Lebenslüge

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Gut und gerne? – Nee, so Gut wie noch nie!

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Nur mal kurz eingeworfen … zu den aktuellen Untergangsszenarien der Crashpropheten

Viele kreisen ja derzeit um die Frage, wann der Crash kommt – siehe z.B. jüngstes Interview „Der größte Crash aller Zeiten“, in dem sich der Bestseller-Autor Marc Friedrich mit Roland Tichy (wahlweise auch im öffentlichen Format auf n-tv) darüber unterhält, wie man auf der untergehenden Titanic nun sein Vermögen sichern und in „Sachwerte“ anlegen kann. Für die Anlageprofis steht nämlich fest: Alle verbrieften Werte, Kontoguthaben, Lebensversicherungen, Anleihen etc. werden demnächst radikal entwertet. Was danach komme, sei „Das Zeitalter der Sachwerte“.

Zahlreiche andere Experten blasen ins gleiche Horn. Ihre Videobeiträge weisen jeweils Rekordklickzahlen auf. Nicht ganz zu unrecht, immerhin treffen sie den Nerv der Zeit, wo viele ahnen, dass im Land, in dem wir scheinbar gut und gerne leben, irgendetwas gewaltig faul ist und dass dasjenige, was der Dichter und Staatspräsident Vaclav Havel „das Leben in der Lebenslüge“ genannt hat, kurz davor ist, zu kollabieren.

Gemäß den Berechnungen und Extrapolationen der Experten soll er nun also kommen, der Crash. Nächstes Jahr, übernächstes Jahr, vielleicht auch schon morgen. Nicht dass man die Zahlen, Daten und Fakten, die bei solchen Expertengesprächen zum Besten gegeben werden, abstreiten möchte, jene sind in der Tat alarmierend und die Kompensationsmöglichkeiten von EZB & Co. weitgehend erschöpft. Wer sich bei solchen Expertisen nicht sogleich von den Zahlen und Fakten in den Bann schlagen lässt – wozu wir ja von Kindesbeinen an konditioniert wurden – dem mag eine solche Diskussion wie die oben erwähnte dennoch befremdlich anmuten.

Sich auf den Crash vorbereiten? Im Ernst? Haben diese Experten etwa den Knall nicht gehört und nicht realisiert, dass alles, was wir gerade um uns herum abbröckeln und in Auflösung begriffen sehen, nur die Folge von einem bereits eingetretenen Crash sind? Tag für Tag findet eine großskalige Vernichtung wertvollster zivilisatorischer, ökologischer und vor allem menschlicher Substanz statt, eine ganze Generation wird im Rekordtempo verdummt und in die Dekadenz flachgeprügelt, viele der Erwachsenen mit dazu. Dass man diese Dummheit „gut und gerne“ nennt, ist dabei nur der Gipfel des Wahnsinns von Wohlschandsbürgern, denen es ja auch nach Ansicht der obigen Interviewpartner in diesem Land scheinbar immer noch „gut geht“, sogar „so gut wie noch nie“.

In dieser Situation, wo wir menschlich abzuschmieren drohen, wollen wir ernsthaft unser Vermögen sichern und „Sachwerte“ anschaffen? Was werden uns all diese Sachwerte nützen in einer barbarisierten Welt, die sich nicht einmal Orwell hätte ausmalen wollen? Und wer sagt, dass wir mit solchen Sachwerten um den Hals nicht noch schneller in die kalte Tiefe gezogen werden, wenn die Kapelle auf der Titanic demnächst zu spielen aufhört und wir mit einem Schwimmreifen einwässern müssen?

Hermann Hesses „Kastalien“ scheint derzeit jedenfalls in weite Ferne gerückt. Das „Zeitalter der Sachwerte“ hat begonnen.

Foto: pixabay / CC0

Oktoberfest 4.0 – Überleben im Zeitalter der Ultradekadenz


Foto: pw/nachrichtenspiegel.de

Wie wir lernten, die Lüge zu lieben

„In times of information, ignorance is a choice“. Seit ich an der Pinnwand des virtuellen Widerstands  diesem Satz begegnet bin, sehe ich einiges gelassener als zuvor. Ohne dass dies etwas mit Resignation zu tun hätte, erspare ich mir nun doch einige vergebliche Liebesmühe, wie sie so manche zweifellos gut meinende Zeitgenossin aufwendet, um diejenigen wachzurütteln, die “Lieber dazugehören, als aufgeklärt sein” wollen, so auch der Titel eines Essays von Anette Sorg auf Nachdenkseiten, in welchem dafür plädiert wird, „in die Mokassins“ derjenigen zu schlüpfen, die „lieber nicht aufgeklärt werden möchten, weil sie sich dann neu sortieren müssten“.

Stoßen wir diejenigen, die dem herrschenden Wind folgen und geduckt im Herdentrieb verharren wollen, also nicht unnötig mit „alternativen Fakten“ vor den Kopf. Es ist ja weitgehend überflüssig geworden, dass man noch erschütternde Fakten und Links aus dem Fressnapf des globalen Newsfeeds zusammenträgt, um diejenigen Mitbürger aufzurütteln, die scheinbar zu oft den Reden einer Kanzlerin gelauscht haben, die mit jedem ihrer Worte nur „Betäubungszonen ausbreitet“ (©Roger Willemsen) und sich nun in einer Art Wachkomazustand befinden.

Um zu realisieren, wo es überall brennt bzw. wo wir systematisch verraten, verkauft und vergiftet werden, braucht man nicht einmal mehr auf Whistleblower oder alternative Medien zurückzugreifen.  Man weiß ja schon gar nicht mehr, wo man auf der brennenden Titanic, auf der manche Bundestagsabgeordnete immer noch Gut und Gerne leben, noch die Feuerstellen löschen soll. Durch den täglich über uns hereinprasselnden Napalm-Regen an Infotainment und brachialer Unterhaltung sind viele jedoch derart abgebrüht geworden, dass es sie nicht mehr vom Hocker reißt, wenn sogar Siemens-Chef Joe Kaeser ganz offen über die demnächst „über uns hereinbrechende Hölle“ spricht, in der neun von zehn Menschen untergehen werden.

Wenn selbst die Warnungen solcher Hohepriester unserer technikgläubigen Zeit nicht gehört werden, dann braucht man sich auch nicht zu wundern, dass die Warnungen anderer besorgter Köpfe weitgehend ungehört verklingen, wie z.B. dass das Bulletin of  the Atomic Scientists die „Doomsday Clock“ mittlerweile auf zwei Minuten vor Mitternacht vorstellen musste oder der offene Brief führender CIA/NSA-Überwachungsarchitekten, dass „wir gerade schlüsselfertige Tyranneien errichten“ (mit der Infrastruktur 5G als Thron und Gott KI als Regent).

Obwohl ihm und seinen Kindern gerade das Fell über die Ohren gezogen wird, wird der tagesschauguckende Spiegelbildbürger heute von einer fast unentrinnbaren Medien- und Meinungs-Maschinerie in der Illusion gewogen, dass er sich eben auf einem ganzjährigen Oktoberfest befindet. Die rasanten Loopings und Talfahren, bei denen es ihn fast (und manche tatsächlich) aus der Kurve schmeißt und er zuvor aufgesogenes Bier und Weißwürste wieder erbrechen muss, er danach einen gewaltigen Drehschwindel hat und nicht mehr weiß wo oben und unten, vorne und hinten, geschweige denn wo links und rechts ist … nu, mein lieber Gutbürger: das ist eben nur die Hochschau- und Geisterbahn am Dauer-Rummelplatz, auf dem Du voll Spaß haben darfst und Gut und Gerne lebst!

