Jacques Lusseyran

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Endzeit-Poesie 4.0: Unser „Ich“ – Staatsfeind Nr.1


Jacques Lusseyran (parkwaechter / nachrichtenspiegel.de CC BY 4.0)

Ich weiß nicht, was ich bin,
ich bin nicht, was ich weiß:
ein Ding und nicht ein Ding,
ein Pünktchen und ein Kreis.

(Angelus Silesius)

In einer Zeit, in der wir uns mit „realpolitischen“ Grabenkämpfen hoffnungslos verausgaben, tut es uns zur Abwechslung vielleicht gut, mit einem grundlegenden Gedanken über das menschliche „Ich“ zur Besinnung zu kommen. Welche Instanz in uns ist es denn überhaupt, die „Ich“ sagt, wenn sie die eigene Menschlichkeit geltend macht und Andersdenkende – ob zurecht oder zu Unrecht, sei in diesem Zusammenhang einmal vollkommen dahingestellt – ins Lager der rechts-/linksversifften Unmenschlichkeit verweist? Gibt es überhaupt ein „Ich“ im Sinne eines menschlichen Persönlichkeitskerns oder sind es nur animalisch-egoistische Spasmen, die sich ausleben, wenn wir unser „Ich“ proklamieren?

Vielleicht ist diese scheinbar rhetorische Frage nach dem Ich in Konsequenz sogar sehr viel realpolitischer als alle harten Zahlen, Daten und Fakten, mit denen uns unsere Polit- und Wirtschaftsführer*innen derzeit „alternativlos“ in den Würgegriff nehmen. Leisten wir uns inmitten des marktkonformen Infernos also zumindest für ein paar Atemzüge den Luxus, dieser ketzerischen Frage nachzugehen. Was haben wir in einer „Epoche der totalen Blasphemie“ (Henry Quelcun) schon noch zu verlieren?

Unterwegs zur Endlösung der Menschheitsfrage

Vielleicht wird die Frage nach dem menschlichen Ich in Zukunft einmal wirklich obsolet sein. – Wenn diejenige technokratisch-szientistisch-nihilistische Lehre obsiegt, die derzeit die Meinungshoheit beansprucht (siehe „Der Psiram-Lehrmeister“), dann wird unser Ich – laut Viktor Frankl: „der spezifisch-humane Faktor“ – womöglich in der Tat verdunsten und der robotisierte Mensch wird in einer technizistisch vergletscherten Industrie 4.0-Lebensumwelt zu dem werden, was die Apologeten der herrschenden Lehre jetzt schon postulieren: zu einem bloßen Biocomputer, der als Artefakt im Urschlamm ohne Sinn und Ziel vor sich hinsumpft bzw. -surft. Der schon im 18. Jahrhundert vom Naturwissenschaftler Carl Linné zur Gattung der „Qudrupedes“ (lat. „Vierfüßer“) zugeordnete Mensch wird sich dann ganz selbstverständlich als das auffassen, was Michael Schmidt-Salomon, der Chefideologe der Giordano Bruno-Stiftung und Apologet der Gwup-/Skeptikerbewegung von sich selbst sagt: Dass er nur ein „Trockennasenaffe mit Haarausfall“ sei.  Mit dem homo sapiens, dem zu Weisheit fähigen Menschen, will der Gwup-Vordenker ein für allemal Schluss machen. In seiner Bibel für Skeptizisten und solche, die es werden wollen, dem „Manifest“, entwirft Schmidt-Salomon demgegenüber das Bild des „homo demens“,  dem „tollsten Witz des Witz der Geschichte, der „dümmer nimmer geht“, einem Artefakt im Urschlamm, der „in der tiefsten galaktischen Provinz“ ein Dasein der „kosmischen Bedeutungslosigkeit“ und ohne freiem Willen fristet. Das einzig Erstrebenswerte, das „wir aufrecht gehenden Deppen“ in dieser „Scheißgegend“ (Science Busters) tun könnten, wäre zufolge Schmidt-Salomon, uns zu „sanften , freundlichen … Affen zu entwickeln“, uns in ein besseres Verhältnis zu „Bruder Schimpanse und Schwester Bonobo“ zu bringen (Zit. aus Hubertus Mynarek, „Vom wahren Geist der Humanität – Die Giordano Bruno Stiftung in der Kritik“, Nibe Verlag 2017).

Also wenn das nun nicht eine „frohe Botschaft“ ist – mit dieser Skeptizisten-Bibel in der Hand kann der zeitgenössische Fortschrittsbürger endlich „alle Moral, allen Ballast der Humanität und ihrer Verpflichtungen abwerfen und ganz ins Tiersein, ins schuld- und verantwortungslose Affensein zurücktauchen“ (Mynarek, ebd., S.159 ). Kein Wunder, dass Schmidt-Salomon heute in keiner Talkshow mit weltanschaulicher Thematik fehlen darf. Mit seiner Weltanschauung des mechanistischen Determinismus, der Negation von Willensfreiheit und ethischer Selbstbestimmung ebnet er den ersehnten Weg zur digitalen Transformation und zur Robotisierung von Mensch und Lebensumwelt, also zur Endlösung der leidlichen Menschheitsfrage.

