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Pharaonen im Learjet und Freiherren im Forstgut – Teil 2: Die späte Reue eines merkantilen A-Lochs (Über pornografische Architektur, den Willen zur Macht, den Willen zur Lust und den Willen zum Sinn)

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Florian Homm (Foto aus Doku „From hell to heaven“ / DW / Youtube)

Ein erbarmungsloses Gesetz

„Wir, die wir Zeit und Geld haben … !“ – posaunt der superreiche Bauunternehmer Christoph Gröner vom Rednerpult einer abendlichen Gala-Veranstaltung, bei der sich die High Society Berlins einfindet. Eigentlich ist diese Aussage nur zur Hälfte wahr. Ja, an Geld mangelt es dem 100%-Eigentümer der 2,5 Milliarden Euro schweren CG Gruppe AG wirklich nicht. Sein Aktiendepot sieht man dem fast zwei Meter großen Hühnen schon auf 100 Meter Entfernung an und sein Smoking platzt fast schon aus den Nähten vor lauter Geld. Wie bereits in Teil 1 unserer Freiherren-Saga berichtet, hat Gröner sogar Schwierigkeiten, sich das viele Geld, in dem er beinahe schon erstickt, wieder vom Hals zu schaffen: „Wenn Sie 215 Millionen haben und schmeißen das Geld zum Fenster raus, dann kommt’s zur Tür wieder herein. Sie kriegen es nicht kaputt. (…) Sie können’s nicht durch Konsum zerstören, das Geld.“

Dass er allerdings Zeit habe, wie er vorgibt, ist gelogen – oder zumindest eine arge Selbstillusion. Denn wie er in der ARD-Doku „Ungleichland“ selbst zugibt, ist der Vater von vier Kindern für seine Familie wochentags schlichtweg nicht verfügbar. In der Funktion der Fürsorge der Eltern für ihre Kinder falle er aufgrund seiner Tätigkeit „komplett aus“, die Erziehung muss indes von externen Dienstleistern zugekauft werden. Er habe daher mit seiner Familie einen Deal gemacht: „Von Montag bis Freitag ist der Papa nicht da. Die Zuwendung, die ihr bräuchtet, kann ich euch nicht geben.“ Im Gegenzug finanziert er seinen Kindern eine Privatschulausbildung, die ihnen beste Karrierechancen eröffnen soll. Alleine den Internatsplatz für ein einziges seiner Küken lässt sich der Baulöwe 3000.- Euro pro Monat kosten.

Bei aller scharfsinnigen Intelligenz und Eloquenz, über die Gröner zweifellos verfügt, mutet es für einen unbedarften Beobachter dennoch befremdlich an, dass der Baulöwe mit Finanzbelangen seines Konzerns zwar akribisch haushält, Projektterminpläne mit äußerster Effizienz handhabt und hierbei mit jeder Woche Bauplanverzögerung geizt, er aber im Gegenzug mit der allerwertvollsten Ressource, über die wir als Menschen verfügen – unserer Lebenszeit – so leichtsinnig umgeht.

Dabei unterliegt unsere Zeit einer erbarmungslosen Gesetzmäßigkeit: Einmal verloren, kehrt sie – im Gegensatz zu Geld – niemals wieder zurück. Ist man also wirklich ein so kluger Geschäftsmann, wie man der Welt erscheint, wenn man seine Zeit fast restlos opfert, um Geldwerte anzuhäufen, von denen man nicht einmal einen Bruchteil wirklich sinnvoll nutzen kann – schon alleine deshalb, weil man schlichtweg keine Freizeit hat?

Schein hat mehr Buchstaben als Sein

Wie bei allem im Leben kann uns Erich Fromms Unterscheidung zwischen „Haben“ und „Sein“ auch am Parkett der Superreichen als Schlüssel dienen, um Illusionen an den rechten Platz zurechtzurücken – und damit kostbare Lebenszeit zu sparen, die man womöglich verschwendet, wenn man solchen Illusionen und Pseudo-Idealen leichtfertig folgt.