Viele haben die Lüge inzwischen lieb gewonnen. Sie gehört zum Lifestyle dazu wie der SUV vorm Garten, in dem der Mähroboter jedes aufkeimende Pflänzchen des Gewissens umgehend verhäckselt und in den Fangkorb wirft. Und die vom Rummelplatz schwindeligen Gutbürger, die keine Katze besitzen, kuscheln auf ihrer Couch abends eben mit dieser Lüge, kraueln sie, füttern sie, lassen sich necken und beißen … obwohl der im Katzenklo befindliche Katzenstreu vom Durchfall dieser transatlantisch-neoliberal-marktkonform- nihilistisch-digitalen Tamagochi-Katze bereits voll gesättigt ist und zum Himmel stinkt.


Nachsatz:

Angesichts des überbordenden Wahnsinns und der „Ultradekadenz“, die heute auf allen Ebenen unübersehbar sind, könnte man natürlich leicht in Resignation verfallen und meinen, dass ohnehin schon Hopfen und Malz verloren seien. Das ist jedoch ebenfalls eine Lüge und gehört mithin zur Schockstrategie (Naomi Klein), mit welcher der Mensch dem Diktat des totalen Marktes unterworfen werden soll. In Wahrheit haben wir es heute mit einer ausgesprochen paradoxen Zeit zu tun: Während es in der bisherigen Kulturgeschichte Phasen der Hochblüte und Phasen der Dekadenz gab, welche der damals noch nicht individualisierte Mensch mit dem Kollektiv zwangsläufig mitmachen musste, so leben wir heute in eine Zeit, in der jeder von uns so weit individualisiert ist (oder zumindest das Potential dazu hat), dass er aus eigenem Willen frei wählen kann: Ob er den totalen Niedergang mitmacht. Oder ob er sich ungeachtet des ihn umgebenden Infernos aufschwingt.

Heute leben wir in einer Zeit, in der zwei verschiedene Entwicklungen gleichzeitig zur Kulmination kommen und man muss aufpassen, dass man die zweitere dieser Entwicklungen bzw. Möglichkeiten nicht verpasst, da die erstere dieser Entwicklungen so viel Rauch, Lärm und Gestank macht, dass man die zweite glatt übersehen könnte. Beide Entwicklungen existieren heute parallel zueinander: Auf der einen Seite erreicht die Gesellschaft einen Zustand von fast unfassbarer Dekadenz und Verdummung (es würde jetzt zu weit führen, auszuführen, warum gerade diejenigen, deren Intellekt im Hitech-Brutkasten unseres Bildungssystems besonders zugespitzt wurde, besonders anfällig sind, in den Sog dieser Dekadenz zu geraten und möchte dazu vorerst nur auf Dostojewskijs Traum von der szientistischen Pest verweisen).

Auf der anderen Seite – von unseren Medien weitgehend unbeachtet und daher nicht am Schirm der allgemeinen Wahrnehmung – gibt es aber auch eine gar nicht so geringe Zahl an Personen, die erstaunlichste menschliche Qualitäten entwickelt haben, die sich in einem jeweils gewählten Gebiet unglaubliches Verständnis erarbeitet haben und tiefgründige Individuen geworden sind. Sie können diese Qualitäten bei allem, was sie diesbezüglich tun, gestalten oder sagen, auch authentisch ausdrücken. Mit dem Potential, das sie entwickelt haben – wir könnten selbst die angeblich alternativlosesten ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Probleme in erstaunlich kurzer Zeit zum Besseren wenden und wieder Freude auf Zukunft haben. Die etablierten Machtstrukturen samt ihrer alternativlosen „Wissenschafts“-Büttel – müssten dann allerdings abdanken. Und das wollen die natürlich nicht, zu sehr mundet ihnen das große Fressen beim „Gastmahl der Geistlosen“ (Milosz Matuschek), das gerade stattfindet und bei dem sich diejenigen, deren Gaumen vor lauter Überdruss kaum noch etwas mundet, dann eben menschliche Köpfe auf ihre Teller servieren lassen (siehe

Moca Gala).

Lassen wir die neoliberalen Kannibalen aber wieder beiseite, wir wollten ja über die Hidden Champions sprechen, um mir auch mal so ein bescheuertes Bullshit-Bingo-Wort aus der Marketingkiste zu klauen, aber es gibt für die Individualisten, die ich meine, eben noch keine passende Bezeichnung. Ihr Handicap ist das bereits erwähnte: Die Medien unseres neoliberalen, dem reinen Nihilismus verpflichteten Systems (nur der Nihilismus gewährt die vollendete Ausschlachtung der noch verbliebenen Umwelt- und Humanressourcen und es werden daher heute nicht nur über unser Bildungs- und „Wissenschafts“- System gewaltige Anstrengungen unternommen, um dem Menschen jedwede Fähigkeit, sich seinen Geist zunutze zu machen und Umstände zu gestalten anstatt nur zu konsumieren und zu erdulden, endgültig auszutilgen und vergessen zu machen), haben Null Interesse, über das, was solche Menschen zu sagen haben, zu berichten. Die Systemmedien sehen es sogar als ihre Aufgabe an, solche Menschen, falls sie doch irgendwo Relevanz zu gewinnen drohen, umgehend ins Visier zu nehmen, zu diffamieren und sogar zu kriminalisieren (siehe Ulrich Mies: „Die Spindocs der Gegenaufklärung“).

Man darf sich davon aber nicht bekümmern lassen. In Wirklichkeit sind die „Qualitätsjournalisten“ von Südtäuscher Zeitung & Co., die sich für diese Drecksarbeit hergeben, nur wie Bläser mit einem großen blechernen Tubahorn, das bis zum oberen Rand mit Gülle angefüllt ist, sodass jedes Hineinblasen in dieses Instrument nur noch ein bisschen dumpfes Geblubbere und üble Gärgase hervorbringt.

(Foto: pixabay/CC0)

Doch lassen wir diese traurige Zunft der südtäuschen Schreiberlinge wieder beiseite, man könnte sich dazu endlos empören und haben dieses Thema ja schon oft genug gestreift. Wir wollten von denjenigen Menschen sprechen, die ihr wirkliches Potential entwickelt haben bzw. von derjenigen Möglichkeit, welche uns heute nebst allen Niedergangserscheinungen ebenfalls offensteht: Dass es möglich ist, nicht auf Besserung von außen/einer Partei etc. zu warten, sondern  selbst Kultur zu schaffen, selbstbestimmt seine Interessen zu wählen und an zumindest einem individuell gewählten Thema bzw. Ziel dranzubleiben und sich trotz aller Mühsal und Rückschlägen immer tiefer in dieses Thema zu vertiefen. Das individuell gewählte Thema kann so vielfältig sein wie auch die Menschen vielfältig sind und ein jeder von uns ganz spezielle Anlagen hat. Es kann eine Kunst sein, Bildhauerei, Malerei, ein Instrument, Bewegungskunst, Literatur, Philosophie, Soziales, Menschenrechte, Natur, Tierschutz,  Kommunikation … sogar die Gebiete von Wirtschaft, Technik, Rechtswissenschaft oder Politik kann man so durchdringen, dass man sie auf humane Weise fruchtbar macht. Man braucht nur den Flachbildschirm ausmachen und man wird sehen, welche großartigen Möglichkeiten man heute hat, um etwas wirklich Sinnvolles und individuell Einzigartiges zu entwickeln, anstatt sich seine wertvollste Ressource: seine Lebenszeit absaugen zu lassen.

Der Abgrund der Ultradekadenz und der Berggipfel der individuellen Entwicklung: Beide Richtungen stehen uns heute offen. Es darf uns dabei nicht bekümmern, dass es heute nicht wie in bisherigen Hochkulturen ist, wo 95% der hiesigen Menschen an der jeweiligen kulturellen Höherentwicklung teilgenommen haben und nur 5% Barbaren waren bzw. versumpft sind. Möglicherweise ist das Verhältnis heute sogar umgekehrt: Vielleicht werden wir nur 5% zivilisierte Menschen und 95% Barbaren haben. Das wäre zwar tieftragisch, zumal es nicht einmal ein einziger Mensch sein müsste, der absauft, aber das ist eben neben seiner Tragik auch das Grandiose am freien Willen des Menschen: Jeder kann selbst wählen, was er werden möchte und wogegen er sich verweigert. „In times of information, ignorance is a choice“ – auch wer diese Wahl trifft, man muss sie respektieren.   