In direkter Antithese zu Goethe, demzufolge das menschliche Dasein eine „Pflanzschule des Geistes“ ist,  sieht Schmidt-Salomon die menschliche Vernunft als bloßes Artefakt und Produkt der Materie unseres Gehirns an, das im Übrigen eine „Eintagesfliege“ sei, denn „die eigentlichen Herrscher der Erde waren und sind die Bakterien“. Gleichwohl besitzt der ehemalige Marketingprofi Schmidt-Salomon genügend Chuzpe, um seine geistlose Weltanschauung als „Evolutionären Humanismus“ zu bezeichnen und sich mit dem Namen von Giordano Bruno zu schmücken, einem erklärten Pantheisten, der selbst in Angesicht von Inquisition und Scheiterhaufen nicht von seiner Überzeugung abrückte, dass ein Kanon an schöpferischer Weltengeistigkeit in allem und jedem lebe und daher jedes Lebewesen seine unzerstörbaren Rechte und eine unveräußerliche Würde habe. Mit dieser Gewissheit im Inneren konnte Giordano Bruno selbst am Scheiterhaufen zu seinen Inquisitoren sagen: „Mit größerer Furcht vielleicht verkündet ihr das Urteil, als ich es empfange“.

Szientismus als neue Staatsreligion

Zur missbräuchlichen Verwendung des Wortes „Wissenschaft“, die im Sinne der Skeptiker-Bewegung in Wirklichkeit eine Nichtwissenwollenschaft ist, da sich die Skeptiker durch die existenzielle Realität unseres Daseins zutiefst verängstigt fühlen, wäre jetzt noch einiges auszuführen. Zur „Giordano Bruno Stiftung“ jedoch ein andernmal mehr. Auch den „Evolutionären Humanismus“ – laut Mynarek in Wirklichkeit nur ein „enthumanisierender Apismus“ –  wollen wir im Auge behalten. Es handelt sich hierbei nämlich nicht nur, wie man meinen könnte, um die durchgeknallte Weltanschauung einiger Sheldon Cooper-Nerds, sondern um die Speerspitze bzw. die Brandfackel, die von einflussreichen, mit Politik, Wirtschaftslobbies und  Medien bestens vernetzten Think Tanks zur billigen Brandrodung des noch verbliebenen Regenwalds an Humanität und geistgeprägter Kultur benutzt wird – um auf den niedergebrannten Kulturflächen dann marktkonforme Plantagen errichten zu können. Denn wenn Mensch und Umwelt nur als geistlose Kohlenstoffzusammenballungen angesehen werden, dann steht der restlosen Ausschlachtung der noch verbliebenen Umwelt- und Humanressourcen nichts mehr im Wege. Entgegen aller fortschrittlicher Bekundungen bereitet die rationalistische Weltanschauung der „Skeptiker“ also geradewegs den Boden für den fatalsten Rückschritt. Indem sie dem Menschen de facto seine Würde abspricht, entkleidet sie ihn auch jeglichen Schutzes gegenüber dem gerade zum Endsieg ansetzenden Neoliberalismus.

Die „Giordano Bruno Stiftung“ etabliert dazu gerade die passende Staatsreligion: Den Gwup-Skeptizismus. Als „ideologischer Anziehungs-, Kristallisations- und Konzentrationspunkt des Materialismus in Deutschland und möglichst auch Europa“ betreibt die Giordano Bruno Stiftung laut Prof. Mynarek derzeit die aktivste, engagierteste und medial effektivste Agitation und Propaganda, um dem zeitgenössischen Menschen mit der ideologischen Brechstange ihr Credo beizubringen – möglichst schon von Kindesbeinen an durch „Infotainment“ und „Edutainment“ (von engl. education-Erziehung und entertainment-Unterhaltung, wie die Skeptizisten ihre „wissenschaftliche Aufklärung“ selbst nennen). Um nicht immer klassische Philosophen zu zitieren, dazu auch die Meinung eines neuzeitlichen Freundes der Weisheit: Was durch Gwup & Co. herangezüchtet wird, ist nichts anderes als der „absolute Untertane“ ( ©Eifelphilosoph). Personen, die herrschende Narrative hinterfragen und von ihrer Meinungs-, Glaubens- und Gewissensfreiheit Gebrauch machen, sollen dem Hohn und Spott preigegeben werden.

