Homo Sapiens

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Endzeit-Poesie 4.0: Unser „Ich“ – Staatsfeind Nr.1


Jacques Lusseyran (parkwaechter / nachrichtenspiegel.de CC BY 4.0)

Ich weiß nicht, was ich bin,
ich bin nicht, was ich weiß:
ein Ding und nicht ein Ding,
ein Pünktchen und ein Kreis.

(Angelus Silesius)

In einer Zeit, in der wir uns mit „realpolitischen“ Grabenkämpfen hoffnungslos verausgaben, tut es uns zur Abwechslung vielleicht gut, mit einem grundlegenden Gedanken über das menschliche „Ich“ zur Besinnung zu kommen. Welche Instanz in uns ist es denn überhaupt, die „Ich“ sagt, wenn sie die eigene Menschlichkeit geltend macht und Andersdenkende – ob zurecht oder zu Unrecht, sei in diesem Zusammenhang einmal vollkommen dahingestellt – ins Lager der rechts-/linksversifften Unmenschlichkeit verweist? Gibt es überhaupt ein „Ich“ im Sinne eines menschlichen Persönlichkeitskerns oder sind es nur animalisch-egoistische Spasmen, die sich ausleben, wenn wir unser „Ich“ proklamieren?

Vielleicht ist diese scheinbar rhetorische Frage nach dem Ich in Konsequenz sogar sehr viel realpolitischer als alle harten Zahlen, Daten und Fakten, mit denen uns unsere Polit- und Wirtschaftsführer*innen derzeit „alternativlos“ in den Würgegriff nehmen. Leisten wir uns inmitten des marktkonformen Infernos also zumindest für ein paar Atemzüge den Luxus, dieser ketzerischen Frage nachzugehen. Was haben wir in einer „Epoche der totalen Blasphemie“ (Henry Quelcun) schon noch zu verlieren?

Unterwegs zur Endlösung der Menschheitsfrage

Vielleicht wird die Frage nach dem menschlichen Ich in Zukunft einmal wirklich obsolet sein. – Wenn diejenige technokratisch-szientistisch-nihilistische Lehre obsiegt, die derzeit die Meinungshoheit beansprucht (siehe „Der Psiram-Lehrmeister“), dann wird unser Ich – laut Viktor Frankl: „der spezifisch-humane Faktor“ – womöglich in der Tat verdunsten und der robotisierte Mensch wird in einer technizistisch vergletscherten Industrie 4.0-Lebensumwelt zu dem werden, was die Apologeten der herrschenden Lehre jetzt schon postulieren: zu einem bloßen Biocomputer, der als Artefakt im Urschlamm ohne Sinn und Ziel vor sich hinsumpft bzw. -surft. Der schon im 18. Jahrhundert vom Naturwissenschaftler Carl Linné zur Gattung der „Qudrupedes“ (lat. „Vierfüßer“) zugeordnete Mensch wird sich dann ganz selbstverständlich als das auffassen, was Michael Schmidt-Salomon, der Chefideologe der Giordano Bruno-Stiftung und Apologet der Gwup-/Skeptikerbewegung von sich selbst sagt: Dass er nur ein „Trockennasenaffe mit Haarausfall“ sei.  Mit dem homo sapiens, dem zu Weisheit fähigen Menschen, will der Gwup-Vordenker ein für allemal Schluss machen. In seiner Bibel für Skeptizisten und solche, die es werden wollen, dem „Manifest“, entwirft Schmidt-Salomon demgegenüber das Bild des „homo demens“,  dem „tollsten Witz des Witz der Geschichte, der „dümmer nimmer geht“, einem Artefakt im Urschlamm, der „in der tiefsten galaktischen Provinz“ ein Dasein der „kosmischen Bedeutungslosigkeit“ und ohne freiem Willen fristet. Das einzig Erstrebenswerte, das „wir aufrecht gehenden Deppen“ in dieser „Scheißgegend“ (Science Busters) tun könnten, wäre zufolge Schmidt-Salomon, uns zu „sanften , freundlichen … Affen zu entwickeln“, uns in ein besseres Verhältnis zu „Bruder Schimpanse und Schwester Bonobo“ zu bringen (Zit. aus Hubertus Mynarek, „Vom wahren Geist der Humanität – Die Giordano Bruno Stiftung in der Kritik“, Nibe Verlag 2017).

Also wenn das nun nicht eine „frohe Botschaft“ ist – mit dieser Skeptizisten-Bibel in der Hand kann der zeitgenössische Fortschrittsbürger endlich „alle Moral, allen Ballast der Humanität und ihrer Verpflichtungen abwerfen und ganz ins Tiersein, ins schuld- und verantwortungslose Affensein zurücktauchen“ (Mynarek, ebd., S.159 ). Kein Wunder, dass Schmidt-Salomon heute in keiner Talkshow mit weltanschaulicher Thematik fehlen darf. Mit seiner Weltanschauung des mechanistischen Determinismus, der Negation von Willensfreiheit und ethischer Selbstbestimmung ebnet er den ersehnten Weg zur digitalen Transformation und zur Robotisierung von Mensch und Lebensumwelt, also zur Endlösung der leidlichen Menschheitsfrage.

In direkter Antithese zu Goethe, demzufolge das menschliche Dasein eine „Pflanzschule des Geistes“ ist,  sieht Schmidt-Salomon die menschliche Vernunft als bloßes Artefakt und Produkt der Materie unseres Gehirns an, das im Übrigen eine „Eintagesfliege“ sei, denn „die eigentlichen Herrscher der Erde waren und sind die Bakterien“. Gleichwohl besitzt der ehemalige Marketingprofi Schmidt-Salomon genügend Chuzpe, um seine geistlose Weltanschauung als „Evolutionären Humanismus“ zu bezeichnen und sich mit dem Namen von Giordano Bruno zu schmücken, einem erklärten Pantheisten, der selbst in Angesicht von Inquisition und Scheiterhaufen nicht von seiner Überzeugung abrückte, dass ein Kanon an schöpferischer Weltengeistigkeit in allem und jedem lebe und daher jedes Lebewesen seine unzerstörbaren Rechte und eine unveräußerliche Würde habe. Mit dieser Gewissheit im Inneren konnte Giordano Bruno selbst am Scheiterhaufen zu seinen Inquisitoren sagen: „Mit größerer Furcht vielleicht verkündet ihr das Urteil, als ich es empfange“.

