Job

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Evidence Based Bullshit Jobber (Steve Cutts uncut)

Aus den Kommentaren zum Video: „Damn that’s so bad“ … „It’s awesome“ … „It’s terrible“ … „It’s me“

 

Hass … und Liebe

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Donnerstag, 28.1.2016. Eifel. Er ist ja jetzt in aller Munde: der Hass. Ein ganzes Volk steht auf, vereint, im Kampf gegen ihn. Der Hass: er kommt aus dem Osten. Er ist männlich. Er ist bildungsfern. Er ist rechts. Er … gehört ausgerottet, mit Stumpf und Stil. So jedenfalls habe ich die Hasskommentare der Millionärspresse verstanden, die ich hier nicht umfänglich zitieren möchte – aber jederzeit zitieren könnte.

Hass war das erste philosophische Projekt meiner Jugend. Ich arbeitete während der Schulzeit in einer „Philosophie-AG“, gegründet von einem engagierten Studienreferendar, der merkte, dass man in der Schule und unter den Bedingungen von Schule keine Philosophie betreiben kann und deshalb privat aktiv wurde. Es war ein kunterbuntes Treiben in der AG, es waren interessante Menschen dort, dort habe ich meine Frau kennengelernt – und viele wertvolle Menschen, die alle im Meer der Zeit verschollen sind.

Es ist oft erstaunlich, wie einfach Philosophie sein kann – oder wie hilfreich. Eines der Erkenntnisse dieser Ag war: alle „All-Quanten“ sind Unsinn, d.h. alle Lehrsätze, die „Alle soundso sind soundso“ sind grober Unfug und falsch … eingeschlossen dieser Satz selbst. Versuchen Sie es mal selbst: sie werden erstaunt sein, wie oft diese „All-Quanten“ (der Begriff stammte von unserem Referendar, seitdem habe ich ihn nie wieder gehört) falsch sind … und ich hoffe sehr, Sie haben schon mal gehört, dass diese „All-Quanten“ politisch gefährlich sein können. Immerhin leben wir in einer Zeit, in der sie wieder aktiv werden, die groben Verallgemeinerungen: alle Rechten sind Nazis, alle Arbeitslosen faule Schmarotzer, alle Amerikaner Verbrecher, alle Flüchtlinge Vergewaltiger oder Invasoren, alle Juden nach wie vor aktive superreiche Weltverschwörer, alle Russen brutale Barbaren – besonders Putin, alle schönen und reichen Menschen edel, hilfreich und gut und alle anderen Menschen egoistisch, triebgesteuert und konsumorientiert….um nur ein paar der Vorurteile zu nennen.

Nun – dass dieser Satz selbst ebenfalls ein „All-Quantum“ ist, stört den Philosophen nicht sonderlich, es gibt ja Sprüche dagegen wie: „Ausnahmen bestätigen die Regel“. Natürlich hatte es mich auch nicht gestört, dass ich ebenfalls so einen allgemeingültigen Satz entwickelte, um Hass zu erklären. Hass – war mir fremd. Ein sehr seltsames Gefühl, dass Menschen zu Wesen machte, die wilder als das wildeste Tier waren, bösartig geradezu, Wesen, die nach Vernichtung trachteten und nicht nur zum Zwecke des Überlebens töteten. Damals – das war 1976 – war die NS-Zeit noch näher in Reichweite, oft Gesprächsgegenstand beim Mittagessen, immer noch nicht hatte man verarbeitet, wie eine Kultur des Hasses mitten in Europa wachsen konnte – und da die Lehrstühle noch voll waren mit den Kindern dieser Zeit (oder ihren ersten Zöglingen) war an gründlicher Aufarbeitung nicht zu denken.

Meine Erklärung für Hass war einfach – und eine erste Erfahrung mit einer der Wahrheitstheorien, denn: diese Erklärung „fiel mir einfach so ein“, ja – als sei sie vom Himmel gefallen. Sie war auf einmal da – und gilt heute als Standarderklärung für Hass bei Wikipedia:

„Hass entsteht, wenn tiefe und lang andauernde Verletzungen nicht abgewehrt und/oder bestraft werden können. Hass ist somit eine Kombination aus Vernunft und Gefühl. Die Vernunft ruft nach dem Ende der Verletzung und nach einer Bestrafung des Quälenden. Laut Meyers Kleines Lexikon Psychologie ist das Gefühl des Hasses oft mit dem Wunsch verbunden, den Gehassten zu vernichten. Das Gefühl des Hassenden ist das des Ausgeliefertseins, der Gefangenschaft, der Wehrlosigkeit.“

Ich hatte einfachere Worte, war ja auch noch jung: Hass entsteht, wenn Liebe verletzt wird. Eine Welt, in der Liebe das selbstverständliche Urgefühl war, gefiel mir – und es war mir auch klar, woher diese völlig fremdartige Judenhass in Deutschland stammte: immerhin hatten die der Legende nach Christus ermordet. Nun – ich war noch jung und arbeitete erstmal mit einfachen Hypothesen, die noch nicht im Alltag erprobt waren; heute – vierzig Jahre später – wundere ich mich immer noch, woher in einer atheistischen Gesellschaft dieser glühende Antisemitismus herkommt – doch das wird ein andermal Thema sein.

