Hubertus Mynarek

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Warum der Papst die totale Herdenimmunität will (Gastbeitrag von Prof. Dr. Hubertus Mynarek)

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Viele Menschen, sogar eine ganze Reihe von Katholiken, sind empört, dass sich der Papst hier so vorbehaltlos in den Dienst des Staates stellt, obwohl doch der staatlich verordnete Impfzwang gegen die Würde des Menschen, nämlich seine individuelle Entscheidungsfreiheit, verstößt.

Dabei tut der Papst damit nur etwas, was die Amtskirche seit 2000 Jahren schon immer getan hat, indem sie sich immer zu den mächtigsten Herrschern ins Bett legte, sie unterstützte und dadurch ihre Existenz und die dauerhafte Schenkung von Privilegien aus der Hand der Mächtigen absicherte.

Das sog. Wunder der Unzerstörbarkeit der Kirche, wie es in zahllosen Predigten immer wieder hervorgehoben wird, hat in Wirklichkeit allein seinen Grund in dieser klebrigen Anschleimerei an die jeweils Herrschenden in Staat und Gesellschaft. Horst Herrmann, der kürzlich verstorbene Ordinarius für Kirchenrecht an der Universität Münster, nach seinem Kirchenaustritt Soziologieprofessor an derselben Universität, gab deshalb einem seiner Bücher zu diesem Thema sogar den Titel „Über das prostitutive Verhältnis zwischen Staat und Kirche“.

Natürlich mussten die Oberhirten der Kirche, d. h. die Bischöfe, Erzbischöfe und Kardinäle unter dem obersten Hirten, dem Papst, sich ebenfalls sofort einschalten, um als gehorsame Sklaven des päpstlichen Diktators ihre Akzeptanz seiner These von der Impfung als Akt der Nächstenliebe zu bekunden. So läuft das in der Kirche: „Roma locuta causa finita“. Wenn Rom, d. h. der Papst, etwas beschlossen hat, dann ist die Sache beschlossen und beendet, auch wenn Nachdenkliche noch eine Menge Zweifel zu vermelden hätten.

Aber damit noch nicht genug! Denn die Bischöfe sind ja wie die meisten Politiker Leute, die keine Ahnung haben, allerdings über eine Menge Mitarbeiter verfügen, die sie beraten, ihre Redetexte schreiben und ihnen schon helfen, um sie von besonders großen Dummheiten abzuhalten. Sie, die Bischöfe, haben zwar ihre Theologie studiert, bei der von den Theologieprofessoren meist streng darauf geachtet wird, alle Ausflüge in außertheologische Wissenschaftsdisziplinen zu vermeiden, so dass sie fast durchgehend auch von der wissenschaftlichen Medizin in ihrem Studium nichts mitbekommen haben. Aber trotzdem verkünden sie in ihrer „Erklärung zur Debatte um eine temporäre Impfpflicht“, zu der sie durch das Wort des Papstes von der „Impfung als einem Akt der Nächstenliebe“ angeregt wurden, im Brustton unfehlbarer Überzeugung: „Ein breiter wissenschaftlicher Konsens bewertet die Schutzimpfung gegen Covid-19 als einen unerlässlichen Beitrag, um Menschen vor schwerer, ja lebensbedrohlicher Erkrankung zu schützen“.

Was ist hier mehr am Werk? Ignoranz oder Unwahrhaftigkeit? Denn den wissenschaftlichen Konsens in Hinsicht auf die Impffrage gibt es ja gerade nicht. Obwohl die staatsabhängigen Medien sich alle Mühe gaben und geben, die negativen schweren Folgen von Corona-Impfungen zu verschweigen, gibt es doch schon zu viele bekanntgewordene Opfer dieser Impfungen, so dass die Behauptung der Bischöfe von einem „wissenschaftlichen Konsens“ eine glatte Lüge ist.

Aber die armen Bischöfe stecken auch in einer Zwangsjacke, ja in einer doppelten Versklavtheit. Einerseits müssen sie treu wiederkäuen, was der Papst sagt. Andererseits müssen sie den staatlichen Vorgaben folgen, weil doch der Staat ihr größter Geldgeber ist, von dessen Wohlwollen sie daher auch abhängig sind. Und so singen sie denn mit „unerschütterlichem Mut“ das Doppel-Lied vom unfehlbaren Papst und dem sich fast ebenso unfehlbar gebärdenden Staat, der ständig neue Vorschriften zur Corona-Krise oder zur Corona-Pandemie nebst immer stärkeren Sanktionen erlässt, aber auch erstaunlich viele von diesen Vorschriften wieder zurücknimmt, weil es sich um Irrtümer oder Fehleinschätzungen gehandelt habe.

Nur den allergrößten Irrtum, nämlich die Überzeugung von der Notwendigkeit, immer neue Impfungen durchführen zu müssen, um das Volk in der Herdenhaltung fixiert halten zu können und damit zur Akzeptanz der Diktatur, sanfter ausgedrückt: der Demokratur, bereiter zu machen, widerrufen die Herren und Damen da oben, die Merkels und Spahns und jetzt die Lauterbachs und Scholzs auf keinen Fall! Sind doch all diese das Grundgesetz beschränkenden, zum großen Teil sogar aufhebenden Corona-Bestimmungen die beste und wirksamste Einübung in den Untertanengeist der Bürger.

Und Papst Franziskus schwingt mit dieser Tendenz der Politiker fröhlich mit. Er, der sich so gern als Menschenfreund, vor allem als Freund aller Flüchtlinge dieser Welt und als Kooperator aller Religionen und Staaten feiern lässt, hat als oberster Hirte der Kirche ganz besonders den Wunsch, die Gläubigen, also seine Schafsherde in Gehorsam und Unterwürfigkeit an der Stange zu halten.

Er spielt zwar überzeugend die Rolle des Gütigen, Duldsamen, Liberalen, alle Menschen Liebenden, aber im Grunde ist es auch ihm genau wie dem Staat ein Anliegen, die totale Herdenimmunität durchzusetzen und damit die Herdenkollektivität einer gesichtslosen Masse zu erreichen, die sich der Herrschaft sowohl der Kirche wie auch des Staates überhaupt nicht mehr zu widersetzen imstande ist.

Jetzt werden manche empört sein über diese Charakterisierung des Papstes Franziskus. Aber alle, die diesen Papst näher kennen, weisen auf die ursprüngliche Kälte, Härte und eine gewisse Steifheit seines Charakters hin. In gewisser Weise gibt das auch Papst Franziskus selbst zu, und zwar bei der eigenen Begründung seines Eintritts in den Jesuitenorden: „Ich trat bei den Jesuiten ein, weil sie eine avantgardistische Kraft der Kirche waren, weil man in der Gesellschaft Jesu eine militärische Sprache benutzte, weil ein Klima des Gehorsams und der Disziplin herrschte“.

„Militär – Gehorsam – Disziplin“ – diese Worte des Papstes beweisen, dass seine Güte, Liebe und Menschenfreundlichkeit nicht so spontan sind, wie sie von einem Großteil der Medien stets dargestellt werden, sondern vielmehr den Prinzipien der Disziplin, des Gehorsams und der militärischen Strenge gegenüber der Kirche untergeordnet bleiben, den Rahmen dieser Prinzipien nie überschreiten.

Selbst ein dezidiert katholisches Blatt, das dazu noch im katholischsten Verlag Deutschlands, im Herder Verlag erscheint, kommt zu dem Schluss: „Franziskus hat sehr wohl einen feinen Instinkt der Machtausübung. Er kennt die Regeln der Diplomatie, aber auch, wie man sie als ‚Waffen‘ für den eigenen Bedarf manchmal überraschend anders anwenden kann.“

Nochmals der Papst selbst bei seinem Rückblick auf das Motiv seines Eintritts in den Jesuitenorden: „An der Gesellschaft Jesu haben mich drei Dinge berührt: der Sendungscharakter, die Gemeinschaft, die Disziplin“ (so Papst Franziskus im Interview mit Antonio Spadaro am 19.08.2013).

Es ist schier unglaublich, was Ignatius von Loyola, der Gründer des Jesuitenordens, und die von ihm gegründete Gesellschaft an Anstrengungen, Opfern, aber auch an Unsummen unmoralischer Handlungsweisen, Methoden, Taktiken und Strategien für die Missionierung, Disziplinierung und Bekehrung der gesamten Menschheit, ihre Einfügung in die katholische Kirche, aufgebracht haben. „Noch war keine solche Gesellschaft in der Weltgeschichte anzutreffen gewesen. Mit größerer Sicherheit des Erfolgs hatte selbst der alte römische Senat nicht Pläne zur Welteroberung entworfen. Mit größerem Verstand war an die Ausführung einer größeren Idee noch nicht gedacht worden. Ewig wird diese Gesellschaft ein Muster aller Gesellschaften sein, die eine organische Sehnsucht nach unendlicher Verbreitung und ewiger Dauer fühlen“, schrieb der Romantiker Novalis (zit. nach R. Fülöp-Miller, Macht und Geheimnis der Jesuiten, Berlin 1929, 5). Selbst der machtversessene Hitler sah in den Jesuiten das Ideal einer disziplinierten Truppe.

Der Jesuit Prof. Alighiero Tondi, ein hervorragender Kenner und Funktionär des Vatikans, berühmt geworden durch seine Flucht vor den klerikalen Mitbrüdern in die damalige DDR, schrieb dann in seinem im Aufbau-Verlag Berlin herausgegebenen Buch „Die Jesuiten“: „Beim Entwurf der Konstitution des Ordens war es das Ziel des Ignatius, dem Vatikan einen klerikalen Organismus zu schaffen, der militärisch aufgebaut und mit einheitlicher Befehlsgewalt, mit blindem, absolutem Gehorsam, mit Wendigkeit in den Bewegungen und starker Schlagkraft ausgestattet ist. Bis zu jener Zeit gab es in der Kirche nichts Derartiges … Deshalb nannte der Gründer diesen Organismus ‚Kompanie Jesu‘. Aber nach der Lehre des Katholizismus heißt Jesus dienen dem Vatikan dienen; der Orden ist also eine Kompanie von Soldaten im Dienste des Vatikans“.