Der Abgrund der Ultradekadenz und der Berggipfel der individuellen Entwicklung. Im Fernsehen und den sonstigen Medien werden uns 24h-nonstop fast ausschließlich jene Akteure gezeigt, die ersteren Weg beschreiten bzw. der Ultradekadenz huldigen. Über diejenigen, die weitab des Rampenlichts und oft bei kargem Brot ihre Lebenszeit dazu nützen, um erstaunliche wirkliche Qualitäten zu entwickeln, erfährt man in den Medien kaum etwas. Obwohl es gar nicht wenige solche Menschen gibt. Viele haben, wenn schon nicht den Berggipfel, so doch beachtliche Höhen erreicht, auf denen sie trotz aller Mühsal des Aufstiegs den Vorzug sonnendurchfluteter, sauberer Luft und klaren Gebirgswassers genießen können, während sich die Follower der Ultradekadenz unterhalb eines Smogdeckels tummeln und in einem grützegrünen Kaulquappenteich versuchen, einen nächsten „Kick“ zu erheischen, um sich zu beweisen, dass sie vielleicht doch nicht ganz so tot sind wie sie sich fühlen, wenn einmal irgendwo in einer ruhigen Minute die Subwoofer verklingen.

Von denjenigen, die auf die Poolparty verzichten und sich stattdessen zu einer mühsamen Bergtour aufmachen, wird man zunächst nicht viel hören oder sehen. Denn wie schon Dostojewskij an oben erwähnter Stelle sagte: „Retten konnten sich in der ganzen Welt nur einige Menschen … aber niemand hatte diese Menschen irgendwo gesehen, niemand hatte ihr Wort und ihre Stimme gehört.“

 

Das Transen-Paar des Verderbens (Wie Angst und Hass gerade unsere Gesellschaft auffressen – und wie man sich vor jenen rettet)

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Vergiftet im Schlaf

Wer im derzeitigen „Wer nicht hüpft, der ist …“ – Rinderwahnsinn nicht mehr weiß, wo Links und Rechts und wo Oben und Unten zu verorten sind, und der daher vielleicht an seiner eigenen Vernunft und psychischen Gesundheit zweifelt, der sei beruhigt: Er kann nichts dafür. Er ist selbst Opfer. Er wurde vergiftet.

Das Gift, das ihm täglich dargereicht wird, besteht aus einer unseligen Mischung zweier hochtoxischer Komponenten, über die man auch als chemischer Laie Bescheid wissen sollte, wenn man in heutiger Zeit, in welcher laut Peter Sloterdijk „der Lügenäther so dicht ist wie zu Zeiten des Kalten Krieges nicht mehr“, überleben will: Angst und Hass. Um sie zu verstehen, muss man wissen, dass die beiden Geschwister sind. Hass ist sogar der regelrechte Zwilling von Angst und diese beiden Gebrüder können sich auch fließend ineinander umwandeln. (Gender-Disclaimer: Ob’s jetzt Gebrüder sind oder Geschwister oder Neutra, lass‘ ich jetzt mal dahingestellt. Bitte mir solche Simplifizierungen also nicht übelzunehmen und mich als transphob abstempeln.)

Derzeit wird über massenmediale Mechanismen in gewaltigem Maße Angst (von lat. angustia – ‚die Enge‘ und angor – ‚das Würgen‘) in die Atmosphäre und damit in die Köpfe und Herzen der Menschen geblasen – auch und gerade durch die scheinbar so souveränen und beruhigenden Hochglanzmoderatoren und TV-Formate, die suggerieren, dass wir alle, die wir Merkel oder Habeck wählen, doch zu den anständigen Bürgern gehören und alles Gute und Gerne auch weiterhin Gut bleibt, notfalls man die faul vermorschte Borke eben mit Beton eingießen muss.

All diese massenmedialen Informationen, die im Wesentlichen nur als Vehikel für tendenziöse Meinungsmache und mit ihrem Wahrheitsgehalt als Zierrat gut verpackte Lügen und Manipulationen dienen (und die umso überzeugender klingen, wenn sie der verkündende Journalist bzw. Talkmaster selbst internalisiert hat und fraglos für das Rechte hält), bewirken in unserem Inneren nichts anderes als gewaltige Gärungen und Kurzschlüsse. Sie sind auch beim besten Willen nicht auf die Reihe zu bringen und aufgrund ihrer Toxizität auch nicht verdaulich. Auf der Ebene ihres Intellekts lassen sich die Menschen mit diesen massenmedialen Inhalten reinlegen, aber unterbewusst spürt jeder Mensch sofort die Wahrheit bzw. dass das alles Lüge bzw. Manipulation ist – und wenn Bewusstes und Unterbewusstes nicht mehr zur Deckung zu bringen sind, sondern sich sogar diametral widersprechen, dann hat der Mensch das Gefühl, dass er demnächst durchdrehen muss. Die Furcht, die all die unwahren und tendenziös verbrämten Inhalte im Menschen auslösen, wandelt sich dann leicht in Hass. Und dann ist natürlich die Gefahr da, dass sich Menschen Ventile für diesen Hass suchen.

Das besonders Perfide: Auch diese Ventile bzw. die Zielobjekte, an denen sich der Hass entladen kann, werden den Menschen von den Leitmedien vorgegeben: Arbeitslose, Russland, Putin, Verschwörungstheoretiker etc. … – momentan gut beobachtbar z.B. an „Impfverweigerern“, auf welche sich in den Foren ja gerade der geballte Wust an Angst und Hass entlädt, da die Zwangsimpfungsgegner durch ihr Beharren auf Selbständigkeit und Mündigkeit des Individuums vermeintlich „den Herdenschutz gefährden“. Und wenn’s um die Herde geht, dann ist bekanntlich Schluss mit Lustig. Eine riesige Industrie giert nach dem Fleisch, der Wolle und den Organen dieser Herde. Ihre Schäfer werden daher nicht tatenlos zusehen, wie sich die Individuen dieser Herde emanzipieren und eigene Wege gehen wollen. Damit die Herde im sicheren Gatter im Zaum gehalten wird, leisten die „streng wissenschaftlichen“ Gatekeeper der herrschenden Lehre (laut Noam Chomsky: „die säkularen Hohepriester der Machtelite“) derzeit einen tadellosen Job.

Von Goebbels lernen heißt siegen lernen

Es ist im Prinzip das Gleiche wie zu Goebbels Zeiten, als das System wirtschaftlich und moralisch eigentlich bankrott war. Dass die Wirtschaft damals nicht komplett eingebrochen ist, konnte man nur verhindern, indem man die Bedrohungs-/Aufrüstungs-/Kriegskarte ausgespielt hat. Auch heute wird diese Pik Ass Karte wieder schamlos ausgespielt, selbst wenn die Mär vom bösen Russen inzwischen kaum noch jemand glaubt.

Auch damals wurde den Bürgern über die massenmedialen Kanäle präsentiert, wer an der ganzen Misere schuld sein soll: die Juden, Sinti und Roma, die „Asozialen“, die „Intellektuellen“, ethnische und religiöse Minderheiten wie die Zeugen Jehovas etc. Blöd dabei war nur: nachdem man all diese Sündenböcke in KZs entsorgt und eingeäschert hatte, hatte sich an der eigentlichen Misere nicht das Geringste geändert, sondern ist der Arschlochfaktor sogar nur noch ins Unendliche gestiegen, bis die ganze Propagandamaschinerie schließlich in einem großen Scherbenhaufen geendet hat.