Denn genauso wie der Kabarettist Hagen Rether verzweifelt in die Kamera guckt, wenn er zuerst außer Frage stellt, dass der ehem. Deutsche Bank-Chef Ackermann zwar mittlerweile für die meisten Bundesbürger der Inbegriff von schamloser Profitgier sei, aber dann gleich selbst die Frage beantwortet, was denn die über 200.000 BWL-Studenten alleine in Deutschland am liebsten werden möchten („Na klar: Ackermann wollen die werden!“), so hat zwar auch die vorgenannte ARD-Doku „Ungleichland“ bzw. der darin portraitierte Baulöwe Christoph Gröning im Nachhinein für viel Aufregung und tausende empörte Postings über die vorgebliche Arroganz der Macht gesorgt.

Ich fürchte allerdings, dass die ARD-Reportage weniger den beabsichtigten abschreckenden Effekt gehabt hat, sondern bei vielen Erstsemstrigen eher eine unterschwellige Faszination und den Wunsch, auch so ein toller Hecht bzw. „ein Kerl mit Eiern“ (bild.de) zu werden, geweckt hat.

So wie ich einmal einen Hedgefonds-Manager in einem Interview gehört habe, der auf die Frage, warum er sich denn so einen Beruf ausgesucht habe, antwortet: Das sei ihm spontan eingeschossen, als er als 14jähriger im Hollywoodfilm „Wall Street“ den von Michael Douglas verkörperten Broker Gordon Gekko gesehen habe. Die Reporterin frägt zurück: „Aber Gordon Gecko war doch ein Arschloch!?“ – Antwortet der Hedgefonds-Manager: „Ja, schon, aber trotzdem … äh …“ (die Antwort versiegt, er kann seinen eigenen Motivgrund  nicht erklären).

Bevor wir gleich zu Florian Homm kommen, einem realen ehemaligen Hedgefonds-Manager vom Kaliber eines Gordon Gecko, der nicht nur von seinen Geschäftsfeinden „Antichrist des Kapitalismus“ genannt wird, sondern sich in seiner Autobiographie selbst ein „Arschloch“ und als „psychopathischen Finanzinvestor“ bezeichnet, wollen  wir zunächst noch kurz einige Illusionen beiseite räumen, die möglicherweise beim Gucken der ARD-Reportage „Ungleichland – Wie aus Reichtum Macht wird“ (siehe unten) aufgestiegen sind. Der darin portraitierte Baulöwe, der von sich selbst das Bild einer ständig mit Vollgas fahrenden bzw. fliegenden Leistungsmaschine vermittelt, die kaum Schlaf benötigt und selbst mit 40 Grad Fieber, Bandscheibenvorfällen und nach durchstrittenen Nächte mit seiner Frau morgens unverdrossen zur Arbeit antritt und am Schlachtfeld des freien Marktes seinen Mann steht, mag für viele als das gelten, was man gemeinhin einen richtigen Leistungsträger nennt, wie er im Bilderbuch bzw. im Managermagazin steht.

Pornografischer Baustil

Zweifellos besitzt Gröner Fähigkeiten, die über den Durchschnitt des fernsehenden Spiegelbildbürgers hinausgehen. Würde er diese Fähigkeiten für altruistische, ökologische oder humanistische Aufgaben aufwenden, die in unserer heutigen  – laut Sigmar Gabriel „am Abgrund stehenden“ – Welt dringend notwendig wären, dann könnte der Mann zweifellos viel Gutes bewirken, das weit über das „Gute“, das er bereits jetzt mit seinen Charity-Veranstaltungen tut, hinausginge.