Von den Regeln des Jesuitenordens sagt Tondi: Diese Regeln, die Art, sie zu interpretieren und zu leben, das alles spiegele „energisch diesen Geist wider, dessen wesentliche Merkmale die Ersetzung der natürlichen Persönlichkeit durch die Persönlichkeit eines Exaltierten, die völlige Einseitigkeit sowohl der Bedürfnisse als auch der Bestrebungen der Menschen, die Unbeugsamkeit und Strenge in der Auffassung und im praktischen Leben und der Fanatismus sind“.

Alle Jesuiten werden gedrillt nach der Regel 32 der Konstitutionen des Ordens: „Alle sollen die freie Verfügung über sich selbst und über ihre Angelegenheiten dem Superior in wahrem Gehorsam überlassen, ihm nichts, auch nicht das eigene Gewissen, verborgen halten, ihm nicht widerstreben, nicht widersprechen und keinesfalls ein seiner Ansicht entgegengesetztes Urteil zeigen …“

Noch schlimmer klingt die Regel 36: „Jeder sei überzeugt, dass, wer unter dem Gehorsam lebt, sich von der göttlichen Vorsehung durch die Superioren so führen und leiten lassen muss, als wäre er ein Leichnam, der sich auf jede Weise drehen und wenden lässt; oder der Stab eines Greises, der dem, der ihn in der Hand hält, überall und zu jedem beliebigen Gebrauch dient.“

Wer nach solchen Regeln indoktriniert und manipuliert wird, der kommt aus dieser Zwangsjacke kaum mehr heraus. Tondi hat es am eigenen Leib erlebt. Obwohl er der in aller Öffentlichkeit gefeierte Aussteiger aus dem Jesuitenorden war und in der DDR mit allen möglichen Ehrungen überhäuft wurde, kehrte er ihr plötzlich den Rücken und landete wieder reumütig zu Füßen des „Heiligen Vaters“.

Glaubt irgendjemand, der noch realistisch denken kann, wirklich, dass der Jesuit Bergoglio alias Papst Franziskus nach so vielen Jahren des Studiums und der Dressur durch seine Superioren weniger indoktriniert und jesuitisch geformt ist als der ihm intelligenzmäßig eindeutig überlegene Prof. Tondi?

Überall, in allen Gegenden der Welt, wo auch immer sie wirkte, hatte die Gesellschaft Jesu stets als oberstes Missionsziel nicht nur die Bekehrung der Menschen zur Annahme der christlichen Lehre, sondern auch die Umformung dieser Menschen zu Sklaven Christi, des Papstes als seinem Stellvertreter und zu gefügigen Kindern der Allmutter Kirche.

Als Bergoglio noch nicht Papst Franziskus, sondern Provinzial, d. h. oberster Chef aller Jesuiten in Argentinien war, wurde er von mehr als der Hälfte seiner Ordensbrüder wegen seiner Härte und Sturheit so gehasst, dass ihm dieser Führungsposten von der Amtskirche entzogen wurde. Er hatte dann ein paar Jahre Zeit, in sich zu gehen und eine neue Lebensstrategie für sich selbst zu entwerfen, denn er sah sich plötzlich für Jahre in den Stand eines gewöhnlichen, nichts zu sagen habenden Mönchs versetzt.

In dieser Zeit muss also sein Entschluss gefallen sein, es mit Milde zu versuchen, wo es doch mit seiner Härte den Menschen und Ordensbrüdern gegenüber nicht geklappt hatte.

Aber man sieht: Es geht hier primär nur um eine veränderte Strategie, nicht wirklich um von Herzen kommende Milde, Güte und Liebe. Sonst könnte er ja nicht neuerdings schon wieder das harte Urteil in die Welt setzen, dass „Impfen ein Akt der Nächstenliebe“ sei.

Denn selbst seine gehorsamen Diener, die Bischöfe, geben in ihrer Erklärung zur Debatte um die Impfpflicht wenigstens zu, dass „eine Impfpflicht ein schwerwiegender Eingriff in die körperliche Integrität und Freiheit des einzelnen Menschen ist“, sie fordern deshalb auch den Staat auf, bezeichnen diese Forderung sogar als „dringend geboten“, dass er „situations- oder gesundheitsbedingte Ausnahmen vorzusehen und auch die rechtlichen Konsequenzen in einem angemessenen Rahmen zu halten habe“. Das Ziel des Staates müsse sein, „Gesundheit und Freiheit gleichermaßen zu schützen“.

Die Intelligenz der Bischöfe reicht aber nicht aus, um zu erkennen und zu begründen, dass beides zusammen im totalen Gleichmaß und völliger Ebenbürtigkeit nicht geht, nicht klappen kann. Das absolute Grundrecht des Menschen ist die Bewahrung seiner Würde, und diese hat zur Voraussetzung nicht die Gesundheit (weil sonst jeder Kranke, jeder Behinderte ein Mensch ohne Würde wäre), sondern die Freiheit jedes menschlichen Individuums, sich frei entscheiden zu können.

Damit ist auch klar und deutlich erwiesen, dass der „unfehlbare“ Papst völlig daneben liegt, wenn er die Nächstenliebe als Waffe einsetzt, um die Leute zur Impfung zu zwingen. „Liebe Gläubige, Ihr habt keine Nächstenliebe, wenn Ihr nicht zur Impfung kommt!“ Das muss gerade jener Papst sagen, dessen Härte in diesem Aufsatz bereits aufgedeckt wurde.

Aber man erkenne hier auch, dass die Kirche „Fortschritte“ macht: Während der ein paar Jahrhunderte dauernden Phase des Inquisitionswütens der Kirche benutzte man noch die Folter und den Feuertod, um die Menschen zum Glauben und zur Einhaltung der Tugenden, u. a. auch der Nächstenliebe, zu zwingen.

Und man hat auch in anderer Hinsicht dazugelernt: Egal, wie das mit dem Impfzwang am Ende ausgeht, man wäscht die Hände in Unschuld. Die eigentliche Verantwortung schieben die Bischöfe dem Staat zu. Es liege „letztlich in der Verantwortung der Regierenden zu beurteilen, ob die Voraussetzungen dafür vorliegen und eine temporäre Impfplicht das jetzt angemessene Mittel zum Schutz des Gemeinwohls ist. Zur konkreten Ausgestaltung des Gesetzes können wir kein detailliertes Votum abgeben und werden uns daher am Begutachtungsverfahren nicht beteiligen“.

Und noch ein „Fortschritt“ der Amtskirche ist feststellbar: Hatten der Papst und die Bischöfe damals den ersten Staatsvertrag mit Hitler geschlossen, wodurch dieser in der Politik und Diplomatie erst salonfähig wurde und Staatsverträge auch mit anderen europäischen Ländern abschließen konnte, so können der heutige Papst und seine Bischöfe jetzt „furchtlos“ dagegen anschimpfen, dass jetzt manche „die staatlichen Maßnahmen zur Pandemieeindämmung mit dem nationalistischen Unrechtsregime in Beziehung gebracht haben. Solche beschämenden Verharmlosungen der NS-Verbrechen dürfen nicht geduldet werden“.

Die Erklärung der Bischöfe endet mit dem Aufruf des Apostels Paulus an die Epheser: „Seid demütig, friedfertig und geduldig, ertragt einander in Liebe“. Das ist zwar pathetisch nett und salbungsvoll, jedoch auch nicht weit entfernt von dem eiskalten Willen der den Staat Regierenden, die durchgehende »Herdenimmunität« aller Bürger zu erreichen und sie dadurch zu einer »Herdenkommunität« gleichgeschalteter Idioten zu machen.

Hinweise

  1. ) Die „Erklärung der katholischen Bischöfe zur Debatte um eine temporäre Impfpflicht“ zit. in: Kirche In, Nr. 1, 36. Jg., 7.1.2022, 16 f.
  2. ) H. Mynarek, Papst Franziskus. Die kritische Biographie, Tectum Verlag Marburg 2015 (der Verlag ist jetzt eine Filiale des Nomos-Verlags, Baden-Baden).
  3. ) H. Mynarek, Papst-Entzauberung, BoD-Verlag, Norderstedt 2007.
  4. ) H. Mynarek, Die Neue Inquisition, NIBE Verlag, Alsdorf 2018.
  5. ) Aufsatz zum Thema „Vom Corona-Virus zur Diktatur“ auf Mynareks Homepage: www.mynarek.de

 


Zum Autor:

Der Philosoph und Theologe Hubertus Mynarek gilt als einer der prominentesten Kirchenkritiker unserer Zeit. Er war Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien und der erste Universitätsprofessor der Theologie im deutschsprachigen Raum, der aus Gewissensgründen aus der katholischen Kirche ausgetreten ist. In einem Offenen Brief an Papst Paul VI. prangerte er dessen Herrschsucht und die Machtstrukturen der kirchlichen Hierarchie an. Eines seiner Hauptwerke ist „Herren und Knechte der Kirche“. Mynarek ist Vertreter eines ökologischen Humanismus, den er u.a. in seinen Büchern „Ökologische Religion“ und „Die Kunst zu sein“ darlegt. Vita siehe mynarek.de.


 

Der Tragödie letzter Akt? Prof. Hubertus Mynarek über die Nemesis einer Kulturnation

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Vom Corona-Virus zur Diktatur

(Gastbeitrag von Prof. Dr. Hubertus Mynarek)

Wir müssen uns von dem naiven Untertanenglauben verabschieden, dass Politiker besonders altruistische, um das Wohl der Bürger besonders bemühte Menschen sind. Innenpolitik ist in erster Linie das Streben nach Macht, nach Herrschaft über die Masse der Bürger.