An sich könnte man diesen Teufelskreis aus Angst und Hass (der wiederum zur Projektion auf an sich harmlose Sündenböcke bzw. Randgruppen führt) jederzeit durchbrechen. Man kann sich sogar mit der Angst anfreunden und ihr einige positive Seiten abgewinnen. Sie macht einen z.B. wach für gewisse Umstände und kann einem dazu verhelfen, Verdrängungen und fatale Irrwege zu vermeiden. Hätte der Bergsteiger beim Besteigen eines vertikalen Felsens nicht auch eine Portion Angst, dann würde er womöglich leichtsinnig seinen Hals riskieren. So würde man auch den scheinbar völlig angstbefreiten und euphorischen Wissenschaftlern, die Mensch und Umwelt durch Hochrisikotechnologien wie Gen-, Bio- und Nanotechnologie gerade neu erschaffen wollen, bei ihrem täglich fortschreitenden Treiben eine gesunde Portion Angst wünschen. Denn sie könnten nicht nur selbst in den Grand Canyon abstürzen, sondern uns alle dorthin mitreißen.

Orwells Hasstage zur Kompensation der Lebenslüge

Und erst wenn man sich seiner Angst bewusst ist, kann man bewusste Schritte zur Überwindung festgefahrener Verhältnisse setzen und neue Wege eröffnen. Solange die Angst jedoch im Unterbewussten bleibt, und man sie sogar mit krampfhaft euphemistischen Bekundungen von Begeisterung und Fortschrittswillen zu kaschieren versucht, ist das Unglück fast schon vorprogrammiert und das Aufwachen aus dem Fortschrittstraum wird umso ernüchternder sein. Denn dort unten im Unterbewussten ist die Angst nicht minder real und wirkt von diesem Keller-Stützpunkt auch ohne Unterlass und mobilisiert gewaltige Kräfte … die sich eben jederzeit in Hass verwandeln können. Inzwischen ist die angestaute Angst so groß geworden, dass sogar das Potential besteht, dass ganze Länder mit Wahnsinn überzogen werden. George Orwell hat uns wie mit vielem anderen davor gewarnt, dass man in Zukunft „Hasstage“ feiern wird, an denen sich der Wust an innerer Frustration und Hass auf Andersdenkende in emotionalen Gemetzeln entladen kann.

Das Fatale in der heutigen Situation ist nur: Indem wir nun schon jahrzehntelang, viele von uns schon von Kindesbeinen an, mit demjenigen konditioniert wurden, was Vaclav Havel ein Leben in der „Lebenslüge“ genannt hat, ist der Anblick der Wahrheit nun umso schmerzvoller. Wir haben mit dem Huldigen dieser Lebenslüge bzw. mit der Illusions- und Entertainmentmaschinerie dieses Systems gewaltig viel Lebenszeit verloren und sind jetzt gewissermaßen in einer Situation wie ein Student, der vor schwierigen Prüfungen steht, in denen er Integral- und Infinitesimalrechnungen lösen soll, aber er nicht einmal die vier Grundrechenarten beherrscht.

Da wir der Wahrheit bisher weitgehend den Zugang zu unserem Inneren verwehrt haben, ist der Druck, den diese verdrängte – ebenfalls nicht nur außen, sondern in uns selbst bzw.  unserem Unbewussten lebende –Wahrheit ausübt, nun umso größer. Die Angst vor der Wahrheit hat sich bei vielen sogar schon in Hass auf die Wahrheit gewandelt, sodass sie mit aller Verve gerade diejenigen hasserfüllt attackieren, die es wagen, auf irgendeinem Gebiet des Lebens eine Wahrheit anzusprechen und damit die Lüge zu demaskieren. Ganze Bewegungen und politische Parteien formieren sich, um krampfhaft den Deckel am Topf der Lebenslüge zu halten, obwohl dieser bereits überquabbelt – so wie die mittlerweile schon über 10.000 Mitglieder zählende radikalnihilistisch-szientistisch-transatlantische Gwup-/Psiram-/Skeptikerbewegung, die nun auch über einen politischen Arm in Form der Partei „Die Humanisten“ verfügt und bei der jüngsten EU-Wahl immerhin 62.600 Stimmen und damit im ersten Anlauf stattliche 0,2% der gesamten Wählerstimmen einfahren konnte. Um ein Haar wären die Freunde Monsantos und transhumanistischen Science Busters („Wir wollen mit neuen Technologien den Weg zum Körper 2.0 ebnen“) damit im Europaparlament gelandet und hätten uns von dort aus den totalen Scihad zu erklären können – medial wirksam ins Fußvolk breitgetreten durch ihren hauseigenen „Humanistischen Pressedienst / hpd“ bis in die Leitmedien, mit deren Redaktionen die Gwupper bestens vernetzt sind.

Das Gegengift: Mut zur Wahrheit

Der Autor Dirk C. Fleck kommt daher nicht von ungefähr dazu, dass er meint, die Wahrheit sei dem durchschnittlichen Bürger heute gar nicht mehr zumutbar. Fleck spricht dabei allerdings von der Masse bzw. der Majorität. Diese sollte im derzeitigen Unwetter nicht unser Maßstab sein. Denn es hat in der gesamten Geschichte der Menschheit noch nie einen Fortschritt gegeben, wenn man sich an der Masse orientiert hat. Fortschritt ist immer nur vom einzelnen Individuum ausgegangen bzw. von kleinen Gruppen, die sich aus solchen freien Individuen, die über den Tellerrand hinauszublicken wagten, zusammengefunden haben, und zwar ganz ohne Zwang, sondern nur einem humanen Ideal verpflichtet.

In welche Richtung die Masse marschiert, darf uns in der jetzigen Situation also nicht groß bekümmern oder frustrieren, so tragisch es auch sein mag. Umso wichtiger ist es auch heute, dass sich möglichst viele Individuen – auf ihre jeweils individuelle Art, die man niemals für allgemeinverbindlich erklären darf – zu mehr Wahrheit oder etwas bescheidener ausgedrückt: zu mehr Mut zur Wahrheit durchringen. Denn ganz Unrecht hat Dirk Fleck nicht: Die Wahrheit ist gewaltig – auch die Wahrheit über die Verhältnisse des eigenen Inneren, in dem ebenfalls respektable und gut gemästete Feinde namens Gier, Eitelkeit, Unehrlichkeit, Ignoranz etc. lauern – und man braucht durchaus starke Sicherungen, um den Strom dieser äußeren und inneren Realitäten aushalten zu können. Wenn wir uns in den Strom der Wahrheit allerdings nicht einklinken, dann wird er sich andere Wege suchen – als Kriechstrom unerwartete Wege gehen und gewaltige Kurzschlüsse verursachen. Die Blackouts, die nach diesen Kurzschlüssen eintreten werden, wieder zu erhellen, würde tausendmal anstrengender sein als die vermeintliche Anstrengung, uns aus dem heuchlerischen System des „Manufacturing Consent“ aufzurichten und mit der Wahrheit zu konfrontieren, die wir derzeit noch scheuen wie die Teufel das Weihwasser.

Wer sich allerdings mit der Wahrheit konfrontiert und sich ihr täglich ein Stück weit mehr annähert (und mit „Wahrheit“ ist hier nicht nur das Anschauen der globalen Schrecknisse und Machenschaften der Tagespolitik gemeint, sondern auf der anderen Hand auch das Vertiefen in positive Ideale über Sinn und mögliche Ziele des menschlichen Daseins, wie sie uns die europäische Geistesgeschichte ja ebenfalls in reichlichem Überfluss zur Hand gibt – man muss bloß zugreifen), auf den hat das vorgenannte Transen-Paar des Verderbens keinen Zugriff mehr. Er wird dadurch nicht nur weitgehend immun gegen die Giftwirkung der medialen Lügenschwaden, die heute die Atmosphäre durchziehen, er wird auch fähig zu einer wirklich revolutionären, da individuell gegründeten Haltung mit sehr weitreichender Wirkung. Wenn er selbst Zeuge von Lüge, Rufmord oder Korruption wird, dann wird er das Spiel nicht mitspielen, sondern Rückgrat behalten. Er wird dann die Kraft zur Verfügung haben, im Sinne von Lothar Zanetti nicht mitzulachen, wenn alle lachen, nicht mitzuspotten, wenn alle spotten und zu denken, was keiner wagt zu denken:

Was keiner wagt, das sollt ihr wagen.
Was keiner sagt, das sagt heraus.
Was keiner denkt, das wagt zu denken.
Was keiner anfängt, das führt aus.

