhunderte zurückblickt: Die industrielle Revolution, in der die Arbeitskraft zur Ware wurde, forderte den Arbeitern unmenschlich lange Arbeitszeiten von mehr als zwölf Stunden pro Tag ab, außer den Schlafpausen blieb nicht viel übrig. Auch Sklaven und leibeigene Bauern wurden von ihren Herren quasi als Arbeitsmaschinen gehalten.“

Sowas liest man ganz offen in den „Mainstreammedien“. Revolutionär, oder? Aber in einer Sklavengesellschaft ohne Bedeutung. Steinzeit – war anders:

„Ob australische Ureinwohner, Buschmänner in Botswana oder Indianer im Amazonasgebiet, die Forscher berichten, dass der Einzelne in diesen Gesellschaften mindestens an jedem zweiten Tag überhaupt nicht arbeitet.

Bildet man einen Tagesdurchschnitt, dann schwanken die Angaben zwischen zwei und sechs Stunden – und da ist die Hausarbeit schon mit drin.“

Inklusive Hausarbeit und Einkauf kommen Sie auf 12 Stunden am Tag, oder? Wo ist eigentlich die politische Partei, die die 20-Stunden-Woche fordert (inklusive Hausarbeit von 10 Stunden wöchentlich), die wir dringend bräuchten, um Familie und Liebe wieder zu beleben? Familie ist der Ort, wo Kinder zuerst Liebe erfahren können (wir reden hier aber nicht von der oben erwähnten Kleinfamilie, die schon ein Konstrukt der Sklavenherren war): die Liebe der Eltern zueinander, die Liebe der Großeltern zu ihren Kindern – und die Liebe zu ihnen selbst, den Kleinsten – eine Liebe, die bedingungslos ist und nicht vom Notendurchschnitt abhängt. Liebe … braucht aber Raum und Zeit, selbst die zwischen Frau und Mann. Gerne benutze ich das Bild des Feuers (man spricht ja auch gern vom „Feuer der Lieben“), jenes mächtigsten der Elemente – und gleichzeitig des Abhängigsten: ohne Aufmerksamkeit und Zuwendung erlischt es irgendwann, es braucht Holz in unterschiedlicher Stärke und eine geregelte Luftzufuhr, die sich an der Stärke der Flamme orientieren muss – sonst gelingt es nicht … und der „Marktwert“ hilft hier gar nicht.

Lauschen wir mal einem Dichter zu dem Thema (siehe Gedanken-Gedichte):

Wie ahnungslos der Mensch, der denkt,
die Liebe entspringe langem Beisammensein
und ununterbrochener Gemeinschaft!
Wahre Liebe ist die Tochter eines innigen
Verstehens, und kommt dieses Verständnis
nicht in einem Augenblick zustande,
wird es niemals erlangt –
nicht in einem Jahr,
nicht in einem ganzen Jahrhundert!

Merken Sie, wie fremd diese Worte des libanesisch-amerikanischen Dichters Khalil Gibran in diesem Jahrtausend sind – das wohl als das Finsterste in der Menschheitsgeschicht zu beschreiben ist, wo die Lieblosigkeit eine kannibalistische Weltordnung etabliert hat, die alles frißt: Baum, Tier, Mensch, sogar Wasser und Luft? Merken Sie, wie sich diese Worte von dem Denken jener Menschen unterscheiden, die Ihren Marktwert ausrechnen, damit Sie Ihre Marktchancen für den nächsten Lebensabschnittspartner ausrechnen können – inklusive der Einschätzung, wieviel Euro die Investition in „Dating“ angemessen ist?

Und dabei – ich hoffe, ich habe den Wilhelm Reich hier angemessen verstanden (Wilhelm Reich, Die Entdeckung des Orgons, die Funktion des Orgasmus, Kiwi, 10. Auflage 2014), wenn er gerade jenes „innige Verstehen“ des Dichters als natürliche Grundlage jenes „fallen lassens im Liebesakt“ ist, der allein erfüllte Sexualität garantiert … und Hand in Hand geht mit natürlicher Anständigkeit und der automatischen Ehrhaftigkeit (siehe Seite 143), die Grundlage all unserer Moralwerke und Gesetze ist, die wir heute nur noch als bloße Schablonen toter Regeln erleben.

Ja – dieses tiefe innige Verstehen läßt sich nicht herbeizwingen … es ist ein Geschenk der Welt an den Menschen. Um ihm zu begegnen, brauchen wir … Zeit, falls der Zufall es uns nicht gleich in der Nachbarschaft serviert. Um daraus Liebe wachsen zu lassen – wie man aus einem kleinen Apfelkern einen großen Baum züchtet, von dessen Früchten die nächste Generation leben kann – brauchen wir noch viel mehr Zeit, Zeit, die wir in der Steinzeit reichlich hatten. Es ist dieses tiefe, innige Verstehen, das aus einem „Lebensabschnittspartner“ (der kleine Spaß der Sklaven, geboren aus dem Gebot der ständigen Verfügbarkeit für den Sklavenmarkt) einen Lieblingsmenschen machen kann, versehen mit dem Wunsch, der Abschnitt möge nie zuende gehen … was dem natürlichen Wachstum von Kindern in einer Sphäre der Liebe und Geborgenheit sehr entgegenkommt … und Grundlage einer Gesellschaft sein kann, die Hass und Verurteilung durch Verstehen ersetzt, einer Gesellschaft, in der es kein Gut und Böse gibt, sondern nur ein „Sein“ … und die in Folge eines voll erfüllten Liebeslebens keinerlei Bedarf mehr an Kriminalität, Vergewaltigung, Mord und Ausbeutung hat.

Ein Traum?

Vielleicht. Doch überlebensfähiger als der Alptraum, in dem wir gerade leben, weshalb der Schritt zu Alternativen kein überflüssiger, „sozialromantischer“ Luxus ist, sondern überlebensnotwendig. Und die Frage nach der Liebe … was braucht ein Mensch mehr? Ja, sicher: Nahrung, Obdach, Wärme – ohne das funktioniert man nicht. Und da all das mit Staatsgewalt ans Geld gebunden ist, kommt Geld unnatürlicherweise mit als Faktor zu den überlebensnotwendigen Gütern – wobei es in der Natur keinen Wert an sich hat: essen Sie einfach mal ein paar Scheine, wenn sie Hunger haben, lutschen Sie sie aus, wenn sie durstig sind, schauen Sie, wie lange Sie sich mit hundert Tausend-Euro-Scheinen warm halten können – ich verspreche, Sie werden sehr enttäuscht sein. Und Liebe – kann man erst recht nicht kaufen, sie ist immer und überall ein Geschenk – das einen jenseits allen Marktwertes ereilen kann. Doch gelehrt wird anderes – aus gutem Grund (siehe Utopia)

„Ich behaupte, dass das in unserer Konsumgesellschaft so gewollt ist. Menschen, die nicht wissen, wer sie sein wollen, kann man alles aufschwatzen. „Was ist eigentlich die Würde? Was für ein Mensch will ich sein?“ Das sind Fragen, die passen nicht in eine Konsumgesellschaft. Dabei sind das Fragen, die man für sich persönlich beantworten muss, damit man einen Kompass im Leben hat. Sonst kann man ja jederzeit von jedem beliebigen Angebot aus der Bahn geworfen werden. Und da wir in einer Gesellschaft leben, in der so viele ihre Angebote loswerden wollen, hat die Konsumgesellschaft kein Interesse daran, dass sich immer mehr Menschen mit dieser Frage auseinandersetzen.“

Sehen wir Familie als das an, was durch das tiefe innige Verstehen gebildet wird, so verstehen wir, dass dies für Kinder sehr wichtig ist: sie lernen eher durch Anschauung als durch fromme Theorie.

Und was lernen sie heute?

Dass wir wieder in einer Welt des Fressens und Gefressen-Werdens leben. Wie in der Steinzeit. Nur ärmer halt: nun ist der Mensch Raub- und Beutetier gleichzeitig, aber die Gemeinschaften, die ihm – erhalten durch tiefstes innigstes Verstehen ihrer Mitglieder – zwischendurch mal Schutz und Geborgenheit gaben, gibt es nicht mehr … noch nicht mal als Familie, der kleinsten funktionalen Einheit der Gemeinschaft.

Und darum … steht dieser Artikel in der Rubrik Politik, weil Änderungen radikal an der Wurzel beginnen müssen. Halten Sie es doch mit dem Philosophen Gerd Achenbach (siehe Deutschlandfunkkultur):

„Soll ich mir etwa die Beziehungsabenteuer mit jeweils ausgetauschten Lebensabschnittspartnern als ‚Familie heute‘ aufschwatzen lassen?“

Kann man machen.

Muss man aber nicht.

Was sind denn auch diese Beziehungsabenteuer anders als kurzzeitige Geschäfte zwecks Bestätigung und Aufwertung des eigenen Marktwertes, von vorn herein zum Zerbrechen angelegt, da … das Herz bald merkt, dass da noch nicht mal ein Funke war, aus dem ein Feuer hätte entstehen können, dass tiefe, innerste Bedürfnisse nicht gestillt werden können, wo nur Berechnung ist? Das erklärt uns Scheidungsraten von bald 50 Prozent – und „Ehen“, die nach endgültiger Akzeptanz der Unerfülltheit als Folterknast weiterbestehen, in der die Teilnehmer jeweils den anderen für das eigene Versagen verantwortlich machen … und ihn so gut es geht dafür bestrafen.

Eine friedliche, glückliche Gesellschaft mit glücklichen Kindern erzeugt man so nicht.

Aber das sehen wir ja jeden Tag. Und könnten daraus lernen, dass der Moloch neoliberaler Kapitalismus uns bis ins tiefste innerste zu zerstören trachtet – und das in seinem Reich kein Glück ein Zuhause findet…und der ganze Planet eher zur Wüste wird.

 

 

Abschiedsbrief des romantischen Mannes

Freitag, 25.8.2017. Eifel. Es wird Zeit, Abschied zu nehmen. Das merken gerade viele. Vögel, Insekten – besonders Bienen und Schmetterlinge, viele Fischarten, Säugetiere – ich erspare es mir, sie alle aufzuzählen: wir sind hier nicht in der Biologiestunde. Warum Abschied? Es reicht einfach. Dafür haben wir ja Vernunft, die uns von den Tieren unterscheidet: um weit in die Zukunft schauen zu können … weit über das nächste Quartal oder die nächsten vier Jahre hinaus – jenen Maximalleistungen der deutschen Lumpenelite. Es ist Zeit zu erkennen, dass es Zeit ist, zu gehen, weil die Lebensräume, in denen man sich wohlfühlen kann, endgültig verschwunden sind – ebenso wie die Lebensräume, in denen man überhaupt existieren kann. Es wird Zeit, die Vernunft zu gebrauchen und der eigenen Existenz ein Ende zu setzen: ist ja auch „in“ in dieser Zeit, viele – viel zu viele – scheiden in Deutschland freiwillig aus dem Leben, die Selbstmordrate in Deutschland ist erschreckend hoch (siehe Psychomeda) … und da wagen es Parteien wirklich noch zu jubeln, dass dies ein Land ist, in dem „wir gut und gerne leben“. 100 000 versuchen sich jährlich das Leben zu nehmen, nur viel zu oft ist das Leben in ihnen stärker. Darunter sind übrigens auch erstaunlich viele Kinder: ein Phänomen, das in alten Kulturen völlig unbekannt war. Hat sich noch nie jemand darüber Gedanken gemacht, wie man eine Kultur nennen kann, in der Kinder lieber in den Abgrund stürzen als ihr Leben zu leben? Doch gehen wir fort vom Suizid, dass soll überhaupt nicht das Thema sein.

Es geht ja um den Abschiedsbrief des romantischen Mannes, der schon viel zu lange mit dem Ungemach lebt, dass diese Zeit in Massen produziert.

Wissen Sie eigentlich noch, was das ist, Romantik? Ich wette, Sie haben sofort irgendetwas mit Kerzen, Rosen und Geigen im Kopf. Also: ein softer, komplizierter, umständlicher Weg zum Sex. Geben Sie es ruhig zu: mehr fällt Ihnen nicht dazu ein, Sie können auch gerne alle Nachbarn fragen – das Ergebnis wird das gleiche sein. Wertung der Romantik? Negativ. Uneffizient. Unnütz. Oder wie erklären Sie sich sonst Existenz und Gebrauch des Begriffs „Sozialromantik“, gerne verwendet von Menschen, die sich weit vom Humanismus abgewandt und in den Dienst der Mächte und Gewalten dieser Erde gestellt haben – dabei jede Art von Menschlichkeit verloren und in der Massenvernichtung von Menschen nur noch … Kollateralschäden sehen.

Nur gut, dass es Menschen gibt, die sich auch im Zeitalter des dekadenten Internet noch um Begriffe kümmern, Menschen, die sich an Geschichte erinnern können und sich bemühen, die Erinnerung zu bewahren – die Erinnerung an den Begriff von Romantik (siehe wortwuchs):

„Der Begriff meinte ursprünglich, dass Etwas wunderbar, abenteuerlich, erfunden sowie fantastisch war und geht auf die altfranzösischen Wörter romanz, roman und romant zurück, die allesamt Werke und Schriften bezeichnen, die in der Sprache des Volkes verfasst wurden. Ist ein Text romantisch, dann ist er sinnlich, abenteuerlich, schaurig, fantastisch und wunderbar, gibt sich der Natur hin, überwindet die Grenzen des Verstandes und stellt das Unterbewusste sowie Traumhafte in den absoluten Vordergrund.“

Lesen Sie das Zitat ruhig nochmal durch. Coole Begriffe, oder? Sicher stört Sie der Begriff „schaurig“ – aber denken und staunen Sie: der kommt vom Begriff „Regenschauer“… und erinnert an das wohlige Gefühl, wenn draußen richtiges Mistwetter ist und man selber im Ohrensessel neben dem Kamin am Fenster sitzt und hinausschaut: ein Wort, das funktioniert, wenn man selbst in wohliger Sicherheit ist. Wer kennt das heute schon noch: diese wohlige Sicherheit?

Und sinnlich? Genau ihre Welt, oder? Sie mögen doch Pornofilme – ist doch das erste, was Ihnen da in den Sinn kam, oder? Sinnlich jedoch – heißt, den Sinnen gemäß. Sexualität ist etwas für die Haut, weniger etwas fürs Auge. Ja – auch, aber eben weniger. Haben Sie sich noch nie Gedanken drüber gemacht, dass da falsche Sinne zum Einsatz kommen? Ist aber eine Milliardenindustrie.

Abenteuerlich? Können Sie sich vorstellen, in ein kleines Holzboot zu steigen und in höllischen Stürmen den Atlantik zu überqueren – nur aus Neugier? War so der Anfang der Pauschalreisen – die wiederum selbst das Ende jedes Abenteuers bedeuteten.

Und fantastisch? Ehrlich: das Wort haben Sie doch nur noch mal im Rahmen von billigen Varietévorstellungen im Gebrauch – oder wenn der DAX mal überraschend steigt. Gibt es noch etwas wirklich fantastisches in Ihrer Welt? Es ist doch ebenso fort wie das Wunderbare. Daher auch das Gefühl – und die Panik – das der Planet zu voll sei … weil alles so überschaubar und eng wirkt.

Noch was zu „Romantik“? Einen haben wir noch:

„Wesentlich ist hierbei, dass die Romantiker sich vor allem mit der Geschichte und Sprache ihres eigenen Volkes befassten und von der Antike abwandten, weshalb Märchen, Sagen sowie Mythen populäre Textsorten waren, aber natürlich auch der Roman als volkssprachliche literarische Gattung durchaus positiv bewertet wurde.“

Märchen, Mythen und Sagen: ach, was waren die lange belächelt. In den siebziger Jahren wussten wir, dass Kinder Märchen brauchen, später kam der Theologe und Psychoanalytiker Eugen Drewermann und zeigte auf, welch´ tiefe analytische Wahrheiten in einfachsten Märchen verborgen sind  (siehe Südwestpresse):

„Die Märchen sind auch eine Fundgrunde für psychotherapeutische Sitzungen. Denn sie bieten Grundgestalten von Konflikten an, die immer wieder auftreten. Im „Schneewittchen“ etwa haben wir die Gestalt der verfolgenden Stiefmutter, den Konkurrenzwettkampf, wer schöner ist und mehr Liebe auf sich zieht, die Vergiftung der Liebe unter dem Anschein der Fürsorge – man hat eine Einführung ins Frausein, die im Untergrund völlige Zerstörung bedeutet. Für Psychologen eine klassische Double-bind-Situation – und wie viele Frauen wüssten nicht von Ähnlichem zu erzählen: Die Mutter hat es gut gemeint, stand aber selbst unter so vielen Zwängen, dass sie es nicht wohl meinen konnte. Oder nehmen wir den „Froschkönig“: die Geschichte eines Mannes, der offenbar im Schatten seine Mutter steht und auf der Suche nach Liebe einer Königstochter hinterherläuft, die sich wiederum nur aus Gehorsam zu ihrem Vater zur Liebe bekennt – wie kommen die beiden zueinander und lösen sich von den Eltern ab? Es sind spannende Fragen, die in Märchen zugespitzt erzählt werden.“

„Nur Liebe führt zum Glück“, heißt dieser Artikel, der uns aufzeigt, dass einfache Bauerntölpel über Jahrhunderte hinweg von Oma, Opa, Mama und Papa schon psychoanalytische Aufgabenstellungen vorgesetzt bekamen, die sie aufs Leben vorbereiteten – ganz ohne den Satz des Pythagoras oder Kenntnis von Präpositionen.

Liebe – ein Wort, das oft mit Romantik verbunden ist. Heute … oft gleich gesetzt mit Sex. weshalb wohl auch kaum noch jemand von Liebe für Kinder spricht (es drängt sich gleich ein Missbrauchsverdacht auf) – vielleicht gibt es die ja auch kaum noch und deshalb bringen die sich um.

Bleiben wir aber erstmal bei der Romantik bei der „Hingabe an die Natur“ – oder bei der Sinnlichkeit.

Wissen Sie eigentlich, wie viel Sinne sie haben? Sehen, hören, schmecken, riechen, fühlen. Gibt noch mehr – moderne – Sinne (Gleichgewicht, Schmerz, Temperatur sowie die Eigenwahrnehmung des Körpers), die wir erstmal vernachlässigen können (und die man auch den taktilen Sinnen unterordnen könnte – das können wir gerne mal später diskutieren).

Wissen Sie, wofür diese Sinne geprägt sind? Zum Wohlfühlen, zum Glücklichsein – zwecks perfekter Anpassung an die natürliche Umgebung. Denken Sie an einen Waldspaziergang im Sommer: weiche Erde, sanftes Gras unter ihren Füßen, Wind umschmeichelt ihre Haut, ein Meer von lieblichen Düften ist in der Luft, das Ohr erfreut sich am Chor der rauschenden Blätter, das Auge im Lichterspiel der Sonnenstrahlen in den Bäumen – Glück breitet sich aus, gefolgt von Liebe…Liebe zu Natur, einem sehr tiefen, sehr stabilen und beglückendem Gefühl, gleich tief und erfüllen wie die Liebe zu einem Menschen … Liebe, gefolgt von dem Willen, diesen Zustand zu erhalten.

Und wissen Sie, was diese unsere moderne Welt den Sinnen präsentiert? Ihren Sinnen?

Gehen wir das mal ganz langsam durch.

Ihre Füße – berühren keine Erde mehr. Sie sind eingepackt in kleine, tragbare Kartons, oft aus Leder (ja, wie nennen diese Kartons „Schuhe“). Ihre Haut? Ebenfalls eingepackt – in Packwolle. Kein Windchen erreicht sie mehr – und wenn doch, kommt zuerst die Angst, dass es die Frisur vor dem nächsten Termin durcheinanderbringt. Und was die Düfte angeht: halten Sie mal ruhig ihre Nase in die Luft – Benzingestank dominiert alles – oder die sterile Büroluft, vollklimatisiert. Die Ohren? Erfüllt mit einer Kakophonie des Grauens, erzeugt vom modernen Verkehr – hier reichen auf dem Lande allein schon Motorräder, um Meile über Meile mit Lärmverschmutzung zu überziehen – von der akustischen Hölle in den Städten, Büros und erst recht den Geschäften mal ganz abgesehen. Und die Optik? Unser Auge fühlt sich wohl, wenn es die wogenden Wellen des Meeres sieht, oder die filigrane Vielfalt eines Baumes. Dafür wurde es geschaffen. Und was wiederfährt ihm hier? Rasender Blechterror und absurde und abstoßende Farben auf den Straßen, häßlich kahle Wände im Innen und Außen. Wir vergewaltigen all´ unsere Sinne, Tag für Tag – und wundern uns, dass wir unglücklich sind?

Sicher, Sie haben manchmal noch Ausgang aus Ihrem Sinnesfolterknast. Urlaub, Wochenende. Man ist sich bewusst, dass Sie eins der am schlimmsten geschundenen Geschöpfe der Menschheitsgeschichte sind, weil Sie unter absolut unnatürlichen, experimentellen Laborbedingungen existieren – deshalb gibt es Schonphasen. Noch. Der Sehsinn wird permanent überfordert – Straßenverkehr, irre Bilderfolge in den Medien, pausenloses Lesen – und die anderen Sinne … riechen, hören, fühlen, schmecken – stumpfen ab … jedenfalls gab es dazu mal Studien, von denen ich aber im Netz aktuell keine wiederfinde – dafür aber Diskussionen über die komplette Abschaffung des ganzen Körper als lebensunnotwendigen Ballast (siehe die Diskussion über „Virtuell Reality“ bei Tu-Darmstadt, wobei außer Acht gelassen wird, das diese künstlichen Realitäten auch einen Schonraum für manche täglich gefolterten Sinne darstellen können).

