Hexenwahn

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Klimahysterie, Migrantenkriege, Antiamerikanismus – über den Terror der Unwörter und die Zukunft Europas

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Sonntag, 19.1.2020. Eifel. Klimahysterie ist jetzt „Unwort des Jahres“. Wie überraschend. „Klimaleugner“ fand ich fiel schlimmer, setzt es doch Menschen, die auf einen seriösen Diskurs im Rahmen wissenschaftlicher Gepflogenheiten setzen mit Menschen gleich, die den industriell organisierten Massenmord an Polen, Juden, Russen, Kommunisten, Sozialisten, Sinti, Roma, Christen (also jene paar, die ihre Religion ernst nahmen) für ein Märchen der Propaganda halten. Zwar ist diese Position kaum haltbar – die Datenmenge zur Vernichtungsorgie ist (abgesehen von der immensen Zeugendichte) gigantisch – aber manche finden es halt schön, einen von Gott (genauer gesagt: der Vorsehung) geschickten unfehlbaren Führer zu finden, der einem sagt, wo es langgeht. Menschen, die den Begriff „Klimahysteriker“ benutzen – so wie ich – verweisen in dem Zusammenhang nur darauf, dass die ruhige, seriöse, nüchterne wissenschaftliche Debatte über mögliche Auswirkungen eines möglicherweise menschengemachten Klimawandels einer Stimmung gewichen ist, die ihnen hysterisch erscheint. Hysterie wird im Allgemeinen verstanden als neurotische Störung, die unter überschäumender Affektivität und einem gesteigerten Wunsch nach Anerkennung und Geltung einhergeht (siehe Wikipedia).

Wer das Wort „Hysterie“ gebraucht, hat mit Sicherheit auch die Folgen hysterischer Massenbewegungen im Auge, die allein in Deutschland Millionen Menschen – vor allem Frauen – das Leben gekostet hat. Die erste Massenhysterie die mir da in den Sinn kommt, ist die Hexenverfolgung zu Beginn der Neuzeit, die – beängstigenderweise – zu einem Zeitpunkt eintrat, als sich die Vernunft anfing, Raum in der Gesellschaft zu schaffen. Jenseits der hysterischen Christenverfolgung („die Kirche ist an allem Schuld“) weisen seriösere Untersuchungen andere Nutznießer aus: Juristen und Ärzte gelangten ab 1560 zu großer Macht und großem Ruhm, in dem sie die weisen Frauen des Dorfes (also: die Konkurrenz) ausrotten halfen (siehe dhm – Ausstellung und Aufsätze zum Hexenwahn).

Neben dem Hexenwahn war der Judenhass die nächste Hysterie, die allerdings schon viel weiter verbreitet war: bei jeder größeren wirtschaftlichen Krise (da gibt es auch Zusammenhänge mit den Hexenverfolgungen) schoben die Verantwortlichen dieser Krise die Verantwortung gerne dem jüdischen Volk unter, was immer leicht zu belegen war: da die meisten anderen Geschäfte für sie verboten waren, blieben Finanzgeschäfte als eine der wenigen Tätigkeiten übrig, die ihnen das Überleben ermöglichte – und außerdem hatten sie Christus verraten, für tumbe Gemüter guten Grund, der Hoffnung zu folgen, durch nur genügend Menschenopfer die unsichtbare Hand des Marktes so zu besänftigen, dass die Krise an ihnen selbst spurlos vorübergehen möge.

Vor diesem Hintergrund ist der Gebrauch des Wortes „Klimahysterie“ schon verständlicher: als Mahnung davor, auch angesichts eines möglichen menschengemachten Klimawandels (der erstmal – wie jegliche seriöse wissenschaftliche Aussage – eine Theorie ist, über die man möglicherweise in hundert Jahren ebenso lachen wird wie über tausend andere wissenschaftliche Theorien, die zwar anfangs überzeugend mit Macht und Kraft vorgetragen wurden, sich aber letztlich als Unwahr erwiesen) als Menschen untereinander ruhig und gelassen zu bleiben. Angesichts der massenvernichtenden Potenz jeder Art von Hysterie eigentlich eine sinnvolle Wahrnung, immerhin gab es schon einen staatlichen Lehrbeautragten aus Graz, der Klimaleugnung (und die Ablehnung von Kondomen!) unter Todesstrafe legen wollte (siehe Spiegel) – im Übrigen Grund genug zu sagen: es ist mal wieder soweit.