Da das Thema brandaktuell und der Parkwaechter dafür berüchtigt ist, angekündigte Folgeartikel mit ein- oder mehrjähriger Verspätung zu veröffentlichen, hier vorab schon einmal eine bündige Charakterisierung von dem, was die „Giordano Bruno Stiftung“ darstellt (veröffentlicht in der taz von Micha Brumlik, ehem. Direktor des Fritz Bauer Instituts – Studien- und Dokumentationszentrum zur Geschichte des Holocaust):

>> Freilich geht es der Ideologie des „Evolutionären Humanismus“, einem militanten und intoleranten Atheismus, wie er von der Giordano Bruno Stiftung vertreten wird, weder um Toleranz und Humanität noch um ein respektvolles, aufgeschlossenes und lernbereites Gespräch unterschiedlicher Religionen und Weltanschauungen; auch nicht um einen Dialog, in dem die Gehalte, Reichtümer und Schätze, aber auch Fehler, Verbrechen und Vergehen von Weltanschauungen sensibel, selbstkritisch und respektvoll erörtert werden, sondern um eine weitere „Austreibung“: hier der Religionen aus dem öffentlichen Raum und Diskurs. Giordano Bruno nannte das „Spaccio“. Der von der nach ihm benannten Stiftung vertretene „Evolutionäre Humanismus“ erweist sich am Ende als oberflächliche, naturwissenschaftlich aufgeputzte Schwundstufe einer selbst noch nicht säkularisierten Weltanschauung, die in ihrem Dogmatismus dem religiösen Fundamentalismus der Gegenwart in nichts nachsteht, sondern sein geistiger Bruder ist.<<

„Wer den Mut nicht hat, die Freiheit zu erringen, der verdient es, Sklave zu sein“ (Hegel)

Zurück aber zu unserem Eingangsthema, dem menschlichen „Ich“, sonst schweifen wir zu sehr ab, und gerade beim Thema Gwup macht es schnell Blup und man verliert sich im Sumpf des szientistischen Nihilismus. Noch ist ja nicht aller Tage Abend. Solange die letzte Schlacht nicht geschlagen und die in den Google Labors von Silicon Valley mit Milliardenetats vorangetriebene Mechatronsierung des Menschen noch nicht vollbracht ist, dürfen wir uns jedoch noch nicht geschlagen geben und sei es erlaubt, um das menschliche Ich bzw. sein zukünftiges Potential zu kämpfen – auch wenn besagtes Ich derzeit noch nicht mehr erscheint als ein zarter Maiglöckchenkeim im Hambacher Wald, auf den eine Armada an RWE-Bulldozern zurollt.

Im Kampf um die Zukunft, der in Wirklichkeit bereits voll im Gange ist, haben wir es mit einem scheinbar übermächtigen Gegner zu tun. Nicht wenige sind daher geneigt, sich nun einfach zurückzulehnen, sich nochmal eine Pulle Spaß aus der Aludose zu saugen und „abzuschalten“. Wenn wir diesen Kampf um das menschliche Ich allerdings nicht kämpfen, dann droht uns wohl oder übel dasjenige Schicksal, vor dem uns Hegel eindringlich gewarnt hat: „Wer den Mut nicht hat, die Freiheit zu erringen, der verdient es, Sklave zu sein.“

Niemand der fortschrittsgläubigen Freunde Sheldon Coopers soll allerdings glauben, dass ein solches Sklavendasein allzu amüsant sein wird. Im Vergleich zu einem zukünftigen Sklavendasein in Dantes Eishölle 4.0 war das klassische Sklavendasein in der Antike noch ein sozialromantischer Wellnessaufenthalt. Die Rutsche in diese Eishölle wurde uns bereits gelegt. Nur noch wenige Schritte und die Post geht ab.

Um den bevorstehenden Kampf gegen das Abrutschen in Dantes Eishölle kämpfen zu können, brauchen wir jedoch einen Kompass zur Orientierung. Denn der beißende schwarze Qualm brennender Autoreifen, der aus einer perfekt verzahnten medial-politisch-kommerziellen Maschinerie des „Manufacturing consent“ gegen den Himmel aufsteigt, hat die Sonne fast vollständig verdunkelt und verhindert die Orientierung mit bloßen Augen. Dass wir in dieser Situation nicht mehr wissen, wo Links und Rechts ist, ist noch das Harmloseste. Es steht noch viel schlimmer: Wir wissen nicht einmal mehr, wo Oben und Unten ist und wir verwechseln Fortschritt mit fatalstem Rückschritt.

Der Mensch: Eine Babuschka

Was ist also der im obigen Gedicht von Agelus Silesius skizzierte Mensch? Ein Pünktchen (ein subjektives Zentrum)? In Beziehung zum Kreis (zur objektiven Welt)? Viele meinen ja, dass die Welt auch gut ohne den Menschen bestehen könnte. Aber ist ein Kreis ohne Zentrum überhaupt denkbar? Oder etwas banaler: Wem schmeckt schon eine Suppe ohne Salz?