Szientismus als neue Staatsreligion

Zur missbräuchlichen Verwendung des Wortes „Wissenschaft“, die im Sinne der Skeptiker-Bewegung in Wirklichkeit eine Nichtwissenwollenschaft ist, da sich die Skeptiker durch die existenzielle Realität unseres Daseins zutiefst verängstigt fühlen, wäre jetzt noch einiges auszuführen. Zur „Giordano Bruno Stiftung“ jedoch ein andernmal mehr. Auch den „Evolutionären Humanismus“ – laut Mynarek in Wirklichkeit nur ein „enthumanisierender Apismus“ –  wollen wir im Auge behalten. Es handelt sich hierbei nämlich nicht nur, wie man meinen könnte, um die durchgeknallte Weltanschauung einiger Sheldon Cooper-Nerds, sondern um die Speerspitze bzw. die Brandfackel, die von einflussreichen, mit Politik, Wirtschaftslobbies und  Medien bestens vernetzten Think Tanks zur billigen Brandrodung des noch verbliebenen Regenwalds an Humanität und geistgeprägter Kultur benutzt wird – um auf den niedergebrannten Kulturflächen dann marktkonforme Plantagen errichten zu können. Denn wenn Mensch und Umwelt nur als geistlose Kohlenstoffzusammenballungen angesehen werden, dann steht der restlosen Ausschlachtung der noch verbliebenen Umwelt- und Humanressourcen nichts mehr im Wege. Entgegen aller fortschrittlicher Bekundungen bereitet die rationalistische Weltanschauung der „Skeptiker“ also geradewegs den Boden für den fatalsten Rückschritt. Indem sie dem Menschen de facto seine Würde abspricht, entkleidet sie ihn auch jeglichen Schutzes gegenüber dem gerade zum Endsieg ansetzenden Neoliberalismus.

Die „Giordano Bruno Stiftung“ etabliert dazu gerade die passende Staatsreligion: Den Gwup-Skeptizismus. Als „ideologischer Anziehungs-, Kristallisations- und Konzentrationspunkt des Materialismus in Deutschland und möglichst auch Europa“ betreibt die Giordano Bruno Stiftung laut Prof. Mynarek derzeit die aktivste, engagierteste und medial effektivste Agitation und Propaganda, um dem zeitgenössischen Menschen mit der ideologischen Brechstange ihr Credo beizubringen – möglichst schon von Kindesbeinen an durch „Infotainment“ und „Edutainment“ (von engl. education-Erziehung und entertainment-Unterhaltung, wie die Skeptizisten ihre „wissenschaftliche Aufklärung“ selbst nennen). Um nicht immer klassische Philosophen zu zitieren, dazu auch die Meinung eines neuzeitlichen Freundes der Weisheit: Was durch Gwup & Co. herangezüchtet wird, ist nichts anderes als der „absolute Untertane“ ( ©Eifelphilosoph). Personen, die herrschende Narrative hinterfragen und von ihrer Meinungs-, Glaubens- und Gewissensfreiheit Gebrauch machen, sollen dem Hohn und Spott preigegeben werden.

Da das Thema brandaktuell und der Parkwaechter dafür berüchtigt ist, angekündigte Folgeartikel mit ein- oder mehrjähriger Verspätung zu veröffentlichen, hier vorab schon einmal eine bündige Charakterisierung von dem, was die „Giordano Bruno Stiftung“ darstellt (veröffentlicht in der taz von Micha Brumlik, ehem. Direktor des Fritz Bauer Instituts – Studien- und Dokumentationszentrum zur Geschichte des Holocaust):

>> Freilich geht es der Ideologie des „Evolutionären Humanismus“, einem militanten und intoleranten Atheismus, wie er von der Giordano Bruno Stiftung vertreten wird, weder um Toleranz und Humanität noch um ein respektvolles, aufgeschlossenes und lernbereites Gespräch unterschiedlicher Religionen und Weltanschauungen; auch nicht um einen Dialog, in dem die Gehalte, Reichtümer und Schätze, aber auch Fehler, Verbrechen und Vergehen von Weltanschauungen sensibel, selbstkritisch und respektvoll erörtert werden, sondern um eine weitere „Austreibung“: hier der Religionen aus dem öffentlichen Raum und Diskurs. Giordano Bruno nannte das „Spaccio“. Der von der nach ihm benannten Stiftung vertretene „Evolutionäre Humanismus“ erweist sich am Ende als oberflächliche, naturwissenschaftlich aufgeputzte Schwundstufe einer selbst noch nicht säkularisierten Weltanschauung, die in ihrem Dogmatismus dem religiösen Fundamentalismus der Gegenwart in nichts nachsteht, sondern sein geistiger Bruder ist.<<

„Wer den Mut nicht hat, die Freiheit zu erringen, der verdient es, Sklave zu sein“ (Hegel)

Zurück aber zu unserem Eingangsthema, dem menschlichen „Ich“, sonst schweifen wir zu sehr ab, und gerade beim Thema Gwup macht es schnell Blup und man verliert sich im Sumpf des szientistischen Nihilismus. Noch ist ja nicht aller Tage Abend. Solange die letzte Schlacht nicht geschlagen und die in den Google Labors von Silicon Valley mit Milliardenetats vorangetriebene Mechatronsierung des Menschen noch nicht vollbracht ist, dürfen wir uns jedoch noch nicht geschlagen geben und sei es erlaubt, um das menschliche Ich bzw. sein zukünftiges Potential zu kämpfen – auch wenn besagtes Ich derzeit noch nicht mehr erscheint als ein zarter Maiglöckchenkeim im Hambacher Wald, auf den eine Armada an RWE-Bulldozern zurollt.

