Juri Galanskow

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Endzeit-Poesie 4.0: Juri Galanskows Hölle 4.0  

175 Juri Galanskow


Juri Galanskow (pw/nachrichtenspiegel.de)

„In eurer Hölle kann ich nicht atmen“

Heute jährt sich der Todestag von Juri Galanskow. Nicht länger als 33 Jahre durfte er sich seines Lebens erfreuen, bevor er in einem Umerziehungslager starb. „Phönix“ hieß die Zeitschrift, in der er seine Gedichte veröffentlichte, die ihm schließlich Haft und Tod einbrachten. Phönix, so wie der gleichnamige  Vogel, der sich aus der Asche erhebt. Juri Galanskows Poesie ist heute so aktuell wie noch nie. In ihr zeigt sich in prototypischer Weise der individuelle Mensch, der sich einem zunehmend zerstörerischen, nicht nur menschenunwürdigen, sondern regelrecht menschenvernichtenden System gegenüber sieht – der aber nicht dem Instinkt der Masse folgt und billigerweise mitmacht, sondern der ein Ideal hat und lieber den physischen Tod wählt als sich mit dem geistigen Tod und der Erstickung des Individuums abzufinden.

Ich habe sein „Manifest des Menschen“ bereits einmal gepostet, doch in den Sanddünen des weltweiten Netzes gerät eben vieles schnell wieder in Vergessenheit. Obwohl dieses Gedicht alle heranwehenden Sandmassen nicht fürchten muss. Denn der individuelle Geist, der in diesem Gedicht lebt, besitzt eine derartige Vertikalität, dass er inmitten aller Sandmassen gleich einem Obelisken immer nach oben ragen und die Sonne reflektieren wird (was wir an den ägyptischen Obelisken heute nicht sehen: Ihre Spitzen waren früher vergoldet und haben unter Sonnenlicht weithin ins Land gestraht).

(Foto: pw/nachrichtenspiegel.de)

Juri Galanskow hat das erlebt, was sich heute unter anderen Vorzeichen wiederholt, sogar mit weitaus zerstörerischer Potenz. Eine mittlerweile perfektionierte PR- und Entertainment-Maschinerie arbeitet zwar mit voller Kraft daran, um uns über diese Zerstörung hinwegzutäuschen und uns das schmackhaft zu machen, was Vaclav Havel als „Lebenslüge“ bezeichnet hat und was in marktkonformen Landstrichen gemeinhin als „Gutes und Gernes Leben“ figuriert. Doch würde man das Ausmaß der täglich stattfindenden Zerstörung menschlicher und zivilisatorischer Substanz prozentuell beziffern – uns packte umgehend der Schwindel. Wer sich vom bunten und glitzernden smart dust-Anstrich nicht täuschen lässt, der sieht heute auch auf allen anderen Ebenen frappante Ähnlichkeiten zu den dunkelsten Epochen der Menschheitsgeschichte, die schließlich in einer großskaligen Verelendung und Vernichtung geendet haben. Wieder soll es also eine Masse an Human- und Umweltressourcen geben, die von einem obersten Sowjet, einem zentralistischen Organ, das alles überwacht, „zum Wohle aller“ orchestriert, umerzogen und ausgeschlachtet werden soll. Den obersten Sowjet, der wieder einmal die grandiose Kulturrevolution und den streng wissenschaftlichen Fortschritt bringen soll, nennt man diesmal „Global Governance“, sie soll sitzen auf dem 5G-gestützten Thron der „Künstlichen Intelligenz“ (siehe „Auf die Knie vor Gott KI“). Dass wir mit dieser Art von Intelligenz „gerade schlüsselfertige Tyranneien errichten“, so wie führende Konstrukteure des CIA/NSA-Überwachungssystems in einem offenen Brief warnen, realisieren immer noch die wenigsten – obwohl die große Faschiermaschine inmitten allen schrillfeuchten Oktoberfestgetümmels schon angelaufen ist und man bereits seine eigenen Nachbarn beim Verschlungenwerden beobachten kann. Dass die Doomsday Clock der Atomic Scientists auf zwei Minuten vor Mitternacht steht und Noam Chomsky in einem jüngsten Interview erwartet, dass die Apokalypse-Uhr angesichts der geopolitischen Lage Anfang nächsten Jahres noch weiter vorgestellt wird, quittiert der tagessschauguckende Spiegelbildbürger mit einem Schulterzucken und macht einen auf Farin Urlaub.