Was Romantik noch im  Auge hat: Überwindung der Grenzen des Verstandes. Geht das überhaupt? Dann noch die Hinwendung zum Unbewussten, das Primat des Traumhaften: sind wir da nicht absolut im Irrenhaus gelandet? Nun – es geht sogar sehr schnell, die Grenzen des Verstandes zu überschreiten … denn er macht nur zehn Prozent des menschlichen Seins aus, neunzig Prozent liegen im Unbewussten … das sich gerne im Traumhaften ausdrückt. Oder in Märchen. Wer nur Verstand hat, ist ein außerordentlich reduzierter Mensch, oft arm an Sinneseindrücken, fern der Liebe, ja, da er nur ein Zehntel des Menschseins präsentiert … steht er uns ferner als der Affe. Darum findet der Verstandesmann – unser Alphatier – auch nichts schlimmes an Tierversuchen, Mastanlagen, Vergiftung unsere Lebensgrundlagen, demonstrativen Massenvernichtungen durch Atombombenabwürfe oder – harmlos klingenden aber tödlich seienden – „Sanktionen“, kann locker das Problem der Atommüllendlagerung ignorieren, die Verpestung unsere Lebensräume, den suizidalen Wahnsinn das irrationalen Masseneinsatzes von Antibiotika (die als Folge die ganze Menschheit neuen Keimen völlig hilflos ausliefert – mit dem Risiko milliardenfachen Todes zugunsten kurzfristiger Rendite aus Schweinemast), der Vermüllung gigantischer Meeresräume … um nur ein paar der Folgen zu nennen.

Warum aber … verabschiedet sich gerade jetzt der romantische Mann? Könnten wir ihn nicht dringend brauchen? Jenen Mann, der Heger der Landschaft ist, Pfleger der wunden Tiere, Hüter der ergiebigen Felder, Sänger der heiligen Lieder, Verkünder besserer Welten, Freund der Bäume und Flüße, des Lichtes und der beglückenden Klänge sowie Heiler der Seele? Helfer in Not für Baum, Mensch und Tier, Gründer von Zufluchten und Zaubergärten, Prediger einer heil gewordenen Zukunft – und erbitterter Feind jeglichen Unheils, dass die Gemeinschaft der Menschen bedroht?

Im Prinzip: ja. Und viele träumen ja gerade von ihm: dem weisen, gerechten König, der auf edlem Ross herbeigeritten kommt, den Gralskelch in der einen Hand und Exkalibur in der anderen – und der die Menschheit endlich befreit von ihren Peinigern. Die Märchen sind voll von diesen Gestalten … auch die modernen Märchen Hollywoods. Märchen – finden halt ihren Weg, die Ritter der Tafelrunde sind schon längst als Jediritter wieder auferstanden, streiten für eine untergehende Republik, die von Bankern, Ingenieuren, Händlern und vor allem finsteren, verschwörerisch im Hintergrund agierenden Mächten zerstört wird. Wir denken auch an den Fischerkönig der Artussage, jener mythischen, verletzten Gestalt, deren Heilung das Heil für das ganz Land bedeuten kann … und dessen Aspekte in der Gestalt des Darth Vader auf wundersame Weise wieder auferstehen.

Doch er selbst: geht. Verschwindet in die Wälder – oder geht furchtlos hinein ins Nichts, dass uns alle am Ende erwartet, denn er weiß: stirbt er erst den Tod des Geistes, wird der weitere Weg schwieriger. Das Experiment „Universum 25“ beschreibt die Folgen des geistigen Todes bei Mäusen (siehe anjamüller), die – obwohl materiell in paradiesischen Zuständen lebend – als Gesellschaft aussterben … dort stellt die Tatsache, dass es keinen Platz mehr in der sozialen Hierarchie gibt, den geisten Tod da.

Keinen Platz mehr in der sozialen Hierarchie? Für Männer? Viele werden jetzt aufstöhnen, weil „Mann“ an und für sich nicht mehr differenziert gedacht wird – wie so vieles nicht mehr differenziert gedacht wird, sondern durch Parolen geformt. Ich – sprach jedoch nur von dem romantischen Mann, der Mitgefühl kennt, weil er voller Liebe für die Schönheit der sterbenden Natur ist. Und er geht nicht aus freiem Willen, er geht, weil er vertrieben wird.

Vertrieben?

Schauen Sie sich mal ganz genau an, wem man die Verantwortung für die Vernichtung der Ökosphäre gibt?

Denen, die den Plastikmüll produzieren? Oder den Sondermüll auf vier Rädern? Denen, die bei aller Begeisterung und Propaganda für „Technik“ verschwiegen haben, dass die vielfältigen Nebenwirkungen dieser Technik den Planten in eine öde Wüste verwandeln werden? Die nach ihrem beständigen Streben nach noch mehr Macht über alles die tödlichsten Bomben, die dauerhaftesten Gifte, die unsinnigsten verschwenderischen Produkte produziert und vertrieben haben? Jenen, die aus lebendigen Tieren siechende, ja giftige Biomasse machen, damit die Bratwurst billig bleibt? Es sind die Unmenschen des Verstandes (die minus-neunzig-Prozent-Menschen – die es auch als Frauen gibt), die in maßloser Selbstüberschätzung einen Hass auf alles lebendige praktizieren … und vielleicht gerade auch deshalb von der körperlosen (also: sinn- und glücksbefreiten) Existenz im Cyberspace träumen, wo sie als Götter mit absoluter Macht herrschen können.

Nein – jene werden nicht angeprangert.

Doch jene, die auch nicht ein einziges Mal „ja“ zu allem gesagt haben, nicht zu Autobahnen, nicht zu Atomkraftwerken, Plastiktsunamis oder Massenurlaubswahn, die einfachen, sinnlichen, träumenden romantischen Männern, werden schuldig gesprochen – und ein ganzer Chor von Mitmenschen stimmt darin ein: sie sind es, die Schuld tragen an allem Übel, die Konsumenten, die, die nur überleben wollen – und müssen – sie gelangen in den Fokus des Hasses und der Verachtung … und hier vor allem: Männer. Frau will sich ja den Alphamann nicht durch unnötige Kritik vergraulen – und die Chance auf ein arbeitsfreies Leben am Pool der Macht verspielen.

Der romantische Mann … spricht und schreibt in der Sprache des Volkes, pflege der Seele ist ihm wichtiger als die Gier nach Macht – doch er geht nun mit den Tieren, den Pflanzen, den altertümlichen Werten und der Sozialromantik fort, geht, mit den Dingen die er heiß und innig liebt … an einen anderen Ort. Er geht mit einem fröhlichen „macht euren Scheiß doch alleine“, weil er etwas inneträgt, das nur aus der Romantik geboren werden kann: Weisheit. Und eine allumfassende Liebe.

Und die Revolution, den Widerstand, die Heilung … überläßt er jenen, die ihn jagen und verfolgen. Weshalb … in dieser Hinsicht auch nichts mehr geschieht.

Ohne Liebe, ohne Mitgefühl, ohne das Gefühl für Anstand und Gerechtigkeit … kein Widerstand.

Und all´ diese Werte erwachsen aus … der Romantik.

 

 

 

 

 

 

Liebe, Tod und Gwup

Freitag, 9. Dezember. Eifel. Heute, lieber Leser, muss ich Ihnen viel zumuten. Nein – es geht nicht anders: manchmal müssen wir uns einen Moment Zeit nehmen, eine kleine Auszeit aus dem Hamsterrad, um von den kleinen Themen dieser Welt (Krieg, Ausbeutung, Ungerechtigkeit, Ökozid, atomarer Holocaust, Hungersnöte – um nur einige zu nennen) auf die großen Themen dieser Welt zu blicken, Themen, die das ganze politische Leben steuern und Ihnen persönlich im eigenen Leben enge Grenzen setzen, Sie deprimieren, hoffnungslos und kraftlos machen und manchmal sogar – ob eines Anflugs massiver Sinnlosigkeit – in den Suizid treiben, Themen, die letztlich dafür verantwortlich sind, dass Sie sich gegen massives Unrecht gar nicht mehr angemessen zur Wehr setzen können – ja sogar noch nicht mal gegen ihre schlechte Bezahlung, ihre unbezahlten Überstunden oder gegen die Arroganz ihres Chefs vorgehen können und sich weit zurückziehen in ihre kleine Privathöhle, in der sie allein oder in nerviger Zweisamkeit vor sich hinvegetieren, bis das endgültige Ende kommt.

Ich muss heute einmal einen weiten Bogen spannen und sie einführen in die höchsten Künste der Wissenschaft – auch wenn sie gerade mal einen Hauptschulabschluss geschafft haben: Sie können ohne diesen Bogen kein mündiger, demokratischer Bürger werden – oder auch nur ein glückliches, liebevolles, lebendiges Wesen, das jedem Unbill von Außen gelassen trotzen kann … wie es Eigenschaft und Vorrecht allen Lebendigen ist.

Fangen wir an mit einer ganz zentralen Frage: was ist Wahrheit? Nein, die müssen Sie jetzt nicht selbst beantworten, dafür gibt es ja die Philosophie, die Königin der Wissenschaften – die hat das schon lange für Sie erledigt, damit Sie weiter vernünftigen, sinnvollen Arbeiten nachgehen können: Häuser bauen, Brot backen, Wasser schöpfen, Obst sammeln. Die Antworten sind auch seit knapp 2500 Jahren dieselben, einen Fortschritt hat es seitdem nicht gegeben.

Wir haben nur zwei Möglichkeiten, Wahrheiten zu gestalten (ja, wichtige Nebenerkenntnis: wir erschaffen die selbst, die liegen nicht draußen irgendwo herum und warten nur darauf, gefunden zu werden); die eine Möglichkeit ist: wir nehmen nur das als wahr an, was unsere Sinne uns mitteilen. Das ist soweit ganz ok – wenn man im Hinterkopf behält, dass unsere Sinne beschränkt sind und nicht zur Wahrheitsfindung gedacht: sie sollen uns nur dazu befähigen, unseren Körper ungeschadet durch die Natur zu führen, dafür wurden sie entwickelt. Biologische Wesen haben wohl mehr davon, als uns klar ist: manche können Wärmesignaturen ausmachen, andere feinste Geruchsspuren nachfolgen, andere orientieren sich an Magnetfeldern, haben einen „Magnetsinn“, der ein völlig anderes Weltbild hervorrufen würde, als jenes, das wir uns als Menschen basteln.

Die andere Möglichkeit ist ebenso einfach wie bestechend: wir erkennen nur das als „wahr“ an, was unserer Vernunft als wahr erscheint, ganz einfach deshalb, weil wir wissen, wie beschränkt unsere Sinne sind, wie trügerisch und leicht anfällig für Fieberphantasien.

Die erste Methode zur Wahrheitsfindung nennt man Empirismus, die zweite Rationalismus. Merken Sie sich diese Begriffe bitte – sie ersparen Ihnen ein ganzes Philosophiestudium.

Und jetzt kommt das Problem: der Empirismus in reinster Form akzeptiert alle ungewöhnlichen Beobachtungen als wahr. Geister, Ufos, Marienerscheinungen: wenn es  genug Menschen gibt (also: zwei bis drei), die diese Wahrheiten beobachtet haben, gelten sie uneingeschränkt als wahr. Ja, uneingeschränkt, denn: wenn wir erstmal anfangen, unsere sinnlichen Wahrnehmungen zu hinterfragen, landen wir ganz schnell in seltsamen Gefilden der Beliebigkeit, die Wahrheitssuche und Wissenschaft unmöglich machen. Für den Empirismus sind Geister (um mal nur ein Beispiel zu nennen) normaler Bestandteil der wissenschaftlichen Welt; Sie müssen sich also nicht als „verrückt“ beschimpfen lassen, wenn Sie – wie der berühmte Psychologe Carl Gustav Jung – mal Erfahrungen hatten, die mit dem gerade offiziell gewünschten Weltbild nicht mehr vereinbar sind: sie hatten nur das Pech, mit Wahrheiten konfrontiert zu werden, die selten sind – aber trotzdem „wirklich“ (allein schon deshalb, weil sie auf Sie „gewirkt“ haben).

Der Rationalismus – als Skeptizismus verstanden – kann mit diesen Wahrheiten nichts anfangen. Zu sehr leidet er unter den Scharlatanen, hat gesehen, was „fromme“ Geisterseher anrichten konnten, wie sie nach Macht über Menschen gierten und hat deshalb den Verstand als oberste Autorität an Stelle der Sinne gesetzt, um allen Unfug auszumerzen. Die Sinne liefern nur groben Unfug, der mühsam sortiert werden muss und durch das Gehirn zusätzlich verfälscht wird, zudem leiden wir darunter, dass unser Verstand nur eine begrenzte Anzahl von Kategorien überhaupt erfassen kann (Farbe, Form, Zahl – und nur einige zu nennen), so dass Welt hinter der sinnlichen Wahrnehmung für uns  immer ein unerklärliches Geheimnis bleibt, das wir nie ergründen können. Auch das ist ein – sehr bescheidener, aber funktionierender – Ansatz zur Wahrheitsfindung – und doch führt er uns zu einer Wahrheit, mit der wir uns schwer tun: der Verstand lebt nicht ohne Gott, er kann sich das Universum ohne Gott nicht vorstellen, darauf laufen alle „Gottesbeweise“ hin. Gottesbeweise? Ich stelle Ihnen mal einen vor. Alle Bewegung im bekannten Universum wird von einer anderen Bewegung angestoßen (ja, einfach mal selber ausprobieren – das stimmt schon), ganz am Anfang müssen wir uns deshalb ein Wunder vorstellen: ein Etwas, dass sich rein aus eigenem Willen heraus von selbst bewegen kann, also über dem natürlichen Kreislauf abhängiger Bewegungen steht: so was nennen wir dann „Gott“.

Wir haben also die Wahl zwischen einer Welt voller Geister – und einer Welt voller Götter. Beide sind wahr – soweit wir das beurteilen können. Beides sind wissenschaftlich korrekte Wahrheiten, die allen relevanten Bedingungen von Wissenschaft entsprechen. Und Sie wundern sich jetzt, warum wir trotzdem Menschen in die Klappsmühle stecken, die Geister und Götter in ihr Weltbild integrieren.

Das hat – immer und überall – rein politische Gründe. Hier geht es um Macht und Herrschaft und um das Instrument „Inquisition“, um „angeordnete Wahrheiten“, die die Wahrheiten der Sinne oder des Verstandes dominieren sollen, um Ihren Geist in ein Gefängnis zu sperren: dem besten Gefängnis das es gibt, weil Sie es selbst bewachen. Ja – Inquisition: hier im düstersten Wortsinne – es geht um Folter, Hexenverbrennungen, Waterboarding und alle anderen Instrumente des Grauens, die psychopathische Menschen sich ausdenken können, um andere zu quälen – und man kann sie mit gutem Recht als „krank“ bezeichnen, weil gesunde Menschen an solchen Abscheulichkeiten gar keinen Spaß entwickeln – dafür aber eine zauberhafte Fähigkeit besitzen, die ebenfalls der Wahrheitsfindung dient: die Liebe.

Ja, jetzt denken Sie: jetzt redet der wieder über Sex. Nein, das tue ich nicht, das überlasse ich gerne Wilhelm Reich, dessen Bücher von der Inquisition verbrannt wurden. Ich rede über Arthur Schopenhauer, jenen Denker, der – in meinen Augen – bis heute viel zu wenig geschätzt wird, obwohl er Wunder verbrachte … bei der Betrachtung seines Hundes. Pudel, glaube ich.

Stellen Sie sich folgende Situation vor: Sie sehen, wie ein Hund (nicht Ihr Hund – der ist schon längst ein verlängerter Teil von Ihnen, das gilt nicht!) vor Ihren Augen mit kochendem Wasser überschüttet wird (über die Menschen, die so etwas tun, reden wir später noch). Stellen Sie sich das bitte bildlich vor (oder suchen bei Facebook ein entsprechendes Video, braucht auch kein kochendes Wasser zu sein, da gibt es alle Arten von Abscheulichkeiten) und achten Sie genau darauf, was diese Beobachtung mit Ihnen anstellt, achten Sie auf die Gefühle, die dort hochkommen. Verharren Sie ruhig einen Moment und schauen Sie sie sich an, bitte ruhig und unaufgeregt, denn Sie haben gerade ein Wunder erlebt: in dem Moment, wo Sie das Leid des Tieres wahr nehmen, haben Sie in sich eine Empfindung, die genau dem entspricht, was das Tier empfindet: sie teilen eine Wahrheit, werden in dem Moment „gleichgeschaltet“ mit der inneren Welt des Tieres. Hier tritt die Welt des Empirismus und des Rationalismus in eine größere Welt: in die Welt der Liebe, die eine höhere Kategorie der Wahrheit darstellt und eine wunderbare Botschaft in sich trägt: das Liebe die Schranke zwischen uns und der Welt überwinden kann … und zu „Mitleid“ führt.

Denken Sie ruhig nach: das Leid des Tieres ist nur „in ihm“, unsere Sinne nehmen nur nüchterne Fakten wahr, unser Verstand nur ein „Reiz-Reaktions-Schema“, unsere liebende Seele jedoch: Schmerz und Leid, worauf sie angemessen reagiert: mit Mitleid … und konkreten Taten gegen die Täter.

Was ist nun Liebe? Die höchste Form von Verständnis. Ältere Kulturen als wir sprachen deshalb vom Geschlechtsakt als Akt des „Erkennens“. Die kannten auch noch keine Pornofilme, die in erster Linie unsere Anschauung abstumpfen lassen und unser Gefühl der Liebe vergewaltigen und entwürdigen – ja, soviel tut man sich selber an beim Konsum entsprechender Machwerke.

Liebe kann dazu führen, dass man sein eigenes Leben für das geliebte Objekt gibt: dass kann eine Frau sein, ein Kind, eine Idee, eine Landschaft, ein Tier (wie bei dem Düsterdenke Nietzsche) oder ein Baum – um nur ein paar Objekte für Liebe zu nennen, die durch „Sex“ nicht erreichbar sind. Die Welt der Liebe – von der gelebtes Mitleid nur ein Ausdruck ist – offenbart uns eine um vieles reichere, liebenswertere, lebendigere Welt, vor allem eine Welt, der wir aufs Innerste verbunden sind, wo wir den „Großen Geist“ bis ins tiefste innerste unseres Seins erfahren können und zu die beglückendsten Erfahrungen sammeln, zu denen Menschen überhaupt in der Lage sind: darum nennt man ja „Religion“ zurecht „Opium fürs Volk“ … was aber nur der kritisiert, der Volk als Kanonenfutter zur Durchsetzung eigener Revolutionen braucht und sie deshalb möglichst hungrig und unglücklich halten möchte.

Sie merken: wir kommen zum nächsten Thema – dem Tod. Ja – da kommen wir nicht drum herum, wir waren ja gerade schon da, bei Menschen, die mutig ihr Leben riskieren, um die Objekte ihrer Liebe zu schützen … oder das mitempfundene Leid anderer Wesen (bei Steinen funktioniert das nicht, einfach mal ausprobieren) zu lindern, ja, sogar Revolutionen anzetteln, weil der Liebe selbst Leid zugefügt, das Mitleid mit Füßen getreten wird. Ja – nur „Hunger“ reicht dazu nicht aus: oder werden Sie zornig und wütend, wenn der lange Winter Ihre Ernte vernichtet? Demonstrationen gegen schlechtes Wetter sind mir momentan nicht bekannt, gegen lieblose, deshalb grausame Menschen sind sie im Handumdrehen organisiert.

Tod – ist eine endgültige Wahrheit, womöglich die einzige, die wir haben. Es gibt viele Definitionen zu ihm – empirische oder rationale – doch zu einem letzten Verständnis kommen wir nicht, wir wissen nur eins: er kommt für alle und jeden. Die Reichen fürchten ihn, ist der doch das endgültige absolute Ende ihres Reichtums, die Armen jedoch: begrüßen ihn, ist er doch das letztlich endgültige Ende ihres vielfältigen Leidens, viele der Armen (vor allem jene, die arm an Liebe sind) suchen ihn direkt auf, setzen ihr Ende souverän selbst – souverän und nutzlos, da der Suizid das Leid der Angehörigen deutlich vermehrt, sogar bis ins Unerträgliche steigern kann … wie bei den Eltern des 16-jährigen Mädchens, das sich kürzlich in meinem Umfeld erhängte.

Was ist nun der Tod? Hören wir eine Stimme aus der Wissenschaft (siehe livenet)

„Ganz genau wisse man nicht, was die Bewusstheit ist, berichtet die britische «Sun». Der Physiker Sir Roger Penrose erklärt, dass es sich dabei um ein Informationspaket handelt, das in einem Quant oder auf subatomischem Level gespeichert ist. Der britische Wissenschaftler geht davon aus, dass die Menschen Seelen haben, die nicht mit dem Körper sterben.

Nun sagt Sir Roger von der Oxford Universität, er habe Hinweise gefunden, dass diese Informationen, die in Mikrotubuli in den menschlichen Zellen gelagert sind, den Körper verlasse, wenn dieser stirbt.“

Das ist nur eine von vielen Theorien über die absolute Wahrheit „Tod“. Sie entspricht dem Empirismus (d.h. den in die hunderttausende gehenden Beobachtungen zum Thema „Nahtoderfahrungen“) und dem Rationalismus (der den Menschen letztendlich – wegen der „Vernunft“ als „Kind Gottes“ begreift, dessen göttlicher … „selbst bewegender“ … Funke natürlich nie vergehen kann), wir dürfen diese Theorie deshalb als „wahr“ erachten.

