Heimat

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Die Vertreibung des Philosophen aus dem Paradies – Teil 2 und Schluss.

Digital StillCamera

Freitag, 30.1.2015. Eifel. Ich weiß nicht, ob Sie das Nachempfinden können – aber man fühlt sich als mitleidener Mensch der schreibenden Gattung  nicht wirklich wohl, wenn man das Elend der Menschheit beobachtet, beschreibt, analysiert und in die Zukunft verlängert. Der Grund ist einfach: man selber sitzt im Warmen und Trockenen, hat genug zu Essen, durch den PC Zugriff auf Milliarden von Daten und Aufnahmen aus allen Teilen der Welt, sogar live, wenn man möchte – oder auch per Satellit .. einem unglaublichen Superreichtum für einen aufmerksamen, dem Denken und Schauen zugetanen Menschen. Man hat Freunde rund um den Globus – dank Facebook, das aktuell seine Geschäftsbedingungen geändert hat.

Ja – darüber gab es viel Geschrei, manche haben den Laden schon verlassen – ohne daran zu denken, was der Laden bislang für Millionen Menschen umsonst getan hat … dass die mal nachschauen, ob man aus den Gratisgaben nicht auch mal Gewinn ziehen kann, halte ich für legitim, ja geradezu notwendig. Nicht überall finanziert die deutsche Rentenkasse einen intensiv gepflegten Internetauftritt wie bei uns – noch wäre sie dazu in der Lage. Ich bleibe bei Facebook – obwohl ich da nie hinwollte, aber das ist eine andere Geschichte.

Weshalb man sich nicht gut fühlt als reiner Schreiber? Nun – das Elend wird nur durch TATEN vermindert, nicht durch Affirmationen, Worte oder Gebete – auch wenn dieses Schlaraffenlandwunschdenken aufgrund tief empfundener Hilflosigkeit aktuell wieder hoch im Kurs steht. Schreibt man nur darüber und bleibt aufrechten Geistes merkt man schnell, dass man in einer Aasgeierposition ist: andere Menschen leiden dafür, dass man selber dank Werbeeinnahmen weit entfernt ist von der Lebenswirklichkeit des kleinen Mannes, man lebt selbst davon, dass man sein Leiden ausschlachtet – nicht immer ein angenehmes Gefühl. Eigentlich sogar: gar kein angenehmes Gefühl.

Darum habe ich die Gelegenheit begrüßt, selbst endlich mal wieder aktiv werden zu können, ohne durch gesundheitliche Einschränkungen gehindert zu werden: WOHNEN kann ich noch, längere Zeit stehen, gehen und sitzen fällt schwer. Was wäre das für eine Geschichte gewesen – arme Familien mit Kindern vertrieben vom Großkapital (oder von anderen Familien mit Kindern, die noch die Hoffnung haben, am Ende ihres Lebens auf der „Gewinnerseite“ des Gottes Geld zu stehen): hier hätte der per Grundgesetz zum Sozialstaat bestimmt Staat zeigen können, wie sozial er noch ist – zumal der Autor dieser Zeilen aufgrund vielfältiger Umstände zu jenem Personenkreis gehört, die er selber nicht als Mieter hätte haben wollen. Quatsch – das muss ich sofort korrigieren: ich war mal Vermieter, habe an sogenannte Sozialfälle vermietet – in Zusammenarbeit mit dem Sozialamt der Gemeinde Roetgen und habe dadurch insgesamt 20 000 Euro verloren … letztlich sogar alles, was ich für meine Familie, Freunde und Verwandte aufgebaut hatte.

Ja – ich nannte einen großen Hof mein Eigen – mit viel Potential für viel mehr. Ein Paradies für Kinder – mit dem Potential, ein sicherer Ort zu werden, der vielen Menschen Zuflucht, Obdach und Schutz bieten konnte – ich hatte da schon einige Pläne und Geld genug, sie zu verwirklichen, immerhin vermeinte ich zu sehen, dass ich die politische und soziale Wirklichkeit in unglaublicher Art und Weise verfinstern wird … was sie auch tat. Wer hätte schon im Jahre 1998 geglaubt, dass wir nochmal eine Feindschaft Russland/Nato bekommen, dass eine Supermacht Krieg gegen eine Religion führt – oder der Deutsche Sozialstaat einen Vernichtungsfeldzug gegen Arbeitslose?

Ach – das ist Ihnen wieder zu hart? Da kann ich Ihnen helfen: bei meinem ersten Kontakt mit der „Arge“ – wohin man als gekündigte chronisch kranke Führungskraft zwangsläufig kommt, wenn das Arbeitslosengeld ausgelaufen ist (den Trick mit der Krankenkasse kannte ich da noch nicht – bin aber auch froh darum. Krankenkassen werden schon genug geplündert) wurde mir nahegelegt, meinen ganzen Besitz zu verkaufen (Bücher, Regale, Schränke, Schallplatten, Filme, Teppiche), damit meine Familie in eine Winzwohnung passt. Einmal so etwas erlebt und man weiß sofort, wohin die Reise geht: es geht nicht darum, wieder in den Arbeitsmarkt integriert zu werden: es geht darum, für immer und ewig aussortiert zu werden: Vernichtung durch Mangel.