Wenn Juri Galanskow diese gespenstische Szenerie heute aus dem Jenseits beobachtet, dann packt ihn womöglich noch viel mehr das Grauen als zu seiner Zeit, die zwar ebenfalls grausam, aber noch vergleichsweise sozialromantisch war. Verzweifelt schreit er uns die Worte aus seinem Phönix wiederum entgegen: „Glaubt nicht den Zeitungen … Sieh nur, wie man die schwarze Lüge auf das weiße Linnen speit … Steht auf! Seht ihr nicht die große Bombe und den Blick des Todes aus den offenen Gräbern … ?“

Er, der sein Leben gegeben hat, um eine Lanze für das Menschsein zu brechen und uns den Weg in eine menschenwürdige Zukunft zu bahnen, muss nun den Kopf schütteln, wenn er sich als Geist über die öffentlichen Plätze bewegt, die erneut zur „marktkonformen“ Zone erklärt wurden und von denen sich neoliberaler Verwesungsgeruch erhebt. Plätze, auf denen unter „Mentalvergiftung“ (Mausfeld) leidende Menschen vor sich hintaumeln, die ihm bei lebendigem Leib wesentlich toter erscheinen als er selbst als Verstorbener es ist. Die Menschen können seine verzweifelten Worte nicht vernehmen, denn ihre Ohren sind mit Apples AirPods bestöpselt. Würden wir abends in einer ruhigen Minute innehalten und lauschen, dann könnten wir seine Worte hören:

„Ich gehe hinaus auf den Platz – und presse ins Ohr der Stadt – den Schrei der Verzweiflung. – Menschen! Tröstet mich nicht! – In eurer Hölle kann ich nicht atmen!“

Gleichzeitig appelliert Galanskow mit seinem Gedicht an die grandiose Fähigkeit des menschlichen Geistes, sich auch inmitten abgründiger gesellschaftlicher Umstände seine Würde zu bewahren, einem individuell gewählten Ideal treu zu bleiben und zu seiner Menschlichkeit zu finden – nicht auch, sondern GERADE im Angesichts des Destruktiven. Insofern wäre es ein kapitaler Fehler, vor dem Negativen lieber die Augen zu verschließen, so wie das von Wellness-Coaches heute vielfach empfohlen wird. Man braucht sogar das Negativbild, das heute ja in jeder Weise kulminiert und anschaulich wird. Denn gerade am Negativen kann man ein Ideal entzünden für ein regelrechtes Gegenbild. Und der Sinn des heutigen Wahnsinns ist nicht, dass wir daran verzweifeln, sondern dass wir gerade daran das wirklich Menschliche entwickeln. Man kann den zur Vermassung tendierenden Wahnsinn also geradewegs als Schwungrad nützen, um uns entgegen allen Erscheinungen von Dekadenz, Ausbeutung, Verrohung, Opportunismus, Unverantwortlichkeit und Nihilismus zum Ideal des individuell gegründeten, selbständig denkenden, empathisch fühlenden und verantwortlich handelnden Menschen zu entwickeln.

In Wirklichkeit braucht es sogar die Konfrontation mit Pogo dem Clown bzw. dem nackten Wahnsinn, der einen mit blutverschmiertem Mund hämisch angrinst, um zu diesem entscheidenden Momentum des Menschseins aufzuwachen. Denn nur wenn wir den drohenden Abgrund in seinem ganzen Schrecken vor uns sehen, sind wir genötigt, dem, was Vaclav Havel das „Leben in der Lebenslüge“ genannt hat bzw. was Angela Merkel das „Gute und Gerne Leben“ nennt, eine Absage zu erteilen und aus dem Marsch der Lemminge in den Grand Canyon eine Kehrtwende zu vollziehen. Man darf sich nichts vormachen, die Bergtour, die wir vor uns haben, wird kein Zuckerschlecken sein. Doch diejenigen, die sich die Mühe machen, den Berg zu erklimmen, haben die Aussicht, wieder klare und sonnendurchflutete Luft zu atmen und kristallklares Gebirgswasser zu trinken … während sich die Zuckerwatte, die in der marktkonformen Schaumparty der Niederungen gesponnen und an die Massen verfüttert wird, als Rattenfutter herausstellen wird, das selbst den robustesten und derzeit noch bestgelaunten Naturen zum Verhängnis werden wird.