Wenn keiner ja sagt, sollt ihr´s sagen.
Wenn keiner nein sagt, sagt doch nein.
Wenn alle zweifeln, wagt zu glauben.
Wenn alle mittun, steht allein.

Wo alle loben, habt Bedenken.
Wo alle spotten, spottet nicht.
Wo alle geizen, wagt zu schenken.
Wo alles dunkel ist, macht Licht.

 

Foto: pw/nachrichtenpiegel.de

„Last Christmas“ – Jahresende und Ausblick auf 2019

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Bilder: Jürgen Plechinger / nachrichtenspiegel.de

Muppets

Inmitten der nun angebrochenen Merkeldämmerung kaprizieren sich unsere Leitmedien ja gerade mit ausführlicher Berichterstattung über die Figuren, die der Dauerkanzlerin nachfolgen wollen. Als ob es im Grunde nicht vollkommen einerlei wäre, wer das sein wird: Der BlackRock/Atlantikbrücken-Mann Merz, der Pharmalobbyist Jens Spahn oder die im Vogelkäfig der Kanzlerin persönlich herangezüchtete Annegret Ichkrieg’nenmerkelkrampf-Karrenbauer – der transatlantische Overkill kann jedenfalls weitergehen.

Ersparen wir uns also müßige Analysen des Gekrächzes – pardon: der programmatischen Ansagen und Fortschrittsbekundungen der Spitzenkandidaten. Erheitern wir uns lieber an ein paar Bildern, bevor wir dann weiter unten zu einem eher düsteren Ausblick auf das kommende Jahr 2019 kommen. Unser aus der marktkonformen Asche wiederauferstandene Colorist Jürgen Plechinger, ohne dessen Feder der Nachrichtenspiegel deutlich farbloser daherkommen würde, hat schon vor einiger Zeit eine Serie an Gänsen gemalt. Sie stehen da wie Synonyme für die angebliche Alternativlosigkeit, die uns heute von Expertenseite suggeriert wird:  Alle irgendwie gleich, mit ausdruckslosen, wie erloschenen Knopfaugen – Augen, anhand derer man den Tierchen ansieht, dass sie die digitale Transformation in vorauseilendem Fortschrittsgehorsam bereits durchlaufen haben. Ein abgewürgter Hals trägt einen abgehobenen, scheinbar über die Niederungen hinausgehobenen Kopf, der jedoch im Verhältnis zum massigen, gesäßförmigen Unterkörper weitgehend unbedeutend und vor allem nichtssagend erscheint.

Realos

Es ist wohl ein Zeichen der Zeit, dass die Menschen heute Hoffnung in etwas (z.B. die „digitale Transformation“) oder jemanden setzen, wo es nichts zu erhoffen gibt. Im Gegenzug wird die Möglichkeit wirklicher systemischer Alternativen, die den drohenden Ökozid und die Robotisierung des Menschen abwenden könnten, in den Bereich des Denkunmöglichen verwiesen. Wer Alternativen in Zeiten marktkonformer Demokratie dennoch denkt bzw. laut ausspricht, wird hart abgestraft und von „Skeptikern“ auf die mediale Streckbank gespannt. Gemeinwohl-Ökonomie? – auf Betreiben von Gwup & Co. wegen „Unwissenschaftlichkeit“ und mangelnder Reputation wieder aus den Schulbüchern und damit aus dem Bewusstsein der nachfolgenden Generation gestrichen (siehe norberthaering.de).

Zugelassen sind im öffentlichen Diskurs derzeit nur „Realos“. Ein großes Vergessen über die Möglichkeiten der Gestaltungskraft, mit der der von Idealen beflügelte menschliche Geist seine Lebensumwelt und die sozialpolitische Realität ändern könnte, macht sich breit. Sogar die Studenten kommen nicht mehr auf die Idee, zu revoltieren, sondern „pfeifen sich leistungssteigernde Medikamente rein und trinken auf dem Weg zur Uni einen Coffee to go“ (Götz Eisenberg):

 „… Die Erinnerung daran, dass eine menschliche Welt möglich ist, soll getilgt werden. Ein großes Vergessen soll sich breitmachen und jede Alternative schon im Ansatz erstickt werden. Ein Blick auf den Zustand der jüngeren Generation zeigt, dass dieses Vorhaben bereits weit vorangekommen ist. Das gilt leider auch für das Gros der heutigen Studierenden. (…) Sie pfeifen sich leistungssteigernde Medikamente rein, vergöttern Markt und Effizienz, rennen wie Somnambule hinter ihren Smartphones her und trinken auf dem Weg zur Uni einen Coffee to Go.
Statt sich in den Kampf zu stürzen, jagen sie Pokémons und tanzen nach der digitalen Pfeife. Insgeheim ahnen oder wissen sie, dass sie keine Perspektiven haben. Das macht sie latent wütend und gereizt. Deswegen besaufen sie sich regelmäßig und trinken oder kiffen sich weg aus einer frustrierenden Realität. Dass sie diese ändern könnten, ist ein Gedanke, der ihnen fremd ist.“ (ganzer Artikel siehe nachdenkseiten)  

Was ist passiert? Warum haben wir uns alle Ideale ausreden lassen, uns vom MÖGLICHEN verabschiedet und sind nur noch auf das TATSÄCHLICHE (=das Gewordene, also das bereits wieder Absterbende) fixiert? Warum sind wir zu regelrechten Tatsachenfanatikern geworden und haben zugelassen, dass uns unser Fußball der Ideale nicht nur ins Abseits, sondern weit über den Stadionzaun hinausgeschossen wurde? – Sodass wir nun am grünen Rasen da stehen wie die begossenen Pudel und in einem vom marktkonformen Regen durchnässtem Trikot zumindest ein paar Selfies knipsen, während wir im vorgegebenen Takt der Stadionlautsprecher-Bässe Hampelmannsprünge machen. Dabei merken wir innerhalb des mit gleißenden LED-Scheinwerfern ausgeleuchteten Stadions nicht, wie am Horizont gerade ein Orkan herannaht, der die gesamte Entertainment-Kulisse schon demnächst wegfegen wird.

Leere Flaschen, voll mit Ungeziefer

Wir täten also eventuell gut daran, den „streng wissenschaftlichen“ Spinnwebschleier der Alternativlosigkeit, den die Hohepriester der herrschenden Lehre um uns herumgewebt haben, wieder abzustreifen. Viel Zeit haben wir dazu allerdings nicht mehr. Denn die Zukunft bzw. Science Fiction holt uns gerade mit Riesenschritten ein und droht unsere ehemals sozial und freiheitlich veranlagte Zivilisation in Dantes Eishölle zu verwandeln. Eine Eishölle, in der Wohl und Wehe der Menschen von Algorithmen beherrscht werden (siehe auch ein lesenswertes Essay von Byung Chul Han: „Die smarte Macht“). Und diese von uns vergötterten, allwissenden, allmächtigen, aber leider nicht allgütigen Algoritmen machen das, als was uns die Skeptizisten definieren (als bloßen Biocomputer), ungleich schneller und effizienter. Menschliche Kriterien wie Verantwortung, Gewissen und Individualität – sind dann obsolet. Und solange uns kein Solar Max oder ein Asteroid streift, wird Dantes Eishölle auch für sehr lange Zeit nicht aufzutauen sein. Denn organisierter Widerstand wird in einer totalüberwachten Welt, in der künstliche Intelligenz früher über eigene Gedanken und Gefühle Bescheid weiß als man selbst, weitgehend unmöglich sein.