Nun – ich erwähne das manchmal: das Ende für meinen Hof kam schnell, unerwartet und völlig überraschend, der Ort, an dem sich schon viele Menschen gelegentlich im großen Garten zum Lagerfeuer trafen, war zerstört … und ich wurde ein Vertriebener, der darob auch krank wurde, chronisch und unheilbar. Umsonst der Verkauf der Seele, die Arbeitswochen, die bis zu 120 Stunden dauerten (und von denen ich heute noch Träume), umsonst das Verputzen, Mauern, Schleifen, Steine schleppen um ein 200 Jahre altes Haus am Leben zu halten: der Begriff „Heimat“ wurde für mich auf einmal sehr bedeutsam … weil sie fort war.

Das war eigentlich die erste Vertreibung aus dem Paradies, das ich für meine Kinder geschaffen hatte – und die Erfahrung hat Spuren in meiner Seele hinterlassen, die es mir ermöglicht, mit Vertriebenen mit zu empfinden. „Heimat“ – ist ja heute schon ein verpönter Begriff, weil kackbraune Scharen zwischen 1933-1945 ihn und viele andere Begriffe missbraucht und für immer zerstört hatten – dabei ist „Heimat“ für einen Menschen was Wichtigste, was es gibt: Heimat gibt Obdach, Wärme, Schutz und Geborgenheit. Manche finden ihre Heimat in Gott, andere in der Anderwelt – aber wer das nicht hat, braucht eine Heimat vor Ort, einen Ort, an den man sich zurückziehen kann, wenn draußen schlimme Stürme toben, einen Ort, der vertraut ist – und Urvertrauen in die Welt erzeugt, in das Leben, das Sein, weil er unveränderlich immer da ist und immer Sicherheit und Vertrautheit bietet, wenn man sich mal verlaufen hat.

Mir dünkt, das ein Volk, dass diesen Heimatbegriff verloren hat, zu den Vertriebenen gehört – selbst wenn sie als Deutsche noch in Deutschland wohnen.

Kann Deutschland überhaupt Heimat sein? Aktuell veröffentlicht das ARD neues Bildmaterial zum Holocaust – und ich erfahre mit Erschrecken, dass eine Mehrheit der Deutschen diesen Zeitabschnitt der deutschen Geschichte gerne „in den Skat drücken“ würden … also für immer und ewig vergessen wollen. Ich denke, es ist noch nicht im Mindesten verstanden worden, was hier in Deutschland geschah – auf der Ebene der Prinzipien, die für Philosophen ja so wichtig ist und von Nicht-Philosophen nicht wahrgenommen wird, weil sie im „Dschungelcamp“ (auch eine Verletzung elementarer menschlicher Prinzipien – und Folter für jeden emphatischen Geist, der gezwungen wird, sich dieses Leid hilflos anzusehen) keine Verwendung dafür haben. Kaum jemand hat begriffen, was es bedeutet, dass es wirklich ein Land gab, in dem die industrielle Massenvernichtung Gestalt angenommen hat … und deshalb JEDERZEIT wieder möglich ist, solange wir nicht begreifen, was genau zwischen 1933 und 1945 schief gegangen ist.

Wir wissen schon  ziemlich viel – doch das ist einer kleinen, zumeist akademischen Elite vorbehalten. Wir wissen, dass der Normalbürger in Serienproduktion zum Serienkiller umerzogen werden konnte – in atemberaubender Geschwindigkeit. Wer in Prinzipien denken kann bzw. das noch nicht verlernt hat, der sieht, dass „Dschungelcamp“ und „Hartz IV“ etwas gemeinsam haben: beide Erscheinungsformen der Moderne enthalten den düsteren Schatten der brutalen Verrohung des Normalbürgers – einer Verrohung, die – wenn sie nicht aufgehalten wird – wieder in Vernichtungslagern enden wird.

Wieder wird man sagen: „Wir haben von allem nichts gewusst“ – so wie heute junge Leute, die von ihren Eltern in sichere berufliche Positionen gehieft wurden, erstaunt sind, wenn ich ihnen von Hartz IV erzähle: von Sanktionen, die tödlich enden können, von mitleidlosen Beamten, die sie verhängen, von drastischen Beschneidungen der Reisefreiheit und der völligen Vernichtung jeglicher Zukunftsperspektive … obwohl die Behörde diese eigentlich verbessern sollte. Für eine solche Verbesserung bräuchte man allerdings kreative Unternehmertypen (ein Berufstand, den man heute kaum positiv erwähnen kann, weil er sich durch die flächendeckende Ausbeutung seiner Mitmenschen unmöglich gemacht hat) und keine zwangsversetzten Friedhofsbeamten … wiewohl das mit dem Friedhof langfristig gesehen ja Sinn ergeben mag.