Welchen Weg der Einzelne wählt – den mühsamen Weg aufwärts oder den zweifellos bequemeren und anfangs auch durchaus unterhaltsamen Weg der Rutsche ins Bento-Planschbecken, ist natürlich jedem freigestellt. Wieder einmal gilt: In der Wahl ist der Mensch vollkommen frei. Im Tragen der Konsequenzen dieser Wahl dann aber ganz und gar nicht mehr.

Juri Galanskow hat seine Entscheidung getroffen. Er hat dabei sein Leben eingebüßt. Aber das Wertvollste bewahrt, was ein Mensch besitzt: Seine Würde.

 

MANIFEST DES MENSCHEN

(von J. Galanskow)

1
Wieder und wieder
packt mich in nächtlicher Stille ein Weinen.
Denn nicht einmal den Saum der Seele
kann man verschenken.
Niemand braucht
einen Tag lang
nach einem Irren zu suchen.
Aber die Leute gehn nach der Arbeit
dorthin, wo Geld rollt und Huren sind.
Sollen sie´s tun.
Ich aber werde durch die Lawine der Leute
hindurchgehn,
anders als sie, und allein –
wie der Splitter eines Rubins,
der im Eise glüht.
Himmel!
Lasse mich leuchten.
Lasse mich nachts
auf das schwarze Samtkleid
ausschütten die Diamanten der Seele.

2
Glaubt nicht den Führern und Ministern,
Glaubt nicht den Zeitungen!
Erhebt euch, die ihr mit eurem Antlitz die Erde deckt!
Seht ihr die große Bombe
und den Blick des Todes aus den offenen Gräbern?
Steht auf!
Steht auf!
Steht auf!
O Purpurblut des Aufstands!
Steht auf und reißt die morschen Zuchthausmauern
dieses Staates ein!

3
Wo sind sie –
die den Kanonen an die Gurgel fahren,
die mit dem heiligen Messer der Rebellion
die Geschwüre des Krieges herausreißen ?
Wo sind sie?
Wo sind sie?
Wo sind sie?
Oder gibt es sie nicht mehr? –
Dort an den Werkbänken stehen ihre Schatten
angekettet mit einer Handvoll klingender Münzen.

4
Der Mensch ist verlorengegangen.
Unwichtig wie eine Fliege
rührt er sich kaum in den Zeilen der Bücher.
Ich gehe hinaus auf den Platz
und presse ins Ohr der Stadt
den Schrei der Verzweiflung.
Menschen! Tröstet mich nicht!
In eurer Hölle kann ich nicht atmen!

5
O Himmel!
Ein strafendes Messer will ich besitzen!
Sieh nur, wie man die schwarze Lüge
auf das weiße Linnen speit.
Sieh nur,
wie abends die Dunkelheit
am blutbesprengten Banner nagt …
Furchtbares Leben –
wie ein Gefängnis, auf Knochen getürmt.
Ich falle!
Ich falle! …
und fühle wie in meinem Innern tief
der Mensch erblüht.

6
Wir haben uns daran gewöhnt,
in freien Stunden
auf den Straßen Gesichter zu sehen,
die vom Leben besudelt sind –
Gesichter wie eure.
Aber plötzlich –
wie das Grollen eines Gewitters
und wie das Antlitz Christi am Tag der Wiederkunft
aufersteht
die getretene und gekreuzigte
Schönheit des Menschen.
Ich bin es – ich,
der zur Wahrheit ruft und zum Aufstand,
der nicht mehr Diener sein will,
und eure schwarzen
aus Lügen geflochtenen Fesseln zerbricht.
Ich bin es – ich,
der vom Gesetz in Fesseln Geschlagene,
der das Manifest des Menschen verkündet!
Mag mir der Rabe
in den Marmor des Leibes eingraben
das Kreuz.


 

Allgemeines zur Kolumne „Endzeitpoesie 4.0 – Brennholz gegen Robotisierung und drohenden Erfrierungstod“:

Da in unserer aus den Fugen geratenden Welt vieles nicht mehr rational verstehbar und auch kaum noch ertragbar ist, brauchen wir dringend ein Gegengewicht aus dem Reich der Poesie … mit diesem geistigen Gegengift in den Adern wird vieles Unverständliche plötzlich wieder verständlich und Unerträgliches wieder ertragbar – oder noch besser: gestaltbar!