Aber – huch – wo sind wir denn jetzt hier gelandet?

In der Politik.

Und im Herzen der Finsternis: der mittelalterlichen Inquisition, die Wahrheit nicht durch Empirie oder Rationalismus suchte, sondern sie mit Feuer und Folter erzwang. Wir sind direkt bei jenen hochpolitischen Erscheinungen wie „Gwup“ oder „Psiram“ oder „Esowatch“, Inqusitoren einer kleinen beschränkten Sekte, die vor allem einen Meister hat: die Gier nach unendlicher Macht. Ja – sie sind hochpolitisch … aber mangels geisteswissenschaftlicher Bildung wohl ohne Hilfe von Wikipedia nicht in der Lage, den Begriff „Politik“ von sich aus zu definieren.

Der Mensch, der durch ein sehr eingeengtes, durch ein stringent „katholisches“ Weltbild mit absoluter Vernichtung bedroht werden kann, ist leicht zu dirigieren und neigt auch weniger zum Widerstand, darum ist es Aufgabe der „Inquisition“, alles zu bekämpfen, was dem modernen „Katholizismus“ bedrohlich werden kann – hierzu gehört ein mit großer verbaler Gewalt vorgetragenes enges Weltbild (das zwar mit physikalischen Schlagworten argumentiert, aber noch nicht mal im Ansatz die logische Begrenztheit dieser Schlagworte verstanden hat: nur weil wir den Begriff „Magnetfeld“ haben, heißt das nicht, das wir verstehen, was das ist – noch formt dieser Begriff eine Wahrheit: wir haben auch die Begriffe „Troll“, „Odin“ oder „Sumpfhexe“ – verlangen aber von diesen Worten nicht, dass sie aus sich heraus Wahrheiten abbilden, die für alle Menschen gleich gültig sind).

Was ebenso dazu gehört: methodische Schlampigkeit, die nach Belieben zwischen Empirismus und Rationalismus hin- und her springt: Geister ablehnt, weil sie irrational sind, Gott ablehnt, weil er nicht beobachtbar ist. Mit diesern Methodik kann ich die Nichtexistenz der Farbe „Rot“ „beweisen“: alle, die Rot sehen, sind entweder einem Sinnesirrtum unterlegen – oder aber neigen zu einer Geistesschwäche, die ihnen den Glauben an die Existenz von „Rot“ vorgaukelt … jenen, die nicht zu übermenschlich sind wie wir, die wir ja wissen, dass es „Rot“ nicht gibt und deshalb mit guten Recht alle „Rotgläubigen“ verfolgen dürfen.

Ich will auch gar keine detallierte Auseinandersetzung mit den Gwupies starten – dazu fehlt es denen an erkenntnistheoretischem Niveau, sie bewegen sich da eher in den engen Grenzen einer Sekte (und damit im Reich des willkürlichen „Glaubens“ – was ja „Aussteiger“ dieser Kampforganisation schon beschrieben haben (siehe Zeit), außerdem wird das mein geschätzter Kollege Parkwächter schon in angemessener Schärfe erledigen- ich will hier keine Themen klauen.

Mir liegen mehr die Opfer am Herzen, die in den Käfigen moderner Inquisition harren.

Wir haben dazu jetzt einen Grundkurs Erkenntnistheorie absolviert: jener wissenschaftlichen Disziplin, die beschreibt, dass wir uns „Wahrheiten“ mit unseren beschränkten biologischen Möglichkeiten nur annähern können, sie aber nie völlig zu erfassen vermögen.

Wir stehen da jetzt ziemlich blöde da – so ganz ohne Wahrheit.

Dafür haben wir allerdings in der Philosophie auch eine Perspektive, die seit Jahrtausenden oft auch zerredet wird: den „Utiliarismus“ … bzw. den Aspekt der „Nützlichkeit“. Ich mache es einfach: da wir keine absoluten Wahrheiten formulieren können, sollten wir uns jene frei wählen können, die uns – also der Menschheit insgesamt – am Nützlichsten ist. Wir müssen hier konsequent die ganze Menschheit als Wahrheitsschaffer ins Auge fassen – nicht einzelne Sekten wie den Materialismus, den Faschismus oder den Kapitalismus … um mal drei dunkle, inquisitorisch arbeitende Sekten zu nennen.

Was ist also nützlicher? Die Annahme der Existenz einer ewigen Seele, die all´ ihre Erfahrungen in ein unbekanntes Land mit sich nimmt … oder aber die Botschaft von Materialismus, Faschismus und Kapitalismus, dass Sie eigentlich nur ein Haufen geistloser Dreck sind, der – außer einem Nutzen für die Arbeitsfaulheit der aristokratischen Gauleiterkaste – keine Existenzberechtigung hat und nach Belieben ausgelöscht werden darf?

Merken Sie nun, welche revolutionären Dimensionen der Begriff „freie Wahl“ wirklich hat? Und welche – im düstersten Sinne katholische bzw. diabolische – Dimension wir bei den lustigen Kasperlen von Gwup beobachten können, die durch ihre unsozialen (besser gesagt: schmutzigen politischen) Methoden der politischen Auseinandersetzung billigend in Kauf nehmen, dass Menschen sich vor lauter Verzweiflung in den Tod stürzen – Methoden, die eben weit von dem entfernt sind, was wir als „Liebe“ kennen und als verständnisgenerierendes Moment schätzen und eher im Gegenteil – im Hass – verortbar sind, wo man viele Menschen findet, die in ihrem Leben nie Liebe erfahren durften. Nun – es heißt nicht umsonst seit Jahrtausenden: „an ihren Früchten sollt ihr sie erkennen“.

Wenn Sie es wollen: ja, dann lebt Ihre Seele ewig und führt sie in ein Universum der Liebe. Und – in der Tat sieht es so aus (würde jetzt zu weit führen) – dass der Besitz einer liebevollen Seele den Übergang in andere Seinsformate („Leben“ würde ich das erstmal nicht nennen) deutlich erleichtert – und vielleicht (momentan noch reine Spekulation auf geringer Datenbasis) sogar Bedingung ist, dass die Existenzberechtigung dieser Seele verlängert wird. Auch diese Wahrheit können Sie bis zum Beweis des Gegenteils ganz wissenschaftlich fundiert für sich in Anspruch nehmen: irren Sie, werden Sie keine Sekunde Zeit haben, sich zu ärgern. Aber das Leben vorher – wird intensiver, gelassener, angstfreier … und vielleicht sogar revolutionärer.

Sie dürfen natürlich auch in dem engen Gwup-Käfig bleiben, einer Welt ohne Liebe, Wunder, Zauber und Ewigkeit: auch das ist Ihre freie Wahl: aber eben auch ihre eigene Verantwortung: wenn Sie gerne ein Haufen toter, lieb- und lebloser Dreck sind – nur zu. Das dürfen Sie!

Allerdings möchte ich Sie gleich vorwarnen: Sie sind dann auch weit entfernt von dem, was Menschen Glück nennen – und wahrscheinlich anfällig für Masochismus und Sadismus. In diesen beschränkten Räumen können Sie auch eine – schmerzhafte – Unterform von Glück erfahren: für einen kurzen Moment eine gewisse Entlastung erfahren, die als solche schon etwas fröhlicher macht: so als würde ein Verdurstender einen Schluck Urin zu sich nehmen dürfen.

Ihre Kokurrenz hingegen … schwimmt in klaren Gebirgsseen.

Auf ewig … getrübt nur durch einen kurzen, winzig kleinen Moment irdischer Existenz. Ich wüßte wohl, was ich da wählen würde.

Dass die dunklen Kulte mit ihren dunklen Matschgöttern momentan viel Macht haben, sollte uns nicht irritieren: es gehört zur Welt dazu, dass das Wetter manchmal schlecht ist und Eiswinde uns herausfordern. Diese Kulte stören jene nicht, die empirisch mit Geistern tanzen … oder rational mit Göttern singen.

Nur jene, die sich ihren Geist von den schmutzigen, unwissenschaftlichen Kultisten besudeln lassen: jenen verhagelt die Dunkelheit das Gemüt, macht sie zu passivem Wahl- und Konsumvieh … das so viele brauchen, um ihrer Gier frönen zu können. Jene sollten aber wissen dürfen …. dass es auch anders geht … und dass es einen guten Grund gibt, weshalb sich hochpolitische Menschen wie John Perkins (Bekenntnisse eines Economic hit man) den schamanischen Traditionen als Gegenmacht zum Imperialismus zuwandten. Sein Handeln – ist hier hochgradig konsequent, anders kann man den dunklen Kulten kaum entkommen, kaum effektives „Refraiming“ betreiben.

Aber genug der Worte: beginnen wir mit dem Denken – und das ist jetzt IHR Job.

 

 

 

Hass … und Liebe

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Donnerstag, 28.1.2016. Eifel. Er ist ja jetzt in aller Munde: der Hass. Ein ganzes Volk steht auf, vereint, im Kampf gegen ihn. Der Hass: er kommt aus dem Osten. Er ist männlich. Er ist bildungsfern. Er ist rechts. Er … gehört ausgerottet, mit Stumpf und Stil. So jedenfalls habe ich die Hasskommentare der Millionärspresse verstanden, die ich hier nicht umfänglich zitieren möchte – aber jederzeit zitieren könnte.

Hass war das erste philosophische Projekt meiner Jugend. Ich arbeitete während der Schulzeit in einer „Philosophie-AG“, gegründet von einem engagierten Studienreferendar, der merkte, dass man in der Schule und unter den Bedingungen von Schule keine Philosophie betreiben kann und deshalb privat aktiv wurde. Es war ein kunterbuntes Treiben in der AG, es waren interessante Menschen dort, dort habe ich meine Frau kennengelernt – und viele wertvolle Menschen, die alle im Meer der Zeit verschollen sind.

Es ist oft erstaunlich, wie einfach Philosophie sein kann – oder wie hilfreich. Eines der Erkenntnisse dieser Ag war: alle „All-Quanten“ sind Unsinn, d.h. alle Lehrsätze, die „Alle soundso sind soundso“ sind grober Unfug und falsch … eingeschlossen dieser Satz selbst. Versuchen Sie es mal selbst: sie werden erstaunt sein, wie oft diese „All-Quanten“ (der Begriff stammte von unserem Referendar, seitdem habe ich ihn nie wieder gehört) falsch sind … und ich hoffe sehr, Sie haben schon mal gehört, dass diese „All-Quanten“ politisch gefährlich sein können. Immerhin leben wir in einer Zeit, in der sie wieder aktiv werden, die groben Verallgemeinerungen: alle Rechten sind Nazis, alle Arbeitslosen faule Schmarotzer, alle Amerikaner Verbrecher, alle Flüchtlinge Vergewaltiger oder Invasoren, alle Juden nach wie vor aktive superreiche Weltverschwörer, alle Russen brutale Barbaren – besonders Putin, alle schönen und reichen Menschen edel, hilfreich und gut und alle anderen Menschen egoistisch, triebgesteuert und konsumorientiert….um nur ein paar der Vorurteile zu nennen.

Nun – dass dieser Satz selbst ebenfalls ein „All-Quantum“ ist, stört den Philosophen nicht sonderlich, es gibt ja Sprüche dagegen wie: „Ausnahmen bestätigen die Regel“. Natürlich hatte es mich auch nicht gestört, dass ich ebenfalls so einen allgemeingültigen Satz entwickelte, um Hass zu erklären. Hass – war mir fremd. Ein sehr seltsames Gefühl, dass Menschen zu Wesen machte, die wilder als das wildeste Tier waren, bösartig geradezu, Wesen, die nach Vernichtung trachteten und nicht nur zum Zwecke des Überlebens töteten. Damals – das war 1976 – war die NS-Zeit noch näher in Reichweite, oft Gesprächsgegenstand beim Mittagessen, immer noch nicht hatte man verarbeitet, wie eine Kultur des Hasses mitten in Europa wachsen konnte – und da die Lehrstühle noch voll waren mit den Kindern dieser Zeit (oder ihren ersten Zöglingen) war an gründlicher Aufarbeitung nicht zu denken.

Meine Erklärung für Hass war einfach – und eine erste Erfahrung mit einer der Wahrheitstheorien, denn: diese Erklärung „fiel mir einfach so ein“, ja – als sei sie vom Himmel gefallen. Sie war auf einmal da – und gilt heute als Standarderklärung für Hass bei Wikipedia:

„Hass entsteht, wenn tiefe und lang andauernde Verletzungen nicht abgewehrt und/oder bestraft werden können. Hass ist somit eine Kombination aus Vernunft und Gefühl. Die Vernunft ruft nach dem Ende der Verletzung und nach einer Bestrafung des Quälenden. Laut Meyers Kleines Lexikon Psychologie ist das Gefühl des Hasses oft mit dem Wunsch verbunden, den Gehassten zu vernichten. Das Gefühl des Hassenden ist das des Ausgeliefertseins, der Gefangenschaft, der Wehrlosigkeit.“

Ich hatte einfachere Worte, war ja auch noch jung: Hass entsteht, wenn Liebe verletzt wird. Eine Welt, in der Liebe das selbstverständliche Urgefühl war, gefiel mir – und es war mir auch klar, woher diese völlig fremdartige Judenhass in Deutschland stammte: immerhin hatten die der Legende nach Christus ermordet. Nun – ich war noch jung und arbeitete erstmal mit einfachen Hypothesen, die noch nicht im Alltag erprobt waren; heute – vierzig Jahre später – wundere ich mich immer noch, woher in einer atheistischen Gesellschaft dieser glühende Antisemitismus herkommt – doch das wird ein andermal Thema sein.

Ja – Liebe war für mich nicht der Gegensatz zum Hass, sondern das Urgefühl eines Menschen in der Welt – was wir heute gar nicht mehr verstehen können … oder wollen. Sehe ich die Definition von „Liebe“ bei Wikipedia, so stelle ich fest: sie ist inzwischen sehr verkürzt worden und beschreibt nur noch das Verhältnis zwischen Menschen. Im Alltag ist sie noch verkürzter und beschreibt jene Illusionen, die Männern Frauen vorgaukeln müssen, um an Sex zu kommen – wenn sie nicht dafür bezahlen wollen. Liebe jedoch – als Grundgefühl – geht weit über Sex hinaus: zum Beispiel kann man Liebe zu seiner Nation empfinden. Dort, wo Hass eine tiefe und andauernde Verletzung beschreibt, die nicht abgewehrt werden kann, beschreibt Liebe eine tiefe und andauernde positive Zuwendung, wie sie ein Kind von seinen Eltern erfahren kann – oder eben ein Mensch von seiner Heimat, die ihm Nahrung gibt, Wasser, Luft, Obdach, Wärme und Anerkennung, heute alles pervers konzentriert, verkürzt und verarmt auf einen „Job“ – den man auch lieben kann (oder sogar muss – weil Staat und Wirtschaft dies angeordnet haben).

Ein leichteres Beispiel für Liebe jenseits der menschlichen Sphäre ist wohl die Liebe zur Natur, gleichzeitig ist sie auch der Urgrund für die Liebe zur „Nation“ und zum „Job“, die sie im menschlichen Denken erfolgreich verdrängt haben, weil die Natur selbst auch „Feind“ wurde, gegen den man sich zu wappnen hatte – mit ensprechenden Folgen für die Umwelt, die wir heute auszubaden haben. Würden wir noch die Natur lieben – und nicht die Nation oder den Job – wir würden ihr nicht solche Gewalt antun und ihre Schönheit nicht breitflächig in Häßlichkeit verwandeln. Ebenso heftige Gefühle kann man für Musik empfinden, für Kunst, für Ideale (das ist uns jetzt schon sehr fremd geworden – ich denke, viele wissen gar nicht mehr, was das ist) – oder einfach nur für Licht.

Eine vernünftige Form von Hass wäre jene, die sich gegen die wendet, die Natur vernichten: sind sie erfolgreich, endet das Leben auf der Erde. In Deutschland wird das in 700 Jahren der Fall sein: hält uns nichts auf, dann ist bei der momentanen Baugeschwindigkeit dann das Land komplett zubetoniert – zum Wohle des Automobils. Da Natur aber als Quelle der Liebe der Welt zum Menschen (und als Quelle einer lebendigen Gotteserfahrung) nach 300 Jahren Massenvernichtung kaum noch erfahrbar ist und als Heimat erinnert wird, wendet sich der Hass gegen die Feinde der Nation oder des Jobs … und somit erklären sich viele gesellschaftlichen Verwerfungen. „Nation“ und „Job“ sind wirklichkeitsverzerrende Begriffe, die zu realitätsfernen Handeln führen – zum Beispiel zu Kriegen oder Bullshitjobs, die man beide wiederum zu Recht hasst – aber auch gleichzeitig im Dienste der Liebe zu Nation und Job (als Ersatzstoff für „Natur“) begeistert ausführt.

Testen wir das mal in der Realität. Im Internet gibt es ein Beichthaus, in dem Menschen ihre Sünden beichten können – einer von den Sündern beichtete seinen Hass (siehe Beichthaus): er würde die faulen Arbeitslosen, die sich beständig über die Umstände, das Unglück und die Schlechtigkeit des Lebens auslassen, im liebsten totknüppeln. Ja – lesen Sie selbst: sowas steht im Internet, ohne eine große politische Hassdebatte auszulösen – und es steht dort seit dem Jahre 2009. Nun – Menschen, die ihre Nation lieben (die können wir „rechts“ nennen) oder die, die ihren Job lieben (spricht was dagegen, sie „links“ zu nennen? Heutzutage?) „kotzt es an“, dass Arbeitslose ihren Liebesdienst verweigern – es folgt der Hass, weil man ihre Arbeitslosigkeit als bewussten Akt der Feindseligkeit gegen die geliebten Objekte interpretiert. Das ist jedoch eine willkürliche Deutung – in Wirklichkeit sind die Arbeitslosen die Beraubten (beraubt durch die „Privatheit“ von Räubern, die ihren Raub per Gesetz behalten dürfen – ja, der Lateiner weiß noch: privare steht u.a. für „rauben: siehe Wikipedia oder das Lateinlexikon im Bücherschrank): ihnen wurde das geraubt, was die Natur umsonst schenkte – weshalb man sie ja auch so liebte.

Zurück zum Hass, den wir – so hoffe ich – jetzt besser verstehen können. Hass kann – erinnern wir uns – sehr gefährlich sein. Tödlich. Er kann dazu führen, dass man als aufgeklärter, hoch gebildeter, technisch sehr versierter Mensch, der sich an der Spitze der menschlichen Evolution wähnt, Fabriken baut, um Menschen, die man gerade hasst (Juden, Sinti, Roma, Kommunisten, Sozialdemokraten, Nachbarn die Feindfunk hören, Homosexuelle, Behinderte, Slawen – um nur ein paar zu nennen), systematisch in großem Stil umzubringen: eine Entwicklung, die weniger entwickelte Naturvölker nicht so in dem Ausmaß kennen und die wohl auch mit der Entwicklung zusammenfällt, dass „Technik“ nun „Arbeit“ alleine macht und wir die Arbeitskraft Mensch nicht mehr so dringend brauchen … also kann die weg.

Wir sehen also: der Kampf gegen den Hass ist wichtig – andererseits ist Hass auch eine logische vernünftige Folge von … Qual. Man hasst Folterer – zum Beispiel. Menschen, die einem tiefe und andauernde Verletzungen zufügen. Hass … ist also nicht unbegründet, entsteht nicht einfach aus der Luft – ist sogar in dieser Hinsicht an sich wertvoll. Darf ich nochmal erinnern?

„Das Gefühl des Hassenden ist das des Ausgeliefertseins, der Gefangenschaft, der Wehrlosigkeit.“

Was für eine wertvolle Erkenntnis. Sie führt uns doch gleich zu Maßnahmen im Kampf gegen den Hass, die wir sofort ergreifen müssen … bevor er wieder Lager baut. „Mitbestimmung“ statt „Ausgeliefertsein“, „Freiheit“ (oder besser: Gleichberechtigung) statt „Gefangenschaft“, „Teilhabe an der Macht“ statt „Wehrlosigkeit“. Natürlich könnte man auch „Liebe“ stärken … doch dieser Begriff ist den Menschen fremd geworden, ist kommentarlos durch „Sex“ ersetzt worden und funktioniert so kaum noch – Sexualität kann sogar zur Waffe des Hasses werden, ein Mittel, mit dem man seinen Hass ausdrücken kann (ich denke da – – ganz harmlos – an die Verwendung des Verbs „to fuck“, das auch als „Scheiße!“ verwendet werden kann – siehe z.B. im Wörterbuch bab.la).

Außerdem belehrt uns ja auch die Zeit in einem aktuellen Aufsatz darüber, dass Liebe im Kampf gegen den Hass völlig sinnlos ist (siehe Zeit):

„Man kann dem Hass nicht die Liebe entgegensetzen, denn man kann nicht jeden Menschen lieben. Es ist ja schon schwer genug, die wenigen zu lieben, die man liebt.“

Ja – wo kämen wir dahin, wenn wir versuchen würden, mehr Liebe in die Welt zu bringen (es wäre aber schon ein Fortschritt, das Wort „man“ durch „ich“ zu ersetzen – damit wäre man schon einen Riesenschritt weiter). Oder Verständnis. Verständnis für einen ostdeutschen Mann, der als Maurer arbeitet und die SED-Zeit in unangenehmer Erinnerung hat. Verständnis ist jene Geisteshaltung, für die wir einen ganzen Wissenschaftskosmos erarbeitet haben – die Geisteswissenschaften. Heute gerne als Sparschwein der Universität verwendet, hatten sie im 19. Jahrhundert eine klare Aufgabe: jene Kriege zu verhindern, die man dank der Naturwissenschaften immer brutaler und vernichtender führen konnte – man wusste noch, dass Kriege nicht vom Himmel fallen und plötzlich „da“ sind, sondern ausschließlich von Menschen gemacht werden. Man wusste noch, dass der Weg zum Frieden der Weg über das Verständnis war, das den „Feind“ als gleichberechtigt ansah, ihn an der Macht zur Lösung des Problemes teilhaben und mitbestimmen ließ … anstatt ihn als Unmenschen zu verdammen … weil er „bildungsfernen Schichten“ angehört oder ein „Nazi“ ist – oder weil gewisse Intellektuelle schon so sehr im Hass leben, dass sie schon Probleme haben, die wenigen zu lieben, die man halt so liebt.