Ja – Liebe war für mich nicht der Gegensatz zum Hass, sondern das Urgefühl eines Menschen in der Welt – was wir heute gar nicht mehr verstehen können … oder wollen. Sehe ich die Definition von „Liebe“ bei Wikipedia, so stelle ich fest: sie ist inzwischen sehr verkürzt worden und beschreibt nur noch das Verhältnis zwischen Menschen. Im Alltag ist sie noch verkürzter und beschreibt jene Illusionen, die Männern Frauen vorgaukeln müssen, um an Sex zu kommen – wenn sie nicht dafür bezahlen wollen. Liebe jedoch – als Grundgefühl – geht weit über Sex hinaus: zum Beispiel kann man Liebe zu seiner Nation empfinden. Dort, wo Hass eine tiefe und andauernde Verletzung beschreibt, die nicht abgewehrt werden kann, beschreibt Liebe eine tiefe und andauernde positive Zuwendung, wie sie ein Kind von seinen Eltern erfahren kann – oder eben ein Mensch von seiner Heimat, die ihm Nahrung gibt, Wasser, Luft, Obdach, Wärme und Anerkennung, heute alles pervers konzentriert, verkürzt und verarmt auf einen „Job“ – den man auch lieben kann (oder sogar muss – weil Staat und Wirtschaft dies angeordnet haben).

Ein leichteres Beispiel für Liebe jenseits der menschlichen Sphäre ist wohl die Liebe zur Natur, gleichzeitig ist sie auch der Urgrund für die Liebe zur „Nation“ und zum „Job“, die sie im menschlichen Denken erfolgreich verdrängt haben, weil die Natur selbst auch „Feind“ wurde, gegen den man sich zu wappnen hatte – mit ensprechenden Folgen für die Umwelt, die wir heute auszubaden haben. Würden wir noch die Natur lieben – und nicht die Nation oder den Job – wir würden ihr nicht solche Gewalt antun und ihre Schönheit nicht breitflächig in Häßlichkeit verwandeln. Ebenso heftige Gefühle kann man für Musik empfinden, für Kunst, für Ideale (das ist uns jetzt schon sehr fremd geworden – ich denke, viele wissen gar nicht mehr, was das ist) – oder einfach nur für Licht.

Eine vernünftige Form von Hass wäre jene, die sich gegen die wendet, die Natur vernichten: sind sie erfolgreich, endet das Leben auf der Erde. In Deutschland wird das in 700 Jahren der Fall sein: hält uns nichts auf, dann ist bei der momentanen Baugeschwindigkeit dann das Land komplett zubetoniert – zum Wohle des Automobils. Da Natur aber als Quelle der Liebe der Welt zum Menschen (und als Quelle einer lebendigen Gotteserfahrung) nach 300 Jahren Massenvernichtung kaum noch erfahrbar ist und als Heimat erinnert wird, wendet sich der Hass gegen die Feinde der Nation oder des Jobs … und somit erklären sich viele gesellschaftlichen Verwerfungen. „Nation“ und „Job“ sind wirklichkeitsverzerrende Begriffe, die zu realitätsfernen Handeln führen – zum Beispiel zu Kriegen oder Bullshitjobs, die man beide wiederum zu Recht hasst – aber auch gleichzeitig im Dienste der Liebe zu Nation und Job (als Ersatzstoff für „Natur“) begeistert ausführt.