Denn die größte Lüge, die uns heute beigebracht wird, ist: dass der Einzelne ohnehin nichts tun kann. – Das genaue Gegenteil davon ist wahr: Es kommt auf jeden einzelnen an und das mehr als jemals zuvor. Und wie uns schon Dostojewskij erklärt hat, ist im Leben auch niemals etwas umsonst, selbst wenn eine Bemühung keinen sichtbaren Erfolg zeigt: „Alles ist wie ein Ozean, alles fließt und berührt sich; rührst du an ein Ende der Welt, so zuckt es am anderen.“

Gerade unsere geistlose Zeit braucht philosophische Gedanken wie eine Wüste das Wasser. Dieses Wasser – die Gedanken der großen Geister der Menschheit – gibt es schon lange. Aber die scheinbar alten – in Wirklichkeit ewig jungen – Gedanken bleiben nicht dieselben: Jeder, der sie aufgreift und verinnerlicht, färbt sie mit seiner individuellen Persönlichkeitsnote ein und bringt dadurch wieder ganz neue Farben in die Welt, die bisher noch nicht existiert haben. Und solche Farben braucht unsere grau gewordene Welt (siehe 1000 Gestalten.de) heute dringend – sie saugt sie auf wie ein trockener Schwamm das Wasser … damit wieder Neues, Kreatives, Menschliches entstehen kann.

In diesem Sinne wollen wir der pseudopragmatischen Alternativlosigkeit (siehe „Der Führer 4.0 – Er ist schon längst da“) die Gefolgschaft in den Grand Canyon verweigern und es lieber mit Ilija Trojanow halten: „Die Welt ist groß und Rettung lauert überall“. – Dann kann die scheinbare Endzeit zu einem neuen Anfang werden.

„In eurer Hölle kann ich nicht atmen…“ – Juri Galanskow und das Manifest des Menschen

35_Michelangelo,_David_and_Goliath

David und Goliath v. Michelangelo [PD]

Der Umbau unserer Gesellschaft nach der Doktrin des Neoliberalismus, von Angela Merkel verblümt als „marktkonforme Demokratie“, vom ehem. UN-Kommissar Jean Ziegler weniger verblümt als „kannibalistische Weltordnung“ bezeichnet, nimmt eine immer abgründigere Dynamik an.

In einem bemerkenswerten Interview schildert auch der Friedens- und Konfliktforscher Prof. Werner Ruf die heute beobachtbare Tendenz, dass Menschen, denen ihr Leben nichts mehr wert ist, diesem in Selbstmorden ein Ende setzen, es – zum weit größeren Teil – auf der Flucht, etwa über das Mittelmeer, aufs Spiel setzen oder Risiken bei Massendemonstrationen gegen die elenden Verhältnisse, denen sie ausgesetzt sind, eingehen, ganz einfach, weil ihnen ihr Leben ohne Perspektive ohnehin als sinnlos erscheint.

>>Wir beobachten derzeit, dass „die Verdammten dieser Erde“, wie Frantz Fanon sie vor sechzig Jahren nannte, aufstehen, protestieren und nicht mehr bereit sind, sich mit ihren elenden Lebensbedingungen abzufinden.<<

Doch nicht nur in Afrika und im Nahen Osten gibt es inzwischen hunderte Millionen Menschen, die verzweifelt und zu allem entschlossen sind, auch im vermeintlich gelobten Zufluchtshafen Europa kracht es bereits im Gebälk. Laut einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung liegt die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien und Griechenland bei ca. 50 %, in Italien nur geringfügig darunter, in Frankreich war 2015 ein Viertel der Bürger unter 25 arbeitslos oder ohne Ausbildung. In Summe sind über ein Viertel der unter 18-Jährigen in Europa von Armut bedroht, verrotten ohne Perspektive in Wartestellung im Prekariat. Ganz gewöhnliche und für die letzte Generation noch selbstverständliche menschliche Bedürfnisse wie die Gründung einer Familie oder der Erwerb eines Eigenheimes sind für sie in utopische Ferne gerückt.

In einer von der US Firma Acxiom bereits als Datendienstleistung angebotenen Screening aller über uns verfügbaren Datenbestände (ganz im Stile der NSA), werden Menschen nach rein ökonomischen Gesichtspunkten bewertet. Zahlungskräftige Konzerne können die Daten kaufen, z.B. um zu sehen, wer sich bei ihnen bewirbt. Wenn jemand aus der Prekariats-Generation in Zukunft eine Absage erhält, dann hat das womöglich den Grund, dass er in der Acxiom-Datei in der untersten Kategorie geführt wird – diese Kategorie heißt lt. Acxiom „waste“, also Abfall oder Müll (siehe Süddeutsche).