Ja – im Jahre 2016 merken wir, wie erfolgreich es war, an Geisteswissenschaften zu sparen: der Hass ist wieder da (und der Krieg) – und kaum noch einer versteht, wie und warum er selbst daran mitarbeitet. Noch schwieriger wird es werden, klar zu machen, warum Auschwitz als Endpunkt des Hasses wiederkehren wird (und der Faschismus als jene politische Position, die das Ausleben des Hasses zur ersten Bürgerpflicht macht) – ganz logisch und alternativlos … als pure Folge der Auslöschung der Geisteswissenschaften. Hätten wir mehr Künstler, Philosophen und Dichter im Parlament: die Sozialgesetzgebung wäre eine andere – und die Bundeswehr würde auf deutschem Boden auf den Feind warten, wie es sich für Demokratien gehört.

Der Hass kann auch weiblich, gebildet, links sein und aus dem Westen kommen – ich kann da Beispiele für aufzeigen. Aber da stört er nicht so. Jedenfalls momentan nicht.

Sicher hülfe ein Verständnis von Liebe – wie oben skizziert, als jenes umfassende, entgegenkommende Gefühl, dass den anderen begeistert akzeptiert, wie er halt durch die Welt so geworden ist wie er ist und mit ihm gemeinsam Wege sucht, die Welt wieder so zu formen, dass sie liebenswerte Heimat für alle ist. Wenn man sieht, welche Energien Hass entfalten kann – wie große wären dann die Energien, die Liebe entfalten könnte?

Manche waren von der Erfahrung von Liebe so sehr begeistert, dass sie „Gott ist Liebe“ in die Welt schrien – doch die Machtelite dieser Welt schrie dagegen: „Gott ist tot“ – und schreit so bis heute. Und auch darum wird die Welt Hass: wo der Gott der Liebe tot ist, der Gott, der alle Menschen akzeptiert wie sie sind – dick, dünn, doof, weiß, rot, braun – tritt der Götze der Selektion (und der Gott des Hasses) auf den Plan, selektiert das vorhandene Material nach nützlichen Organquellen und gewinnbringenden Überleistern – wobei letztere Schritt für Schritt durch Maschinen ersetzt werden.

Es ist eine ganze Kultur des Hasses – und eine Kultur der Menschenfeindlichkeit, die nicht nur mehr gruppenbezogen ist, sondern den Menschen an sich als zu optimierendes (und notfalls als zu selektierendes und sanktionierendes) Mangelwesen begreift, dass „beständig an sich selbst zu arbeiten hat“ – um nicht in den Fokus des Hasses jener zu geraten, die nur noch ihre abstrakten Renditen und sich selbst lieben. Und diese Kultur des Hasses … erzeugt selber den Hass all jener, die die Welt lieben.

Es wird spannend zu sehen, wie diese Kultur nun gegen den Hass kämpfen will.

Ich fürchte nur: es wird mal wieder nichts Gutes dabei herauskommen – obwohl viele „Gutmenschen“ aktiv daran beteiligt sind. Menschen, die schon große Mühe damit haben, überhaupt ein paar wenige Menschen zu lieben – aber sich selbst für ganz unverzichtbar toll halten.

Ein wenig denke ich, dass die gelebte „Willkommenskultur“ von der Hoffnung getragen wird, dass diese Kultur des Hasses einfach fortgespült wird durch Millionen Menschen aus anderen Kulturen.

Wäre schön, wenn da so einfach wäre. Nur – so gesehen sind die begeisterten Träger der Willkommenskultur gar nicht so weit entfernt von den „Rechten“ – beide merken, dass da etwas gewaltig nicht stimmt im Lande.

 

 

 

 

 

 

Die Existenz Gottes und der Sinn des Lebens: Spiegel-online im Einsatz

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Montag, 28.12.1015. Eifel. Nun – es gibt aktuell viele spannende Themen, zu denen Position außerhalb von Eigeninteresse bezogen werden sollte, doch aktuell gibt Deutschlands führendes politisches Nachrichtenmagazin die Themen vor: „Glaube und Wissenschaft – gibt es Gott?“.  Diese Frage hatte die griechische Philosophie lange vor Christus erschöpfend behandelt, aber das ist ja kein Grund, sie nicht einfach jedes Jahr nochmal zu stellen. Sie mögen jetzt meinen: die Entsendung von deutschen Awacs in die Türkei ist aber doch viel wichtiger, diese Maschinen sind entscheidend für die Erlangung der Luftüberlegenheit in einem Gebiet – doch glauben Sie mir: Sie irren. Wir werden recht schnell in ein Gebiet vorstoßen, dass hochpolitisch ist, ja, unsere Probleme überhaupt erst produziert – versprochen.

Zwei Menschen wurden zur Führung dieser Debatte aufgerufen – der eine ein Astrophysiker, der andere in Pastor. Schon weiß man, dass man diese Debatte gar nicht mehr zu verfolgen braucht: hier diskutiert ein Fachmann für Tiefseefische mit einem Flötisten über die Reparatur meines Autos, das Ergebnis ist von vornherein klar: die Karre bleibt stehen.

Ich weiß wenig über „Gott“ – außer vielleicht, dass wir ihn besser „Vater/Mutter-Kosmos“ nennen – so hat Christus ihn genannt, das wäre eine korrekte Übersetzung aus dem Aramäischen, seiner Muttersprache. „VAMUKO“ hört sich aber doof an – also bleiben wir bei dem Arbeitsbegriff „Gott“ – aber ich kann Ihnen sagen: mit absoluter Sicherheit ist er nicht ein Teilchen der Natur. Weder das stärkste Teleskop noch das größte Elektronenmikroskop werden ihn auffinden können – was soll ich also mit einem Naturwissenschaftler über dieses Thema reden? Sobald einer von denen sein Fachgebiet verläßt (genau gesagt: physikalische Theorienbildung), ist er ein Scharlatan, der Aufgabe und Ziel seines Schaffens nicht begriffen hat – es ist jemand, der nach MACHT trachtet, Macht über Menschen, im Rahmen der Naturwisenschaft sogar Allmacht über Menschen. Was daraus wird, haben wir schon gelernt: Auschwitz ist die direkte Folge lieblosen naturwissenschaftlichen Denkens. Nun schauen Sie nicht so: wenn wir dieses kalte Denken nicht aus den Kreisen menschlicher Entscheidungen verbannen, ist „Auschwitz“ für alle Ewigkeiten das erprobte Muster für den Umgang mit unerwünschten Personen. Hören wir doch mal diesem Naturwissenschaftler zu:

„Einen Sinn des Lebens gibt es nicht, nein. Wir sind durch Zufall hier, wir sind hier, weil Moleküle diesen erstaunlichen Weg von Bakterien zu Elefanten hin zu Menschen eingeschlagen haben, es gibt keine Regeln, wie Moleküle sich verhalten sollen. Es ist erstaunlich, es ist großartig, dass wir hier sind, aber es steckt kein Sinn dahinter. Gefühle sind eine molekulare Interaktion, Hormone führen dazu, dass wir uns gut fühlen oder schlecht.“

Ja – der Weg ist in der Tat erstaunlich. So erstaunlich wie die Tatsache, dass dieser angeblich so chaotische Planet viel Harmonie im Miteinander erzeugt, um überhaupt Leben zu ermöglichen. Die Vorstellung, dass dies alles sich zufällig ergeben hat, ist mutig – in etwa so mutig wie die Vorstellung, dass ich alle Buchstaben einer Druckerei in eine große Wanne packe, diese in die Luft schmeiße und als Resultat dann eine komplette Zeitung auf dem Boden liegen habe. Auch ohne große Kenntnisse in Wahrscheinlichkeitsrechnung können Sie erahnen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass dies geschieht – „Null“ ist da eine recht sichere Wette.

Ja – es geht um Macht – nicht um Vernunft und Weisheit. Es geht um Forschungsgelder und das hemmungslose, ungebremste Ausleben aller Triebe, die gerade über einen kommen – und um eine Philosophie, die dies legitimiert. Unser Professor für Astrophysik weiß dass auch – nicht umsonst kommt er ins Staunen über die Wunder, die seine maschinelle, geistlose Evolution ohne Sinn und Verstand so über Millionen Jahre hinweg geliefert hat. Der Mensch ist wertlos in dieser Philosophie, eine zufällig, sinnlose Kombination von Molekülen, die weg kann, wenn sie stört. Sicher: Eliteatheisten wie Richard Dawkins würden hier argumentieren, dass es sehr wohl einen angeborenen Moralkodex gibt (siehe Richard Dawkins.net): „Der „Gute-Puppe/Böse-Puppe“-Test bei Babys legt nahe, dass uns allen ein grundlegender Sinn für Fairness, Gerechtigkeit und leider auch Bigotterie geboren ist. Die menschliche Moralität kann nicht mit Religion oder dem Fehlen von Religion erklärt werden; dafür ist sie zu komplex.“

Komplex ist sie nur, wenn man ein eingeschränktes Weltbild hat. Schließe ich in meinem Weltbild die Existenz von „Strom“ willkürlich aus, habe ich enorme Probleme, das Glühen meiner Zimmerlampe zu erklären – ja, ich wäre geneigt, es „erstaunlich“ zu finden. Der „eingeborene Sinn für Fairniss und Gerechtigkeit“ ist nichts anderes als das altbekannte „Gewissen“ – jene Instanz, deren Existenz aus dem glühenden Atheisten Clive Staple Lewis einen überzeugten Katholiken gemacht hat (siehe „Pardon, ich bin Christ“ – ein so humorvolles Werk, dass es heute noch verlegt wird). Ich kann mir sogar gut vorstellen, dass wir hier zum eigentlichen Lebenssinn vorgestoßen sind (und zu dem Grund, warum „Gott all´dies Leid zuläßt“): das Gute zu leben trotz der Herausforderungen einer lebensfeindlichen (ergo: bösen) Welt.

Was sagt eigentlich der Herr Pastor dazu?

„Ich widerspreche entschieden. Menschen haben Gedanken und Gefühle. Wie wollen Sie die Selbstwahrnehmung, das Selbstbewusstsein des Menschen mit diesem Modell verstehen? Sicher, jedes Gefühl, jeder Gedanke ist mit einem materiellen Prozess im Gehirn verbunden, lässt sich aber nicht auf diesen reduzieren. Die Frage, wie man sich bewusst zu einem Gegenstand verhält, wie man ihn interpretiert und versteht, geht doch weit über neurophysiologische Reaktionen hinaus“.

Nun: der Herr Naturwissenschaftler kann es nicht verstehen, deshalb staunt er ja. Er gleicht einem Menschen, der jede Schwingung eines Instrumentes bis ins Detail mit mathematischen Begriffen umschreiben kann, Begriffen, die sich dem Schwingungswert des Tones immer mehr annähern, der aber so die Harmonie der Symphonie niemals erlebt – und deshalb messerscharf schließt: da gibt es gar kein Konzert, da sind nur einzelne Töne, die zufällig aufeinandertreffen.

Nun – ich bin kein Pastor, muss nicht eine einzige Religonsform als absolut trefflich verkaufen noch mich wie er auf erstmal rein subjektive Gefühle zurückziehen – ich neige auch eher dazu, die Evangelien psychoanalytisch zu verstehen (wie andere Märchen auch), so wie es Eugen Drewermann getan hat: das tut ihrer  Heiligkeit überhaupt keinen Abbruch. Ich würde deshalb auch anders argumentieren: die Erfahrungen, die wir in der schlecht ausgestatteten, massiv bekämpften und bislang nur rudimentär durchgeführten Nahtodesforschung gemacht haben (exemplarisch seien hier zwei Mediziner genannt Pim von Lommel, ein Kardiologe, der aufgrund seiner Erfahrungen mit wiederbelebten Menschen davon überzeugt ist, dass „Bewusstsein“ nicht an einen Körper gebunden sein muss, oder Dr. med Eben Alexander, der seine eigenen unkonformen und unerwünschten Erfahrungen in seinem Werk „Blick in die Ewigkeit“ veröffentlicht hatte – und vom Saulus zum Paulus wurde), entsprechen den Erfahrungen, die wir aus ältesten religiösen Schriften haben: dem tibetanischen Totenbuch oder dem ägpytischen Totenbuch – um nur zwei zu nennen. In der Bekämpfung der Erfahrungen dieser Menschen wiederholt sich der Kampf um die Sicht der Erde als Scheibe: alle Erfahrungen, die dem „Scheibencharakter“ widersprechen, werden systematisch ausgegrenzt – das die Erde eine Scheibe ist, wird als gottgegeben vorausgesetzt. Wir wissen, wie das ausgegangen ist.

Bewusstsein, dass sich selbst in der Interaktion mit langsam schwingender Energie („Materie“) erfahren will – das wäre ein „Sinn des Lebens“, den auch der Neandertaler, der Elefant und die Mikrobe erfüllen kann – auf unterschiedlichem Bewusstseinsniveau. Mehr brauchen wir auch nicht über ein „Jenseits“ zu wissen – im Gegenteil: zu viel Wissen über die „letzten Dinge“ würde unsere Erfahrungsdimension einschränken – wir modernen Menschen kennen das nur zu gut. Denken Sie nur an sich selbst, wenn Sie ins Kino gehen: Sie wollen gar nicht dauernd an das Studio denken, an den Beleuchter, den Toningenieur, den Kameramann, wollen nicht dauernd reflektieren, warum der Film gerade hier und jetzt geschnitten wurde, noch wie Naturwissenschaftler die Töne und Helligkeitsgrade benennen – Sie wollen eine überzeugende Geschichte genießen, so gruselig sie auch manchmal sein mag (diese Idee führt Richard Bach, der Vater der „Möwe Jonathan“, in seinem Werk „Illusionen“ an).

Zurück zur Naturwissenschaft, die in der stetigen (und ehedem notwendigen) Auseinandersetzung mit der katholischen Kirche selbst zu einem dogmatischen Glaubenssystem wurde, das nicht mehr der Wahrheit sondern (wie ehedem „Religion“) dem Machterhalt der Elite verpflichtet ist. Im Jahre 2015 wird es da mal dringend Zeit, Bilanz zu ziehen – eine kurze Zwischenbilanz nach 200 Jahren Terrorherrschaft.

Sie haben – aus der Sicht eines Metaphysikers und Kosmologen – einen weisen, liebevollen, hochintelligenten Urgrund des Seins (also: eigentlich die pure Essenz von Güte, Liebe und Intelligenz im höchsten Ausmaß) durch etwas anderes ersetzt: einen blinden, dummen, chaotischen, lebensfeindlichen Klumpen mächtigen Matsches, der in seinen Auswirkungen auf die Menschheit die finstersten Dämonen jeder Mythologie bei weitem übertrifft. Das Ergebnis: die Menschheit als solche war noch nie so sehr in ihrer Existenz gefährdet wir jetzt. Durch dümmlichem, überheblichem und grundlosem Herumspielen mit Atomen und der sie zusammenhaltenden Energie wurden Waffen geschaffen, mit denen wir 600 Planeten vernichten können – dabei haben wir nur einen. Ebenso verdanken wir der Spielerei mit Öl einen plastikverseuchten Planeten, dessen Atmosphäre so sehr mit Giftstoffen zersetzt ist, dass das gesamte Klima in Gefahr ist. Unsere Nahrung ist überwiegend nur noch optisch ok, der Gehalt der Speisen sinkt beständigt – trotz „überlegener“ Naturwissenschaft, dafür steigen die Krebsraten kontinuierlich an – und vor allem der Geist des Menschen nimmt in der Maschinenwelt großen Schaden: 2030 werden Depressionen in den reichen Industriestaaten (also jenen, die mit „naturwissenschaftlicher Kultur“ die meisten Erfahrungen haben) Volkskrankheit Nr. 1 sein (siehe Ärztezeitung), ebenso verarmt die Vielfalt des Lebens zusehends von Jahr zu Jahr – das Artensterben nimmt rapide zu (siehe Unric).

Und die andere Seite, die „gottgefällige“ Welt? Kennen wir historisch noch nicht, wurde von den Priestern der Macht bislang immer untergraben. Wir werden sie aber kennenlernen, in Zukunft: es wird die Welt der planetaren Zivilgesellschaft sein, auf die uns unsere Vernunft (und unser Gewissen) automatisch hinführen wird, eine Welt, in der Liebe, Weisheit und Intelligenz einen höheren Stellenwert als Mathematik, Eigenkapitalrendite oder physikalisch messbare Leistung haben werden.

Ach ja: die Messbarkeit. Ich schätze naturwissenschaftliche Methodik ohne Weiteres: immerhin war es die Philosophie, die sie in die Welt gesetzt hat. Um sich in der Welt zurecht zu finden und sich gegen ihre Unannehmlichkeiten durchzusetzen, ist sie recht nützlich – es hilft ungemein, zu wissen, dass Feuer Wasser zum Kochen bringt – und nicht etwa Schnee. Was die (undogmatische) Naturwissenschaft von einer Kraft fordert, um sie anzuerkennen, ist „Wirkung“. Hat nun die Kraft „Gott“ Wirkung? Nun – zumindest auf ein Element der beobachtbaren Welt: den Menschen. Ich könnte nun auf die Welt der Altväter verweisen, jener Menschen, denen das Erleben Gottes so wichtig war, dass sie sich in abgelegene Wüstenhöhlen jenseits allen imperialen Treibens zurückgezogen haben (wie „Weise“ in allen bekannten Kulturen zuvor) und in der Lebensfeindlichkeit der Wüste mehr Leben fanden als im Trubel des Stadtlebens, doch diese Altväter, Urväter aller christlichen Mönchsorden, sind bei Google kaum bekannt. Bekannter ist Anselm Grün, ein noch lebender Mensch und Mönch, der viel Erfahrung mit Gott gemacht hat – was einzigartige (aber in jenen Kreisen normale) Wirkungen gezeigt hat (siehe Süddeutsche):

„Wenn ich unterwegs zu meinen Vorträgen bin, genehmige ich mir manchmal einen Cappuccino in der Raststätte. Das ist mein Luxus. Aber ich gebe keine 50 Euro Bargeld im Monat aus.“

Sagt ein Mann, der ein Vermögen von 100 Millionen Euro hätte haben können – doch es gibt da etwas, was ihm wichtiger war. Er spekuliert im Übrigen auch sehr erfolgreich an der Börse – doch bleibt bei seinen fünfzig Euro im Monat. Sein Geheimnis? Alles Sehnen und Streben, alle Bedürfnisse des Menschen, die über das bloße funktionieren des Körpers hinausgehen, entstehen nur aus einem tiefen Loch, dass durch die Entfremdung von Gott entsteht – einem Loch, das wir verzweifelt mit Sondermüll füllen, der das Leben das ganzen Planeten vernichtet. Ist diese Entfremdung überwunden, schrumpfen die Bedürnisse gewaltig zusammen.

Fragen Sie ihn mal nach dem Sinn des Lebens – er hat da eine deutliche Antwort:

„Das eigentliche Ziel meines Lebens besteht nicht darin, möglichst viel zu leisten, sondern darin, meine ganz persönliche Lebensspur in diese Welt einzugraben. Und um diese Spur zu entdecken, brauche ich Zeit und Stille“. (aus A. Grün, 365 Tagesimpulse, Herder 2012, Seite 101).

Und ein bedingungsloses Grundeinkommen – aber das ist ein anderes Thema … obwohl wir gerade damit in die Welt der Politik zurückkehren. Wir werden aber noch einen kleinen Schlenker machen, ein wichtiges Korrektiv einbauen, einen wichtigen wissenschaftlichen Schritt vornehmen – und die Frage nach dem Nutzen stellen … es gibt eine ganze philosophische Schule, die sich damit beschäftigt, doch die braucht uns nicht interessieren, wir bleiben auf dem Boden. Entscheiden Sie selbst: welche Philosophie bringt Ihnen und Ihrem Leben das höchste Maß an Glück, welcher kosmologische Rahmen fördert ihr Glück – welcher hemmt es? Ist es die Kosmologie eines blinden, dummen Idiotengottes, der Sie durch zufälliges Herumspielen mit Materie aus Versehen erschaffen hat (das ist die moderne Version, für die es kaum Belege aber viele Theorien gibt) und genug Rechtfertigung gibt, „unwertes Leben“ in Massen zu vernichten – oder ist es die Kosmologie eines weisen, liebevollen, intelligenten Gottes (… immer im Sinne von „Vater/Mutter-Kosmos“), der seine geliebten Kinder eine Weile auf dem Pausenhof Erde herumtollen läßt (das ist eher die Vision, die sich aus den Berichten von jenen speist, die von dem Tode zurückgekommen sind – und es ist die Vision, die die Existenz unseres Gewissens hinreichend erklärt) und den Sie in der Stille und Einsamkeit der Wüste persönlich kennenlernen (oder eher: spüren) können?