Da der Politiker, der Macht anstrebt, diese Macht als primäres und zentrales Ziel seines Lebens ansieht, ist er in besonders intensiver Weise ein Egoist, ein Egozentriker, dessen Innenleben, was die geistigen Werte, die ethischen, ästhetischen und spirituellen betrifft, sich dem Nullpunkt nähert. Alles, was er eben noch denken kann, ist auf seine Karriere, seine Geltung, sein Ankommen bei den Massen, also auf alle Teilelemente des Zentralwertes Macht und Herrschaft ausgerichtet.

Die Kehrseite seines egoistischen Machtehrgeizes ist die Angst. Ständig wittern und fürchten die schon an die Macht gelangten Regierenden von Seiten der „anarchischen“ Masse die Gefahr von Auflehnung, Empörung, Aufständen, Revolten und Rebellion. Deshalb nutzen sie jede Gelegenheit und jedes Mittel, um jedwede Möglichkeit der Erhebung der Massen gegen sie im Keim zu ersticken. Wie gesagt, jedes Mittel, und sei es noch so schäbig, ist ihnen für die Verunmöglichung einer Volkserhebung oder der Rebellion eines Teiles der Bürger recht.

An diesem Punkt kommt nun wie gerufen das Corona-Virus ins Spiel. Aus „tiefster Sorge um die Bürger“ und im Wissen darum, dass diesen, wenigstens den meisten von ihnen, die Gesundheit das höchste Gut ist, können die an der Macht Befindlichen nun das ganze Instrumentarium von Vorschriften, Befehlen, Regeln und Gesetzen zur Einschränkung der „drohenden Pandemie“ erlassen und so ohne Probleme und Furcht vor Machtverlust ein Freiheitsrecht nach dem anderen beschränken, beschneiden oder ganz außer Kraft setzen.

Die Versammlungsfreiheit, das Demonstrationsrecht, die ihnen ein besonderer Dorn im Auge sind, weil sich ja da die Menge zusammenrotten, ihre Aufstandspläne mit- und untereinander besprechen könnte, wird deshalb als eine der ersten Freiheiten reduziert, zur Gefahr erklärt, schlechtgemacht oder ganz verboten. Es folgen entsprechende Beschränkungen, Verbote, Überprüfungen, Legitimierungspflichten mit Hilfe von Gesundheitspässen für Hotel-, Restaurant-, Festbesuche usw.

Der Marsch in die Diktatur ist auf die leichteste Weise mit Hilfe der ständig geschürten Angst um die Gesundheit angebahnt. Die Masse wird von den Regierenden, den ihnen hörigen Medien und den Spezialisten und Fachleuten für Gesundheit, die alle vom Futtertrog diverser Staatszuschüsse abhängig sind, tagtäglich mit Hiobsbotschaften gefüttert, die offiziellen Statistiken, über alle Medien verbreitet, ohne dass sie vom Bürger überprüft werden können, bringen ungeheure Zahlen von an und mit dem Corona-Virus Erkrankten und Gestorbenen an die Öffentlichkeit.

Wie gesagt, der Bürger hat keine Möglichkeit, die Zahlen, die ihm da von staatsabhängigen Instituten serviert werden, zu verifizieren.

Außerdem geben diese Institute von Zeit zu Zeit selber zu, dass ihre Daten nicht völlig sicher seien, weil manche Meldungen von Erkrankten oder Verstorbenen aus manchen Regionen der Bundesländer nicht pünktlich bzw. gar nicht eingetroffen seien.

Und auch die bevorzugte Wendung „an oder mit dem Corona-Virus erkrankt oder verstorben“ ist bezeichnend, weil sie Irrtümer in den Zahlenangaben von vorherein entschuldigt, da Kranke durch ganz andere Ursachen und Krankheiten gestorben sein können, nebenbei aber bei ihnen dann auch die Corona-Virus-Infektion festgestellt worden sei.

Die Widersprüche, die bei der Darstellung der Gefahren des Corona-Virus begangen werden, sind Legion. Sicher ist eigentlich nur die Feststellung, dass kein Impfvorgang sicher ist. Zuerst sollte eine Impfung genügen. Dann war plötzlich eine zweite nötig, und da auch diese nicht wirksam genug ist, kommt es zur dritten, zur sogenannten Booster-Impfung, und auch der wird bescheinigt, dass sie keinen endgültigen Schutz bringt.

Damit ist aber wenigstens gewährleistet, dass es nicht berechtigt wäre, den Lockdown aufzuheben, sodass die Gewöhnung an alle freiheitsraubenden Beschränkungen in Kraft bleibt und die wunderbarste Grundlage weiterhin dafür bietet, dass die Menschen sich auch an eine fortwährende Diktatur ohne Freiheitsrechte gewöhnen. Das Corona-Virus die beste Voraussetzung für die Einführung der Demokratur, das wirksamste Mittel der Einübung in die Diktatur! All dies natürlich im Namen und zugunsten der Gesundheit der Bürger!

Ein fundamentaler Widerspruch ist auch darin zu sehen, dass anfänglich immer wieder seitens der Regierungsstellen feierlich erklärt wurde, dass es keinen Impfzwang geben werde, dass ein solcher mit der in zahlreichen Paragraphen des Grundgesetzes betonten Freiheit gar nicht vereinbar wäre, dann aber immer häufiger, immer öfter Vertreter der Regierung und staatsabhängiger Gesundheitsinstitute in tausend Wendungen und Windungen die Freiheit des Bürgers einkreisen, einschränken, beschneiden oder sogar schlechtmachen, verhöhnen und verspotten, indem sie diese Freiheit als Egoismus und Gegnerschaft zur Solidarität der Mehrheit der Bürger hinstellen. Auch die Tendenz kommt in offiziellen Aussagen von Ministern und ihren dienstbaren Geistern zum Ausdruck, das die sich nicht impfen Lassenden Unwissende, also Dumme seien.

Dabei hat noch vor Kurzem Joachim Sauer, der Gatte von Frau Merkel, anlässlich seiner Aufnahme in die Turiner Akademie der Wissenschaften geklagt, dass „besonders die Bildungsbürger … sich nicht gegen Corona impfen lassen“.

Der in der DDR aufgewachsene und ausgebildete Herr Sauer scheint geradezu befremdet zu sein, dass es „Menschen gibt, die einer persönlichen Überzeugung folgen, einer Art ideologischer Reaktion auf das, was sie für eine Impf-Diktatur halten“. Auch unter dieser Gruppe seien „Akademiker, Ärzte und Wissenschaftler“ zu finden.

Angesichts solcher Ansichten ihres Mannes und der Tatsache, dass Angela Merkel selbst über drei Jahrzehnte lang nur mit der Ideologie der sozialistischen „Demokratur“ gefüttert wurde, die einzig und allein eine Klasse akzeptiert, nämlich die Masse der Arbeitenden, und darüber nur noch die Bonzen der Partei mit Ulbricht und nachher Honecker an der Spitze, kann man auch das 16 Jahre lange Agieren der Kanzlerin verstehen, die mit all ihren wichtigsten politischen Handlungen immer nur eines erreichen wollte: die totale Vermassung des deutschen Volkes zu einer gesichtslosen Horde und Herde von Schafen und Lämmern, die ihren Anordnungen bzw. denen ihres von ihr gewollten Nachfolgers Scholz ausnahmslos, grenzenlos, widerstandslos und sklavisch Folge leisten.

Diktatorisch, wie das bei kommunistischen Machthabern so oft der Fall war, ließ sie, ohne auch nur den diesbezüglichen Beschluss der EU abzuwarten, über eine Million sog. Flüchtlinge in die Bundesrepublik einreisen; das Volk wurde dabei ohnehin nicht befragt. Volksabstimmungen hat sie gleich vom Anfang ihrer Demokratur an verboten, ganz wie kommunistische Machthaber, die als oberste Spitze der Partei dem Volk verordnen, was es zu denken und zu tun hat.

Nicht umsonst gebraucht Frau Merkel sehr oft und gern den Ausdruck »Herdenimmunität«, wenn sie ihr Ideal der totalen und ausnahmslosen Impfung aller Bürger beschreibt.

Und auch in der Verachtung der Deutschen sind sich Merkel und ihr Ehemann ganz ähnlich. Während sie angesichts der Proteste angesehener deutscher Ärzte gegen die Beschneidung von Kindern nach dem jüdischen Gesetz alle Deutschen zu einer »Komikernation« heruntermachte, gab ihr Mann in seiner Turiner Rede seinem Erstaunen Ausdruck, „dass ein Drittel der Bevölkerung nicht den wissenschaftlichen Erkenntnissen folgt“. Das liege, so Herr Sauer, „an einer gewissen Faulheit und Bequemlichkeit der Deutschen“. Der Mann, obwohl „Quantenchemiker“, scheint von der Unschärferelation der Quantenprozesse noch nichts gehört zu haben und ebenfalls nichts vom hypothetischen Charakter der fundamentalsten Lehrsätze der Physik, Chemie und Biologie. Empfohlen sei ihm die Falsifikationstheorie des wohl größten kritischen Analytikers der Wissenschaften der letzten zwei Jahrhunderte, des von der Queen geadelten Sir Karl Popper.

Aber man darf auch nicht vergessen, dass in der DDR nur eine einzige Wissenschaft das Privileg hatte, die wahre Wissenschaft zu sein, nämlich die marxistische. Und selbst die Chemie und die Quantenphysik wurden ideologisch mit dem Schulmarxismus durchtränkt. Aber Merkels Joachim setzt sogar noch eins drauf: „Ich bin sehr traurig über den Teil der Deutschen, der aus unlogischen Gründen die Realität ignoriert“. Klar, die einzige Realität in der DDR war die marxistische (die Zitate zu Sauer und von ihm in „Bild Deutschland“, 24.11.2021, S. 3).