Aber falls die Human Ressource Manager der Konzerne einem jungen Menschen wider Erwarten doch zugestehen, dass er eine geldwerte Kreatur ist, da es Arbeiten gibt, die man noch nicht robotisieren und digitalisieren konnte, dann wartet in vielen Fällen ein Bullshitjob – Jobs, über die in einer Guerilla-Plakataktion in der Londoner U-Bahn treffend geschrieben stand:

«Wie kann man auch nur ansatzweise von Würde in der Arbeit sprechen, wenn man insgeheim das Gefühl hat, dass der eigene Job gar nicht existieren sollte»

und: «Der moralische und geistige Schaden, der aus dieser Situation resultiert, ist tiefgreifend. Es ist eine Narbe quer über unsere kollektive Seele. Doch fast niemand spricht darüber»

Entgegen den Erwartungen der Regierung haben sich daher auch die Proteste in Frankreich nicht im allgemeinen Fußball-EM-Taumel totgelaufen, sondern steigern sich von Tag zu Tag; in der konservativen Zeitung Figaro wurde diese Woche der Chef des Inlandgeheimdienstes DGSI zitiert, dass „Frankreich am Rande eines Bürgerkriegs stehe“ – wenn man sich einige aktuelle Demonstrationsimpressionen in bewegten Bildern aus Paris ansieht (siehe YouTube), dann weiß man, wovon der gute Mann redet. Wer meint, dass sich solche Szenen nicht auch demnächst bei uns am Brandenburger Tor abspielen können, ist leider sehr naiv. Die Bundeswehr probt jedenfalls bereits das Niederringen von Bürgeraufständen.

Aber da sich das Aufzählen von Fakten und das Appellieren an die Vernunft bisher als relativ fruchtlos erwiesen hat, um gegen den herrschenden Marktradikalismus („Neoliberalismus“) anzukommen, will ich diesmal aus gegebenem Anlass lieber einen Schwenk in die Poesie machen – Poesie geht nämlich wesentlich tiefer als alle intellektuellen Phrasen und wäre insofern auch eine unserer letzten Hoffnungen, nachdem alle noch so klugen politischen und „wissenschaftlichen“ Effizienzdirektiven – die in Wirklichkeit nur Öl im Feuer des ökonomischen Wahn-Sinns sind – versagt haben.

Diese Woche jährt sich der Geburtstag des russischen Dichters und Dissidenten Juri Galanskow. Der Mann wurde nicht älter als 33 Jahre. Nachdem er das unten angeführte Gedicht veröffentlicht hatte, wurde er von den staatlichen Behörden zu  sieben Jahren verschärfter Lagerhaft in Mordwinien verurteilt, wo er schließlich nach einer Magendurchbruchs-Operation an einer Blutvergiftung starb.

Das Gedicht heißt „Manifest des Menschen“ und ist heute wohl aktueller denn je. Einer unserer Professoren hat es seinerzeit als Abziehkopien an uns verteilt, obwohl es mit dem Lehrstoff an sich nichts zu tun hatte. Es war damals noch möglich, derartige Texte unter die Studenten zu bringen, in der Hoffnung, dass vielleicht da und dort in der Zukunft einmal einsprechende Keime aufgehen. Würde heute ein Universitätsdozent einen solchen Text als digitales Handout öffentlich ins Netz stellen, dann würde er wohl umgehend als Ketzer wider die herrschende Doktrin des Mammonismus identifiziert und seine Stelle nächstes Jahr einfach nicht verlängert werden (eine Kollegin hat mir von einem Universitätsdozenten erzählt, der nach bloßer Erwähnung des Wortes „Prekariat“ in einer seiner akademischen Abhandlungen in ernsthafte Bedrängnis kam und seiner vermeintlich systemsubversiven Motivlage unter Androhung beruflicher Konsequenzen abschwören musste – Prekariat, so etwas gibt es doch in einem Land, dem es lt. herrschender Meinung gut gehen muss, nicht).

Zurück aber zu Juri Galanskows Gedicht. Ich habe es diese Woche beim Durchblättern alter Studentenunterlagen auf einem bereits vergilbten Loseblatt gefunden. Als ich es im Internet suchte, war ich zunächst verblüfft – obwohl im Netz ansonsten jede Verdauungsstörung von Paris Hilton, Dieter Bohlen & Co. protokolliert ist, findet sich zu einem solch wesentlichen Gedicht eines der mutigsten neuzeitlichen Köpfe keine offizielle Übersetzung.