Noch ist jedoch nicht aller Tage Abend. Im Grunde ist es gar nicht schwer, die technokratisch-skeptizistisch-nihilistischen Spinnweben, in die wir von Kindesbeinen an eingewickelt wurden, wieder abzustreifen. Man muss zunächst nur die Gewohnheit überwinden, bloß immer vom TATSÄCHLICHEN auszugehen und stattdessen den Blick auf das MÖGLICHE, also auf ein Ideal richten, bevor man zur Tat bzw. in den Alltag schreitet. Wer ein Ideal bzw. ein individuell gewähltes (d.h. nicht von Zeitung, Fernsehen und Uni vorgegebenes) Ziel mit sich trägt, und an diesem jeden Tag weiterbastelt, es modifiziert und unbeirrt von allen Misserfolgen und äußerlich entmutigenden Tatsachen immerzu neu aufbaut, der ist gegen praktisch alle Spasmen des Wahnsinns, die sich heute des Menschen bemächtigen wollen, gefeit.

Hat jemand kein solches Ideal, dann ist er nicht mehr als das, was der Psychotherapeut V.E. Frankl als leere Flasche an einem Sandstrand charakterisiert: Ein hohles Behältnis, in das alle möglichen Tierchen – Einsiedlerkrebse, Würmer, Skorpione und diverses Ungeziefer – hineinkrabbeln, sich darin einnisten und ausgiebig Mist machen können. Ist die Flasche hingegen mit einem substanziellen Inhalt bzw. einem Ideal gefüllt, dann können die Krabbeltierchen nicht hinein.

Von den Skeptizisten darf man sich diese Möglichkeit, im Leben ein Ideal aufzubauen (das immer dialogischer Art ist, also nicht nur mit einem selbst, sondern mit Mitmensch und Umwelt zu tun hat), nicht madig machen lassen. Denn die Skeptizisten, die derzeit die Meinungshoheit beanspruchen, haben die Pforte zu Dantes Eishölle innerlich bereits überschritten und an dieser Pforte heißt es schließlich: „Wer hier eintritt, der lasse alle Hoffnung fahren.“ Mit anderen Worten: Von denen, die bereits so tief hinuntergestiegen sind, dass sie die Möglichkeiten des menschlichen Geistes aufgegeben haben und sich nur noch als Biocomputer sehen, kommt nicht mehr viel, ist nichts mehr zu erwarten. Man verschwendet nur wertvolle Zeit, wenn man sich deren missionarische Machwerke und „Manifeste“ zu Gemüte führt, mit denen sie alle noch verbliebenen Reste an menschlichem Geist (=das laut Prof. Hubertus Mynarek im Kreise der „Skeptiker“-Bewegung meistgehasste Wort) aus der Welt austreiben wollen, um endlich einer „rein säkularen“, Industrie 4.0-kompatiblen Effizienzgesellschaft im Sinne der Borgs den Weg zu ebnen.

Mensch und Welt: Nur Matsch

Niemand soll bei der ganzen Horrorclown-Chose glauben, dass es den eifernden Rittern der „Skeptiker“-Bewegung wirklich um Aufklärung ihrer unwissenden Mitbürger  geht. Der Grund ihrer Missionierungsarbeit ist vielmehr ein ganz schnöder: Sie haben Angst vor dem menschlichen Geist, vor dem, was Viktor Frankl als „spezifisch humanen Faktor“ bezeichnet hat. – Zurecht, denn ihr derzeitiger Lifestyle, der trotz aller fortschrittlicher und krampfhaft durchspaßter Bekundungen ein zutiefst nihilistischer ist, ist dem, was der „spezifisch humane Faktor“ in einem fordern würde, diametral entgegengesetzt. Die „Skeptiker“ müssen sich also über diese Realität des menschlichen Geistes betäuben und wollen diese Ignoranz zu einer pluralistischen, auch für ihre Mitmenschen verbindlichen Geisteshaltung (welch Anachronismus!) machen.

Dass sie im Zuge ihres verbissenen Kampfes gegen allen Geist selbst einem bestimmten Geist huldigen, kommt ihnen inmitten ihres Fortschrittstaumels nicht zu Bewusstsein. Dieser (Un-)Geist ist aus Goethes Faust eigentlich hinlänglich bekannt: „Ich bin der Geist, der stets verneint.“ Dass ein Geist, der alles, was das Menschsein ausmacht bzw. wertvoll macht (und nichts davon lässt sich mit Messgeräten „empirisch“ beweisen) , verneint, ein das Leben destruierender Geist und eigentlich unser innerer Feind ist (Sigmund Freud sprach vom uns innewohnenden Todestrieb Thanatos), realisieren die Skeptiker nicht. Denn dieser Geist des Todes eröffnet uns nicht nur den scheinbar grandiosesten intellektuellen Scharfsinn zum Ersinnen neuer Technologien zur Beherrschung der Natur, sondern er lässt uns vor allem in unaussprechlicher Verzückung über unsere eigene Großartigkeit schwelgen (siehe Steve Cutts kleine Videosequenz „Man“).

Überlassen wir die Skeptiker also ruhig ihrem Schicksal, sie haben es so gewählt. Alles andere als gleichgültig sollten wir jedoch gegenüber dem Ansinnen der Skeptiker sein, auch uns ihre Geistlosigkeit überzustülpen und uns ebenfalls zum Gänsemarsch in den Grand Canyon zu zwingen. Wer dieses Ansinnen in seiner vollen Tragweite und Bedeutung für unsere Zukunft erkennt, der wird sich dagegen genauso vehement verwehren wie gegen einen Sittenstrolch, der einem in die Unterhose greifen will oder gegen einen IS Fundamentalisten, der uns einen Kopf kürzer machen möchte.

In der Tat darf das pseudowissenschaftliche und pseudosatirische Auftreten der Skeptiker nicht darüber hinwegtäuschen, was dieses Ansinnen ist: Die Möglichkeit des individuellen menschlichen Geistes in seiner Gestaltungskraft gegenüber den „nackten Tatsachen“ soll wie vollkommen vergessen gemacht, zugeschottert und nie wieder zugänglich sein. So wie der französische Widerstandskämpfer Jacques Lusseyran feststellt: Man führt heute Krieg gegen das Ich, man will diesen Faktor, dieses zu Inspiration und Idealen begabte individuelle Ich im Menschen „endgültig verjagen“ (siehe „Unser Ich – Staatsfeind Nr.1“). Anstelle des homo sapiens will man nur noch die schiere Physis, den „Trockennasenaffen mit Haarausfall“ gelten lassen, als den sich der Gwup-Vordenker Michael Schmidt-Salomon in seiner Skeptizisten-Bibel „Manifest des evolutionären Humanismus“ selbst bezeichnet. Mit einem Wort: Man will nicht mehr Mensch sein, will die Last von Bewusstsein, Gewissen und damit einhergehender Moral nicht mehr tragen, ersehnt daher die transhumanistische Robotisierung. Oder um auf das Bild von Jürgens Gänsen zurückzukommen: Man will den ohnehin nur noch an einem dünnen Faden hängenden Kopf vollends loswerden und nur noch gesäßförmiges Vegetativum sein, das im digital durchzuckten Urschlamm vor sich hinsumpft.

Die Big Bang Theory der Skeptiker

Leben in all seinen hochgradig intelligent geformten und vernetzten Erscheinungsformen soll sich nach Ansicht der Skeptiker völlig konzeptlos einfach so aus dem Nichts gebildet haben. – So wie plötzlich ein Pizzabote, ohne dass er sich zuvor wie ausgemacht mit einem SMS angekündigt hätte, in Sheldon Coopers WG anläutet, während die streng wissenschaftsgläubigen Nerds vor dem Flachbildschirm sitzen und onanieren.