Wie auch immer. In digitalen Zeiten, in denen die Einfältigkeit wieder überhand nimmt und man mit binärem Denken (alles ist entweder Null oder Eins, Ja oder Nein, Schwarz oder Weiß, Gut oder Böse) alles erklären möchte – und damit natürlich hoffnungslos Schiffbruch erleidet –, wollen wir uns wieder einmal als Ketzer betätigen und ein vielschichtiges Erklärungsmodell heranziehen. Ein solches Erklärungsmodell gibt es bereits – kommt zwar aus Russland, also aus demjenigen Reich, in dem laut herrschender Lehre bzw. binärem Denken das Böse verortet wird, aber seien wir doch einmal zumindest für ein paar Atemzüge undogmatisch und lassen wir ein Stück russische Volkskultur rein bildhaft auf uns wirken: Die Rede ist von der „Babuschka“. Ja, das ist jene zwiebelförmige Holzfigur, mit der in Zeiten als es noch keine Smartphones gab, auch hierzulande wohl jedes Kind gespielt hat. Die Babuschka – eine Kernfigur, umgeben von einer Vielzahl an auseinandernehmbaren und wiederzusammensteckbaren Hüllen.

Babuschka (Bild: pixabay CC0)

Im Grunde drückt die Babuschka damit in aller Einfachheit nichts anderes aus, was uns auch alle Philosophen in ihren mitunter komplizierten Darstellungen mitteilen wollten: Die innere Architektur des Menschen.

In diesem Zwiebelmodell könnte man das, was man „Ego“ nennt – also unser auf Überleben, Anerkennung, Sicherheit, Lust und Macht gerichteter Persönlichkeitsteil –, als eine der äußeren Schalen der Babuschka bezeichnen. Es ist in Wirklichkeit eine Art Gegenbild unseres eigentlichen Ichs: Während das Ego fortwährend auf Konsumieren und Verschanzen in wohlbekannten Behausungen aus ist, geht es unserem Ich um fortwährendes Neuschaffen, Verändern und Bereichern des Lebensumfelds.

Man sollte jedoch das Ego nicht verdammen oder versuchen, es vollständig aufzulösen – es reicht bereits, wenn man es einfach an die richtige Stelle rückt – dort kann man es sogar zu sehr nützlicher Arbeit einspannen, die letztlich wieder dem eigentlichen Ich des Menschen und der Allgemeinheit dient. Die Existenz dieses eigentlichen Ichs ist übrigens auch der Grund, warum man als Mensch entgegen aller Versprechungen der Werbung niemals glücklich ist, wenn man nur ein egoistisches Konsumleben führt – denn das Ich des Menschen ist seiner Natur nach dialogisch aufgebaut und nur dann glücklich, wenn es uns gelingt, etwas aktiv zu schaffen und in der Welt irgendetwas für andere bzw. das Gemeinwohl beizutragen.

Selbst jemand, der noch stark im Egoismus verhaftet ist, schafft diese dialogische Erweiterung nach außen zumindest ansatzweise, indem er sich um seinen Partner, Familie, den Hund, den Wellensittich etc. kümmert und ihm diese Öffnung nach Außen ein kleines Glücksgefühl beschert. Obwohl sich bei weiterer Entwicklung auch das oft als ziemlich krasser Egoismus und Selbstbespiegelung entpuppen kann und man wirkliche Zufriedenheit erst dann erfährt, wenn man auch wirklich uneigennützige Dinge tut.

Pestilenz 4.0 und Gegengift

Zurück aber zum Selbst bzw. zum „Ich“ des Menschen: Nach der o.a. „frohen Botschaft“ von Schmidt-Salomon (siehe auch „Dostojewskijs Traum von der szientistischen Pest“) schulde ich nun auch eine kleine Ampulle Gegengift. Die wirkliche frohe Botschaft in Sachen „Ich“ ist nämlich: Wer dieses „Ich“ auch nur in geringem Maße geschmeckt bzw. die aus ihm erwachsende Möglichkeit erlebt hat, aus allem, selbst inmitten der übelsten Umstände und der größten Armut wie quasi aus dem Nichts noch etwas Konstruktives zu schaffen, der ist gegen praktisch alle Dekadenzerscheinungen unserer Zeit immun. Er kann selbst inmitten allen Niedergangs ein sinnerfülltes Leben führen und Keime für die Zukunft setzen … damit aus dem kulturellen Trümmerhaufen wieder Menschenwürdiges emporsprießt. Wer mit diesem Kern seiner Individualität – der gemäß Erich Fromm nicht der Region des Habens, sondern der des Seins zugehört, den man also niemals dingfest machen und „besitzen“ kann (den man aber sehr wohl verlieren kann!), sondern dem man sich immer nur annähern kann –,  an dem wird auch die massenmediale Suggestion des „manufacturing consent“ abperlen. Sich der Vermassung à la #wirsindmehr(kel) zu ergeben, wäre dann von vornherein ausgeschlossen.

