König Fussball

This tag is associated with 1 posts

WM-Boykott oder Arschloch sein: heute darf man sich entscheiden!

WM-Boykott oder Arschloch sein: heute darf man sich entscheiden!

Donnerstag, 12.6.2014. Eifel. Deutschland ist im Fieber, heißt es. Im WM-Fieber. Seit meiner Jugend bin ich da im Nachteil: ich verstehe das nicht. Gut: Fußball spielen ist in Ordnung – also: SELBST spielen. Das kann ganz lustig sein. Aber anderen beim spielen zuschauen? Haben sie schon mal besondere Lust daraus gezogen, anderen beim Lesen zuzuschauen? Stundenlang? „Eifelphilosoph liest Goethe, Folge 4“? Da ist selber lesen wohl besser. Nun – das Zuschauen allerdings: das hat man uns jetzt antrainiert. Egal ob beim Sex, beim Urlaub, beim Kochen, beim Renovieren: wir schauen zu. Leben aus der Dose. Vier Stunden am Tag: da fällt der Fußball nicht weiter auf, könnte man meinen.

Beim Fußball jedoch – wurde schon lange vorher zugeschaut. Die Frage ist: warum. Bei anderen Erscheinungsformen der Massenbildung (Hitlers Massenaufmärsche oder Metallicas Konzerte) fand ich mal die Erklärung, dass es sich um fragmentierte Persönlichkeiten handelt: wer da hingeht, hat eine Macke, ein Manko, einen Makel. Kann das sein? Baden in der Masse, weil man ohne sie ein GAR NICHTS ist? Nationalmannschaft als Krücke für das Gerne-Groß-Ego?

Überlassen wir die Frage den Psychologen.

Was wird da übrigens gemacht? Ich meine – so prinzipiell?

Aus gerade nicht griffbereiter Quelle (bei Interesse bitte nachfragen!) habe ich die Theorie, dass es sich um ein symbolisiertes Jagdspiel handelt: die besten Jäger des Stammes jagen das Wild, das bei „TOOOOOOR“ als erlegt gilt. Ähnliches beobachtete eine mir bekannte junge Frau beim Ritual des Fußballschauens im Kreise junger Männer: dort sah sie allerdings die Frau als Beute und das TOOOOOOR als … na ja. Neun Monate später gäbe das einen neuen Mittelstürmer.

Ich hingegen sehe eindeutig die politische Komponente. „Deutschland“ gegen „Holland“ hat eine Tradition, die auf die Zeit von 1933-1945 zurückgeht. Hier kann man ungestraft Ressentiments austragen, ohne seine eigene Haut zu Markte tragen zu müssen. „Ein Volk, ein Reich, ein Fußball“. 80 MILLIONEN WERDEN EIN TEAM: so las ich kürzlich in der Werbebeilage der Wochenzeitung. Alles ist vergessen: die Vermögensvernichtung durch Zugriff auf die Lebensversicherungen, die Enteignung durch massive Steigerung der Grundsteuer, die exobitanten Steigerungen der Privatvermögen, die zunehmende Verarmung breiter Bevölkerungsschichten – alles vergessen.

Wie in Kriegszeiten.

Eigentlich … simulieren wir Krieg. Schicken unsere jungen Männer aufs Feld, um den Gegner zu schlagen. Es ist nicht nur Krieg (mit anderen Regeln als üblich), es ist sogar der schicksalhafte ENDSIEG – siehe Spiegel:

„Gerade bei ARD und ZDF merkt man den Moderatoren und vielen Kommentatoren inzwischen an, dass es ihr Auftrag ist, das Produkt Fußball, für das die Sender eine riesige Menge Geld auf den Tisch geklatscht haben, auf Gedeih und Verderb zum Großereignis hochzujazzen“, sagte Roth dem SPIEGEL. „Sie blähen alles zur Jahrhundertbegegnung, zum Titanenkampf auf. Das ist unerträglich.“

Der TITANENKAMPF. Von staatlichen Sendern befohlen – und keinem wird schlecht?

Nebenwirkungen von Fußball? Kann man im „Westen“ lesen:

Im „Lar Santa Monica“ in Fortaleza beginnen zig Leben neu. Aber Heimleiter José Alberto Moreno warnt vor der Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien: „Die WM wird viele Mädchen in die Katastrophe treiben.“ Er kämpft gegen Kinderprostitution und sexuelle Gewalt an Kindern.

Da fällt der internationale Herrenmensch ein und vergreift sich zwischen den Spielen an ein paar Kindern. Beim Titanenkampf kann das schon mal passieren.

Weniger interessant ist, dass man in ein Land einfällt, dass die Barbarei des Kapitalismus bis zum Exzess vorangetrieben hat – siehe Klaus Hart:

Am Pfingstsonntag haben Unbekannte unter einer City-Hochstraße Rio de Janeiros zwei junge Obdachlose angezündet. Eine junge schwangere Frau ist dabei lebendig verbrannt, während ein junger Mann im Hospital den schweren Brandverletzungen erlag. Das Verbrennen von Bettlern und Obdachlosen zählt in Rio, aber auch anderen brasilianischen Großstädten  zu den alltäglichen Verbrechen.