Aber Merkel hat als Kanzlerin der BRD auch dazugelernt. Während die Machthaber der DDR das Zuwiderhandeln gegenüber dem kommunistischen Ideal vor der Öffentlichkeit möglichst verheimlichten, ihren Luxus und Reichtum nicht zeigten, hat Merkel vom reichen Westen schon das Imponiergehabe gelernt. Als fast letzten Akt ihrer Regierungszeit fordert sie – wiederum ziemlich diktatorisch und im Gegensatz zur bisher üblichen Vorgehensweise für scheidende Kanzler – für ihren doch vermeintlichen Ruhestand zwei Luxuslimousinen und zwei Chauffeure sowie zehn anstatt bisher fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter (also jeweils für Limousinen und Mitarbeiter das Doppelte vom bisher für abtretende deutsche Kanzler Gewährten). Von der Anzahl der Bodyguards, auf die eine so  wichtige Pensionärin wie Merkel natürlich auch Wert legen wird, ist dabei noch gar nicht die Rede. Natürlich besteht sie darauf, dass jede Mitarbeiterin, jeder Mitarbeiter über 10.000 € monatlich erhält.

Das ist übrigens auch ein Punkt, der den Herrschenden Angst macht. Kurz vor seinem Abgang als Außenminister der BRD hat Sigmar Gabriel etwas gesagt, was den Genossen in seiner Partei gar nicht gefallen konnte. Er sprach nämlich die ungeheure Kluft an, die sich zwischen dem Volk und den Regierenden sowie ihren hochbezahlten beamteten Lakaien auftue, sodass diese zwei zuletzt genannten Gruppen das Volk überhaupt nicht mehr verstehen könnten angesichts des eigenen Luxus und Reichtums, den ihnen ihre überdimensionalen Gehälter ermöglichen, und der Armut der „niederen“ Volksschichten. Vielleicht musste Gabriel auch deshalb oder u. a. deshalb seinen Posten so schnell räumen.

Fakt ist jedenfalls, dass Herrschende, an der Macht Befindliche auch wegen ihres abgehobenen Lebensstils eine unbewusste Angst in sich tragen, irgendwann einmal gestürzt zu werden und/oder ihre Privilegien zu verlieren.

Auch deshalb wollen sie schon den geringsten Verdacht einer Revolte des Volkes oder von Gruppierungen desselben sofort bekämpfen. Daher kommt den Machthabern auch die Corona-Krise wie gerufen. Können sie doch auf deren Grundlage Versammlungen, Veranstaltungen, Zusammenkünfte diverser Gesellschaften in Hotels und Restaurants nach Herzenslust und selbstverständlich nur aus Sorge um die Gesundheit der Herde verbieten. Und auch Schulen und Schulunterricht kann man schließen bzw. beschneiden und damit Bildungs- und Wissensumfang wesentlich verringern. Denn wozu braucht die Masse Bildung und vertieftes Wissen, wenn sie nur der „Weisheit“ und den Anordnungen der Regierenden Folge leisten soll?

Die „Armen im Geiste“ bemerken ja nicht die vielen Fehler und Widersprüche, die die Politiker und ihre Vasallen in Gestalt staatlich geförderter Mediziner allein schon in ihren Verlautbarungen zur Corona-Krise begangen haben. Wie sagte es doch der geniale deutsch-jüdische Satiriker und Kritiker Erich Kästner: „Und wenn sie etwas tun, dann sind es Fehler“. Und: „Ihr seht sie eilig in den Reichstag schreiten, das Wohl des Volkes fördert ihren Gang, und würdet ihr sie noch ein Stück begleiten, dann sähet ihr, sie gehen ins Restaurant“.

Angesichts der Armut und des fast totalen Wegfalls eines hochgeistigen ethischen Innenlebens infolge der Konzentration auf Machtausübung und -erweiterung bei vielen Politikern gibt es aber in Wirklichkeit für sie nur noch ein Gefühl der Genugtuung in der Corona-Krise: das Gefühl, die Herde total und ohne Ausnahme zur Impfung gezwungen zu haben, die Genugtuung, dass die ganze Masse gehorsam war, ihren Anordnungen, wie blind diese auch zuweilen waren, sklavisch Folge leistete, ihren Anordnungen unter Verzicht auf das eigene Denken nicht den geringsten Widerstand entgegensetzte. Deswegen das Aufbrausen und Empörtsein mancher Politiker, wenn man ihren „Dienst am Volk“ nicht beklatscht und bejubelt.

Zahlreiche Politiker und sie nachäffende Schreihälse fallen über die sogenannten Querdenker her, verteufeln sie und stellen sie in die rechte Ecke, obwohl sie aus den verschiedensten weltanschaulichen und politischen Lagen kommen. Noch vor ein paar Jahren gab ein großer Verlag, wie es der Goldmann-Verlag ist, eine ganze Querdenker-Reihe heraus, also Bücher prominenter, gesellschaftlich hoch geschätzter Autoren. So tief sind wir von der Demokratie zur Demokratur gesunken, dass nunmehr der Begriff Querdenker inhaltlich nur noch negativ besetzt ist, weil uns das unsere halb- und viertelgebildeten Oberherren und Oberdamen in der Regierung so vorschreiben.

Aber es muss doch erlaubt sein, über die Frage nachzudenken, warum der Staat und seine wichtigsten Vertreter so hartnäckig die Impfung für alle durchdrücken möchten, obwohl doch längst nicht mehr zu verschweigen ist, dass die Impfungen nicht wirksam genug sind, sonst müssten sie nicht spätestens alle sechs Monate wiederholt werden, ohne dass ein Ende dieser Impfungen zu erkennen ist. Niemand kann sichere Auskunft darüber geben, wann dieses Geimpfe ein Ende finden wird. Zudem gibt es keine sicheren Statistiken über das Ausmaß der negativen Konsequenzen der Impfungen. Aber selbst wenn diese negativen Konsequenzen nur einen relativ kleinen Bruchteil der Geimpften betreffen sollten, muss es doch die Möglichkeit der freien Entscheidung für jeden geben, da er bzw. sie ja diejenigen sein können, die ein Blutgerinnsel, eine Gehirnblutung oder sogar den Tod durch den eingespritzten Impfstoff erleiden können. Es ist absolut fahrlässig und gegen die vom Grundgesetz garantierte Freiheit der Entscheidung, dass die Regierenden diesen Punkt verharmlosen und weiterhin erklären, die Impfung sei gefahrlos, weshalb sie vom Staat befohlen bzw. ihre Ablehnung mit hohen Geldbußen und einschneidenden Beschränkungen des Privatlebens sanktioniert werden könne und müsse.

Wenn also die Impfungen eine so unsichere und sogar gefährliche Sache sind und der Staat sie trotzdem mit mehr oder minder großer Gewalt durchdrücken will, dann muss doch in so manchem Nachdenklichen der Gedanke auftauchen, dass die Regierenden mit ihrem nachdrücklichen Wunsch und Bestreben, die totale, ausnahmslose Herdenimmunität durchzusetzen, noch andere Ziele verfolgen.

Ein Ziel wäre, wie so mancher vermutet, den Vakzinen einen Stoff beizufügen, der die Herde gefügiger, ergebener, widerstandsunfähiger macht. Ein anderer der, die Corona-Krise und die damit verbundenen Lockdowns sozusagen bis in alle Ewigkeit fortzusetzen bzw. zu verhängen, um einen lückenlosen Übergang zur Staatsdiktatur zu bewirken, weil sich die Bürger, d. h. alle Schafe der Herde mit der Zeit an die undemokratischen, totalitären Zustände gewöhnt haben werden. Die Corona-Diktatur als willkommene Einübung in die Staatsdiktatur! In der Psychiatrie und Psychopathologie gibt es ja schon genügend Präparate und Ingredienzen, die eine Besänftigung und Ruhestellung des widerständigen Patienten bewirken. Manche werden hier zurückschrecken und entgegenhalten, „dass unser demokratischer Staat so etwas doch nicht tun würde“. Aber man vergesse nicht das eingangs dieses Beitrags Gesagte, nämlich, dass Macht die Politik bestimmt und auch immer die Gefahr heraufbeschwört, den machtbesessenen Politiker zu korrumpieren. „Macht korrumpiert und absolute Macht korrumpiert absolut“ (Lord Acton).

Selbstverständlich ist Gesundheit ein hohes Gut. Aber wo und wenn sie zum allerhöchsten Gut erhoben wird, schafft sie die Würde und Freiheit des Menschen gänzlich ab und wird damit zum Mittel, unter dem Vorwand der Sorge des Staates um die Gesundheit der Bürger den totalitären Staat zu errichten.

Ohnehin ist wirkliche Freiheit ohne Risiko nicht zu haben. Der Weg zur Freiheit der Persönlichkeit ist immer auch ein Kampf gegen dunkle Leidenschaften und unsere niedrigere, aber bisweilen mächtige Triebnatur, wobei wir daher auch stolpern können. Wer daher die Freiheit, damit auch die Freiheit der Entscheidung gegen eine Impfung abschafft, wie das unser Staat in gewichtigen Ansätzen jetzt schon tut, der steht am Ende als Demokratiefeind, Diktator und Tyrann da.

Es ist kein gutes Zeichen für unseren Staat, dass er mit dem Mittel der Angst arbeitet. Am deutlichsten Gesundheitsminister Spahn, der jetzt im Dezember 2021 von einem anderen Angstmacher als Gesundheitsminister abgelöst wird, nämlich von Karl Lauterbach. Spahn betonte mehrfach sinngemäß: „Alle müssen sich impfen lassen, denn alle Nichtgeimpften werden sterben“.