Testen wir das mal in der Realität. Im Internet gibt es ein Beichthaus, in dem Menschen ihre Sünden beichten können – einer von den Sündern beichtete seinen Hass (siehe Beichthaus): er würde die faulen Arbeitslosen, die sich beständig über die Umstände, das Unglück und die Schlechtigkeit des Lebens auslassen, im liebsten totknüppeln. Ja – lesen Sie selbst: sowas steht im Internet, ohne eine große politische Hassdebatte auszulösen – und es steht dort seit dem Jahre 2009. Nun – Menschen, die ihre Nation lieben (die können wir „rechts“ nennen) oder die, die ihren Job lieben (spricht was dagegen, sie „links“ zu nennen? Heutzutage?) „kotzt es an“, dass Arbeitslose ihren Liebesdienst verweigern – es folgt der Hass, weil man ihre Arbeitslosigkeit als bewussten Akt der Feindseligkeit gegen die geliebten Objekte interpretiert. Das ist jedoch eine willkürliche Deutung – in Wirklichkeit sind die Arbeitslosen die Beraubten (beraubt durch die „Privatheit“ von Räubern, die ihren Raub per Gesetz behalten dürfen – ja, der Lateiner weiß noch: privare steht u.a. für „rauben: siehe Wikipedia oder das Lateinlexikon im Bücherschrank): ihnen wurde das geraubt, was die Natur umsonst schenkte – weshalb man sie ja auch so liebte.

Zurück zum Hass, den wir – so hoffe ich – jetzt besser verstehen können. Hass kann – erinnern wir uns – sehr gefährlich sein. Tödlich. Er kann dazu führen, dass man als aufgeklärter, hoch gebildeter, technisch sehr versierter Mensch, der sich an der Spitze der menschlichen Evolution wähnt, Fabriken baut, um Menschen, die man gerade hasst (Juden, Sinti, Roma, Kommunisten, Sozialdemokraten, Nachbarn die Feindfunk hören, Homosexuelle, Behinderte, Slawen – um nur ein paar zu nennen), systematisch in großem Stil umzubringen: eine Entwicklung, die weniger entwickelte Naturvölker nicht so in dem Ausmaß kennen und die wohl auch mit der Entwicklung zusammenfällt, dass „Technik“ nun „Arbeit“ alleine macht und wir die Arbeitskraft Mensch nicht mehr so dringend brauchen … also kann die weg.

Wir sehen also: der Kampf gegen den Hass ist wichtig – andererseits ist Hass auch eine logische vernünftige Folge von … Qual. Man hasst Folterer – zum Beispiel. Menschen, die einem tiefe und andauernde Verletzungen zufügen. Hass … ist also nicht unbegründet, entsteht nicht einfach aus der Luft – ist sogar in dieser Hinsicht an sich wertvoll. Darf ich nochmal erinnern?

„Das Gefühl des Hassenden ist das des Ausgeliefertseins, der Gefangenschaft, der Wehrlosigkeit.“

Was für eine wertvolle Erkenntnis. Sie führt uns doch gleich zu Maßnahmen im Kampf gegen den Hass, die wir sofort ergreifen müssen … bevor er wieder Lager baut. „Mitbestimmung“ statt „Ausgeliefertsein“, „Freiheit“ (oder besser: Gleichberechtigung) statt „Gefangenschaft“, „Teilhabe an der Macht“ statt „Wehrlosigkeit“. Natürlich könnte man auch „Liebe“ stärken … doch dieser Begriff ist den Menschen fremd geworden, ist kommentarlos durch „Sex“ ersetzt worden und funktioniert so kaum noch – Sexualität kann sogar zur Waffe des Hasses werden, ein Mittel, mit dem man seinen Hass ausdrücken kann (ich denke da – – ganz harmlos – an die Verwendung des Verbs „to fuck“, das auch als „Scheiße!“ verwendet werden kann – siehe z.B. im Wörterbuch bab.la).

Außerdem belehrt uns ja auch die Zeit in einem aktuellen Aufsatz darüber, dass Liebe im Kampf gegen den Hass völlig sinnlos ist (siehe Zeit):

„Man kann dem Hass nicht die Liebe entgegensetzen, denn man kann nicht jeden Menschen lieben. Es ist ja schon schwer genug, die wenigen zu lieben, die man liebt.“

Ja – wo kämen wir dahin, wenn wir versuchen würden, mehr Liebe in die Welt zu bringen (es wäre aber schon ein Fortschritt, das Wort „man“ durch „ich“ zu ersetzen – damit wäre man schon einen Riesenschritt weiter). Oder Verständnis. Verständnis für einen ostdeutschen Mann, der als Maurer arbeitet und die SED-Zeit in unangenehmer Erinnerung hat. Verständnis ist jene Geisteshaltung, für die wir einen ganzen Wissenschaftskosmos erarbeitet haben – die Geisteswissenschaften. Heute gerne als Sparschwein der Universität verwendet, hatten sie im 19. Jahrhundert eine klare Aufgabe: jene Kriege zu verhindern, die man dank der Naturwissenschaften immer brutaler und vernichtender führen konnte – man wusste noch, dass Kriege nicht vom Himmel fallen und plötzlich „da“ sind, sondern ausschließlich von Menschen gemacht werden. Man wusste noch, dass der Weg zum Frieden der Weg über das Verständnis war, das den „Feind“ als gleichberechtigt ansah, ihn an der Macht zur Lösung des Problemes teilhaben und mitbestimmen ließ … anstatt ihn als Unmenschen zu verdammen … weil er „bildungsfernen Schichten“ angehört oder ein „Nazi“ ist – oder weil gewisse Intellektuelle schon so sehr im Hass leben, dass sie schon Probleme haben, die wenigen zu lieben, die man halt so liebt.