Bei genauem Hinsehen nimmt man hinter der zunächst vital erscheinenden Fassade des Baulöwen, der von einem Termin zum nächsten prescht, allerdings ein ganz anderes Bild wahr. Zwei Jahrzehnte Workaholic-Dasein im knallharten Baubusiness haben unübersehbare Spuren hinterlassen. Gröner weist verhärtete Gesichtszüge auf, wirkt ausgezehrt. Bei aller Souveränität und Macherqualität, die er vermitteln möchte, erscheint er letztlich doch wie ein Gehetzter, der unter Termin- und Kostendruck weitgehend schmucklose Bauobjekte im Tankstellenklo-Kubus-Stil in den Markt pressen muss, die rein nach  Effizienzkriterien errichtet werden, also an dasjenige gekettet sind, was Pythagoras das eherne „Gesetz der Notwendigkeit“ bezeichnet hat – ein unbarmherziges Gesetz, welches im Gegensatz zum „Gesetz der Kraft“ bzw. der Freiheit steht, in dessen Strom sich der Menschen ebenfalls hineinstellen könnte und das den Menschen und sein Lebensumfeld zum Erblühen im eigentlich-humanen Sinne führen würde, während das schnöde Gesetz der Notwendigkeit trotz aller glänzender und vordergründig imposanter Oberfläche zu nichts anderem als zu Auszehrung, Einschnürung und Sinnentleerung und letztlich zu Robotisierung führt.

Obwohl er sich laut eigenem Bekunden „mächtig“ fühlt, hat er eigentlich nur minimalen Handlungsspielraum und ist selbst ein Geknechteter der Effizienz und der unsichtbaren Hand des Marktes. Würde er aufhören, das zu bauen, was die unsichtbare Hand des Marktes fordert (kubische Tristessen für urbane Batteriehühner), dann wäre er schnell weg vom Fenster.

Immerhin verzichtet Gröner laut eigenen Angaben aus ökologischen Gründen auf den Einsatz von Styropor auf den Fassaden. Ein Umstand, der bereits sehr löblich ist, der allerdings noch nichts an der optischen Tristesse der bloß effizienzgetriebenen äußeren Formen ändert. Der französische Stararchitekt Rudy Ricciotti hat auf der Architektur-Leitmesse BAU München bereits letztes Jahr vor einem „pornografischen“ Baustil gewarnt, der die Schönheit verdränge. Ricciotti sehe für die Zukunft der Architektur des Bauens schwarz, wenn wir solch „pornografischen Vorstellungen“ weiter folgten (Quelle: BAUMuenchen/facebook).

So manche Bauträger, die gerade stolz auf ihre Rekordumsätze der letzten Jahre sind, würden augenblicklich erbleichen, wenn sie die Folgewirkungen ihrer pornografischen Bauten auf die Psyche und Gesundheit des Menschen vor Augen geführt bekämen.

Leerverkäufer im Leerlauf

Zurück aber zu Erich Fromms Unterscheidung zwischen Haben und Sein. CG-Chef Gröner wirkt in seinem übermotivierten Unternehmerelan ein bisschen wie der bereits erwähnte Hedgefondsmanager Florian Homm am Höhepunkt seiner Karriere, der seinerzeit ebenfalls ein Milliardenimperium aufgebaut hat und Tag und Nacht damit verbracht hat, Geld zu scheffeln … – bis ihm irgendwann in einem Zustand des Burnout die Sinnlosigkeit seines Treibens vor Augen getreten  ist. Beim legendären US Investmentbanker Peter Lynch in die Schule gegangen, hat es Homm in der Kunst des „Leerverkaufs“ an der Börse zur höchsten Meisterschaft gebracht und ein Vermögen gescheffelt. In der Branche war Homm als „Plattmacher“ bekannt, der sich darauf spezialisiert hatte, Schwachstellen von Unternehmen aufspüren, diese dann medial an die Öffentlichkeit zu spielen, und gleichzeitig auf den  Kursverfall  der ins Visier genommenen Unternehmensaktien zu wetten.

Als Direktor der Julius Bär Bank kam er in den Genuss üp­piger Boni und fühlte sich zunächst als gemachter Mann, der „es geschafft“ hatte: «Ich war der Jüngste im besten Wohnviertel, verdiente das meiste Geld und hatte dazu eine schöne, kosmopolitische Frau und ein schickes neues Auto.» Ansonsten konnte er seinem Umfeld nicht viel abgewinnen. «Private Banking ist der Kern energiearmer, amateurhafter, konsensorientierter Ideenflüsse.» Über die Kollegen in Frankfurt schreibt er: «Sie ­waren Karpfen, die Haie sein wollten.» (Quelle: Handelszeitung).