Ja – wer Hartz IV bezieht, stirbt fünf Jahre früher (siehe Heilpraxis.net): als jemand, der noch eine profunde Ausbildung in Ethik und Moral hat, darf ich mir erlauben dies als „bewusste und zielgerichtet durch Mangelversorgung und Entwürdigung herbegeführte Vernichtung“ zu beschreiben – und ich bin mir sicher, dass zukünftige Historiker nach dem nächsten Krieg dies so sehen würden.

In Deutschland wiederholt sich die Nazi-Aktion „Arbeitsscheu Reich“ – und keiner will es merken. Die Aktion heißt ja auch anders. Früher machte ja auch keiner laut Propaganda mit der Massenvernichtung unwerten Lebens (was neben Juden auch Linke, Behinderte, Kriegsversehrte, Roma und sonstwie unbequeme Nachbarn waren), man nannte es „Umsiedlung“ … und alle lauschten weiter glücklich und zufrieden den beruhigenden Klängen aus dem Radio.

Hach – ich merke: ich bin ausschweifend geworden. Das aber … ist der Job des Philosophen: den Schmetterlingsschlag sehen, der später (laut Chaosforschung) zum Tornado wird, in dem man die Vernetzungen aufzeigt, in denen sich der Flattermann befindet.

Bleiben wir bei der Geschichte der Vertreibung des Philosophen aus dem Paradies, die spontan und unerwartet endete. Ja – zu schnell. Was wäre es für ein Werk gewesen, eine dieser Entmietungen mal in aller Öffentlichkeit live kommentieren und beschreiben zu können. Tausende Arme werden so aktuell aus den Städten vertrieben … aber wir nennen das nicht so. Will ja auch keiner gerne mehr öffentlich als Gauleiter auftreten … nur die Funktion würden sehr viele im Geheimen gerne ausüben.

Dem Philosophen wurde neuer Wohnraum angeboten: absolut ideal für meine Bedürfnisse. Endlich keine Gartenarbeit mehr – mit meinem Rücken war das Selbstfolter. Endlich öffentlicher Nahverkehr, der hält, was er verspricht – und hält, anstatt vorher abzubiegen, weil ihm das Minidorf am Ende der Straße zu doof ist. Endlich keine Abhängigkeit mehr vom eigenen PKW – der größte Kostenfaktor meines Lebens.

Ja – es ist eine wunderbare Wendung der Geschehnisse, die die Reihe „Die Vertreibung des Philosophen aus dem Paradies“ schnell enden läßt: er wohnt bald besser als hier, wo beständige Verkaufsabsichten Unruhe ins Leben brachten … eine Unruhe, die nur schon mal Vertriebene in vollem Umfang verstehen können – ebenso, wie nur sie die permanente, irrationale und schleichende Angst vor Obdachlosigkeit nachvollziehen können.

Man landet in Deutschland inzwischen schneller auf der Straße als man denkt.

Nun – was bleibt?

Der Wunsch, in Zukunft mehr die Tat in den Vordergrund zu stellen. Ob der neue Wohnort einen Eifelphilosophen erzeugen kann, wird sich erst noch zeigen. Ja – dieser Philosoph lebte von der Einsamkeit, der Abgeschiedenheit und der Distanz zum Alltagsleben – in Zukunft wohne ich mitten im Dorf. Das Denken von Menschen – so meine Erfahrung – ist direkt abhängig von seinem Umfeld, das wussten schon die US-Philosophen, die der Meinung waren, es seien die tiefen, dunklen deutschen Wälder, die die schwere, gründliche deutsche Philosophie überhaupt erst möglich gemacht haben.

Wer weiß, was das Dorf aus mir macht? Verführt mich vielleicht dazu, das zu machen, was alle machen: Dschungelcamp gucken, Bier trinken, Gehirn eintrüben wo immer es geht, damit man nicht merkt, in welchem Zug man gerade sitzt.

Oder aber es gibt mir die Kraft dazu, etwas ins Leben zurück zu rufen, was wir als Bloggergemeinschaft 2009 ins Leben riefen, wozu mir allerdings die Ressourcen (sprich: Mitarbeiter) fehlten: den Menschenschutzbund, der meiner Meinung nach aktuell notwendiger denn je ist, bevor der Hass die Menschheit ganz auffrisst. Machen – würde ich das sehr gern, doch nicht nochmal fast völlig allein.

Dazu aber später mehr, denn jetzt: wird erstmal umgezogen. Tausende von Büchern (ALLE unverzichtbar!) brauchen ein neues Heim. Blöd wie ich bin, werde ich sie selbst transportieren – es sind gute Freunde, die nicht in fremde Hände gehören … außerdem kann ich so mal wieder Ordnung ins Gewühl bringen

Es mag sein, dass es jetzt etwas ruhiger um den Philosophen wird – jedenfalls hier. Bevor man nun denkt, mir wäre was passiert – oder, noch schlimmer: ich hätte die Lust am Engagement verloren – erzähle ich lieber, dass ich von einem Paradies ins andere ziehe. Welches schöner ist? Urteilen Sie selbst. Oben ist meine neue Arbeitsplatzaussicht – unten meine alte, jetzt frisch zugebaute.

Mal sehen, was die neue Aussicht für Gedanken produziert.

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