Im Kampf um die Zukunft, der in Wirklichkeit bereits voll im Gange ist, haben wir es mit einem scheinbar übermächtigen Gegner zu tun. Nicht wenige sind daher geneigt, sich nun einfach zurückzulehnen, sich nochmal eine Pulle Spaß aus der Aludose zu saugen und „abzuschalten“. Wenn wir diesen Kampf um das menschliche Ich allerdings nicht kämpfen, dann droht uns wohl oder übel dasjenige Schicksal, vor dem uns Hegel eindringlich gewarnt hat: „Wer den Mut nicht hat, die Freiheit zu erringen, der verdient es, Sklave zu sein.“

Niemand der fortschrittsgläubigen Freunde Sheldon Coopers soll allerdings glauben, dass ein solches Sklavendasein allzu amüsant sein wird. Im Vergleich zu einem zukünftigen Sklavendasein in Dantes Eishölle 4.0 war das klassische Sklavendasein in der Antike noch ein sozialromantischer Wellnessaufenthalt. Die Rutsche in diese Eishölle wurde uns bereits gelegt. Nur noch wenige Schritte und die Post geht ab.

Um den bevorstehenden Kampf gegen das Abrutschen in Dantes Eishölle kämpfen zu können, brauchen wir jedoch einen Kompass zur Orientierung. Denn der beißende schwarze Qualm brennender Autoreifen, der aus einer perfekt verzahnten medial-politisch-kommerziellen Maschinerie des „Manufacturing consent“ gegen den Himmel aufsteigt, hat die Sonne fast vollständig verdunkelt und verhindert die Orientierung mit bloßen Augen. Dass wir in dieser Situation nicht mehr wissen, wo Links und Rechts ist, ist noch das Harmloseste. Es steht noch viel schlimmer: Wir wissen nicht einmal mehr, wo Oben und Unten ist und wir verwechseln Fortschritt mit fatalstem Rückschritt.

Der Mensch: Eine Babuschka

Was ist also der im obigen Gedicht von Agelus Silesius skizzierte Mensch? Ein Pünktchen (ein subjektives Zentrum)? In Beziehung zum Kreis (zur objektiven Welt)? Viele meinen ja, dass die Welt auch gut ohne den Menschen bestehen könnte. Aber ist ein Kreis ohne Zentrum überhaupt denkbar? Oder etwas banaler: Wem schmeckt schon eine Suppe ohne Salz?

Wie auch immer. In digitalen Zeiten, in denen die Einfältigkeit wieder überhand nimmt und man mit binärem Denken (alles ist entweder Null oder Eins, Ja oder Nein, Schwarz oder Weiß, Gut oder Böse) alles erklären möchte – und damit natürlich hoffnungslos Schiffbruch erleidet –, wollen wir uns wieder einmal als Ketzer betätigen und ein vielschichtiges Erklärungsmodell heranziehen. Ein solches Erklärungsmodell gibt es bereits – kommt zwar aus Russland, also aus demjenigen Reich, in dem laut herrschender Lehre bzw. binärem Denken das Böse verortet wird, aber seien wir doch einmal zumindest für ein paar Atemzüge undogmatisch und lassen wir ein Stück russische Volkskultur rein bildhaft auf uns wirken: Die Rede ist von der „Babuschka“. Ja, das ist jene zwiebelförmige Holzfigur, mit der in Zeiten als es noch keine Smartphones gab, auch hierzulande wohl jedes Kind gespielt hat. Die Babuschka – eine Kernfigur, umgeben von einer Vielzahl an auseinandernehmbaren und wiederzusammensteckbaren Hüllen.

Babuschka (Bild: pixabay CC0)

Im Grunde drückt die Babuschka damit in aller Einfachheit nichts anderes aus, was uns auch alle Philosophen in ihren mitunter komplizierten Darstellungen mitteilen wollten: Die innere Architektur des Menschen.

In diesem Zwiebelmodell könnte man das, was man „Ego“ nennt – also unser auf Überleben, Anerkennung, Sicherheit, Lust und Macht gerichteter Persönlichkeitsteil –, als eine der äußeren Schalen der Babuschka bezeichnen. Es ist in Wirklichkeit eine Art Gegenbild unseres eigentlichen Ichs: Während das Ego fortwährend auf Konsumieren und Verschanzen in wohlbekannten Behausungen aus ist, geht es unserem Ich um fortwährendes Neuschaffen, Verändern und Bereichern des Lebensumfelds.

Man sollte jedoch das Ego nicht verdammen oder versuchen, es vollständig aufzulösen – es reicht bereits, wenn man es einfach an die richtige Stelle rückt – dort kann man es sogar zu sehr nützlicher Arbeit einspannen, die letztlich wieder dem eigentlichen Ich des Menschen und der Allgemeinheit dient. Die Existenz dieses eigentlichen Ichs ist übrigens auch der Grund, warum man als Mensch entgegen aller Versprechungen der Werbung niemals glücklich ist, wenn man nur ein egoistisches Konsumleben führt – denn das Ich des Menschen ist seiner Natur nach dialogisch aufgebaut und nur dann glücklich, wenn es uns gelingt, etwas aktiv zu schaffen und in der Welt irgendetwas für andere bzw. das Gemeinwohl beizutragen.

Selbst jemand, der noch stark im Egoismus verhaftet ist, schafft diese dialogische Erweiterung nach außen zumindest ansatzweise, indem er sich um seinen Partner, Familie, den Hund, den Wellensittich etc. kümmert und ihm diese Öffnung nach Außen ein kleines Glücksgefühl beschert. Obwohl sich bei weiterer Entwicklung auch das oft als ziemlich krasser Egoismus und Selbstbespiegelung entpuppen kann und man wirkliche Zufriedenheit erst dann erfährt, wenn man auch wirklich uneigennützige Dinge tut.

Pestilenz 4.0 und Gegengift

Zurück aber zum Selbst bzw. zum „Ich“ des Menschen: Nach der o.a. „frohen Botschaft“ von Schmidt-Salomon (siehe auch „Dostojewskijs Traum von der szientistischen Pest“) schulde ich nun auch eine kleine Ampulle Gegengift. Die wirkliche frohe Botschaft in Sachen „Ich“ ist nämlich: Wer dieses „Ich“ auch nur in geringem Maße geschmeckt bzw. die aus ihm erwachsende Möglichkeit erlebt hat, aus allem, selbst inmitten der übelsten Umstände und der größten Armut wie quasi aus dem Nichts noch etwas Konstruktives zu schaffen, der ist gegen praktisch alle Dekadenzerscheinungen unserer Zeit immun. Er kann selbst inmitten allen Niedergangs ein sinnerfülltes Leben führen und Keime für die Zukunft setzen … damit aus dem kulturellen Trümmerhaufen wieder Menschenwürdiges emporsprießt. Wer mit diesem Kern seiner Individualität – der gemäß Erich Fromm nicht der Region des Habens, sondern der des Seins zugehört, den man also niemals dingfest machen und „besitzen“ kann (den man aber sehr wohl verlieren kann!), sondern dem man sich immer nur annähern kann –,  an dem wird auch die massenmediale Suggestion des „manufacturing consent“ abperlen. Sich der Vermassung à la #wirsindmehr(kel) zu ergeben, wäre dann von vornherein ausgeschlossen.