Solche Berichte kenne ich schon seit den siebziger Jahren: junge Businessfrau überschüttet in der Mittagspause schlafenden Indianerhäuptling mit Benzin und zündet ihn an: Barbecue auf brasilianisch. Stört aber nicht: Fussball verbindet.

Nur: wen?

Wollen wir mal die Bundesregierung zu dem Thema hören? Nochmal Klaus Hart:

In meinungsbildenden deutschen Analysen, in der deutschen Parteipropaganda wird die brasilianische Regierung ausdrücklich als “progressiv” eingestuft.

“Brasilien ist eine Industriemacht, die achtgrößte Wirtschaftsnation der Welt, modern und fortschrittlich.”

Bundesaußenminister Guido Westerwelle:  

 “Brasilien ist das Kraftzentrum Südamerikas geworden und zu einer Gestaltungsmacht mit globalem Anspruch herangewachsen”.

Eine progressive Gestaltungsmacht mit Todesschwadronen: von Brasilien lernen heißt: siegen lernen.

In der Zeitjung findet man die Geschichte eines Menschen, der … genauer hingeschaut und sich entschieden hat:

Ein halbes Jahr lang dokumentierte er die Zeit vor der WM, mischte sich unters Volk und sprach mit den Straßenkindern der gewalttätigsten Metropole Brasiliens. Dabei musste er feststellen, dass sie nach und nach verschwinden.

Sie seien, so Jensen, dem neuen Säuberungsprogramm der Stadt zum Opfer gefallen. Denn Brasilien solle schließlich auch während der WM das Bild verkörpern, das Touristen in den Medien vermittelt wird: ein lebensfrohes Land, in dem es von fruchtigen Cocktails, wirbelnden Tänzern und willigen Mädchen nur so wimmelt. Das kurbelt die Wirtschaft an! Hungernde Straßenkinder, die in den für die Touristen vorgesehenen Vierteln schlafen, passen nicht ins Bild und werden daher, so der Journalist, von der Polizei beseitigt: Sie würden nachts im Schlaf erschossen und aus den Touristenvierteln entfernt. Wohin man sie bringe, weiß keiner, sagen die Straßenkinder. Zurück bleibe eine cleane Straße, die nur darauf wartet, den Touristen vorzugaukeln, hier sei alles in Ordnung. Damit sie die WM weiterhin genießen können, während der Regen durch die Krankenhausdecken tropft und das Blut von den Straßen wäscht.

In Deutschland waren es die Juden, in Brasilien sind es die Kinder der Armen, die … „verschwinden“.

Keinen störts, es regiert König Fußball. Der jedoch … unterstützt keine Projekte gegen Kinderprostitution … jedenfalls nicht als FIFA (siehe Deutsche Wirtschaftsnachrichten).

Die dicken weißen Männer wollen sich wohl zwischendurch etwas Besonderes gönnen – man will den „brasilianischen Nächten“ wohl nicht ihren Reiz nehmen. Vielleicht nehmen sie etwas wirklich Besonderes mit nach Hause? Lepra zum Beispiel. Schauen wir doch mal bei der Bundeszentrale für politische Bildung vorbei (die sich – nebenbei bemerkt – in ihren Berichten häufiger auf den oben zitierten Herrn Hart beruft), wo uns eine brasilianische Ärztin aufklärt:

Ein öffentliches Hospital an Sao Paulos Peripherie, umgeben von Elendshütten und Katen. Die junge Ärztin Maria Paim diagnostiziert dort serienweise Lepra. „Unser öffentliches Gesundheitswesen ist sehr schlecht, wir haben mehr Fälle von Lepra als von Aids in Brasilien. Die Autoritäten wollen sich diesem sozialen Problem nicht stellen, das ist ihnen unbequem und lästig. Man denkt – sollen diese Leprakranken doch ruhig in den Slums vor die Hunde gehen – denn dort sind sie ja eingesperrt.“ 2006 wurden 52.000 Neuinfizierte gezählt, Tendenz steigend. Auf Brasilien entfallen 97 bis 98 Prozent aller Leprafälle Nord- und Südamerikas, weltweit ist es das Land mit der höchsten Lepradichte – noch vor Indien.

Mehr Lepra als in Indien, eine Kultur der Menschenbrennerei und Kindervergewaltigung: wahrlich – dieses Land ist eine fortschrittliche Gestaltungsmacht mit Zukunft, da kann man dem Neoliberalismus ohne weiteres Recht geben.