Der im individuellen „Ich“ gegründete Mensch hat es auch nicht notwendig, „abzuschalten“ und vor den desaströsen Tatsachen des Weltgeschehens die Augen zu verschließen. Er kann sich mutig mit allen politisch-ökonomisch-militärischen Machenschaften konfrontieren. Lüge und Manipulation wird er sogar als willkommene Gelegenheiten ansehen, um diese als schwarzen Kontrast zu nutzen, auf dessen Hintergrund er dann ein umso konstruktiveres Ideal für Wahrheit, Gerechtigkeit, Ökologie und menschliche Solidarität aufbaut. Auch gegen die gerade epidemisch ansteigenden Angststörungen, Depressionen und Panikattacken wird ein authentisch im „Ich“ gegründeter Mensch weitgehend immun sein.

Damit wir aber nicht zu theoretisch bleiben: Wie nähert man sich diesem „Ich“ an bzw. was nährt das „Ich“? – Nun, ganz einfach: Gedanken! Aber wohlgemerkt nicht solche, die man in Zeitung, Fernsehen oder Uni serviert bekommt. Es muss sich um philo-sophische (wörtl. griech.: „in Liebe zur Weisheit“ gerichtete) Gedanken handeln. Woran erkennt man einen philo-sophischen Gedanken? Nun, ein Kriterium dazu ist z.B., dass man über ihn staunen und ihn nicht sogleich ergründen kann. Kann man über einen Gedanken nicht staunen, dann ist er bloß technokratisch-szientistischer Natur. Man drischt mit solchen Gedanken eigentlich nur trockenes Stroh und geht trotz aller hybrider Informationsfülle leer aus (Albert Einstein: „Wer sich nicht mehr wundern und in Ehrfurcht verlieren kann, ist seelisch bereits tot.“)

Es ist daher nichts weniger als eine Schicksalsfrage, aus welchen Quellen man seine Gedanken schöpft bzw. an welche Gedanken man sein Herz hängt. Und genau hier haben wir es mit dem entscheidenden Momentum zu tun, das die Skeptizisten dem Menschen absprechen: Dem freien Willen, der sich über alle Determinationen erheben kann. Durch die Wahl von Gedanken und Ideen – die nach Plato keineswegs abstrakte Gebilde, sondern lebendige, sich fortwährend metamorphosierende Urbilder sind – machen wir uns zu dem, was unserer Wahl entspricht. Dabei haben wir vollkommen freie Wahl, ein riesiger Menüplan steht uns zur Verfügung, darunter auch die großartigsten, wohlschmeckendsten und nährstoffreichsten Gedanken der großen Philosophen (gr. „der Freunde der Weisheit“, also der Freunde des homo sapiens) – wer abends auch nur 10 Minuten lang von solchen Gedanken trinkt, ist gegen die drohende Mutation zum homo demens sicher geschützt.

Niemand wird aber gezwungen, von kristallklarem Gebirgswasser zu trinken, man kann auch – um noch einmal unseren geschätzen Eifelphilosophen zu zitieren, abends „ein Gläschen Promi-Urin“ vorziehen. Oder das „Manifest“ eines Trockennasenaffen. Wieder einmal gilt: In der Wahl sind wir vollkommen frei. Im Tragen der Folgewirkungen unserer Wahl dann allerdings ganz und gar nicht mehr.

Der Krieg gegen das menschliche Ich

Eine der besten Umschreibungen des „Ich“ habe ich bei Jacques Lusseyran gefunden. Der Mann war während der NS-Besatzung führendes Mitglied der französischen Resistance und obendrein blind, daher nicht so wie wir durch Fußball-WMs, Flachbildschirme und sonstige Äußerlichkeiten abgelenkt und konnte sich somit umso mehr in die hinter der greifbaren Realität befindliche innere Welt vertiefen.

Lusseyran kam zum erschütternden Schluss, dass das „Ich“ als zwar unwägbarer, aber wertvollster Faktor unserer menschlichen Existenz nicht nur verdrängt, sondern heute sogar aktiv bekämpft wird:

„Ich habe Ihnen eben schon gesagt: Das Ich ist zerbrechlich. Es ist in jedem von uns nicht einmal etwas, was wir wirklich besitzen, eine fest umrissene Anzahl von Fähigkeiten, auf die wir mit Stolz große Stücke halten könnten. Es ist wie ein Impuls, eine Art Schwung. Es ist eine Kraft, die ihrer Geburt noch ganz nahe steht. Es ist eine Verheißung, ja so möchte ich es ausdrücken, die dem Menschen gegeben ist.

Kurz, das Ich, es ist noch so wenig, dass gleichsam ein Nichts genügt, um es uns wegzunehmen. Und nun muss ich sehen, dass man es bekämpft!