Schließlich fand ich es zumindest als laienhaften User-Eintrag im Animexx-Forum. Dort jedoch fälschlicherweise als “Gedicht zum 2. Weltkrieg“ angeführt. – Dabei war das Gedicht  bereits einer ganz anderen Epoche bzw. einer ganz neuen Art des Krieges gewidmet: Dem auf Hochtouren anlaufenden Konsumismus und technokratisch-nihilistischen Fortschrittsglauben der  späten 1960/70er Jahre. Wer meint, dass ein solches Gedicht nur den dunklen Verhältnissen der seinerzeitigen Sowjetgesellschaft entspringen kann, der irrt – zur gleichen Zeit hat auch Pier Paolo Pasolini in Italien,  also im Land des zuckersüßen dolce vita, den „Konsumismus als größten Faschismus“ proklamiert – aber dazu mehr ein andernmal, heute wollen wir für einige Momente Juri Galanskows gedenken (hier ein – leider nicht lizenzfreies – Foto des Mannes aus einem russischen Archiv).

Wir sollten Galanskow heute eigentlich vor jedem europäischen Parlament ein Denkmal errichten. Denn wir hätten dort seinen Geist, den er im Kampf gegen den zur Normalität erklärten Wahnsinn frühzeitig ausgehaucht hat, bitter nötig.

MANIFEST DES MENSCHEN

(von J. Galanskow)

1
Wieder und wieder
packt mich in nächtlicher Stille ein Weinen.
Denn nicht einmal den Saum der Seele
kann man verschenken.
Niemand braucht
einen Tag lang
nach einem Irren zu suchen.
Aber die Leute gehn nach der Arbeit
dorthin, wo Geld rollt und Huren sind.
Sollen sie´s tun.
Ich aber werde durch die Lawine der Leute
hindurchgehn,
anders als sie, und allein –
wie der Splitter eines Rubins,
der im Eise glüht.
Himmel!
Lasse mich leuchten.
Lasse mich nachts
auf das schwarze Samtkleid
ausschütten die Diamanten der Seele.

2
Glaubt nicht den Führern und Ministern,
Glaubt nicht den Zeitungen!
Erhebt euch, die ihr mit eurem Antlitz die Erde deckt!
Seht ihr die große Bombe
und den Blick des Todes aus den offenen Gräbern?
Steht auf!
Steht auf!
Steht auf!
O Purpurblut des Aufstands!
Steht auf und reißt die morschen Zuchthausmauern
dieses Staates ein!

3
Wo sind sie –
die den Kanonen an die Gurgel fahren,
die mit dem heiligen Messer der Rebellion
die Geschwüre des Krieges herausreißen ?
Wo sind sie?
Wo sind sie?
Wo sind sie?
Oder gibt es sie nicht mehr? –
Dort an den Werkbänken stehen ihre Schatten
angekettet mit einer Handvoll klingender Münzen.

4
Der Mensch ist verlorengegangen.
Unwichtig wie eine Fliege
rührt er sich kaum in den Zeilen der Bücher.
Ich gehe hinaus auf den Platz
und presse ins Ohr der Stadt
den Schrei der Verzweiflung.
Menschen! Tröstet mich nicht!
In eurer Hölle kann ich nicht atmen!

5
O Himmel!
Ein strafendes Messer will ich besitzen!
Sieh nur, wie man die schwarze Lüge
auf das weiße Linnen speit.
Sieh nur,
wie abends die Dunkelheit
am blutbesprengten Banner nagt …
Furchtbares Leben –
wie ein Gefängnis, auf Knochen getürmt.
Ich falle!
Ich falle! …
und fühle wie in meinem Innern tief
der Mensch erblüht.

6
Wir haben uns daran gewöhnt,
in freien Stunden
auf den Straßen Gesichter zu sehen,
die vom Leben besudelt sind –
Gesichter wie eure.
Aber plötzlich –
wie das Grollen eines Gewitters
und wie das Antlitz Christi am Tag der Wiederkunft
aufersteht
die getretene und gekreuzigte
Schönheit des Menschen.
Ich bin es – ich,
der zur Wahrheit ruft und zum Aufstand,
der nicht mehr Diener sein will,
und eure schwarzen
aus Lügen geflochtenen Fesseln zerbricht.
Ich bin es – ich,
der vom Gesetz in Fesseln Geschlagene,
der das Manifest des Menschen verkündet!
Mag mir der Rabe
in den Marmor des Leibes eingraben
das Kreuz.

 

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