Das ist Angstmache pur, denn Angst schwächt das Immunsystem. Wer dagegen keine Angst hat und seinen Geist für höhere Ideale als das der Gesundheit einsetzt, der befreit sich von der Angst und hat somit weit größere Chancen, nicht zu erkranken, weil die Kraft seines Geistes nicht durch die Angst eingeschränkt ist. „Das Leben ist der Güter höchstes nicht. Der Übel größtes aber ist die Schuld.“ Wir brauchen im jetzigen Zusammenhang von diesem Ausspruch Schillers nur das Wort „Schuld“ durch das Wort „Angst“ zu ersetzen.

Soweit ich sehe, hat bisher niemand den ungeheuren Widerspruch zwischen dem wichtigsten Paragraphen des Grundgesetzes und dem Impfzwang für alle mit aller Schärfe betont. Unsere regierenden Politiker mit dem neuen Kanzler Scholz an der Spitze handeln in eklatantester Weise gegen das Grundgesetz, wenn sie den für spätestens Mitte März 2022 angekündigten Impfzwang mit aller Gewalt durchsetzen wollen, und zwar, indem sie fast schon astronomische Geldstrafen für die Ablehnung der Impfung von den betreffenden Bürgern verlangen, und da diese die gewaltigen Sanktionssummen gar nicht zahlen können, bleibt den konsequenten Durchsetzern des Impfzwangs nur noch die Möglichkeit der Inhaftierung der Impfverweigerer.

Das wäre dann also der entscheidende Schritt des Staates zur Aufhebung der Demokratie und zur Einführung der totalen, kompromisslosen Diktatur und ebenfalls zur Annullierung des Grundgesetzes, weil dieses in all seinen Grundsätzen und Paragraphen von der Idee getragen und durchdrungen ist, dass „die Würde des Menschen unantastbar ist“.

Denn worin besteht die Würde des Menschen sowohl nach unserem größten Philosophen Immanuel Kant als auch nach dem Grundgesetz? In der Würde, sich für etwas frei zu entscheiden, was vor seiner Vernunft und seinem Gewissen verantwortbar ist.

Die Würde des Menschen ist also engstens gekoppelt an die freie Willensentscheidung auf der Basis vernünftiger Gründe. Das nach dem Grundgesetz höchste Gut des Menschen, seine Würde, ist deshalb der höchste Wert, weil diese Würde davon abhängt, dass sich der Mensch im Gegensatz zu den Tieren frei für etwas entscheiden kann, ohne wie die Tiere durch Triebe und Leidenschaften determiniert zu sein.

Würde und Freiheit des Menschen sind also so eng miteinander verbunden, dass die Leugnung der Würde zugleich die Leugnung der Freiheit bedeutet und die Unterdrückung der Freiheit zugleich das Ende der Würde des Menschen bewirkt.

Wenn nun aber unsere regierenden Politiker seit fast zwei Jahren immer intensiver und radikaler die Gesundheit für alle zum höchsten Gut erklären, indem sie auf dieser Grundlage und mit Hinweis darauf den Impfzwang rechtfertigen, dann haben wir die totale Gesundheitsdiktatur, spezieller die Corona-Diktatur, aber das Ende eines liberalen Staates, das Ende der Freiheit der Bürger und die Staatsdiktatur.

Dann sollten aber unsere Politiker auch so ehrlich sein und einen totalitär-autoritären Staat wie China zum allerhöchsten Ideal aller Gesellschaftsformen ausrufen und zugeben, dass sie uns um die Demokratie betrogen, schlicht und einfach gesagt: beschissen haben.

Denn ganz generell und universal gilt: Wer die Gesundheit zum höchsten Gut erklärt, darf dann natürlich auch alle Maßnahmen zur Durchsetzung dieser Gesundheit, alle Zwänge und Strafverordnungen einführen und durchsetzen, und er hat dann eine willenlose Herde unter sich, die Herdenimmunität, die zur Herdenkommunität geführt hat, einer Gemeinschaft gesichtsloser, gleichgeschalteter, vernunft- und willenloser Herdentiere, die sich durch die Machthaber da oben vernunft- und willenlos regieren, dressieren, kontrollieren und registrieren lassen.

Und das „Schöne“ daran ist: Diese Machthaber brauchen gar nicht intelligenter, vernünftiger, moralischer, gebildeter zu sein, als das Volk, sie brauchen nur den Impetus der Macht, der Geltung, der Karrieresucht, das richtige Parteibuch, eben die Leidenschaft der ungezügelten Herrschsucht in sich zu tragen und sich von ihr steuern zu lassen. Ansonsten können sie Schulabbrecher, Plagiatoren, ja, krass gesagt, sogar mehr oder weniger enge Dummköpfe sein.

Wenn sie an der Macht sind, haben sie ja ganze Armeen von hochbezahlten Ghostwritern und vermeintlichen Experten sowieso unter sich, die für sie alles erledigen. Bezahlen brauchen sie sie auch nicht, das muss die brave Herde erledigen, die zu immer höheren steuerlichen Belastungen gezwungen wird, die obendrein noch im Namen der von der EU beschlossenen »Vergemeinschaftung der Schulden« den größten Ertrag ihrer Arbeit an andere Länder weitergeben darf, während die Kommissare in Brüssel und die Regierenden in allen europäischen Ländern mit ihren Lakaien bis zum Weltuntergang maß- und grenzenlos genießen, in die teuersten Restaurants und Luxuspuffs gehen dürfen, ohne durch GGs oder GGGs daran gehindert zu werden.

Wird dieser Plan, ganze Völker durch die Corona-Hysterie, -Dämonie und -Tyrannei total durchzuimpfen, wirklich aufgehen? Nach dem Willen der Machthaber soll er ja gar nicht aufgehen, vielmehr soll er durch immer neue Mutanten des Virus in perpetuum verlängert werden. Welch ein Glück, dass keine einzige Impfung, weder die erste, noch die zweite, noch die dritte, nämlich die Booster-Impfung, oder die vierte, also die zweite Booster-Impfung, ihren Zweck erfüllt hat, obwohl doch die Herrschenden genau das bei jeder Impfung ursprünglich versprochen hatten. Aber so ungefähr 70 Prozent jedes Volkes bestehen aus willigen Schafen, die – wie lange noch – den „alles wissenden Oberherren sklavisch folgen.

Aber selbst wenn das ganze Volk, also 100 Prozent 5, 6, 7 und 100mal durchgeimpft wären, könnte auf diesem Wege die Gesundheit nicht vollständig wiederhergestellt werden. Und zwar deswegen, weil die Gesundheit entgegen der überwiegenden Meinung unserer materialistisch versumpften Politiker und Medizinexperten kein rein körperliches, also somatisches Phänomen ist, sondern etwas Ganzheitliches, Geist, Seele und Körper des Menschen Umfassendes darstellt.

Wer sich nur um seine körperliche Gesundheit sorgt und bemüht, wird eher krank als derjenige, der dem Geist in seinem Leben die Priorität gibt und dadurch die Strahlung einer besonderen geistigen Energieform in seine Psyche und seinen Leib ungehindert ermöglicht. Wie sagt es doch der größte Ethiker der Gewaltlosigkeit, Mahatma Gandhi: Mehr Menschen stürben eher an der Angst vor der Krankheit als an der Krankheit selbst! Aber „wenn der Geist gründlich gereinigt ist, wird der Körper auch gesund sein… Wenn der Geist ausgeglichen und sattvisch ist (d. h. subtil, rein, transparent) ist, muss der Körper ebenso werden“.

Und: „Gewiss stimmt etwas nicht mit einem Menschen, der spirituell sehr hoch entwickelt sein soll und dennoch ständig krank ist… Geistige Kraft ist wie jede andere Kraft, die sich die Menschen zunutze machen. Sie ist seit jeher zur Heilung körperlicher Leiden angewendet worden. Wenn sie zur Heilung körperlicher Leiden mit mehr oder weniger Erfolg genutzt werden kann, wäre es falsch, dies nicht zu tun. Denn der Mensch besteht aus Stoff und Geist, die sich gegenseitig beeinflussen“.

Und jetzt ganz zuletzt noch das überaus wichtige Urteil des ehemaligen Präsidenten des Verfassungsgerichts, also des höchsten deutschen Richters Hans-Jürgen Papier, das direkt auf die tyrannische Corona-Hysterie unserer obersten Gesundheitsentscheider aus Regierung und Robert-Koch-Institut zutrifft: „Manche Entscheidungen waren fast absurd oder schlicht nicht durchsetzbar“, und bei der Verhängung von immer neuen Einschränkungen haben Regierungspolitiker „teilweise ziemlich irrational, widersprüchlich, kopflos und im Übermaß reagiert“.

Und dann bringt einer aus der obersten Riege der SPD in seiner TV-Diskussion mit Alice Weidel in fast schon maßloser Ignoranz des hypothetischen Charakters der wichtigsten Ergebnisse der Wissenschaften als Argument gegen seine Gesprächspartnerin die dummköpfige These ein, die Wissenschaft habe die Richtigkeit der von der neuen Ampel-Koalition erlassenen Corona-Maßnahmen bewiesen.

Der Alles-Zerstörer und Umwälzer in der Philosophie, der Unruhegeist Friedrich Nietzsche ergänzt noch in quasi hundert Jahre vorher zustande gekommener Voraussicht die eben zitierten Worte des Gerichtspräsidenten mit loderndem Zorn über das selbstgerechte diktatorische Handeln des Staates: „Staat heißt das kälteste aller kalten Ungeheuer. Kalt lügt es auch; und diese Lüge kriecht aus seinem Munde: ‚Ich, der Staat, bin das Volk‘ … Vernichter sind es, die stellen Fallen auf für viele und heißen sie Staat … Aber der Staat lügt in allen Zungen des Guten und Bösen; und was er auch redet, er lügt – und was er auch hat, gestohlen hat er’s … ‚Auf der Erde ist nichts Größeres als ich: der ordnende Finger bin ich Gottes‘ – also brüllt das Untier. Und nicht nur Langgeohrte und Kurzgeäugte sinken auf die Knie! … Helden und Ehrenhafte möchte er um sich aufstellen, der neue Götze! Gerne sonnt er sich im Sonnenschein guter Gewissen, – das kalte Untier! Alles will er euch geben, wenn ihr ihn anbetet, der neue Götze: also kauft er sich den Glanz eurer Tugend und den Blick eurer stolzen Augen … Staat, wo der langsame Selbstmord aller – ‚das Leben‘ heißt … Hin zum Throne wollen sie alle: ihr Wahnsinn ist es, – als ob das Glück auf dem Throne säße! Oft sitzt der Schlamm auf dem Thron – und oft auch der Thron auf dem Schlamme … Dort, wo der Staat aufhört, da beginnt erst der Mensch …“ (Friedrich Nietzsche, „Also sprach Zarathustra“).