Der im individuellen „Ich“ gegründete Mensch hat es auch nicht notwendig, „abzuschalten“ und vor den desaströsen Tatsachen des Weltgeschehens die Augen zu verschließen. Er kann sich mutig mit allen politisch-ökonomisch-militärischen Machenschaften konfrontieren. Lüge und Manipulation wird er sogar als willkommene Gelegenheiten ansehen, um diese als schwarzen Kontrast zu nutzen, auf dessen Hintergrund er dann ein umso konstruktiveres Ideal für Wahrheit, Gerechtigkeit, Ökologie und menschliche Solidarität aufbaut. Auch gegen die gerade epidemisch ansteigenden Angststörungen, Depressionen und Panikattacken wird ein authentisch im „Ich“ gegründeter Mensch weitgehend immun sein.

Damit wir aber nicht zu theoretisch bleiben: Wie nähert man sich diesem „Ich“ an bzw. was nährt das „Ich“? – Nun, ganz einfach: Gedanken! Aber wohlgemerkt nicht solche, die man in Zeitung, Fernsehen oder Uni serviert bekommt. Es muss sich um philo-sophische (wörtl. griech.: „in Liebe zur Weisheit“ gerichtete) Gedanken handeln. Woran erkennt man einen philo-sophischen Gedanken? Nun, ein Kriterium dazu ist z.B., dass man über ihn staunen und ihn nicht sogleich ergründen kann. Kann man über einen Gedanken nicht staunen, dann ist er bloß technokratisch-szientistischer Natur. Man drischt mit solchen Gedanken eigentlich nur trockenes Stroh und geht trotz aller hybrider Informationsfülle leer aus (Albert Einstein: „Wer sich nicht mehr wundern und in Ehrfurcht verlieren kann, ist seelisch bereits tot.“)

Es ist daher nichts weniger als eine Schicksalsfrage, aus welchen Quellen man seine Gedanken schöpft bzw. an welche Gedanken man sein Herz hängt. Und genau hier haben wir es mit dem entscheidenden Momentum zu tun, das die Skeptizisten dem Menschen absprechen: Dem freien Willen, der sich über alle Determinationen erheben kann. Durch die Wahl von Gedanken und Ideen – die nach Plato keineswegs abstrakte Gebilde, sondern lebendige, sich fortwährend metamorphosierende Urbilder sind – machen wir uns zu dem, was unserer Wahl entspricht. Dabei haben wir vollkommen freie Wahl, ein riesiger Menüplan steht uns zur Verfügung, darunter auch die großartigsten, wohlschmeckendsten und nährstoffreichsten Gedanken der großen Philosophen (gr. „der Freunde der Weisheit“, also der Freunde des homo sapiens) – wer abends auch nur 10 Minuten lang von solchen Gedanken trinkt, ist gegen die drohende Mutation zum homo demens sicher geschützt.

Niemand wird aber gezwungen, von kristallklarem Gebirgswasser zu trinken, man kann auch – um noch einmal unseren geschätzen Eifelphilosophen zu zitieren, abends „ein Gläschen Promi-Urin“ vorziehen. Oder das „Manifest“ eines Trockennasenaffen. Wieder einmal gilt: In der Wahl sind wir vollkommen frei. Im Tragen der Folgewirkungen unserer Wahl dann allerdings ganz und gar nicht mehr.

Der Krieg gegen das menschliche Ich

Eine der besten Umschreibungen des „Ich“ habe ich bei Jacques Lusseyran gefunden. Der Mann war während der NS-Besatzung führendes Mitglied der französischen Resistance und obendrein blind, daher nicht so wie wir durch Fußball-WMs, Flachbildschirme und sonstige Äußerlichkeiten abgelenkt und konnte sich somit umso mehr in die hinter der greifbaren Realität befindliche innere Welt vertiefen.

Lusseyran kam zum erschütternden Schluss, dass das „Ich“ als zwar unwägbarer, aber wertvollster Faktor unserer menschlichen Existenz nicht nur verdrängt, sondern heute sogar aktiv bekämpft wird:

„Ich habe Ihnen eben schon gesagt: Das Ich ist zerbrechlich. Es ist in jedem von uns nicht einmal etwas, was wir wirklich besitzen, eine fest umrissene Anzahl von Fähigkeiten, auf die wir mit Stolz große Stücke halten könnten. Es ist wie ein Impuls, eine Art Schwung. Es ist eine Kraft, die ihrer Geburt noch ganz nahe steht. Es ist eine Verheißung, ja so möchte ich es ausdrücken, die dem Menschen gegeben ist.

Kurz, das Ich, es ist noch so wenig, dass gleichsam ein Nichts genügt, um es uns wegzunehmen. Und nun muss ich sehen, dass man es bekämpft!

Sprechen wir vom Ich, vom echten. Versuchen wir es. Was ich das Ich nenne, das ist diese Bewegung, dieser Impuls, der mir erlaubt, mich dieser Erde, auf der ich lebe, zu bedienen, aber auch meiner Intelligenz und meiner Gemütsbewegungen, sogar meiner Träume. Es ist eigentlich eine Kraft, die mir eine Macht verleiht, die mir keine andere gibt: nämlich die, dass ich, um zu leben, nicht warten muss, bis das äußere Leben zu mir kommt. Das Ego braucht die Dinge, die größtmögliche Zahl der Dinge, ob sie sich Geld, Geltung, Herrschaft, Beifall oder Belohnung nennen.