Sprechen wir vom Ich, vom echten. Versuchen wir es. Was ich das Ich nenne, das ist diese Bewegung, dieser Impuls, der mir erlaubt, mich dieser Erde, auf der ich lebe, zu bedienen, aber auch meiner Intelligenz und meiner Gemütsbewegungen, sogar meiner Träume. Es ist eigentlich eine Kraft, die mir eine Macht verleiht, die mir keine andere gibt: nämlich die, dass ich, um zu leben, nicht warten muss, bis das äußere Leben zu mir kommt. Das Ego braucht die Dinge, die größtmögliche Zahl der Dinge, ob sie sich Geld, Geltung, Herrschaft, Beifall oder Belohnung nennen.

Das Ich fragt nicht danach. Wenn es da ist, wenn es an der Arbeit ist, dann setzt es seine eigene Welt der andern, dieser Welt der Dinge, entgegen. Das Ich ist der Reichtum inmitten der Armut; es ist das Interesse, wenn alles um uns herum sich langweilt. Es ist die Hoffnung, auch wenn alle objektiven Chancen zu hoffen verschwunden sind. Aus ihm stammt die ganze Erfindungswelt des Menschen. Und schließlich ist es das, was von uns übrig bleibt, wenn uns alles andere entzogen ist, wenn uns gar nichts mehr von außen zukommt und unsere Kräfte doch genügend groß sind, um diese Leere zu überwinden.

Gewiss, das Ich des Menschen ist nie sehr stark gewesen, außer bei einigen vereinzelten Individualitäten, und unser Zeitalter leidet daran zweifellos nicht mehr Mangel als alle vorausgegangenen. In unseren Tagen jedoch tritt eine ganz neue Tatsache auf: Man möchte das Ich verjagen. Man möchte es endgültig verjagen, um sich endlich dieses absonderlichen Nachbarn, dieses konfusen Einwohners zu entledigen. Man führt Krieg gegen das Ich, und zwar den gefährlichsten aller Kriege, weil niemand daran denkt, den Krieg als solchen zu erklären.“

(Jacques Lusseyran, aus dem Essay „Gegen die Verschmutzung des Ich“)

 

 

Die Grausamkeit der Frauen – über verlorene Jungfräulichkeit und blinde Widerstandskämpfer

Die Grausamkeit der Frauen – über verlorene Jungfräulichkeit und blinde Widerstandskämpfer

(CC BY Parkwaechter 2017)

Obwohl ich mich durch tägliches Lesen in der Lügen-, pardon, in der Katzenstreupresse (siehe „Die Götterdämmerung der Lügenpresse“) für einigermaßen abgebrüht halte, hat mich vor Kurzem das nackte Grauen kalt erwischt. Immer noch ganz benommen, suche ich taumelnd nach Halt … wenn ich abends einschlafe, dreht sich vor meinen Augen ein Bilderkarussell, das mich am Menschen und an der Zukunft für unsere Kinder ernsthaft zweifeln lässt.

Wenn ich jetzt erzähle, was mir widerfahren ist, wird man mich auslachen, aber sei’s drum. Also: Nach dem Lesen eines bewegenden Artikels des Eifelphilosophen (“Die Vernichtung des sensiblen Mannes“) gab ein geschätzter Leser den Hinweis auf den „Butchelor“, meinte damit die unsägliche Fleischbeschaushow „The Bachelor“. Obwohl ich dieses Format bisher eisern verweigert hatte, dachte ich mir: So, nun ist’s aber an der Zeit, dass du dir da auch mal einen Eindruck in bewegten Bildern machst, um über diejenige Show mitreden zu können, die sogar „Deutschland sucht den Superstar“ an medialer Reichweite übertroffen hat und die einer ganzen Generation als Lifestyle-Rolemodel präsentiert wird. Mir schwante bereits Übles, immerhin hat sogar der Spiegel, die „Bildzeitung für Abiturenten“ (Volker Pispers), den Bachelor für das „Zelebrieren von Dekadenz, Oberflächlichkeit und Beklopptheit“ kritisiert. Nach Ansicht der Süddeutschen hat sich der Bachelor „von Folge zu Folge mehr und mehr als seelenloses Psychowrack erwiesen“ und wirke „emotional verarmt, sexuell verelendet und moralisch verwahrlost“.

Trotz dieser Vorwarnungen war ich als nicht-fernsehender Mensch, also als Mann hinterm Mond, über das, was ich zu sehen bekam, dann doch einigermaßen sprachlos. Jedenfalls kann ich nun dem nachfühlen, was auch der Eifelphilosoph gemeint hat, als er nach mehreren Jahren Fernsehabstinenz zum ersten Mal wieder den Kübel eingeschaltet hat: „Das gibt’s doch gar nicht“, sei noch das Geringste gewesen, was er sich angesichts der ihm entgegenkommenden Bilderflut gedacht habe.