Werfen wir doch einmal eine Blick auf die Polizei in jenem Land (siehe BpB)

Nach dem Übergang zur Demokratie blieben die militärischen Strukturen der Polizei erhalten. Spezialeinheiten der Militärpolizei haben sich seitdem durch brutales Vorgehen einen Namen gemacht. Die „ROTA Einheit“ in São Paulo beispielsweise wurde 1969 zur Verfolgung von Regimegegnern gegründet. Seit der Einführung der Demokratie wird sie bis heute als Spezialeinheit der Militärpolizei genutzt. Gerade die ROTA wurde von populistischen Politikern, die gerne für härteres Durchgreifen durch die Polizei plädieren, zum Stimmenfang genutzt: In den Jahren 1991 und 1992 ist die ROTA maßgeblich an der hohen Anzahl von getöteten Zivilisten durch die Militärpolizei beteiligt und patrouilliert bis heute die Straßen der größten Wirtschaftsmetropole Südamerikas. 

Cool, oder? Wäre so, als würde man in Deutschland noch die SA auf den Straßen dulden, „aber sonst haben wir Demokratie“. Das Parlament – die Zeitschrift des deutschen Bundestages – weiß Bescheid:

Tim Cahill, Brasilienexperte von Amnesty International in London, bezeichnete Ende 2009 in São Paulo die besorgniserregende Menschenrechtslage des Tropenlandes als Diktaturerbe, überall im Staatsapparat treffe man auf Diktaturaktivisten. Straflosigkeit für Regimeverbrecher fördere heutige Straffreiheit: „Es wird weiter gefoltert und außergerichtlich exekutiert, die Lage in den Gefängnissen ist nach wie vor grauenhaft – und es gibt sogar weiterhin Todesschwadronen und Sklavenarbeit. Da wird also Früheres fortgesetzt – Brasilien ist in Lateinamerika bei der Vergangenheitsbewältigung am weitesten zurück. Das große Problem des Landes ist heute, dass der offizielle Diskurs nichts mit der politischen Praxis zu tun hat.“

Theorie und Praxis liegen weit auseinander. Erinnert an zu Hause.

2,74 Milliarden Euro flossen in den Bau von Stadien … von denen fraglich ist, ob sie rechtzeitig fertig werden (siehe rp-online). Indianerland wurde enteignet, damit „König Fußball“ residieren kann, der laufende Genozid an den Indianern findet kaum Aufmerksamkeit (siehe survival-international), für die „Sicherheit“ in den Stadien mehr ausgeben als für den Schutz der Indianer:

Die 791 Millionen US-Dollar, die für die Sicherheit bei der Fußball-WM auf der Rechnung stehen werden, entsprechen mindestens dem Dreifachen des Jahresbudgets von FUNAI, der brasilianischen Indianerschutzbehörde (81 Millionen US-Dollar).

Auch die Polizei tritt hier in bekannter Manier auf:

Sechs Stunden mit dem Auto von Salvador entfernt, erleben die Tupinambá derzeit Übergriffe durch die Polizei. Die Polizisten fallen in ihre Dörfer ein, um sie zu vertreiben, damit sich dort Rinderfarmen ausbreiten können. Im August 2013 wurden vier Tupinambá ermordet und ihre Körper verstümmelt. 26 Häuser wurden niedergebrannt.

Ein laufender Holocaust – und die Welt feiert.

Diesmal jedoch … kann man ein Zeichen setzen. HEUTE NOCH!

Heute kann man sich entscheiden, ob man den Propagandisten von ARD und ZDF folgt und sich um nationalistischen Titanenkampf  verführen läßt … oder ob man lieber ein klares NEIN zu Genozid, Kinderprostitution und Massenmord an Kindern sagt, zu Neoliberalismus und Nationalismus, zu Korruption und Geldverschwendung. Endlich hat man es selbst in der Hand, kann heraustreten aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit und ein klares Signal abgeben: MIT MIR NICHT!

Oder aber man mutiert zum grenzdebilen Fähnchenschwenker, wird eins mit Todesschwadronen, Menschenbrennern und Massenmördern, geht Hand in Hand mit übelster Korruption der Gegenwart, siehe Zeit:

In welcher Branche ist jemand tätig, der 50 Prozent der Gewinne einstecken darf, aber nur 0,01 Prozent der Verluste tragen muss? Im Rotlichtmilieu, in der Mafia, in einer Bank? Solche Konditionen gewährt nur der Sport. Angeblich hat sich Ricardo Teixeira, Brasiliens Fußballpräsident und Chef des Organisationskomitees der WM 2014, diese vorteilhafte Klausel für die WM in seinen Vertrag geschrieben.

Sich dem Trubel zu verweigern, bringt enorme Vorteile: man hat Zeit, sich um seine eigenen Probleme zu kümmern: die echten, die man – welch´ Überraschung – mit noch so vielen Toren nicht bewältigen kann … auch nicht als „Weltmeister“ – ein Titel, der an sich schon sehr denkwürdig ist.

„Stell´ Dir vor, es ist Fussball und keiner geht hin“ … wie mächtig wäre dieser König und sein völlig degenerierter Hofstaat dann? Und wie viel Geld hätte man auf einmal übrig, aus diesem Barbarenstaat einen zivilisierten Ort zu machen, der Menschenrechte für jedermann erlaubt.

Fussball oder Menschenrechte – das ist hier die Frage.

Bin mal gespannt auf die Antwort.

 

Die letzten 100 Artikel