Das Ich fragt nicht danach. Wenn es da ist, wenn es an der Arbeit ist, dann setzt es seine eigene Welt der andern, dieser Welt der Dinge, entgegen. Das Ich ist der Reichtum inmitten der Armut; es ist das Interesse, wenn alles um uns herum sich langweilt. Es ist die Hoffnung, auch wenn alle objektiven Chancen zu hoffen verschwunden sind. Aus ihm stammt die ganze Erfindungswelt des Menschen. Und schließlich ist es das, was von uns übrig bleibt, wenn uns alles andere entzogen ist, wenn uns gar nichts mehr von außen zukommt und unsere Kräfte doch genügend groß sind, um diese Leere zu überwinden.

Gewiss, das Ich des Menschen ist nie sehr stark gewesen, außer bei einigen vereinzelten Individualitäten, und unser Zeitalter leidet daran zweifellos nicht mehr Mangel als alle vorausgegangenen. In unseren Tagen jedoch tritt eine ganz neue Tatsache auf: Man möchte das Ich verjagen. Man möchte es endgültig verjagen, um sich endlich dieses absonderlichen Nachbarn, dieses konfusen Einwohners zu entledigen. Man führt Krieg gegen das Ich, und zwar den gefährlichsten aller Kriege, weil niemand daran denkt, den Krieg als solchen zu erklären.“

(Jacques Lusseyran, aus dem Essay „Gegen die Verschmutzung des Ich“)

 

 

„Alles für Nichts“ – Auf weihnachtlicher Suche nach dem Return of Investment


Göttin Natura (Foto: Amrei-Marie/Wikimedia/CC BY-SA 3.0)  

Neben der – berechtigten – Empörung über die hundertfältigen Zumutungen, denen wir heute in marktkonformen Zeiten ausgesetzt sind, verlieren wir leicht den Blick für eine fundamentale Tatsache des Lebens, die allen marktwirtschaftlichen Prinzipien widerspricht: Wir sind in dieses Leben getreten, ohne dafür bezahlt zu haben. Ein wundersamer Körper wurde uns zur Verfügung gestellt, in dem wir nicht nur selbst entscheiden dürfen, in welche Richtung wir gehen und was wir essen, sondern auch, was wir denken und sprechen. Als hilfloses, unerfahrenes und auf die eigenen Bedürfnisse beschränktes Lebewesen sind wir auf die Welt kommen und dürfen uns sukzessive zu gestaltungsfähigen, reifen und Anderen helfenden Persönlichkeiten entwickeln. Zur Bewerkstelligung dieses Wunders müssen von Mutter Natur astronomische Summen an liquiden Mitteln aufgewendet werden, die sich nicht einmal EZB-Direktor Mario Draghi vorstellen kann.

Aber nicht nur unsere Geburt war gratis. Jede Nacht erhalten wir aufs Neue ein kostenfreies Geschenk: Auch wenn wir tagsüber Schindluder getrieben und uns verausgabt haben, in der Nacht wird unser geschundenes Nervensystem wieder runderneuert, die Müdigkeit abgestreift wie die alte Haut einer Schlange im Frühling, sodass wir am Morgen erfrischt aufwachen. – Selbst jenen zweibeinigen Zeitgenossen, die den Return-of-Investment-Point weit verfehlt haben, die in ihrem Leben hauptsächlich Kahlfraß hinterlassen und wenig Konstruktives erschaffen, gibt Mutter Natur jede Nacht aufs Neue die Chance, mit frischen Kräften ans Tageswerk zu gehen.

Überhaupt können wir froh sein, dass es eine weibliche Gottheit ist (von unseren Vorfahren als Natura oder Persephone bezeichnet), die auf unserem blauen Planeten mit der Verwaltung der Wachstums- und Regenerationskräfte betraut ist. Ein maskuliner Naturgott hätte uns womöglich bereits genauso plattgewalzt und filetiert wie Schäuble und seine Troika das bankrotte Griechenland. Man stelle sich vor, Mutter Natur würde mit uns nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten verfahren: Sie müsste uns wegen fahrlässiger Krida wohl schon längst den Stecker gezogen haben – hat sie aber nicht, sondern hofft weiterhin unbeirrt, dass sich die menschliche Existenz doch noch durch den Sumpf winden und irgendwann zur Blüte kommen wird: Jener Blüte, in der der Mensch der Erde nicht mehr eine Last ist, sondern diese durch seine Empathie und kreative Gestaltungskraft aktiv bereichert; wo man also nicht mehr Naturschutzreservate einrichten muss, um die Natur vor dem Menschen zu schützen, sondern wo die Natur aufatmen wird, wenn der Mensch sie betritt, da er um sich herum ein Aroma von Empathie, Umsicht und schöner Musik verbreiten wird – eine Vorstellung des Menschen, die in heutiger Zeit progressiver Entmenschlichung und Menschenhass wie reine Häresie erscheint, an der wir aber festhalten sollten, wenn wir denn an eine Zukunft glauben wollen.

Wieso gibt uns Natura diesen gewaltigen Vorschusskredit und dieses Vertrauen, obwohl wir es täglich aufs Neue mit Füßen treten? Kennt jemand sonst noch eine Tankstelle, bei der man am Ende jedes Tages wieder volltanken kann ohne zu bezahlen? – Wobei die Tankstellenbesitzerin jenen, die auf den Mount Everest fahren wollen, genauso ihren Zapfhahn reicht wie jenen, die unbedingt in den Grand Canyon rasen wollen. Auch diejenigen, die den erhaltenen Treibstoff gleich nach dem Aufwachen in eine verrostete Tonne leeren und dort unter schwarzer Rauchwolkenentwicklung sinnlos abfackeln, lässt sie täglich aufs Neue an ihre Brust …

– und da meinen manche aufgeklärten Zeitgenossen wirklich, es gäbe heute keine Wunder mehr?

Nun, zumindest der ehemalige UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld war sich dieses Wunders noch bewusst. In seinem Tagebuch notiert er:

„Wie unbegreiflich groß, was mir geschenkt wurde,
wie nichtig, was ich >>opfere<<.
 