Als ich in die Suchmaschine „Bachelor“ eingab, wunderte ich mich zunächst, dass mir „Die Bachelorette“ , also das Femininum zu „Der Bachelor“, als Suchvorschläge ausgegeben wurde. Den Vorwurf, eine frauenverachtende Sendung zu produzieren (Udo Jürgens bezeichnete das Buhlen von 20 paarungswilligen Weibchen um ein männliches Alphatier als „abstoßend und nuttig“), wischte der damalige RTL-Chef Gerhard Zeiler mit der Ankündigung weg, das ganze Spiel auch umgekehrt aufzuzäumen und die Frauen gleichziehen zu lassen. Gesagt, getan, durfte im Spin-off „Die Bachelorette“ fortan ein 25 Köpfe starkes Mannswolfrudel um eine giraffenbeinige Schönheit buhlen. Und in der Tat: Die „Bachelorettes“ zeigen, dass Barbie das Puppenspiel mit den Emotionen genauso beherrscht wie Ken.

Als ich die Bachelorette Zaklina betrachtete (siehe unten), wie sie am Balkon einer mondänen Villa mit lasziv-abgeklärtem Blick nach unten auf den Parkplatz blickt, um sich zu entscheiden, welchem der  dort versammelten Verehrer sie als nächstes den Laufpass geben soll, musste ich an eine Schilderung des französischen Philosophen Jacques Lusseyran denken (seine Autobiographie „Das wiedergefundene Licht“ ist eines der bemerkenswertesten Bücher, das ich kenne und von dem man auch als Normalsichtiger ein ganz neues Wahrnehmen der Welt lernen kann). In jungen Jahren erblindet, entdeckte Lusseyran seine Fähigkeit, trotzdem zu „sehen“, und zwar in intuitiven Farben. Die französische Widerstandsbewegung machte sich seine besondere Fähigkeit zunutze, um „in einer Zeit, in der jedes Treffen unter Menschen eine Begegnung auf Leben und Tod war und man schnell erkennen musste, ob man einen Freund oder Feind vor sich hatte“,  NS-Spitzel zielsicher zu identifizieren: neue Mitglieder der Resistance wurden in einem abgedunkelten Zimmer zu „dem Blinden“ geführt, wie man ihn nannte. Lusseyran betrachtete dort die Farben, die von der jeweiligen Person ausgingen und konnte mit  unfehlbarer Sicherheit sagen, ob bei neu rekrutierten Mitstreitern ehrliche oder unlautere Motive vorlagen.

Bemerkenswert fand ich insbesondere eine Aussage Lusseyrans über die Frauen (was vice versa für Männer genauso gilt). Von abendlichen Tanzveranstaltungen erzählt er, dass er ausgerechnet bei denjenigen Frauen, die ihm seine Kameraden als besonders schön und begehrenswert schilderten, im vis-à-vis beim Tanzen meist „Grausamkeit“ und Kälte wahrnahm, während er bei eher unscheinbaren bzw. unbeachteten Frauen oft wunderbar harmonische Farben sah, die er als wirkliche menschliche Schönheit empfand.

So nebenbei ein Tip eines 40+-Althasen an die Youngsters unter unseren Lesern: Auch ohne hellsehend zu sein wie Lusseyran kann man insbesondere an kleinen Details wie etwa den Mundwinkeln, der Gestik der Lippen oder der Bewegung der Augenlider einer Frau ersehen, welcher Geist sie beseelt (nicht umsonst betreiben Frauen einen beträchtlichen Aufwand, um gerade diese Gesichtspartien intensiv zu beschminken) – wer sich hierfür etwas sein Auge schult und sich nicht bloß von Wespentaillen und Gazellenschenkeln ablenken läst, der mag sich dadurch in seinem Leben fatalen Schiffbruch und ein übles Schicksal ersparen (in neoliberalen Zeiten ist nicht mehr gewährleistet, dass man einen Schiffbruch auf hoher See überlebt – eigentlich also verdammt schlechte Zeiten, um in Beziehungsangelegenheiten russisches Roulette zu spielen, so wie das von unseren Medien heute flächendeckend propagiert wird).

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Was hätte Lusseyran wohl über die Bachelorette Zaklina gesagt, die im oben ersichtlichen Video von der gesamten Männermannschaft angeschmachtet wird? – Ich mag zwar kein Maßstab sein, aber ich für meinen Teil habe eine Gänsehaut bekommen. Auch wenn eine andere als ‚Traumfrau‘ gehandelte Bachelorette-Kollegin namens Frieda auf ihrer Pinwand die Fotos der ihr dargebotenen männlichen Opferstiere seziert (siehe YouTube), wird mir innerlich nicht wärmer, sondern ich taste hilfesuchend nach meiner neben dem Bildschirm stehenden Kamillenteetasse und versuche von dieser etwas Restwärme zu erheischen.