Es hätte natürlich auch andere Worte gegeben, die zur Wahl standen, eines, dass nicht zur Wahl stand, aber seit kurzem in den nationalen Diskurs mit Verweis auf Belgien eingespeist wird, ist den meisten wohl noch gar nicht bekannt: die „Migrantenkriege“.

Ich mag hierzu keine Quelle nennen – aber keine Sorge: ich bin mir sicher, dass dieses Wort sich sehr schnell verbreiten wird. Es wird von einer kleinen Geschichte begleitet, denn – angeblich – berichten namentlich nicht genannte Polizisten aus Brüssel davon, dass sie diese Kriege schon ausfechten – und das sie sich bald über ganz Europa ausbreiten. Namentlich nennen darf man sicherlich deutsche Qualitätsmedien die – so ganz am Rande – davon berichten, was in Brüssel eigentlich so geschieht: aus keinem Land der Welt sind so viele Kämpfer nach Syrien gezogen wie aus Belgien – in Brüssel gibt esStadtteile mit einer Jugendarbeitslosigkeit von 45 Prozent (siehe Welt).

Und siehe da: wir sind schon wieder bei einer Hysterie – einer „überschäumenden Affektivität, begleitet von einer gestiegenen Geltungssucht und dem übergebührlichen Drang nach Anerkennung“ – der beide Seiten betrifft. Die eine Seite fürchtet fast panisch den Untergang des Abendlandes, die andere Seite die sofortige Rückkehr der NS-Vernichtungslager. Beides natürlich Humbug, aber alle geilen sich daran auf.

Humbug?

Ich sehe schon: darüber darf gesprochen werden.

Das „Abendland“ – speziell Deutschland – hat seit Jahrtausenden wichtige kulturelle Impulse aus dem Ausland bekommen … auch aus dem arabischen Raum. Körperhygiene zum Beispiel – die Kreuzritter waren fasziniert von den Möglichkeiten, die sich da eröffneten. Oder allein die Zahlen: die indo-arabischen Zahlen sind zuerst mit den Mauren nach Spanien gekommen und bildeten streng genommen die Grundlage für alle unsere naturwissenschaftlichen Erfolge, weil sie die „Null“ denken konnten (siehe typolexikon). Das, was wir „deutsch“ nennen, ist schon längst ein Sammelsurium aus vielen Kulturen, dereinst willkürlich herausgeschnitten aus der Sprachgemeinschaft der Mitteleuropäer – wobei darauf hinzuweisen ist, dass die deutsche Sprache in der Tat eine Sonderstellung innerhalb der Sprachenfamilien hat: ohne ihre Ausdrucksmöglichkeit wäre deutsche Philosophie nicht denkbar bzw. formulierbar gewesen. Diese Sprachfamilie hat schon viele Einwanderungswellen überlebt, war jahrhundertelang Schlachtfeld europäischer Großmächte, was nach Rudolf Augstein ein wichtiger Aspekt bei der Beurteilung der deutschen Mentalität sein sollte. Es gibt guten Grund anzunehmen, dass die Bewohner diesen Fleckens der Erde auch andere gesellschaftliche Zerrüttungen gut überstehen können – letztlich auch Stolz sind auf die Söhne der Einwanderer wie z.B. Kommissar Schimanski (polnischer Ursprung).

Viele denken uns da viel zu schwach.

Kommen wir nun zum anderen Humbug: der Neueröffnung von Auschwitz auf deutschem Boden. Sicherlich, zugestanden: die Tatsache, dass diese Sprachgemeinschaft schon einmal industriell organisierte Vernichtungslager geschaffen hat, sollte nicht vergessen werden – die Deutschen können sowas. Haben sie von den Briten gelernt (siehe NZZ zu Konzentrationslagern – das sind die guten Ausländer, weshalb wir darüber nicht sprechen: immerhin war Boris Johnson kürzlich zwecks einer „Auszeit“ auf den karibischen Besitzungen des in London wohnenden Urenkels von Otto von Bismark zu Gast – siehe Handesblatt… worüber man sich erstmal öffentlich keine Gedanken gemacht hat, was das wohl für Allianzen sind). Und sicherlich gibt es in der Politik wieder einen erkennbaren, manchmal sogar glasklaren Vernichtungswillen … der sich aber in erster Linie massiv gegen die Verlierer des Kapitalismus richtet: die Armen (Schmarotzer, Parasiten oder Unterschicht genannt). Wer nach Götz Aly mal weitere Elemente der Vernichtungsmaschinerie untersucht, wird schnell finden, dass diese Stimmung gegen arme Untermenschen ein zentrales Moment für die betriebswirtschaftlich alternativlose Vernichtung der Insassen der Lager darstellte – hier droht viel größere Gefahr als von Menschen, die nicht gerne der Machtergreifung einer mittelalterlichen Religion auf europäischen Boden zusehen.