(…) 

Dankbarkeit und Bereitschaft: Du bekamst alles für nichts. Zaudere nicht, wenn gefordert wird, zu geben,
was doch nicht ist für alles.“

In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern des Nachrichtenspiegel, die durchgehalten haben, sich mit den nicht immer leicht verdaulichen Tatsachen des marktkonformen Tagesgeschehens zu konfrontieren, einige geruhsame Weihnachtstage. Lassen wir inmitten von dem, was Naomi Klein als „Schockstrategie“ bezeichnet hat, nicht zu, dass unsere Herzen gelähmt werden wie die Frösche vor einer Schlange, sondern kultivieren wir entgegen aller Tendenz zu Abgebrühtheit und pseudoaufklärerischer „Entmythifizierung“ ganz bewusst auch Momente des Staunens – wer in seinem Leben wieder ein kindliches Staunen entwickeln kann, z.B. über die o.a. Tatsache des Schlafes oder auch über ein Gänseblümchen, die Farben des Firmaments oder ein Gedicht, der wird dadurch ein scheinbar zartes, aber für seine Gesundheit höchst protektives Element kennenlernen, das ihn vor Burnout bewahrt und mit dem er selbst in einer verödeten (Großstadt-)Wüste überleben kann.  

Auch Albert Einstein war mit dem Wert des Staunens zutiefst vertraut: „Der Fortgang der wissenschaftlichen Entwicklung ist im Endeffekt eine ständige Flucht vor dem Staunen (…) Ich denke, wir sollten den Kosmos nicht mit den Augen des Rationalisierungsfachmanns betrachten (…) Wer sich nicht mehr wundern und in Ehrfurcht verlieren kann, ist seelisch bereits tot.“

Beobachtungen eines Parkwächters, die sich nicht reimen

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(c) Parkwaechter 2016

 

Himmel blau,

Rasen grün,

Rosen rot.

 

Fußball rollt,

Flugzeug fliegt,

SUV stinkt.

 

Hund bellt,

Taube gurrt,

Katze schnurrt.

 

Ente quakt,

Habicht jagt,

Holzwurm bohrt.

 

Steine schwer,

Federn leicht,

Mieten teuer.

 

Lava heiß,

Arktis Eis,

Ofen aus.

 

Hahn kräht,

Maulwurf gräbt,

Spinne spinnt.

 

Vogel singt,

Fisch schwimmt,

Mensch abgeschirmt – von einem Flachbild-Schirm.

 

 

 

Rat Race & Rape Culture Club Köln – warum Frauen künftig eine Armlänge Abstand halten und einen Pfefferspray dabei haben sollten

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Fotoquelle: s.u.

Der Gewaltexzess am Kölner Hauptbahnhof sitzt uns noch in den Knochen. In einem WDR-Interview spricht der Konfliktforscher Andreas Zick von einer Stimmung der „pluralistischen Ignoranz“: In der Menschenmenge erschien plötzlich „vieles legitim, weil alle es tun“ – je mehr Männer mitmachten, desto normaler und richtiger erschien ihnen ihr Verhalten zu sein (Quelle: Redezeit WDR 5).

„Pluralistische Ignoranz“, ein seltsam anmutender Begriff für ein Phänomen, mit dem wir es vermutlich demnächst noch öfter zu tun haben werden – wir sollten ihn uns merken.

Wie kommt es aber in unserem Land der Dichter und Denker zu pluralistischer Ignoranz? Vorneweg, wer nicht will, dass sein aufgeklärtes Weltbild, das ihm von Kindesbeinen an durch Schule, Uni und Medien mit dem Löffel beigebracht wurde, ins Schwanken kommt, der lese hier bitte nicht mehr weiter. Denn ich möchte heute mal kurz mit dem Bohrer unserem faulen Zahn an die Wurzel gehen. Dass man sich mit Wurzelbehandlungen nicht beliebt macht, weiß ich. Leider läuft uns das, was man zum Beliebtmachen braucht – die Zeit, gerade davon. Sodass ich das Beliebtmachen also lieber altgedienten Profis dieser Disziplin überlasse wie Markus Lanz & Co.

Statt synthetischen Honig gibt’s hier aber ehrlichen, reinen Wein, versprochen – eingeschenkt von jemandem, der selbst eine streng-wissenschaftlich akkreditierte MINT-Ausbildung absolviert hat und in einem MINT-Beruf arbeitet, der also Mitglied im Club der toten Dichter ist und weiß wovon er redet, wenn er der MINT-Gesellschaft frecherweise etwas auf den Zahn fühlt.

Aber halt, festina lente, damit habe ich schon wieder zwei Stufen überhastet übersprungen und bin fast schon im Epizentrum des schwelenden Übels angekommen. Beginnen wir zuvor mit einer symptomatischen Episode aus dem Alltag:

Wer heute auf Kur fährt, setzt sich einem nicht unbeträchtlichen Risiko aus. Es könnte sein, dass während des Kuraufenthalts zwar seine Arthritis gelindert wird, er sich dafür jedoch mit geistiger Beulenpest infiziert hat. Als meine Lebensgefährtin diesen Sommer auf Kur war, gab es dort nicht nur Moorumschläge, sondern die Kurgäste wurden auch mit einigen psychischen Schlammpackungen eingewickelt. Für die erwachsenen Menschen gab es nämlich auch weltanschaulichen Unterricht: Ein DIN-ISO-zertifizierter akademischer Psychologe dozierte in einem – für alle Kurgäste verpflichtenden – Vortrag darüber, was nach derzeit herrschender wissenschaftlicher Meinung der Mensch sei. Wer meint, dass diese Frage heute ein jeder selbst beantworten könne, da uns ja schon im Kindergarten beigebracht wurde, dass der Mensch vom Affen abstamme, der irrt.

Laut neuester wissenschaftlicher Erkenntnis sind die Gene des Körpers, in dem wir uns bewegen, weniger dem Affen ähnlich, dafür aber umso mehr dem Nagetier bzw. seinem Prototyp – der Ratte.

Die meisten Zuhörer waren zwar etwas verdutzt, aber sie haben die neue wissenschaftliche Erkenntnis widerspruchslos internalisiert – so wie es heute eben Bürgerpflicht ist, alles was aus „streng wissenschaftlicher“ Quelle verlautbart wird, widerspruchslos zu akzeptieren.