Sie werden sich entscheiden müssen.

Unsere Unkenntnis in diesen Dingen ist der Preis, den wir für dieses Leben bezahlen müssen – und unser Sinn, unser Verstand, unsere Denkkategorien sind auch zu beschränkt, um das Konzert in seiner Gänze verstehen zu können: soviel hat die Philosophie als Mutter der modernen Naturwissenschaft schon verstanden. Diese „Entscheidung“ ist alles, was Gott von Ihnen verlangt – und selbst ohne sie können Sie ins Paradies zurückkehren. Aber diese Entscheidung bestimmt viel, sie ist die ursächliche Entscheidung aller Politik. Folgen Sie dem blinden Idiotengott, der eine lieblose Welt des ultimativen Krieges aller gegen alle verlangt, wird die Welt früher oder später in einem nuklearen Chaos versinken, das Leben wird ein Kampf aller gegen alle, lieblos, dumm und äußerst grausam. Oder sie folgen der Essenz von Liebe, Intelligenz und Weisheit – und werden selbst für eine Zeit ein Licht in der Welt. Sie brauchen für diese Entscheidung keinen Astrophysiker oder Pastor – etwas Zeit und (vor allem) Stille reicht völlig aus, Vernunft und Gewissen haben Sie von Geburt an hinreichend mitbekommen. Nutzen Sie es einfach – zu Ihrem eigenen Nutzen und dem Nutzen des gesamten menschlichen Universums, bevor es die „Naturwissenschaft“ in blindem Zerstörungsdrang völlig vernichtet (siehe z.B. Stephen Hawking, N 24).

Diese Entscheidung nennen die Christen in Ihrem Umfeld „Glauben“ – es hat also nichts mit üblem, beliebigen Einhornwahn zu tun, sondern mit einer hochbewussten intelligenten Leistung, von allen verfügbaren Kosmologien mangels eindeutig erkennbarer Wahrheit diejenige zu wählen, die den Menschen den meisten Nutzen bringt. Dafür haben Sie ja Ihre „Freiheit“.

Entscheiden Sie sich zwischen jener Philosophie, die jede Art von menschlichem Leben (und überhaupt jede Art von Leben) schätzt und selbst dem tumbsten Tor das gleiche Lebensrecht und seinem Leben die gleiche Wichtigkeit einräumt wie einem Lehrstuhlinhaber für theoretische Physik oder jener Philosophie, in der optimalerweise der zeitweilig Stärkere als Sieger aus dem ewigen chaotischen Kriegsgetümmel hervorgeht, solange er jung und stark ist, einer Philosophie, in der es keinen Platz für alte, kranke, schwache Menschen oder Kinder gibt.

Diese Entscheidung ist wichtig: sie bestimmt jedes von Menschen erlassene Gesetz und all´ sein politisches Handeln samt der bekannten Folgen.

In der Spiegel-Umfrage haben sich 57  % der Leser (insgesamt stimmten bislang 40000 ab) für den Idiotengott entschieden – was die Entsendung von Awacs in die Türkei erklärt oder die Akzeptanz von „sozialem Waterboarding“ durch Hartz IV.

 

 

 

 

Gutmenschen und Weltretter: über die Liebe

eifelphilosoph_200

eifelphilosoph_200Mittwoch, 1.10.2014. Eifel. Man kommt um dieses Thema nicht herum – und es ärgert mich etwas, das ich nicht einfach drum herum komme. Das hat auch einen Grund: ich halte mich nämlich für den Erfinder des Begriffes „Gutmensch“.  Ich kann das auch Belegen, denn mir sind die leibhaftig begegnet, ich habe sie wachsen und groß werden sehen, mich haben sie vom ersten Augenblick angeekelt und ich kannte sie schon von früher: in Kirche und staatlicher Philosophie gibt es sie zu Hauf – mit riesigen Schäden für die „frohe Botschaft“ (man schaue sich mal die Herren im Vatikan genauer an, dann sieht man, wie froh die Botschaft macht) oder auch die Kunst des Denkens (die in alten Zeiten die Menschen so fasziniert hatte, das sie gerne ihre Freizeit damit verbrachten).

Uns war nämlich klar, dass sich etwas ändern musste in der Welt. 1975 sah es noch übel aus: Terroristen zerbombten das Land, die Wirtschaft begann ihre endlos lange Talfahrt, Atomraketen aller Art zielten auf Deutschland (ja – zum Beispiel die 120 atomaren französischen Gefechtsfeldraketen, die nur bis Deutschland reichten), das Atom erwies sich als zunehmend unbeherrschbar und vor allem merkte man an allen Ecken, dass die Umwelt starb: langsam, aber unaufhaltsam. Allein die Dunstglocke über dem Ruhrgebiet hätte zu den sieben Weltwundern zählen sollen – und den Rhein hätte man so wie er war zur Sondermülldeponie umleiten können.

Es gab also einiges zu tun – und wir haben getan, was zu tun war: Krach auf den Straßen machen, damit auch die Pennbrüder aus der Nachbarschaft merkten, dass hier was nicht in Ordnung war. Versammlungen veranstalten, auf denen man sich informieren konnte, Flugblätter und Zeitungen drucken, um den Meinungsbildungsprozess anzustoßen. Zudem wurden gemeinschaftliche Pläne für gewaltslosen Widerstand entworfen und Utopien entwickelt, die den Menschen Kraft zum anreizlosen Arbeiten gaben und Sinn stifteten, der zu außerordenlichen Arbeitsleistungen verführte.

Es gab auch Sympathien bei der politischen Konkurrenz für den Aktionismus – auch bei Sozialdemokraten und Unionspolitikern war das Bewusstsein für die Notwendigkeit einer demokratischen Kultur noch da, die Erinnerung an andere Zeiten noch frisch. Man mochte sich politisch zwar nicht – aber das gelebte Unternehmertum forderte auch konservativen Menschen Respekt ab … und klammheimlich freuten die sich auch über die Freiheiten, die die Bewegung ins bürgerliche Leben brachte.

Dann jedoch – kamen die Gutmenschen. Sie waren anders – sahen auch anders aus. Erst kamen Lehrer mit Karottenhosen und ordentlicher Kurzhaarfrisur, 1979 schon voll aufs Parlament gepolt. Garniert wurden sie mit einer Prise Rechtsanwälten, die ebenfalls eine gute Chance auf leistungsloses Einkommen sahen, das sich auf dem Rücken der Arbeit einer Million unbezahlter Aktivisten gut abgreifen lassen konnte. In ihrem Gefolge kamen dann die ersten Voll-Gutmenschen: ihre Ehefrauen. Ganz undemokratisches Gesochse, das vor allem eins wollte: Vorschriften machen. Das richtige Essen, die richtige Kleidung, die richtige Meinung, das richtige Benehmen, der richtige sprachliche Ausdruck, die richtigen Urlaubsziele, die richtige Musik – sie waren groß im Ansagen von dem was angesagt war.

Mein kleiner Einwurf, ob man denn zur Rettung der Welt eigentlich auch mal etwas persönliche Einschränkungen in Kauf nehmen würde – immerhin schien doch der überbordene Verbrauch der westlichen Zivilisation ein klein bischen für einige Probleme verantwortlich zu sein – wurde, gönnerhaft zur Kenntnis genommen: solange man Vorschriften daraus machen konnte, waren solche Einwürfe gerne gesehen – aber klar war: die Vorschriften galten auf JEDEN FALL nur für die anderen. Man selbst war nämlich … anders. Besser. Für einen selbst galten andere Regeln, weil man ja ein Vorschriftenmacher und Ansager war – und ich merkte: der alte Herrenmensch war wieder zurück – in aller Pracht und Herrlichkeit.

Ich nannte sie „Gutmenschen“ – und zwar das erste Mal 1984. Das jetzt dass strohdoofe rechtsradikale Gesochs diesen Begriff für sich vereinnahmt, ist mir zutiefst zuwieder – und megapeinlich. Ich bestehe aber darauf, dass es MEIN Begriff ist – und lasse ihn mir nicht nehmen.

Was zeichnet solche Gutmenschen aus? Schon Arthur Schopenhauer hatte sie unter den staatliche alimentierten Philosophen ausfindig gemacht: sie leben VON der Philosophie, nicht FÜR sie … ebenso wie die Kirchen VON der Religion leben, und nicht für sie.

Sie greifen sich Themen, die Macht, Einfluss und freien Griff in die Staatskasse versprechen und machen sie zu den ihrigen – haben aber nicht im Ansatz begriffen, WARUM man eigentlich diese Themen vertritt. Wozu auch? Wichtig ist, dass die Themen im Sinne der eigenen Machtergreifung funktionieren. Wer sich etwas Mühe gegeben hätte, hätte 1984 schon sehen können, wo die Grünen dreissig Jahre später stehen: eine Partei der Neureichen dank Staatsgeldern, die üppig verteilt und üppig ausgegeben werden.

Die andere Seite ist jedoch nicht besser, das sei gleich gesagt.

Der humanistische Pöbel, der heute in Wirtschaftskreisen verkehrt und sich über „Gutmenschen“ echauffiert, hat vor allem eins im Sinn: die letzten Spuren des ethischen Formates des christlichen Abendlandes zu verwischen, um die dekadente (und wirtschaftlich erfolglose) Form der spätrömischen Sklavenhaltergesellschaft im Namen einer Maximierung der Rendite für Kapitalanleger erst schleichend und dann gallopierend wieder einzuführen. Menschen ohne Charakter, Menschen ohne Verantwortungsgefühl und Gemeinschaftssinn, Menschen, die aus dem ehrbaren Kaufmannstum eine Abart der Straßenräuberei gemacht haben und die bürgerliche Gemeinschaft samt ihrer lebensnotwendigen Umwelt zugunsten perverser Neureichenphantasien in ihrer Substanz zerstören wollen, regen sich über „Sozialromantiker“ und „Gutmenschen“ auf, ohne zu merken, was sie mit dieser Begrifflichkeit preisgeben:

ihre eigene Offenbarung als degenerierte Raubmenschen, als asoziale „Bösmenschen“, als Barbaren, Lügner, Blender, Heuchler, Schwindler, als Schlitzohren erste Güte und kriminelle Soziopathen der Sonderklasse, die man in anständigen Gemeinschaften umgehend geteert und gefedert zum Stadttor herausgejagt hätte … falle ihnen der Galgen erspart worden wäre.

Ein Beispiel? Denken Sie mal an die Finanzkrise. Ich hätte da ein Zitat, dass sie interessieren wird – aus dem damaligen Nr. 1 – Bestseller in den USA „The BIG SHORT“ von Michael Lewis (Goldmann, Dezember 2011, Fussnote Seite 276):

„Das Geschick von Wallstreet-Händlern, Erfolge für sich zu verbuchen und für Misserfolge ihr Management verantwortlich zu machen, spiegelt sich später bei ihren Firmen wider, die in guten Zeiten die Notwendigkeit der staatlichen Regulierung verächtlich  ablehnen, in schlechten Zeiten aber darauf bestanden, dass der Staat sie rettete. Erfolg war eine individuelle Leistung, Scheitern ein gesellschaftliches Problem“.

Wir haben es hier mit einer ganz besonderen Abart menschlicher Schmeißfliegen zu tun, die den bequemsten aller Wege gehen: Geschäfte machen auf Kosten anderer. Es geht hier nicht um kreative, leistungsstarke Unternehmertypen, der aus dem Nichts heraus ein kräftiges Unternehmen aufbaut, sondern um den Kapitalsöldner (den es auch als Journalisten, Nachrichtenmoderator, Anwalt, Lehrer, Professor und in sonstigen, vielfältigen Erscheinungsformen als Schmarotzer einer zuvor gesunden Volkswirtschaft gibt), dessen größte Leistung darin besteht, andere zu übervorteilen. Gelingt es – spielt der den Held. Misslingt es, ist er schnell das arme Opfer böser Umstände, jammert in seinem 10000 Dollar-Anzug über die Schlechtigkeit der Welt, die Bösartigkeit der Gutmenschen, denen sauberes Trinkwasser lieber war als sein Profit.

Natürlich sind ihm die „Gutmenschen“ ein Dorn im Auge – und zwar beide Typen, die einen, die so tun als ob, weil Klima gerade Fördergelder bringt – und die anderen, die aus einem urmenschlichen Gefühl heraus handeln – einem Gefühl, dass uns geholfen hat, die Welt jenseits der Baumwipfel zu erobern: Mitleid.

Ja – ist heute schon fast ein Fremdwort, oder?

Die Existenz von Mitleid sicherte dem mutigen Jäger den geschützen Stammeshafen, in dem er sich von seiner Jagd ausruhen konnte (und lieb bekocht wurde, bevor alle Beute vergammelte), es sicherte der Mutter die Versorgung des Kindes auch im Falle des Todes des Kindsvaters, es gab alten und kranken Menschen die Sicherheit, Geborgenheit auch in Zeiten der Not zu erhalten: aus dieser gemeinschaftlichen Basis, aus dieser humanen Sicherheit heraus konnten starke Charaktere hervorgehen, die Enormes zu leisten in der Lage waren, was über die Kräfte normaler Menschen weit hinaus ging: Albert Schweizer, Ganhdi oder Mutter Theresa sind nur ein paar bekanntere Beispiele, die sogar in unseren modernen Zeiten überleben konnten – im Prinzip brauchen aber alle Forscher, Händler, Entdecker und Erfinder solche Häfen, weil sie sonst vor lauter Beeren und Bären sammeln zu nichts kommen würden.

Ja – auch diese bekannten guten Menschen sind den Bösmenschen ein Dorn im Auge – weil sie durch ihre TAT demonstrieren, dass ein Leben im Guten Sinn macht und Freude verbreitet – vor allem Freude bei den Mitmenschen, und dadurch auch bei einem selbst – sofern man überhaupt noch empfindungsfähig für die Freude anderer Menschen ist.

Was unterscheidet nun die beiden Arten von Gutmenschen voneinander?

Gott sei dank ein einfaches Faktum: Liebe.

Ein Leben im Guten ergibt sich allein aus der Liebe heraus, sie läßt uns aufmerksam werden, sie sorgt dafür, dass wir faire Preise anbieten, volkswirtschaftliche gesunde Löhne zahlen, die Produkte so solide und zuverlässig wie möglich gestalten (anstatt Müll mit vorprogrammiertem Verfallsdatum zu konstruieren), hier hat die gute Kaufmannsehre ihren Platz: für die Raubritter der ungezügelten Marktwirtschaft ein Fremdwort – und ein Beutehemmnis.

Am meisten Gewinn macht man halt immer noch, wenn man für Arbeit nichts zahlt und die Produkte so minderwertig wir möglich gestaltet, aber die Preise anstronomisch in die Höhe treibt – oder?

Das ist äußerst asozial, wird aber von Sozio- und Psychopathen als geil empfunden.

Liebe bringt uns dazu, mit Kunden und Mitarbeitern ein optimales Kommunikationsverhältnis zu gestalten, unser Bestes bei der Produktion und Perfektion der produzierten Güter und der geleisteten Arbeit zu geben – und selbstverständlich immer ein Auge auf den ökologischen und ökonomischen Gesamtrahmen zu werfen, in denen wir uns perfekt zum Wohle des Ganzen einfügen.

Der Soziopath handelt anders (siehe DiePresse):

An der Stelle ihrer Seele klafft ein Loch: „Was Soziopathen fehlt, das ist etwas, das ihr Leben mit Sinn und Herzenswärme erfüllt“, schreibt die amerikanische Psychologin Martha Stout in ihrem Buch „Der Soziopath von nebenan“.
Soziopathen sind Menschen, die ihr Spiel mit anderen Menschen treiben. Als Kinder quälen sie Tiere und als Erwachsene schrecken sie vor sexuellen Übergriffen nicht zurück. So berichtet Stout etwa über einen skrupellosen Geschäftsmann, der Familie wie Geschäftspartner gleichermaßen hintergeht und ausnützt

Und wer ist heutzutage ein Soziopath?

Jemand, der einen Gutmenschen für ein Geschäftshemmnis hält – und einen liebenden Menschen für krank.

Und was war das, was uns damals auf die Straße getrieben hat?

Liebe.

Die Liebe zur demokratischen Gesellschaft, die Liebe zur gesunden, unverdorbenen, blühenden Natur, zu klarem, sauberem Wasser, zum konstruktiven Miteinander, die Liebe zum Menschen und zur Menschheit, zur Kultur und Kunst,  die Liebe zu Wohlstand, Sicherheit, Freiheit und Gerechtigkeit … und zum Frieden.

Ganz normale menschliche Werte, ohne die wir den ersten strengen Winter der Eiszeit nicht überlebt hätten.

Ohne Nächstenliebe würden wir noch als Schimpansen auf dem Baum sitzen und uns gegenseitig mit Kot bewerfen … und wenn ich mich so umschaue, dann fürchte ich: wir nähern uns diesem Zustand wieder an..

Der Tod der Liebe

eifelphilosoph_200

eifelphilosoph_200

Dienstag, 15.7.2014. Eifel.  Es gibt Dinge, über die wir kaum reden – als Gesellschaft. Wir ignorieren sie völlig. Anderen Themen wird große Aufmerksamkeit geschenkt: Dingen wie Krieg, Fussball, Aktien, Politik. All´ dies wäre aber wahrscheinlich nicht nötig, wenn wir uns auf Themen konzentrieren, die langweilig erscheinen, aber große elementare Veränderungen in unserem Alltag mit sich bringen würden.

Ich möchte dazu mal etwas weiter ausholen. Vor zwanzig Jahren habe ich die Regionalleiter eines Pharmakonzerns, der sich selbst als der erfolgreichste Konzern auf deutschem Boden darstellte, in „modernen Führungs- und Kommunikationstechniken“ unterrichtet. Viele spannende Dinge gab es dort zu erforschen: Transaktionsanalyse, neurolinguistische Programmierung, Grundlagen der Kommunikation – all´ jene Werkzeuge, mit dem die Drückerkolonnen der Pharmaindustrie die deutsche Ärzteschaft unter Kontrolle halten wollten. Viele Themen musste ich mir selbst erst erarbeiten, bei anderen Themen halfen zusätzliche Seminare, die Wissen kompakt vermitteln konnten. Am Ende jener Phase wurde mir klar, wie man ein optimales Kommunikationsverhalten leisten kann: in dem man seinen Nächsten liebt.

Das hatte mich selbst verblüfft – aber die Quintessenz ist: liebt man seinen Nächsten (am Besten so, wie sich selbst) ist die Kommunikationsebene am saubersten – und gute, für beide Seiten erfolgreiche Geschäfte können abgeschlossen werden. Nun – da sind wir schon beim Thema Handel – ein Thema, das ebenfalls in seiner Bedeutung völlig unterschätzt wird: dem Handel haben wir Wohlstand und Zivilisation zu verdanken, weniger den Kriegen – wir schreiben aber keine Geschichte aus der Sicht des Handels, für den Krieg immer ein störendes Moment ist. Für heute wollen wir aber bei der Liebe bleiben, denn ich höre schon großes Geschrei ob meiner Aussagen – Millionen stehen Schlange und klagen über Streitigkeiten in der Ehe.

Ich weiß nun trotz meiner 54 Jahre Lebenserfahrung immer noch nicht, ob eigentlich die Ehe generell eine funktionierende Form der Gemeinschaftsbildung sein kann – ich arbeite aber noch an diesem Thema – aber sie kann für Kinder ein sinnvolles Nest darstellen. Ehe und Liebe gleichzusetzen, wäre in etwa so. als würde man Kirche und Gott gleichsetzen. Ehe wäre ideal, wenn sie auch der Hort der Liebe wäre – ist sie aber nicht. Das liegt nicht an der Liebe, sondern an der Unklarheit der Gefühlslage der Mitstreiter.

Nur allzu oft sind Ehen (oder Beziehungen generell) Raub- und Schutzbeziehungen. Da raubt zum Beispiel Partner A Partner B alles, was er von ihm zum Überleben braucht – Geld, Zeit, Zuwendung, Sicherheit, Aufmerksamkeit, Arbeitskraft – bis die Ressourcen erschöpft sind. Sind die Raubgüter ausgebeutet, wird man sehen, wie schnell ein Gefühl der „Verliebtheit“ sich auf ein neues Objekt der Begierde richtet, das der reine Wille als ideales Opfer für den nächsten Raubzug ausgemacht hat. Natürlich gibt es in solchen Beziehungen Streit, weil es asymmetrische Beziehungen sind. Manchmal sind es auch reine Schutzbeziehungen zweier Seelen, die Angst vor der bösen Welt haben – oder Angst davor, sich dem Leben allein stellen zu müssen.

Mag sein, dass die Ehe zwischen Liebenden wirklich ein wunderschöner Garten sein kann, wie es Friedrich Nietzsche mal ausgedrückt hatte – aber ich sehe auch viele Frauen, die in langjährigen Ehen ersticken und eingehen … bis nur noch Leichen übrig bleiben. Das gibt mir zu denken – aber bleiben wir bei der Liebe.

Ist Ihnen übrigens auch so mulmig zumute, wenn über Liebe geredet wird? Nun – denen, die dabei gleich an Sex denken, wahrscheinlich nicht. Nur: Sex geht auch ganz ohne Liebe, das zeigen erfolgreich durchgeführte Vergewaltigungen oder die Arbeit der Prostituierten. Liebe hingegen – geht auch ganz ohne Sex.

Ist überraschend?