Sicher – mit dem Islam haben wir jetzt noch ein Fass aufgemacht, dass viel zu groß für einen Sonntag Vormittag ist – weshalb auch hier nur soviel gesagt sei: ein säkularer Staat darf zurecht Bedenken äußern, wenn sich wieder eine Religion erhebt, die Anspruch auf die Gestaltung des Alltagslebens der Bürger hat, erst recht, wenn Hinrichtungen, Verstümmelungen, Zwangsheirat von Minderjährigen und kolossale Frauenverachtung Grundfundamente des Alltagslebens jener Länder sind, in der diese Religion Macht ausübt. Wir haben gerade mühsam den Katholozismus und die protestantische Prüderie samt ihrem Arbeitswahn abgelegt (aber noch nicht überwunden), ich denke, wir dürfen zu Recht mal eine Pause fordern.  Aber dazu ein andermal mehr.

Klimahysterie und Migrantenkriege – da haben wir jetzt drüber gesprochen. Beide Unwörter haben miteinander zu tun.

Dürfen wir auch mal über die Ursachen der beiden Unwörter sprechen?

Nein, dürfen wir nicht.

Ein drittes Unwort verbietet uns überhaupt nur darüber nachzudenken – und wir haben eine breite Front von Agenten und Sympathiesanten, die darüber wachen.

Dieses Wort halte ich ebenfalls für ein großes Unwort. Es verbietet uns, auch nur den Hauch von systematischer Kritik an einer agressiven Gesellschaftsform zu üben, die nach dem Überrennen und Vernichten der indigenen Kulturen drauf und dran ist, sich auch den Rest der Welt untertan zu machen, einer Gesellschaftsform, die Migranten in ihren eigenen Ländern bedinungslos umbringt – ohne Kriegserklärung (wie es unter zivilisierten Staaten üblich ist), ohne Gerichtsurteil, ohne die Möglichkeit, sich zu verteidigen. Ich rede hier von einer Kultur der Räuberbarone, die auch in ihrem eigenen Land brutale Herrschaft ausüben gegenüber jenen, die ihrer Meinung nach den „american way of life“ (also: Massenmord an Grundstückseigentümern zwecks räuberischer Aneignung) in Gefahr bringen.

Ein Einschub, damit wir uns nicht falsch verstehen: ich kenne einige Bürger der USA persönlich, habe dort sehr viele nette Menschen kennen gelernt, die ich für überaus wertvoll halte – und war oft neidisch über die Lebensmöglichkeiten dort, von denen wir Europäer (und vor allem wir Deutsche) nur träumen können, ich vermute sogar, dass man dort überdurschnittlich viele freundliche Menschen trifft – anders als am Montag Morgen in Gelsenkirchen: nicht also, dass wir jetzt eine neue Hysterie anfachen wollen. Die USA haben sogar heute noch anarchistische Elemente (also: Elemente der Abschaffung jeglicher Herrschaft von Menschen über den Menschen) in ihrer politischen Praxis, die ich sehr begrüßen würde: auch ich würde den Polizeichef gerne persönlich wählen. Es geht beim dritten Unwort um größere, systemische Probleme, nicht um „Antiamerikanismus“.

Wer, liebe Klimahysteriker, ist denn die größte Umweltsau auf der Welt?

Die Armee der USA (siehe Heise). Jene Armee, die auch für die Migranten aus Afghanistan, dem Irak, Syrien, Lybien hauptverantwortlich ist und die zunehmend mehr Lebensmöglichkeiten im arabischen Raum vernichtet – vor allem gerne dort, wo der Islam keine Macht über den Staat hat, was seltsam scheint: ist doch der Kampf der Kulturen angeblich das neue große Weltdrama, das bevorsteht – aber die USA und die Kopf-ab-Staaten bilden dort eine geschlossene Einheit. Islam plus Neoliberalismus – das scheint zu gehen. Säkulare Staaten scheinbar nicht.