Nach Ende des Kuraufenthalts, wenn die Kurgäste nach dieser Art von Fortbildung wieder zu ihren Rattenkindern, Rattenmännern und Rattenfrauen zurückkehren, wissen sie also endlich, wie sie mit diesen Artgenossen in adäquater Weise umspringen sollen. Auch warum die Rattenkollegen in der Arbeit und der Rattennachbar hinter der Thujenhecke sich manchmal so rattig benehmen, wird einem dank des zeitgemäßen, wissenschaftlichen Weltbildes nun erklärlich. Und irgendwann beim morgendlichen Rasieren vorm Spiegel dämmert dann vielleicht auch einmal die quintessentielle Kardinalerkenntnis: Warum sich denn eigentlich an irgendwelche Ethik und Gewissen halten, wenn der Mensch ohnehin nur eine glattrasierte Ratte ist und man voll Sch(p)aß dabei haben kann, wenn man seinen Ratteninstinkten folgt?

Jeder Mensch mit nur etwas Bildung wird jetzt über diese Gedanken schmunzeln. Aber er verkennt, dass er als Bildungsbürger inzwischen zu einer schrumpfenden Minderheit gehört, denn Bildung – das bekam man gestern. Heute gibt’s in Schule und Uni nur noch Aus-Bildung. Reine Nützlichkeit und raffinierte Intelligenz ohne Zeitverlust mit schöngeistigen Orchideenfächern wie anno dazumal. MINT eben – Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik.

Goethe? – Ist laut Bericht im Focus heute eines der übelsten Schimpfwörter auf Schulhöfen und spätestens seit „Fack ju Göhte“ eine Lachnummer (mit über 7 Milllionen Besuchern einer der in Deutschland erfolgreichsten Filme des Kulturdynamos „Rat Pack Filmproduktion“). Wer seinen Schülern ein Goethe-Gedicht auswendig lernen lassen will, der handelt sich als Lehrer vermutlich eine Klage der wissenschaftlich-aufgeklärten Eltern wegen versuchter Nötigung und Beleidigung des herrschenden Zeitgeists ein. Auswendig aufsagen können die Youngsters hingegen die Texte von Bushido und den Gangsta-Rappern.

Shindy, ein Kompagnon Bushidos und inzwischen selbst eine Rat Pack Rap-Ikone, gibt sich in einem Interview sichtlich verblüfft über die Millionen an verkauften Tonträgern. Zuerst habe er nach der Produktion seines Albums gedacht, die Leute werden ihn womöglich für die Kacke, die er in die Öffentlichkeit abgeliefert hat, hassen. Aber schnell habe er gemerkt, dass sie ihn stattdessen dafür lieben und ihn auf Platz 1 der bundesweiten Charts hieven. „Voll krass, Mann. Da gehste abends aus deiner Bude und dann kommen dir Kids entgegen, die alle aussehen wie ich, Haare tragen wie ich, rasiert sind wie ich. Und das Telefon klingelt ständig, weil alle anrufen und dir sagen: Ey, Shindy, du bist der King.“ Shindy bleibt seinen Fans treu, in seinem neuesten Album „FuckBitchesGetMoney“ legt er nach und liefert die lyrische Lanzenspitze zum Todesstoß gegen die Reste an Goethe, die im deutschen Volke möglicherweise noch existieren. Von einem Pädagogen habe ich gehört, dass er einen (inländischen) Schüler in seine Klasse bekam, einen Shindy-Fan, der ihm zwar umstandslos erklären konnte, was „gangbang“ ist, der aber allen Ernstes keine Ahnung hatte, wer der Mann ist, der da an der Wand am Kreuz hängt.

Während wir älteren Semester also noch darüber lächeln können, dass der Mensch vom Wesen her ein Affe oder eine Ratte ist, da wir eben noch in klassisch-griechischer Weise zwischen Körper (Genetik), Psyche (Persönlichem) und Geist (Überpersönlichem) unterscheiden können – so hat nun eine unerwartet große Masse an jungen Menschen damit begonnen, mit vorgenannter (auf die bloße Physis reduzierter) Weltanschauung Ernst zu machen und ihr gemäß zu leben. Es wird nicht nur jeder Vernunft spottend gefrackt, vergiftet und kahlgefressen, die Ratte will auch tierischen Spaß haben. Im Leben nicht auch Spaß haben, sondern einfach nur Spaß haben.

Immer wieder begegne ich – teils extrem jungen – Menschen, die erzählen, dass sie sich nun mit irgendeiner Startup-Idee selbständig machen und damit ein paar Jahre lang richtig viel Kohle scheffeln wollen, um danach nichts mehr tun zu müssen sondern „einfach nur Spaß haben“ und Party machen zu können.

Der Essayist Götz Eisenberg meint daher, dass in einer Zeit, in der in den Straßen und Lokalen unserer Großstädte praktisch Dauerparty herrsche und es fast keinen Flecken mehr gebe, der nicht dauerbepoppt und -gerockt wird, es eigentlich grotesk sei, noch extra ein Karnevalsfest zu veranstalten. Wenn man schon Abwechslung zu dem öde gewordenen Alltagsexzess suche, dann müsse man eigentlich zu Karneval ein paar Tage der Askese veranstalten, in denen man Stille, Einkehr und Mäßigung praktiziert.

Jedenfalls braucht es uns nicht zu wundern, wenn die inmitten unseres Rattenrennens angekommenen nordafrikanischen und arabischen Migranten nun ebenfalls auf den Geschmack kommen, und ein paar Tassen grüne Schleimgrütze aus dem brodelnden Hexenkessel unserer UNTERhaltungsmaschinerie abschöpfen wollen. Erwarten wir uns allen Ernstes, dass die Migranten sich inmitten unseres Kesseltreibens einfach ruhig verhalten und sich den Tag mit Smartphonewischen vertreiben? Menschen, die den ganzen Tag über durch Flachbildschirme und Werbung mit dem brachialen Imperativ des Konsums, des Exzesses und unserer westlichen Werte abgefüllt werden, sollen sich dann draußen auf der Straße ruhig, gesittet und respektvoll verhalten? Nachdem sie en masse „lustige Gratisvideos“ in HD aus westlicher Werkstatt konsumiert haben, in denen Männlein mit Weiblein – und zur Abwechslung auch mit Hunden, Pferden und Schweinen (siehe Welt ) richtig tierischen Spaß haben können?

Nun, die griechischen Helden in Ehren, aber ich fürchte, das hätte nicht einmal Herkules durchgehalten, wenn er täglich einer solchen Gehirnwäsche unterzogen worden wäre.