Das Geistige, das übrigens nicht nur laut allen großen Geistern der menschlichen Kulturgeschichte von Plato bis Goethe die determinierende Konstante allen Lebens ist, sondern das auch die großen Physiker wie Einstein, Heisenberg und Planck als zwar unwägbare, aber evidente Realität ansahen, nach der sich alles was sichtbar ist, gegliedert hat und auch weiterhin metamorphosiert, ist den Skeptikern ein Gräuel. Obwohl sie auf ihrer Edutainment-Bühne darüber lachen, haben sie in Wirklich zutiefst Angst davor. Was man ihnen auch nicht verdenken kann. Denn wenn ich einer fundamentalistischen Weltanschauung des 19. Jahrhunderts anhängen würde (die nach heutigen Erkenntnissen der Teilchenphysik in Wirklichkeit längst widerlegt ist), deren „Wissenschaft“ nicht einmal die Entstehung von Leben erklären kann, geschweige denn die Entstehung von Bewusstsein, dann hätte ich auch eine Heidenangst … und würde um einen Eimer Sand betteln, in den ich meinen Kopf hineinstecken kann.

Damit nun niemand enttäuscht ist, wenn er sich von den Gwup-Skeptizisten abwendet und wieder die Möglichkeit des menschlichen Geistes in Erwägung zieht (letzterer Weg ist mühsam wie eine Bergtour, ersterer Weg ist scheinbar bequem, man braucht sich nur fallenlassen wie bei einem Bungee-Jump ohne Seil, ein kurzer Geschwindigkeitsrausch ist dabei garantiert, bis zum Aufprall hat man die Gravitationskraft ganz auf seiner Seite und echt Spaß, das lässt sich nicht bestreiten): Wie im Werk von Erich Fromm nachzulesen, gehört der Geist der Welt des „Seins“ an und nicht der des „Habens“. Man kann Geist also nicht so „haben“ wie einen Bachelor of Arts oder einen Master of Science – letztere Titel kann jeder erwerben, der nur genügend Sitzfleisch und finanzielle Ressourcen hat, selbst der verbockteste Kopf mit „Brett vorm Kopf“ – siehe die in endlosen Kolonnen inflationär durch die Gegend watschelnden akademischen Gänse, die derzeit das politische, kommerzielle, finanzwirtschaftliche, mediale, militärische, ökologische und soziale Leben auf allen Ebenen bestimmen. Geist muss man sich hingegen täglich neu erringen, wenn er lebendig bleiben soll. Das Schöne an einem geistvollen, sinnerfüllten Leben ist allerdings: Er wirkt bereits in homöopathischen Dosen. Selbst wenn man sich nur einen kleinen Aspekt davon erarbeitet und  nur ein bescheidenes Ideal im Leben verwirklicht, fühlt man sich trotz allem Gegenwind – und zeitweise unvermeidlichen Gefühlen der Einsamkeit inmitten der umgebenden Dschungelcamp-Party – im Grunde ungemein zufrieden und erfüllt.


Nachsatz + Ausblick auf das Jahr 2019

Mancher mag sich fragen, warum wir uns überhaupt so viel Mühe machen, um über das Treiben der „Skeptiker“-Bewegung aufzuklären. Nun, weil die Sumpfdotterblüten, die diese Gruppierung auf medial wirksame Weise treibt, symptomatisch für das sind, was schlichtweg die Wurzel aller desaströsen Entwicklungen ist, die wir heute auf politischem, ökonomischem, ökologischem und sozialem Gebiet beobachten können: Den technokratischen Nihilismus, der die Realität und Potenz des menschlichen Geistes verneint und sich damit dem Ansinnen des Neoliberalismus nach vollendeter Ausschlachtung der noch verbliebenen Umwelt- und Humanressourcen ergibt.

Solange wir diesem heute fast allerortens – meist stillschweigend – prädominierenden Nihilismus (Goethes „Geist, der stets verneint“) keine Absage erteilt haben, wird es weiter munter abwärts gehen, und zwar im forcierten Schweinsgalopp. Jede einzelne politische, ökonomische und technologische Maßnahme, die nicht den „spezifisch menschlichen Faktor“ bzw. den menschlichen Geist berücksichtigt, so scharfsinnig, fortschrittlich und effizient sie auch von „Experten“ präsentiert wird, wird sich nur als Treibsand erweisen, in dem wir immerzu tiefer versinken. Es ist daher ein Trugschluss und weitgehend verschwendete Zeit, sich mit in industrieller Mast herangezüchteten Gänsen und ihren programmatischen Erklärungen zu befassen oder von politischer bzw. Experten-Ebene eine Verbesserung der eskalierenden Probleme zu erwarten. Ob Merz, Spahn oder AKK, es werden im Gänsemarsch immerzu ähnliche Figuren nachkommen, so wie ein Spielmann Luftballons aus dem Sack zieht und nacheinander aufbläst, selbst wenn man einer besonders renitenten Gans nach 13 Jahren endlich mühevoll die Luft abgelassen hat.

Freddy Krueger kommt

Lassen wir die Gänse aber wieder beiseite. Da ich die Fortsetzung zu meinem Jahresausblick für 2018 („Freddy Krueger kommt! … und keiner merkelt’s “) immer noch schuldig geblieben bin – ja, so schnell vergeht ein Jahr, eben war noch Silvester, jetzt kommt schon wieder Advent und man hört das erbarmungslose „Last Christmas“ aus den Kaufhauslautsprechern heranwimmern – hier zumindest ein verkürzter Ausblick auf 2019. Mit einem Wort: Wer vorhin genannte Ideale nicht hat und wer sich aus dem Spinnwebgeflecht von Noam Chomskys „manufacturing consent“ nicht mutig zu eigenständigem Denken emanzipiert, dem wird es im kommenden Jahr vollkommen den Teppich unter den Füßen wegziehen. Er wird vom rülpsenden Konsensmoloch (© Wolf Reiser) komplett verschluckt werden und im Rachen dieses Molochs der Mentalvergiftung (© Reiner Mausfeld) erliegen.

Diese schleichende, durch die psychische Immunabwehr kaum noch zu bewältigende Vergiftung führt im Endstadium schließlich zu er einer vollständigen Fossilisierung noch vorhandener geistiger Beweglichkeit und innerer Vermorschung. Auch Medikamente, Drogen, exzessives Fernsehen und sonstige Kompensationen werden nicht mehr helfen, den Deckel auf dem Topf zu halten, der Wahnsinn wird überquabbeln. In diesem Stadium der Sklerose angekommen, werden sich die Skeptizisten in ihrem Menschenbild aber nur noch bestätigt fühlen. Können sie dann nämlich mit Fug und Recht behaupten, dass der Mensch ja wirklich nur ein geistloser Trockennasenaffe und ein „aufrecht gehender Depp“ sei (M. Schmidt-Salomon).


Angela Merkel / Freddy Krueger (Flickr-European People’s Party-CC BY 2.0 / Wikimedia-Pat Loika-CC BY 2.0)

Als notorischer Zweckoptimist würde ich gerne ein freudigeres Bild malen, aber ich glaube, wir tun gut daran, die kommende Zeit nüchtern zu betrachten und uns innerlich auf das gefasst machen, was nun kommt … nachdem am Baum der Humanität jahrzehntelang mit immer wirkungsvollerer technischer Gerätschaft intensiv gesägt wurde und es nur noch ein schmaler Rindensteg ist, der diesen Baum in der Vertikalen hält. Dass die im vollendeten Profit- und Wachstumsrausch befindlichen Finanz- und Politmächte die Motorsägen abstellen, kurz bevor unser Baum endgültig umkracht, ist ein naiver Wunschtraum, den uns der Weihnachtsmann nicht erfüllen wird. Sprechen wir also Klartext. Industrie 4.0, digitale Transformation und die Ausschlachtung noch verbliebener Umwelt- und Humanressourcen sind beschlossene Sache. Ebenso eine menschenverachtende Migrationsagenda, die aus den armen Ländern noch die wirtschaftlich verwertbaren Facharbeitskräfte und medizinisches Personal abschöpfen will (siehe ein bereits 2013 veröffentlichtes Agenda-Dokument des World Economic Forums: „The Business Case for Migration“ bzw. einen Kommentar des Wirtschaftsjournalisten Norbert Häring zum UN-Migrationspakt). Diese Agenda wird globalpolitisch-ökonomische Missstände zementieren und für alle Beteiligten einen noch nie dagewesenen Strudel an menschlicher Verelendung und Entwurzelung nach sich ziehen. Der existenzielle Kampf und die Perversionen, die in diesem Zustand des streng wissenschaftlichen Overkills herrschen werden, werden alles in den Schatten stellen, was wir als Zivilisationsbürger bisher gekannt haben. 