Natürlich dürfen wir die Armeen der anderen Staaten – und zwar aller – nicht außer acht lassen. Sie sind überflüssig wie Hundekot am Schuh, zerstören die Umwelt und rufen immer heftigere Migrantenwellen hervor. Aber wo finden wir noch die Stimmen, die die Abschaffung aller Panzer, Bomber und Atom-U-Boote fordern?

Nirgends.

Das hat auch Gründe: mit Atlantikbrücke und diversen anderen Vereinen sind unsere Politiker fest im System verankert, Lionsclub, Rotarier und andere Gruppen sorgen für eine feste Verankerung des Proamerikanismus in allen Schichten der Leistungselite, die Konzerne übernehmen sukzessive alle unsere Versorgungstrukturen. Sollte es die AfD jemals schaffen, dass isolierte Deutschland in die Welt zu bringen, werden die sich sehr wundern, wie arm und kläglich die Reste sind, die sie dann regieren dürfen – und den Kriegerischen unter Ihnen, die noch vom alten Reichsglanze träumen, sei gesagt, dass ein einziges veraltetes Atom-Uboot der Ohio-Klasse sämtliche deutschen Städte mit einem Schlag vernichten kann (mit 24 Raketen, von denen jede 8 Atomsprengköpfe trägt: damit wären 192 Städte Asche – mit nur einem Schiff) . Der Krieg des Vierten Reiches gegen die USA würde nur 8 Minuten dauern. Das ist die Realität, in der wir – und alle Länder dieser Welt – leben.

Die größten Antiamerikanisten leben aber in den USA selbst: in Gestalt von Präsident Roosevelt. Es lohnt sich, den ganzen Artikel zu lesen (Cicero – Roosevelt gegen Rockefeller), denn: diese Auseinandersetzung bestimmt im Prinzip die ganze US-Kultur bis heute (Roosevelt vs. Rockefeller), ist Grundlage des ganzen globalen (und vernichtenden) Konzernwesens, dass sich wie ein Krebsgeschwür ausbreitet und schon längst jeden Nationalstaat zur Bedeutungslosigkeit verdammt hat (außer Russland, China und dem Iran). Gut: Roosevelt ist tot, aber die Anhänger seines „New Deal“ bilden die hellere Seite der USA – und stellen auch unsere Hoffnung da: sie haben die Chance, den Konzernterror aufzuhalten wie sie es schon einmal getan haben. Schaffen sie dies, könne wir das Klima sofort massiv entlasten, ohne wieder dem „kleinen Mann“ alle Lasten aufzubürden, ebenso könnten wir Frieden in die aktuellen Völkerwanderungen bringen – und wieder eine Zukunft für uns gestalten, die Lebenswert ist – für alle Menschen auf der Welt.

Erstmal so, wie die Finnen: deren Regierungschefin die vier Tage Woche a´sechs Stunden täglich andenkt (siehe Kontraste.at). Das geht mit dem US-Konzern-Diktat des „shareholder value“ natürlich nicht: wir wären überrascht, wer alles in Deutschland auf die Barrikaden gehen würde, um unsere 48-Stunden-Woche zu verteidigen – im Dienste der Eigenkapitalrendite.

Nie.

Was uns als Sprachgemeinschaft helfen würde, diese Zeiten zu überstehen? Sowohl den Amerikanismus, als auch den Klimawandel wie auch die Verwerfungen durch US-Kriege?

Solidarität.

Oder besser: Menschlichkeit.

Aber gerade der Umgang mit Sprache sorgt dafür, dass diese im Alltag kaum noch lebbar ist. Wir zerfleischen uns lieber um die Frage, ob für die vielen Deutschen, die jährlich ins Ausland abwandern (180000) eigentlich auch mal Ausländer nach Deutschland dürfen, um die Lücken zu füllen – oder darüber, wie das Wetter in hundert Jahre sein wird  – alles aus Angst davor, über die wahren Ursachen zu reden.

Es wird weder Klima noch Europa geben, wenn der Moloch der Räuberbarone nicht aufgehalten wird.

Und das … können angesichts der gewaltigen Macht des Imperiums nur die Amerikaner selbst … was sie auch schon bewiesen haben. Und wir können – bis die es geschafft haben – nett zueinander sein, um das Leiden etwas erträglicher zu machen.

Auch zu den Kindern der Einwanderer, die unsere Zukunft mit tragen werden, weil viele Deutsche lieber „double income no child“ gelebt haben.

Vielleicht wird unser nächster Lieblingstatortkommissar Ahmed heißen – und mit Ruhrpottslang Cum-Ex-Verbrecher jagen.

 

 

 

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