Ja – im Jahre 2016 merken wir, wie erfolgreich es war, an Geisteswissenschaften zu sparen: der Hass ist wieder da (und der Krieg) – und kaum noch einer versteht, wie und warum er selbst daran mitarbeitet. Noch schwieriger wird es werden, klar zu machen, warum Auschwitz als Endpunkt des Hasses wiederkehren wird (und der Faschismus als jene politische Position, die das Ausleben des Hasses zur ersten Bürgerpflicht macht) – ganz logisch und alternativlos … als pure Folge der Auslöschung der Geisteswissenschaften. Hätten wir mehr Künstler, Philosophen und Dichter im Parlament: die Sozialgesetzgebung wäre eine andere – und die Bundeswehr würde auf deutschem Boden auf den Feind warten, wie es sich für Demokratien gehört.

Der Hass kann auch weiblich, gebildet, links sein und aus dem Westen kommen – ich kann da Beispiele für aufzeigen. Aber da stört er nicht so. Jedenfalls momentan nicht.

Sicher hülfe ein Verständnis von Liebe – wie oben skizziert, als jenes umfassende, entgegenkommende Gefühl, dass den anderen begeistert akzeptiert, wie er halt durch die Welt so geworden ist wie er ist und mit ihm gemeinsam Wege sucht, die Welt wieder so zu formen, dass sie liebenswerte Heimat für alle ist. Wenn man sieht, welche Energien Hass entfalten kann – wie große wären dann die Energien, die Liebe entfalten könnte?

Manche waren von der Erfahrung von Liebe so sehr begeistert, dass sie „Gott ist Liebe“ in die Welt schrien – doch die Machtelite dieser Welt schrie dagegen: „Gott ist tot“ – und schreit so bis heute. Und auch darum wird die Welt Hass: wo der Gott der Liebe tot ist, der Gott, der alle Menschen akzeptiert wie sie sind – dick, dünn, doof, weiß, rot, braun – tritt der Götze der Selektion (und der Gott des Hasses) auf den Plan, selektiert das vorhandene Material nach nützlichen Organquellen und gewinnbringenden Überleistern – wobei letztere Schritt für Schritt durch Maschinen ersetzt werden.

Es ist eine ganze Kultur des Hasses – und eine Kultur der Menschenfeindlichkeit, die nicht nur mehr gruppenbezogen ist, sondern den Menschen an sich als zu optimierendes (und notfalls als zu selektierendes und sanktionierendes) Mangelwesen begreift, dass „beständig an sich selbst zu arbeiten hat“ – um nicht in den Fokus des Hasses jener zu geraten, die nur noch ihre abstrakten Renditen und sich selbst lieben. Und diese Kultur des Hasses … erzeugt selber den Hass all jener, die die Welt lieben.

Es wird spannend zu sehen, wie diese Kultur nun gegen den Hass kämpfen will.

Ich fürchte nur: es wird mal wieder nichts Gutes dabei herauskommen – obwohl viele „Gutmenschen“ aktiv daran beteiligt sind. Menschen, die schon große Mühe damit haben, überhaupt ein paar wenige Menschen zu lieben – aber sich selbst für ganz unverzichtbar toll halten.

Ein wenig denke ich, dass die gelebte „Willkommenskultur“ von der Hoffnung getragen wird, dass diese Kultur des Hasses einfach fortgespült wird durch Millionen Menschen aus anderen Kulturen.

Wäre schön, wenn da so einfach wäre. Nur – so gesehen sind die begeisterten Träger der Willkommenskultur gar nicht so weit entfernt von den „Rechten“ – beide merken, dass da etwas gewaltig nicht stimmt im Lande.

 

 

 

 

 

 

Bullshitjobs – Bullshitleben. Vernichtung durch Arbeit.

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Freitag, 13.3.2015. Eifel. Geben Sie zu: Sie freuen sich. Woher ich das weiß? Nun – es ist Freitag. Und obwohl Freitag der 13. ein traditioneller Unglückstag ist, freuen Sie sich, denn: es ist Freitag. Im angelsächsischen Sprachraum Grund für eine Party: die „thank-god-it´s-fryday-party“.  Im Geschäftsknigge für Angestellte sind an dem Tag sogar Lockerungen in der Kleidungsordnung erlaubt – welch´ Sensation. Es wurde sogar von einzelnen Fällen berichtet, in denen auf die Krawatte verzichtet werden durfte – unglaublich, eigentlich.