An dieses Zitat aus Nietzsches Zarathustra seien noch zwei Zitate von unsren beiden größten Dichtern angehängt: „Majestät der Menschennatur! Dich soll ich beim Haufen suchen? Bei wenigen nur hast du von jeher gewohnt. Einzelne wenige zählen, die übrigen alle sind blinde Nieten; ihr leeres Gewühl hüllet die Treffer nur ein.“

Friedrich Schiller, „Maiestas populi“

„Nichts ist widerwärtiger als die Majorität: denn sie besteht aus wenigen kräftigen Vorgängern, aus Schelmen, die sich akkomodieren, aus Schwachen, die sich assimilieren, und aus der Masse, die nachtrollt, ohne nur im mindesten zu wissen, was sie will.“

Johann Wolfgang Goethe

In einem Brief von Albert Einstein an Sigmund Freud signalisiert der Erstere die totale Misere der heutigen Politik mit den Worten: „Leider scheint es bis jetzt so, dass das Gebiet der Politik unentrinnbar der Hemmungslosigkeit und Verantwortungslosigkeit der politischen Machthaber überantwortet sein müsste. Diese politischen Führer bzw. Regierungen… können nicht als eine Vertretung der geistigen und moralisch höher stehenden Teile der Nationen angesehen werden“.

 


Zum Autor:

Der Philosoph und Theologe Hubertus Mynarek gilt als einer der prominentesten Kirchenkritiker unserer Zeit. Er war Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien und der erste Universitätsprofessor der Theologie im deutschsprachigen Raum, der aus Gewissensgründen aus der katholischen Kirche ausgetreten ist. In einem Offenen Brief an Papst Paul VI. prangerte er dessen Herrschsucht und die Machtstrukturen der kirchlichen Hierarchie an. Eines seiner Hauptwerke ist „Herren und Knechte der Kirche“. Mynarek ist Vertreter eines ökologischen Humanismus, den er u.a. in seinen Büchern „Ökologische Religion“ und „Die Kunst zu sein“ darlegt. Vita siehe mynarek.de.


 

Bücher von Prof. Mynarek, die einige Aspekte des oben Ausgeführten noch ausführlicher behandeln:

1. Die Kunst zu sein. Philosophie, Ethik und Ästhetik sinnerfüllten Lebens, A. Lenz Verlag, Neu-Isenburg.

2. Ökologische Religion. Ein neues Verständnis der Natur, Stephan Wunderlich Verlag, Sigmaringen.

3. Werte und Humanität, Stephan Wunderlich Verlag, Sigmaringen.

4. Die Vernunft des Universums. Lebensgesetze von Kosmos und Psyche, erscheint demnächst in 3. Auflage im A. Lenz Verlag, Neu-Isenburg (Reste der 2. Auflage können noch beim Autor selbst bestellt werden. Telefon: 06755 / 621).

5. Moderne Denker der Transzendenz. Brückenbauer zu einer anderen Dimension, NIBE Media, Alsdorf 2019.

 

Foto: Pixabay / CC0

 

Endzeit-Poesie 4.0: Unser „Ich“ – Staatsfeind Nr.1


Jacques Lusseyran (parkwaechter / nachrichtenspiegel.de CC BY 4.0)

Ich weiß nicht, was ich bin,
ich bin nicht, was ich weiß:
ein Ding und nicht ein Ding,
ein Pünktchen und ein Kreis.

(Angelus Silesius)

In einer Zeit, in der wir uns mit „realpolitischen“ Grabenkämpfen hoffnungslos verausgaben, tut es uns zur Abwechslung vielleicht gut, mit einem grundlegenden Gedanken über das menschliche „Ich“ zur Besinnung zu kommen. Welche Instanz in uns ist es denn überhaupt, die „Ich“ sagt, wenn sie die eigene Menschlichkeit geltend macht und Andersdenkende – ob zurecht oder zu Unrecht, sei in diesem Zusammenhang einmal vollkommen dahingestellt – ins Lager der rechts-/linksversifften Unmenschlichkeit verweist? Gibt es überhaupt ein „Ich“ im Sinne eines menschlichen Persönlichkeitskerns oder sind es nur animalisch-egoistische Spasmen, die sich ausleben, wenn wir unser „Ich“ proklamieren?

Vielleicht ist diese scheinbar rhetorische Frage nach dem Ich in Konsequenz sogar sehr viel realpolitischer als alle harten Zahlen, Daten und Fakten, mit denen uns unsere Polit- und Wirtschaftsführer*innen derzeit „alternativlos“ in den Würgegriff nehmen. Leisten wir uns inmitten des marktkonformen Infernos also zumindest für ein paar Atemzüge den Luxus, dieser ketzerischen Frage nachzugehen. Was haben wir in einer „Epoche der totalen Blasphemie“ (Henry Quelcun) schon noch zu verlieren?

Unterwegs zur Endlösung der Menschheitsfrage

Vielleicht wird die Frage nach dem menschlichen Ich in Zukunft einmal wirklich obsolet sein. – Wenn diejenige technokratisch-szientistisch-nihilistische Lehre obsiegt, die derzeit die Meinungshoheit beansprucht (siehe „Der Psiram-Lehrmeister“), dann wird unser Ich – laut Viktor Frankl: „der spezifisch-humane Faktor“ – womöglich in der Tat verdunsten und der robotisierte Mensch wird in einer technizistisch vergletscherten Industrie 4.0-Lebensumwelt zu dem werden, was die Apologeten der herrschenden Lehre jetzt schon postulieren: zu einem bloßen Biocomputer, der als Artefakt im Urschlamm ohne Sinn und Ziel vor sich hinsumpft bzw. -surft. Der schon im 18. Jahrhundert vom Naturwissenschaftler Carl Linné zur Gattung der „Qudrupedes“ (lat. „Vierfüßer“) zugeordnete Mensch wird sich dann ganz selbstverständlich als das auffassen, was Michael Schmidt-Salomon, der Chefideologe der Giordano Bruno-Stiftung und Apologet der Gwup-/Skeptikerbewegung von sich selbst sagt: Dass er nur ein „Trockennasenaffe mit Haarausfall“ sei.  Mit dem homo sapiens, dem zu Weisheit fähigen Menschen, will der Gwup-Vordenker ein für allemal Schluss machen. In seiner Bibel für Skeptizisten und solche, die es werden wollen, dem „Manifest“, entwirft Schmidt-Salomon demgegenüber das Bild des „homo demens“,  dem „tollsten Witz des Witz der Geschichte, der „dümmer nimmer geht“, einem Artefakt im Urschlamm, der „in der tiefsten galaktischen Provinz“ ein Dasein der „kosmischen Bedeutungslosigkeit“ und ohne freiem Willen fristet. Das einzig Erstrebenswerte, das „wir aufrecht gehenden Deppen“ in dieser „Scheißgegend“ (Science Busters) tun könnten, wäre zufolge Schmidt-Salomon, uns zu „sanften , freundlichen … Affen zu entwickeln“, uns in ein besseres Verhältnis zu „Bruder Schimpanse und Schwester Bonobo“ zu bringen (Zit. aus Hubertus Mynarek, „Vom wahren Geist der Humanität – Die Giordano Bruno Stiftung in der Kritik“, Nibe Verlag 2017).

Also wenn das nun nicht eine „frohe Botschaft“ ist – mit dieser Skeptizisten-Bibel in der Hand kann der zeitgenössische Fortschrittsbürger endlich „alle Moral, allen Ballast der Humanität und ihrer Verpflichtungen abwerfen und ganz ins Tiersein, ins schuld- und verantwortungslose Affensein zurücktauchen“ (Mynarek, ebd., S.159 ). Kein Wunder, dass Schmidt-Salomon heute in keiner Talkshow mit weltanschaulicher Thematik fehlen darf. Mit seiner Weltanschauung des mechanistischen Determinismus, der Negation von Willensfreiheit und ethischer Selbstbestimmung ebnet er den ersehnten Weg zur digitalen Transformation und zur Robotisierung von Mensch und Lebensumwelt, also zur Endlösung der leidlichen Menschheitsfrage.

In direkter Antithese zu Goethe, demzufolge das menschliche Dasein eine „Pflanzschule des Geistes“ ist,  sieht Schmidt-Salomon die menschliche Vernunft als bloßes Artefakt und Produkt der Materie unseres Gehirns an, das im Übrigen eine „Eintagesfliege“ sei, denn „die eigentlichen Herrscher der Erde waren und sind die Bakterien“. Gleichwohl besitzt der ehemalige Marketingprofi Schmidt-Salomon genügend Chuzpe, um seine geistlose Weltanschauung als „Evolutionären Humanismus“ zu bezeichnen und sich mit dem Namen von Giordano Bruno zu schmücken, einem erklärten Pantheisten, der selbst in Angesicht von Inquisition und Scheiterhaufen nicht von seiner Überzeugung abrückte, dass ein Kanon an schöpferischer Weltengeistigkeit in allem und jedem lebe und daher jedes Lebewesen seine unzerstörbaren Rechte und eine unveräußerliche Würde habe. Mit dieser Gewissheit im Inneren konnte Giordano Bruno selbst am Scheiterhaufen zu seinen Inquisitoren sagen: „Mit größerer Furcht vielleicht verkündet ihr das Urteil, als ich es empfange“.