Wobei diese Medieninhalte ja eigentlich bloß das Pulverfass sind. Ohne Zünder wäre ein solches Pulverfass relativ ungefährlich und man könnte darüber achselzuckend witzeln und an ihm vorbeigehen. Dem Pulverfass wird jedoch der Zünder eingebaut, indem den Menschen ein szientistisch-darwinistisches MINT-Weltbild beigebracht wird. – Was, MINT? Die MINT Wissenschaften sind doch reiner Ausdruck von Aufklärung und Effizienz und unser ganzer Stolz!

Ja, ich weiß. Aber so paradox es aus heutiger Sicht noch klingen mag: Wenn man später einmal rückblickend fragen wird, welcher Faktor denn ursächlich war, dass im 21. Jhdt. ein beträchtlicher Teil der Menschheit in Barbarei und Dekadenz gestürzt ist, dann wird man erstaunt feststellen: Es war die scheinbar „wissenschaftlich“-szientistische Aufklärung und Erziehung, mit der der Mensch ethisch-moralisch kahlrasiert und geistig kastriert wurde.

Das Credo dieser Aufklärung, ohne welche der Neoliberalismus niemals seine verheerende Kraft hätte entfalten können und ohne welche der neue Führer, den der Eifelphilosoph in seinem jüngsten Artikel bereits heranrücken sieht, niemals hätte inthronisiert werden können, lautete:

„Mensch und Welt sind nur geistlose Kohlenstoffzusammenballungen, ergo ist alles Wurst, ergo können Mensch und Umwelt nach reinen Effizienzkriterien ausgeschlachtet werden.“

Durch Verinnerlichung dieses uns von Kindheit an eingeimpften szientistischen Credos wurde das Kunststück zustande gebracht, dem Menschen den Faden zu sämtlichen kulturellen Errungenschaften und seiner geistigen Entwicklung durchzuschneiden. Das, womit unsere Literaten, Philosophen und Weisen in vormals so überzeugender Weise ganze Bibliotheken gefüllt haben, wurde damit kurzerhand kompostiert.

Was als inevitable Konsequenz folgte, war das, was man als Vorläufer der Zukunft schon in der Silvesternacht in Köln & Co. 2016 in konzertierter Form beobachten konnte: Ein Aussetzen des Gewissens und eine Vermassung des Individuums. Die in unseren Zehennägeln schlummernden animalischen Impulse übernehmen die Regie und veranlassen den dauerUNTERhaltenen MINT-Bürger loszuziehen und sich zu holen, was er haben will. Der Mensch animalisiert – was die streng-wissenschaftlichen Szientisten aber zunächst nicht erschrecken wird, sondern wodurch sie sich in ihrem vorgenannten Weltbild nur bestätigt fühlen werden.

Dem aufgeklärten MINT-Bürger zu verwehren, was er haben will, wird als Frevel angesehen werden. Das hemmungslose Ausleben des dunklen Impetus unserer Zehennägel wird ja bereits jetzt als Ideal angepriesen.

Wo sind wir denn? Triebverzicht und Mäßigung, das war im Mittelalter. Wer heute was auf sich hält, der lässt die Sau raus. Sogar aus der Sicht von Kirchenvertretern, die sich mit dem Problem des hochkochenden Triebes gewaltbereiter männlicher Migranten befassen, scheidet Triebverzicht jedenfalls von vornherein aus. Stattdessen wird von einem evangelischen Pfarrer in progressiver Weise eine zeitgemäße Lösung vorgeschlagen: Die sexuellen Bedürfnisse der Migranten könnten doch durch deutsche Gratis-Prostituierte befriedigt werden (siehe Bericht im Focus). Derzeit arbeitet der Pfarrer an der Finanzierung dieser Serviceleistung durch Crowdfunding aus den Geldbörsen mitfühlender Bürger und durch einen Appell an die Hilfsbereitschaft deutscher Bordellbesitzer: Auch die Bordelle könnten so ein „gutes Werk“ verrichten, „am Vormittag ist da eh nicht viel los“.

Frauen sei jedenfalls in einer Atmosphäre, die von Shindys Hits aus „FuckBitchesGetMoney“ aufgeladen ist, die bereits vom Bundesministerium gegebene Empfehlung nahegelegt, zu Fremden am Gehsteig eine Armlänge Abstand zu halten und eventuell einen Pfefferspray in der Tasche mitzuhaben. Denn es könnte sein, dass sich der obige Focus-Bericht bereits auf den Smartphones in den nordafrikanischen Ländern verbreitet hat (genauso wie sich der 2014 in allen Sprachen potentiell Interessierter, darunter Albanisch, Arabisch, Russisch, Dari, Farsi, Patschu und Serbisch gedrehte Asyl-/Immigrations-Werbespot des Bundesamtes für Migration in Windeseile im Netz verbeitet hat ) und viele Glücksritter nun auch gerne das „gute Werk“ neoliberaler Kirchenvertreter und Bordellbesitzer in Empfang nehmen würden. Wenn das Crowdfunding zur Finanzierung der weiblichen Servicefacharbeiterinnen aber doch nicht funktioniert, wo sollen die Glücksritter dann hin mit den bei ihnen geschürten Erwartungen?

„Pluralistische Ignoranz“ – wie schon eingangs erwähnt: dieses Wort sollten wir uns merken. Und zwar in Verbindung mit seinem scheinbaren semantischen Gegensatz, der aber in Wirklichkeit das perfekte Komplementärbild zu besagter Ignoranz ist: dem MINT Credo.

 

(Um Missverständnissen vorzubeugen: es geht mir überhaupt nicht um Aus- oder Inländer. Ich kenne viele Migranten, die sich für die Übergriffe ihrer Kollegen in Köln abgrundtief schämen und die mehr moralisches Ehrgefühl haben als so mancher Inländer. Wenn wir das MINT Credo beibehalten und einen auf „Fack ju Göhte“ machen, dann werden wir landesweit Szenen wie in Köln auch ganz ohne Ausländer erleben, sobald einmal kurz der Strom ausfällt.)

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Fotocredits: unten: “Another rat” by Hammertechnologies www.hammertechltd.com CC BY 4.0 Filelink

oben/intro: “Dumbo rat” by Oskila CC BY-SA 3.0 Filelink

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