Es zeugt von einem erstaunlichen Mut, sich mit einer solchen Einstellung in der Öffentlichkeit zu zeigen, sich vor aller Augen darüber zu freuen, dass Freitag ist – obwohl man damit nur ein kleines Teilchen einer großen, weltumspannenden Bewegung ist. Immerhin: jeder, der sich über das Ende der Arbeitswoche öffentliche freut, riskiert, von einem gewieften Anwalt wegen mangelnder Motivation aus der Firma geschmissen zu werden: der neue deutsche Arbeitnehmer geht gern zur Arbeit (das suggeriert uns die Werbung für Kaffee, Autos und die „richtige“ Krawatte ganz nebenbei, neben der Produktbewerbung wird für das richtige Hintergrundrauschen gesorgt), er gibt alles für seinen Chef, den er heiß und innig liebt, verehrt, bewundert und ehrfürchtig zu ihm aufschaut. Er gibt alles für die Firma, die ihm Mutter, Vater und Gott geworden ist – und nimmt es deshalb mit der Bezahlung nicht mehr so genau: die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens steht im Vordergrund – und wenn der Markt es befiehlt, dürfen es auch schon mal sechzig Stunden die Woche sein.

Freitag ist immer der Tag, an dem schon ein Blick in die U-Bahn reicht, um die neoliberalen Lügenmärchen über das glückliche Arbeitsleben ins Reich der Mythen und Legenden zu verbannen: die absolute Mehrheit der arbeitenden Menschen findet ihre „Jobs“ beschissen. Ist das nicht seltsam?

Nun – die Sprache selbst teilt uns das ja schon mit. Früher hatten wir „Berufe“ – also eine Arbeit,  zu der notfalls sogar Gott selbst uns berufen hatte. Ja – da gab es noch begnadete Dachdecker, Maurer, Schreiner, da konnte Handwerk noch Kunst sein, die allgemein bewundert wurde. Ersetzt haben wir den sinnerfüllenden Beruf durch den „Job“ … einen Begriff, dessen Herkunft unbekannt ist. Nur bei Wikipedia finden wir einen kleinen Verweis auf „Ijob“ … zu deutsch: Hiob, einer der führenden Leidgestalten des alten Testamentes, Sinnbild für unermessliches Leid (Verlust von Vermögen, Gesundheit, Frau, Kindern) … und folgender Belohnung. Wären wir frech und rebellisch, könnten wir montag morgens aufbrechen, um „den Hiob zu machen“ … und womöglich entstand dieses Wort genaus so.

Ja – der Montag. Für all´ jene, die ihren Chef heiß und innig lieben (was auch Pflicht ist, um nicht als Nörgler aus der Firma zu fliegen), die in ihrer Tätigkeit als Aktienanalyst, Call-Center-Agent oder Unternehmensberater den großen Sinn ihres Lebens gefunden haben, eigentlich ein Tag, der mehr gefeiert werden sollte als der Freitag … jedoch fehlt von dieser überschießenden Freude montag morgens jede Spur.

Es ist nichts Neues, worüber wir hier reden: die Süddeutsche widmet dem Problem seit Jahren immer wieder ihre Aufmerksamkeit – ohne jeden Erfolg, ohne jede Resultate oder Gegenmaßnahmen. Aktuell wird wieder gestöhnt: angeblich haben 15 Prozent der Deutschen „innerlich gekündigt“ (siehe Süddeutsche) … das wären bei 41 Millionen arbeitenden Menschen immerhin sechs Millionen. Glaubt man nicht, oder? Jedenfalls nicht nach einem Blick in die Autos, die montagmorgens in die Städte strömen. Anders schon die Zahl von 85 Prozent, die ihren Hiob nur noch nach Vorschrift erledigen … Dienst nach Vorschrift leisten. Diese Zahl glaubt sofort jeder, der in unserer Dienstleistungsgesellschaft mal eine Dienstleistung benötigte – z.B. von der Telekom.