(Foto: wikimedia/ CC-BY-SA-3.0/Terry Goss)

Florian Homm wollte nicht im Karpfenteich bleiben, sondern hatte Blut geleckt und wollte ins Hedgefondsgeschäft („Wenn Sie wirklich hinter Geld her sind, warum sollten sie etwas anderes werden als HedgefondsManager?“). Die scharf gezahnten Großfische, nach deren Gesellschaft sich der Oberurseler Harvard-Absovent sehnte, fand er schließlich in jenem Land jenseits des Atlantik, in dem auch Angela Merkel stets ihre „verlässlichen Freunde“ verortet. Zur Millenniumswende gründete er in Los Angeles den Hedgefonds Absolute Capital Management (ACM), ganz standesgemäß natürlich mit Sitz auf der Offshore-Steueroase der Kaimaninseln. Mit dieser Cash Cow sollte er in wenigen Jahren auf ein Firmenvolumen von drei Milliarden Dollar anwachsen und sich damit in die Liga der 300 reichsten Deutschen katapultieren.

Nachdem er drei Jahrzehnte lang 90 bis 100 Stunden pro Woche gearbeitet hatte, realisierte er jedoch, dass er bereits mehr als die Hälfte seines Lebens verschwendet und sich für nimmersatte Geldgeschäfte knechten hat lassen, die ihn im Innersten eigentlich „ankotzten“. Im Angesicht dieser Erkenntnis stopfte sich Homm etwas Geld in die Taschen und kehrte seiner gut gehenden Investmentfirma über Nacht den Rücken, um in den Weiten der Welt auf die Suche nach dem echten Leben zu gehen. Fortan war er für mehrere Jahre auf Tauchstation – die meisten seiner verdutzten Angestellten und betuchten Kunden wussten nicht, wohin der Meister verschwunden war. Seine stellvertretenden Geschäftsführer versuchten in den TV-Börsennachrichten stammelnd zu erklären, was passiert war, aber vergeblich – ohne den Mann, der wie der legendäre König Midas alles was er angreift, in Gold verwandelt (sein Motto: „Zuviel ist niemals genug“), brach der Aktienwert seines Firmenimperiums innerhalb weniger Stunden um fast 90 Prozent radikal ein.

In einem Spiegel-Interview erzählt Homm:

„Meine 300 Telefonate am Tag habe ich auf zwei im Monat runtergefahren. Ich habe mich abgeschottet. Der Hauptgrund war eine innere Leere. Ich hatte meine Ehe total verhunzt. Mein Chauffeur hatte einen weitaus besseren Kontakt zu meinen Kindern als ich. Das war ein bisschen armselig. Ich fand mich damals auch nicht mehr besonders sympathisch. Es war höchste Zeit, einen Sinn in meinem Leben zu entdecken. (…) Ich habe gemerkt: Ich brauche keine 1300 Quadratmeter zum Leben. Ich muss keinen Rolls-Royce Corniche fahren und brauche auch keine zwei Jets auf dem Flughafen. Es muss nicht immer bis zum Exzess konsumiert werden. Diese Einsicht kam nicht über Nacht, das war ein langer, schwerer Prozess. (…) Ich wünsche niemandem, einen Monat lang mein Leben zu führen. Dann müsste er sich nämlich freiwillig in der Nervenheilanstalt melden. Ich habe da einen Vorteil: Der Stirnlappen meines Gehirns ist nicht voll ausgeprägt, deshalb ist mein Risikobewusstsein unterentwickelt und auch die Schmerzempfindlichkeit ist relativ niedrig.“