Szientismus als neue Staatsreligion

Zur missbräuchlichen Verwendung des Wortes „Wissenschaft“, die im Sinne der Skeptiker-Bewegung in Wirklichkeit eine Nichtwissenwollenschaft ist, da sich die Skeptiker durch die existenzielle Realität unseres Daseins zutiefst verängstigt fühlen, wäre jetzt noch einiges auszuführen. Zur „Giordano Bruno Stiftung“ jedoch ein andernmal mehr. Auch den „Evolutionären Humanismus“ – laut Mynarek in Wirklichkeit nur ein „enthumanisierender Apismus“ –  wollen wir im Auge behalten. Es handelt sich hierbei nämlich nicht nur, wie man meinen könnte, um die durchgeknallte Weltanschauung einiger Sheldon Cooper-Nerds, sondern um die Speerspitze bzw. die Brandfackel, die von einflussreichen, mit Politik, Wirtschaftslobbies und  Medien bestens vernetzten Think Tanks zur billigen Brandrodung des noch verbliebenen Regenwalds an Humanität und geistgeprägter Kultur benutzt wird – um auf den niedergebrannten Kulturflächen dann marktkonforme Plantagen errichten zu können. Denn wenn Mensch und Umwelt nur als geistlose Kohlenstoffzusammenballungen angesehen werden, dann steht der restlosen Ausschlachtung der noch verbliebenen Umwelt- und Humanressourcen nichts mehr im Wege. Entgegen aller fortschrittlicher Bekundungen bereitet die rationalistische Weltanschauung der „Skeptiker“ also geradewegs den Boden für den fatalsten Rückschritt. Indem sie dem Menschen de facto seine Würde abspricht, entkleidet sie ihn auch jeglichen Schutzes gegenüber dem gerade zum Endsieg ansetzenden Neoliberalismus.

Die „Giordano Bruno Stiftung“ etabliert dazu gerade die passende Staatsreligion: Den Gwup-Skeptizismus. Als „ideologischer Anziehungs-, Kristallisations- und Konzentrationspunkt des Materialismus in Deutschland und möglichst auch Europa“ betreibt die Giordano Bruno Stiftung laut Prof. Mynarek derzeit die aktivste, engagierteste und medial effektivste Agitation und Propaganda, um dem zeitgenössischen Menschen mit der ideologischen Brechstange ihr Credo beizubringen – möglichst schon von Kindesbeinen an durch „Infotainment“ und „Edutainment“ (von engl. education-Erziehung und entertainment-Unterhaltung, wie die Skeptizisten ihre „wissenschaftliche Aufklärung“ selbst nennen). Um nicht immer klassische Philosophen zu zitieren, dazu auch die Meinung eines neuzeitlichen Freundes der Weisheit: Was durch Gwup & Co. herangezüchtet wird, ist nichts anderes als der „absolute Untertane“ ( ©Eifelphilosoph). Personen, die herrschende Narrative hinterfragen und von ihrer Meinungs-, Glaubens- und Gewissensfreiheit Gebrauch machen, sollen dem Hohn und Spott preigegeben werden.

Da das Thema brandaktuell und der Parkwaechter dafür berüchtigt ist, angekündigte Folgeartikel mit ein- oder mehrjähriger Verspätung zu veröffentlichen, hier vorab schon einmal eine bündige Charakterisierung von dem, was die „Giordano Bruno Stiftung“ darstellt (veröffentlicht in der taz von Micha Brumlik, ehem. Direktor des Fritz Bauer Instituts – Studien- und Dokumentationszentrum zur Geschichte des Holocaust):

>> Freilich geht es der Ideologie des „Evolutionären Humanismus“, einem militanten und intoleranten Atheismus, wie er von der Giordano Bruno Stiftung vertreten wird, weder um Toleranz und Humanität noch um ein respektvolles, aufgeschlossenes und lernbereites Gespräch unterschiedlicher Religionen und Weltanschauungen; auch nicht um einen Dialog, in dem die Gehalte, Reichtümer und Schätze, aber auch Fehler, Verbrechen und Vergehen von Weltanschauungen sensibel, selbstkritisch und respektvoll erörtert werden, sondern um eine weitere „Austreibung“: hier der Religionen aus dem öffentlichen Raum und Diskurs. Giordano Bruno nannte das „Spaccio“. Der von der nach ihm benannten Stiftung vertretene „Evolutionäre Humanismus“ erweist sich am Ende als oberflächliche, naturwissenschaftlich aufgeputzte Schwundstufe einer selbst noch nicht säkularisierten Weltanschauung, die in ihrem Dogmatismus dem religiösen Fundamentalismus der Gegenwart in nichts nachsteht, sondern sein geistiger Bruder ist.<<

„Wer den Mut nicht hat, die Freiheit zu erringen, der verdient es, Sklave zu sein“ (Hegel)

Zurück aber zu unserem Eingangsthema, dem menschlichen „Ich“, sonst schweifen wir zu sehr ab, und gerade beim Thema Gwup macht es schnell Blup und man verliert sich im Sumpf des szientistischen Nihilismus. Noch ist ja nicht aller Tage Abend. Solange die letzte Schlacht nicht geschlagen und die in den Google Labors von Silicon Valley mit Milliardenetats vorangetriebene Mechatronsierung des Menschen noch nicht vollbracht ist, dürfen wir uns jedoch noch nicht geschlagen geben und sei es erlaubt, um das menschliche Ich bzw. sein zukünftiges Potential zu kämpfen – auch wenn besagtes Ich derzeit noch nicht mehr erscheint als ein zarter Maiglöckchenkeim im Hambacher Wald, auf den eine Armada an RWE-Bulldozern zurollt.

Im Kampf um die Zukunft, der in Wirklichkeit bereits voll im Gange ist, haben wir es mit einem scheinbar übermächtigen Gegner zu tun. Nicht wenige sind daher geneigt, sich nun einfach zurückzulehnen, sich nochmal eine Pulle Spaß aus der Aludose zu saugen und „abzuschalten“. Wenn wir diesen Kampf um das menschliche Ich allerdings nicht kämpfen, dann droht uns wohl oder übel dasjenige Schicksal, vor dem uns Hegel eindringlich gewarnt hat: „Wer den Mut nicht hat, die Freiheit zu erringen, der verdient es, Sklave zu sein.“

Niemand der fortschrittsgläubigen Freunde Sheldon Coopers soll allerdings glauben, dass ein solches Sklavendasein allzu amüsant sein wird. Im Vergleich zu einem zukünftigen Sklavendasein in Dantes Eishölle 4.0 war das klassische Sklavendasein in der Antike noch ein sozialromantischer Wellnessaufenthalt. Die Rutsche in diese Eishölle wurde uns bereits gelegt. Nur noch wenige Schritte und die Post geht ab.

Um den bevorstehenden Kampf gegen das Abrutschen in Dantes Eishölle kämpfen zu können, brauchen wir jedoch einen Kompass zur Orientierung. Denn der beißende schwarze Qualm brennender Autoreifen, der aus einer perfekt verzahnten medial-politisch-kommerziellen Maschinerie des „Manufacturing consent“ gegen den Himmel aufsteigt, hat die Sonne fast vollständig verdunkelt und verhindert die Orientierung mit bloßen Augen. Dass wir in dieser Situation nicht mehr wissen, wo Links und Rechts ist, ist noch das Harmloseste. Es steht noch viel schlimmer: Wir wissen nicht einmal mehr, wo Oben und Unten ist und wir verwechseln Fortschritt mit fatalstem Rückschritt.

Der Mensch: Eine Babuschka

Was ist also der im obigen Gedicht von Agelus Silesius skizzierte Mensch? Ein Pünktchen (ein subjektives Zentrum)? In Beziehung zum Kreis (zur objektiven Welt)? Viele meinen ja, dass die Welt auch gut ohne den Menschen bestehen könnte. Aber ist ein Kreis ohne Zentrum überhaupt denkbar? Oder etwas banaler: Wem schmeckt schon eine Suppe ohne Salz?

Wie auch immer. In digitalen Zeiten, in denen die Einfältigkeit wieder überhand nimmt und man mit binärem Denken (alles ist entweder Null oder Eins, Ja oder Nein, Schwarz oder Weiß, Gut oder Böse) alles erklären möchte – und damit natürlich hoffnungslos Schiffbruch erleidet –, wollen wir uns wieder einmal als Ketzer betätigen und ein vielschichtiges Erklärungsmodell heranziehen. Ein solches Erklärungsmodell gibt es bereits – kommt zwar aus Russland, also aus demjenigen Reich, in dem laut herrschender Lehre bzw. binärem Denken das Böse verortet wird, aber seien wir doch einmal zumindest für ein paar Atemzüge undogmatisch und lassen wir ein Stück russische Volkskultur rein bildhaft auf uns wirken: Die Rede ist von der „Babuschka“. Ja, das ist jene zwiebelförmige Holzfigur, mit der in Zeiten als es noch keine Smartphones gab, auch hierzulande wohl jedes Kind gespielt hat. Die Babuschka – eine Kernfigur, umgeben von einer Vielzahl an auseinandernehmbaren und wiederzusammensteckbaren Hüllen.

Babuschka (Bild: pixabay CC0)

Im Grunde drückt die Babuschka damit in aller Einfachheit nichts anderes aus, was uns auch alle Philosophen in ihren mitunter komplizierten Darstellungen mitteilen wollten: Die innere Architektur des Menschen.

In diesem Zwiebelmodell könnte man das, was man „Ego“ nennt – also unser auf Überleben, Anerkennung, Sicherheit, Lust und Macht gerichteter Persönlichkeitsteil –, als eine der äußeren Schalen der Babuschka bezeichnen. Es ist in Wirklichkeit eine Art Gegenbild unseres eigentlichen Ichs: Während das Ego fortwährend auf Konsumieren und Verschanzen in wohlbekannten Behausungen aus ist, geht es unserem Ich um fortwährendes Neuschaffen, Verändern und Bereichern des Lebensumfelds.