Ich persönlich würde eher einschätzen, dass Mitarbeiter, die Dienst nach Vorschrift machen, genauso innerlich gekündigt haben, wie die anderen 15 %. Schon 2012 stellt die Süddeutsche Zeitung fest, dass jeder zweite Arbeitnehmer gerne seinen Hiob woanders verrichten würde (siehe Süddeutsche). Das ist nur nicht mehr so einfach – dafür hat der Gesetzgeber gesorgt. Er hat auch dafür gesorgt, dass der Lohn fürs Hiob-machen immer geringer wird, ja, dass es geradezu Pflicht wird, den Hiob zu mimen, ohne dafür Lohn zu verlangen. Ja – während viele Führungskräfte über Motivation diskutieren, hat der Staat mit der Agenda 2010 – im Prinzip von Kapitalisten sehr verpönter Art und Weise – in den Markt eingegriffen und mit Staatsgewalt drakonische Strafen für mangelnden Arbeitseinsatz verhängt: Obdachlosigkeit, Hunger, früher Tod inklusive.

Wer seinen  Hiob nicht macht, wird vogelfrei – auch eine Form der Motivation. Man findet sie sonst nur in Schützengräben, Arbeitslagern oder in sektenähnlichen Strukturen – aber darüber redet man in Deutschland nicht gern. Wo der Staat so durchgreift, braucht der Chef sich um Motivation keine Sorgen zu machen: ein Foto vom örtlichen Jobcenter über seinem Schreibtisch reicht als Argumentationshilfe – auch bei Verhandlungen über Beförderung und Lohnsteigerungen – völlig aus, für den Rest sorgen staatliche Exekutoren – willkommen zurück im stalinistischen Gulag.

Was unterscheidet den Hiob vom Beruf? Nur eins: den Beruf macht man sein Leben lang, den Hiob nur kurze Zeit. Der Lohn für den Hiob wird allerdings immer geringer, dank massiven Einsatzes der Staatsgewalt ist es deutschen Unternehmen gelungen, ganz neue Formen der Beschäftigung zu finden, über die sich die Süddeutsche ebenfalls gerne aufregt (siehe http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/zeitarbeit-lohndumping-burn-out-wir-ausgebeuteten-1.2376298#5):

Jeden Monat komme ich der Insolvenz einen Schritt näher. Ich bin Psychotherapeutin in Ausbildung (PiA), noch ziemlich am Anfang. Ich arbeite im Schnitt 50 Stunden pro Woche: neben der theoretischen Ausbildung arbeite ich in der Klinik und in einem Nebenjob. Mit dem habe ich im Februar gut 650 Euro verdient, das reicht gerade, um die Lebenshaltungskosten zu decken. Ich schreibe an drei bis vier Tagen die Woche Berichte für die Kostenübernahme von Therapien für die Krankenkassen. Pro Bericht bekomme ich bis zu 80 Euro – wenn einer aufwändiger ist und ich länger brauche, ist es mein Problem.

Erstaunlich, dass das auch Psychotherapeuten trifft – jene Menschen, die uns von den Folgen unserer Hioberei kurieren sollten. Geht wohl kaum unter diesen Bedingungen:

Ich sitze allein im Büro und empfange stündlich Patienten – wenn ich einen Arzt hinzuziehe, gerät der Zeitplan durcheinander. Deswegen muss ich eigenständig entscheiden, ob beispielsweise Suizidgefahr bei jemandem besteht. Bezahlt werde ich in Essensmarken.

Ja – im Lande des Hartz-Gulags gilt eine Essensmarke schon als Lohn genug. Wer da noch Geld will, gilt schnell als unverschämt.

Die Süddeutsche hat viele Fälle in ihrer Artikelserie aufgelistet, die uns einen gewissen Einblick in den Alltag Hiobs geben: beständige Unsicherheit, kaum Lohn, beständige Übergriffe auf die Freizeit, Arbeitszeiten weit über die natürliche Belastungsgrenzen hinaus … man versteht, warum der Freitag gefeiert wird. Das Wochenende: ein kurzer Moment der Erlösung, ein kurzer Einblick in echtes, selbst bestimmtes Leben, in dem man seiner Berufung nachgehen kann, bevor der Montag wieder kommt … der Tag des Hiob.

Ja – was ist aus uns geworden, aus den Abenteurern, die fremde Kontinente erforschten, aus den mutigen Kaufleuten und Seefahrern, die Handelsrouten erschlossen, die ganz Landstriche belebten, aus den mutigen Rittern, die für Witwen und Waisen stritten, den Dichtern und Denkern, die Zukunft formten und den Alltag schmückten: all jene „Helden der Arbeit“ sind zu Ameisen degeneriert, die wie kleine Maschinen im Getriebe funktionieren müssen. Der Mensch wurde mechanisiert, die Arbeit – einst im Paradies als „Mitschöpfertum“ göttlicher Auftrag der liebevollen, künstlerisch aktiven Mitgestaltung der Welt – wird zur Pflichterfüllung durch Roboter .. jene Wesen, die wir noch eine Weile ersetzen müssen, bis sie uns ersetzen.