Der Spiegel-Redakteur, der anscheinend keine Ahnung von der etymologischen Bedeutung des Wortes Privatvermögen hat (von lat. privare = berauben, erräubern), stellt dem als „der Plattmacher“ bekannten Homm noch eine naive Frage: Ob ihm seine Skrupellosigkeit geholfen habe, so schnell so reich zu werden. Darauf Homm: „Wie wollen Sie denn bitte von null auf 400 Millionen Euro durchstarten, wenn Sie nur nett Hände schütteln und 0,3 Prozent Fondsgebühren verlangen? Im wirtschaftlichen Umfeld damals gab es Marktlücken wie Neuemissionen, Wagniskapital und auch Leerverkauf. Und da bin ich mit Brachialgewalt reingestoßen.“

Der auf Merkel’sche Alternativloskriterien fokussierte Spiegel-Redakteur frägt weiter: „Werden Sie Ihren hohen Lebensstandard halten können?“ – Homm dazu: „Je mehr Geld Sie haben, desto mehr schotten Sie sich ab. In den vergangenen Jahren habe ich auch andere Seiten kennengelernt. Ich habe in Hotels gewohnt für 13 Dollar pro Nacht, ich war in den Achselhöhlen der Welt. Das hat mich mehr erfüllt als die 2000-Euro-Suite im Ritz. Früher steckte ich in einem endlosen Sandkastenspiel mit den anderen Vollidioten, die Flugzeuge und Boote verglichen haben. Da musste sogar die Klobürste einen Markennamen haben und 300 Euro kosten. Das war peinlich. Es geht auch viel bescheidener, ohne dabei gleich todunglücklich zu werden.“

Der „Big Guy“

Seine damaligen Skrupel bezeichnet Homm als  „total unterentwickelt“. „Skrupel schaden ja auch der Gewinnmaximierung. Beim Versuch, schnell ein Vermögen zu schaffen, habe ich sicherlich viele Menschen verletzt. Meine Kinder hatten keinen Vater – die hatten einen Treuhandfonds.“

In einem Youtube-Interview erzählt seine Tochter, dass sie Ihren Vater immer als dermaßen surreale, vor Reichtum und Macht strotzende Pharaonengestalt erlebt habe, dass sie es vollkommen unpassend gefunden habe, „Papa“ zu ihm zu sagen. Wenn er zwischen seinen Geschäften doch hin und wieder auftauchte, habe sie ihn daher nur als den „Big Guy“ bezeichnet.

Inzwischen bereut Homm, was er seinerzeit als Vater verabsäumt hat: „Ich habe meine Kinder schriftlich um Vergebung gebeten. Und sie haben sehr großzügig reagiert. Ich hatte kürzlich sogar das Privileg, etwas mit ihnen zusammen zu unternehmen. Ich muss dabei natürlich vorsichtig sein, dass ich keine Kollateralschäden anrichte. Eine Kugel, die mich treffen soll, kann ja auch immer mal jemand anderen erwischen.“

Mutation zum merkantilen Arschloch

Angesprochen auf den Stolz, der in seiner Autobiografie mitschwinge, meint der ehemalige Plattmacher: „Der Stolz und das Ego sind meine Todfeinde. Ich bin gut beraten, diese Faktoren zu reduzieren.“

Der „Antichrist des Kapitalismus“ ist mittlerweile bekennender Christ, der durch wohltätiges Engagement wieder gutzumachen versucht, was er in der Welt an Scherbenhaufen zurückgelassen hat. Nachdem ihm  in Caracas bei einem Attentat eine Kugel verpasst wurde, die ihm immer noch im Rückenwirbel steckt und er nur mit Glück einen Gefängnisaufenthalt in Pisa überlebt hat, gibt er sich heute geläutert und als gläubiger Mensch, der dem Mammon widersagt hat (siehe Biografie auf florianhomm.org), muss allerdings ähnlich wie ein trockener Ex-Alkoholiker ständig auf der Hut sein, dass er nicht rückfällig wird. Wenn er nicht täglich in geistig erbaulicher Literatur studiere, dann würde er  heute nach eigenem Bekunden schnell wieder „zum merkantilen Arschloch mutieren“.