Man denke nur an die Liebe des Philosophen zur Weisheit … und Wahrheit. Oder an die Liebe der Musiker und Künstler zu ihren Werken, an die Liebe des Gärtners zu seinem Schrebergarten, an die Liebe von Eltern zu Kindern … und von den Kindern zu den Eltern – auch die Liebe christlicher und buddhistischer Mönche zum Hintergrund allen Transzendenten sei nicht unerwähnt, auch jene, die Gott für eine Einbildung halten, sollten erkennen können, dass es Menschen gibt, sie sich ihm in Liebe hingeben können.

Wir dürfen aber gerne noch weiter denken: an die Liebe zur Heimat. Das kann ein Staat sein (hier wird es aber schon sehr gefährlich, weil das Objekt der Liebe wie in einer Beziehung einen eigenen, oft feindlichen Willen hat), eine Dorfgemeinschaft, ein Straßenzug, eine Stadt – oder sogar der Betrieb. Ja – hier zeigt sich die Dimension der Liebe in ganz neuer Qualität … in der Qualität von Arbeitsleistung und Produkten. Dort, wo eine liebevolle Führung den Betrieb als Gemeinschaft versteht, die zu gegenseitigem Gewinn zu einem Abenteuer aufgebrochen ist, wird man sehen, wie sich das Problem der „inneren Kündigung“ (samt der daraus resultierenden Kosten) in Luft auflöst – dafür werden die Waren langlebiger, was wiederum den Kunden freut.

Ein Beispiel? Gut – nehmen wir die Automobilindustrie. Gönnen Sie sich mal den Luxus, zu einer Oldtimerrallye zu gehen: dort werden Sie viel Liebe entdecken können – nicht nur in der Pflege und Instandsetzung der alten Gefährte, sondern auch in der Konstruktion selbst: ein Individuum neben dem anderen, liebevoll gestaltet bis ins kleinste Detail. Mit dem Eindruck können Sie dann gerne ins nächste Autohaus gehen und mal schauen, was dort angeboten wird.

Liebe zur Arbeit kann wahre Wunder verbringen … trotzdem bleibt ein mulmiges Gefühl, denn: Liebe an und für sich ist schon längst „Sozialromantik“ geworden. Rauben, ausnutzen, ausbeuten – auch in Beziehungen – das ist unser Weg, der Weg der westlichen Barbaren, die sich in Deutschland gerade am Weltmeistergefühl beim Fussball sonnen.

Was wäre – diese freche Frage sei erlaubt – wenn wir Weltmeister der Liebe werden würden? Eine von Liebe geprägte Wirtschaft bräuchte keinen Sozialstaat, liebevolle Unternehmer würden von sich aus schauen, wo noch sinnvoll ein Arbeitsplatz eingerichtet werden kann, der allen im Betrieb nutzt … anstatt wie heute üblich einmal im Jahr zu schauen, wer alles noch weg kann, um pralle Geldbeutel von Investoren zu füllen … die wir uns im Übrigen lieber selbst füllen sollten, doch auch das ist ein anderes Thema mit Blick auf eine andere Form des gemeinsamen Wirtschaftens, die eher den Gewinn des Unternehmens als den Gewinn der Banken und Anleger (was oft dasselbe ist) im Blick hat.

Ist es mir nun gelungen, Ihnen aufzuzeigen, welche Dimensionen das kleine Wort „Liebe“ alles haben kann? Eine wunderbare, harmonische, lebens – und liebevolle Welt könnte gestaltet werden, in der jeder Tag ein Fest wäre – anstatt eine Qual.

Stattdessen aber stirbt die Liebe.

Der Soziologe Sven Hillenkamp hat darüber ein ganzes Buch geschrieben – über das Ende der Liebe. Konsumwahn und Effektivitätssucht (auch und gerade bei der Partnerwahl) zerstören die Fähigkeit zur Liebe generell: der „Lebensabschnittspartner“ wird zum Standardmodell … und als Ergebnis folgt: die reine Vernunftehe (siehe Perlentaucher). Klasse Aussichten, oder? Am Ende des sexuellen Rausches werden wir wohl wie die Japaner, siehe FAZ:

Die Japaner haben immer weniger Spaß am Sex. Wie eine Studie des Gesundheits- und Sozialministeriums zutage brachte, sind 35,1 Prozent der jungen Männer zwischen 16 und 19 Jahren nicht an Sex interessiert oder lehnen ihn sogar ausdrücklich ab. Das sind fast doppelt so viele wie bei der letzten Befragung 2008, als 17,5 Prozent ihr Desinteresse bekundeten. Noch dramatischer sehen die Zahlen bei Japanerinnen aus. Die Zahl der jungen Frauen, die keine Lust auf Sex haben, stieg von 46,9 Prozent im Jahr 2008 auf 58,5 Prozent. Kunio Kitamura von der Vereinigung für Familienplanung wertet vor allem die wachsende Zahl junger Männer, die kein Interesse an Frauen zeigen, als bedrohlich. Im Japanischen gibt es für sie schon ein eigenes Wort: „pflanzenfressende Männer“.

Junge Männer, die nicht an Sex interessiert sind? Ist das das Ende einer Gesellschaft, die im sexuellen Bereich alles ausprobiert hat? „Sex ohne Liebe erzeugt Ekel“ – so habe ich es mal nebenbei von einer konservativ-christlichen Autorin gehört … und durfte es im engeren Familienkreis selbst erfahren, wie die Sexualität eines jungen Mannes durch eine ältere Frau zerstört wurde – schon erstaunlich welche Erfahrungen man ohne die Dauerpredigten der „Verbrauchsideologie“ der Konsumgesellschaften machen kann – Erfahrungen, die am Beispiel Japans ein ganzes Volk betreffen.

Wir aber – wollten ja bei der Liebe bleiben … bzw. bei ihrem Tod. Das die Sexualität dem Tod der Liebe folgen wird … sollte uns jetzt nicht kümmern.

Wissen Sie, wer dafür verantwortlich ist?

Sie. Ganz allein SIE.

Liebe ist ein Gefühl, dass man hegen und pflegen kann. Sie kann sogar – welch´ Überraschung – in Zwangs- und Vernunftehen wachsen … auch wenn dies ein äußerst ungesunder Weg ist. Vergleichen Sie sie mit einer Blume, einem kleinen zarten Gewächs, dass Sonne, Boden und Wasser in fein abgestimmten Dosierungen braucht – so sehr muss man sich um das Gefühl kümmern.

Sicher – es gibt eine extrem feindliche Umwelt, die der Liebe nicht wohlgesonnen ist, weil die Liebe eine Gesellschaft bauen würde, die liebevoll auf den Mitmenschen schaut – anstatt mit den Augen eines Raubtieres. Liebe würde eine Gesellschaft aufbauen, in der die Raubtiere verschwinden würden – oder enge Reservate zugewiesen bekommen, wo sie ihre Soziopathie ausleben können. Sicher – es gibt viele Gründe, die man aufführen kann, um ein liebloses Leben zu rechtfertigen: aber  mal ehrlich – wieso sollte man das als Mensch tun? Definiert man sich wirklich nur noch als nutzloses Anhängsel der Verbrauchs- bzw. Vernichtungswirtschaft? Hat man zu sehr Angst, von „coolen Typen“ ausgelacht zu werden, wenn man sein Leben in den Dienst der Liebe stellt, um die drohende Dunkelheit zu verjagen?

Sicher: das entscheiden allein SIE. Kommen Sie mir nicht mit Sprüche wie „ich komme an meine Gefühle nicht mehr heran“. Lassen Sie sich behandeln, wenn es so sein sollte. Wo wirklich Liebe war – auch zwischen Menschen – kann man die alten Gefühle wieder zum wachsen bringen … wenn man WILL. Und dieser WILLE – ist IHR VERANTWORTUNGSBEREICH. Hier gilt weniger das Gefühl – denn dass kann wie eine Pflanze wieder zum Leben erweckt werden. Nicht nur in einer Beziehung – auch im gemeinschaftlichen Zusammenleben.

Warum wir so gezielt über die Liebe gesprochen haben, wollen Sie jetzt wissen? Warum wir diesen kleinen Aufsatz unter dem Titel „Politik“ veröffentlichen? Nun – wegen einer kleinen Meldung, die ich zugeschickt bekommen habe. Ich zitiere sie jetzt mal, weil sie genau hier und jetzt gut hereinpasst. Die Meldung stammt vom 10.7.2014 aus der Stimme Russlands:

Der US-Senat erörtert derzeit das Gesetz Nr. 2277 „Über die Vorbeugung einer Aggression seitens Russlands im Jahr 2014“, schreibt die Zeitung „Nesawissimaja Gaseta“ am Donnerstag.

Als eine Art Antwort darauf lässt sich Moskaus jüngste Entscheidung betrachten, seine strategischen Raketentruppen in höchste Einsatzbereitschaft zu versetzen. Es geht um insgesamt zehn Regimenter, die unter anderem mit mobilen Raketenkomplexen Topol, Topol-M und Jars gerüstet sind.

Das war vor fünf Tagen. Während wir hier friedlich zusammensitzen, braut sich die nukleare Vernichtung über unseren Köpfen zusammen: mit etwas mehr Sozialromantik wäre das nicht passiert. Zerbricht diese Gesellschaft nicht am Mangel an Sex (wie die in Japan), zerbricht sie am Überfluss an atomarer Waffengewalt.

Zu undenkbar?

Schon längst haben die USA ihre atomare Doktrin umgebaut – die Atombombe wurde Gefechtsfeldwaffe. Gerüchten zufolge wurden die ersten russischen Bürger auf russischem Boden durch ukrainische Granaten getötet – wenn es mehr ist als ein Gerücht, kann sich das schnell ausweiten – noch in den nächsten Tagen.

Huch – wo sind wir da jetzt gelandet?

Ganz einfach: bei den Resultaten einer lieblosen Weltgesellschaft. Dachten wir gerade noch, es ginge um albernen Beziehungskram, geht es jetzt um die Existenz Europas. Philosophie ist schon wunderbar, oder?

Verantwortlich dafür ist jeder Einzelne. Übernehmen Sie einfach mal Verantwortung für ihre Gefühle … Sie werden schnell merken, dass das wächst, worauf man seine Aufmerksamkeit richtet. Liebe zu Partnern wird oft nicht erwiedert – damit wird man leben müssen, aber Liebe ist selbst an sich schon ein wertvolles Gefühl – aber damit wir uns richtig verstehen: ich spreche nicht von „Verliebtheit“ … jenem Zustand, den die Sprache nicht umsonst die korrigierende Silbe „ver“ beigestellt hat – laufen ist ok, verlaufen nicht; recken ist ok, verrecken nicht; fahren ist ok, verfahren nicht. Hören wir den Duden dazu, was die Silbe -ver so mit Verben wie „lieben“ anstellt:

drückt in Bildungen mit Verben aus, dass eine Sache durch etwas (ein Tun) beseitigt, verbraucht wird, nicht mehr besteht

Und was predigen uns doch die Frauenzeitschriften das hohe Lied von der Verliebtheit … jenem Gefühl, das Liebe beseitigt, verbraucht und vernichtet.

Wird eigentlich Zeit, aus „Liebe“ ein Schul- und Universitätsfach zu machen – die Wirkungen könnten ähnlich sein wie die Ausformung der Ingenieurwissenschaften.

Bis es soweit ist, kann aber jeder für sich an seinen eigenen Liebesfähigkeiten arbeiten. Ist noch ein wenig Zeit, bis die Nuklearsprengköpfe detonieren. Vielleicht kriegen wir ja noch die Kurve.

Sie meinen, Sie kennen das Gefühl überhaupt nicht mehr? Dann …. bitte schnell zum Arzt gehen. Das Schicksal der ganzen Welt hängt davon ab.

 

 

 

 

Es findet immer einen Weg…

Das Leben feiert sich mal wieder selbst.

Urlaubsterror

Dienstag, 23.7.2013. Eifel. Es ist Urlaubszeit! Hurra! Was freue ich mich darauf. Urlaub - die wertvollste Zeit im Jahr. Die Zeit, wo wir endlich einmal so richtig seien können, wie wir wirklich sind. Wo wir frei sind, ungebunden, voller Glück und guter Laune - jedenfalls: wenn der Flieger keine Verspätung hatten, das Auto nicht um Stau steht oder das heiß ersehnte Hotel sich in eine verwanzte Touristenfalle mit Großbaustelle nebenan verwandelt hat. Worauf freuen wir uns da eigentlich?

Dienstag, 23.7.2013. Eifel. Es ist Urlaubszeit! Hurra! Was freue ich mich darauf. Urlaub – die wertvollste Zeit im Jahr. Die Zeit, wo wir endlich einmal so richtig seien können, wie wir wirklich sind. Wo wir frei sind, ungebunden, voller Glück und guter Laune – jedenfalls: wenn der Flieger keine Verspätung hatten, das Auto nicht um Stau steht oder das heiß ersehnte Hotel sich in eine verwanzte Touristenfalle mit Großbaustelle nebenan verwandelt hat. Worauf freuen wir uns da eigentlich?

In einem Beitrag über nachhaltiges Reisen beim SWR fand ich eine Erklärung:

Reisen kann in der Tat nachhaltig sein, aber nur sehr eingeschränkt, sagt Prof. Jörn Mundt, Tourismusexperte der Dualen Hochschule in Ravensburg: „Wenn sie zum Beispiel aus dem Haus gehen, sich aufs Fahrrad setzen, damit zu ihrem Segelboot fahren, dann benutzen sie nur diese drei Verkehrsmittel.“ Zu Fuß und mit dem Fahrrad von zuhause aus reisen, das wäre wirklich nachhaltig, aber leider wenig realistisch, denn der Mensch ist neugierig und will in die Welt hinaus.

Ja – deshalb zieht es uns in die Welt hinaus: der Mensch ist neugierig. Sagt jedenfalls der Professor. Im Alltag erlebe ich denselben Menschen nicht als sonderlich neugierig – wäre ja schön, wenn er mal was anderes wählen würde als CDU oder SPD – einfach aus purer Neugier, wie der Alltag sich verändern würde, wenn verantwortungsbewusste Parteien an der Macht sind.

Vielleicht ist es ja auch nicht der Mensch, der neugierig ist, sondern der Deutsche? Immerhin: die geben besonders viel Geld aus, siehe Spektrum.de:

2011 machten immerhin drei Viertel der Bevölkerung mindestens eine Reise von fünf Tagen Dauer und länger. Pro Person und Reise ließen sich das die Bundesbürger durchschnittlich 868 Euro kosten – insgesamt gaben sie für Urlaube knapp 80 Milliarden Euro aus.

Zum Vergleich dazu vielleicht mal die Entwicklungshilfe? Die gibt´s im Handelsblatt:

6,3 Milliarden Euro, um die Armut zu bekämpfen. Um hungernde Kindern zu ernähren, um Kranke zu behandeln, um Menschen Zugang zu Wasser zu ermöglichen. 6,3 Milliarden Euro – das ist das Budget des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) für 2012.

Um hungernde Kinder zu retten, zahlen wir einen Euro. Um sie uns anzugucken, zahlen wir 13 Euro. Cool, oder? Wir lassen uns unsere Neugier richtig was kosten.

Natürlich fahren wir nicht nur in Hungergebiete. Wir fahren überall hin. Was das für unsere geliebte Umwelt bedeutet – vom Landfraß und Landschaftsverschandelung durch kreditfinanzierte Bettenburgen in Naturschutzgebieten (in Spanien weitläufig zu bewundern – als eine weitere Ursache für die Eurokrise) einmal völlig abgesehen – hat der WWF ausgerechnet:

Erstes Beispiel: eine Reise nach Südtirol, fünf Tage von Berlin mit dem Reisebus.

Touristischer Klima-Fußabdruck 216 kg CO2

Oder eine Reise nach Mallorca, typischer Pauschalurlaub.

Bei der An- und Abreise werden pro Person 925 Kilogramm CO2
-Äquivalente freigesetzt, 916 Kilogramm davon entfallen auf den Flug.

Drei Millionen Deutsche tummeln sich jährlich auf dieser Insel. Gut, dass Chinesen und Inder nicht so reisefreudig sind.

Natürlich geben wir uns nicht mit solchen Billigangeboten zufrieden. Wir wollen auch gerne mal weiter weg. Mexiko ist sehr angesagt, habe ich mir sagen lassen – natürlich nur im klimatisierten Hotel. Hier die Daten für eine dreizehn-Tages-Reise:

Touristischer Fußabdruck 7.218 kg CO2 pro Person
Der Flug nach Cancún setzt Treibhausgase in Höhe von 6.356 Kilogramm frei. Da fallen die Fahrt zum Flughafen und der
Transfer zum Hotel kaum noch ins Gewicht (insgesamt sechs Kilogramm). 13 Übernachtungen in der Fünf-SterneAll-Inclusive-Anlage um so mehr – der extrem hohe Stromverbrauch führt zu 487 Kilogramm CO2-Äquivalenten. 2

Nehmen wir den Aral-Rechner zur Hilfe und schauen mal, wie viel Tonnen CO2 wir bei 6 Litern auf 100 Kilometer erzeugen: 1,4 Tonnen ist das Ergebnis. Für einen Flug nach Mexiko könnte wir mit dem Auto mehr als einmal um die ganz Erde fahren.

Wäre schön, wenn wir nachhaltig zu Fuß, mit dem Rad oder dem Segelboot reisen würden … aber das kommt ja unserem Bedürfnis nicht entgegen. Dabei: gehen sie mal zu Fuß in die nächste Stadt. Schlafsack nicht vergessen, wenn´s zu weit ist. Und Barfuß gehen: ich garantiere, sie erleben ihre Umwelt ganz anders als sonst. So neugierig ist jedoch keiner, nehme ich an, weshalb ich „Neugier“ nicht als Grund aktzeptieren kann.

Natürlich möchte ich jetzt nicht auf der Klimawelle mitschwimmen – die ist mir zu instabil. Aber wir können auch einfach mal von Ressourcen reden, die dort sinnlos vergeudet werden und unseren Nachkommen bei der Erzeugung von Nahrungsmitteln fehlen werden. Einmal nach Mexiko fliegen – oder fünf Jahre umsonst Auto fahren? Na, die Rechnung klappt nicht ganz: das umweltschädliche Fliegen wird stark subventioniert. Der Staat möchte, dass wir reisen.

Was richten wir dort an – wo immer wir gerade einfallen oder aufschlagen? Lesen wir dazu ein Standardwerk des modernen Tourismus, Grundlagen des Tourismus:

Unter günstigen Rahmenbedingungen kann der Tourismus einen Beitrag zum Aufbau von Bewusstsein und Verständnis für die kulturelle Andersartigkeit leisten und eine Erweiterung des diesbezüglichen persönlichen Horizontes fördern. Im Gegensatz dazu steht jedoch die in der Realität häufig geringe Vorbereitung auf die in der Destination vorliegenden kulturellen Gegebenheiten. Die gravierendste Folge kann ein Kulturschock sein, der Hilflosigkeit, Angst oder gar Feindseligkeit auslöst. Auch die häufig kurze Dauer des Aufenthaltes im Zielgebiet und die Konzentration des Tourismus sowie die damit einhergehende Trennung der Kulturen durch im Zielgebiet abgeschottete Ferienanlagen („Ghettoisierung“) lassen nur noch bedingt einen Austausch der Kulturen im Sinne der Völkerverständigung zu.

Schlimm, oder? Wir reisen ins Ausland, um andere neidisch zu machen, ihnen unsere „überlegene“ Kultur unter die Nase zu reiben, ihre Umwelt zu vergasen, ihre Landschaft zu zersiedeln – und dann düsen wir wieder ab und lassen den Müll zurück.

Warum kommt mir nur der Begriff „Vandalen“ in den Sinn – eine Form von reisenden Barbaren – wobei wir mal außer Acht lassen wollen, dass die wirklichen germanischen Vandalenstämme besser als ihr Ruf waren. Erinnert an Vandalismus, den Wikipedia wie folgt definiert:

Vandalismus im Sinne destruktiven Zeitvertreibs aus Mangel an wirklich lustvollem Handeln, aus aggressiver Abreaktion von Wut oder aber von Imponiergehabe(einer Kraftmeierei) ohne darüber hinausgehenden Sinn.

Ist es wirklich Neugier, die uns in die Ferne treibt? Oder ein uralter Stammesinstinkt? Das wir vandalisches Imponiergehabe schätzen, zeigt die abnorme Zunahme der SUV auf deutschen Straßen: Kraftmeierei in Blech gegossen.

Und im Urlaub? Kraftmeiern wir dann in aller Welt herum, zeigen denen so richtig, wo der Hammer hängt, siehe Bund:

Die rasant steigende Reiselust bis in die entferntesten Regionen der Welt geht zunehmend auf Kosten von Umwelt und Natur. Durch den Klimawandel und das Aussterben vieler Tier- und Pflanzenarten aufgeschreckt versucht die Tourismusindustrie zwar, neue Konzepte für einen umweltfreundlichen Fremdenverkehr zu entwickeln.

So müssen Reisende auf den Malediven ihren Müll mit nach Hause nehmen und auf Mallorca wird eine Öko-Steuer für Touristen erhoben. Trotzdem zeigt beispielsweise die Zunahme von Steinschlag und Lawinenabgängen in den Alpen, dass die globalen Klimaschäden nicht mehr aufzuhalten sind.

Das schädlichste Reisemittel? Das Flugzeug – wird von Vandalen immer lieber benutzt, siehe Bundesministerium für Umwelt und Naturschutz:

Das starke Wachstum, das der Flugverkehr in der Vergangenheit zeigte, wird auch
für die Zukunft prognostiziert. So erwartet Airbus in seinen aktuellen Vorhersagen1
bis 2015 eine weitere Zunahme der Verkehrsleistung um 5,3 % und bis 2025 um
4,4 %. Dies entspricht einer jährlichen Zunahme von knapp 5 % für die nächsten 20
Jahre. Für 2025 ist demnach eine Passagierleistung von über 10.500 Milliarden
Passagierkilometern zu erwarten.