Aus der Krone der Schöpfung ist das Schmierfett das Kapitalismus geworden – das spüren die Ameisen jeden Wochenanfang aufs Neue. Und der Kapitalismus arbeitet beständig daran, dass dieses Fett durch ständig billigere Angebot ersetzt wird, benutzt seine Gewinne zunehmend, um Personalabbau zu finanzieren (Ebay: 2400 Kündigungen nach einer Gewinnsteigerung von ZEHN PROZENT; American Express: 4000 Kündigungen nach einer Gewinnsteigerun von ELF PROZENT … siehe FAZ; oder Siemens: 9000 Kündigungen … siehe Heise … nach einem Gewinnzuwachs von FÜNFUNDZWANZIG PROZENT … siehe Spiegel).

Für solche einen Stumpfsinn ist der Mensch nicht geschaffen – doch wir zwingen ihn mit Staatsgewalt, den Stumpfsinn auch noch mit großer Begeisterung zu leben. Ja – es gibt eine arbeitsrechtlich abgesicherte Pflicht zur Freundlichkeit (siehe z.B. experto oder – aktueller – jurablogs). Dass die Simulation nicht vorhandener Gefühle eine Gewaltanwendung – Ver-ge-waltigung – der eigenen Persönlichkeit darstellt: darüber wollen wir im Gulag gar nicht erst reden, sonst zeigt der Chef uns wieder das Bild vom Jobcenter. Wir reden auch nicht über die tiefgehenden Eingriffe in unsere Persönlichkeit durch „business codes“ in der Kleiderordnung, welcher wir in vielen Unternehmen durch den Einsatz eigener Kapitalmittel gerecht werden müssen.

Gibt es nicht ganze Fernsehserien, die den Horror des normalen Büroalltags detalliert beschreiben … und alle erkennen sich darin wieder?

Auf jeden Fall gibt es einen Begriff, der derweil nur am avantgardistischen Rande unserer Gesellschaft auftaucht: den Begriff der „Bullshitjobs“ … womit im Prinzip eigentlich alle Tätigkeiten zu beschreiben wären, bei denen wir „den Hiob machen“ müssen, aber im Besonderen eine Art von „Beschäftigung“ gemeint ist, der viele aktuell noch nachgehen (siehe 20.Min.ch):

Dieser bezeichnet Tätigkeiten, bei denen am Ende des Tages kein Produkt sichtbar ist und deshalb der Sinn für den Arbeiter nicht ersichtlich ist, als «Bullshit-Jobs». Als Beispiele nennt er Arbeiten im Personalwesen, in der Verwaltung oder im Telemarketing, bei denen die Angestellten nur damit beschäftigt seien, «andere Arbeitnehmer zu kontrollieren oder Eigentum zu bewachen». Wirtschaftlich gesehen seien diese Tätigkeiten reine Verschwendung, so Graeber.

Ja – die Herren der Arbeit, die Fürsten der Jobs … haben selber einen Bullshitjob, der wirtschaftlich gesehen reine Verschwendung ist. Das dürfte auch für die 100 000 Jobs in der Arbeitslosenarmutsüberwachung der Bundesagentur für Armut – äh, Arbeit – gelten. In einer Gesellschaft, in der immer weniger Arbeit vorhanden ist, kommen immer mehr nur dadurch über die Runden, dass sie die wenigen, die was zu tun haben, überwachen – oder eben die überwachen, die nichts mehr zu tun haben.

Sprach ich nicht schon vom Gulag?

Was nur keiner aussprechen möchte: Bullshitjobs führen zu Bullshitleben. Und sorgen auch dafür, dass andere – die Armee der Kontrollierten – ebenso ein Bullshitleben führen. Wer hat sie nicht schon mal erlebt, die Heerscharen der Unternehmensberater – junge, völlig lebensunerfahrene und zumeist lebensuntüchtige Menschen – die mit der Stoppuhr in der Hand die Bewegungsgeschwindigkeit von Malergesellen, Krankenschwestern und Grundschullehrerinnen maßen, um für flottere Bewegungsabläufe zu sorgen.

Flott – sind wir alle geworden: und durch die Bullshittypen mit ihren selbstbeweihräuchernden „Maximierungstrategien“ sind auch die letzten funktionierenden Berufe zu „Jobs“ geworden, zu quälender Hioberei anstatt zu schöpferisch-kreativem Gestalten. Zeiten, wo wir den Hang zur „Maximierung“ noch als Sucht zur „Ausbeutung“ beschreiben durften, sind auch per Gesetz vorbei: wer kommunistisch denkt (also: Systemalternativen aufzeigen möchte), erhält Berufsverbot. Die Bullshitjobs der Bullshittypen verwandeln unser ganzes Leben in Bullshit … und das erklärt hinreichend unsere Beobachtungen zu dem seltsamen Verhalten der Großstädter am Freitag und am Montag.