Homm im Spiegel-Interview über seine Zeit der Wandlung: „Ich sehe das heute eher so, dass ich viel Zeit verloren habe in meinem Leben. Es gibt viele Dinge im Leben, von denen ich überhaupt keine Ahnung habe: Was ist denn eine Vaterschaft? Was bedeutet das Wort Reue? Das sind Dimensionen des Daseins, mit denen ich mich früher nie beschäftigt habe. Ich musste sogar lernen, wirklich zu lachen, von Herzen – und nicht nur das Gesicht zu einer Grimasse zu verziehen.

Seine Mission sieht er jetzt darin, notleidenden Menschen und Hilfsorganisationen durch sein Managementtalent zu helfen sowie Menschen allgemein davor zu warnen, ihr Leben sinnlos mit Illusionen und fremdgesteuertem Lifestyle zu vergeuden: „Mir ist wichtig, dass die Einnahmen aus dem Buchverkauf der Schule in Liberia helfen. Und ich würde mich freuen, wenn einige Leser, die sechs- und siebenstellig verdienen, sich in dem Buch wiederfänden und sich fragten: Was mach‘ ich hier eigentlich? Brauch‘ ich wirklich noch das fünfte Auto oder den zweiten Jet?“

Nebenher betreibt er einen Youtube-Kanal, in dem er sein Insiderwissen über unser Finanzsystem bzw. dessen bankrottöse Architektur nutzbringend an die Allgemeinheit weitergeben will, „bevor der alte Bock zum Schlachthof geführt wird“.

Jetzt will ich alles!

Welche Wünsche aus den Untiefen des eigenen Inneren aufsteigen, wenn man bereits superreich ist und mehr Güter besitzt, als man auch nur annähernd benützen kann, erzählt Forian Homm ganz frei von der Leber weg: „Irgendwann steigt dann das Gefühl auf: Mmmm, jetzt will ich ALLES!“

Gemäß dem alten Spruch „Hochmut kommt vor dem Fall“, hat Homm heute allerdings – NICHTS mehr. Der einst gefeierte Hedgefonds-Manager, dessen an einer dicken Zigarre saugendes Konterfei zum Ikonenbild für eine ganze Generation an Betriebswirtschaftsstudenten wurde (siehe oben), die ebenfalls an der Börse Kasse machen wollten wie der Meister des „Leerverkaufs“, hat heute sein gesamtes Vermögen eingebüßt. Ein Prozess wegen diverser unsauberer Geschäfte hängt immer noch wie ein Damoklesschwert über ihm. In einem Learjet abheben kann der ehemalige Direktor der Julius Bär Bank nicht mehr – sobald er deutsches Hoheitsgebiet verlässt, droht ein gegen ihn ausgestellter US Haftbefehl schlagend zu werden.

Über den Willen zur Macht, zur Lust und zum Sinn

Homm, dem seit dem Attentat in Caracas immer noch eine Kugel im Rückgrat steckt, hat dennoch seinen inneren Frieden gefunden. Das viele Geld vermisse er überhaupt nicht. Auf Nachfrage des Reporters in der biografischen DW-Reportage „From hell to heaven“, mit welchem Verlust aus seinem alten Leben er sich am schwersten tue, antwortet er: „Nun, ich habe Macht gehabt.“

Diese Antwort darf nicht überraschen. Dass der Mensch bereit ist, für Macht einen besonders hohen Preis zu bezahlen, ist ja spätestens seit Alfred Adlers Individualpsychologie nichts Neues mehr. Zufolge Adlers Theorie des „Willens zur Macht“ hat jeder Mensch aufgrund in seiner Kindheit erlebter Ohnmachtserfahrungen und Demütigungen in sich den kompensatorischen Drang, zu weltlicher Macht zu gelangen, wobei Geld bzw. das Anhäufen möglichst vieler materieller Güter das genuine Mittel zur scheinbaren Erlangung von Macht ist.