Failed state Germany

Der Grund, warum wir in der heutigen Situation gelandet sind, ist dabei nicht bloß, weil wir so doof waren, in entscheidender Zeit bei den Wahlen eben dumme Gänse zu wählen, sondern ist die finale Konsequenz von Entscheidungen, die wir – vielleicht vielfach unbewusst, aber eben doch mit überwiegender Mehrheit getroffen haben: bloßer Oktoberfestbürger zu sein, der nicht mehr will als „gut und gerne leben“ und ein bisschen Spaß haben.

Die konstruktiven, menschenwürdigen Optionen, die uns ebenfalls offenstanden, haben wir hingegen in den Wind geschlagen. Wir haben eine Absage an alles geleistet, was uns an nachhaltigen Möglichkeiten geboten wurde – und uns wurde sehr viel geboten. Wir sitzen auf gewaltigen Kulturschätzen von Hegel bis Goethe, mit denen wir das mitteleuropäische Modell zu einem wahren Exportschlager für die ganze Welt hätten ausbauen können. Das Kunststück, uns angesichts solcher Schätze für ordinären Ganstarap zu entscheiden und uns darin zu gefallen, als vollkommen entblößte und staatlich subventionierte Exhibitionisten auf der Straße „Deutschland verrecke!“ zu schreien (siehe #wirsindmerkel #unterallersau), muss uns erst einmal jemand nachmachen.

Auch wenn sich Deutschland damit für den Niedergang entschieden hat, die gute Nachricht ist: Es wird weitergehen: Andere Länder und andere Menschen werden die Aufgabe, vor der Deutschland versagt hat, übernehmen und das Beste aus dem verfahrenen Scherbenhaufen, den das Schlamerkelland hinterlassen hat, machen. Soweit ich aus mehreren asiatischen Ländern gehört habe, die ich selbst bereise und zu denen ich regen Austausch pflege, schätzt man Goethe dort als außerordentliche Geistesgröße, kultiviert seine Gedanken und schüttelt nur den Kopf darüber, wie man hier in seiner Heimat einen auf „Fack ju Göhte“ macht und auf den Schulhöfen stattdessen lieber Gangstarap-Plörre schlürft. Laut Bericht im Focus ist ja „Du Goethe!“ neben „Du Opfer!“ und „Du Wichser!“ heute zu einem der gängigen Schimpfwörter unter Jugendlichen avanciert.

Auch in besagten asiatischen Ländern herrscht heute ein starker Fokus auf Ökonomie, steht traditionelle Lebensart unter Druck und gibt es viele Missstände. Die Menschen dort sind jedoch nicht so dumm, im Zuge des Wirtschaftswachstums das Kind mit dem Bade auszuschütten und alle ihre Werte über Bord zu werfen. Während wir uns hierzulande besonders schlau und fortschrittlich vorkommen, Werte und Traditionen möglichst restlos zu zerfleischen, so pflegen viele Asiaten ihre Werte. Sie tragen bei allem Leid, das ihre Länder zu ertragen haben, immer noch die intuitive Gewissheit in sich, dass das gesamte Wohl und Wehe nicht nur ihres Landes, sondern auch ihres individuellen Schicksals von diesen Werten abhängen wird, die sie daher als ihren innersten Schatz betrachten.

Wenn ich dortigen Freunden und Geschäftspartnern, die Europa nicht oder nur selten bereisen, von dem erzähle, was im heutigen Deutschland marktkonform-merkelscher Prägung vor sich geht, dann können diese Menschen das kaum fassen, da es das bisherige Bild, das sie von Deutschland hatten, vollkommen auf den Kopf stellt. Inzwischen halte ich es daher ähnlich wie der Welt-Kolumnist Henryk Broder, der während seiner vielen Reisen gar nicht mehr erzählt, in welchem Zustand sich Deutschland heute befindet, sondern seine Gesprächspartner lieber in gutem Glauben an das Good old Germany lasse. Er erspare es ihnen, zu erklären, dass Deutschland heute in Wirklichkeit ein „failed state“ sei (Quelle: Broders Spiegel). 

Überleben im Smog

Dass wir auf kollektiver Ebene gerade mitten im Scheitern sind, darf uns aber nicht daran hindern, auf individueller Ebene mit aller Kraft um Kultur und Humanität zu kämpfen. In Wirklichkeit ist die individuelle Ebene ja sogar die einzige, die wir wirklich in der Hand haben. Und in Wirklichkeit entscheidet sich unser Schicksal nicht bei Wahlen, sondern geradewegs auf dieser individuellen Ebene. Egal, was man uns äußerlich auch zumuten mag und wie sehr die Dekadenz auch voranschreiten wird: Ich kann als individuelles „Ich“ immer Stellung beziehen, wenn auch nur stillschweigend. Selbst wenn es zu einem schlimmen Repressions-/Bürgerüberwachungssystem kommen sollte (nach Meinung hochrangiger CIA-Experten errichten wir ja gerade „schlüsselfertige Tyranneien“ / Quelle: The Guardian), dann kann der Mensch von seinem Ich aus trotzdem innerlich entscheiden, wie er sich moralisch zu diesem System positioniert, selbst wenn ihn dieses System äußerlich zunächst zur Anpassung zwingt.

Wichtig ist nur, dass man sich nicht dem ergibt, was der Dichter und tschechische Präsident Vaclav Havel als „Lebenslüge“ bezeichnet hat (Havel: „Die Tragik des modernen Menschen ist nicht, dass er immer weniger über den Sinn des eigenen Lebens weiß, sondern dass ihn das immer weniger stört.“)  Gerade im kommenden Jahr 2019 wird sich diese systematische Lebenslüge zu dermaßen dunklen Wolken geballt haben (Sloterdijk nennt diese Wolken „Lügenäther“, der heute so dicht sei wie zu Zeiten des kalten Krieges nicht mehr), dass nur noch diejenigen ihr gesundes Menschsein aufrechterhalten werden können, die ein substanzielles, persönlich gewähltes Ideal pflegen. Wer kein solches Ideal hat, wird die Lebenslüge bzw. den Lügenäther internalisieren und diesen dann aktiv von sich geben, so wie man dies jetzt schon in besonders anschaulicher Form bei den Reden der Bundeskanzlerin beobachten kann: Man schwimmt einfach mit dem mit, was Kommerz und neoliberaler Zeitgeist fordern und memmelt irgendwelche schöntuerischen, aber eigentlich nichtssagenden Worte vor sich hin. Auf diese Weise stürzt man das eigene Leben in eine tiefe Tragik. Für eine Handvoll „needful things“ verpasst man den Anschluss an die menschliche Entwicklung und versäumt es, Stellung zu beziehen. Indem man als Mensch keine reifliche Stellung und damit keine Verantwortung bezieht, zu der man aufgefordert wäre, macht man das Gleiche wie Merkel: Man tut nichts und führt geradewegs damit schlimmeres Unheil herbei als es jeder Despot durch offenkundig destruktives Handeln vermochte.

Im Gegensatz dazu braucht derjenige, der sich mutig aus der herrschenden Meinung des „manufacturing consent“ emanzipiert und eigene Gedanken und Ideale pflegt (siehe „Warum überhaupt noch denken? – Ein Survival-Kit für die Apokalypse“ ), keine Angst vor der Zukunft haben. Auch wenn äußerlich alles zusammenbrechen sollte – und was die wenigsten gewahr haben: unser Leben in der aktuellen  Filmepisode währt sowieso nur eine sehr begrenzte Zeitspanne  –, aber das Wertvollste, das er als Mensch besitzt, hat er vor der Zersetzung gerettet: sein individuelles Ich.

 

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