Insbesondere hat mir der in Zalinkas Krallen geratene Opferstier Simon leid getan. Simon, ein vergleichsweise naiver und liebenswürdiger 24jähriger Mann (siehe YouTube), der im Gegensatz  zu seinen abgebrühten Mitbuhlern (siehe YouTube) in seinem Leben bisher noch nie eine Freundin gehabt hat, gerät in die Fänge der rothaarigen Femme fatale, die es als besonderen Leckerbissen ansieht, sich den jungen Mann als Aperitif einzuverleiben. Unverdorbene Jungfräulichkeit bekommt man ja in heutiger Zeit nicht alle Tage serviert. Geschäftsmänner aus Hongkong ziehen für solche Angebote schon mal 2,3 Millionen Euro aus der Hosentasche (siehe Focus), warum sollte es also eine Frau in Zeiten des Gender verschmähen, eine solch seltene Okkasion gratis konsumieren zu können?

Simon gibt sich also der Bachelorette hin, auf einer romantischen Dschunke an Thailands Küste wiegt er sich mit ihr fast schon im 7. Himmel (siehe YouTube), die Kameras folgen dem Paar noch bis zum Fallen der ersten Hüllen ins Schlafzimmer. In einem nachfolgenden Interview schildert Simon mit naivem Gutglauben, dass er in Zaklina nun seine Seelenpartnerin gefunden habe und sein Herz fortan ganz für seine Angebetete schlage. Bachelorette Zaklina gibt sich indes jedoch wesentlich professioneller (siehe YouTube): Zwar attestiert sie Simon, dass er ein ungewöhnlich sensibler Mann sei – was, wie der Eifelphilosoph zuletzt berichtete, heute an Seltenheit fast schon der Begegnung mit einem Einhorn gleichkommt -, die Medusa behält sich jedoch vor, noch herauszufinden, ob Simon auch eine ausreichend „wilde und leidenschaftliche Seite“  vorzuweisen habe.

Diese Erwartung der Bachelorette sollte Simon dann auch zum Verhängnis werden. Denn in dieser Hinsicht konnte Simons Mitbewerber am freien Fleischmarkt, der stramme Michel, anscheinend einen höheren Score erzielen (siehe YouTube), obwohl letzterer von seinen Kommilitonen als gefühlskalt und als Pokerface charakterisiert wurde. Gemäß den eisernen Gesetzen der unsichtbaren Hand des darwinistischen Marktes war daher die Entscheidung der Bachelorette vorprogrammiert: Obwohl der sensible Simon bis zum Schluss in banger Erwartungshoffnung verblieb, musste sie ihm angesichts des strammen Michels bei Sonnenuntergang am Meer schließlich das Herz brechen und ihm den Laufpass geben. Was bleibt, ist ein perfekter, schmalztriefender Werbespot für den neoliberalen „survival of the fittest“: Ein bis über die Ohren grinsender Winner, der die Beute einkassiert und ein in Tränen aufgelöster Looser, der schauen kann, wo er bleibt und um den sich niemand mehr schert, während die Winner die Korken knallen lassen.

Dass der strahlende ‚Winner‘ nach wenigen Wochen ebenfalls ausrangiert wird und Platz für einen noch tolleren Hecht machen muss, wird tunlichst verschwiegen – auch, wieviele Scherbenkinder in solchen auf bloßen Sexappeal aufgebauten Sandburgen aufwachsen müssen.

–  f i n  –

Demnächst im Nachrichtenspiegel:

Teil 2: Die Grausamkeit der Männer – Wenn der Butchelor das Fleischmesser auspackt …

zum Thema passend siehe auch: „5000 Politiker-Penisse online – über Ashley Madison, das größte Tabu und die Anleitung zu Glück und Unglück“

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Epilog / Requiem für Simon:

„Gehe nicht oh Gregor, gehe nicht zum Abendtanz…
(ukrainisches Volkslied aus dem 17. Jahrhundert):

Text (Marusai Churai):

Gehe nicht, oh Gregor, gehe nicht zum Abendtanze.
Zauberische Mädchen folgen deinen Schritten dort.
Weiße Hand, wie Schnee braut dir Tee aus Zauberkräutern.
Trübt den Spiegel deiner Seele, wie der Wind den See

Dort ist auch die eine mit den schwarzen Augenbraun.
Glaube uns, oh Gregor, das ist eine Zauberin.
Ihre schmale Hand braut dir Tee aus Zauberkräutern.
Legt sich über deine Seele, wie der Herbst auf’s Land

Sonntag früh beim Glockenläuten grub sie aus das Kraut.
Schnitt es Montag, alle Sünden hexte sie hinein.
Holt‘ es Dienstag vor, kochte Zaubertrank aus Kräutern,
Mittwoch Nacht beim Reigentanze gab sie ihn Gregor.

Und am Tag darauf, am Tage war Greschenko tot.
Freitag kam voll Leid und Klage und beim Abendrot
trug man ihn zur Ruh, an der Grenze an der Straße.
Viele frommen Leute kamen, viele sahen zu.

Viele Knaben, viele Burschen, klagten um Gregor.
Böse Hexe, Zauberhexe, schwarze Zauberfrau.
Deine Augenbraun werden keinen mehr betören,
niemals wird ein zweiter Gregor deinen Künsten traun.

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