Und das wird – vom Klima mal ganz abgesehen – sehr teuer für uns alle, siehe VCD:

Der Flugverkehr belastet aber nicht nur das Klima, er verursacht auch erheblichen Lärm, unter dem über 10 Millionen Menschen in Europa leiden. Ab einer bestimmten Alltagsbelastung drohen gesundheitliche Schäden durch Lärm, darüber hinaus wird die Lebensqualität Betroffener stark beeinträchtigt. Fluglärm verursacht außerdem enorme volkswirtschaftliche Schäden: Wertverfall von Häusern und Grundstücken fällt darunter ebenso wie die Belastung des allgemeinen Gesundheitssystems durch die Behandlung von fluglärmbedingten Krankheiten.

Alles wegen Neugier? Seit wann hat Neugier was mit Dummheit zu tun?

Nun – wir sehen: auch ohne Klimadebatte bedeutet Urlaub Vandalismus … und doch ist das Thema weitläufig tabu, wird gerne auf die Klimadebatte reduziert, der wir natürlich skeptisch gegenüberstehen … und dabei so tun als ob das, was aus Düse und Auspuff herauskommt, nur feinstes Wasser wäre.

Ich kenne ältere Studien zum Urlaubsverhalten von Lehrern, die ich leider im Netz nicht finde: das Netz ist halt jünger als viele Informationen – und die unnützen werden hier nicht hineingestellt. Diesen Studien zufolge fühlten sich jene Lehrer, die ihren Urlaub daheim verbrachten, noch Wochen nach Ferienende frisch und erholt, während die neugierigen Vandalen nach wenigen Tagen wieder völlig fertig waren.

Der Apothekenumschau ist dies bekannt:

Aus der Erholungsforschung ist bekannt, dass der Erholungseffekt von Urlaub recht schnell wieder verfliegt – dies wird auch als „fading out“ bezeichnet. Bereits nach wenigen Tagen zurück in der Arbeit ist bei vielen subjektiv der Erholungseffekt wieder weg.

Wen interessiert aber schon die Erholungsforschung. Sie soll jene Daten produzieren, die unseren Reisewahn vor unserer Vernunft rechtfertigen soll, immerhin reisen wir ja nur, um unsere Ausnutzbarkeit durch den Arbeitgeber zu maximieren. Dafür geben wir immer gerne Geld aus.

Kritik ist hier völlig unerwünscht, nachdenken ebenfalls – aus gutem Grund. Unser Vandalismus hat wirtschaftliche inzwischen enorme Bedeutung erlangt, siehe Deutscher Reiseverband:

Unter Berücksichtigung indirekter und induzierter Effekte ergibt sich insgesamt eine dem Tourismus zurechenbare Bruttowertschöpfung von 214,1 Milliarden Euro. Dies entspricht 9,7 Prozent der gesamten Bruttowertschöpfung der deutschen Volkswirtschaft.Damit trägt der Tourismus in Deutschland mehr zur Wertschöpfung bei als etwa die Fahrzeugindustrie.

Zudem auch noch eine Wachstumsbranche, die schöne Zahlen für die Statistik produziert: Regierungen lieben so etwas. Darum wird Flugbenzin auch nicht besteuert – und darum predigen uns die Lobbyisten der Airlines, der Automobilindustrie und der Tourismusbranche, dass es ja so etwas wie Klimawandel überhaupt nicht gibt.

Und wenn: Scheiß drauf!

Niemand wird uns bei unserem „destruktivem Zeitvertreib aus Mangel an wirklich lustvollem Handeln“ im Wege stehen.

Und so reisen wir weiter, bis wir wirklich die letzten Naturparadiese vergast und zubetoniert haben – nur um nachher im Büro mit unseren Kilometerleistungen imponieren  zu können: „Ich habe mehr CO2 produziert als ein Supertanker!“ – das wird der Spruch des Jahres.

Und warum machen wir das?

Weil wir uns nicht trauen, zu sagen, dass wir lieber zu Hause bleiben.

Super Möbel, beste Verpflegung, bequemes Bett, garantiert kein Ungeziefer und alle sprechen unsere Sprache,  nebenbei ist es kostengünstig, klimaneutral und erholungsintensiv.

Aber da war halt die Werbeindustrie mal wieder deutlich stärker als unsere Vernunft oder unsere Liebe zur Natur: 75 % der Deutschen hat sie so fest im Griff – so fest, dass wir die wertvollste Zeit im Jahr damit verbringen, den Rest das Planeten in etwas zu verwandeln, das letztlich wie Duisburg, Gelsenkirchen oder Berlin aussehen wird.

 

 

Die Frau in Deutschland im 21. Jahrhundert: ein Stück Fleischmarkt im wüsten Land

Freitag, 20.7.2013. Eifel. Ein schöner, sonniger Tag. Viel zu schön, um vor dem Bildschirm zu sitzen und ein paar nutzlose Worte zu machen - so jedenfalls würden viele heute denken. Das ich nicht so denke, ist jedem klar, der diese Zeilen liest. Da das mediale Imperium der Konsumterroristen (also jener Individuen, die die Ressourcen dieses Planeten gezielt in Müll verwandeln - Tag für Tag, ungestraft und als "Elite" umschmeichelt) aber nicht schläft und jeden Tag seine "Wahrheiten" auf allen Kanälen herausposaunt, dürfen jene, die sich ihm in den Weg stellen wollen, nicht ruhen, selbst wenn Fußball oder Talkshow im Fernsehen ist. Leider sehen das viele anders, weshalb sich in Deutschland nie etwas ändern wird - es sei denn, durch die vernichtende Gewalt verlorener Kriege. Wir verlieren gerade wieder einen - einen Wirtschaftskrieg diesmal, der erst viel später zum heißen Krieg wird - aber solange Schalke spielt, kommt das beim Bodensatz dieses Landes nicht an.  Zum Bodensatz gehören inzwischen viele, für ein echtes Mittelschichtsgehalt (nach Kaufkraft, nicht nach Zahlen) bräuchte man schon 94 000 Euro - im Monat. Das haben viele, die zur Mittelschicht gehören  - wir erfahren das nur nicht, weil sonst der schöne deutsche Wohlstandsmythos zusammenbrechen würde - und wir sind ja so schön stolz darauf, dass es uns so viel besser geht als den Negern in Namibia ... dabei ist auch das eine Lüge, siehe Leiharbeit-abschaffen:

Freitag, 20.7.2013. Eifel. Ein schöner, sonniger Tag. Viel zu schön, um vor dem Bildschirm zu sitzen und ein paar nutzlose Worte zu machen – so jedenfalls würden viele heute denken. Das ich nicht so denke, ist jedem klar, der diese Zeilen liest. Da das mediale Imperium der Konsumterroristen (also jener Individuen, die die Ressourcen dieses Planeten gezielt in Müll verwandeln – Tag für Tag, ungestraft und als „Elite“ umschmeichelt) aber nicht schläft und jeden Tag seine „Wahrheiten“ auf allen Kanälen herausposaunt, dürfen jene, die sich ihm in den Weg stellen wollen, nicht ruhen, selbst wenn Fußball oder Talkshow im Fernsehen ist. Leider sehen das viele anders, weshalb sich in Deutschland nie etwas ändern wird – es sei denn, durch die vernichtende Gewalt verlorener Kriege. Wir verlieren gerade wieder einen – einen Wirtschaftskrieg diesmal, der erst viel später zum heißen Krieg wird – aber solange Schalke spielt, kommt das beim Bodensatz dieses Landes nicht an.  Zum Bodensatz gehören inzwischen viele, für ein echtes Mittelschichtsgehalt (nach Kaufkraft, nicht nach Zahlen) bräuchte man schon 94 000 Euro – im Monat. Das haben viele, die zur Mittelschicht gehören  – wir erfahren das nur nicht, weil sonst der schöne deutsche Wohlstandsmythos zusammenbrechen würde – und wir sind ja so schön stolz darauf, dass es uns so viel besser geht als den Negern in Namibia … dabei ist auch das eine Lüge, siehe Leiharbeit-abschaffen:

Namibia’s Oberster Gerichtshof hat im Dezember 2008 geurteilt, daß „Arbeiter-Verleih-Agenturen“ daran gehindert werden müssen, Arbeiter zu vermieten. Der High Court nannte die Praxis des Menschenverleihs ausbeuterisch und stellte fest, es reduziert Menschen zu persönlichem Eigentum. Leiharbeit ist daher in Namibia seit März 2009 verboten. 

Wir sehen: Europa war vielleicht die Wiege der Zivilisation – die selbst wohnt aber  heute woanders. Es ist Zeit, mal einen kurzen Blick auf die Stellung der Frau in Deutschland im 21. Jahrhundert zu werfen – einen Blick, der ebenfalls wenig schmeichelhaft ausfallen wird. Das verwundert, sind wir doch gleichberechtigt und emanzipiert, ja, wir haben sogar Frauenquoten (die an sich schon ein Schlag ins Gesicht einer jeden aufrechten Frau sind … Gnadenbrot für Karriereweibchen, öffentlich zugeteilt, weil sie es ohne die Hilfe der mächtigen Männer nie schaffen würden – doch so wollen wir das ja nicht sehen).

Ich gestehe, dass ich dieses Thema lange gemieden habe. Früher hatte ich mal ein ritterliches Verständnis von Frauen, war der Meinung, die gehörten beschützt und gerettet – ich muss dafür um Verzeihung bitten, ich bin so erzogen worden. Zurecht wurde ich zurechtgewiesen, dass so eine Einstellung diskriminierend ist, weil sie aus der Frau ein schwaches, schutzbedürftiges Wesen macht, dass dazu verdammt ist, beständig Beute der Männer zu sein.

Noch später bin ich von Feministinnen (Frauen, mit denen ich dereinst gerne in den Urlaub gefahren bin – als einziger Mann der Reisegruppe – weil sie geistig nicht so eindimensional wie männliche Altersgenossen waren) darüber aufgeklärt worden, dass Frauen sich auch ganz gerne mal vergewaltigen lassen (wer zu dem Thema mehr erfahren möchte, lese Dieter Duhm, Der unerlöste Eros) und ich bemerkte, dass ich fast in ritterlicher Absicht erotische Erfahrungen verhindert hätte.

Ganz gefährlich wurde es, als ein Freund von mir (jedenfalls hielt ich ihn für einen, bis ich sein Chef wurde … danach wurde es kompliziert und äußerst hässlich) in einem Seminar der Unifrauen seine Überlegungen zur Macht der Frau äußerte: seine zarte Poetenseele sah klar, dass Frauen eine sehr einfache Chance hatten, durch´s Leben zu kommen: anders als er hatten viele der anwesenden Frauen genug Potential, sich ein Ehegefährt zu besorgen, dass 94 000 Euro im Monat nach Hause brachte … das hörte man in Emanzenkreise nicht gerne.

Wahr ist es trotzdem …. aber wir berühren hier ein Thema, das Frauen nicht so gerne hören, weil es um reale Machtausübung geht. Solche Themen werden von den Mächtigen nie gerne besprochen, alldieweil zuviel Bewusstheit dem Einsatz von Macht schadet.

Ich habe also für mich erkannt, dass ich das Thema „Frau“ lieber meiden sollte, allein schon, weil ich keine bin und dabei gar nicht mitreden kann. Das Prinzip ist zwar nicht akzeptabel (bin ja auch kein Arbeitsloser, kein Jude, kein Israeli, kein Indianer, kein Katholik oder Moslem, neige aber trotzdem gelegentlich dazu, für diese Gruppen Partei zu ergreifen), aber wer will schon Ärger mit Frauen. Ich jedenfalls nicht – davon hatte ich in meinem Leben mehr als genug.

Dann jedoch stieß ich bei einer liebgewonnenen Facebookfreundin und Leserin auf ein paar Zeilen, von denen ich dachte: ja, die gehören weiterverbreitet:

Wenn alle Frauen dieser Erde morgen früh aufwachten und sich in ihren Körpern wirklich wohl und kraftvoll fühlten, würde die Weltwirtschaft über Nacht zusammenbrechen. 

Zitat aus „Fleischmarkt -weibliche Körper im Kapitalismus “ von Laurie Penny .

Weiter: Wir leben in einer Welt, die den unwirklichen weiblichen Körper anbetet und echte weibliche Macht verachtet. Diese Kultur verurteilt Frauen dazu, immer so auszusehen, als seien sie verfügbar, während sie nie wirklich verfügbar sein dürfen, und zwingt uns, sozial und sexuell konsumierbar zu erscheinen, während wir selbst sexuell so wenig wie möglich konsumieren sollen.

Schon der Titel – „Fleischmarkt, der weibliche Körper im Kapitalismus“ – könnte von mir kommen. Nun – als Mann hätte ich das nie so formulieren dürfen (dafür hat die Emanzipation schon gesorgt), aber als Frau darf man das wohl.

Ich habe die siebziger Jahre halt „live“ mitbekommen  – und mich gewundert, was in den achtziger Jahren aus der Emanzipationsbewegung geworden ist. Einst (bewusst und gezielt vom CIA-finanzierter) Teil eines Aufbruchs zu einer neuen Kultur des Miteinanders, wurde sie sehr schnell ein weiterer Bestandteil der Kultur des Gegeneinanders, das beständigen Kampfes um an sich übervolle Fleischtöpfe, die aber jeder (im Rahmen der CIA-Strategie) ganz für sich allein besitzen wollte – andere sollten hungern, damit man selber in der Fleischbrühe baden konnte.

So konnte man ganze Generationen gegeneinander ausspielen und ungestört ausnehmen.

Nebenbei wurde eine Gesellschaft maximaler sexueller Frustration geschaffen, in der Weibchen beständig in allen öffentlichen Gegenden Paarungsbereitschaft signalisieren sollten (und dies im Rahmen des Kampfes um die Fleischtöpfe auch gerne und gezielt taten), was aber letztlich nur eine Lüge auf zwei Beinen war, denn … natürlich durften sie nie zur Schlampe werden. Noch ein Zitat aus dem Facebookauftritt:

Der Kapitalismus macht aus echter, menschlicher Sinnlichkeit das erotische Kapital der Pornografie, von künstlich aufgepumpten, gebleichten, rasierten Körpern, die keine Lust teilen, sondern ein Produkt performen. Echte Sexualität jedoch wird abgelehnt, mit moralischer Empörung und Verachtung gestraft. Die Renaissance des Begriffs “Du Schlampe”, während Pornografie in noch nie gekanntem Maße überall verfügbar und konsumierbar ist, zeigt, dass der Kapitalismus dafür sorgt, dass die Gesellschaft auf wirkliche Sexualität mit Abscheu reagiert. Mit ihr lässt sich kein Geld verdienen – mit Pornos hingegen schon. Laurie Penny zeigt auf, dass nicht nur Sexarbeiterinnen ihr Geld mit Sex verdienen, sondern dass jede Frau im Kapitalismus dazu gezwungen wird, mit ihrem erotischen Kapital umzugehen, sich zu schminken, zu stylen, mit erotischen Reizen zu spielen, verfügbar zu erscheinen und sich aber nie hinzugeben. Die mageren Körper der Models, die absolute Kontrolle über den Körper zeigen, deren Körper sich einzwängen lassen, in den wenigen Raum, den die Gesellschaft bereit ist, ihnen zu zu stehen, werden zu einem Ideal erhoben, dessen grausame Schattenseite die Essstörungen sind.

Es ist das Bild einer völlig paranoiden Gesellschaft, die den Traum der freien Sexualität öffentlich auf allen Plätzen zelebriert, ohne ihn leben zu dürfen. Gleichzeitig wurde etwas vernichtet, verlernt, vergessen: das Wort Liebe (einst von vielen Philosophen zum Kernbegriff menschlichen Seins und aller Existenz erhoben) wird ausgelöscht und durch das Wort „Porno“ ersetzt, in logischer Konsequenz wird aus Mutter- bzw. Vaterliebe Kinderpornografie.

Elementare menschliche Seinszustände, Grundfesten einer jeden friedlichen, zivilen Gesellschaft wurden zerschlagen – und das für ein Alternativmodell, dass für oft züchtig gekleidete Männer (hier wirken andere Gebote: der Mann soll sich durch Kleidung ständig bewusst sein, dass er zu dienen und gehorchen hat und selbst nichts darstellen darf) an Dantes Höllenvorstellungen erinnert: hungrig gemacht werden, aber nicht essen dürfen, während die Speise – fein zubereitet – ständig vor den Augen schaukelt.

Dieses Prinzip gilt im Übrigen auch für alle anderen Bereiche der Gesellschaft – jene Anzüge, Sportwagen, Privatflugzeuge, Segelboote, Traumhäuer und Traumreisen, die uns die Medien (gerne auch „hinten herum“ als selbstverständliches Beiwerk harmloser Spielfilme) tagtäglich als Normalzustand vorspielen, bekommt man nur als Mitglied des Mittelstandes – und dafür braucht man mindestens 94 000 Euro jeden Monat.

Das Idealbild der Frau im 21. Jahrhundert ist das einer Prostituierten, die sich jeder jederzeit kaufen kann – aber die nie einer wirklich bekommt. Auch aus der Ehe und der Partnerschaft wird so ein Geschäft, in der Liebe keine Rolle mehr spielt und Kinder nicht mehr gedeihen können.

Ach ja – Kinder. Hören wir dazu die Probleme einer Mutter – aus der gleichen Quelle:

Vielleicht sollten Mütter beginnen, ihre Töchter „anders“ zu erziehen. Was soll ein 15 jähriges Mädchen denn annehmen, wenn es in die Welt schaut? Das Nonplusultra ist ein Platz bei Germany Next Topmodell… Wenn dann noch Werbung läuft, indem sich drei Idiotinnen komplimentieren wie billig sie aussehen, was soll ein junges Mädchen denn dadurch erfahren? Was mir sehr fehlt sind Werte. Jetzt wird einer Frau das Muttersein noch abgesprochen, indem man von Frauenquote quasselt und die Fremdbetreuung von ganz klein der Kinder lobhudelt.

Wir dürfen so etwas doch aus politischen Gründen schon gar nicht mehr sagen: „Muttersein“ gilt doch heute schon als krankhaft, die Mutter ist die Quelle aller narzisstischen Störungen, das hat die Wissenschaft bewiesen. Deshalb gehören die Kinder so früh wir möglich der Mutter entzogen, damit der Staat sie so früh wie möglich in die drogen- und pornogesteuerte Realität des bundesrepublikanischen Wirtschaftsalltags eingliedern kann: Arbeitsbienen gleich sollen sie sich in das System des Bienenstocks einfügen und sich den Anforderungen unterordnen – so lautet die Devise unseres „freien“ Alltags, die wir inzwischen klaglos und manchmal sogar voller Begeisterung hinnehmen, wie wir auch Leiharbeit als höchste Erfüllung menschlicher Träume von „Arbeit“ zu akzeptieren gelernt haben.

Den größtmöglichsten Effekt beim Verkauf der Ware Frau am Fleischmarkt erzielt man übrigens dann, wenn die Ware selbst nie ausgeliefert wird: dadurch explodiert die Nachfrage. Wir brauchen also eine pragmatisch lustfeindliche Gesellschaft, die sich nur theoretisch zu einer freien Sexualität bekennt, wie sie früher nur im Bordell erfahrbar war.

Es ist ein äußerst bösartiges Klima, das so erzeugt wird – und es erzeugt äußerst häßliche Wirklichkeiten, die sich  bei der Geschichte um die Zwangsprostituierte Mandy Koop deutliche Bahn brechen, siehe Spiegel:

Sie wurde als Minderjährige zur Prostitution gezwungen, eingesperrt und misshandelt. Zwanzig Jahre später geht Mandy Kopp mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit. Unterlagen zeigen, dass Teile der Justiz ihr keine Hilfe waren – im Gegenteil: Sie wurde als Prostituierte stigmatisiert.

Wer echten Sex mit echten Männern hat, ist eine Hure – selbst wenn sie als Kind dazu gezwungen wurde. Selten sieht man die häßliche Fratze unserer Gesellschaft deutlicher, selten kann man so deutlich erkennen, wir zerrüttet und verwüstet unser Sozialwesen ist, wie tief wir als Zivilisation gesunken sind – weit weit unter jenen archaischen Stammeswelten, denen wir uns so schrecklich überlegen fühlen, weit unter jenem Mittelalter, dessen „Badehäuser“ mehr Erotik boten als unsere Pornoindustrie je liefern könnte.

Wer auf der Strecke bleibt?

Letztlich alle Menschen. Zuerst die 99% Frauen, die nicht äußerlich dem entsprechen, wie „Frau“ sein sollte. Die sieht man nur auf der Straße, wie sie sich verschämt zwischen großformatigen Werbeplakaten und durchgestylten Luxusweibchen hindurchschleichen, ahnend, das „Liebe“ für sie in diesem Leben nie erfahrbar werden wird, weil sie einfach nicht gut genug sind. Dann die 99% der Männer, die einfach nicht genug verdienen, die Ansprüche jener Weibchen zu erfüllen, die in breiter Front von den Medien als „normaler Durchschnitt“ angeboten werden – einem Durchschnitt, dem nur 1 % der Frauen überhaupt nur annähernd entsprechen.