Und doch – möchte ich noch einen Schritt weitergehen, ja, muss noch einen Schritt weitergehen: das durch Bullshitjobs gemaßregelte Bullshitleben – das uns Zwänge auferlegt wie Strafgefangenen (Kleidung, Frisur, Auftreten, Erreichbarkeit) – ist Vernichtung durch Arbeit, wie es totalitäre Systeme vorleben: noch nicht in dem Ausmaß, wie es in Spitzenzeiten solcher Gesellschaftsordnungen erreicht wird, aber schon mit demselben Kurs.

Das ist auch kein Geheimnis, noch esoterisches Wissen kommunistisch angehauchter Kreise – sondern rein medizinische Folge unserer Arbeitsorganisation (siehe standard.at):

Wir haben die Kontrolle und Reglementierung der Lebendigkeit auf die Spitze getrieben. Burnout-Patienten sind Vorreiter eines Systemcrashs, doch wir sehen die Warnung nicht“

Unser ganzes gesellschaftliches System ist in Gefahr – und das kann man am „Freitag-Hype“ gut erkennen.

Betroffene flüchten sich in aufputschende Mittel, verdrängen das Problem und leben von einem Wochenende zum nächsten. Erst schleichend kommt es zu Symptomen wie Desorientierung, Sinnverlust und Antriebslosigkeit. In weiterer Folge werden einem zuerst die anderen Menschen, dann auch man sich selbst fremd. Schließlich werden alle lebenswichtigen Körperfunktionen, Antrieb und Motivation auf ein Minimum heruntergefahren.

Kaffee übrigens ist ein Aufputschmittel. Können Sie sich Ihren Alltag noch ohne Kaffee vorstellen?

Leben Sie auch schon nur noch von Wochenende zu Wochenende? Haben Sie auch schon festgestellt, dass Sie immer mehr Zeit vor dem Fernseher verbringen und künstliches Konservenleben visuell konsumieren, weil Sie kein Eigenleben mehr haben? Und immer weniger Kraft, was anderes zu tun, als sich passiv von den Experten des Telemarketings berieseln zu lassen?

Vernichtung durch Arbeit … da verseht man den Horror vor Montag umso besser – aber der Freude auf den Freitag bekommt einen schalen Beigeschmack: je größer die Freude auf den Freitag, umso höher die Chance, auf einen Burnout zuzusteuern.

Auch ein Kündigungsgrund.

Also: Lieber Freitags jammern und Montags jubeln als umgekehrt.

Soviel Gewalt gegen sich selbst muss sein.

Kein Wunder, dass die Mehrheit der Deutschen überzeugt davon ist, dass Deutschland keine Demokratie mehr ist (siehe Handelsblatt). Vernichtung in welcher Form auch immer -und sei es nur die Vernichtung von selbstbestimmten Leben, Zukunftsperspektiven, Familien, Glück, Gesundheit, Antrieb, Motivation, Schaffensfreude, Lebenssinn – passt nicht zu einer Demokratie.

Und wo das Alltag ist, ist die politische Grundordnung eine andere.

Auch wenn man darüber nicht spricht.

Vielleicht haben die unbekannten Anarchisten in der Londoner U-Bahn ja recht (siehe Story-Filter):

«Es ist, als ob jemand da draussen sinnlose Arbeitsplätze erfindet, nur damit wir weiterarbeiten»

Und während wir so „beschäftigt“ sind ( – ach – noch gar nicht bemerkt, dass „Beschäftigung“ das Wort „Arbeit“ fast überall im amtlichen und politischen Sprachgebrauch ersetzt hat?), kommen wir gar nicht mehr dazu, über unser Leben, unsere Existenz, unseren Sinn nachzudenken: jene Qualität, die uns von Tieren unterscheidet, verschwindet aus dem Kosmos menschlichen Seins.

Und so werden wir nie merken, dass wir schon wieder auf ein System zusteuern, ja, es sogar schon leben, in dem Vernichtung durch Arbeit Standard ist.

Schön blöd, oder?

Übrigens: die Kosten für „innere Kündigung“ belaufen sich laut Welt auf 118 Milliarden Euro im Jahr (siehe Welt). Von dem Geld könnte man allen ausgebrannten Menschen Hartz IV zahlen – bei verdoppelten Regelsätzen – und hätte trotzdem noch einen Gewinn.

 

 

 

 

 

 

 

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