Die Adler’sche These vom „Willen zur Macht“ – ebenso wie Sigmund Freuds „Wille zur Lust“ – wurden später von Viktor Frankl als zwar real im Menschen wirksame, aber erratische Antriebe erkannt, die den Menschen zielsicher ins Unglück führen, wenn er sie direkt anstrebt, während er wirkliche Erfüllung nur dann finden könne, wenn er den dritten Weg: den „Willen zum Sinn“ anstrebe (bei welchem Macht und Lust als Nebenprodukte ebenfalls auftreten – auf den richtigen Platz gerückt als verantwortliche Gestaltungskraft und als niveauvolle Sinnesfreude können sie im Leben durchaus etwas Positives darstellen, da dann im persönlichen Handeln nicht nur die eigene Egoität, sondern vor allem Mitmensch und Umwelt intentional einbezogen sind).

Ein potenter Baulöwe wie Gröner oder ein adeliger Vermögensverwalter wie Bechtolsheim zu sein, muss also nicht per se etwas Negatives bedeuten. Es kippt nur dann auf die problematische Seite, wenn eben der Wille zur Macht oder der Wille zur Lust über den Willen zum Sinn zu dominieren beginnt.  Würden sich Gröner oder Bechtolsheim, die nicht nur über Geld und einflussreiche Netzwerke, sondern auch über durchaus bemerkenswerte Fähigkeiten und Intelligenz verfügen,  auf den Frankl‘schen „Willen zum Sinn“,d.h. auf ein weiter gefasstes Ideal besinnen – sie könnten wirkliche Wohltäter der Menschheit werden und viele konstruktive Impulse in die Welt setzen, die diese heute dringend benötigte.

Ebenso wie auch jeder von uns, der weder über einen Learjet noch über ein Aktienportfolio verfügt, ungemein wichtige Impulse in die Welt geben kann. Auch wenn dies manchen wie ein Hohn erscheinen mag, da uns auf allen Kanälen unsere Unbedeutendheit suggeriert wird, aber geradewegs das Gegenteil ist wahr: Es kommt heute auf jeden Einzelnen von uns an, jeder von uns normalbürgerlichen „Ameisen“ ist wichtig und sogar entscheidend für Gesellschaft und Weltgeschehen. Alle kollektiven Systeme, Parteien und Institutionen sind de facto gescheitert, umso mehr ist heute das einzelne Individuum aufgefordert, aus diesem Trümmerhaufen aufzustehen und sich mutig von der herrschenden Meinung zu emanzipieren (die im Sinne von Noam Chomskys ‚manufacturing consent‘ heute höchst professionell „gemacht“ wird). Hat man sich gegenüber der politisch-medialen Manipulationsmaschinerie einmal innerlich emanzipiert, dann wird man merken, wie man auch ganz ohne dickes Aktiendepot ein kreativ-schöpferischer Mensch wird, der selbst in scheinbar ausweglosen und mittellosen Situationen eine nicht unbedeutende Handlungsfähigkeit besitzt. Durch eine bloße Begegnung, bei einem Spaziergang am Gehsteig, in jeder Situation am Arbeitsplatz, bei jedem Gespräch, beim Kaufen oder Verkaufen eines Brötchens, bereits mit jedem Blick wird er etwas vermitteln, das auch bei anderen Menschen etwas Konstruktives, Wahres, Menschliches in Bewegung setzt. Joseph Beuys hat das „Soziale Plastik“ (vom griechischen plastikḗ = Formen) genannt. Seiner festen Überzeugung nach wirkt jemand z.B. einfach durch die Art, WIE er in einer Schlange an der Supermarktkasse oder am Bankomat steht, bereits gesellschaftsverändernd.

Und wie wir in dieser Schlange stehen wollen,  können wir täglich neu entscheiden: Als merkantiles Arschloch … – oder als Mensch.

An dieser Entscheidung, die eine höchstpersönlich-individuelle ist und rein gar nichts mit kollektiven Wahlergebnissen oder dgl. zu tun hat, werden sich in Zukunft die Geister scheiden.

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