Und das übrig gebliebene eine Prozent? Kämpft einen verzweifelten Kampf gegen einen unbesiegbaren Feind … das Alter, das jeden irgendwann erreicht und einen automatisch aus den Kreisen der „Schönen“ verbannt. Übrig bleiben frustrierte reiche Männer, die vergeblich versuchen, sich ihre Jugend zurückzukaufen … und erst viel zu spät in ihrem Leben erfahren, dass sie nur wegen des Geldes attraktiv waren.

Wie fern ist diese Realität von der romantischen Liebe des von uns so verpönten Mittelalters – und wie unglaublich niedrig ist das Niveau unserer Kultur. Ich erinnere mich daran, dass Ratten ein solches Sozialverhalten im Experiment zeigten.

Ist es das, was das Ziel unsere „weißen“ Kultur ist? Eine Kultur von Ratten?

Vor diese Wahl gestellt, orientiere ich mich lieber an dem Mönch Anselm Grün, der mich lehrte, dass alle Sehnsucht nach menschlicher Liebe letztlich die Sehnsucht nach der Vereinigung mit Gott ist (was immer das auch sein mag).

Ja – solchen Menschen lausche ich gerne. Sie vertreten eine Freiheit, die in meinen Augen zur Rettung der Liebe wichtig ist, siehe Süddeutsche:

Ich sehe, wie das Geld viele Menschen hart macht. So will ich nicht werden. Geld gefährdet die innere Freiheit. Eigentlich könnten Menschen mit viel Geld sorglos und frei sein. Aber oft kreisen gerade reiche Leute mit ihren Gedanken immer nur ums Geld. Es gibt Reiche, die glücklich sind, natürlich. Aber das sind die, die innerlich frei von diesem Reichtum sind.

Sagt ein Mann, der ein Millionenvermögen sein eigen nennen könnte, es aber verschenkt, weil er  keine fünfzig Euro Bargeld im Monat braucht.

Taten können schon sehr überzeugend sein – und in einer ach so freien, ach so überlegenen Kultur stellen sie Alternativen dar, die unglaublich erscheinen, aber wahr sind. Gut, dass sie nicht in breiter Front propagiert werden: Fleischmarkt, Leiharbeit und Konsumterror wären morgen schon vorbei – und etwas Neues könnte zu leben beginnen.

So müssen wir warten, bis das Prinzip „verbrannte Erde“ – das wahre Leitprinzip des Konsumterrors – die Welt in jene Wüste verwandelt haben, die Mönche aus ihren geistigen Übungen schon kennen und bewältigt haben. Dann kann aus der Asche vielleicht jenes Paradies erwachsen, das wir heute schon haben könnten – wenn wir nur aufhören würden, darauf zu hören, was „man“ uns darüber sagt, wie „wir“ uns zu verhalten haben.

Aber vielleicht hilft uns ja der Gedanke, dass wir aus unseren Müttern täglich Ware für den Fleischmarkt machen, den Wahnsinn vielleicht jetzt gleich schon zu stoppen, bevor die Wüste der westlichen Kultur auch noch die Natur in jenes unwirtliche, verwüstete Land verwandelt, das unsere Städte schon heute als Standard preisen – jene Orte, wo Arme ihre Nahrung im Müll suchen müssen.

Das Mittelalter kannte schon diese Städte und ihre Müllberge. Sie bilden den düsteren Hintergrund (das „wüste Land“) für die (im Kern heidnische) Suche des Ritters nach dem heiligen Gral, mit dessen Hilfe das Land wieder geheilt werden sollte, mit dessen Hilfe die kooperative Kultur der Mitmenschlichkeit die pyramidale, totalitäre  Kultur des „wüsten Landes“ aufheben sollte, um das wüste Land wieder in ein Paradies zu verwandeln (siehe Malcolm Godwin, Der heilige Gral, Heyne Verlag München 1996, Seite 272-275)

So dachte das von uns so verachtete Mittelalter, dessen ritterliche Kultur (die in Wahrheit nur ideel vorhanden wahr) heute als „Sozialromantik“ belächelt wird – wenn auch nur von jenen finsteren Mächten, die erfolgreich danach trachten, die Erde in eine Wüste zu verwandeln … und die Frau in ein Stück Fleisch für den Markt.


 

 

 

 

Die alltäglichen Zwänge dürfen das Leben nicht beherrschen

Zu oft berichten wir über soziale Ungerechtigkeit und sozialer Kälte, Gier, Skrupellosigkeit von Bankern, Wirtschaftsbossen und unfähigen Politikern. Und dennoch, die alltäglichen Zwänge dürfen aber unser Leben nicht nur beherrschen. Wir leben oft zu sehr unter den Zwängen des Alltags, haben Angst vor der Zukunft und vergessen oft dabei völlig, die wenigen Momente des Glücks in der Gegenwart zu genießen. Wir sollten nicht so oft daran denken, was uns fehlt, sondern wir sollten uns an das besinnen, was wir haben. Der Zusammenhalt in der Familie, Bekannten sollte gestärkt werden, denn das Glück, sei es auch noch so klein, verdoppelt sich, wenn man es teilt.

Gegenseitiges Verstehen und Solidarität ist in der heutigen Zeit unerlässlich, für die Bewältigung der Probleme und Sorgen.

 

Liebe ist …

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Liebe ist...

© Jotha

Vergänglichkeit

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Vergänglichkeit

© Jotha

Alles im Leben ist endlich. Deshalb sollten wir nicht nur trauern, wenn wir etwas verloren haben, sondern auch dankbar sein, dass wir es gehabt haben.

Das kostbarste Vermächtnis eines Menschen ist die Spur, die seine Liebe in unseren Herzen zurückgelassen hat.

In Erinnerung an meine vorgestern verstorbene Mutter.

Bekenntnisse eines Economic Hitman, die Korporatokratie, der Widerstand und die Liebe der Menschen

Ich sage es besser gleich vorne weg: John Perkins Buch „Bekenntnisse eines Economic Hit Man“ hat Schwächen.  Es gibt einige logische Brüche in seinen Erlebnissen, seinem Lebenslauf und seiner Arbeitsbeschreibung, die man vielleicht gerne überliest, weil das Thema so brisant ist. Ich kann nicht beurteilen, was in diesem Buch wahre, erlebte Geschichte ist, weil der Autor auch jahrzehntelang sein Geld durch tarnen, tricksen und täuschen verdient hat.  Manches wirkt seltsam naiv in seinem Buch (zum Beispiel die Geschichte über seine verschiedenen, von seinem Auftraggeber angefertigten Lebensläufe), andererseits fehlt die klare Verbindung – SEINE klare Verbindung zur politischen Welt in den USA.

Was er aber geschaffen hat, ist: einen Begriff. So sind wir Menschen halt: wir brauchen Begriffe, um uns über Phänomene austauschen zu können. Haben wir die Begriffe nicht, erkennen wir das Phänomen nicht. Korporatokratie, die Herrschaft der Konzerne, ist etwas, das wir täglich bemerken, kaum ein Tag vergeht, wo ihre Anschläge nicht sichtbar werden:

So langsam denke ich merkt es jeder: es wird eng auch in diesem Land. Gestern erstmal wieder den gesamten Sozialhilfeetat einer einzigen Bank zusätzlich in den Rachen geschoben und heute schon kommt der Hinweis: es könnte noch viel mehr werden:

Hypo Real Estate hat 80 Milliarden in PIIGS-Staaten stecken

Die Hypo Real Estate ist weiter stark in den schuldengeplagten EU-Ländern tätig. Damit ist sie wie keine andre Bank von einer Staatspleite oder einzelnen Ausfällen bedroht.

Quelle: Wirtschaftsblatt.at

Das Spiel der Ausplünderung ganzer Volkswirtschaften läuft also weiter. Was eben so weiter läuft: die Bildung und Ausbildung einer Kosmokratenkaste in Deutschland, etwas das früher aus gutem Anstand und Sitte heraus noch nichtmal gedacht worden wäre, läuft heute als Selbstverständlichkeit: Parteispitzen gehen in Konzerne, Konzerne schicken Mitarbeiter zur Gesetzesentwicklung in die Ministerien und über allen folgenden Transaktionen wacht der Bankenclan.

Perkins nennt diese Herrschaftsform Korporatokratie, Jean Ziegler ihre Akteure Kosmokraten. In Deutschland können wir einige Namen dieser Clique nennen, die schon Günter Ogger in seinem Werk „Nieten in Nadelstreifen“ kritisiert hat, wir kennen (zum Teil) ihre Netzwerke, ihre Medienmacht und ihre gesellschaftlichen Ziele, die in nichts anderem bestehen als in der völligen Ausplünderung unserer Sozialkassen.

Es wird nicht anders mit uns verfahren als mit einem Entwicklungsland: man greift sich gezielt einige wenige heraus, die man mit Geld überschüttet, damit die einem helfen, den Rest des Landes auszunehmen. Ist man damit fertig – schmeißt man das Land weg.  Es wird dauern, bis sie mit Deutschland fertig sind, weil wir so viel haben, aber jeder merkt täglich an der Zapfsäule oder den TEuro-Preisen im Geschäft wie das Geld in großen Mengen abfließt.

Es ist das erste wirkliche weltumspannende Imperium, das für seine Feinde einen Riesennachteil hat: es hat keinen festen Ort an dem es zu Hause ist.  Einfach nach Rom marschieren nützt heute nichts  mehr. Gleichzeitig ist es aber überall, nach sechzig Jahren gezielter Ausbreitung bestimmt es, was wir essen, was wir an Bildung zu uns nehmen, was wir für Musik hören und welche Kleidung wir tragen – es definiert unseren unpolitischen Platz in der Gesellschaft bis ins Detail und sorgt dafür, das wir nach altrömischer Manier beschäftigt bleiben: an der Stelle von Brot und Spielen treten Burger und Game Shows.

Wir dürfen auch Politik machen, das stört das Imperium nicht. Einfach hinein in die Parteien – wer sich bis obenhin durchboxt wird gekauft … oder kaltgestellt. Politische Richtung spielt keine Rolle.  Widerstand gegen diese Praxis gibt es auch in den Parteien, denn die Bruchlinie der Korporatokratie und der Kosmokraten läuft direkt quer durch alle gesellschaftlichen Institutionen – Kirche inklusive.  Nach sechzig Jahren ist alles subversiv durchsetzt und mehrfach abgesichert, damit das große Abkassieren ungestört weitergehen kann.

Die Prinzipien sind die gleichen wie im römischen Imperium – ein gut ausgebautes Transport- und Kommunikationsnetz, eine dichtes Netz von Stützpunkten in unterschiedlicher Größe, von denen aus Herrschaft möglich ist und schon ist das Imperium da. Was in den Dörfern der besetzten Gebiete geschieht, interessiert nicht, wen die als Häuptling wählen, ebensowenig – Hauptsache, die liefern pünktlich ihren Tribut ab.

Was sich geändert hat, sind die Waffen. In einer perfekt bis ins Detail durchorganisierten Welt braucht man das Leben eines Menschen nicht mehr mit der Lanze zu bedrohen: Arbeitslosigkeit reicht vollkommen.  Hunger war als preiswerte aber perfekte Waffe schon den Römern gut bekannt.

Widerstand gegen dieses Imperium scheint von vornherein undenkbar … und hier wundert mich die Naivität des Economic Hitman John Perkins, der meint es wäre möglich, die Konzerne zu Werkzeugen der Menschlichkeit umzubauen, die weltweit für Frieden und Wohlstand sorgen.  Sicher, theoretisch wäre das denkbar. Mit der Gestaltungsmacht der Großkonzerne könnte man die Welt in kürzester Zeit in ein Paradies verwandeln, wo jeder Mensch nur noch soviel zu arbeiten braucht, wie er gerade mag, jeder in materiellen Wohlstand lebt und alle glücklich und zufrieden den Tag genießen.

Schade nur, das die Personalauswahl gerade die herzlosen Egozentriker bevorzugt, weil sie eben nicht will, das da auf einmal „Sozialromantiker“ Politik machen – das könnte ja das Imperium gefährden.

Wir könnten uns auch mit dem bislang historisch gesicherten Satz zufriedengeben, das jedes Imperium bisher zusammengebrochen ist – einfach ein paar Jahrhunderte warten, dann löst es sich schon irgendwie auf.  Oder wir haben Pech, befinden uns am Ende der Geschichte und es kommt danach nichts mehr außer der Diktatur der Kosmokraten, die solange dauert, bis auch das letzte verwertbare Element des Planeten in materiellen Müll einerseits und immateriellen Kontostand andererseits umgewandelt worden ist. Die Erde sieht dann aus wie der Mars (und wir sind ja schon auf dem besten Wege dahin) aber Hauptsache die Eigenkapitalrendite stimmt.

Oder wir entscheiden uns angesichts unseres unvermeidlichen Todes und persönlichen Untergangs unser eigenes Leben lieber aktiv zu gestalten und schon alleine das ist Widerstand.

Jeder Widerstand gegen frühere Diktatoren fing damit an, das man sich eine sichere Basis suchte. Berge, Wälder, Sümpfe, ein Schiff … Hauptsache erstmal weit weg.

Die sichere Basis kann man teilweise heute sehr bequem haben: einfach den Fernseher auslassen und keine Zeitungen mehr lesen. Die Medien gehören heutzutage einer Handvoll Menschen, die bestimmen, wie unsere Wirklichkeit aussieht. Es macht keinen Sinn, sich dem auszuliefern, denn Kultur und Religion das Materialimus – jener notwendige Grundpfeiler der Ideologie der Korporatokratie – werden in jedem Beitrag gefördert.

Förderlich wäre, alles in Frage zu stellen. Wirklich alles. Gibt es wirklich keinen Gott, keine Götter? Wo ist der Beweis dafür? Gibt es wirklich kein Leben nach dem Tode? Wo sind die Beweise? War vor der Geburt wirklich gar nichts?

Wenn wir erstmal anfangen, die Welt wieder als wundervollen Ort voller wundervoller Möglichkeiten zu begreifen, werden wir merken, das unser Leben an Qualität zunimmt, weil unsere Neugier, unsere Phantasie und unsere Kreativität wiedererweckt werden – auch wenn wir zu diesen und anderen Fragen keine Antworten finden werden weil sie nicht beantwortbar sind. Die menschlichen Sinne sind zu schwach um außer gelegentlichen Schatten und Gespenstern mehr von der Welt hinter der Wirklichkeit zu erfassen, wir müssen uns damit anfreunden, das unsere Ohren und Augen nicht alles mitbekommen, was die Welt an Qualitäten zu bieten hat.  Wir brauchen auch nicht alles mitbekommen, denn diese Sinne sind nicht dazu gedacht, die Welt zu beherrschen, sie sind dazu gedacht sie zu genießen … und das können wir immer weniger, auch deshalb, weil die sinnliche Qualität unserer Wahrnehmung nachläßt – auch weil die stinkende, lärmende grelle Wirklichkeit unserer Innenstädte die Abstumpfung der Sinne zu einem Segen werden läßt.

Wir brauchen keine Antworten auf dieses letzten Fragen: wo komme ich her, wo gehe ich hin, was ist mein Platz in der Welt? – aber wir sollten uns niemals von niemanden die Freiheit streitig machen lassen, diese Fragen stellen zu dürfen …. wo diese Freiheit schon in Gefahr ist, steht die Diktatur nicht mehr in der Tür, sie ist schon eingetreten.

All jene dialektischen Kniffe, die Welt in Gegensatzpaare aufzuteilen, von denen eins richtig und eins falsch zu sein hat (so wie letztens hier aufgetaucht: Pragmatismus kontra Mystizismus) führen in letzter Konsequenz zum Konzentrationslager und Völkermord, weil sie eine ausschließliche Wahrheit gegen eine absolute Falschheit mit allen Mitteln verteidigen müssen. Rechts gegen links, oben gegen unten, Religion gegen Wissenschaft, Migration gegen Deutschland … die Gegensatzpaare sind beliebig austauschbar und werden auch beliebig ausgetauscht: Hauptsache, das Volk dreht sich weiter um sich selbst.

Dabei haben wir Menschen etwas, das vollendet mystisch ist und Sinn unseres ganzen Treibens sein sollte: früher nannte man es Liebe. Das gibt es heute nur noch selten. Ein Phänomen, das enorm stört und deshalb ausgemerzt wird – mit äußerst häßlichen Folgen.  Das Wort ist schon so erfolgreich zerredet, verwässert und entfremdet worden, das es schon als peinlich gilt, es auszusprechen … es ist die allerletztes Bastion einer Wirklichkeit jenseits der materiellen Wahrnehmung, die uns über den tristen langweiligen und wertlosen Alltag erheben kann und doch immer seltener wird.

Es wird aber wohl nicht lange dauern, da wird man auch die Liebe der Menschen als gegenstandslos erklären, als wüste Verirrungen der Hirnchemie – und dann hat man, was man will: eine völlig lieblose und leblose Welt, die Krönung jeder materialistischen Philosophie. Und in dieser Welt wird Auschwitz Alltag und Völkermord zum Zeitvertreib.  Nun, das mag schön sein, denn aus alten Zeiten ist die Kunde überliefert, das die Jagd auf Menschen die spannendste Jagd sein soll – nur leider ist sie gerade verpönt – aber das kann man ja ändern.

Es wundert nicht, das der rebellische ehemalige  Economic Hitmen sich eine Heimat sucht, die religiös anmutet aber es nicht ist.

http://www.dreamchange.org/

Warum es keine Religion ist? Nun, Religion redet über Gott, siehe Wikipedia:

Als Religion (lat: religio, zurückgeführt auf religere = immer wieder lesen; oder religare = zurückbinden) bezeichnet man eine Vielzahl unterschiedlicher kulturellerPhänomene, die menschliches Verhalten, Handeln, Denken und Fühlen prägen und Wertvorstellungen normativ beeinflussen. Es gibt keine wissenschaftlich allgemein anerkannte Definition des Begriffs Religion.

Religiöse Weltanschauungen und Sinngebungssysteme stehen in langen Traditionen und beziehen sich zumeist auf übernatürliche Vorstellungen. So gehen viele, aber nicht alle Religionen von der Existenz eines oder mehrerer persönlicher oder unpersönlicher über-weltlicher Wesen (z. B. einer Gottheit oder von Geistern) oder Prinzipien (z. B. Dao, Dhamma) aus und machen Aussagen über die Herkunft und Zukunft des Menschen, etwa über das Nirvana oder Jenseits. Sehr viele Religionen weisen gemeinsame Elemente auf, wie die Kommunikation mit transzendenten Wesen im Rahmen von Heilslehren, Symbolsystemen, Kulten und Ritualen.

Perkins orientiert sich an schamanische Welten … und die reden mit Gott (wobei dieser Begriff hier äußerst unpassend ist), nicht über ihn.  Eine ganz andere Baustelle, eine Wirklichkeit jenseits des Imperiums … und eine tödliche Wirklichkeit. Jener Ursprung aller religiösen Gefühle und priesterlichen Deutungsmuster über die Welt wird verfolgt und vernichtet – weltweit … vielleicht, weil es ein sicherer Hafen gegen die Gewalten des Imperiums ist. Ein Imperium, das weltumspannend ist, zwingt einen gerade dazu, sich eine Basis außerhalb zu suchen, von der aus man agieren kann … uns es funktioniert, selbst wenn diese Basis nur der Einbildung entspringen sollte.  Es entspricht auch der Freiheit des Menschen, seine Welt zu deuten zu dürfen, wie er es möchte.

Wenn man aber nun gern in Gegensatzpaaren hegelianischer Geschichtsphilosophie denkt, so wäre ein Gegensatz zu Materialismus Liebe. Liebe zu Kindern, zur Heimat, zum Garten, zu alten, kranken und behinderten Menschen,  zur Welt, zur Menschheit an sich und ihrer Zukunft.  Liebe, nicht Sex. Das Grundsatz „Alles ist liebenswert“ scheint mir auch zu sinnvolleren Lebensalternativen zu führen als der materialistische Grundsatz:  „Alles ist toter  Matsch„.  Aus letzterem wird … letztendlich nur Wüste, aber es ist die gelebte Philosophie der Kosmokraten (und das letztliche materielle Ergebnis ihres wirtschaftlichen Treibens: die Welt wird Müll).

Und auf einmal merkt man auch, welcher tieferer Sinn in Ritualen der Kosmokraten liegen könnte, die auffällig oft mit (kostenintensiven) Kindesmißbrauch in Verbindung gebracht werden: solche Rituale töten tiefste Empfindungen ab, die einen wiederum zu einem besseren rationalen Wesen machen, das seinen Job im Sinne der Korporatokratie (und im Sinne von Aufschwung, Vernunft und Fortschritt) noch besser machen kann.

Die US-Armee desensibilisiert ihre Soldaten ähnlich – was mitlerweile zu häßlichen Ausfallserscheinungen führt:

US-Soldaten sollen Zivilisten Körperteile abgeschnitten haben

Entsetzen in den USA: Amerikanische Soldaten sollen afghanische Zivilisten getötet und dann Körperteile als Trophäen mitgenommen haben. Ihnen drohen harte Strafen.

Quelle: Die Zeit

Lieblosigkeit hat halt ihren Preis – wie alles im Leben.

Insofern ist schon allein der Traum von der Schaffung einer liebevolleren Welt Widerstand gegen die Welt der Korporatokratie .  Und die konkreten Schritte dazu? Gedanklich selbständig werden. Kinder können das gut. Die Frage „Warum ist das so„…. ist der erste Schritt zur Auflösung des Imperiums.

Darum kann es gar nicht genug Menschen geben, die Fragen stellen.

Und darum sind mir esoterische Träumer insgesamt lieber als nüchterne Parteifunktionäre – wenn ich denn unbedingt wählen muß.

3 worte über liebe in zeiten des kapitalismus

capitalism kills love

quelle:  selbst 2009

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