Man sollte jedoch das Ego nicht verdammen oder versuchen, es vollständig aufzulösen – es reicht bereits, wenn man es einfach an die richtige Stelle rückt – dort kann man es sogar zu sehr nützlicher Arbeit einspannen, die letztlich wieder dem eigentlichen Ich des Menschen und der Allgemeinheit dient. Die Existenz dieses eigentlichen Ichs ist übrigens auch der Grund, warum man als Mensch entgegen aller Versprechungen der Werbung niemals glücklich ist, wenn man nur ein egoistisches Konsumleben führt – denn das Ich des Menschen ist seiner Natur nach dialogisch aufgebaut und nur dann glücklich, wenn es uns gelingt, etwas aktiv zu schaffen und in der Welt irgendetwas für andere bzw. das Gemeinwohl beizutragen.

Selbst jemand, der noch stark im Egoismus verhaftet ist, schafft diese dialogische Erweiterung nach außen zumindest ansatzweise, indem er sich um seinen Partner, Familie, den Hund, den Wellensittich etc. kümmert und ihm diese Öffnung nach Außen ein kleines Glücksgefühl beschert. Obwohl sich bei weiterer Entwicklung auch das oft als ziemlich krasser Egoismus und Selbstbespiegelung entpuppen kann und man wirkliche Zufriedenheit erst dann erfährt, wenn man auch wirklich uneigennützige Dinge tut.

Pestilenz 4.0 und Gegengift

Zurück aber zum Selbst bzw. zum „Ich“ des Menschen: Nach der o.a. „frohen Botschaft“ von Schmidt-Salomon (siehe auch „Dostojewskijs Traum von der szientistischen Pest“) schulde ich nun auch eine kleine Ampulle Gegengift. Die wirkliche frohe Botschaft in Sachen „Ich“ ist nämlich: Wer dieses „Ich“ auch nur in geringem Maße geschmeckt bzw. die aus ihm erwachsende Möglichkeit erlebt hat, aus allem, selbst inmitten der übelsten Umstände und der größten Armut wie quasi aus dem Nichts noch etwas Konstruktives zu schaffen, der ist gegen praktisch alle Dekadenzerscheinungen unserer Zeit immun. Er kann selbst inmitten allen Niedergangs ein sinnerfülltes Leben führen und Keime für die Zukunft setzen … damit aus dem kulturellen Trümmerhaufen wieder Menschenwürdiges emporsprießt. Wer mit diesem Kern seiner Individualität – der gemäß Erich Fromm nicht der Region des Habens, sondern der des Seins zugehört, den man also niemals dingfest machen und „besitzen“ kann (den man aber sehr wohl verlieren kann!), sondern dem man sich immer nur annähern kann –,  an dem wird auch die massenmediale Suggestion des „manufacturing consent“ abperlen. Sich der Vermassung à la #wirsindmehr(kel) zu ergeben, wäre dann von vornherein ausgeschlossen.

Der im individuellen „Ich“ gegründete Mensch hat es auch nicht notwendig, „abzuschalten“ und vor den desaströsen Tatsachen des Weltgeschehens die Augen zu verschließen. Er kann sich mutig mit allen politisch-ökonomisch-militärischen Machenschaften konfrontieren. Lüge und Manipulation wird er sogar als willkommene Gelegenheiten ansehen, um diese als schwarzen Kontrast zu nutzen, auf dessen Hintergrund er dann ein umso konstruktiveres Ideal für Wahrheit, Gerechtigkeit, Ökologie und menschliche Solidarität aufbaut. Auch gegen die gerade epidemisch ansteigenden Angststörungen, Depressionen und Panikattacken wird ein authentisch im „Ich“ gegründeter Mensch weitgehend immun sein.

Damit wir aber nicht zu theoretisch bleiben: Wie nähert man sich diesem „Ich“ an bzw. was nährt das „Ich“? – Nun, ganz einfach: Gedanken! Aber wohlgemerkt nicht solche, die man in Zeitung, Fernsehen oder Uni serviert bekommt. Es muss sich um philo-sophische (wörtl. griech.: „in Liebe zur Weisheit“ gerichtete) Gedanken handeln. Woran erkennt man einen philo-sophischen Gedanken? Nun, ein Kriterium dazu ist z.B., dass man über ihn staunen und ihn nicht sogleich ergründen kann. Kann man über einen Gedanken nicht staunen, dann ist er bloß technokratisch-szientistischer Natur. Man drischt mit solchen Gedanken eigentlich nur trockenes Stroh und geht trotz aller hybrider Informationsfülle leer aus (Albert Einstein: „Wer sich nicht mehr wundern und in Ehrfurcht verlieren kann, ist seelisch bereits tot.“)

Es ist daher nichts weniger als eine Schicksalsfrage, aus welchen Quellen man seine Gedanken schöpft bzw. an welche Gedanken man sein Herz hängt. Und genau hier haben wir es mit dem entscheidenden Momentum zu tun, das die Skeptizisten dem Menschen absprechen: Dem freien Willen, der sich über alle Determinationen erheben kann. Durch die Wahl von Gedanken und Ideen – die nach Plato keineswegs abstrakte Gebilde, sondern lebendige, sich fortwährend metamorphosierende Urbilder sind – machen wir uns zu dem, was unserer Wahl entspricht. Dabei haben wir vollkommen freie Wahl, ein riesiger Menüplan steht uns zur Verfügung, darunter auch die großartigsten, wohlschmeckendsten und nährstoffreichsten Gedanken der großen Philosophen (gr. „der Freunde der Weisheit“, also der Freunde des homo sapiens) – wer abends auch nur 10 Minuten lang von solchen Gedanken trinkt, ist gegen die drohende Mutation zum homo demens sicher geschützt.

Niemand wird aber gezwungen, von kristallklarem Gebirgswasser zu trinken, man kann auch – um noch einmal unseren geschätzen Eifelphilosophen zu zitieren, abends „ein Gläschen Promi-Urin“ vorziehen. Oder das „Manifest“ eines Trockennasenaffen. Wieder einmal gilt: In der Wahl sind wir vollkommen frei. Im Tragen der Folgewirkungen unserer Wahl dann allerdings ganz und gar nicht mehr.

Der Krieg gegen das menschliche Ich

Eine der besten Umschreibungen des „Ich“ habe ich bei Jacques Lusseyran gefunden. Der Mann war während der NS-Besatzung führendes Mitglied der französischen Resistance und obendrein blind, daher nicht so wie wir durch Fußball-WMs, Flachbildschirme und sonstige Äußerlichkeiten abgelenkt und konnte sich somit umso mehr in die hinter der greifbaren Realität befindliche innere Welt vertiefen.

Lusseyran kam zum erschütternden Schluss, dass das „Ich“ als zwar unwägbarer, aber wertvollster Faktor unserer menschlichen Existenz nicht nur verdrängt, sondern heute sogar aktiv bekämpft wird:

„Ich habe Ihnen eben schon gesagt: Das Ich ist zerbrechlich. Es ist in jedem von uns nicht einmal etwas, was wir wirklich besitzen, eine fest umrissene Anzahl von Fähigkeiten, auf die wir mit Stolz große Stücke halten könnten. Es ist wie ein Impuls, eine Art Schwung. Es ist eine Kraft, die ihrer Geburt noch ganz nahe steht. Es ist eine Verheißung, ja so möchte ich es ausdrücken, die dem Menschen gegeben ist.

Kurz, das Ich, es ist noch so wenig, dass gleichsam ein Nichts genügt, um es uns wegzunehmen. Und nun muss ich sehen, dass man es bekämpft!

Sprechen wir vom Ich, vom echten. Versuchen wir es. Was ich das Ich nenne, das ist diese Bewegung, dieser Impuls, der mir erlaubt, mich dieser Erde, auf der ich lebe, zu bedienen, aber auch meiner Intelligenz und meiner Gemütsbewegungen, sogar meiner Träume. Es ist eigentlich eine Kraft, die mir eine Macht verleiht, die mir keine andere gibt: nämlich die, dass ich, um zu leben, nicht warten muss, bis das äußere Leben zu mir kommt. Das Ego braucht die Dinge, die größtmögliche Zahl der Dinge, ob sie sich Geld, Geltung, Herrschaft, Beifall oder Belohnung nennen.

Das Ich fragt nicht danach. Wenn es da ist, wenn es an der Arbeit ist, dann setzt es seine eigene Welt der andern, dieser Welt der Dinge, entgegen. Das Ich ist der Reichtum inmitten der Armut; es ist das Interesse, wenn alles um uns herum sich langweilt. Es ist die Hoffnung, auch wenn alle objektiven Chancen zu hoffen verschwunden sind. Aus ihm stammt die ganze Erfindungswelt des Menschen. Und schließlich ist es das, was von uns übrig bleibt, wenn uns alles andere entzogen ist, wenn uns gar nichts mehr von außen zukommt und unsere Kräfte doch genügend groß sind, um diese Leere zu überwinden.

Gewiss, das Ich des Menschen ist nie sehr stark gewesen, außer bei einigen vereinzelten Individualitäten, und unser Zeitalter leidet daran zweifellos nicht mehr Mangel als alle vorausgegangenen. In unseren Tagen jedoch tritt eine ganz neue Tatsache auf: Man möchte das Ich verjagen. Man möchte es endgültig verjagen, um sich endlich dieses absonderlichen Nachbarn, dieses konfusen Einwohners zu entledigen. Man führt Krieg gegen das Ich, und zwar den gefährlichsten aller Kriege, weil niemand daran denkt, den Krieg als solchen zu erklären.“

(Jacques Lusseyran, aus dem Essay „Gegen die Verschmutzung des Ich“)

 

 

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